{"id":11608,"date":"2014-09-19T22:55:00","date_gmt":"2014-09-19T20:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/niedersachsen-verfassungsschutz-mit-40-prozent-fehlerquote-und-vorschlaege-zur-reform\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:48","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:48","slug":"niedersachsen-verfassungsschutz-mit-40-prozent-fehlerquote-und-vorschlaege-zur-reform","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/205\/publikation\/niedersachsen-verfassungsschutz-mit-40-prozent-fehlerquote-und-vorschlaege-zur-reform\/","title":{"rendered":"Niedersachsen: Verfassungsschutz mit 40 Prozent Fehlerquote und Vorschl\u00e4ge zur Reform"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 205 (Heft 1\/2014), S. 54-57<\/p>\n<p>Das nieders&auml;chsische Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz steht derzeit massiv unter Druck: Im vergangenen Jahr war dessen Leiterin bei Stichproben auf mehrere rechtswidrige Datenspeicherungen in ihrer Beh&ouml;rde gesto&szlig;en. Bekannt geworden war u.a. der Fall einer Journalistin, die aufgrund ihrer Recherchen in der rechtsextremistischen Szene selbst zum &Uuml;berwachungsobjekt wurde (s. vorg&auml;nge Nr.&nbsp; 204, S.&nbsp; 84f.). Innenminister Pistorius hatte daraufhin eine Task Force eingerichtet, die s&auml;mtliche personenbezogenen Datensammlungen der Beh&ouml;rde &uuml;berpr&uuml;fen sollte. Diese legte am 13. Mai 2014 die Ergebnisse ihrer Pr&uuml;fung vor:(1) Insgesamt wurden 9.004 Personendatens&auml;tze beim Landesamt kontrolliert. Davon waren 1.937 Datens&auml;tze (reichlich 20 Prozent) sofort zu l&ouml;schen, weil sie entweder rechtswidrig erhoben worden waren oder weil ihre gesetzlich zul&auml;ssige Speicherfrist bereits &uuml;berschritten war. Weitere 1.564 Datens&auml;tze waren ebenfalls zu l&ouml;schen, da sie nicht l&auml;nger f&uuml;r die Aufgabenerf&uuml;llung des Landesamtes erforderlich waren.<\/p>\n<p>Insgesamt stellten sich also rund 40 Prozent der &uuml;berpr&uuml;ften Personendaten als rechtswidrig bzw. &uuml;berfl&uuml;ssig heraus. Bei den rechtswidrig erhobenen Daten handelte es sich beispielsweise um Minderj&auml;hrige, deren gewaltfreie, politische Protesthaltung ihnen zum Verh&auml;ngnis wurde; um friedliche, politische Aktivisten (z.B. Castor-Gegner), die vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wurden; oder um Personen, die rein zuf&auml;llig mit anderen verd&auml;chtigen Personen in Kontakt standen.<\/p>\n<p>Wenige Tage zuvor hatte bereits eine Arbeitsgruppe zur Reform des nieders&auml;chsischen Verfassungsschutzes ihre Handlungsempfehlungen vorgestellt.(2) Deren Einsetzung geht auf eine im Koalitionsvertrag vereinbarte Reform der Beh&ouml;rde zur&uuml;ck. Die Arbeitsgruppe sollte &#8211; ausgehend von den Fehlleistungen der Sicherheitsbeh&ouml;rden im Zusammenhang mit der NSU-Mordserie, aber auch von der rechtswidrigen Speicherpraxis des Landesamtes &#8211; strukturelle Vorschl&auml;ge zur Reform des Verfassungsschutzes erarbeiten. Der vom Innenminister eingesetzten AG geh&ouml;rten Prof. Dr. Hartmut Aden, Dr. Eva H&ouml;gl, Ulrike Schlingmann-Wendenburg sowie Silke Stokar von Neuforn an.