{"id":11760,"date":"2011-12-04T17:00:00","date_gmt":"2011-12-04T16:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/zwischen-euroskeptizismus-und-natioalen-populismus\/"},"modified":"2021-08-30T15:41:15","modified_gmt":"2021-08-30T13:41:15","slug":"zwischen-euroskeptizismus-und-natioalen-populismus","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/196-vorgaenge\/publikation\/zwischen-euroskeptizismus-und-natioalen-populismus\/","title":{"rendered":"Zwischen Euroskeptizismus und natioalen Populismus"},"content":{"rendered":"<p>Formationen des europ&auml;ischen Rechtspopulismus<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge 196 ( Heft 4\/2011), S.95-104<\/p>\n<h5><span id=\"1-rechtspopulismus-ein-thema-von-europaeischer-tragweite\">1. Rechts&shy;po&shy;pu&shy;lismus &ndash; ein Thema von europ&auml;&shy;i&shy;scher Tragweite<\/span><\/h5>\n<p>Populismus ist zu einem Dauerthema in der europ&auml;ischen Politik geworden, was l&auml;ngst auch in Br&uuml;ssel, einem der Hauptfeindbilder der rechtspopulistischen Parteien, f&uuml;r Beunruhigung sorgt. Obwohl man sich diskursiv dort eher mit Themen wie der europ&auml;ischen Nachbarschaftspolitik, aktuell den Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten (&#8222;Arab spring&#8220;) und der eigenen Historie besch&auml;ftigt, ist die Frage nach Gef&auml;hrdungen f&uuml;r das europ&auml;ische Einigungswerk oben in der politischen Agenda angekommen &#8211; Partei &uuml;bergreifend und EU-immanent. Unl&auml;ngst konnte der Verfasser vier ambitionierte, mit Expertise angereicherte Konferenzen, alle &#8222;zur Gefahr des Populismus&#8221; im Europ&auml;ischen Parlament am 30. und 31. M&auml;rz 2011 und 21. Juni 2011 beobachten, organisiert von den Gr&uuml;nen (mit u. a. Cas Mudde)[1], den Liberalen, den Sozialisten und den Christdemokraten.[2] Eine Veranstaltung der Open Society Foundations mit ihrem Initiator, dem milliardenschweren Investor George Soros, am 7. November 2011, ebenfalls in Br&uuml;ssel, trug gar den Titel: &#8222;We say what you think: Is populism the future of European politics?&#8221;, unter anderem mit dem namhaften britischen Populismusforscher Paul Taggart.[3]<\/p>\n<p>Trotz der nach au&szlig;en zur Schau getragenen Harmonie gibt es also durchaus existente Konfliktlinien oder Misskl&auml;nge, die den &ouml;sterreichischen Politikwissenschaftler Anton Pelinka von &#8222;cleavages&#8221; innerhalb der EU sprechen lassen[4] &#8211; die cleavage-Theorie wird bis heute zur Erkl&auml;rung der gesellschaftlichen Entstehung von Parteiensystemen herangezogen. Pelinkas Auffassung nach gibt es tiefe Gr&auml;ben (&#8222;Konfliktlinien&#8220;), in denen sich Tendenzen von Euroskeptizismus manifestieren. Immer noch sei die EU ein Elitenprojekt, was sich an der Ablehnung des Verfassungsvertrags in den Niederlanden und Frankreich, sp&auml;ter des jetzt g&uuml;ltigen Reformvortrags von Lissabon in Irland zeigte. Es gebe kein europ&auml;isches Parteiensystem, vielmehr nationale Parteiensysteme. Widerspr&uuml;chliche Erwartungen der Mitglieder zeigen sich in der Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, mehr noch in der Definition dessen, was eigentlich Identit&auml;tskern der EU sei. Diese ungel&ouml;ste Frage wirke sich auf k&uuml;nftige Erweiterungen aus, insbesondere in der T&uuml;rkei-frage. Die Intensit&auml;t des Euroskeptizismus ist offenkundig ein m&auml;chtiges, einflussreiches Merkmal in der politischen Landschaft der EU. Der folgende Beitrag wird zuerst die aktuelle Problemlage skizzieren, um dann die Potentiale von Rechtspopulismus und Euroskeptizismus abzuw&auml;gen. Am Ende steht ein Fazit, das Fragen im Umgang mit dem Rechtspopulismus er&ouml;rtert und k&uuml;nftige Perspektiven auslotet.<\/p>\n<h5><span id=\"ii-problemlage-versagen-der-wirtschaftlichen-und-politischen-eliten\">II. Problemlage; Versagen der wirtschaft&shy;li&shy;chen und politischen Eliten<\/span><\/h5>\n<p>Mehr und mehr wird der Rechtspopulismus in die Debatte um die Zukunft der europ&auml;ischen Integration im weiteren und der Europ&auml;ischen Union im engeren Sinne einbezogen. Insbesondere die nationalen und europ&auml;ischen Eliten aus den Reihen der in Westeuropa schrumpfenden sozialdemokratischen und christdemokratischkonservativen Parteien, im deutschen Kontext als Volksparteien bezeichnet, zeigen sich besorgt, zumal die Krise der Eurol&auml;nder 2011 f&uuml;r eine tief greifende Diskussion &uuml;ber St&auml;rken und auch offenkundige Schw&auml;chen des europ&auml;ischen Projekts sorgt. Offenkundig geht es nun in der Eurokrise um die ganze Konstruktion der EU und die Finalit&auml;tsfrage. Das impliziert auch Fragen von politischer und sogar kultureller Tragweite.