{"id":11726,"date":"2012-06-01T23:30:00","date_gmt":"2012-06-01T21:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/bildung-nach-auschwitz-im-zeitalter-der-globalisierung\/"},"modified":"2021-08-24T21:55:30","modified_gmt":"2021-08-24T19:55:30","slug":"bildung-nach-auschwitz-im-zeitalter-der-globalisierung","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/2-2012-vorgaenge\/publikation\/bildung-nach-auschwitz-im-zeitalter-der-globalisierung\/","title":{"rendered":"Bildung nach Auschwitz im Zeitalter der Globalisierung"},"content":{"rendered":"<p>aus Vorg\u00e4nge Heft 2\/2012, S.41-50<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1-historische-bildung-im-zeitalter-der-globalisierung\">1. Historische Bildung im Zeitalter der Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>Vor bald f\u00fcnfzig Jahren, in den 1960er Jahren, hat Theodor W. Adorno mit seiner Forderung nach einer &#8222;Erziehung zur M\u00fcndigkeit&#8220; als einer &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; (1) die Stichworte f\u00fcr eine Bildung der j\u00fcngeren Generation in historischer und moralischer Verantwortung geliefert. Erstes und einziges Ziel einer solchen Erziehung sei, dass Auschwitz sich nicht wiederhole. Derzeit -f\u00fcnfzig Jahre nach dieser Forderung und siebzig Jahre nach den mit dem polnischen Ortsnamen verkn\u00fcpften deutschen Verbrechen &#8211; ist diese Forderung revisions &#8211; und erweiterungsbed\u00fcrftig &#8211; gerade um ihres urspr\u00fcnglichen Kerns willen.(2)<\/p>\n<p>Der \u00f6konomisch und technisch unabweisbare, politisch allenfalls in Ans\u00e4tzen gestaltete Prozess der Globalisierung hat &#8211; nicht zuletzt kraft der Medien &#8211; ein auch den Subjekten zug\u00e4ngliches Wissen von der Einheit des Menschengeschlechts geschaffen, das welthistorisch seinesgleichen sucht. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass eine angemessene Bildung heute nur noch als weltb\u00fcrgerliche Bildung, die sich zumal in Form einer Menschenrechtsp\u00e4dagogik \u00e4u\u00dfert, sinnvoll ist; eine weltb\u00fcrgerliche Bildung, deren motivationale und kognitive Wurzel die Einsicht in die W\u00fcrde und somit in das Leiden der Fernsten ist; eine Einsicht, die besonderer Kraft bedarf, da sie ihren Blick auf die Fernsten und Fremdesten werfen muss &#8211; also auf jene, die kaum in den Blick des nat\u00fcrlichen, verwandtschaftsbezogenen Altruismus kommen.<\/p>\n<p>Derlei Haltungen im Sinne des Respekts vor dem Fremden und der Fernstenliebe k\u00f6nnen als Voraussetzungen f\u00fcr die allm\u00e4hliche Institutionalisierung einer &#8222;Demokratie im Zeitalter der Globalisierung&#8220; (3) gelten. Menschenrechtliche Bildung angesichts der Verletzung menschlichen Lebens und menschlicher W\u00fcrde w\u00e4re demnach eine &#8211; freilich wesentliche &#8211; Voraussetzung zur Herstellung internationaler Rechtsverh\u00e4ltnisse. Freilich brechen sich derlei Vors\u00e4tze immer wieder an dem Umstand, dass die kollektive Erinnerung einer Gesellschaft &#8211; ebenso wie ihre \u00d6konomie und ihr politisches System &#8211; noch immer und wohl noch auf lange Zeit mindestens auch nationalstaatlich verfasst sind.<\/p>\n<p>Deutschland mit der Hypothek der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen singul\u00e4ren Verbrechen steht so vor einer doppelten Herausforderung: seine eigene neuere Geschichte im Zeitalter des widerspr\u00fcchlichen, konflikthaften Zusammenwachsen Europas sowie &#8211; im Zeitalter der Globalisierung &#8211; weltgeschichtlich neu zu schreiben und an k\u00fcnftige Staatsb\u00fcrger*innen weiterzugeben.<\/p>\n<p>Auf europ\u00e4ischer Ebene ist genau dazu vor mehr als zehn Jahren ein entsprechender Versuch unternommen worden. Zur Jahreswende 2000\/2001 versammelten sich in Stockholm auf Einladung des schwedischen Staates Vertreter von vierzig Staaten, um \u00fcber humane Werte im globalen Zeitalter vor dem Hintergrund eines wieder erstarkten Rassismus zu diskutieren und dabei die allf\u00e4lligen Lehren aus dem &#8222;Holocaust&#8220;, d. h aus der industriellen Massenvernichtung der europ\u00e4ischen Juden durch das nationalsozialistische Regime zu ziehen. Die ma\u00dfgeblich von dem israelischen Historiker Jehuda Bauer verfasste Abschlusserkl\u00e4rung des &#8222;Stockholm International Forum on the Holocaust&#8220; vom Jahresende 2000 stellt fest: &#8222;Da die Menschheit immer noch an den Wunden des V\u00f6lkermordes, der ethnischen S\u00e4uberung, des Rassismus und des Fremdenhasses leidet, teilt die internationale Gemeinschaft die schwerwiegende Verantwortung, das B\u00f6se zu bek\u00e4mpfen &#8230;. Wir sind &#8211; so schlie\u00dft dieses Dokument &#8211; verpflichtet, uns der Opfer, die umgekommen sind, zu erinnern, die \u00dcberlebenden, die noch unter uns weilen, zu respektieren und das der Menschheit gemeinsame Streben nach gegenseitigem Verst\u00e4ndnis und Gerechtigkeit zu betonen.