<\/p>\n<p>In ihren Handlungsempfehlungen schl&auml;gt die AG neben einer Organisations- und Personalentwicklung vor, die Ziele und gesetzlichen Aufgaben des Landesamtes pr&auml;ziser und (nach ihrer Auffassung) enger zu fassen, die Voraussetzungen f&uuml;r und den Einsatz von geheimdienstlichen Methoden genauer zu bestimmen, die interne und externe Kontrolle des Geheimdienstes auszubauen sowie Betroffene durch strengere Datenschutzvorschriften besser zu sch&uuml;tzen.<\/p>\n<p>Die zentrale Aufgabe des Verfassungsschutzes wird als Fr&uuml;hwarn- und Informationssystem gesehen. Dabei sollen nicht nur Gef&auml;hrdungen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung sowie der Sicherheit und Unversehrtheit der Bev&ouml;lkerung abgewehrt werden, auch die grundgesetzlich konkretisierten Menschenrechte werden im Reformvorschlag in die Liste der Schutzziele aufgenommen &#8211; was den Arbeitsauftrag der Beh&ouml;rde unter Umst&auml;nden erweitern w&uuml;rde. Zudem soll der Verfassungsschutz nicht nur Informationen f&uuml;r Ma&szlig;nahmen der Gefahrenabwehr, sondern auch zur Strafverfolgung zur Verf&uuml;gung stellen (s. &sect;&nbsp; 1 S.&nbsp; 1 NVerfSchG-E). Die geheimdienstliche Beobachtung von Gruppen und Personen sei dabei auf verfassungsfeindliche Bestrebungen &#8222;von erheblicher Bedeutung&#8220; zu beschr&auml;nken: &#8222;Erheblich sind insbesondere solche Bestrebungen, die geeignet sind, den &ouml;ffentlichen Frieden zu gef&auml;hrden oder ein Klima der Einsch&uuml;chterung und Intoleranz zu erzeugen sowie das Leben, die k&ouml;rperliche Unversehrtheit oder die Freiheit anderer Menschen oder die Funktionsf&auml;higkeit wichtiger &ouml;ffentlicher Infrastruktur zu beeintr&auml;chtigen.&#8220; (&sect;&nbsp;2 Abs.&nbsp;2 S. 2 NVerfSchG-E) Zweifel hegt die AG an der Zust&auml;ndigkeit des Landesamtes f&uuml;r die Spionageabwehr; hier sei eventuell eine Beschr&auml;nkung auf die Beratung betroffener Firmen und Beh&ouml;rden sinnvoll.<\/p>\n<p>Der Einsatz geheimdienstlicher Mittel solle durch allgemeine Subsidiarit&auml;tsvorgaben (verdeckte Ermittlungen nur, wenn andere Mittel nicht anwendbar), durch einen umfassenden Kernbereichsschutz (keine Ausforschung der Intimsph&auml;re) sowie durch die Beachtung des Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;igkeitsgrundsatzes begrenzt werden. Zudem sollte im Gesetz klargestellt werden, dass &#8222;die Zielsetzung und die Aktivit&auml;ten von beobachteten Personenzusammenschl&uuml;ssen und Einzelpersonen vom Verfassungsschutz weder unmittelbar noch mittelbar steuernd beeinflusst oder bestimmt werden&#8220; (S. 17).<\/p>\n<p>Bei den geheimdienstlichen Ermittlungsbefugnissen schl&auml;gt die AG vor, auf den Einsatz verdeckt ermittelnder Beamt_innen sowie auf den Lauschangriff (akustische Wohnraum&uuml;berwachung) zu verzichten &#8211; beides sei f&uuml;r die Arbeit des Landesamtes praktisch kaum relevant. Auch den Einsatz l&auml;ngerfristige Observationen sah die Kommission kritisch: diese Ma&szlig;nahmen beanspruchten im Vergleich zu anderen Ermittlungsmethoden einen sehr hohen Personal- und Sachaufwand, weshalb ihre Effizienz durch eine Organisationsuntersuchung &uuml;berpr&uuml;ft werden solle. (S.