{"id":11662,"date":"2013-12-01T08:00:00","date_gmt":"2013-12-01T07:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-fehler-liegt-im-system\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:41","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:41","slug":"der-fehler-liegt-im-system","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/203-vorgaenge\/publikation\/der-fehler-liegt-im-system\/","title":{"rendered":"Der Fehler liegt im System"},"content":{"rendered":"<p>Nebenklagevertreter_innen im NSU-Verfahren kritisieren Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Bundestages als inkonsequent<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 203 (3-2013), S. 131-133<\/p>\n<p><i>Kurz vor Ende der Legislaturperiode, am 22. August 2013, legte der Bundestags-Untersuchungsausschuss zum NSU seinen vorl&auml;ufigen Abschlussbericht vor. Auf 1.357 Seiten werden die Verbrechen des NSU, der Gang der Ermittlungen und die zahllosen Pannen minuti&ouml;s dokumentiert. Der Ausschuss und sein Bericht markieren eine Premiere: Erstmals wurde ein Untersuchungsausschuss nicht nur einstimmig von allen Abgeordneten eingesetzt, auch der Abschlussbericht wurde von allen Ausschussmitgliedern einstimmig verabschiedet. Der parlamentarische Konsens m&uuml;ndet in 47 gemeinsamen Empfehlungen, wie die Arbeit von Polizei, Justiz, Verfassungsschutz und anderen Sicherheitsbeh&ouml;rden verbessert werden m&uuml;sse, um eine vergleichbare Blindheit gegen&uuml;ber einer rassistischen Mordserie zu verhindern.<\/i><\/p>\n<p><i>Die Ergebnisse des parlamentarischen Untersuchungsausschusses wurden nach ihrer Pr&auml;sentation von verschiedenen Seiten kritisiert. Wir dokumentieren hier stellvertretend eine Stellungnahme von Vertreter_innen der Nebenklage im NSU-Mordprozess am OLG M&uuml;nchen.<\/i><\/p>\n<p>&#8222;Sie d&uuml;rfen nicht den Fehler machen, die Dinge aus heutiger Sicht zu beurteilen. Damals hatten wir keine Hinweise auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund&#8220;, erkl&auml;rt der pensionierte Kriminaloberrat Wilfling am 11. Juli 2013 bei seiner Aussage im Prozess gegen Beate Zsch&auml;pe u.a. vor dem Oberlandesgericht M&uuml;nchen. &#8222;Jetzt tun Sie mal nicht so, als w&uuml;rde es keine t&uuml;rkische Drogenmafia geben&#8220;.<\/p>\n<p>Wilfling ist als M&uuml;nchener Mordermittler langj&auml;hrig erfahren. Er hat B&uuml;cher &uuml;ber seine Arbeit ver&ouml;ffentlicht und w&uuml;rde sich nie als Rassist sehen. Und doch verdeutlicht seine Aussage das Problem: Das katastrophale Versagen der Ermittlungsbeh&ouml;rden bei der Aufkl&auml;rung der Verbrechen des NSU ist keine Summe der Fehler von Einzelnen. Der Fehler liegt im System. Vorurteile werden nicht hinterfragt. &#8222;Ausl&auml;nder&#8220; m&uuml;ssen von &#8222;Ausl&auml;ndern&#8220; ermordet worden sein. Hintergr&uuml;nde sind selbstverst&auml;ndlich im Bereich Organisierter Kriminalit&auml;t zu suchen.<\/p>\n<p>Mangelndes Engagement kann man den Ermittlungsbeh&ouml;rden dabei freilich nicht vorwerfen. Hunderte Zeuginnen und Zeugen wurden selbst in der T&uuml;rkei verh&ouml;rt, Drogenhunde eingesetzt, fingierte D&ouml;nerbuden er&ouml;ffnet, verdeckte Ermittler als Journalisten eingesetzt, Steuerbanderolen auf Zigarettenschachteln &uuml;berpr&uuml;ft; selbst ein Wahrsager wurde befragt. &Uuml;ber elf Jahre fahndeten hunderte Ermittler in die falsche Richtung. Alle Zeugen, alle Analysen, alle Beweismittel, die auf rassistisch motivierte Anschl&auml;ge hindeuteten, wurden konsequent ignoriert.