&#8220;(4)<\/p>\n<p>Mit dieser Erkl\u00e4rung hat sich seinerzeit eine Reihe von Staatschefs nicht nur der EU dazu verpflichtet, in ihren L\u00e4ndern p\u00e4dagogische Bem\u00fchungen mit dem Ziel in Gang zu bringen, Fremdenhass, Rassismus und Antisemitismus einzud\u00e4mmen. Die massenhafte Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland soll so einem zukunftsgerichteten Zweck dienen. Damit wird die kollektive und individuelle Erinnerung an ein ebenso herausragendes wie grauenhaftes zeitgeschichtliches Ereignis zum Mittel, einer friedlicheren, gerechteren und demokratischen Welt den Weg zu bereiten.<\/p>\n<p>Freilich ist nicht davon auszugehen, dass die Kenntnis dieses Verbrechens unter den jeweiligen Bev\u00f6lkerungen \u00fcber undeutliche, ungenaue Fragmente hinausgeht &#8211; wie \u00fcberhaupt historisches Wissen weder bei Erwachsenen noch gar bei Kindern und Jugendlichen vorausgesetzt werden kann. Damit kommt der P\u00e4dagogik eine besondere Rolle f\u00fcr die Vergegenw\u00e4rtigung von Geschichte zu. Dass die hehren Ziele der &#8222;Erkl\u00e4rung von Stockholm&#8220; sich gleichwohl nicht erfolgreich haben umsetzen lassen, belegen zwei Ereignisse, die derzeit, zehn Jahre nach der Erkl\u00e4rung von Stockholm die deutsche \u00d6ffentlichkeit umtreiben: Zwei Ereignisse, ein eher unauff\u00e4llig akademisches und ein un\u00fcbersehbar politisch feuilletonistisches haben in den letzten Wochen und Monaten die Frage nach der Zukunft der Erinnerung in Deutschland wieder zum Thema werden lassen: hier die Forschungen von Klaus Schr\u00f6der aus dem Forschungsverbund \u00fcber die zeithistorischen Kenntnisse deutscher Sch\u00fcler (&#8222;Bildungsinl\u00e4nder&#8220; mit und ohne &#8222;Migrationshintergrund&#8220;(5) dort die Debatte \u00fcber G\u00fcnter Grass&#8216; Gedicht &#8222;Was gesagt werden muss&#8220;. In diesem Gedicht hat Grass insbesondere mit der Annahme, dass ein israelischer Pr\u00e4ventivschlag gegen iranische Nuklearanlagen &#8222;das &#8230; iranische Volk ausl\u00f6schen k\u00f6nnte&#8220; gezeigt, welche Irrwege eine projektive historische Erinnerung gehen kann.<\/p>\n<p>Beides, sowohl Klaus Schr\u00f6ders Forschungsergebnisse als auch die Debatte um das Gedicht von G\u00fcnter Grass beleuchten dasselbe Problem, allerdings von entgegengesetzten Seiten. W\u00e4hrend die Forschungsergebnisse Schr\u00f6ders belegen, dass Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ganz unterschiedlicher Herkunft, Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die um 1998 geboren wurden, extrem l\u00fcckenhafte, ja grotesk falsche Vorstellungen von der Geschichte Deutschlands im Zwanzigsten Jahrhundert aufweisen, (6) zeugt das &#8222;Gedicht&#8220; des siebzig Jahre zuvor geborenen G\u00fcnter Grass davon, dass ein Teil jener, die, die alte Bundesrepublik Deutschland intellektuell gepr\u00e4gt haben, diese Geschichte verkannt haben und heute auf h\u00f6chst eigenwillige Weise aktualisieren.<\/p>\n<p>Wissen und Kenntnisse der k\u00fcnftigen Staatsb\u00fcrger zumal im Bereich von Politik und Geschichte aber werden wesentlichen Einfluss auf die Zukunft Deutschlands, Europas und &#8211; ja &#8211; der globalisierten Welt nehmen. Infrage steht also, mit welchem historischen Wissen und mit welchen sozio-moralischen Einstellungen die k\u00fcnftigen B\u00fcrger*innen Deutschlands Teil einer im Entstehen begriffenen europ\u00e4ischen B\u00fcrger*innenschaft bzw. einer sich allm\u00e4hlich herausbildenden kosmopolitischen Bewusstseinslage werden, einer Bewusstseinslage, die jedenfalls grunds\u00e4tzlich an den politisch durch den Haager Gerichtshof, die Menschenrechtskonventionen der UN sowie die mindestens als Formel bekannte &#8222;Responsibility to protect&#8220; mindestens in Ans\u00e4tzen anschlie\u00dfen k\u00f6nnen. Damit ist die Frage einer politischen Bildung in Deutschland, in Europa, aber eben auch im Zeitalter der Globalisierung mit Bezug auf die ganze Welt angesprochen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-drei-diskurse\">II. Drei Diskurse<\/span><\/h2>\n<p>Politische Bildung wird sich dabei immer auch an den politischen Diskursen, wie sie national und international gef\u00fchrt werden, zu orientieren haben. Es waren vor allem drei Diskurse, die eine Debatte \u00fcber die angemessene Erinnerung in Deutschland, Europa und f\u00fcr