{"id":11799,"date":"2011-03-01T19:00:00","date_gmt":"2011-03-01T18:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/risikotransfer-kriege\/"},"modified":"2021-09-05T20:59:38","modified_gmt":"2021-09-05T18:59:38","slug":"risikotransfer-kriege","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/193-vorgaenge\/publikation\/risikotransfer-kriege\/","title":{"rendered":"Risikotransfer-Kriege"},"content":{"rendered":"<p>Zu den milit&auml;rischen, politischen und rechtlichen Implikationen neuer Waffentechnologien;<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr.  193, Heft 1\/2011, S. 107-117<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-einleitung\">I. Einleitung<\/span><\/h2>\n<p>Vor acht Jahren, im Jahr 2002, brachten die USA das erste Mal einen Terroristen mit Hilfe einer Drohne um: Ali Kaid Sinjan al-Harithi. Was damals eine Sensation war, ist mittlerweile zur Routine geworden. Was sich derzeit in Amerikas &bdquo;Krieg gegen den Terror&rdquo; beobachten l&auml;sst, ist die massive Expansion einer neuen Methode der Kriegsf&uuml;hrung: der ferngesteuerte Krieg durch Drohnen. Es ist ein Krieg, in dem sich schnelle Erfolge verbuchen lassen und Entscheidungen im Schattenreich der CIA stattfinden, die die Befehlsgewalt &uuml;ber die Drohnen besitzt. Die Evolution dieses Krieges steht weltweit gesehen erst am Anfang. Aber sie bringt es mit sich, dass inzwischen viele L&auml;nder (etwa 40 Staaten) Drohnen bauen.<\/p>\n<p>Die aufgeflammte Diskussion um den amerikanischen Drohnenkrieg lenkt die sozialwissenschaftliche Aufmerksamkeit auf einen zentralen Aspekt, den der amerikanische Kriegssoziologe Martin Shaw vor einiger Zeit als Risikotransfer-Krieg (Risk-Transfer-War) bzw. Risikotransfer-Militarismus bezeichnet hat (Shaw 2005; 2006). Das Ziel von Risikotransfer-Kriegen besteht nach Shaw darin, die Risiken und die Kosten politisch-milit&auml;rischer Eingriffe auf das Milit&auml;r, den Gegner und die Zivilisten (Kollateralsch&auml;den) der gegnerischen Seite abzuw&auml;lzen. &bdquo;Die Hauptrisiken, als direktes Resultat milit&auml;rischen Handelns zu sterben, werden auf die feindlichen Truppen transferiert.&rdquo; (Shaw 2006: 161) Deswegen fokussieren sich westliche Staaten auf bestimmte Transferregeln, die bei der Programmierung eines spezifischen Milit&auml;reinsatzes regelleitend sind. Der Drohnenkrieg w&auml;re demnach die derzeit letzte Station einer Kriegsstrategie, in der das Grundprinzip des Risikotransfers zum strategischen Zielelement wird. Es besteht dabei kein Zweifel, dass die neue milit&auml;rische &Auml;ra, die durch das automatisierte T&ouml;ten anbricht, unter Zuhilfenahme wirkm&auml;chtiger Technologien zustande kommt. Auf der anderen Seite lassen sich die technischen Dimensionen nur vor dem Hintergrund der ma&szlig;geblichen Ver&auml;nderungen in Strategie und Organisationsstruktur moderner Heere und deren soziokultureller Entwicklung interpretieren. Der Risikotransfer-Militarismus ist insofern Spiegelbild der internationalen Politik. Der R&uuml;ckgriff auf Hightech-Waffen wird als strategisches Instrument betrachtet, das den politischen Entscheidungstr&auml;gern dabei helfen soll, bestimmte gesellschaftliche Antagonismen zu umschiffen.