{"id":11771,"date":"2011-09-13T11:10:00","date_gmt":"2011-09-13T09:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/welcher-fortschritt-macht-gluecklicher\/"},"modified":"2011-09-13T12:00:00","modified_gmt":"2011-09-13T10:00:00","slug":"welcher-fortschritt-macht-gluecklicher","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/195-vorgaenge\/publikation\/welcher-fortschritt-macht-gluecklicher\/","title":{"rendered":"Welcher Fortschritt macht Gl\u00fccklicher?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Unsinn und Zweck wirtschaftlichen Wachstums<\/p>\n<p>aus : Vorg\u00e4nge 195 ( Heft 3\/2011), S.89-97<\/p>\n<h5><span id=\"1-glueck-und-einkommen\">1. Gl&uuml;ck und Einkommen<\/span><\/h5>\n<p>Das durchschnittliche Gl\u00fccksempfinden bzw. die Zufriedenheit der Menschen in entwickelten L\u00e4ndern nimmt schon lange nicht mehr zu, obwohl die durchschnittlichen Einkommen sich mit dem Wirtschaftswachstum stets weiter erh\u00f6hen. Das belegen zahlreiche empirische Studien und dieses Resultat ist in der Literatur auch unter dem Begriff &#132;Easterlin Paradox&#148; bekannt.[1] Es ginge den Menschen insgesamt besser, wenn sie mehr Zeit h\u00e4tten und daf\u00fcr auf zus\u00e4tzliches Einkommen verzichten w\u00fcrden. So zeigt etwa eine Untersuchung, dass Menschen, die \u00dcberstunden machen und deshalb mehr verdienen, dadurch nicht gl\u00fccklicher werden.[2] Trotzdem machen aber viele Menschen freiwillig \u00dcberstunden und streben generell nach einem immer noch h\u00f6heren Einkommen. Die interessante Frage lautet deshalb: Wenn die Menschen ein anderes Verhalten gl\u00fccklicher machen w\u00fcrde, warum \u00e4ndern sie es dann nicht?<\/p>\n<p>Der Grund liegt in den so genannten Tretm\u00fchleneffekten.[3]Auf einer Tretm\u00fchle kann man immer schneller laufen und diese immer schneller bewegen, doch man bleibt immer am selben Ort. Genau gleich verh\u00e4lt es sich mit dem menschlichen Streben, durch mehr Einkommen gl\u00fccklicher zu werden. Die Menschen werden dadurch zwar immer reicher, aber was ihr Gl\u00fccksempfinden betrifft, treten sie auf der Stelle. Die Hoffnung auf mehr Gl\u00fcck wird st\u00e4ndig entt\u00e4uscht, dennoch wird an diesem irrationalen Glauben festgehalten.<\/p>\n<p>Dass Geld nicht gl\u00fccklich macht, ist keine neue Erkenntnis. Wir alle kennen diese Redewendung seit fr\u00fcher Kindheit. Aber es gibt einen neuen Gedanken, der die alte Volksweisheit wieder in Frage stellt. Er lautet: &#132;Menschen, die behaupten, dass Geld nicht gl\u00fccklich macht, wissen nicht, wo einkaufen.&#148; Was ist nun richtig? Die \u00fcberraschende Antwort lautet: Beide Aussagen treffen heute zu. Die Gl\u00fccksforschung zeigt uns deutlich, dass mehr Einkommen die Menschen in entwickelten L\u00e4ndern im Durch-schnitt nicht gl\u00fccklicher macht[4] Doch es stimmt auch, dass wir nur selten wissen, was und wo wir einkaufen sollen, um tats\u00e4chlich gl\u00fccklicher zu werden. Dies ist aber ein viel tieferes Problem, als es die obige Aussage suggeriert. Mit der Entwicklung hin zu einer Multioptionsgesellschaft wird es immer schwieriger, die Produkte, Dienstleistungen oder Freizeitbesch\u00e4ftigungen zu finden, die wir tats\u00e4chlich br\u00e4uchten, um gl\u00fccklicher zu sein. Wir ertrinken in der F\u00fclle von M\u00f6glichkeiten und haben nur mehr selten die Zeit, eine vern\u00fcnftige Auswahl zu treffen. Der amerikanische Psychologe Barry Schwartz (2004) hat dieses Ph\u00e4nomen in seinem Buch &#132;The Tyranny of Choice&#148; (dt.: Anleitung zur Unzufriedenheit) eindringlich beschrieben. Er zeigt, wie die wachsende Zahl an Produkten und Dienstleistungen und die immer zahlreicher werdenden M\u00f6glichkeiten der Freizeitgestaltung, also die Auswahl zunehmend zur Tyrannei wird. Und diese Tyrannei ist bereits ein Teil der Erkl\u00e4rung, warum Menschen mit steigendem Einkommen nicht gl\u00fccklicher werden.