<\/p>\n<p>Offenkundig gibt es Konstruktionsfehler, wie die zahlreichen, durch die Schuldenkrise in Not geratenen L&auml;nder in der Eurozone beweisen. Griechenland h&auml;tte man gar nicht aufnehmen d&uuml;rfen, das war trotz der Bilanz-Manipulationen im Land schon zum Zeitpunkt des Beitritts klar. Nun m&uuml;ssen die europ&auml;ischen wie nationalen Eliten den Bev&ouml;lkerungen die komplizierte Misere vermitteln und Einsparungen verkaufen. Das sorgt f&uuml;r Unmut, die Abwahl zahlreicher Regierungen, damit Chaos auf Regierungsebene, verbunden mit Neuwahlen (Griechenland, Slowakei und Italien) sowie Protesten auf den Stra&szlig;en, die sich gegen die Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen richten, die auch ein Ergebnis des zuvor unverantwortlichen Regierens sind.<\/p>\n<p>Der Pr&auml;sident der Europ&auml;ischen Kommission, Jose Manuel Barroso, &auml;u&szlig;erte in seiner Grundsatzrede zur &#8222;Erneuerung Europas &#8211; Rede zur Lage der Union 2011&#8221; am 28. September im Europ&auml;ischen Parlament in Stra&szlig;burg seine Sorge: &#8222;Populistische Bewegungen stellen die gr&ouml;&szlig;ten Errungenschaften der Europ&auml;ischen Union in Frage &#8211; den Euro, den Binnenmarkt, ja sogar den freien Personenverkehr.&#8220;[5] Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, wegen der Wirtschaftsst&auml;rke Deutschlands eine der Schl&uuml;sselfiguren (um nicht zu sagen die Schl&uuml;sselfigur) im europ&auml;ischen Krisenmanagement, bem&uuml;ht, &#8211; unter anderem in ihrer Regierungserkl&auml;rung zur Abstimmung &uuml;ber den Rettungsschirm (&#8222;Er bleibt bei 211 Milliarden Euro&#8221;) &#8211; die Formel: &#8222;Scheitert der Euro, scheitert Europa!&#8221; .[6]<\/p>\n<p>Diese Angst der Eliten hat reale Hintergr&uuml;nde, da die EU nach Meinung vieler Beobachter vor ihrer schwersten Bew&auml;hrungsprobe steht. Europ&auml;ische und nationale Eliten bef&uuml;rchten, dass euroskeptische Parteien als Gewinner aus der Krise hervorgehen. Trotz des fortschreitenden Integrationsprozesses ist das Thema &#8222;EU&#8221; in der Bev&ouml;lkerung nicht sehr popul&auml;r. Blickt man auf die von der Europ&auml;ischen Kommission ver&ouml;ffentlichten Eurobarometer-Umfragen f&auml;llt auf, dass quer &uuml;ber Europa eine leichte Mehrheit die EU f&uuml;r eine schlechte Idee h&auml;lt.[7] Denkt man an die Rolle der Parteien im intermedi&auml;ren Bereich, der Artikulation, Aggregation, Selektion und Integration von bestehenden Interessen, m&uuml;sste es logischerweise eine euroskeptische Kraft innerhalb der EU gebet Damit ist das Thema durchaus von Relevanz. Die Krise der Eurozone, besonders df chronische Patient ;,Griechenland&#8220; verst&auml;rken diese Furcht. Auch andere L&auml;nder be f&uuml;rchten den Absturz und m&uuml;ssen strenge Austerit&auml;tsma&szlig;nahmen einleiten: Spaniei Portugal, Italien und auch Frankreich, neben Deutschland die wirtschaftliche Supei macht in der EU. Regierungen werden gest&uuml;rzt oder verlieren ihre Mehrheit (Griecher land, Slowakei, Italien), Pl&ouml;tzlich geht es um Diskussionen um Vertrauensfragen (it Parlament) und den Sinn von Volksabstimmungen. Bei der j&uuml;ngsten Parlamentswahl in Finnland am 18. April 2011 wurde gegen die von der EU getragenen Portugal-Rettung, mobilisiert, so dass die euroskeptische Partei &#8222;Wahre Finnen&#8221; fast aus dem Stand herau auf beinahe 20 Prozent der Stimmen kam. Die nicht-xenophobe Partei stand im Wahl kampf daf&uuml;r, Hilfszahlungen an die Schuldenl&auml;nder zu blockieren und den Rettungspak nachzuverhandeln.<\/p>\n<p>Im W&auml;hrungsraum gibt es gro&szlig;e Probleme, weil die Staaten sehr unterschiedlic gewirtschaftet und dadurch die W&auml;hrungsunion unter Spannung gesetzt haben. Es ga keine Sanktionsma&szlig;nahmen, obwohl der Stabilit&auml;tspakt von Beginn an, auch voi Deutschland, verletzt wurde. Diese Nachl&auml;ssigkeiten r&auml;chen sich nun bitter. Stark ist di Politik von volatilen Finanzm&auml;rkten abh&auml;ngig, was zu einem globalen Problem des Ka pitalismus geworden ist, da in diesem System wilden, ungedeckten Investitionen T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet sind. Der W&auml;hrungsraum in Europa, das sich ja auch als global playe: versteht, war auf so einen Krisenfall nicht vorbereitet. Am korrektesten w&auml;re deshall die Bezeichnung &#8222;Krise der W&auml;hrungsunion&#8221;. In der Krise spannte die EU unter den deutsch-franz&ouml;sischen F&uuml;hrungsduo nie vorgesehene Rettungsschirme, die Europ&auml;isch Zentralbank kaufte Anleihen gef&auml;hrdeter Staaten auf, und inzwischen ist die EU dabei sich in zwei Gruppen zu spalten: die Euro-L&auml;nder einerseits und die anderen Mitgliede. mit eigenen W&auml;hrungen auf der anderen Seite. Das gr&ouml;&szlig;te Problem ist aber, dass dif Br&uuml;sseler Politik auf Polittechnokratie und eine auch vom Habitus her elit&auml;r vorgetragene Konsenskultur beruht &#8211; gerade hier finden Rechtspopulisten reale, durchaus berechtigte Ankn&uuml;pfungspunkte ihrer Agitation.