{"id":11745,"date":"2012-03-01T09:30:00","date_gmt":"2012-03-01T08:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zur-aussagekraft-von-symour-mlipsets-extremismus-der-mitte\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:16","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:16","slug":"zur-aussagekraft-von-symour-mlipsets-extremismus-der-mitte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/197-vorgaenge\/publikation\/zur-aussagekraft-von-symour-mlipsets-extremismus-der-mitte\/","title":{"rendered":"Zur Aussagekraft von Symour M.Lipsets &#8222;Extremismus der Mitte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg&auml;nge 197 (Heft\/ 1\/2012), S.95-100<\/p>\n<p>In einem Rundfunkinterview[1] Anfang dieses Jahres zur Geschichte des\/Antisemitismus &auml;u&szlig;ert sich der langj&auml;hrige Leiter des Zentrums f&uuml;r Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz, zu einer Debatte Ende der 1990er Jahre. Der Vorwurf damals: der Historiker wolle abwiegeln und den Rechtsextremismus verharmlosen. Was war passiert? Benz hatte sich seinerzeit daf&uuml;r stark gemacht, nicht jegliche Gewalt, die gegen Ausl&auml;nder oder Minderheiten gerichtet ist, gleich als rechtsextremistische oder neofaschistische Tat zu interpretieren, und sich damit offensichtlich dem Vorwurf ausgesetzt, den Rechtsextremismus zu verharmlosen. Benz fasst r&uuml;ckblickend zusammen: &#8222;Ich wollte damit warnen [&#8230;] vor dem billigen Konzept, was ja in der Politik st&auml;ndig angewendet wird: Haltet den Dieb, oh Gott, das sind alles Rechtsextreme&#8220;.[2] Es bestehe &#8211; so Benz weiter &#8211; mit dieser Argumentation die Gefahr, Rechtsextremismus und Neofaschismus als (einzige) gewaltt&auml;tige Minderheit hervorzuheben und den Rest der Gesellschaft au&szlig;er Acht zu lassen. Im Ergebnis seien so lediglich die Extreme b&ouml;se und gewaltbereit und alle anderen Bestandteile der Gesellschaft gut und friedlich. Hingegen geht Benz davon aus, dass extreme Gewalt bereits in der Mitte der Gesellschaft beginnt. &#8222;Der Frust entsteht in der Mitte der Gesellschaft. Und der Frust sucht nach Entladung.&#8220;[3]<\/p>\n<p>Der Begriff des &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; auf den die Aussagen des Extremismusforschers hinweisen ist allerdings schwierig und strittig. Auf Schwierigkeiten deuten nicht nur die vermeintliche &#8222;contradicto in adjecto&#8221; im Sprachbild, sondern auch zahl-reiche politische Kontroversen um den Begriff hin. Wie tief die politischen Gr&auml;ben sind, aus denen heraus mit dem Begriff operiert wird, zeigen zwei knappe Beispiele. So sieht z. B. der K&ouml;lner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge mit Verweis auf den &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; eine Renationalisierung der politischen Kultur in der BRD gegeben. Zeichen daf&uuml;r sei ein zunehmender Rechtspopulismus (vgl. Butterwegge 2002: 43). Hingegen glauben Backes und Jesse, Herausgeber des Jahrbuchs f&uuml;r Extremismus und Demokratie, dass dieser Begriff ein linkes Instrument zur Delegitimierung des Verfassungsstaates sei (vgl. Backes\/ Jesse 1995: 25). Man muss sich allerdings nicht zur politischen Positionierung verleiten lassen, um dem Terminus etwas abzugewinnen,sondern kann den Tatbestand ein wenig n&uuml;chterner wenden und z. B. die soziologisch motivierte Frage &#8222;Was ist in der Gesellschaft los?