<\/p>\n<p>Heute wird dazu der Bericht des Untersuchungsausschusses des Bundestages ver&ouml;ffentlicht. Genau das entscheidende Problem wird darin in der gemeinsamen Wertung nicht benannt: institutioneller Rassismus.<\/p>\n<p>Unabh&auml;ngig von der pers&ouml;nlichen Einstellung und den Absichten der Beamten, folgen die Ermittlungsbeh&ouml;rden einer inneren Logik, Normen und Werten, deren rassistische Konsequenzen sich unter anderem in den Ermittlungen zur Mord- und Anschlagsserie des NSU wiederfinden.<\/p>\n<p>Hochgelobt f&uuml;r das partei&uuml;bergreifende Engagement der Obleute, schafft es (nun) zu Zeiten des Wahlkampfs gerade der Untersuchungsausschuss nicht, das Problem so zu bezeichnen, wie es sich uns pr&auml;sentiert. Wir sind Rechtsanw&auml;ltInnen und NebenklagevertreterInnen im so genannten NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht M&uuml;nchen. Wir haben die Akten gelesen. Wir haben Zeuginnen und Zeugen geh&ouml;rt. Wir haben aber vor allen Dingen von unseren Mandantinnen und Mandanten erfahren, wie sie nach den Taten jahrelang selbst im Fokus der Ermittlungen stehen mussten.<\/p>\n<p>Das hei&szlig;t:<\/p>\n<ol>\n<li>Hinterbliebene und Verletzte fordern die Anerkennung auch in der Politik, dass das systematische Versagen der Ermittlungsbeh&ouml;rden auf institutionellem Rassismus beruht. Das Problem muss klar benannt werden. Alles andere w&auml;re Augenwischerei. Morde h&auml;tten verhindert werden k&ouml;nnen. <\/li>\n<li>Wir fordern eine Neueinsetzung des Untersuchungsausschusses in der n&auml;chsten Legislaturperiode. Eine l&uuml;ckenlose Aufkl&auml;rung der Taten des NSU und der m&ouml;glichen Verwicklungen der Ermittlungsbeh&ouml;rden und des Verfassungsschutzes ist lange nicht abgeschlossen. <\/li>\n<li>Bei jedem Gewaltverbrechen muss in Zukunft fr&uuml;hzeitig und nachvollziehbar in den Akten vermerkt und begr&uuml;ndet werden, wenn die Ermittlungsbeh&ouml;rden der Auffassung sind, dass eine rassistisch oder neonazistisch motivierte Tat ausgeschlossen werden kann. <\/li>\n<li>Wir fordern eine Ausbildung und stetige Qualifikation aller Polizeibeamten, die institutionellem wie individuellem Rassismus entgegenwirkt. Zudem m&uuml;ssen gut ausgebildete und szenekundige Abteilungen bei den Landespolizeien neu aufgebaut und neu besetzt werden, die sich spezifisch mit rechter Gewalt besch&auml;ftigen und allgemeine Abteilungen f&uuml;r &#8222;Staatsschutzdelikte&#8220; ersetzen. Diese Ermittlungsgruppen m&uuml;ssen zuk&uuml;nftig immer dann zwingend an den Ermittlungen beteiligt werden, wenn ein rechter Hintergrund nicht ausgeschlossen werden kann. <\/li>\n<li>Bei den Staatsanwaltschaften m&uuml;ssen Abteilungen gebildet werden, die f&uuml;r rechte Gewalttaten gesondert zust&auml;ndig und ausgebildet sind. Abteilungen, die allgemein f&uuml;r &#8222;politisch motivierte&#8220; Taten oder gar zus&auml;tzlich f&uuml;r Delikte von und gegen Polizeibeamte zust&auml;ndig sind, gen&uuml;gen daf&uuml;r keinesfalls. <\/li>\n<li>Es muss verst&auml;rkt darauf hingewirkt werden, dass BeamtInnen mit Migrationshintergrund auch in F&uuml;hrungspositionen geworben werden. Weil dies bislang offensichtlich nicht gelungen ist, sollte zur Umsetzung zun&auml;chst eine verbindliche Quote festgesetzt werden. Rassistischen Tendenzen innerhalb der Ermittlungsbeh&ouml;rden muss konsequent &#8211; auch disziplinarisch &#8211; entgegengewirkt werden.