{"id":11722,"date":"2012-06-01T23:59:00","date_gmt":"2012-06-01T21:59:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-36\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:19","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:19","slug":"editorial-36","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/2-2012\/publikation\/editorial-36\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg&auml;nge Heft 2\/2012, S.1-3<\/p>\n<p>Weshalb erinnern? Diese Frage mutet zun&auml;chst seltsam an, in einem Staat, dem das negative Ged&auml;chtnis konstitutiver Bestandteil des Selbstverst&auml;ndnisses ist, der wegen der gelungenen Bew&auml;ltigung der Vergangenheit zweier Diktaturen in anderen L&auml;ndern als &#8222;Modell Deutschland&#8220; gepriesen wird. Doch hat sich das Erinnern mit der wachsenden zeitlichen Distanz gewandelt, T&auml;ter und &uuml;berlebende Opfer wie auch Zeitzeugen sind inzwischen verstorben. Damit &auml;ndern sich auch die Bedingungen einer historischen Reflexion, die auf eine humane Gestaltung der Gesellschaft zielt. Wurde anf&auml;nglich, nach der Katastrophe des Dritten Reiches, die Forderung, aus der Geschichte zu lernen, noch als Anleitung zu einer gesellschaftsver&auml;ndernden Praxis verstanden, so reduzierte sich diese Praxis im Laufe der Zeit auf &#8222;die Unternehmung, bei der&#8220;, wie Timothy Garton Ash einmal angemerkte, &#8222;die Deutschen wahrhaftig Weltmeister sind, die kulturelle Reproduktion der Terrorvarianten ihres Landes. Keine Nation ist brillanter, beharrlicher und erfinderischer im Erforschen, Kommunizieren und Repr&auml;sentieren ( &#8230; ) ihrer eigenen vergangenen Verbrechen.&#8220; Diese Gr&uuml;ndlichkeit, die der britische Historiker ironisierte, findet in der Intensit&auml;t, mit der sich ab 1989 den Auswirkungen der kommunistischen Diktatur in der DDR gewidmet wurde, eine Fortsetzung. Damit l&auml;uft Erinnerung Gefahr, zu einer Pathosformel des per se Guten zu gerinnen, der eine routinierte und in der Regel staatlich gef&ouml;rderte Praxis der Geschichtsbearbeitung folgt &#8211; deren gesellschaftspr&auml;gende Kraft allerdings nur noch selten auf dem Pr&uuml;fstand steht. Wir wollen mit dieser Ausgabe der <i>vorg&auml;nge<\/i> zu einer kritischen Pr&uuml;fung des allzu Gewohnten anregen.<\/p>\n<p>F&uuml;r <i>Martin Sabrow <\/i>ist Erinnern zu einer &#8222;Pathosformel&#8220; geworden, in der die urspr&uuml;nglich individualpsychologische Kategorie zu einer Praxis gesellschaftlicher Selbstverst&auml;ndigung geweitet wurde. Paradigmatisch daf&uuml;r steht der Zeitzeuge, dessen Konjunktur das Ende einer weltanschaulich gef&auml;rbten Vergangenheitsbetrachtung einl&auml;utete, wie sie noch die Anklagehaltung der Studentenbewegung pr&auml;gte. Mit diesem Wandel ging eine Viktimisierung der Vergangenheit einher, in die in den letzten Jahren auch die T&auml;ter einbezogen wurden.<\/p>\n<p>F&uuml;r <i>Ulrike Jureit<\/i> wird mit zunehmender zeitlicher Distanz das Erinnern an nicht selbst Erlebtes zu einem identit&auml;tsstiftenden Selbstvergewisserungsprozess, bei dem der Selbstbezug lediglich simuliert wird. Das erm&ouml;glicht eine interessengeleitete Inanspruchnahme von Vergangenheit, die sich, bezogen auf die NS-Zeit, bei den nachwachsenden Generationen in der &Uuml;bernahme der Opferperspektive ausdr&uuml;ckte. Doch auch diese Perspektive erf&auml;hrt mittlerweile; auch aufgrund der kulturellen Diversifizierung der Gesellschaft, eine Historisierung.