&nbsp;21)<\/p>\n<p>Den Einsatz von V-Leuten sieht die Kommission dagegen als alternativlos an. Die Arbeit der V-Leute soll jedoch gesetzlich geregelt und von der Zustimmung der G10-Kommission abh&auml;ngig gemacht werden. Mit Hilfe gesetzlicher Vorgaben soll die Auswahl geeigneter Personen verbessert und deren Arbeit enger kontrolliert werden: bei der Gewinnung neuer V-Leute sei darauf zu achten, keine Ausstiegswilligen anzuwerben; die Gr&uuml;nde f&uuml;r die Auswahl sind zu dokumentieren, die Anwerbephase auf sechs Monate befristet. Aktiven V-Leuten m&uuml;ssten regelm&auml;&szlig;ig Ausstiegsangebote unterbreitet werden. Abgeordnete von Bundestag und L&auml;nderparlamenten sowie deren Mitarbeiter_innen werden grunds&auml;tzlich von der verdeckten Arbeit f&uuml;r den Verfassungsschutz ausgeschlossen. Bei der Bezahlung von V-Leuten soll darauf geachtet werden, dass die Spitzelhonorare nicht zu deren Haupteinnahmequelle werden. Der anhaltende Einsatz von V-Leuten muss einmal j&auml;hrlich gegen&uuml;ber der Amtsleitung begr&uuml;ndet und mindestens aller drei Jahre von der G10-Kommission best&auml;tigt werden. <br \/>Die Rechtsbindung f&uuml;r die Arbeit der V-Leute soll analog dem im letzten Jahr ge&auml;nderten &sect; 7 Abs. 3 NRW-Verfassungsschutzgesetz gest&auml;rkt werden. F&uuml;r V-Leute w&auml;ren dann allein die Mitgliedschaft und die Beteiligung an strafbaren Vereinigungen (&sect;&nbsp;129 a\/b StGB) als strafbare Handlungen zul&auml;ssig, aber keine weiterf&uuml;hrenden, szenetypischen Straftaten. Begehen V-Leute Straftaten von erheblicher Bedeutung oder Gewaltdelikte, so sei die Zusammenarbeit mit ihnen unverz&uuml;glich zu beenden. Zudem will die Kommission explizit im Gesetz bekr&auml;ftigen, dass V-Leute nicht von der Strafverfolgung f&uuml;r andere Vergehen ausgenommen sind.<\/p>\n<p>Zur St&auml;rkung der parlamentarischen Kontrolle schl&auml;gt die AG vor, den zust&auml;ndigen Ausschuss f&uuml;r Verfassungsschutzfragen des Landtags mit einem eigenen Arbeitsstab der Landtagsverwaltung auszustatten, zudem soll der Ausschuss externe Ermittler_innen bzw. Sachverst&auml;ndige beauftragen k&ouml;nnen. Alle Mitarbeiter_innen des Landesamtes sollen das Recht erhalten, sich unmittelbar an die Mitglieder des Ausschusses zu wenden.<\/p>\n<p>Weiterhin schl&auml;gt die Kommission eine Ausweitung der sog. in-camera-Verfahren nach &sect;&nbsp; 99 Verwaltungsgerichtsordnung vor. In derartigen Verfahren wird &uuml;berpr&uuml;ft, ob die Geheimhaltung von Akten des Verfassungsschutzes rechtm&auml;&szlig;ig ist oder diese in einem Gerichtsverfahren vorzulegen sind. Sofern die Geheimhaltung der Akten im in-camera-Verfahren best&auml;tigt wird (sie also keinem normalen Gericht zug&auml;nglich sind), ist ein weitergehender Rechtsschutz ausgeschlossen. Die Reform-AG schl&auml;gt dagegen vor, auch die Frage der Rechtm&auml;&szlig;igkeit gespeicherter Daten im in-camera-Verfahren pr&uuml;fen zu lassen. Dazu bed&uuml;rfte es einer &Auml;nderung der Verwaltungsgerichtsordnung, sprich einer Initiative des Bundesrates oder des Bundesgesetzgebers.<\/p>\n<p>Mehrere Muslimische Verb&auml;nde kritisierten das von der AG vorgestellte Reformkonzept als unvollst&auml;ndig. In einer gemeinsamen Erkl&auml;rung forderten die nieders&auml;chsischen Landesverb&auml;nde der T&uuml;rkische Gemeinde, der T&uuml;rkisch Islamischen Union sowie der Muslime in Niedersachsen (Schura), st&auml;rker gegen die oft einseitige, durch rassistische Vorurteile gepr&auml;gte Ermittlungspraxis der Verfassungssch&uuml;tzer vorzugehen.