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass es zwar immer mehr Produkte und Dienstleistungen gibt, aber Dinge wie Liebe, Erfolg, Gesundheit oder Sch\u00f6nheit, die wirklich gl\u00fccklich machen w\u00fcrden, sind nach wie vor nur selten k\u00e4uflich erwerbbar. Zwar zeigt die Werbung st\u00e4ndig Menschen, die dank neuer Produkte, Seminare, Kurse oder Di\u00e4ten liebesf\u00e4higer, erfolgreicher, sch\u00f6ner und ges\u00fcnder geworden sind. Doch wenn man es dann selbst versucht, scheitert man oft kl\u00e4glich. Das &#132;Nicht-Wissen, wo einkaufen&#148; ist f\u00fcr den modernen Menschen zu einem existenziellen Zustand geworden, der ihn auf unangenehme Weise an seine eigenen Grenzen in einer Gesellschaft der scheinbar unbegrenzten M\u00f6glichkeiten erinnert. Mehr Einkommen in mehr Gl\u00fcck zu verwandeln, wird somit zunehmend zur Sisyphusarbeit.<\/p>\n<p>Wir sollten uns wieder auf den eigentlichen Daseinszweck der Wirtschaft besinnen, den George Bernhard Shaw folgenderma\u00dfen beschrieben hat: &#132;\u00d6konomie ist die Kunst, das Beste aus unserem Leben zu machen.&#148; Mit anderen Worten: Es geht nicht um Einkommensmaximierung, sondern um Gl\u00fcck, Zufriedenheit, Lebensqualit\u00e4t oder noch wissenschaftlicher ausgedr\u00fcckt, subjektives Wohlbefinden. Wozu sonst verdient man schlie\u00dflich sein Geld, das man ja bekanntlich am Ende des Lebens nicht mitnehmen kann?<\/p>\n<p>Der Ausbruch aus den Tretm\u00fchlen ist allerdings kein einfacher Prozess, denn diese sind gleichzeitig auch treibende Kr\u00e4fte des Wirtschaftswachstums. Einerseits erm\u00f6glichen sie unseren Wohlstand, aber auf der anderen Seite hindern sie uns an einem gl\u00fccklicheren Leben. Mit anderen Worten: Ohne Tretm\u00fchlen gibt es kein Wirtschaftswachstum und ohne Wachstum geraten moderne Volkswirtschaften in ernsthafte Schwierigkeiten. Dahinter steckt ein grunds\u00e4tzliches Dilemma moderner Wirtschaften.<\/p>\n<h5><span id=\"ii-was-ist-das-ziel-oekonomischer-taetigkeit\">II. Was ist das Ziel &ouml;kono&shy;mi&shy;scher T&auml;tigkeit?<\/span><\/h5>\n<p>Aus \u00f6konomischer Sicht geht es bei der Suche nach der Verwirklichung eines gl\u00fccklichen Lebens um einen zweistufigen Prozess. Erstens m\u00fcssen wir ein Einkommen erzielen, damit wir uns die Dinge \u00fcberhaupt leisten k\u00f6nnen, die wir f\u00fcr ein gl\u00fcckliches Leben brauchen. In dieser Hinsicht sind wir in den Industriel\u00e4ndern im Allgemeinen Profis. Von klein auf lernen wir die F\u00e4higkeiten, die es braucht, um in der Arbeitswelt Karriere zu machen und viel Geld zu verdienen. Leider reicht das aber nicht aus, wie viele Menschen in ihrem sp\u00e4teren Leben schmerzlich erfahren m\u00fcssen. Man muss auch -iri dcr-Lagc-se\u00fci; das ve~ete-Einkommen so zu verwenden,-dass es tats\u00e4chlich gl\u00fccklich macht. Das ist die zweite und noch schwierigere Stufe bei der Verwirklichung eines gl\u00fccklichen Lebens. Und in dieser Beziehung sind wir oft grauenhafte Amateure. So gut wir beim Geldverdienen sein m\u00f6gen, so schlecht sind wir bei der Umsetzung des Einkommens in Gl\u00fcck oder Zufriedenheit. Die daf\u00fcr erforderlichen F\u00e4higkeiten, die sich mit dem franz\u00f6sischen Begriff &#132;Savoir-vivre&#148; oder dem deutschen Wort &#132;Lebenskunst&#148; umschreiben lassen, werden uns in der Schule nicht beigebracht.