<\/p>\n<p>Die Janusk&ouml;pfigkeit des Risikotransfer-Krieges soll im Folgenden im Spannungsfeld einer Reihe von j&uuml;ngst zu beobachtenden Herausforderungen im Bereich globaler Sicherheitspolitik schlaglichtartig aufgehellt werden. Um dieses Argument zu entfalten, sollen zun&auml;chst in einem kurzen Abriss Materialien zur Charakterisierung dieses Kriegstypus zusammengetragen und die Stationen skizziert werden, die schlie&szlig;lich zum Drohnenkrieg hinf&uuml;hren (II). Sodann soll die These des Risikotransfer-Krieges auf das Feld des Rechts &uuml;bertragen werden (III). Sofern man dem Konzept des Risikotransfer-Krieges zustimmt, soll gezeigt werden, dass sich dieser nicht kommentarlos mit den g&auml;ngigen Ans&auml;tzen der Verrechtlichung Internationaler Beziehungen begreifen l&auml;sst. Im letzten Abschnitt werden anschlie&szlig;end einige Schlussfolgerungen und Ausblicke diskutiert (IV).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-risikotransfer-militarismus-stationen-eines-new-way-of-war\">II. Risikotrans&shy;fer-&shy;Mi&shy;li&shy;ta&shy;ris&shy;mus: Stationen eines &bdquo;new way of war&rdquo;<\/span><\/h2>\n<p>Um Prozesse des Risikotransfer-Krieges einordnen zu k&ouml;nnen, muss man sich zun&auml;chst st&auml;rker deren gesellschaftliche und technische Einbettung betrachten.<\/p>\n<p>(1) <i>Technologische Herrschaft:<\/i> Zum Ph&auml;nomen des Risikotransfer-Krieges geh&ouml;rt vor allem ein technisch-physikalischer Leistungsparameter von Waffensystemen. Hand in Hand mit dieser Milit&auml;rstrategie geht daher der allgemeine Trend hin zu Hightech-transformierten Streitkr&auml;ften, vor dem Hintergrund einer &bdquo;Revolution in Military Affairs&rdquo; (RMA). Diese vor allem technologisch bestimmte Strategie besteht darin, die milit&auml;rische &Uuml;berlegenheit und Ausr&uuml;stung einer Streitmacht zu nutzen, um den Gegner m&ouml;glichst schnell kampfunf&auml;hig zu machen und die eigenen Verluste und neuralgischen Schwachstellen zu minimieren. Zumindest ist man sich einig, dass die Kombination von technologischer &Uuml;berlegenheit und operativer Innovation die Kampfkraft einer Armee exponentiell steigern k&ouml;nne, so dass sie am Ende gegen&uuml;ber ihren Kontrahenten einen Vorsprung gew&ouml;nne, den dieser innerhalb eines politisch relevanten Zeitraums nicht mehr wettmachen k&ouml;nnte.<\/p>\n<p>Dass die technologische &Uuml;berlegenheit auch ein probates Mittel sein sollte, amerikanische Interessen geopolitisch durchzusetzen, schien sich sp&auml;testens vor dem Hintergrund einer Relegitimierung des Krieges in den USA, nach dem Ende des Ost-West Konfliktes, abzuzeichnen. Das durch die RMA gepr&auml;gte R&uuml;stungsvorhaben f&uuml;hrt zu einer &bdquo;Asymmetrie aus St&auml;rke&rdquo; (M&uuml;nkler 2006: 65), die gleichzeitig die Hemmschwelle des Krieges senkt. Schon der zweite Golfkrieg von 1991, und erst recht der Afghanistan-Feldzug und der Irak-Krieg schienen zu best&auml;tigen, was die Bef&uuml;rworter der neuen Waffensysteme, einer &bdquo;RMA&rdquo; immer wieder vorhergesagt hatten: Der politische Anreiz der neuen Kriegf&uuml;hrung liegt darin, dass bewaffnete Interventionen mit Pr&auml;zisionswaffen aus gro&szlig;em Abstand gef&uuml;hrt werden k&ouml;nnen. Die &bdquo;Pr&auml;zisionsrevolution&rdquo; im Milit&auml;rwesen und die damit verbundenen pr&auml;zisionsgelenkten Waffensysteme haben es erm&ouml;glicht, Treffsicherheit zu erh&ouml;hen (Minkwitz 2008).