die globalisierte Welt bestimmt haben:<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens die Debatte \u00fcber die Deutschen als Opfer, wie sie vor\u00a0allem &#8211; aber keineswegs ausschlie\u00dflich &#8211; an der Frage einer Gedenkst\u00e4tte f\u00fcr die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus den Ostgebieten Vertriebenen gef\u00fchrt wurde. <\/li>\n<li>Zweitens die damit eng verbundene Frage nach den &#8222;zwei deutschen Diktaturen&#8220;, hinter der sich letztlich die Frage nach der Angemessenheit der Totalitarismustheorie zur Analyse und zum Verstehen des Schicksals der V\u00f6lker und Staaten Europas &#8211; von Spanien bis an den Ural, zwischen 1917 und 1989 verbirgt. <\/li>\n<li>Drittens die nun in der Tat neue und globalisierungstheoretische sowie postkolonial inspirierte Auseinandersetzung \u00fcber den deutschen Imperialismus als Brutst\u00e4tte des Nationalsozialismus und seiner weltgeschichtlich singul\u00e4ren Mordtaten, zumal der Ermordung von sechs Millionen europ\u00e4ischer Juden. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese drei Diskurse seien zun\u00e4chst kurz skizziert und kritisch beleuchtet; im Anschluss sollen Grundlinien einer zeitgem\u00e4\u00dfen politischen Bildung mindestens angedeutet werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii1-deutsche-opfer\">II.1. Deutsche Opfer<\/span><\/h2>\n<p>Das von Erika Steinbach, der Pr\u00e4sidentin des Bundes der Vertriebenen und ihren Mitstreitern betriebene Projekt eines &#8222;Zentrums gegen Vertreibungen&#8220; scheint auf der Stelle zu treten und wird jenseits des Bundes der Vertriebenen auch von niemandem mehr gewollt: weder von den Kirchen noch von den au\u00dfenpolitischen Eliten des Landes. Das liegt keineswegs am Thema selbst, sondern an der weltanschaulichen Unbelehrbarkeit, mit der dieses Projekt vorangetrieben wird. Leicht k\u00f6nnte man sich darauf verst\u00e4ndigen, dass nach dem &#8222;Jahrhundert der Extreme&#8220; (E. Hobsbawm) die traurige, umfassende Bilanz dieses Zeitalters gezogen wird. Dass dabei die Vertreibungsverbrechen, die seit dem Genozid der Jungt\u00fcrken an den Armeniern \u00fcber die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten 1944\/45 bis hin zu den &#8222;ethnischen S\u00e4uberungen&#8220; im zerfallenden Jugoslawien dokumentiert werden sollten, ist ebenso unstrittig wie die Tatsache, dass auch die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges einen Anspruch auf respektvolles Gedenken haben. Dem dient die seinerzeit von Ignatz Bubis mit eingeweihte, zentrale Gedenkst\u00e4tte &#8222;Neue Wache&#8220; unter den Linden in Berlin.<\/p>\n<p>Was das Projekt dieses Zentrums in seiner gegenw\u00e4rtigen Konzeption so prek\u00e4r macht, ist seine Kontinuit\u00e4t zur Politik des Bundes der Vertriebenen seit den f\u00fcnfziger Jahren, mit der, der BdV trotz einer oberfl\u00e4chlichen menschenrechtlichen Modernisierung nie grunds\u00e4tzlich gebrochen hat. Die von den Funktion\u00e4ren der Heimatvertriebenen und mit ihnen sympathisierenden Politikern immer wieder ob ihrer Vers\u00f6hnlichkeit gepriesene Charta stellt in Wahrheit eine Ungeheuerlichkeit dar, den Inbegriff all dessen, was jemals als &#8222;Unf\u00e4higkeit zu trauern&#8220; gelten konnte. Schon das zentrale Bekenntnis &#8222;Wir verzichten auf Rache und Vergeltung&#8220; entpuppt sich bei genauer Lekt\u00fcre als ein Satz, der dem Geist der beschworenen christlichen Kultur widerspricht: Kann es ein nat\u00fcrliches Recht auf Rache geben? Wird nicht im vermeintlich gro\u00dfz\u00fcgigen Verzicht ein grunds\u00e4tzlicher Anspruch auf Rache und Vergeltung geradezu beglaubigt? Zudem zeugte es sogar 1950 von Geschichtsblindheit, die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges nicht einmal erw\u00e4hnt zu haben &#8211; eine Blindheit, die freilich Methode hat: waren es doch weder die in der &#8222;Charta&#8220; so beliebten &#8222;V\u00f6lker&#8220; noch deren Regimes oder Regierungen, die letztlich f\u00fcr das Schicksal der deutschen Fl\u00fcchtlinge und Heimatvertriebenen verantwortlich waren. Kein Deutscher w\u00e4re aus dem B\u00f6hmerwald verjagt, keine Familie h\u00e4tte Ostpreu\u00dfen verlassen m\u00fcssen, h\u00e4tte das nationalsozialistische Deutschland nicht die Tschechoslowakei, Polen oder die Sowjetunion \u00fcberfallen. Freilich stellen die Verzichtsfloskeln am Ende der Charta allenfalls Petitessen gegen ihre abschlie\u00dfenden S\u00e4tze dar: &#8222;Die V\u00f6lker der Welt sollen&#8220; so hei\u00dft es dort &#8222;ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.