{"id":11764,"date":"2011-09-13T21:00:00","date_gmt":"2011-09-13T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-37\/"},"modified":"2011-09-13T12:00:00","modified_gmt":"2011-09-13T10:00:00","slug":"editorial-37","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/195-vorgaenge\/publikation\/editorial-37\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: Vorg\u00e4nge 195 ( Heft 3\/2011), S.1<\/p>\n<p>Die Katastrophe von Fukushima markiert den Umkehrpunkt einer gro\u00dftechnologischen Entwicklung, deren Folgen sich als nicht beherrschbar erwiesen haben. Der Klimawandel verweist schon seit mehr als zwei Jahrzehnten auf die Grenzen einer wachstumsorientierten Wirtschaftsweise. Deutschland war \u00fcber Jahrzehnte ein role-model dieses Fortschrittstypus. Mit dem Atomausstieg hat es nun national eine Entwicklung eingeleitet und international ein Zeichen gesetzt, deren Aus- und Nachwirkungen noch nicht ab-sehbar sind. Denn was daraus folgt, ist nicht nur der Wechsel einer Technologie, sondern der Wandel einer Lebensweise. Das \u00fcber zwei Jahrhunderte hegemoniale Fortschrittsmodell der westlichen Gesellschaft, welches in der Entfaltung der Produktivkr\u00e4fte, der Wissenschaft und Forschung die Grundlage individueller Emanzipation, gesellschaftlicher Entwicklung und demokratischer Selbstverwirklichung des Volkes sah, steht auf dem Pr\u00fcfstand. Denn von keinem der Bestandteile dieses Modelle ist gewiss, dass es ohne die anderen fortexistieren kann, und bislang war ihre gelingende Symbiose ein Fortschrittsmodell, das global ausstrahlte &#8211; ohne allerdings global akzeptiert zu sein. Doch erweist sich noch kein anderer nationaler oder kultureller Pfad als begehenswerter. Allein die Vernunft ist derzeit ein schwacher Kompass des Fortschritts. Diese Ausgabe der vorg\u00e4nge will Pfade ausloten, deren Richtung dieser Kompass anzeigt.<\/p>\n<p><i>Markus Holzfinger<\/i> sieht die moderne Gesellschaft kalkulierbaren Fortschritts abgel\u00f6st, durch die &#132;Kontingenzgesellschaft&#148; in der eingelebte Formen der Institutionalisierung und Kollektivit\u00e4t zunehmend durch Entscheidungen bestimmt sind, ohne \u00fcber die Orientierungssicherheit zu verf\u00fcgen, diese zu f\u00e4llen. An die Stelle des homo oeconon\u00fccusist der homo creator getreten, der die Paradoxie aushalten muss, in einer Welt zu leben, in der er zunehmend selbst sein Schicksal in die Hand nehmen muss, und gleich-zeitig zu reflektieren, dass er auf Grund just dieser Optionen weit verzweigte Kausalketten in Gang setzt, deren nicht intendierte Nebenfolgen er nicht mehr \u00fcber-blickt und \u00fcber die er in der n\u00e4chsten Runde des Handelns erneut zu entscheiden hat.<\/p>\n<p><i>F\u00fcr Michael Th. Greven <\/i>ist in der Kontingenzgesellschaft eine ungefragte Geltung dessen, was genau als Fortschritt der oder in der Demokratie gelten k\u00f6nne, nicht mehr gegeben. Die Demokratie ist reflexiv geworden, das bedeutet, sie muss selbst \u00fcber ihre eigene Verfasstheit entscheiden. Zugleich muss sie auf den Wandel ihrer sozialen Umwelt antworten, wovon ihre Verfahren, Organisationen und Institutionen nicht unbeeinflusst bleiben. In der Konsequenz ist eine Erosion ihrer legitimatorischen Grundlagen zu konstatieren, welche die Angemessenheit des Begriffs Demokratie zur Beschreibung der aktuellen Herrschaftsweise fragw\u00fcrdig erscheinen l\u00e4sst.<\/p>\n<p><i>Matthias Zimmer <\/i>zeichnet die Entwicklung des Fortschrittsbegriffs von seinen Anf\u00e4ngen bis zu seiner Bl\u00fcte- und Verfallszeit in der Moderne nach und macht seine weitere Entwicklung abh\u00e4ngig von einer R\u00fcckbindung seiner Potenzen an eine normative Leitidee au\u00dferhalb der reinen materiellen Bed\u00fcrfnisbefriedigung. Ein daraus erwachsender ganzheitlicher Begriff des Fortschritts k\u00f6nne allerdings nicht verordnet werden, sondern k\u00f6nne sich nur als das Resultat einer auf den ganzheitlichen Menschen gerichteten Erziehung verstehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Michael M\u00fcller<\/i> ist der Idee des Fortschritts immer schon eine dunkle Seite der Eigentumsversessenheit und Naturvergessenheit, der Expansion und der Beschleunigung eingeschrieben, deren zerst\u00f6rerischen Potenziale zunehmend die Entwicklung bestimmen. Damit ist die Frage einer Postwachstumsgesellschaft aufgeworfen, die auf die Begrenztheit der nat\u00fcrlichen Ressourcen mit einer ein kultureller Wandel antwortet, der neue Formen von Demokratie, Wohlstand und Lebensqualit\u00e4t begr\u00fcndet.