&#8221; aufwerfen. Eben diese Frage, wurde auch bei Seymour Martin Lipset (1922-2006) relevant, als er 1959 &#8222;Extremism of the Center&#8221; und &#8222;Middle Class Extremism&#8221; als Ergebnis einer Analyse der W&auml;hlerschaft extremistischer Parteien zusammenfasste. Ausgangspunkt seiner Untersuchung war der Zusammenhang zwischen Sozialstruktur und Rechtsextremismus, doch im Ergebnis lieferte Lipset eine neue Interpretation des Extremismusproblems. Der Begriff des &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; hielt durch ihn schlie&szlig;lich Einzug in den sozialwissenschaftlichen Begriffskanon. Leider wird Lipsets politische Soziologie h&auml;ufig auf eine Wahlanalyse reduziert und die soziologischen und sozialpsychologischen Erkl&auml;rungen f&uuml;r das Entstehen dieses Extremismus bleiben au&szlig;en vor. Wenn die G&uuml;ltigkeit seiner Wahlanalyse heute auch strittig ist (vgl. z. B. Mudde 2000), lohnt es sich doch, die Begr&uuml;ndungen die Lipset f&uuml;r einen &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; gibt, genauer zu betrachten und mit historischen Vorl&auml;ufern zu verbinden.<\/p>\n<p>Um den Begriff zu verstehen und die bereits oben angesprochene Contradictio auf zul&ouml;sen, ist es zun&auml;chst n&ouml;tig, sich Gesellschaft und Sozialstruktur als dynamisches Gebilde vorzustellen. Die klassische Aufteilung der Gesellschaft in Links-Mitte-Rechts (LMR) bietet hierzu ein einfaches schematisches Mittel. Wichtig ist es, die im zeitlichen Verlauf sichtbare Bewegung von Mitte und Extremen zu erkennen, so dass ein Anwachsen der Extreme und Schrumpfen der Mitte (z. B. in Krisenzeiten) oder aber eine Ausbreitung der Mitte und ein Schrumpfen der Extreme (in Zeiten relativen &ouml;konomischen Wohlstands) erkennbar ist. Dieses bekannte Schema ist eng mit der gesellschaftlichen Stratifikation nach Klassen verbunden, besitzt aber durchaus noch G&uuml;ltigkeit in einem auf Klassentheorie aufbauenden Sozialraum der Lebensstile. In einem &#8222;materialistischen&#8221; Sinne wird hier davon ausgegangen, dass mit einer bestimmten Positionierung bzw. mit einem bestimmten Status in der Gesellschaft auch eine bestimmte politische Einstellung eingenommen wird. Dieses klassische LMR-Schema wird von Lipset nun um eine andere Verh&auml;ltnisbestimmung von Mitte und Extremismus erg&auml;nzt. Der amerikanische Soziologe geht davon aus, dass Links, Rechts und Mitte jeweils einen demokratischen Kern wie einen extremistischen Ausdruck haben (Lipset 1959: 346). Das bekannte Schema gilt als politisch-gesellschaftlicher Normalfall, dem sich nunmehr jeweils extremistische Formen gegen&uuml;berstellen. Im Ergebnis differenziert Lipset die Frage nach dem Extremismus in Links-, Rechts- und Mitte-Extremismus. Nicht die Mitte wandert also zu den Extremen, sondern diese kann aus sich heraus eine extreme Position einnehmen. Lipset bietet mit seinem Analysekonzept umfangreiche M&ouml;glichkeiten der Differenzierung unterschiedlicher Extremismusformen. So l&auml;sst sich z. B. ein konservativer Autoritatismus mit Lipset deutlich von einem liberalen Autoritatismus unterscheiden.<\/p>\n<p>Das ber&uuml;hmt gewordene Beispiel Lipsets mit dem er seine Extremismustheorie begr&uuml;ndet ist eine Analyse der gesellschaftlichen &#8222;Mitte&#8221; Deutschlands in der Weimarer Republik. Zu dieser z&auml;hlt er zuv&ouml;rderst den Liberalismus der Mittelklasse in Form des Kleinb&uuml;rgertums und Kleinunternehmers, den &#8222;white-collar worker&#8221; und die so genannte &#8222;professional class&#8221;. Lipset stellt, wie schon Theodor Geiger gut zwei Jahrzehnte zu-vor, die faschistische Bewegung als &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; dar, weil gerade das Kleinb&uuml;rgertum als gr&ouml;&szlig;te Tr&auml;gerschicht f&uuml;r diese Bewegung ausgemacht werden kann. Wie kommt er zu dieser These?