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der nur ans Geldverdienen und Karrieremachen denkt, handelt in Wirklichkeit un\u00f6konomisch, weil er damit sein Gl\u00fcck nicht maximiert. Er verh\u00e4lt sich ineffizient, und zwar in dem Sinn, dass er seine ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Ressourcen nicht optimal nutzt. Die wesentlichen Ressourcen f\u00fcr den einzelnen Menschen sind Zeit und Geld. Das Ziel muss sein, den optimalen Mix von Zeit und Geld zu finden, der zu einem m\u00f6glichst gl\u00fccklichen Leben f\u00fchrt. Bei der Frage nach dem Gl\u00fcck des Einzelnen trifft sich somit die \u00f6konomische Betrachtungsweise mit der Psychologie bzw. der Philosophie. Daher sollte nicht weiter \u00fcberraschen, dass \u00d6konomen sich in neuster Zeit verst\u00e4rkt mit dem Gl\u00fccksthema besch\u00e4ftigen. Es geht um eine R\u00fcckbesinnung auf den eigentlichen Zweck des Wirtschaftens, der nicht in der Einkommensmaximierung sondern in der F\u00fchrung eines gl\u00fccklichen Lebens besteht.<\/p>\n<p>Die hier vertretene \u00f6konomische Perspektive deckt sich wesentlich mit der Auffassung des Philosophen Jeremy Bentham (1789), der vor mehr als zweihundert Jahren in England lebte. Bentham ging davon aus, dass die Menschen nach einem gl\u00fccklichen Leben streben und die beste Gesellschaft demzufolge diejenige ist, in der die Menschen insgesamt am gl\u00fccklichsten sind. In der Folge erwies sich dieser zun\u00e4chst einleuchtende Gedanke allerdings als problematisch. Wie sollte man feststellen, wie gl\u00fccklich die Menschen insgesamt in einem Land sind? Und was hei\u00dft das \u00fcberhaupt: &#132;gl\u00fccklich sein&#148;? Diesen Fragen f\u00fchlten sich die \u00d6konomen bald nicht mehr gewachsen und so strichen sie den Begriff des Gl\u00fccks aus ihrer Theorie und ersetzten ihn durch den harmloseren Begriff des Nutzens. Harmlos ist dieser Begriff insofern, als er vorsichtshalber so definiert wurde, dass er gar nicht messbar ist. Der Nutzen, so wie er heute in der \u00f6konomischen Theorie verwendet wird, ist eine so genannte ordinale Gr\u00f6\u00dfe. Es lassen sich nur Aussagen dar\u00fcber machen, ob der Nutzen eines Individuums durch bestimmte Handlungen zu- oder abnimmt, aber nicht, um wie viel er zu- oder abnimmt. Aus diesem Grund l\u00e4sst sich der Nutzen verschiedener G\u00fcter nicht einfach addieren und auch der Nutzen verschiedener Menschen l\u00e4sst sich nicht quantitativ vergleichen. Beobachten k\u00f6nnen wir gem\u00e4\u00df der Annahmen der heutigen Standard\u00f6konomie nur die Folgen der Nutzenmaximierung der Individuen. Diese f\u00fchrt dazu, dass die Menschen, wenn sie rational handeln, das tun, was f\u00fcr sie am besten ist. Und tun sie das nicht, dann verhalten sie sich irrational, womit die meisten \u00d6konomen bis vor Kurzem nichts zu tun haben wollten. Erst in neuester Zeit erkennt auch die \u00f6konomische Forschung, dass man das Verhalten der Menschen nur verstehen kann, wenn man ihnen eine geh\u00f6rige Portion Irrationalit\u00e4t zugesteht.<\/p>\n<p>In der wirtschaftlichen und politischen Praxis konnte man mit dem nicht messbaren und blutleeren Nutzenbegriff der \u00d6konomie allerdings nie viel anfangen. Dort steht bis heute das Wachstum des Bruttoinlandproduktes im Mittelpunkt des Interesses und nicht, wie sich dies Bentham vorgestellt hatte, das Gl\u00fcck der Menschen. Doch wenn Wachstum nicht gl\u00fccklicher macht, dann macht die einseitige Ausrichtung der wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit am Wachstum auch keinen Sinn .