<\/li>\n<li>Das V-Mann-System der Verfassungsschutzbeh&ouml;rden hat versagt und geh&ouml;rt aufgel&ouml;st. Es f&ouml;rdert rechtsradikale Entwicklungen mehr, als dass es sie verhindert. Der Verfassungsschutz hat gerade im Hinblick auf den NSU bewiesen, dass enorme Ressourcen in V-Leute gesteckt wurden, die nur bekannte, zu wenige oder gar bewusste Falschinformation geliefert haben. Das Geld der V-Leute ist teilweise in den Aufbau von Neonazi-Strukturen geflossen. Ein Verbotsverfahren hinsichtlich der NPD scheiterte auch an der weitgehenden Integration von V-Leuten in der Partei bis in die F&uuml;hrungsspitze. Es bleibt grunds&auml;tzlich zu diskutieren, inwieweit die notwendige Aufkl&auml;rung &uuml;ber neonazistische Aktivit&auml;ten ausschlie&szlig;lich die Polizeibeh&ouml;rden besorgen k&ouml;nnen.<\/li>\n<li>Opfer rechter Gewalt seit 1990 sind l&uuml;ckenlos entsprechend der Liste der Amadeu Antonio Stiftung, der &#8222;Zeit&#8220; und des &#8222;Tagesspiegels&#8220; als solche anzuerkennen.<\/li>\n<li>Die Beratungsstellen f&uuml;r Opfer rechter Gewalt m&uuml;ssen erhalten, fl&auml;chendeckend ausgebaut und gef&ouml;rdert werden.<\/li>\n<li>Es sind auf Landes- und Bundesebene Kontrollgremien einzuf&uuml;hren, die als unabh&auml;ngige Ansprechpartner f&uuml;r Betroffene von institutionellem oder pers&ouml;nlichem Rassismus durch die Ermittlungsbeh&ouml;rden oder f&uuml;r &#8222;Whistleblower&#8220; in solchen F&auml;llen zur Verf&uuml;gung stehen. Diese sollten mit effektiven Kontrollbefugnissen ausgestattet und durch das Parlament eingesetzt werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p><i>Die Rechtsanw&auml;ltinnen und Rechtsanw&auml;lte Antonia von der Behrens, Dr. Mehmet Daimag&uuml;ler, Dr. Bj&ouml;rn Elberling, Berthold Fresenius, Alexander Hoffmann, Carsten Ilius, Detlef Kolloge, Stephan Kuhn, Angelika Lex, Stephan Lucas, Og&uuml;n Parlayan, Jens Rabe, Eberhard Reinecke, Aziz Sariyar, Sebastian Scharmer, Reinhard Sch&ouml;n und Peer Stolle.<\/i><\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Der Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses ist erschienen als: <br \/>Beschlussempfehlung und Bericht des 2. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes des 17. Deutschen Bundestages, BT-Drs. 17\/14600 v. 22.8.2013, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse17\/ua\/2untersuchungsausschus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bundestag.de\/bundestag\/ausschuesse17\/ua\/2untersuchungsausschus<\/a> s\/Vorl __ufer_Bericht\/Vorl__ufiger_Bericht.pdf.<\/p>\n<p>Das Deutsche Institut f&uuml;r Menschenrechte hat am 20.8.2013 ein Hintergrundpapier zum NSU-Abschlussbericht vorgelegt, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.institut-fuer-menschenrechte.de<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[677,710,667],"autoren":[359],"publikationen":[1440],"class_list":["post-11662","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-rassismus","tag-rechtsextremismus","tag-vorgaenge-artikel","autoren-gemeinsame-erklaerung-der-rechtsanwaelte","publikationen-203-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Fehler liegt im System - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/203-vorgaenge\/publikation\/der-fehler-liegt-im-system\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Fehler liegt im System - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Nebenklagevertreter_innen im NSU-Verfahren kritisieren Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Bundestages als inkonsequent aus: vorg&auml;nge Nr. 203 (3-2013), S. 131-133 Kurz vor Ende der Legislaturperiode, am 22. 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