<\/p>\n<p>Nach dem Absturz eines Teils der Mittelklasse zu Anfang des 20. Jahrhunderts und einem damit einhergehenden Ressentiment gegen die sozialen und &ouml;konomischen Trends der Zeit wandelte sich deren liberale Ideologie. Dieser Wandel der ldeologie beschreibt gleichzeitig den Wandel einer revolution&auml;ren (gegen den Adel und die aristokratische Gesellschaft) in eine reaktion&auml;re (gegen die Moderne) Klasse (vgl. Lipset 1959:350). Lipset vergleicht schlie&szlig;lich die Ideologie der abgestiegenen Mittelklasse mit der ldeologie des Faschismus und stellt fest: beide sind Reaktionen auf die Prozesse der Rationalisierung und Modernisierung der Gesellschaft. Lipset w&auml;hlt zur weiteren komparativen Analyse Beispiele aus L&auml;ndern, die durch gro&szlig;r&auml;umigen Kapitalismus und starke Arbeiterbewegungen gepr&auml;gt sind. Er betont die Suche nach einer &#8222;displaced strata&#8221;, nach einer deklassierten Schicht also, die er als empirische Forschungsfrage bzgl. ihrer politischen Ausrichtung f&uuml;r Deutschland, Frankreich und Italien untersucht. Im Ergebnis erscheinen ihm Faschismus, Peronismus und McCarthyismus als Reaktionen des Kleinb&uuml;rgertums vornehmlich aufgrund von Desintegration. (vgl. ebd. 373)<\/p>\n<p>Der Hinweis auf gesellschaftliche Desintegration reicht allerdings als Ursache alleine nicht aus, um einen Extremismus zu erkl&auml;ren. Der Vorgang der Desintegration oder Deplatzierung liefert zwar ein wichtiges, aber noch kein ausreichendes Merkmal. Welche Bedingungen m&uuml;ssen noch vorhanden sein, damit aus der abgestiegenen eine extremistische Mitte wird? Die Frage nach den Ursachen des Extremismus greift Lipset an anderer Stelle erneut auf, in dem er den Zusammenhang von Werten und politischer Struktur f&uuml;r die USA der 1960er Jahre analysiert. Hier werden von ihm neben Desintegration noch andere Merkmale aufgezeigt, die bedeutsam f&uuml;r das Entstehen einer extremistischen Bewegung sind. Die amerikanische Gesellschaft der 1960er Jahre ist eine &#8222;moralisch motivierter&#8221; Massenbewegungen, die ihren Antrieb aus einer Bedrohung des sozialen Status der Mittelschichten und einhergehender psychischer Unsicherheit ziehen. Trotz oder gerade aufgrund des egalit&auml;ren Ethos der USA konstatiert Lipset ein Extremismusproblem. Doch wie ist es dazu gekommen? Der hoch gelobte Wert der Gleichheit steht im Spannungsverh&auml;ltnis zum Wert des Erfolges. Die Gestaltung der USA als offene Gesellschaft mit einer zielorientierten im Gegensatz zu einer mittelorientierten Kultur f&uuml;hrt schlie&szlig;lich dazu, dass das Erreichen des Ziels als oberster Wert ausgegeben wird. &#8222;The success of the current antiwar movement is another exarnple of the way in which those who feel most deeply and are willing to use extreme methods to attain their ends have an impact on the body politic.&#8221; (Lipset\/ Sheingold 1971: 396) Ei-ne zielorientierte Kultur beg&uuml;nstigt hiernach ein Verhalten, dass allein nach dem Ziel strebt, ohne dabei auf die Regeln zu achten. Es l&auml;sst sich auf die oben gestellte Frage nach den Bedingungen f&uuml;r einen &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; also noch die kulturelle Rahmung der Gesellschaft anf&uuml;hren. F&uuml;r den Fall der USA der 1960er Jahre besitzt die-se, die erstmals von Robert K. Merton herausgestellte Besonderheit einer starken Orientierung auf Ziele, wie z. B. auf sozialen Aufstieg oder auf Reichtum. Mit Blick auf die Geschichte stellen sich f&uuml;r Lipset Zeiten des gesellschaftlichen &Uuml;bergangs bzw, sozialen Umbruchs auch als Zeiten von Gewalt und Verzweiflung dar, die sich aus der zielorientierten politischen Kultur n&auml;hren k&ouml;nnen (vgl. Ebd.: 403).