[5] In der \u00f6konomischen Theorie ist Wachstum ein Mittel und nicht ein Zweck. In der Realit\u00e4t ist dieses Mittel aber l\u00e4ngst zum Zweck geworden, und kaum jemand spricht heute mehr von einem gl\u00fccklichen Leben, wenn es um wirtschaftliche Fragestellungen geht. Doch so langsam d\u00e4mmert es einigen Menschen, dass wir uns verrannt haben. Das erkennt man etwa daran, dass die permanente Steigerung von Effizienz, Produktivit\u00e4t, Innovationsf\u00e4higkeit, Wettbewerbsf\u00e4higkeit und Rentabilit\u00e4t zu modernen Glaubensdogmen geworden sind. F\u00fcr heutige Manager gibt es kein hehreres und sch\u00f6neres Ziel als die Steigerung der eben genannten Gr\u00f6\u00dfen. Man muss nicht mehr wissen, warum man die Effizienz oder Produktivit\u00e4t erh\u00f6ht, denn eine solche Erh\u00f6hung ist an sich gut. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum. Steigerungen von Effizienz oder Produktivit\u00e4t f\u00fchren h\u00e4ufig zu einer Beschleunigung der in diesem Buch geschilderten Tretm\u00fchleneffekte und verhindern (damit) das Gl\u00fcck, statt es zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<h5><span id=\"iiidas-dilemma-moderner-wirtschaften\">III.Das Dilemma moderner Wirtschaften<\/span><\/h5>\n<p>Jede Zeit produziert ihre eigenen Verr\u00fccktheiten, die dann sp\u00e4ter kaum mehr nachvollziehbar sind. Schon heute fragen wir uns, wie es m\u00f6glich war, dass sich die Menschen in Russland und anderen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern ihr Leben \u00fcber fast 100 Jahre mit dem Kommunismus vermiesen lie\u00dfen. Und unser Verst\u00e4ndnis h\u00f6rt ganz auf, wenn es um Inquisition oder Hexenverbrennungen geht, womit Kirche und staatliche Justiz \u00fcber lange Zeit Angst und Schrecken verbreiteten. Doch wir sollten vorsichtig sein. Sp\u00e4tere Generationen werden sich wahrscheinlich auch einmal fragen, warum sich die Menschen in der heutigen Gesellschaft trotz eines zuvor nie da gewesenen Wohlstands st\u00e4ndig noch mehr stressen lie\u00dfen, statt diesen Wohlstand zu genie\u00dfen. Vor fast 2000 Jahren degenerierte das damals reiche Rom, weil sich seine B\u00fcrger buchst\u00e4blich zu Tode am\u00fcsierten. Im Vomitorium steckten sie sich einen Finger in den Hals, um die gerade genossenen Leckerbissen wieder heraus zu kotzen, damit sie noch mehr K\u00f6stlichkeiten zu sich nehmen konnten. So erfanden die alten R\u00f6mer st\u00e4ndig noch perversere und raffinierte Methoden, um ihren Wohlstand zu verprassen. Doch dieser Degenerationsprozess war immerhin unterhaltsam und mit einem &#151; wenn auch fragw\u00fcrdigen &#151; Genuss verbunden. In den Industriel\u00e4ndern laufen wir heute jedoch Gefahr, auf eine viel unattraktivere Art zu degenerieren. Es lohnt sich, dagegen etwas zu unternehmen.<\/p>\n<p>Obwohl die Tretm\u00fchlen des Gl\u00fccks sich auf das Wohlbefinden des Einzelnen negativ auswirken, ist unsere heutige Wirtschaft auf diese angewiesen. W\u00fcrden die Tretm\u00fchlen komplett verschwind&#8217;en, g\u00e4be es bald auch kein Wirtschaftswachstum mehr. Das ist das grundlegende Dilemma, welches heute f\u00fcr entwickelte Volkswirtschaften charakteristisch ist. Die Tretm\u00fchlen hindern uns daran, mit dem durch das Wirtschaftswachstum stets zunehmenden Wohlstand gl\u00fccklicher zu werden. Aber sie sind gleichzeitig eine Voraussetzung f\u00fcr dieses Wachstum. Die Werbung und die Massenmedien ermuntern uns deshalb unaufh\u00f6rlich, die Tretm\u00fchlen weiter laufen zu lassen, denn sonst w\u00e4re das Wirtschaftswachstum bedroht.