&#8220; Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine Ungeheuerlichkeit ganz zu erfassen. Wird doch damit allen Ernstes behauptet, dass unter allen Opfern der Zeit des Zweiten Weltkrieges die Heimatvertriebenen am schwersten betroffen waren: also noch nicht einmal die Gestorbenen und \u00dcberlebenden des Bombenkrieges der deutschen St\u00e4dte, nicht die Hunderttausenden deutscher Kriegswaisen und -witwen, nicht die drangsalierten und millionenfach umgebrachten Polen oder Russen, schon gar nicht die sechs Millionen ermordeter Juden, deren Schicksal 1950 &#8211; nach den N\u00fcrnberger Prozessen &#8211; durchaus bekannt war. Das im Rahmen der aktuellen Gedenkpolitik wieder heftig debattierte Thema einer Konkurrenz der Opfer hat hier und nirgendwo anders seinen Ausgangspunkt. Hatte die Charta der Heimatvertriebenen urspr\u00fcnglich die Unterscheidung von Opfern des Holocaust, der Ermordung von Sinti und Roma sowie von Millionen von polnischen und Sowjetb\u00fcrgern gel\u00f6scht, so unterscheiden sich die Pl\u00e4ne des &#8222;Zentrums&#8220; nur darin, dass jetzt die Einzigartigkeit des Holocaust zwar verbal beglaubigt wird, das &#8222;Zentrum&#8220; jedoch mit der Wahl seines historischen Beispielfalles, des mit Vertreibungen einsetzenden jungt\u00fcrkischen Genozids an den Armeniern, suggeriert, auch die Deutschen seien Opfer eines Genozids geworden. Indem das &#8222;Zentrum&#8220; \u00fcber seinen &#8222;Franz Werfel Menschenrechtspreis&#8220; bewusst eine Parallele zwischen dem jungt\u00fcrkischen Genozid und der Vertreibung der Deutschen nahe legt, wiederholt es auf eine sehr viel moderatere, der allgemeinen menschenrechtlichen Sensibilisierung oberfl\u00e4chlich entsprechenden Weise die Politik des Bundes der Vertriebenen aus den F\u00fcnfziger Jahren. Die etwa zwei Millionen Deutsche, mehrheitlich Alte, Frauen und Kinder, die als unmittelbare Folge von Flucht und Vertreibung ihr Leben lassen mussten, haben einen Anspruch auf Gedenken und damit auf eine zeitgeschichtliche Bildung, die auf die verheerende Wirkung des Nationalsozialismus auch f\u00fcr die deutsche Bev\u00f6lkerung hinweist. Diesen Anspruch durchkreuzt, wer &#8211; wie die Initiatoren des Zentrums &#8211; am Ziel einer nationalen, das Gedenken an die ermordeten Juden imitierenden Gedenkeinrichtung festh\u00e4lt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii2-totalitarismus-zwei-deutsche-diktaturen\">II.2. Totali&shy;ta&shy;rismus &ndash; &bdquo;Zwei deutsche Diktaturen&ldquo;<\/span><\/h2>\n<p>Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck, seinerzeit Mitglied der Demokratiebewegung der DDR, st\u00fctzt sich in vielen seiner Einlassungen auf die so genannte Totalitarismustheorie, hat daher immer wieder einen &#8222;antitotalit\u00e4ren Konsens&#8220; gefordert und deshalb im Jahre 2008 die neunzehn Punkte umfassende, von vielen vor allem mitteleurop\u00e4ischen Politikern und Intellektuellen getragene &#8222;Prager Erkl\u00e4rung&#8220; unterschrieben. Die &#8222;Prague Declaration on European Conscience and Communism&#8220;, unterschrieben von unbestreitbaren Demokraten wie Vaclav Havel, aber leider auch von z. T. rechtsradikalen Politikern aus dem Baltikum, zielte in ihrem ersten Artikel auf die Einsicht, dass beide, der Nationalsozialismus und verschiedene kommunistische Regime mit ihren m\u00f6rderischen Kriegen und Ausrottungsma\u00dfnahmen sowie ihrer Verletzung von B\u00fcrger- und Menschenrechten das Hauptungl\u00fcck des Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen seien. In Punkt 19 fordert die Erkl\u00e4rung ein gemeinsames \u00f6ffentliches Gedenken an den Fall der Berliner Mauer, das Massaker auf dem Tianmen Platz sowie an nicht n\u00e4her bezeichnete Mordtaten in Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p>Die Problematik dieser gut gemeinten Erkl\u00e4rung liegt keinesfalls in der unbezweifelbar m\u00f6rderischen Verfasstheit von Nationalsozialismus und Stalinismus, die nach Timothy Snyders sorgf\u00e4ltig recherchierter Studie &#8222;Bloodlands&#8220;(7) sowie J\u00f6rg Baberowskis gar nicht totalitarismustheoretisch angelegten Studie \u00fcber Stalin und den Stalinismus(8) gar nicht mehr zu bestreiten ist, sondern in der ungenauen Fassung des Begriffs &#8222;Kommunismus&#8220;, der s\u00e4mtliche Regine des Ostblocks vor 1989 umfasst und sie damit alle zu F\u00e4llen von Totalitarismus erkl\u00e4rt. So im Falle der DDR zehn Jahre zuvor Joachim Gauck in einem Essay im &#8222;Schwarzbuch des Kommunismus&#8220;, in dem er schrieb: &#8222;Zwar erlebten wir in den letzten Jahren vor 1989 einen Kommunismus in der DDR, der nicht mehr mordete und folterte. Dankbare Zeitgenossen haben deshalb allerlei euphemistische Bezeichnungen f\u00fcr die \u00c4ra ersonnen. Eine n\u00fcchterne Betrachtung der politischen Verh\u00e4ltnisse wird dennoch zu einem Urteil gelangen, das diesen Kommunismus als ebenso totalit\u00e4r einstuft wie den Nationalsozialismus.