<\/p>\n<p>(2) <i>Postheroische Gesellschaft und Network Centric Waffare (NCW):<\/i> Konsequenterweise war die &bdquo;Operation Enduring Freedozn&rdquo;, der Afghanistan Feldzug, bereits die Realisierung des Information-Warfare-Konzepts, das als digitale Kriegsf&uuml;hrung im Fachjargon als Network Centric Warfare (NCW) bezeichnet wird. Auf Basis von Computertechnologien soll ein einheitlicher virtueller Kampfplatz entstehen: Indem f&uuml;r alle relevanten Akteure alle wichtigen Informationen gleichzeitig verf&uuml;gbar sind, entsteht ein Bewusstsein der Komplexit&auml;t des Kriegsgeschehens. Der intensive und unverz&uuml;gliche Austausch von komplexen Informationen zwischen geographisch dislozierten Operationseinheiten, scheint ein gemeinsames Lagebewusstsein herzustellen. Nun kann das Kampfkollektiv die Aktionen schneller miteinander synchronisieren. Innerhalb des Prozesses der Vernetzung von Informationen waren Drohnen, also unbemannte Flugzeuge von Anfang eingeplant und sollten Aufkl&auml;rungs- und &Uuml;berwachungsaufgaben &uuml;bernehmen.<\/p>\n<p>Die skizzierte milit&auml;rische Transformation ist allerdings nicht einfach eine Milit&auml;rreform, sondern ein Strategiekonzept, das die Adaptionsf&auml;higkeit des Kriegssystems in der Gesellschaft erh&ouml;hen soll. Politische Akteure m&uuml;ssen n&auml;mlich immer damit rechnen in die &bdquo;<i>Opfersensibilit&auml;tsfalle<\/i>&rdquo; (Sch&ouml;rning 2007: 106) zu geraten. Die &bdquo;postheroischen&rdquo; Gegenwartsgesellschaften und deren labile &ouml;konomische und psychische Infrastruktur, zeigen eine schwindende Opferbereitschaft (vgl. M&uuml;nkler 2006: 310ff.). Westliche Gesellschaften lassen sich immer st&auml;rker von der Vision eines &bdquo;unblutigen Krieges&rdquo; leiten. Die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger westlicher Staaten sind nicht mehr bereit, eigene gefallene Soldaten in bewaffneten Konflikten hinzunehmen. Das war die Lehre, die die amerikanische Sicherheitspolitik aus dem psychopolitischen Debakel um den Vietnam-Krieg zog. Diesen haben die USA nicht nur wegen der mangelnden Erfolge, die die US-Streitkr&auml;fte f&uuml;r sich verbuchen konnten, abgebrochen, sondern auch wegen der steigen-den Zahl der toten Soldaten aus den eigenen Reihen und der massiven Anzahl ziviler Opfer auf der Gegenseite, &uuml;ber die die Medien weltweit berichteten. Nach Shaw (2006: 163) ist das Management von Massenmedien daher &bdquo;ein Schl&uuml;sselelement des Risikotransfer-Militarismus, weil die direkte T&ouml;tung vieler Zivilisten die mediatisierte Legitimit&auml;t des Krieges bedrohen k&ouml;nnte.&rdquo;<\/p>\n<p>Der Rekurs auf Hightech-Waffen erweist sich somit als technische L&ouml;sung politischer brisanter Problemlagen. NCW&#8217;s sind mit anderen Worten nichts anderes als das <i>milit&auml;rische Gesicht <\/i>eines Risikotransfer-Krieges. Hier greift die Vorstellung, politische und soziale Konflikte lie&szlig;en sich mit Hilfe von &bdquo;klinischen&rdquo; Milit&auml;roperationen unter Kontrolle halten. Die Kriegsf&uuml;hrung soll schnell sein und m&ouml;glichst wenig amerikanischen oder verb&uuml;ndeten Soldaten das Leben kosten. &bdquo;The enemy must be killed: efficiently, quickly and discreetly.