<\/p>\n<p><i>Aleida Assmann<\/i> verteidigt das &#8222;deutsche Modell&#8220; eines identit&auml;tsstiftenden kollektiven Ged&auml;chtnisses an die Verbrechen der NS-Zeit gegen Kritiker, die, wie Jan Philip Reemstma, die M&ouml;glichkeit eines kollektiven Erinnerns und dessen positive Konnotation in Abrede stellen, oder, wie Ulrike Jureit, darin eine erinnerungspolitische Hegemonie der 68er Generation erblicken, der mit zeitlichem Abstand und angesichts einer sich ethnisch diversifizierenden Gesellschaft zunehmend der soziale Boden entzogen wird. Das negative Ged&auml;chtnis, eine Politik der Reue, sei nicht nur zum transnationalen Gemeingut geworden, sondern diene auch als Bezugspunkt gelingender Integration.<\/p>\n<p><i>Birgit Schwelling <\/i>h&auml;lt die dichotome Gegen&uuml;berstellung der Politik des Schlussstrichs auf der einen und der Politik der Aufarbeitung auf der anderen Seite f&uuml;r unproduktiv, weil die Praxis des Umgangs mit belasteter Vergangenheit zeigt, dass sie stets beides enth&auml;lt. Der Umgang mit Menschenrechts- und Regimeverbrechen sollte sich weniger von vermeintlich universalen und allgemeing&uuml;ltigen Antworten leiten lassen, sondern die jeweiligen Kontextbedingungen st&auml;rker in Rechnung zu stellen.<\/p>\n<p><i>Micha Brumlik <\/i>buchstabiert eine zeitgem&auml;&szlig;e Fassung von Adornos &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; als eine P&auml;dagogik der Anerkennung, welche in der Akzeptanz der Integrit&auml;t des Anderen die Entfaltung von Selbstgef&uuml;hl, Selbstrespekt und Selbstachtung erm&ouml;glicht und somit gleicherma&szlig;en die Grundlage f&uuml;r Verfassungspatriotismus und Weltb&uuml;rgertum bietet.<\/p>\n<p><i>Matthias Proske<\/i> r&auml;umt mit der Erwartung auf, dass &#8222;Aus der Geschichte lernen&#8220; bedeute, dass Schule eine moralische Haltung vermittele. Unterricht &uuml;ber den NS und den Holocaust k&ouml;nne Wissen &uuml;ber den historischen Kontext, der moralisch verwerfliche Haltungen hervorgebracht hat, verbreiten und damit bei Sch&uuml;lern eine &#8222;Awareness&#8220; wecken f&uuml;r die Bedeutung der NS-Gewaltverbrechen f&uuml;r die heutige politische Kultur.<\/p>\n<p><i>Mark Arenh&ouml;vel<\/i> erkennt in den symbolisch inszenierten, gewaltfrei und friedlich ausgetragenen Debatten, Kontroversen und Streits &uuml;ber die Vergangenheit einen Modus, in dem demokratische Gesellschaften einen Entwurf ihrer selbst hervorbringen. Nicht die Kanonisierung eines Geschichtsbilds sei das Ziel, sondern die Auseinandersetzung dar&uuml;ber, wie eine Gesellschaft leben will, wie sie sich selbst sieht und auf welche Traditionen sie sich beruft und welche sie zur&uuml;ckweist.<\/p>\n<p><i>Carola Rudnick <\/i>zeichnet am Beispiel der Haftanstalt Bautzen die spezifische Widerspr&uuml;chlichkeit der Aufarbeitung des DDR-Unrechtes nach. Sie war getragen von Opfer-initiativen und entsprechend stark gepr&auml;gt von einem Opferblick, der nicht immer im Einklang mit den historischen Erkenntnissen stand. Damit korrelierte eine starke (tages-) politische Aufladung der Erinnerung, die jedoch in einem nahezu umgekehrten Verh&auml;ltnis zur faktischen F&ouml;rderung stand.