&#8220;(9)<\/p>\n<p>Hannah Arendt, die &#8211; wenn \u00fcberhaupt jemand &#8211; als wesentliche Denkerin &#8222;Totaler Herrschaft&#8220; gelten kann, lag alles an theoretisch belehrter Urteilskraft; eben diese Urteilskraft aber wird durch pers\u00f6nliche Betroffenheit verst\u00e4ndlicherweise beeintr\u00e4chtigt, so auch in Gaucks Einsch\u00e4tzung der letzten Jahre der DDR. Denn was die Beurteilung der Sowjetunion und ihrer Satelliten, damit auch der DDR, nach Stalins Tod betraf, war Arendt deutlich anderer Meinung als die Autoren der &#8222;Prager Erkl\u00e4rung&#8220;. Dazu ist ein l\u00e4ngeres Zitat unerl\u00e4sslich. In ihrem 1986 erschienen Vorwort zur dritten Abteilung ihres Buches, es erschien auf Deutsch erstmals schon 1966, hei\u00dft es unmissverst\u00e4ndlich: &#8222;Ich erw\u00e4hnte bereits den Abbau totaler Herrschaft, der nach Stalins Tod einsetzte &#8230;. Dass man die Sowjetunion im strengen Sinn des Wortes nicht mehr totalit\u00e4r nennen kann, zeigt nat\u00fcrlich am deutlichsten das erstaunliche und \u00fcppige Wiederaufbl\u00fchen der K\u00fcnste in den letzten zehn Jahren.&#8220; Freilich wird Arendt in ihrer unbestechlichen Genauigkeit noch deutlicher und ihr damaliges Urteil sollte ein Warnzeichen gegen jede undifferenzierte Verwendung des Begriffs der &#8222;Totalen Herrschaft&#8220; sein, vor allem aber gegen die ungenaue Gleichsetzung des despotischen Polizei- und Sozialstaats DDR mit dem Stalinismus. M\u00fcsse man doch &#8211; so Arendt im Blick auf die UdSSR &#8211; feststellen, &#8222;dass die totale Herrschaft, die furchtbarste aller modernen Regierungsformen &#8230; mit dem Tode Stalins in Russland nicht weniger ihr Ende gefunden hat als in Deutschland mit dem Tode Hitlers.&#8220;(lo)<\/p>\n<p>Dass aber dieser Stalinismus ausgerechnet in der DDR auch noch nach Stalins Tod \u00fcberdauert haben soll, wird kaum jemand behaupten wollen. Nun muss man Hannah Arendt, die nur zu gut wusste, warum sie an anderer Stelle intensiv \u00fcber das Versagen von Intellektuellen nachdachte, keineswegs in allem recht geben, gleichwohl: So unerl\u00e4sslich es ist, dass Europa zu einer gemeinsamen Gedenkkultur an die Schrecken und Verbrechen des 20. Jahrhunderts, jenes &#8222;Zeitalters der Extreme&#8220; (E. Hobsbawm), findet, so notwendig sind differenzierte Betrachtungen. Das gilt sowohl f\u00fcr die Verlogenheit der autorit\u00e4ren, nachnationalsozialistischen Bundesrepublik Deutschland als auch f\u00fcr den hilflosen Antifaschismus der ostdeutschen Parteidiktatur. Sowenig die Bundesrepublik ein faschistischer, so wenig war die DDR nach 1953, auf jeden Fall nach 1961, ein stalinistischer Staat. Dem hat eine angemessene zeithistorische Bildung so Rechnung zu tragen, dass sie nicht unter der gel\u00e4ufigen Sprechweise von den &#8222;zwei deutschen Diktaturen&#8220; doch suggeriert, beide seien nicht nur vergleichbar, sondern auch noch gleichzusetzen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii3-imperialismus-und-kolonialisierung\">II.3. Imperi&shy;a&shy;lismus und Koloni&shy;a&shy;li&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>Hannah Arendt war es auch, die in ihrem eben erw\u00e4hnten Buch \u00fcber &#8222;Urspr\u00fcnge und Elemente totaler Herrschaft&#8220; als eine der ersten den Gedanken erwog, dass der europ\u00e4ische Rassismus seine Wurzeln im Kolonialismus des imperialistischen Zeitalters hatte. Damit hat sie, keineswegs immer konsequent und radikal genug, einen Grundstein f\u00fcr das gelegt, was heute in globalisierungshistorischer Perspektive als &#8222;postkoloniale Theorie&#8220; immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht.(11)<\/p>\n<p>Gleichwohl wurde die &#8222;Rassenfrage&#8220;, wie sie seit L\u00e4ngerem im angels\u00e4chsischen Raum diskutiert wird, in Deutschland deshalb weniger diskutiert, weil das Deutsche Reich mit dem Ende des Ersten Weltkrieges seiner \u00fcberseeischen Kolonien verlustig ging und mithin die historische Erinnerung an den deutschen Kolonialrassismus &#8211; wie er sich etwa bei der genozidalen Niederschlagung des Hereroaufstandes im Jahre 1908 tats\u00e4chlich vollzog &#8211; weitgehend getilgt wurde. Vor allem aber lie\u00df der Blick auf den totalen, globalen Ausrottungswillen der Nationalsozialisten gegen die Juden v\u00f6llig zu Recht wissenschaftliche Thesen, wonach es die in den europ\u00e4ischen, zumal afrikanischen Kolonien ge\u00fcbten Praxen der Unterdr\u00fcckung und Ausrottung gewesen seien, die schlie\u00dflich die Handlungsanweisung f\u00fcr die Massenvernichtung der europ\u00e4ischen Juden abgegeben h\u00e4tten, als Meinungen von Einzelg\u00e4ngern erscheinen.