&rdquo; (Shaw 2005: 82)<\/p>\n<p>Nicht zuletzt verbirgt sich dahinter auch eine milit&auml;rische Strategie, die sich von einem n&uuml;chternen &ouml;konomischen Abw&auml;gen von Nutzen und Kosten milit&auml;rischer Angriffe leiten l&auml;sst. Die von NCW angestrebte Effektivit&auml;tssteigerung soll dadurch erreicht wer-den, dass die Streitkr&auml;fte kleiner und flexibler werden sollen und damit &mdash; ganz wie im Rahmen japanischer Produktionsmethoden &#8211; &bdquo;lean&rdquo; und &bdquo;just in time&rdquo; operieren. Zur &ouml;konomischen Rationalit&auml;t des Risikotransfer-Militarismus geh&ouml;rt dabei ebenso die Privatisierung der Sicherheit. Eine Privatisierung von Sicherheitsdiensten ist seit etwa f&uuml;nfzehn Jahren verst&auml;rkt zu beobachten. Allein im Irak-Krieg sind 100.000 Mitarbeiter privater Sicherheitsanbieter t&auml;tig. Diese bilden somit nach den US-Streitkr&auml;ften das zweitgr&ouml;&szlig;te Kontingent (Deitelhoff 2008: 165), so dass auch die westlichen Staaten vor einer umfassenden Reprivatisierung des Kriegswesens stehen.<\/p>\n<p>(3) <i>Pr&auml;emption und Irak-Krieg:<\/i> Risiko hat in der Regel etwas mit der Antizipation von Sch&auml;den zu tun. &bdquo;Risiken handeln von der M&ouml;glichkeit k&uuml;nftiger Ereignisse und Entwicklungen, sie vergegenw&auml;rtigen einen Weltzustand, den es (noch) nicht gibt.&rdquo; (Beck 2007: 29) Der konsequenteste Risikotransfer-Krieg war in diesem Sinne der Irak-Krieg. Man k&ouml;nnte zugespitzt sagen, in der neuen sicherheitspolitischen Ausrichtung des Irak-Krieges kommt der Risikobegriff nun zu sich selbst. Denn bei der Vorbereitung des Irak-Krieges wurde die risikosoziologische Einsicht der Antizipation zuk&uuml;nftiger Sch&auml;den, zum ma&szlig;geblich kriegsstrategischen Programm erhoben. Gem&auml;&szlig; den Vorstellungen der ehemaligen amtierenden US-Administration stellten der Pr&auml;ventivkrieg und das Konzept der &bdquo;preemptive self-defense&rdquo; das geeignete politische und milit&auml;rische Mittel dar, globale Gefahren zu antizipieren und direkt zu bek&auml;mpfen. Die Doktrin der Pr&auml;emption baut auf einem bevorstehenden Angriffsschlag der gegnerischen Seite auf, deren negative Konsequenzen durch vorbeugende Selbstverteidigung abgewehrt werden sollen, Selbstverteidigungsma&szlig;nahmen seien von nun ab bereits vor Beendigung beobachtbarer Angriffsvorbereitungen vertretbar. &bdquo;We must deter and defend against the threat before it is unleashed.&rdquo; (The White House 2002: 24)<\/p>\n<p>An sich war Pr&auml;vention f&uuml;r die Vereinigten Staaten freilich nichts Neues. Aber was nun unter der Bush-Administration implementiert wurde, war doch eine neue Wegmarke: Die Ausnahme wurde zur Regel. &Uuml;bersetzt hei&szlig;t dies: Die amerikanische Regierung wird nicht zusehen, bis ein feindlicher Staat einsatzf&auml;hige Massenvernichtungswaffen oder milit&auml;rische Einrichtungen stationiert und kriegsbereit h&auml;lt. Die f&uuml;r den Ost-West-Konflikt noch geltende Selbstabschreckung ist au&szlig;er Kraft gesetzt. Welcher Art die Ziele auch immer sind, die Pr&auml;emption Doktrin droht die Zerst&ouml;rung derartiger Pl&auml;ne an, <i>bevor <\/i>sie gegen die Vereinigten Staaten wirksam in die Tat umgesetzt werden k&ouml;nnen.