<\/p>\n<p><i>Marcel Siepmann<\/i> kritisiert das Konzept des geplanten Hauses der Europ&auml;ischen Geschichte wegen seiner Zentrierung auf die Europ&auml;ische Union und pl&auml;diert f&uuml;r eine Weiterung zu den Bruchlinien, die sich mit Nine-Eleven, der Globalisierung und dem Klimawandel er&ouml;ffnet haben.<\/p>\n<p><i>Hannes Jaacks<\/i> kritisiert, dass die in den letzten Jahrzehnten zu beobachtende Intensivierung der Vergangenheitsdiskurse nicht zwingend zu mehr Aufkl&auml;rung f&uuml;hrt, sondern auch verschiedene Abwehrvarianten beg&uuml;nstigt Als eine der markanteren macht er einen sekund&auml;ren Antisemitismus aus, der dem Wunsch nach Verdr&auml;ngung der begangenen Verbrechen entspringt. Dieser Haltung setzt er ein annehmendes Erinnern entgegen, das eine ungebrochene Identifikation mit der deutschen Nation verunm&ouml;glicht.<\/p>\n<p><i>Jan Kuhlmann<\/i> analysiert in seinem Essay die elektronische Gesundheitskarte als eine Technologie, deren Einf&uuml;hrung von massiven Interessen beschleunigt und zu einer rationalisierten und &ouml;konomisierten Form der Gesundheitsversorgung f&uuml;hren wird.<\/p>\n<p><i>Benjamin Immanuel Hoff<\/i> betrachtet die Spaltung der Partei &#8222;Die Linke&#8220; auch als ein Resultat entt&auml;uschter Erwartungen der PDS-Reformer, durch die Fusion mit der westdeutschen Gewerkschaftslinken gemeinsam einen pragmatischen Regierungskurs steuern zu k&ouml;nnen. Nun stehen sich Ost und West innerhalb der Linken eher unvers&ouml;hnlich gegen&uuml;ber.<\/p>\n<p>Ich w&uuml;nsche Ihnen zu dieser Ausgabe der vorg&auml;nge eine anregende Lekt&uuml;re.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n<p>Vorschau auf Heft 199 (3\/2012): Michael Th. Greven<\/p>\n<p>Michael Th. Greven, der sich jahrzehntelang in der Redaktion der <i>vorg&auml;nge<\/i> engagiert hat, ist Anfang Juli unerwartet gestorben. Seine wissenschaftliche Arbeit und sein politisches Handeln kreisten um die M&ouml;glichkeit der Gesellschaft, auf demokratische Weise auf sich selbst einzuwirken. Ihm zum Gedenken wird sich diese Ausgabe der vorg&auml;nge seinen Reflexionen widmen.<\/p>\n<p>Ab der Ausgabe 3\/2012 werden die <i>vor<\/i><i>g&auml;nge<\/i> im Eigenverlag der Humanistischen Union erscheinen. An den Preisen und Lieferbedingungen wird sich dadurch nichts &auml;ndern. Bestellungen sind ab dann an die neue Adresse zu richten.<\/p>\n<p>Heftbestellungen an: Humanistische Union Stichwort: vorg&auml;nge, Haus der Demokratie, Greifswalder Stra&szlig;e 4, 10405 Berlin<\/p>\n<p>Tel.: 030\/20450256, Fax: 030\/20450257, E-Mail:<\/p>\n<p><a href=\"mailto:service%40humanistische-union.de\">service@humanistische-union.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[],"publikationen":[1431],"class_list":["post-11722","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","publikationen-2-2012"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/2-2012\/publikation\/editorial-36\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg&auml;nge Heft 2\/2012, S.1-3 Weshalb erinnern? 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