<\/p>\n<h5><span id=\"iii-die-staerke-des-rechtspopulismus\">III. Die St&auml;rke des Rechts&shy;po&shy;pu&shy;lismus<\/span><\/h5>\n<p>Seit den fr&uuml;hen 1980er Jahren k&ouml;nnen neuartige, in erster Linie rechtspopulistische Parteien mit einer Anti-Establishment-Haltung, Protestthemen und einer charisma- tischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit immer wieder Wahlerfolge auf nationaler Ebene erzielen, so zum Beispiel in Frankreich, &Ouml;sterreich, Italien, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Skandinavien. Bei den letzten Wahlen in Schweden 2010 und Finnland 2011 konnten dabei erstmals rechtspopulistische Parteien in die dortigen Parlamente einziehen. Inzwischen kann man von einer &#8222;zweiten Generation&#8221; des Rechtspopulismus sprechen. Am 16. Januar 2011 wurde die Tochter des Parteipatriarchen Jean-Marie Le Pen, Marine, in einer Kampfabstimmung zu seiner Nachfolgerin gew&auml;hlt. In &Ouml;sterreich kn&uuml;pft Heinz-Christian Strache an die einstigen Erfolge von J&ouml;rg Haider an [8] Erfolgreich mit dem Thema &#8222;Ant&uuml;slam&#8221; ist die Partei f&uuml;r die Freiheit (Partij voor de Vrijheid, PVV),die 2006 unter anderen von einem aus der Volkspartei f&uuml;r Freiheit und Demokratie (VVD) ausgetretenen Mitglied des Parlaments, Geert Wilders, gegr&uuml;ndet worden war. Im selben Jahr gewann die Einmitgliederpartei bei den Parlamentswahlen 5,9 Prozent der Stimmen, 2010 sogar 15,5 Prozent, ein Ergebnis, das viel besser war, als es die Meinungsforscher vorhergesagt hatten. Wilders, durch viele Reisen nach Israel sehr israelfreundlich gesinnt, lie&szlig; sofort verlautbaren, dass er &#8212; um regieren zu k&ouml;nnen &#8212; zu Kompromissen bereit sei (er lie&szlig; seinen Widerstand gegen eine Erh&ouml;hung des Rentenalters unverz&uuml;glich fallen). Bundeskanzlerin Angela Merke\/ hat die Zusammenarbeit ihrer niederl&auml;ndischen Gesinnungsgenossen mit Wilders bereits als unvern&uuml;nftig bezeichnet. Die niederl&auml;ndische Regierungskoalition ist mit Wilders&#8216; extremen Meinungs&auml;u&szlig;erungen zum Islam konfrontiert, da dieser den Koran mit Hitlers &#8222;Mein Kampf&#8221; verglich. In seinen Reden, Kommentaren und Interviews zeigt Wilders eine immer radikaler werdende Variante der Islamphobie.[9] Diese gr&uuml;ndet sich auf einer Vielzahl von apokalyptischen Verschw&ouml;rungstheorien zur bevorstehenden Unterwerfung Europas. Am 11. September 2010 in New York war er einer der wichtigsten Sprecher bei einer Demonstration gegen den Bau eines islamischen Gebetszentrums in unmittelbarer Nachbarschaft des Ground Zero. Im eigenen Land musste sich Wilders &nbsp;von Oktober 2010 an wegen seiner harten Kritik am Islam vor Gericht verantworten, wurde aber im Juni 2011 freigesprochen. Seine &Auml;u&szlig;erungen deckten sich mit der Meinungsfreiheit. Damit konnte Wilders triumphieren und sich bei seinen Anh&auml;ngern feiern lassen.<\/p>\n<p>Aktueller Erfolg rechtspopulistischer Parteien in Westeuropa (gem&auml;&szlig; ihrer letzten Wahlen; (geordnet nach den Wahlerfolgen)<br \/>Letzte nationale Wahl&nbsp;Europawahl 2009<\/p>\n<p>Land&nbsp;Politische Partei&nbsp;Datum&nbsp;Resultate&#8216;&nbsp;Resultate2<br \/>Norwegen&nbsp;Fortschrittspartei (Fremskrittspartiet&nbsp;14\/09\/2009&nbsp;22.9%&nbsp;<br \/>Finnland&nbsp;FRP)&nbsp;17\/04\/2011&nbsp;19.0%&nbsp;9.8%<br \/>Wahre Finnen (Perussuomalaiset PS)&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br \/>&Ouml;sterreich&nbsp;Freiheitliche Partei &Ouml;sterreichs (FP&Ouml;)&nbsp;28\/09\/2008&nbsp;17.5%&nbsp;12.71%<br \/>Niederlande&nbsp;Freiheitspartei (Partij voor de Vrij-09\/06\/2010&nbsp;15.5%&nbsp;16.97%<br \/>D&auml;nemark&nbsp;heid PVV)&nbsp;15\/9\/2011&nbsp;12.3%&nbsp;14.8%<br \/>D&auml;nische Volkspartei (Dansk Folke-&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br \/>&Ouml;sterreich&nbsp;parti DF)&nbsp;28\/09\/2008&nbsp;10.7%&nbsp;4.58%<br \/>B&uuml;ndnis Zukunft &Ouml;sterreich (BZ&Ouml;)&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br \/>Italien&nbsp;Lega Nord (LN)&nbsp;14\/04\/2008&nbsp;8.3%&nbsp;10.2%<br \/>Belgien&nbsp;Vlaams Belang (VB)&nbsp;13\/06\/2010&nbsp;7.7%&nbsp;9.85%<br \/>Schweden&nbsp;Schwedendemokraten (Sverigedemok 19\/09\/2010&nbsp;5.7%&nbsp;3.27%<br \/>Frankreich&nbsp;raterna SD)&nbsp;10\/06\/2007&nbsp;4.3%&nbsp;6.3%<br \/>Front National (FN)&nbsp;&nbsp;&nbsp;<br \/>Source: parties-and-elections.de; European Parlament<\/p>\n<p>Die Auflistung soll freilich keine Homogenit&auml;t widerspiegeln, da die Parteien hin-sichtlich ihres Radikalit&auml;tsgrades ganz unterschiedlich einzustufen sind. Vlaams Belang, Front National und