<\/p>\n<p>In der amerikanischen Gesellschaft sieht Lipset zudem eine Tendenz zum Moralismus, den er als weitere Quelle des Extremismus ausmacht. Zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sei dieser auf die Tradition der Glaubensgemeinschaften und deren protestantischer Ethos. Ferner beg&uuml;nstige die protestantische Praxis des &#8222;perfektiblen&#8221; Menschen und die damit ein-hergehende Notwendigkeit, S&uuml;nde zu vermeiden, eine solche Haltung. Die amerikanische Gesellschaft der 1960er Jahre wird von Lipset als eine Gesellschaft geschildert, die besonders von moralischem Druck gepr&auml;gt ist: &#8222;The American, [..,] as political and religious man, has been a utopian moralist who presses hard to attain and institutionalize virtue or to destroy evil men and wicked institutions and practices.&#8221; (ebd. 408) Moralische Vorstellungen und &Uuml;berzeugungen m&uuml;ssen als fundamentaler Bestandteil einer je-den Gemeinschaft und Gesellschaft gelten, Moralismus hingegen stellt unter Umst&auml;nden einen Antrieb f&uuml;r Extremismus dar, der aus der Mitte der Gesellschaft hervorbrechen kann.<\/p>\n<p>Es ist ein Unterschied, ob die Reaktion der &#8222;displaced strata&#8221; blo&szlig; in subjektiver Form, oder aber im Kollektiv erfolgt. Anders als die oben von Benz beschriebene subjektive Frustentladung, die sich z. B. in Gewalt gegen Minderheiten &auml;u&szlig;ert, kann ein in Bewegungen organisierter &#8222;Mitte-Extremismus&#8221; auf die Politik gestalterisch einwirken. &#8222;By its extreme actions, the moralistic radical minority has often secured the support (or the acquiescence) of the moderate elements of the community, who come to accept the fact that change is necessary in order to gain a measure of peace and stability.&#8221; (Lipset 1968: 69) Zu denken ist hier auch an ein Wahlverhalten aus Protest, in der Hoffnung, damit die moderaten Parteien zur Vernunft zu bringen.<br \/>Besonderes Verdienst Lipsets ist es, mit dem Begriff des &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; nicht nur eine neue Denkweise f&uuml;r das Verh&auml;ltnis sozialer Klassen, politischer Ausrichtung und Extremismus bereitzustellen, sondern zudem eine markante Bezeichnung f&uuml;r ein seit L&auml;ngerem bekanntes Ph&auml;nomen in der Soziologie zu liefern. Das soziale Ph&auml;nomen das Lipsets Theorie zugrunde liegt, findet sich so z. B. schon gut 30 Jahre zuvor beschrieben.<\/p>\n<p>Im September 1930 nach den Reichstagswahlen, bei denen die NSDAP als zweit-st&auml;rkste Partei abschnitt, formulierte Theodor Geiger etwas pathetisch, wenn auch in der Tendenz zutreffend: &#8222;Panik im Mittelstand.&#8221; Das von ihm beschriebene Ph&auml;nomen ist das gleiche wie bei Lipset: der deklassierte Mittelstand. Und Geiger wei&szlig;: &#8222;Der Verzweifelte ist leichtgl&auml;ubig&#8221; (Geiger 1930: 650). Das Kleinb&uuml;rgertum ist nicht nur leicht-gl&auml;ubig, sondern auch zunehmend desintegriert. F&uuml;r Geiger ist es, ganz im Sinne von Marx, nur noch eine Frage der Zeit, bis das Kleinb&uuml;rgertum zwischen Gro&szlig;kapital und Lohnarbeit erdr&uuml;ckt und schlie&szlig;lich ganz vergessen wird. F&uuml;r die marxsche These spricht auch, dass der Mittelstand keine homogene Klasse ist und zudem keine einheitliche Ideologie besitzt. Geiger erkennt vor allem zwei gro&szlig;e widerstrebende Gruppen in der Mitte der Gesellschaft: den alten wie den neuen Mittelstand. Der alte Mittelstand er-scheint ihm wie ein Relikt aus einer anderen Epoche. Er ist gepr&auml;gt von einer &#8222;zeitinad&auml;quaten Ideologie&#8221; (vgl. ebd.: 643) und wird von der Gro&szlig;industrie in die Ecke gedr&uuml;ckt. Der neue Mittelstand, die Summe aus Angestellten und Beamten ist f&uuml;r Geiger kaum einheitlich zu fassen. Er ist zudem gepr&auml;gt von einer &#8222;standort-inad&auml;quaten Ideologie&#8221; (vgl. ebd.: 644). Aufgrund der verschiedenartigen Herkunft des neuen Mit-telstandes besitzt dieser keine ideologische Tradition. All dies macht die