(3) Diese Einseitigkeit hatte sich nicht nur bei den jahrelangen Fehlermittlungen der NSU-Mordserie gezeigt. Vielmehr enthielt auch der o.g. Bericht zur rechtswidrigen Datenspeicherung beim nieders&auml;chsischen Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz Beispiele einer pauschalen Verd&auml;chtigung von Migranten bzw. Muslimen, wenn etwa pauschal alle Besucher von Freitagsgebeten in bestimmten Moscheen erfasst wurden. Um derartige Borniertheiten zu &uuml;berwinden, reiche ein bisschen mehr interkulturelle Kompetenz bei den Besch&auml;ftigten allein nicht aus.<\/p>\n<p>Der nieders&auml;chsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) begr&uuml;&szlig;te dagegen die von der AG erarbeiteten Vorschl&auml;ge als &#8222;wertvolles Fundament&#8220; f&uuml;r die geplante Reform des Landesverfassungsschutzgesetzes und k&uuml;ndigte f&uuml;r Herbst 2014 einen entsprechenden Gesetzentwurf an. Anliegen der Reform seien &#8222;mehr Transparenz und Kontrolle einerseits und Konzentration auf die Kernaufgaben andererseits&#8220;.(4)<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>(1) Task Force Verfassungsschutz: Abschlussbericht, Hannover 13.5.2014, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.mi.niedersachsen.de\/download\/87237\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.mi.niedersachsen.de\/download\/87237<\/a>.<\/p>\n<p>(2) Arbeitsgruppe zur Reform des nieders&auml;chsischen Verfassungsschutzes: Handlungsempfehlungen zur Reform des nieders&auml;chsischen Verfassungsschutzes, Hannover 16.4.2014, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.mi.niedersachsen.de\/download\/86620\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.mi.niedersachsen.de\/download\/86620<\/a>.<\/p>\n<p>(3) S. &#8222;Neustart oder Ref&ouml;rmchen? Migranten bem&auml;ngeln NSU Abschlussbericht&#8220; unter <a href=\"http:\/\/www.migazin.de\/2014\/05\/02\/migranten-bemaengeln-nsu-abschlussbericht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.migazin.de\/2014\/05\/02\/migranten-bemaengeln-nsu-abschlussbericht\/<\/a>.<\/p>\n<p>(4) Boris Pistorius: Neuausrichtung des Verfassungsschutzes &#8211; Vertrauen zur&uuml;ckgewinnen. Regierungserkl&auml;rung des Minister f&uuml;r Inneres und Sport vom 14.5.2014, Plenarprotokoll 17\/34 des Nieders&auml;chsischen Landtags, S.&nbsp;3083.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[768,667],"autoren":[139],"publikationen":[1083],"class_list":["post-11608","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-geheimdienste-lfv","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sven-lueders","publikationen-1083"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Niedersachsen: Verfassungsschutz mit 40 Prozent Fehlerquote und Vorschl\u00e4ge zur Reform - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/205\/publikation\/niedersachsen-verfassungsschutz-mit-40-prozent-fehlerquote-und-vorschlaege-zur-reform\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Niedersachsen: Verfassungsschutz mit 40 Prozent Fehlerquote und Vorschl\u00e4ge zur Reform - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 205 (Heft 1\/2014), S. 54-57 Das nieders&auml;chsische Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz steht derzeit massiv unter Druck: Im vergangenen Jahr war dessen Leiterin bei Stichproben auf mehrere rechtswidrige Datenspeicherungen in ihrer Beh&ouml;rde gesto&szlig;en. 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