die Freiheitliche Partei &Ouml;sterreichs unterscheiden sich durch ihre Fremdenfeindlichkeit von den eher moderateren Formationen aus Skandinavien. Es gibtauch Grenzf&auml;lle wie die schweizerische Volkspartei, die hier nicht aufgelistet ist, da sie auch zu den konservativen Parteien gez&auml;hlt werden kann und der Einfluss von Christoph Blocher schwindet. Vom Einzelfall h&auml;ngt auch ab, welche Strategien die Mitte-Rechts-Parteien fahren. Alle Optionen wurden bereits praktiziert, wobei f&uuml;r die rechts-populistischen Parteien die Tolerierung einer Minderheitsregierung die attraktivste Variante darstellt. Das Tolerierungsmodell hat Tradition in Skandinavien (Norwegen und D&auml;nemark) und wird derzeit in den Niederlanden durch die PVV von Geert Wilders er-probt. Zur Koalitionsbildung kam es in Italien, zur Entzauberung in dieser Konstellation in &Ouml;sterreich und den Niederlanden (damals unter Pim Fortuyn). Strikte Ausgrenzungspolitik wird dagegen in Belgien und Frankreich betrieben. Nach dem Systemwechsel entfaltete der Populismus auch in Mittel- und Osteuropa seine Wirkung, was sich auch an konservativen Parteien, wie der mit einer Zweidrittel-Mehrheit derzeit elektoral erfolgreichsten rechten Volkspartei, der ungarischen Fideszpartei unter Viktor Orb&auml;n, zeigt.[10]<\/p>\n<p>Die rechtspopulistischen Parteien lassen sich von antidemokratischen, systemfeindlichen Kr&auml;ften abgrenzen. Eine Diskussion &uuml;ber m&ouml;gliche Verbindungslinien zum Extremismus, gar zum Terrorismus entfachte im Sommer 2011 der norwegische Ein-Mann-Terrorist Anders Behring Brevik. Er ist verantwortlich f&uuml;r eine Bombenexplosion im Osloer Regierungsbezirk und den Tod von insgesamt 69 Menschen am 22. Juli 2011, meist Jugendliche in einem Ferienlager der Arbeiterpartei. Er hat ein Manifest mit &uuml;ber 1500 Seiten sowie ein You-Tube-Video mit Hetztiraden gegen &#8222;Kulturmarxisten&#8221; und Islamisten unter der angeblichen Vision eines &#8222;befreiten&#8221; Europas hinterlassen. Der 32-j&auml;hrige Breivik war einst Jungfunktion&auml;r der Fortschrittspartei. Er war aus der Partei ausgetreten, da sie ihm zu moderat erschien. Obwohl Breivik im Manifest neben vieler anderen, auch aus dem Internet kopierten Verweisen auf die Erfolge rechtspopulistischer Parteien rekurriert, w&auml;re es nicht fair, eine direkte Verbindungslinie zu ziehen. Breivik muss als ein isolierter Terrorist betrachtet werden, nicht als Anh&auml;nger einer Bewegung, zu der er sich, typisches terroristisches Propagandainstrument, stilisierte.<\/p>\n<h5><span id=\"iv-systemlogik-des-populismus\">IV. Systemlogik des Populismus<\/span><\/h5>\n<p>Der Terminus Populismus (von lat, populus =Volk) ist im Vergleich zu Begriffen wie Liberalismus, Konservatismus oder Sozialismus weniger das Kind einer historischen Genealogie oder einer geistig-ideengeschichtlichen Fortentwicklung. Oftmals ist der Begriff negativ konnotiert und beschreibt den Vorwurf, jemand rede dem Volk nach dem Munde und sch&uuml;re latent vorhandene &Auml;ngste und Vorurteile. Positiv gewendet gilt der &#8222;Populist&#8221; als jemand, der die Probleme der &#8222;kleinen Leute&#8221; versteht, sie artikuliert und direkt mit dem &#8222;Volk&#8221; kommuniziert. Hier zeigt sich die Zwiesp&auml;ltigkeit des Begriffs Populismus. Einerseits verk&ouml;rpert er allein aufgrund seiner Bedeutung demokratische Ideale. Populismus ist nach dieser Logik ein fester Bestandteil von Demokratie. Andererseits, gem&auml;&szlig; dem Suffix &#8222;-Ismus&#8221;, intendiert der Terminus Populismus schon per se eine &Uuml;bersteigerung, welche sich auch gegen Normen des modernen demokratischen Verfassungsstaats, namentlich gegen Repr&auml;sentativ- k&ouml;rperschaften und demokratisch-administrative Entscheidungsprozesse, richten kann. Populismus und Demokratie stehen daher in einem Spannungsverh&auml;ltnis.<br \/>Der Rechtspopulismus umfasst ein Konglomerat von Str&ouml;mungen, die an die &#8222;einfachen Leute&#8221; und nicht an bestimmte Schichten, Klassen, Berufsgruppen oder Interessen appellieren. Sowohl privilegierte Schichten als auch gesellschaftliche Randgruppen dienen als S&uuml;ndenb&ouml;cke f&uuml;r soziale Missst&auml;nde. Hieraus ergeben sich zwei zentrale Aspekte: [11]<\/p>\n<ul>\n<li>&nbsp;Die <em>vertikale <\/em>Dimension als allgemeines Merkmal des Populismus: die Abgrenzung gegen die politische Klasse (Institutionen, Altparteien). Sie kommt in einer Stimmung des &#8222;Wir&#8221; gegen &#8222;Die-da-oben&#8221; zum Ausdruck.<\/li>\n<li>&nbsp;Die <em>horizontale<\/em> Dimension als spezifisch rechte Variante des Populismus: die Abgrenzung gegen Immigranten, Fremde und Kriminelle; das &#8222;Wir&#8221; gegen &#8222;Die-da-drau&szlig;en&#8221;.