(12) Demnach f\u00fchrt die Genealogie der Massenvernichtung schlie\u00dflich nach Afrika. So f\u00fchrte General von Trotha 1904 in Deutsch &#8211; S\u00fcdwestafrika einen erkl\u00e4rten Vernichtungs- und Rassekrieg und trieb etwa 30.000 Herero ebenso auf Todesm\u00e4rschen in die W\u00fcste, wie das sp\u00e4ter die Jungt\u00fcrken mit den Armeniern tun sollten. Ab 1905 richtete das deutsche Kolonialregime Konzentrationslager f\u00fcr gefangene Herero ein, die von deutschen Firmen zum Eisenbahnbau eingesetzt wurden und &#8211; einzigartig in der kolonialen Welt &#8211; gezielt der Vernichtung durch Arbeit dienten. Zudem nahmen Rassehygieniker und Lehrer nationalsozialistischer KZ-\u00c4rzte wie Josef Mengele, n\u00e4mlich die bekannten Eugeniker Theodor Mollisson und Eugen Fischer ihre ersten Forschungen an Eingeborenen w\u00e4hrend des Kolonialkrieges in Deutsch- S\u00fcdwest vor. Damit steht die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Kolonialismus, Sklaverei und Rassismus auf der Tagesordnung, also die \u00fcbrigens erstmals von Hannah Arendt er\u00f6rterte Frage nach der Bedeutung des kolonialen Ausgreifens Europas nach Afrika f\u00fcr rassistische und totalit\u00e4re Politik in Europa.<\/p>\n<p>Zudem: Wenn in der seri\u00f6sen Forschung \u00fcberhaupt ein Vorbild f\u00fcr die Massenvernichtung der Juden in Rechnung gezogen wurde, dann ging es um den von der jungt\u00fcrkischen Regierung an den Armeniern begangenen Genozid in den Jahren 1915\/16, an dem die deutsche Milit\u00e4rmission in der T\u00fcrkei mindestens mitwisserschaftlich beteiligt war. So ist in diesem Kontext erwiesen, dass Hitler den Genozid an den Armeniern im Zusammenhang mit Ma\u00dfnahmen gegen die europ\u00e4ischen Juden gekannt und erw\u00e4hnt hat.(13) Dar\u00fcber hinaus scheint erwiesen, dass die milit\u00e4rische und politische F\u00fchrung des im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verb\u00fcndeten Deutschen Reiches von diesem Genozid nicht nur Kenntnis hatte, sondern ihn auch mitwisserschaftlich geschehen lie\u00df.(14)<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-paedagogik-der-anerkennung\">III. P&auml;dagogik der Anerken&shy;nung.<\/span><\/h2>\n<p>In der Erziehungswissenschaft bahnt sich derzeit ein Paradigmenwechsel innerhalb jener Formen schulischer und au\u00dferschulischer Bildung an, die mit einem wenig gl\u00fccklichen Begriff als &#8222;holocaust education&#8220; bezeichnet werden. Jetzt wird deutlich, dass die beiden Perspektiven dieser P\u00e4dagogik: Unterweisung ins Eingedenken und &#8222;Erziehung &#8211; nicht nach, sondern &#8211; &#8222;\u00fcber Auschwitz&#8220; ein zeitgem\u00e4\u00dfes Verst\u00e4ndnis in einer allgemeinen &#8222;P\u00e4dagogik der Menschenrechte&#8220;(15) finden k\u00f6nnen, die in der globalisierten Weltgesellschaft als &#8222;human rights education&#8220; bezeichnet wird und die sich in Deutschland auf das Grundgesetz und seinen ersten Artikel st\u00fctzen kann. Es war die Philosophie der Aufkl\u00e4rung, zumal Immanuel Kants, die die nach dem Nationalsozialismus geschaffene deutsche Verfassung, das Grundgesetz wesentlich pr\u00e4gt. Als oberstes Prinzip der Tugendlehre weist Kant in der Metaphysik der Sitten Folgendes aus: &#8222;Nach diesem Prinzip ist der Mensch sowohl sich selbst als andern Zweck und es ist nicht genug, dass er weder sich selbst noch andere blo\u00df als Mittel zu brauchen befugt ist, sondern den Menschen \u00fcberhaupt sich zum Zwecke zu machen, ist des Menschen Pflicht.&#8220;(16)<\/p>\n<p>Daraus resultiert &#8211; so eine weitere Entwicklung in der Erziehungswissenschaft &#8211; eine P\u00e4dagogik der Anerkennung.(17)&#8220; Einen Menschen als Zweck seiner selbst zu betrachten, bedeutet, so etwa Axel Honneth (18), ihn in mindestens drei wesentlichen Dimensionen nicht nur zur Kenntnis zu nehmen oder ihn lediglich zu tolerieren, sondern auch anzuerkennen, d. h. nicht nur hinzunehmen, sondern zu bejahen: in der Dimension k\u00f6rperlicher Integrit\u00e4t, personaler ldentit\u00e4t und soziokultureller Zugeh\u00f6rigkeit. Diese Selbstachtung wird verletzt, wenn Menschen die Kontrolle \u00fcber ihren K\u00f6rper genommen wird, sie also gefoltert werden, wenn sie als die Person, die sie sprechend und handelnd sind, nicht beachtet oder ernst genommen also missachtet werden oder wenn die Gruppen oder sozialen Kontexte, denen sie entstammen, herabgesetzt oder ver\u00e4chtlich gemacht werden. Freilich wird mit dem Begriff der &#8222;W\u00fcrde des Menschen&#8220; lediglich ein Minimum angesprochen, der kleinste gemeinsame Nenner nicht von Gesellschaften, sondern von jenen politischen Gemeinwesen, von Staaten, die wir als &#8222;zivilisiert&#8220; bezeichnen.