Mitte anf&auml;llig f&uuml;r einen Extremismus, der von Geiger &#8212; leider f&auml;lschlicherweise &#8212; als nur vor&uuml;bergehendes Ph&auml;nomen interpretiert wird. Bezogen auf die Frage nach den Ursachen eines &#8222;Mitte-Extremismus&#8221; ist von Geiger ein wichtiger Hinweis auf die Verkn&uuml;pfung des Vorgangs der Deklassenment mit einer standesgebundenen Ideologie zu entnehmen. Der soziale Auf- oder Abstieg bewirkt eine ideologische Entwurzelung. Letztlich entsteht die Panik im Mittelstand nicht, weil dieser &#8212; so Geiger &#8212; den goldenen Mittelweg satt hat, sondern weil die Mitte im Wortsinne ver-r&uuml;ckt worden ist. Die Rede vom Deklassenment bzw. vom Ver-r&uuml;cken der Mitte widerspricht nicht Lipsets Auflassung eines &#8222;Mitte-Extremismus&#8221;, denn trotz Deklassenment und Desintegration bleibt die Ideologie der Mitte ja erhalten.<\/p>\n<p>Einige Jahre nach Geiger entwirft Maurice Halbwachs eine &#8222;Psychologie sozialer Klassen&#8221;. Der Durkheim-Sch&uuml;ler und Mitarbeiter an der &#8222;Annee Sociologique&#8221; ist er-staunt &uuml;ber die sozialpsychologischen Ver&auml;nderungen, die das Kleinb&uuml;rgertum in Krisen- und Umbruchzeiten erf&auml;hrt: &#8222;Denken wir an die Menschen w&auml;hrend der Revolution. Es ist bemerkenswert, da&szlig; innerhalb weniger Monate aus der Masse des Volkes oder genauer aus dem weit begrenzten Kleinb&uuml;rgertum eine solche gro&szlig;e Zahl von Menschen kommen konnte, die derart heftig all die Leidenschaften an den Tag zu legen f&auml;hig sind&#8221; (Halbwachs 2001: 28). Auch er sieht die Mittelklasse als Zwischenschicht, die wenig homogen und zudem durch einen geringen Gemeinschaftsgeist ausgepr&auml;gt ist (ebd.: 136). Vor allem die Angestellten befinden sich &#8212; so Halbwachs weiter &#8212; in h&ouml;chster Not und haben um ihren sozialen Platz zwischen Arbeitern auf der einen und B&uuml;rgertum auf der anderen Seite zu f&uuml;rchten. Die Mittelklassen Deutschlands und Frankreichs, so folgert er aufgrund seiner Darstellung, sind durch die wirtschaftlichen Ver&auml;nderungen erheblich ersch&uuml;ttert, gleichzeitig aber erstaunlich widerstandsf&auml;hig und mit der F&auml;higkeit zu Erholung ausgestattet. An Halbwachs Ausf&uuml;hrungen zeigt sich: Die Mittelklasse ist eine dynamische Gr&ouml;&szlig;e, die im Laufe der Geschichte w&auml;chst und schrumpft. Dies er-folgt aber nicht aus eigener Kraft, sondern als abh&auml;ngige Gr&ouml;&szlig;e, als beherrschte Kraft. Ihr Umschlagen in einen Extremismus scheint vorprogrammiert. Denn: von der Abh&auml;ngigkeit her &#8222;r&uuml;hrt auch jenes Schwanken der Gef&uuml;hle, bald entt&auml;uscht von Ver&auml;nderungen, die sie nicht versteht, deren Gr&uuml;nde und Folgen sie nicht erkennt, bald von einer gewaltigen und blinden Umsturzbewegung gegen eine Entwicklung mitgerissen, deren Lauf sie glaubt anhalten oder zur&uuml;ckdrehen zu k&ouml;nnen.&#8221; (ebd.: 149)<\/p>\n<p>Was ist in der Gesellschaft los, wenn von einem &#8222;Extremismus der Mitte&#8221; die Rede ist? Wolfgang Benz weist auf Frust hin. Mit Lipset, der, wie aufgezeigt, in einer soziologischen Tradition steht, lassen sich zudem Desintegration, Deklassenment, Moralismus und schwankende Emotionalit&auml;t erkennen. Dies sind Zuschreibungen, die auf Kollektive zielen und die dar&uuml;ber hinaus ideologische wie kulturelle Traditionen und Besonderheiten der Gesellschaft und des Kollektivs ber&uuml;cksichtigen, die unter Umst&auml;nden extremistische Tendenzen verst&auml;rken. Selbst wenn man heute der Gesellschaft eine andere Sozialstruktur als noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts zuschreiben muss, empfiehlt es sich, diese &Uuml;berlegungen als Ausgangspunkt einer soziologischen Extremismusanalyse zu ber&uuml;cksichtigen.