<\/li>\n<\/ul>\n<h5><span id=\"v-euroskeptizismus-als-mobilisierungsthema-der-rechtspopulisten\">V. Euros&shy;kep&shy;ti&shy;zismus als Mobili&shy;sie&shy;rungs&shy;thema der Rechts&shy;po&shy;pu&shy;listen<\/span><\/h5>\n<p>Trotz des fortschreitenden Integrationsprozesses ist das Thema &#8222;EU&#8221; in der Bev&ouml;lkerung nicht sehr popul&auml;r. Blickt man auf die von der Europ&auml;ischen Kommission ver&ouml;ffentlichten Eurobarometer-Umfragen f&auml;llt auf, dass quer &uuml;ber Europa eine leichte Mehrheit die EU f&uuml;r eine schlechte Idee h&auml;lt.[12]Die Krise der Eurozone, besonders der chronische Patient &#8222;Griechenland&#8221; verst&auml;rkt diese Furcht. Bei der j&uuml;ngsten Parlamentswahl in Finnland am 18. April 2011 wurde gegen die von der EU getragenen Portugal-Rettung mobilisiert, so dass die euroskeptische Partei &#8222;Wahre Finnen&#8221; fast aus dem Stand heraus auf beinahe 20 Prozent der Stimmen kam. Die nicht-xenophobe Partei stand im Wahlkampf daf&uuml;r, Hilfszahlungen an die Schuldenl&auml;nder zu blockieren und den Rettungspakt nachzuverhandeln. Euroskeptizismus kann dann zu einem Mobilisierungsthema werden, wenn die EU, oder besser ein Mitgliedsland von ihr, in finanzielle N&ouml;te ger&auml;t und nach europ&auml;ischer Solidarit&auml;t gefragt wird. Derzeit steht viel auf dem Spiel. Bei der Parlamentswahl in Finnland vom April 2011 profitierten mit ihrer Mobilisierung gegen Hilfsma&szlig;nahmen die &#8222;Wahren Finnen&#8221;. Generell d&uuml;rften derartige (finanzielle) Solidarit&auml;tsbekundungen innerhalb der nationalen &Ouml;ffentlichkeiten schwer zu kommunizieren sein, so dass, bei H&auml;ufung derartiger F&auml;lle, einer euroskeptischen Mobilisierung T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet w&auml;re. F&uuml;r eine euroskeptische Parteienfamilie fehlt es trotz derartiger konjunktureller Gelegenheitsstrukturen dennoch an einem strukturellem Identit&auml;tskern, Vertrauen und Solidarit&auml;t untereinander sowie einer programmatisch-strategischen Agenda, obwohl betr&auml;chtliche Teile in der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit euroskeptisch eingestellt sind.[13] Euroskeptizismus ist nicht allein eine Dom&auml;ne rechtspopulistischer Parteien, wie man bei einem Blick auf die starke euroskeptische Formation innerhalb der regierenden britischen Konservativen (&#8222;Tories&#8220;) leicht erkennen kann. Gro&szlig;britannien scheint sich mehr und mehr von dem Projekt der EU zu entfernen.<\/p>\n<p>Der Rechtspopulismus bekundet seine Skepsis gegen&uuml;ber einem zusammenwach-senden Europa. Rechtspopulistische Parteien bedienen die in der Bev&ouml;lkerung vorhan-denen Stimmungen gegen ein Europa, welches auf Kosten der eigenen nationalen Identit&auml;t von der EU bzw, der EG regiert werde. Die Europ&auml;ische Union be&auml;ugen sie gem&auml;&szlig; dem Slogan &#8222;Europa ja &#8212; EU nein!&#8221; misstrauisch. Von den rechtspopulistischen Partei-en gehen keine positiven Visionen oder Impulse f&uuml;r ein geeintes Europa aus, ganz im Gegenteil. Rechtspopulisten warnen vor einem massiven Einschnitt in die nationale Souver&auml;nit&auml;t und Identit&auml;t durch die Br&uuml;sseler Institutionen, denen es offensichtlich an B&uuml;rgern&auml;he und demokratischer Legitimation fehle. Missst&auml;nde im derzeitigen Institutionengef&uuml;ge bieten den idealen Ankn&uuml;pfungspunkt: Der EU-Politik mangelt es tats&auml;chlich an demokratischer Rechenschaftspflicht, auch wenn der Vertrag von Lissabon die Rechte des Europ&auml;ischen Parlaments st&auml;rkte.<\/p>\n<p>Das EU-Thema l&auml;sst sich in verschiedenen Variationen transparent machen. Auf diese Weise k&ouml;nnen Populisten die Schw&auml;che der europ&auml;ischen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik anprangern und damit in ihrer typischen Schwarz-wei&szlig;-Malerei ein christlich-abendl&auml;ndisches Bollwerk gegen einen unberechenbaren Islam propagieren. Oder sie prangern den freien Warenverkehr im Binnenmarkt an und machen ihn f&uuml;r die organisierte Kriminalit&auml;t verantwortlich. Sie bauen darauf, dass es ein gewaltiges Potential an antieurop&auml;ischen Ressentiments gibt, welches politisch nutzbar ist. Manche rechts-populistischen Parteien verhalten sich gegen&uuml;ber der EU ambivalent, insbesondere in Immigrationsfragen. Populisten, die l&auml;ngerfristig &#8222;&uuml;berleben&#8221; wollen, werden allem Anschein nach nicht zum Boykott der EU aufrufen, sondern vielmehr &#8222;eine &ouml;konomische und kulturelle Festung Europa&#8221; anpreisen und vermarkten.