<\/p>\n<p><i>Die Pr&auml;vention ist Teil des Systems der Risikovermeidung.<\/i><\/p>\n<p>(4) <i>Obamas Drohnenkrieg: <\/i>Es liegt auf der Hand, dass der Einsatz von Drohnen oder Landrobotern (PackBots) milit&auml;risch gesehen die logische Weiterentwicklung des Risikotransfer-Krieges sind (Singer 2009). Ein ferngesteuertes T&ouml;ten ist sauberer und leichter. Der Geheimdienst CIA steuert die Fl&uuml;ge seiner Drohnen vom Hauptquartier in Langley aus. Die Signale werden &uuml;ber Fernleitungen und Satelliten weitergegeben und enden bei einem Flugzeug ohne Piloten. Diese Angriffs- oder Aufkl&auml;rungsdrohne kann von einer Basis im Mittleren Osten starten oder landen, wird jedoch von einem Soldaten in den Vereinigten Staaten gesteuert. Der Einsatz von bewaffneten Drohnen zur gezielten T&ouml;tung von mutma&szlig;lichen Terroristen ist kaum ein Risiko f&uuml;r die eigenen Truppen, transferiert verdeckte Operationen in Regionen und L&auml;nder, in denen offiziell nicht Krieg gef&uuml;hrt wird, ist &ouml;konomisch effizient und findet bislang in einem rechtlich ungekl&auml;rten Raum statt. Demokraten und Republikaner sind sich daher in der Unterst&uuml;tzung des Programms einig, weil es keine amerikanischen Toten gibt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-der-risikotransfer-krieg-und-das-voelkerrecht\">III. Der Risikotrans&shy;fer-&shy;Krieg und das V&ouml;lkerrecht<\/span><\/h2>\n<p>Welche Konsequenzen hat der Risikotransfer-Militarismus f&uuml;r das V&ouml;lkerrecht? Und vor allem: Was sagt er &uuml;ber den gegenw&auml;rtigen Status des V&ouml;lkerrechts aus?<\/p>\n<p>In der Literatur &uuml;ber das V&ouml;lkerrecht wird immer wieder von einer Verrechtlichung internationaler Beziehungen gesprochen. Das V&ouml;lkerrecht vollzieht einen Paradigmenwechsel von Nationalstaatsgesellschaften zur kosmopolitischen Gesellschaftsordnung (z. B. Habermas 2004, 2005). Es entwickele sich zunehmend in Richtung eines Welt-rechts der internationalen Gemeinschaft (z. B. Fischer-Lescano 2005). &bdquo;Das Primat des Rechts wird zunehmend &uuml;ber das traditionell im internationalen Bereich geltende Selbsthilfesystem gestellt.&rdquo; (Deitelhoff 2007: 158) F&uuml;r J&uuml;rgen Habermas z. B. besteht kein Zweifel, dass eine vollst&auml;ndige Verrechtlichung m&ouml;glich ist und den Globus vollst&auml;ndig durchdringt. In Zukunft w&uuml;rden Kriege und auch humanit&auml;re Interventionen gleichsam naturw&uuml;chsig legalisiert werden und den Sinn weltpolizeilicher Ma&szlig;nahmen annehmen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss sich der UNO-Sicherheitsrat an &bdquo;justiziable Regeln binden, die allgemein festlegen, wann die UNO zum Eingreifen berechtigt <i>und verpflichtet<\/i> ist&rdquo; (Habermas 2004: 172).<\/p>\n<p>Ein solches Verst&auml;ndnis des demokratischen Friedens ist allerdings unter der Perspektive des Risikotransfer-Krieges nicht hinreichend. Der postnationalen, kosmopolitischen Diagnose liegt eine symmetrische Utopie zu Grunde. Im Grunde genommen schwebt dem Kosmopolit eine Welt der gem&auml;&szlig;igten Proportionen vor, in der die vernunftgeleitete Weltinnenpolitik alles auf ihr gemeinsames Ma&szlig;, die Idee der republikanischen Verfassung bezieht. Aber immer gibt es auch die M&ouml;glichkeit des Ausbruchs aus dieser Symmetrie. Es k&ouml;nnte durchaus sein, dass westlichen Staaten die Kosten einer rechtlich konstituierten Reziprozit&auml;t zu hoch sind.