<\/p>\n<p>1 Antisemitismus &#8211; Von der Wannsee-Konferenz zum Remer-Prozess, Teil 3, Benz. Deutschlandfunk: Essay und Disukrs, Sendung vom 29.01.2012, abrufbar unter <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/<\/a> sendungen\/ essayunddi skurs\/ 1663426\/<br \/>2&nbsp;Zitat tranksribiert aus dem unter FN 1 genannten Interview.<br \/>3 s. FN 2.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Backes, Uwe\/Jesse, Eckehard (1995): Extremismus der Mitte? &#8211; Kritik an einem modischen Schlag-<br \/>wort. In: dies., (Hg.): Jahrbuch Extremismus und Demokratie. Baden Baden. S. 13&#8211;27. Butterwegge, Christoph (2002): Rechtspopulismus in der Mitte? In: spw &#8211; Zeitschrift f&uuml;r sozialistische<br \/>Politik und Wirtschaft, Nr. 4, Heft 126, S. 43-46.<br \/>Geiger, Theodor (1930): Panik im Mittelstand. In: Die Arbeit. Zeitschrift f&uuml;r Gewerkschaftspolitik und Wirtschaftskunde. Heft 10. S. 637-654.<br \/>Halbwachs, Maurice (2001): Entwurf einer Psychologie sozialer Klassen. Hgg. von Stephan Egger und Franz Schultheis, Konstanz.<br \/>Hennig, Elke (1992): Rechter Extremismus. Ein Protest vom Rand der Mitte. In: Vorg&auml;nge 120, 31. Jg, Heft 6, S. 31-40.<br \/>Kraushaar, Wolfgang (2005): Extremismus der Mitte. Zur Logik einer Paradoxie. In: Leonhard Fuest\/ J&ouml;rg L&ouml;ffler (Hg.): Diskurse des Extremen. &Uuml;ber Extremismus und Radikalit&auml;t in Theorie, Literatur und Medien, W&uuml;rzburg.<br \/>Lipset, Seymour Martin (1968): On the Politics of Conscience &amp; Extreme Commitment. In: Encounter, 1968, p. 66-71.<br \/>Lipset, Seymour Martin (1963): The First New Nation. The United States In Historical And Comparative Perspective, New York.<br \/>Lipset, Seymour Martin (1962): Soziologie der Demokratie, Neuwied am Rhein.<br \/>Lipset, Seymour Martin (1961): A Changing American Character? In: ders., Leo L&ouml;wenthal (Hg.): Culture and Social Character. The Work of David Riesman Reviewed, New York.<br \/>Lipset, Seymour Martin (1959): Political Man, London.<br \/>Lipset, Seymour Martin (1959a): Social Stratification and ,Right-Wing Extremism&#8216;. In: The British Journal of Sociology, Vol 10\/ No.4., pp 346&#8211;382.<br \/>Lipset, Seymour Martin (Ed.), (1969): Politics and the Social Sciences. London, Toronto.<br \/>Lipset, Seymour Martin\/ Sheingold, Carl (1971): Values and Political Structure: An Interpretation of<br \/>the Sources of Extremism and Violence in American Society. In: William J. Crotty (Ed.): Assassi-<br \/>nations and the Political Order, New York.<br \/>Mudde, Cas (2000): The Ideology of the Extreme Right.Manchester and New York.<br \/>Narr, Wolf-Dieter (1992): Der Extremismus der Mitte. In: Vorg&auml;nge 120, 31. Jg, Heft 6, S. 4-8.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1919],"publikationen":[1444],"class_list":["post-11745","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-peter-fischer","publikationen-197-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zur Aussagekraft von Symour M.Lipsets &quot;Extremismus der Mitte&quot; - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/197-vorgaenge\/publikation\/zur-aussagekraft-von-symour-mlipsets-extremismus-der-mitte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zur Aussagekraft von Symour M.Lipsets &quot;Extremismus der Mitte&quot; - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg&auml;nge 197 (Heft\/ 1\/2012), S.95-100 In einem Rundfunkinterview[1] Anfang dieses Jahres zur Geschichte des\/Antisemitismus &auml;u&szlig;ert sich der langj&auml;hrige Leiter des Zentrums f&uuml;r Antisemitismusforschung der TU Berlin, Wolfgang Benz, zu einer Debatte Ende der 1990er Jahre. 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