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu rechtsextremen Positionen lehnen Rechtspopulisten den europ&auml;ischen Einigungsprozess jedoch nicht ab. Vorrangig kritisieren sie das &#8222;Wie&#8221;, nicht das &#8222;Ob&#8221;. Weite Beachtung hat wohl auch daher die ph&auml;nomenologische Unterscheidung von &#8222;hartem&#8221; und &#8222;weichem&#8221; Euroskeptizismus gefunden, die Paul Taggart und Aleks Szczerbiak 2002 mit Blick auf die neuen osteurop&auml;ischen Beitrittskandidaten der EU getroffen haben. Die &#8222;weiche&#8221; Form bedeutet die qualifizierte Ablehnung bestimmter Aspekte des Integrationsprojektes oder der EU in seiner gegenw&auml;rtigen institutionellen Form. Gel&auml;ufig ist hier das Argument, nationale Interessen st&uuml;nden dem supranationalen Vertragswerk entgegen. Die &#8222;harte&#8221; Form lehnt die &#8222;Idee Europa&#8221; hingegen in ihren Grunds&auml;tzen ab, damit folgerichtig auch den Beitritt oder die Mitgliedschaft zur EU.[14] Rechtspopulisten sind in der Regel &#8222;weiche&#8221; Euroskeptiker. Rechtsextremisten hingen lehnen als harte Euroskeptiker die Idee &#8222;Europa&#8221; aus fundamentalen Gr&uuml;nden ab. So will die deutsche Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD), nicht im nationalen und europ&auml;ischen Parlament vertreten, v&ouml;llig neue Wege nach Europa beschreiten und die EU als Symbol der politischen Globalisierung aufl&ouml;sen (NPD 2006). Die EU gilt ihr als Symbol der Fremdbestimmung.<\/p>\n<p>Bei der Europawahl vom Juni 2009 sorgte eine neue rechtsextremistische Kraft in Ungarn f&uuml;r Furore. Die erst 2004 von antikommunistisch gesinnten Studierenden gegr&uuml;ndete rechtsextremistische Bewegung &#8222;Jobbik&#8221; &#8212; Jobbik ist ein Wortspiel im Ungarischen, eine Steigerung sowohl f&uuml;r &#8222;gut&#8221; wie &#8222;rechts&#8221; &#8212; holte aus dem Stand heraus 14,8 Prozent und wurde knapp hinter den Sozialisten drittst&auml;rkste Kraft, sp&auml;ter auch bei den Parlamentswahlen im Jahr 2010.[15]<\/p>\n<p>Mit Parolen wie &#8222;Ungarn geh&ouml;rt den Ungarn&#8221; ist die Partei nicht nur rechtextremistisch, romafeindlich und antisemitisch, sondern auch hart-euroskeptisch ausgerichtet. Gesicht f&uuml;r die Kampagne der Europawahl war die fr&uuml;here Frauenrechtlerin &#8211; sie arbeitete von 2003 bis 2006 im Sachverst&auml;ndigenausschuss der Vereinten Nationen und doziert Strafrecht an der staatlichen Lor&auml;nd-E&ouml;tv&ouml;s-Universit&auml;t Budapest &#8211; und jetzige fanatische Rechtsextremistin Krisztina Morvai, die auf allen Wahlplakaten zentral pr&auml;sent war. Morvai, 1963 geboren, &auml;u&szlig;erte 2010 in der Tageszeitung &#8222;Die Welt&#8221; auf die Frage: &#8222;Sie wurden ins Europaparlament gew&auml;hlt. Aber offenbar m&ouml;gen Sie Ihren Job nicht. Oder wie ist es zu erkl&auml;ren, dass Jobbik f&uuml;r Ungarns Austritt aus der EU k&auml;mpft?&#8221; Folgendes: &#8222;Wir sind nicht unbedingt f&uuml;r den Austritt aus der EU. Aber wir sind gegen die Schaffung eines europ&auml;ischen Imperiums. Wir sind dagegen, die Nationalstaaten ihrer Entscheidungsbefugnisse zu berauben und den EU-Institutionen zu &uuml;bertragen. Es gibt keinerlei Kontrolle &uuml;ber die EU-Kommission. Das ist schrecklich und undemokratisch. Ich bin euroskeptisch, aber habe die Hoffnung, dass wir die EU ver&auml;ndern k&ouml;nnen. Doch wenn das Schlimmste eintritt und wir das 2011 auslaufende Moratorium zum Landverkauf nicht neu verhandeln k&ouml;nnen, dann sollte Ungarn die EU verlassen. Wir d&uuml;rfen unser Land nicht preisgeben. Die Europ&auml;ische Union hat Ungarn mehr n&ouml;tig als wir die EU,[16]<\/p>\n<p>Beleuchtet man abschlie&szlig;end das Verh&auml;ltnis zwischen dem westeurop&auml;ischen Rechtspopulismus und den Euroskeptizismus, stellen sich zwei Fragen, die jeweils zu verneinen sind:<\/p>\n<ol>\n<li><em>Euroskeptizismus als fixes Merkmal des Rechtspopulismus<\/em>? Nein. Euroskeptizismus ist h&auml;ufig ein Kriterium f&uuml;r Rechtspopulismus. Beide Ph&auml;nomene m&uuml;ssen aber nicht Hand in Hand gehen. Rechtspopulistische Parteien greifen durchaus auch auf andere Mobilisierungsthemen als Euroskeptizismus zur&uuml;ck, beispielsweise einen generellen Anti-Islam, Immigration, soziale Versprechungen auf Kosten von Exkludierten. Freilich k&ouml;nnen diese Themen anschlussf&auml;hig zu einer umfassenden Kritik der EU sein.<br \/>&nbsp;<\/li>\n<hr class=\"clearer-white\"><!