{"id":11672,"date":"2013-07-24T23:55:00","date_gmt":"2013-07-24T21:55:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-17\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:37","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:37","slug":"editorial-17","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/201-202\/publikation\/editorial-17\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 201\/202 (1\/2-2013), S. 2-3<\/p>\n<p>Seit drei Monaten stehen Beate Zsch&auml;pe und mit ihr mehrere mutma&szlig;liche Unterst&uuml;tzer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in M&uuml;nchen vor Gericht. Mit den Mitteln des Rechtsstaates soll dort gekl&auml;rt werden, wer f&uuml;r diese rassistische Mordserie verantwortlich war, die sich jahrelang unter den Augen der Sicherheitsbeh&ouml;rden abspielte. Als der Zusammenhang vor zwei Jahren hergestellt war, da hielten viele Beobachter f&uuml;r einen Moment die Luft an: Wie dicht waren die Sicherheitsbeh&ouml;rden dran, als sich drei einschl&auml;gig bekannte Neonazis zu radikalisieren begannen, mit Waffen versorgten, und schlie&szlig;lich untertauchten? Waren V-Leute im Umfeld des Trios im Einsatz? Wie und warum hatte der Verfassungsschutz in die Bem&uuml;hungen der Strafverfolger interveniert? Worin besteht der Aufkl&auml;rungsgewinn des Verfassungsschutzes, wenn er Derartiges zul&auml;sst?<\/p>\n<p>Mit diesen Fragen haben sich mittlerweile vier Untersuchungsaussch&uuml;sse in Bund und L&auml;ndern besch&auml;ftigt. Ihre Bem&uuml;hungen um Aufkl&auml;rung sind noch nicht abgeschlossen, doch schon jetzt wird eine Vielzahl falsch oder gar nicht ausgewerteter Informationen, eklatanter Fehleinsch&auml;tzungen und gezielter Verharmlosungen deutlich. Der unprofessionelle Umgang mit Informationen rei&szlig;t nicht ab &#8211; und selbst bei der Aufarbeitung ihrer Archive versagen die Verfassungssch&uuml;tzer immer wieder. Doch die Aufarbeitung des NSU-Skandals hakt auch auf anderen Ebenen: bei den politisch Verantwortlichen und in den Parlamenten. Grund genug f&uuml;r die <b>vor<\/b><i>g&auml;nge<\/i>, sich noch einmal grunds&auml;tzlich mit dem Verfassungsschutz (VS) zu befassen.<\/p>\n<p>Dessen problematischen Seiten zeigen sich nicht nur dort, wo er im Verborgenen t&auml;tig wird &#8211; sondern auch in aller &Ouml;ffentlichkeit, wenn er mit seinen &#8222;Erkenntnissen&#8220; Politik macht. Welche Rolle die Verfassungsschutzberichte dabei spielen, analysierte bereits 1982 <b>J&uuml;rgen Seifert <\/b>in den <b>vor<\/b><i>g&auml;ngen<\/i>. Wir drucken seine damalige Untersuchung erneut ab. Wie aktuell die Kritik am &ouml;ffentlichen Wirken des VS ist, zeigt auch <b>Melanie Pohner<\/b>, die sich kritisch mit der zunehmenden &#8222;Bildungsarbeit&#8220; der Verfassungssch&uuml;tzer besch&auml;ftigt.<\/p>\n<p>Die sicherheitspolitischen Reaktionen auf den NSU-Skandal fasst <b>Eric T&ouml;pfer <\/b>zusammen. Er listet auf, was die Innenminister in den letzten beiden Jahren an Ma&szlig;nahmen und Reformen beschlossen, ja gr&ouml;&szlig;tenteils schon umgesetzt haben: neue Einrichtungen zum informellen Austausch; Verpflichtungen zur engeren Kooperation; noch mehr Datensammlungen und eine st&auml;rkere Zentralisierung. Das voraussichtliche Ergebnis &#8211; eine St&auml;rkung des Bundesamtes f&uuml;r Verfassungsschutz &#8211; wirkt nicht nur paradox, sondern einmal mehr als vor allem von den Sicherheitsbeh&ouml;rden selbst vorangetriebene Entwicklung. Von politischem Steuerungs- und Gestaltungswillen keine Spur. Das wird umso deutlicher, wenn man die <b>Reformvorschl&auml;ge der Parteien <\/b>daneben h&auml;lt. Wir haben Vertreter aller Bundestagsfraktionen zu ihren Reformvorstellungen befragt. Ihre Antworten sind ab Seite 12 nachzulesen. W&auml;hrend Gr&uuml;ne und Linke derzeit &uuml;ber Alternativen zum Verfassungsschutz nachdenken, sind CDU\/CSU und SPD erkennbar darum bem&uuml;ht, keine weiteren Reformerwartungen aufkommen zu lassen.