<\/p>\n<p>Indem die Menschenrechtsp\u00e4dagogik zwischen &#8222;education <i>about <\/i>human rights&#8220; and &#8222;education <i>for <\/i>human rights&#8220; unterscheidet, macht sie deutlich, dass ein kognitives Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den universalistischen Kern der Menschenrechte und die Motivation, ihnen in Alltag und Politik handelnd zu gen\u00fcgen, keineswegs miteinander identisch sind.<\/p>\n<p>Bei alledem ist die Einsicht in die W\u00fcrde des Menschen als grundlegendem Prinzip jeder Menschenrechtsp\u00e4dagogik nicht auf kognitive, intellektuelle Operationen beschr\u00e4nkt, sie ist mehr oder gar anderes: Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die W\u00fcrde des Menschen wurzelt in einem moralischen Gef\u00fchl. Dieses Gef\u00fchl ist <i>moralisch<\/i>, weil es Beurteilungsma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr Handlungen und Unterlassungen bereitstellt, es ist indes ein <i>Gef\u00fchl<\/i>, weil es sich bei ihm nicht um einen kalkulatorischen Ma\u00dfstab, sondern um eine umfassende, spontan wirkende, Welt erschlie\u00dfende Einstellung handelt. Wer erst lange dar\u00fcber nachdenken muss, ob einem oder mehreren Menschen die proklamierte W\u00fcrde auch tats\u00e4chlich zukommt, hat noch nicht verstanden, was &#8222;Menschenw\u00fcrde&#8220; ist. Es handelt sich beim Verst\u00e4ndnis der Menschenw\u00fcrde also um ein moralisches Gef\u00fchl mit universalistischem Anspruch, das unter folgenden h\u00f6chst voraussetzungsreichen Bedingungen steht.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Anerkennung der Integrit\u00e4t anderer ist an die Erfahrung eigener Integrit\u00e4t und Anerkennung, die sich in Selbstgef\u00fchl, Selbstrespekt und Selbstachtung artikuliert, gebunden. <\/li>\n<li>Niemand kann Selbstgef\u00fchl, Selbstrespekt und Selbstachtung entfalten, der nicht seinerseits in allen wesentlichen Bez\u00fcgen toleriert, akzeptiert und respektiert worden ist. <\/li>\n<li>Selbstgef\u00fchl, Selbstrespekt und Selbstachtung sind die logischen und entwicklungsbezogenen Voraussetzungen daf\u00fcr, Einf\u00fchlung, Empathie in andere entfalten zu k\u00f6nnen. <\/li>\n<\/ul>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-drei-schwellen-generation-immigration-globalisierung\">IV. Drei Schwellen: Generation, Immigration, Globa&shy;li&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>In der politischen Bildung in Deutschland hat die industrielle Massenvernichtung der europ\u00e4ischen Juden bisher als gleichsam negative Folie, als un\u00fcberbietbares Extrembeispiel f\u00fcr die Verletzung der W\u00fcrde des Menschen gedient, als ein Extrembeispiel, an dem drastisch sichtbar und f\u00fchlbar wird, wohin blindes Ressentiment, Rassismus, politischer Partikularismus und eine entfesselte, von aller ethischen Bindung gel\u00f6ste Sozialtechnik f\u00fchren kann. So, wie das Grundgesetz aus der Erfahrung des Nationalsozialismus die Prinzipien einer moralisch verantworteten Demokratie entfaltet, wird es in Zukunft darauf ankommen, auf und aus der Erziehung \u00fcber Auschwitz eine Bildung zu den Menschenrechten zu entwickeln. Freilich muss sich eine zeitgeschichtlich sensible, an den Menschenrechten orientierte politische Bildung der Schwellen und H\u00fcrden bewusst sein, vor denen sie gegenw\u00e4rtig steht und die, die anfangs erw\u00e4hnten, von Klaus Schr\u00f6der festgestellten, best\u00fcrzenden Ergebnisse erkl\u00e4ren k\u00f6nnen: die generationelle Schwelle, die Schwelle der Immigration sowie die Schwelle der Globalisierung:<\/p>\n<p>Die generationelle Schwelle, erstens, besteht darin, dass Erfahrungen, die eine Generation unmittelbar gemacht hat, niemals eins zu eins transgenerational weiter gegegeben wird, sondern sich &#8211; beim allm\u00e4hlichen \u00dcbergang vom kommunikativen zum kulturellen Ged\u00e4chtnis &#8211; von Generation zu Generation in der Sache abschw\u00e4cht, von anderen Erfahrungen \u00fcberlagert, durchdrungen und neu gedeutet wird &#8211; so dass Betroffenheit und Engagement, Verpflichtungsgef\u00fchle ebenso wie Aversionen in den generationalen Gruppen im Ganzen abnehmen &#8211; womit nichts \u00fcber Einzelf\u00e4lle gesagt ist. F\u00fcr Deutschland speziell bedeutet dies nichts anderes, als dass es politische Bildung heute mit der Generation der Urenkel von T\u00e4tern und Opfern zu tun hat.