<\/p>\n<p>(1) <i>Halbe Konstitutionalisierung:<\/i> Eine unter der Perspektive von Risikotransfer-Kriegen agierende Politik man&ouml;vriert dagegen kontextspezifisch unter Ma&szlig;gabe &ouml;konomischer und strategischer Variablen. An die Stelle einer klaren Normableitung tritt ein kontextabh&auml;ngiges, selektives Arrangement von Zielen mit dem Ziel einer praktischen Erfolgsgarantie. Schlie&szlig;lich sind Interventionen teuer. Und das W&auml;hlervolk ahndet Misserfolg mit Entzug der Stimme. Nicht nur die Menschenrechte, sondern vor allem die innenpolitischen Reaktionen auf eine milit&auml;rische Intervention sind daher ausschlaggebend f&uuml;r politische Entscheidungen. Dementsprechend steht auf Seiten demokratischer Staaten ein Interesse die rechtlichen Legitimationsressourcen, wie Lothar Brock (2007: 66) schreibt, &bdquo;m&ouml;glichst flexibel zu nutzen, d. h. den Selbstbindungseffekt einer Berufung auf das Recht so gering wie m&ouml;glich zu halten&rdquo;. Aus der temporalen Dynamik und unsicherheitsbeladenen Entscheidungssituation heraus, ergibt sich f&uuml;r das Recht die Notwendigkeit flexibel gehandhabt zu werden. Extensiv werden daher Generalklauseln und Abw&auml;gungsgebote gebraucht. Aufgrund dieser Unterinstitutionalisierung des V&ouml;lkerrechts ist es somit nicht erstaunlich, dass in den letzten Jahren <i>trotz <\/i>schwerwiegender Menschenrechtsprobleme die ma&szlig;geblichen milit&auml;rischen Interventionen nicht stattgefunden haben. Die Entwicklung der letzten Jahre l&auml;sst sich geradezu als R&uuml;ckkehr zu einer<i> n&uuml;chternen Abw&auml;gung von Nutzen und Kostenvorteilen interpretieren<\/i>: Herfried M&uuml;nkler (2008: 89ff.) kommentiert: &bdquo;Man geht nicht mehr in einen Konflikt hinein, ohne sich vorher &uuml;berlegt zu haben, wie man aus ihm f&uuml;r den Fall einer bedrohlichen Zuspitzung auch wieder herauskommt, und man sch&auml;tzt inzwischen sehr viel genauer ab, mit welchen Kr&auml;ften im Interventionsgebiet man kooperieren muss, wenn das Eingreifen Erfolgschancen haben &#8222;soll und die damit verbundenen Gefahren kalkulierbar bleiben m&uuml;ssen.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist ein deutlicher Beleg f&uuml;r die These eines Risikotransfer-Militarismus, in dem es bestenfalls zu einer &bdquo;halben Konstitutionalisierung&rdquo; des V&ouml;lkerrechts kommt, die durchaus gef&auml;hrlich ist, &bdquo;da sie den Handlungsbedarf erweitert, ohne Verfahren f&uuml;r dessen Umsetzung zu bieten&rdquo; (Brock 2007: 59). Probleme prozeduraler Risikoregulierung ergeben sich somit im normativen Raum, in dem der Risikotransfer-Militarismus operiert, weil eine solche Handhabung des Rechts auf Kosten der &bdquo;Transparenz und Verl&auml;sslichkeit&rdquo; (Luhmann 1995: 280) geht Generell manifestiere rechtliches Risikomanagement, so Petra Hiller (1999: 32), &bdquo;eine Gef&auml;hrdung der Autonomie des Rechts, weil Entscheidungen nicht mehr entlang der Differenz von Recht und Unrecht getroffen werden, sondern problemspezifisch und situativ fremden Codierungen folgen&rdquo;. Es ist, wie Shaw (2006: 171) mutma&szlig;t, kein Zufall, dass die USA sich wegen der Gr&uuml;ndung des Internationalen Strafgerichtshofes Sorgen machen. Denn wenn &bdquo;die Gerichte, die Presse und die Wissenschaft auch die Mittel des Krieges konsequent unter die Lupe nehmen, dann wird die Legitimit&auml;t des Krieges regelm&auml;&szlig;ig untergraben werden&rdquo;.