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/ol>\n<li><em>Rechtspopulismus als konstitutives Merkmal f&uuml;r Euroskeptizismus<\/em>? Nein. Euroskeptizismus kann theoretisch von allen politischen Lagern, auch von politischen Eliten vorgetragen werden. Hier spielt auch die politische Kultur eine Rolle. L&auml;nder wie Gro&szlig;britannien und &Ouml;sterreich sind traditionell euroskeptisch ausgerichtet, wie sich in Bev&ouml;lkerungsumfragen zeigt. Der politische (Eliten-)Diskurs ist dadurch stark beeinflusst. Die populistische Logik &#8222;Wir gegen Die-da-oben&#8221; eignet sich gleichwohl gut f&uuml;r das Thema &#8222;EU&#8221;. Die nicht-xenophoben &#8222;Wahren Finnen&#8221; kritisierten die nationale Regierung ebenso wie die Rettungspakete der EU f&uuml;r Portugal, ohne eine weitere rechts-populistische Agenda vorzutragen. So distanzierte sich die Partei deutlich von den Schwedendemokraten, die 2010 ebenfalls erstmalig in das nationale Parlament einziehen konnten. Der Rechtspopulismus hat den Charakter eines Prim&auml;rmerkmals, Euroskeptizismus h&ouml;chstens den des Sekund&auml;rmerkmals. So brauchen rechtspopulistische Formationen h&auml;ufig sogar Europa, wenn es um Fragen eines Schutzwalles gegen Immigration geht.<\/li>\n<h5><span id=\"vi-fazit\">VI. Fazit<\/span><\/h5>\n<p>Insgesamt wird das Bild eines parteipolitisch organisierten Euroskeptizismus wandelbar bleiben, wie der Erfolg der &#8222;Wahren Finnen&#8221; zeigt. F&uuml;r einen Europopulismus ist es sicherlich kein ausreichendes Kriterium, dass eine eurorealistische Position einfach und unberechtigterweise in ein negatives Licht ger&uuml;ckt wird Euroskeptikern kommt immerhin der Verdienst zu, Debatten &uuml;ber Legitimit&auml;t, Effizienz, das &#8222;Wie&#8221; von Integration sowie Interdependenz zwischen den nationalen Regierungen und der EU und mehr Demokratie auf dem europ&auml;ischem Level angesto&szlig;en und im Sinne des Actio-Reactio-Prinzip und des Agenda-Setting forciert zu haben.[17] Dabei ist es essentiell, eine legitime, notwendigerweise zu artikulierende Kritik an den vielen Problemlagen der EU &#8211; Demokratiedefizit, Kritik an weiteren Erweiterungen wie dem Beitritt der T&uuml;rkei, kritischer Beitrag zu b&uuml;rokratischen Ma&szlig;nahmen in einzelnen Politikfeldern wie der Landwirtschafth Skepsis gegen&uuml;ber der von den finanzstarken Mitgliedsstaaten getragenen Solidarit&auml;t f&uuml;r auch durch eigene Misswirtschaft in Not geratene Mitgliedsl&auml;nder &#8211; nicht einfach mit Euroskeptizismus zu vermengen bzw. diesen normativ, zudem pauschal negativ aufzuladen. Die Krise des Jahres 2011 sorgt daf&uuml;r, dass die europ&auml;ischen Eliten in Br&uuml;ssel offen nach einem Mehr an wirtschaftlicher und sozialer Integration schreien und diese auch forcieren werden. Das funktioniert aber nur, wenn f&uuml;r Europa und die EU erfolgreich geworben wird und konkrete Schritte f&uuml;r eine europ&auml;ische &Ouml;ffentlichkeit nicht nur bei jungen karrierebewussten und vielsprachigen Kosmopoliten eingeleitet werden. Die nationalen Medien besch&auml;ftigen sich seit der Krise 2011 vermehrt mit der Entwicklung in den Nachbarl&auml;ndern und haben dabei nicht nur die Regierungen im Blick.<\/p>\n<p>Der Integrationsprozess wird weiterhin von den Regierungen der Mitgliedsstaaten getragen, so dass Euroskeptizismus wohl eher weiterhin als die Oppositionsinstrument in den nationalen Parteienwettbewerben genutzt werden, wird. Freilich gibt es auch hier Gegentendenzen, wie in Gro&szlig;britannien zu beobachten ist. Euroskeptizismus ist im europ&auml;ischen Parteienwettbewerb, auch bedingt durch den begrenzten Einfluss der europ&auml;ischen Integration auf die nationalen Parteiensysteme, keine Mainstream-Erscheinung. F&uuml;r eine euroskeptische Parteienfamilie fehlt es trotz derartiger konjunktureller Gelegenheitsstrukturen dennoch an einem strukturellem Identit&auml;tskern, Vertrauen und Solidarit&auml;t untereinander sowie einer programmatisch-strategischen Agenda, obwohl betr&auml;chtliche Teile in der europ&auml;ischen &Ouml;ffentlichkeit euroskeptisch eingestellt sind. Diese Teile k&ouml;nnen ihren Unmut aber lediglich indirekt, &uuml;ber die Second-Order-Elections zum Europ&auml;ischen Parlament und eine im Vertrag von Lissabon zementierte, aber in der Praxis diffizil umsetzbare B&uuml;rgerinitiative kundtun. Das hei&szlig;t, es wird zu keiner populistischen oder euroskeptischen Internationalen kommen. Dem Problem des Rechtspopulismus wird also im nationalen Rahmen zu begegnen sein. Es spricht Vieles daf&uuml;r, dass die Auseinandersetzung um die Zukunft der Europ&auml;ischen Integration und der EU st&auml;rkeren Einfluss haben wird und muss. Die Eliten sollten endlich die Finalit&auml;tsdiskussion auf <i>zwei<\/i> Ebenen f&uuml;hren: in Bezug auf die Europ&auml;ische Integration und die EU als politisches System sui generis. Zudem sollte die Rechtspopulismusdebatte nicht davon ablenken, sich mit der Zukunft der repr&auml;sentativen Demokratie, dem Verh&auml;ltnis zu den Finanzm&auml;rkten sowie neuen, f&uuml;r die junge Generation ansprechende Partizipationsformen zu besch&auml;ftigen. Vor allem geht es aber um verantwortliches (nicht populistisches) Re-gieren unter dem Signum von Austerit&auml;t und Rezession in Europas Schuldenstaaten.<\/p>\n<p>[1] Mudde hat das bislang beste &Uuml;berblickswerk unter Einschluss Osteuropas verfasst. Vgl. Cas Mudde: Populist Radical Right Parties in Europe, Cambridge 2007.