<\/p>\n<p>Hoffnung auf eine immer noch bessere Zukunft ist essentiell f\u00fcr das Wirtschaftswachstum. Das eben beschriebene Dilemma f\u00fchrt dazu, dass es zwischen den beiden Zielen Gl\u00fcck und Wachstum keine Harmonie gibt. G\u00e4be es keine Statustretm\u00fchle, dann w\u00fcrden die Menschen viel weniger Geld f\u00fcr teure Statusg\u00fcter ausgeben. G\u00e4be es keine Anspruchstretm\u00fchle, dann w\u00fcrden die Menschen nicht st\u00e4ndig Geld f\u00fcr materielle G\u00fcter ausgeben, an denen sie nach k\u00fcrzester Zeit die Freude verlieren. G\u00e4be es keine Multioptionstretm\u00fchle, dann w\u00fcrden die Menschen den Konsum auf ein paar wenige Produkte beschr\u00e4nken, deren M\u00e4rkte meist l\u00e4ngst ges\u00e4ttigt sind. Und g\u00e4be es keine Zeitspartretm\u00fchle, dann w\u00fcrden die Menschen einfach damit anfangen, ihre Freizeit zu genie\u00dfen, statt immer wieder Geld f\u00fcr neue zeitsparende L\u00f6sungen auszugeben.[6].Die Suche nach Status, die steigenden Anspr\u00fcche, die st\u00e4ndige Suche nach neuen und besseren Optionen und die stetigen Versuche, noch mehr Zeit zu sparen, bewirken ein st\u00e4ndiges Wirtschaftswachstum, da die Menschen sich stets eine noch bessere Welt in der Zukunft erhoffen.[7] Das Wachstum h\u00e4ngt somit an den Tretm\u00fchlen genauso wie an der Tatsache, dass man sich ihrer im Alltag nicht bewusst ist: Die Hoffnung auf eine immer noch bessere Zukunft ist essentiell f\u00fcr das Wirtschaftswachstum, auch wenn diese Hoffnung st\u00e4ndig aufs Neue entt\u00e4uscht wird.<\/p>\n<p>Bereits der Vater der modernen Volkswirtschaftlehre, Adam Smith, hat in seinem Buch &#132;Theorie der ethischen Gef\u00fchle&#148; das Heilsversprechen eines ewigen Wachstums als einen gewaltigen T\u00e4uschungsprozess beschrieben. Dort f\u00fchrt er aus, dass sich Menschen oft erst in hohem Alter oder bei Krankheit der Endlichkeit des Lebens bewusst werden. In solchen Momenten erkennen sie dann, wie sie ihr Leben mit ihrem st\u00e4ndigen Streben nach mehr materiellem Wohlstand vertan haben. W\u00f6rtlich schreibt Smith (1977, S. 314).<\/p>\n<p>&#132;Reichtum und Macht erscheinen jedem, sobald er durch Verdrossenheit oder Krankheit dahin gebracht wurde, seine eigene Lage mit Aufmerksamkeit zu beobachten und zu \u00fcberlegen was es ist, das ihm tats\u00e4chlich zur Gl\u00fcckseeligkeit fehlt, in einem erb\u00e4rmlichen Licht. Macht und Reichtum erscheinen ihm dann als das, was sie wirklich sind, als ungeheure und m\u00fchsam konstruierte Maschinen, ersonnen, um ein paar wertlose Bequemlichkeiten f\u00fcr k\u00f6rperliches Wohlbefinden zustande zu bringen.&#148;<\/p>\n<p>Doch Smith argumentiert weiter, dass letztlich unser ganzer Wohlstand nur dadurch zustande gekommen ist, dass sich die Menschen st\u00e4ndig durch die Versprechungen des Wachstums blenden lassen. Deshalb ist dieser T\u00e4uschungsprozess eine Notwendigkeit f\u00fcr einen andauernden Wachstumsprozess. Doch lassen wir den Meister wieder selbst sprechen (Smith, 1977, S. 315):<\/p>\n<p>&#132;Es ist gut, dass die Natur uns in dieser Weise betr\u00fcgt. Denn diese T\u00e4uschung ist es, was den Flei\u00df der Menschen erweckt und in best\u00e4ndiger Bewertung erh\u00e4lt. Sie ist es, was sie zuerst antreibt, den Boden zu bearbeiten, H\u00e4user zu bauen, St\u00e4dte und staatliche Gemeinwesen zu gr\u00fcnden, alle die Wissenschaften und K\u00fcnste auszubilden, &#8230; die die rauen Urw\u00e4lder in angenehme und fruchtbare Ebenen verwandeln und das pfadlose, \u00f6de Weltmeer zu einer neuen Quelle von Einkommen und zu der grossen Heerstrasse des Verkehrs gemacht haben &#8230; Durch diese M\u00fchen der Menschen ist die Erde gezwungen worden, ihre nat\u00fcrliche Fruchtbarkeit zu verdoppeln und eine gr\u00f6\u00dfere Menge von Einwohnern zu erhalten.