<\/p>\n<p>Wird diese generationelle Schwelle zweitens durch die kulturelle und geographische Differenz weiter erh\u00f6ht, &#8211; wie bei einem wachsenden Teil der in Deutschland lebenden Jugendlichen, deren Eltern oder Gro\u00dfeltern gar nicht aus Deutschland, sondern zu einem gro\u00dfen Teil aus L\u00e4ndern der von Deutschland aus gesehen europ\u00e4ischen Peripherie kommen; die also zu Hause, mit v\u00f6llig anderen historischen Narrativen konfrontiert wurden &#8211; dann ist mit einer weiteren sachlichen und normativen Auszehrung des &#8222;nationalen deutschen Geschichtsbewusstseins&#8220; zu rechnen.<\/p>\n<p>Endlich ger\u00e4t &#8211; die dritte Schwelle &#8218; auch der lange Jahre als unbestreitbar geltende Vorrang einer &#8222;Erziehung zur M\u00fcndigkeit&#8220; als einer &#8222;Erziehung nach Auschwitz&#8220; (Theodor W. Adorno) durch konkurrierende Narrative und Erinnerungen an anders erlittenes Unrecht im globalen Ma\u00dfstab in die Situation, in seiner Ma\u00dfgeblichkeit geschw\u00e4cht zu werden.<\/p>\n<p>Damit kann als Aufgabe einer dem Globalisierungszeitalter angemessen, auf Erinnerung und Gedenken bestehenden, politischen Bildung nur gelten, sich diesen drei Schwellen zu stellen und die k\u00fcnftigen, hier geborenen oder hierher eingewanderten Staatsb\u00fcrger*innen angesichts &#8222;Auschwitz&#8220; zu deutschen Verfassungspatrioten zu erziehen, sie angesichts der langen Teilung des Kontinents und der Erfahrung mit kommunistischen Parteidikaturen und Stalinismus (beides ist nicht identisch) zu demokratischen Europ\u00e4er*innen sowie angesichts der Globalisierung zu Weltb\u00fcrger*innen zu bilden, die sensibel und engagiert auf Verletzungen von Demokratie und Menschen-rechte reagieren, dabei gleichwohl keinem westlichen Chauvinismus, keinem selbstbewussten \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl der &#8222;eigenen&#8220; Kultur anh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>(1) Th.W. Adorno, Erziehung nach Auschwitz in: Erziehung zur M\u00fcndigkeit. Ffm.1971.<\/p>\n<p>(2) M.Brumlik, Aus Katastrophen lernen. Grundlagen zeitgeschichtlicher Bildung in menschenrechtlicher Absicht, Berlin 2004.<\/p>\n<p>(3) O. H\u00f6ffe, Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, M\u00fcnchen 1999.<\/p>\n<p>(4) Zitiert nach D.Levy, N.Sznajder, Erinnerung im globalen Zeitalter, Ffm.2001, S. 213.<\/p>\n<p>(5) Vgl. V. Georgi, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003.<\/p>\n<p>(6) K.Schr\u00f6der u. a. &#8222;Sp\u00e4ter Sieg der Diktaturen&#8220;, Ffm. 2012.<\/p>\n<p>(7) M\u00fcnchen 2011.<\/p>\n<p>(8) Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, M\u00fcnchen 2012.<\/p>\n<p>(9) J. Gauck, Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, in: S. Courtois u. a. Das Schwarzbuch des Kommunismus, M\u00fcnchen 1998, S. 891.<\/p>\n<p>(10) H. Arendt, Elemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft, M\u00fcnchen 2008, S. 650.<\/p>\n<p>(11) M.do Castro-Varela\/N. Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einf\u00fchrung, Bielefeld 2005.<\/p>\n<p>(12) J. Zimmerer, Von Windhoek nach Auschwitz? Beitr\u00e4ge zum Verh\u00e4ltnis von Holocaust und Kolonialismus, M\u00fcnster 2011.<\/p>\n<p>(13) V. N. Dadrian, The History oft he Armenian Genocide, N.Y.\/Oxford 2003, S. 402-403.<\/p>\n<p>(14) V. N. Dadrian, German Responsibility in the Armenian Genocide, Cambridge 1996;h R. Hosfeld, Operation Nemesis. Die T\u00fcrkei, Deutschland und der V\u00f6lkermord an den Armeniern, K\u00f6ln 2005.<\/p>\n<p>(15) V. Lenhart, P\u00e4dagogik der Menschenrechte, Leverkusen 2003.<\/p>\n<p>(16) I. Kant, Metaphysik der Sitten, Darmstadt 1968, S. 526 (A 30).<\/p>\n<p>(17) B.Hafeneger u..(Hrsg.) P\u00e4dagogik der Anerkennung, Schwalbach 2007.<\/p>\n<p>(18) A. Honneth, Kampf um Anerkennung, Ffm. 2003.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1937],"publikationen":[2865],"class_list":["post-11726","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-micha-brumlik","publikationen-2-2012-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Bildung nach Auschwitz im Zeitalter der Globalisierung - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/2-2012-vorgaenge\/publikation\/bildung-nach-auschwitz-im-zeitalter-der-globalisierung\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bildung nach Auschwitz im Zeitalter der Globalisierung - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus Vorg\u00e4nge Heft 2\/2012, S.41-50 1. 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