<br \/>[2] Florian Hartleb: Vier Konferenzen von vier verschiedenen Fraktionen (Gr&uuml;ne, Liberale, Christdemokraten und Sozialisten) zum selben Thema mit dem Titel &#8222;Neue Gefahr des Populismus&#8221; im Europ&auml;ischen Parlament (30.\/31. M&auml;rz 2011 und 21. Juni 2011) in Br&uuml;ssel, in: Zeitschrift f&uuml;r Parlamentsfragen, 42 (2), S. 466-469.<br \/>[3] Vgl. Paul Taggart: Populism, Buckingham 2000.<br \/>[4] Vgl. Anton Pelinka: Bestimmungsfaktoren des Euroskeptizismus, in: Ders.\/Fritz Plasser (Hrsg.): Europ&auml;isch Denken und Lehren. Festschrift f&uuml;r Heinrich Neisser, Innsbruck 2007, S. 233-247.<br \/>[5] Jose Manuel Dur&auml;o Barroso: in deutscher Fassung &#8222;Erneuerung Europas &#8212; Rede zur Lage der Union 2011&#8221; <a href=\"http:\/\/europa.eu\/rapid\/pressReleasesAction.do?format=HAT&amp;reference=SPEECH\/11\/607\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/europa.eu\/rapid\/pressReleasesAction.do?reference=SPEECH\/11\/607&amp;format=HAT<\/a> ML&amp;aged=0&amp;language=DE&amp;guiLanguage=en (abgerufen am 2. November 2011).<br \/>[6] Regierungserkl&auml;rung von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zum Europ&auml;ischen Rat und zum Eurogipfel am 26. Oktober 2011 in Br&uuml;ssel vor dem Deutschen Bundestag am 26. Oktober 2011 in Berlin, <a href=\"http:\/\/www.bundesregierung.de\/nn_1272\/Content\/DE\/Bulletin\/2011\/10\/111-1-bk-bt.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.bundesregierung.de\/nn_1272\/Content\/DE\/Bulletin\/2011\/10\/111-1-bk-bt.html<\/a> (abgerufen am 4. November 2011).<br \/>[7] Vgl. <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/public_opinion\/index_en.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/ec.europa.eu\/public_opinion\/index_en.htm<\/a> (konstant abrufbar mit immer aktualisierten Umfragen).<br \/>[8] Vgl. Florian Hartleb: Nach ihrer Etablierung. Rechtspopulistische Parteien in Europa. Begriff &#8212; Strategie &#8212; Wirkung, Zukunftsforum Politik, Sankt-Augustin\/Berlin 2011; ders.: After their establishment: Right-wing Populist Parties in Europe, Centre for European Studies\/Konrad-Adenauer-Stiftung, Br&uuml;ssel 2011.<br \/>[9] Vgl. zum Ph&auml;nomen Wilders und seiner Entwicklung Koen Vossen: Vom konservativen Liberalen zum Nationalpopulisten: Die ideologische Entwicklung des Geert Wilders, in: Friso Wielenga\/Florian Hartleb (Hrsg.): Populismus in der modernen Demokratie. Die Niederlande und Deutschland im Vergleich, M&uuml;nster u. a. 2011, S. 77&#8212;104.<br \/>[10] Vgl. f&uuml;r Ungarn Melani Barlai\/Florian Hartleb. Ungarischer Populismus und Rechtsextremismus.<br \/>Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die Einzelfallforschung, in: S&uuml;dosteuropa Mitteilungen, 48 (2008) 4, S. 34-5 1.<br \/>[11] Vgl. Friso Wielenga\/Florian Hartleb: Einleitung, in: Dies. (Hrsg.): Populismus in den Niederlanden<br \/>und in Deutschland im Vergleich, M&uuml;nster 2011, S. 7&#8212;16.<br \/>[12] Vgl. <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/public_opinion\/index_en.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/ec.europa.eu\/public_opinion\/index_en.htm<\/a> (konstant abrufbar mit immer aktualisierten Umfragen).<br \/>[13] Vgl. genauer Florian Hartleb: A thorn in the side of European elites: The new Euroscepticism, Centre for European Studies, Br&uuml;ssel 2011.<br \/>[14] Vgl. Paul Taggart\/Aleks Szczerbiak: Introduction: Opposing Europe? The Politics of Euroscepticism in Europe, in: Dies. (Hrsg.): Opposing Europe? Comparative and Theoretical Perspectives, Vol. 1, Oxford 2008, S. 1&#8212;15.<br \/>[15] Vgl. Melani Barlai\/Florian Hartleb: Rechtsextremismus als Posttransformationsph&auml;nomen &#8212; der Fall Ungarn, in: Totalitarismus und Demokratie, 7 (2010) 1, S. 83 -104.<br \/>[16] Krisztina Morvai: Ungarn muss notfalls aus der EU austreten, in: Die Welt vom 12. April 2010.<br \/>[17] Vgl. Cecile Leconte: Understanding Euroscepticism, Houndsmills 2010, S. 37-42.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1883],"publikationen":[2829],"class_list":["post-11760","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-florian-hartleb","publikationen-196-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zwischen Euroskeptizismus und natioalen Populismus - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/196-vorgaenge\/publikation\/zwischen-euroskeptizismus-und-natioalen-populismus\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zwischen Euroskeptizismus und natioalen Populismus - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Formationen des europ&auml;ischen Rechtspopulismus aus: Vorg&auml;nge 196 ( Heft 4\/2011), S.95-104 1. 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