&#148;<\/p>\n<p>Die Natur hat also mit ihrer T\u00e4uschung des Menschen daf\u00fcr vorgesorgt, dass dieser sich stets flei\u00dfig bem\u00fcht, den allgemeinen Wohlstand zu erh\u00f6hen. Davon profitieren letztlich alle durch einen h\u00f6heren Wohlstand, doch gl\u00fccklicher werden sie dadurch nicht. Adam Smith hat die Ambivalenz des Wirtschaftswachstums schon damals erkannt, doch die dann folgende Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung dr\u00e4ngte diese \u00dcberlegungen wieder in den Hintergrund.<\/p>\n<p>Mehr als zwei Jahrhunderte nach Adam Smith haben wir einen Wohlstand erreicht, den Smith sich nicht einmal ertr\u00e4umen konnte. Deshalb l\u00e4sst sich die Frage stellen, ob wir denn angesichts dieses Wohlstandes \u00fcberhaupt noch ein weiteres Wachstum brauchen. M\u00fcssen wir uns stets weiter t\u00e4uschen und uns eine gl\u00fccklichere Zukunft vorgaukeln lassen, die dann nie eintritt? Sollten wir nicht anfangen, uns auf das Gl\u00fcck bzw. das Wohlbefinden der Menschen zu konzentrieren, statt einfach immer weiterzuwachsen, ohne gl\u00fccklicher zu werden?<\/p>\n<p>Das sind berechtigte Fragen, und man k\u00f6nnte leicht zum Schluss kommen, dass wir eigentlich kein Wachstum mehr brauchen.[8] Doch wenn wir uns die aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussionen anschauen, dann steht Wachstum nach wie vor ganz hoch im Kurs. Ein Jahr ohne Wachstum wird in praktisch allen L\u00e4ndern als nationale Katastrophe empfunden. Und h\u00e4lt eine Wachstumsschw\u00e4che \u00fcber mehrere Jahre an, dann werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Wachstum scheint also wichtig zu sein, obwohl in den Industriel\u00e4ndern f\u00fcr eine Mehrheit der Menschen die materiellen Bed\u00fcrfnisse l\u00e4ngst gedeckt sind und obwohl empirische Untersuchungen aufzeigen, dass das Gl\u00fcck der Menschen mit weiterem Einkommen im Durchschnitt nicht mehr ansteigt. Weshalb ist das Wirtschaftswachstum also immer noch so wichtig?<\/p>\n<p>Folgendes gilt es dabei zu bedenken. Dank des Wachstums ist die Wirtschaft kein Nullsummenspiel: Wachstum erm\u00f6glicht einzelnen Wirtschaftsakteuren, einen Gewinn zu machen bzw. das Einkommen zu erh\u00f6hen, ohne dass sich dadurch der Gewinn bzw. das Einkommen bei anderen Wirtschaftsakteuren verringern muss. Das Wirtschaftswachstum befreit uns von der Tyrannei eines Nullsummenspiels, bei dem jeder Gewinn einen Verlust (bzw. eine Gewinnminderung) bei anderen Wirtschaftsakteuren bedingt. Das ist nat\u00fcrlich angenehm, da andere Menschen reich werden k\u00f6nnen, ohne dass man selbst etwas hergeben muss. Diese Tatsache ist sowohl f\u00fcr die Einkommensverteilung innerhalb der einzelnen L\u00e4nder als auch in globalem Rahmen zwischen den L\u00e4ndern von Bedeutung. In den heute hoch industrialisierten L\u00e4ndern erlaubte es das Wirtschaftswachstum breiten Schichten, einen ansehnlichen Wohlstand zu erreichen, ohne dass die Oberschicht von ihrem Reichtum hergeben musste. Die Arbeiterschaft wurde langfristig nicht ausgebeutet, wie Marx dies noch annahm, sondern partizipierte an dem durch das Wirtschaftswachstum stets steigenden Wohlstand und ist heute als eigene Klasse praktisch verschwunden. Aber auch in globalem Rahmen und f\u00fcr die Einkommensverteilung zwischen den L\u00e4ndern ist Wachstum gerade f\u00fcr die Industrienationen eine angenehme Sache. Durch das globale Wirtschaftswachstum k\u00f6nnen Entwicklungsl\u00e4nder