<\/p>\n<p><i>Konrad Ott<\/i> beschreibt vier politische Pfade, die in diese Postwachstumsgesellschaft f\u00fchren, die wertkonservative Wachstumskritik, die industriepolitisch gepr\u00e4gte Effizienzrevolution, das Konzept eines neuen Gesellschaftsvertrages und die DegrowtlrStrategie der neuen Linken. W\u00e4hrend er f\u00fcr Letztere keine tragf\u00e4hige gesellschaftliche Basis sieht, er\u00f6ffnen sich bei den \u00dcbrigen m\u00f6gliche \u00dcberschneidungen und Allianzen.<\/p>\n<p><i>Daniel Hausknost <\/i>bezweifelt, dass mittels technischer Innovationen der Klimakapitalismus das Klimaziel erreichen kann. Beim dar\u00fcber hinausgehenden Modell einer station\u00e4ren Wirtschaft ist hingegen die politische Durchsetzbarkeit zweifelhaft, denn es ist enorm konflikttr\u00e4chtig, weil es nicht mehr auf die sozial ausgleichenden Potenziale einer Wachstums\u00f6konomie zur\u00fcckgreifen kann. Die Demokratie st\u00fcnde von einer bislang ungeahnten Herausforderung.<\/p>\n<p><i>Rolf Rei\u00dfig<\/i> sieht die Gesellschaften der Nach-Moderne vor einer neuen &#132;Gro\u00dfen Transformation&#148; die in ihrem umw\u00e4lzenden Charakter der von Karl Polanyi beschriebenen &#132;Gro\u00dfen Transformation&#148;, hin zum modernen Kapitalismus in nichts nachsteht. Sie soll auf einen sozial\u00f6kologischen und solidarischen Entwicklungspfad f\u00fchren, doch eine Gew\u00e4hr daf\u00fcr gibt es nicht.<\/p>\n<p><i>Mathias Binswanger<\/i> sieht die treibenden Faktoren permanenten wirtschaftlichen Wachstums zum einen im subjektiven Zwang zu einer vermeintlichen Selbstoptimierung durch Konsum, Statussteigerung, Flexibilisierung und Beschleunigung &#8211; dem allerdings kein Mehr an Gl\u00fcck und Zufriedenheit entspricht. Zum Zweiten erm\u00f6glicht es eine Wohlstandsmehrung, die nicht zu Lasten anderer geht, und zum Dritten resultiert es aus den Zw\u00e4ngen einer Kreditgeldwirtschaft, Mehrwert und Kaufkraft schaffen, die dann einen erweiterten Geldkreislauf in Gang setzen.<\/p>\n<p><i>Michael Daxner <\/i>analysiert am Beispiel Afghanistans die milit\u00e4rische Implementierung einer fortschrittlichen Rule of Law in ihrer kolonisierenden R\u00fcckwirkung auf dielebensweltlichen informellen Institutionen. Deren Resultat ist ein fragmentiertes Regime, das in dem Ma\u00dfe, wie die Lebenswelt ausgegrenzt bleibt, Gewaltpotenziale her-<br \/>vorbringt.<\/p>\n<p><i>Ilse Lenz <\/i>zeigt auf, dass das lineare Fortschrittsdenken der Moderne auch in seinen progressiven Ausformungen immer auf der Ausgrenzung und teilweisen Unterdr\u00fcckung der Lebenswelt der Frau basierte. Auch die verst\u00e4rkte Flexibilisierung des Geschlechterregimes in den letzten Jahren ist keineswegs nur Befreiung, sondern birgt Ambivalenzen. Vor diesen Hintergrund gewinnen dekonstruktive Geschlechterans\u00e4tze Bedeutung, die F\u00fcrsorge und Versorgung betonen und auf eine Balance von Staat, Arbeit und Familie abheben.<\/p>\n<p><i>Veith Selk<\/i> folgt dem roten Faden utopischen Denkens, der sich von den gesellschaftsver\u00e4ndernden Entw\u00fcrfen eines Saint-Simon und eines Karl Marx bis zu dem Ideal einer rational organisierten Gesellschaft spannt, das J\u00fcrgen Habermas seinem deliberativen Modell reiner kommunikativer Vergesellschaftung zu Grunde legt.<\/p>\n<p>Ein Pl\u00e4doyer von Kurt Bergmann und Leonard Novy, die wirtschaftlich angeschlagene deutsche Presselandschaft durch gemeinn\u00fctzige Stiftungen wieder mehr zum Bl\u00fchen zu bringen, rundet diese Ausgabe der vorg\u00e4nge ab, zu der ich Ihnen wie immer eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[1445],"class_list":["post-11764","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-195-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/195-vorgaenge\/publikation\/editorial-37\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: Vorg\u00e4nge 195 ( Heft 3\/2011), S.1 Die Katastrophe von Fukushima markiert den Umkehrpunkt einer gro\u00dftechnologischen Entwicklung, deren Folgen sich als nicht beherrschbar erwiesen haben. 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