<\/p>\n<p>&Uuml;ber dem &#8222;Betriebsunfall&#8220; NSU sollten die grunds&auml;tzlichen Probleme des Verfassungsschutzes nicht in Vergessenheit geraten. Daran erinnert ein gemeinsames <b>Memorandum zur Abschaffung des Verfassungsschutzes<\/b>, das Vertreter von B&uuml;rgerrechtsorganisationen erarbeitet haben. Wir drucken Ausz&uuml;ge aus dem Text, der die zentrale Aufgabe des Verfassungsschutzes &#8211; als Fr&uuml;hwarnsystem vor gef&auml;hrlichen Aktivit&auml;ten &#8211; kritisch hinterfragt. Ist solch ein Fr&uuml;hwarnsystem &uuml;berhaupt w&uuml;nschenswert f&uuml;r eine Demokratie? Welche Gefahren lauern in der geheimdienstlichen Beobachtung der gewissen &#8222;Bestrebungen&#8220;, die der Verfassungsschutz im Blick haben soll. Und was ist mit den anderen Aufgaben, die der VS noch erf&uuml;llen soll? Die Autoren befassen sich mit den Schwierigkeiten einer Kontrolle des Verfassungsschutzes, aber auch mit den permanenten Rechtsbr&uuml;chen, Skandalen und Verfehlungen, die die Geschichte des Dienstes durchziehen. Ihre Antwort ist eindeutig: der VS geh&ouml;rt abgeschafft, und zwar ersatzlos. Wie das auf Landesebene vollzogen werden k&ouml;nnte, und welche rechtlichen Fallstricke dabei zu beachten sind, zeigt <b>Sven L&uuml;ders <\/b>am Beispiel eines Gesetzentwurfs der hessischen Linken.<\/p>\n<p>Dass die Kritiker an den Geheimdiensten nicht nur aus der Zivilgesellschaft, quasi von Au&szlig;en kommen, hat der fr&uuml;here Leiter des Bundesamtes f&uuml;r Verfassungsschutz, <b>Hansj&ouml;rg Geiger<\/b>, bereits vor Jahren deutlich gemacht. Im Gespr&auml;ch erl&auml;utert er, warum er von der Notwendigkeit eines geheimdienstlichen Verfassungsschutzes nach wie vor &uuml;berzeugt ist &#8211; und dennoch kein Weg an grundlegenden Reformen vorbei f&uuml;hrt. Ganz andere Erfahrungen machte dagegen <b>Klaus Hahnzog <\/b>mit dem Verfassungsschutz. Er engagierte sich in einem B&uuml;ndnis gegen ein restriktives Versammlungsgesetz &#8211; und wurde dort von einem V-Mann des bayerischen Landesamtes bespitzelt; im Auftrag jenes Ministeriums, gegen dessen Gesetz er klagen wollte. Er fordert, die V-Leute abzuschalten.<\/p>\n<p>Mit einem weiteren zentralen Instrument der Geheimdienstarbeit setzt sich schlie&szlig;lich <b>Rosemarie Will <\/b>auseinander: Sie kommentiert die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur sogenannten Anti-Terror-Datei. Jene steht f&uuml;r die uferlose Speicherung von allem und jedem, aber auch f&uuml;r den zunehmenden Informationsaustausch zwischen Geheimdiensten und Polizei. In ihrem Kommentar vermisst Will eine klare Position der Karlsruher Richter zur Ausgestaltung des sogenannten Trennungsgebots im Informationszeitalter.<\/p>\n<p>Wir hoffen, dass neben den genannten Beitr&auml;gen zum Schwerpunkt auch die anderen Themen im Heft Ihr Interesse finden. Wir w&uuml;nschen Ihnen jedenfalls interessante Einblicke und eine anregende Lekt&uuml;re mit den neuen <b>vor<\/b><i>g&auml;ngen<\/i>.<\/p>\n<p><a href=\"mailto:vorg%E4nge%40humanistische-union.de\">Claudia Krieg &amp; Sven L&uuml;ders<\/a><br \/>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[570,139],"publikationen":[1435],"class_list":["post-11672","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-claudia-krieg","autoren-sven-lueders","publikationen-201-202"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/201-202\/publikation\/editorial-17\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge Nr. 201\/202 (1\/2-2013), S. 2-3 Seit drei Monaten stehen Beate Zsch&auml;pe und mit ihr mehrere mutma&szlig;liche Unterst&uuml;tzer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in M&uuml;nchen vor Gericht. 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