reich werden, ohne dass wir, in den hoch entwickelten Industrienationen, etwas von unserem Wohlstand einb\u00fc\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Innerhalb von entwickelten Industriel\u00e4ndem erm\u00f6glichte das Wirtschaftswachstum somit die Kombination von zwei Zielen, die zun\u00e4chst diametral entgegengesetzt zu sein scheinen: die Kombination von arbeitssparendem technischem Fortschritt mit dem Ziel der Vollbesch\u00e4ftigung. Die ganze industrielle Entwicklung ist gepr\u00e4gt durch den Ersatz von Arbeitern durch Maschinen in der Produktion, was gleichzeitig eine Ersetzung von Arbeit durch Energie bedeutet. Die Industrieunternehmen konnten im Wettbewerb der sich entwickelnden kapitalistischen Wirtschaftssysteme langfristig nur \u00fcberleben, indem sie sich durch Nutzbarmachung des technischen Fortschritts (Innovationen) immer wieder Wettbewerbsvorteile verschafften. So f\u00fchrte das Ziel der Gewinnmaximierung bei den Unternehmen zu arbeitssparendem technischem Fortschritt, bei dem teurer werden-de Arbeit durch billiger werdende Energie (zuerst Kohle, sp\u00e4ter Erd\u00f6l) ersetzt wurde. Dass trotzdem nicht immer mehr Arbeiter ihren Job verloren (mit Ausnahme der Zeiten von Wirtschaftskrisen), ist dem Wirtschaftswachstum zu verdanken. Im 20. Jahrhundert erfolgte die Schaffung zus\u00e4tzlicher Arbeitspl\u00e4tze dann allerdings immer mehr \u00fcber den Dienstleistungssektor und heute ist das der einzige Wirtschaftssektor der netto noch Arbeitspl\u00e4tze schaffen kann.<\/p>\n<p>Doch der wichtigste Grund, weshalb wir so sehr auf Wachstum fokussiert sind, ist in der Tatsache begr\u00fcndet, dass moderne Wirtschaften so genannte Kreditgeldwirtschaften sind.[9] Zusammengefasst l\u00e4sst sich der Wachstumsprozess in einer Kreditgeldwirtschaft, folgenderma\u00dfen beschreiben: Das Wachstum wird durch neue Investitionsprojekte in Gang gebracht, welche in Zukunft eine Zunahme der Produktion von G\u00fctern und Dienstleistungen erm\u00f6glichen. Die Investitionsausgaben k\u00f6nnen dabei in modernen Kreditgeldwirtschaften durch Bankkredite finanziert werden, ohne dass bereits entsprechende Ersparnisse vorhanden sind. Durch diese Kredite entsteht zus\u00e4tzliches Geld und es wird zus\u00e4tzliche Kaufkraft geschaffen, die unmittelbar zu mehr Einkommen und da-mit auch zu mehr Konsum von G\u00fctern und Dienstleistungen f\u00fchrt. Dadurch steigen die Gewinne der Unternehmen, aus welchen diese die Zahlungen der Zinsen und Risikopr\u00e4mien f\u00fcr das Fremdkapital sowie der Dividenden f\u00fcr das Eigenkapital bezahlen k\u00f6nnen. Diese Zahlungen, das hei\u00dft die Zinsen, Risikopr\u00e4mien und die Dividenden, flie\u00dfen gr\u00f6\u00dftenteils wieder in den Wirtschaftskreislauf zur\u00fcck und sorgen ebenfalls f\u00fcr zus\u00e4tzliche Nachfrage.<\/p>\n<p>Kommt dieser Wachstumsprozess hingegen ins Stocken, dann rentieren sich die Investitionen nicht mehr, da kein zus\u00e4tzliches Einkommen mehr mit ihnen erzielt wird. Die Unternehmen sind dann nicht mehr in der Lage, l\u00e4ngerfristig Zinsen, Risikopr\u00e4mien und Dividenden zu bezahlen. Ein Teil der Unternehmen geht Konkurs und die ganze Wirtschaft ger\u00e4t in eine schwere Krise und beginnt zu schrumpfen. Nur Wachstum kann das verhindern. Es ist der fundamentale Zusammenhang zwischen Investitionen, Kreditgeldsch\u00f6pfung und Gewinnen, der das Wachstum einerseits erm\u00f6glicht, aber andererseits auch erforderlich macht. Intuitiv wissen das auch viele Unternehmer und Manager, selbst wenn sie daf\u00fcr keine tiefere Begr\u00fcndung liefern. So meint etwa Jack Greenberg von McDonald&#8217;s[10]: &#132;Wenn man nicht w\u00e4chst, dann schrumpft man. Es ist nicht so, dass man den Status quo halten k\u00f6nnte.&#148; Mit andern Worten, es gibt nur die Alternativen Wachstum oder Schrumpfung, aber keine M\u00f6glichkeit einer langfristig station\u00e4ren Wirtschaft.<\/p>\n<p>Global betrachtet braucht es also Wachstum, damit die heutige Wirtschaft funktioniert, und die Tretm\u00fchlen sind eine Voraussetzung daf\u00fcr, dass dieses Wachstum immer weiter geht. Allerdings ist damit noch nichts dar\u00fcber ausgesagt, wie stark die Wirtschaft tats\u00e4chlich wachsen muss. Oder, um die Frage etwas anders zu formulieren: Um wie viel k\u00f6nnen wir das Wachstum verlangsamen, ohne dass die Funktionsweise der Wirtschaft beeintr\u00e4chtigt wird? Ziel sollte nicht mehr ein m\u00f6glichst hohes Wachstum sein, sondern ein Wachstum, bei dem die Tretm\u00fchleneffekte m\u00f6glichst gering sind. Der daf\u00fcr vorhandene Spielraum ist bis heute noch nicht ausgelotet.<\/p>\n<p>[1] Das Easterlin Paradox beschreibt die Tatsache, dass zwar in einem Land zu einem bestimmten Zeitpunkt die Zufriedenheit der einzelnen Menschen tendenziell umso gr\u00f6\u00dfer ist, je mehr Einkommen sie haben, dass aber ihre durchschnittliche Zufriedenheit l\u00e4ngerfristig mit dem Wirtschaftswachstum nicht zunimmt. Mit andern Worten: die Reichen sind zufriedener als die Armen, aber insgesamt tritt die Gesellschaft trotz Wachstum gl\u00fccksm\u00e4\u00dfig an Ort und Stelle. Siehe dazu die Arbeiten von Easterlin im Literaturverzeichnis.<br \/>[2] Siehe Golden and Wiens-Tuers (2006).<br \/>[3] Diese Tretm\u00fchlen sind ausf\u00fchrlich beschrieben in Binswanger (2006a) und Binswanger (2006b).<br \/>[4] Allerdings macht mehr Einkommen auch nicht ungl\u00fccklicher, wie manchmal ebenfalls behauptet wird.<br \/>[5] Siehe etwa Layard (2005).<br \/>[6] Siehe die Kapitel 7 bis10 in Binswanger (2006a).<br \/>[7] Ewiges Wachstum, welches ein immer besseres Leben im Diesseits verspricht ist zur neuen Heilsbotschaft in der heutigen Zeit geworden. Sie hat die alte christliche Heilsbotschaft vom ewigen Leben abgel\u00f6st. Siehe dazu Binswanger (2006c).<br \/>[8] Die Frage nach der Notwendigkeit des Wachstums wurde schon zu Beginn der 70er Jahre vom Club of Rome in seinem Bericht &#132;Grenzen des Wachstums&#148; gestellt, wenn auch aus einem anderen Grund. Damals schien es so, als ob die nat\u00fcrlichen Ressourcen (vor allem das Erd\u00f6l) dem Wachstum in naher Zukunft eine Grenze setzen w\u00fcrden, was sich dann allerdings in der Folge als eine zu pessimistische Annahme herausstellte. Aber die Frage nach der Notwendigkeit des Wachstums war gestellt und wurde seither immer wieder diskutiert.<br \/>[9] Siehe dazu ausf\u00fchrlicher das Kapitel 11 in Binswanger (2006a) sowie Binswanger (2009).<br \/>[10] Zitiert aus Csikszentmihaly (2004), 5.183.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2160],"publikationen":[1445],"class_list":["post-11771","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-mathias-binswagner","publikationen-195-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Welcher Fortschritt macht Gl\u00fccklicher? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/195-vorgaenge\/publikation\/welcher-fortschritt-macht-gluecklicher\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Welcher Fortschritt macht Gl\u00fccklicher? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00dcber Unsinn und Zweck wirtschaftlichen Wachstums aus : Vorg\u00e4nge 195 ( Heft 3\/2011), S.89-97 1. 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