<\/p>\n<p>Daher ist es auch schwierig, Habermas in der Meinung zu folgen, dass sich Weltpolitik z.B. in Form der UNO jetzt und in Zukunft immer und in allen F&auml;llen &bdquo;nach fairen Regeln, also unparteilich und auf nicht- selektive Weise mit justiziablen Fragen der Friedenssicherung und des Menschenrechtsschutzes befasst&rdquo; (Habermas 2005: 356). Gerade die unberechenbare Selektivit&auml;t, von der der Sicherheitsrat bisher bei der weltweiten Durchsetzung der Menschenrechte geleitet wurde, manifestiert die Kontingenz und die problematischen strukturellen Konstellationen, in denen ein Organ wie der Sicherheitsrat operiert. Der Sicherheitsrat hatte es in unz&auml;hligen F&auml;llen nicht f&uuml;r n&ouml;tig befunden einzugreifen. W&auml;hrend etwa in Somalia, Haiti und Bosnien milit&auml;rische Gewaltschl&auml;ge gef&uuml;hrt wurden, ist in anderen, ganz &auml;hnlichen F&auml;llen massiver Menschenrechtsverletzung &mdash; wie zum Beispiel in Zaire, in der kongolesischen Region Ituri, in Darfur, in Kirgisien oder in Ruanda &mdash; eine vergleichbare Interventionsbereitschaft der internationalen Gemeinschaft ausgeblieben. Gerard Prunier (2006: 180ff.) beschreibt am Fall des Genozids in Darfur mit welcher Vehemenz Nutzenverteilung und strategisches Kalk&uuml;l &mdash; von den Vereinigten Staaten bis hin zur Europ&auml;ischen Union &mdash; das politische Geschehen bestimmten und damit zu einem hohen Ma&szlig; an Unentschlossenheit und mangelnder Koordination beitrugen. Insbesondere die UNO wirkte schwach und unentschieden. Wir haben also allen Grund anzunehmen, dass die beteiligten Akteure im Fokus eines `Risikotransfer-Militarismus sehr sorgsam kalkulieren, welche Erfolgschancen ihnen beschieden sind.<\/p>\n<p>(2) <i>Versto&szlig; gegen das V&ouml;lkerrecht?<\/i> Die These von der vollst&auml;ndigen Konstitutionalisierung des V&ouml;lkerrechts greift aber auch aufgrund eines zweiten Aspekts nicht. Es muss darauf hingewiesen werden, dass ein Teil der gef&uuml;hrten milit&auml;rischen Interventionen unter Rekurs auf die Logik der Konstitutionalisierung zu einer <i>Entrechtlichung der internationalen Beziehungen<\/i> gef&uuml;hrt hat (Brock 2007: 58f.). Nichts manifestiert die Wirklichkeit politischer Gewaltaus&uuml;bung auch heute noch deutlicher als das Au&szlig;er-Kraft-Setzen prozeduraler Verfahren und Restriktionen der UN-Charta und die eigen-m&auml;chtige Auslegung von Sicherheitsratsbeschl&uuml;ssen (Afghanistan-, Irak-Krieg).<\/p>\n<p>Und zweifellos ergeben sich auch eine Reihe von rechtlichen Bedenken gegen Obamas Drohnenkrieg (vgl. dazu Holzinger 2011): Gegen mutma&szlig;liche Terroristen in Pakistan stellt sich die Frage, inwiefern das &bdquo;vorsorgliche&rdquo; T&ouml;ten v&ouml;lkerrechtlich gedeckt ist. Drohnen ver&auml;ndern das Kriegsgeschehen ma&szlig;geblich. Wie ist solch ein Einsatz aber rechtlich und politisch zu bewerten? Darf ein demokratischer Staat per Mausklick Menschen umbringen? Wer kontrolliert die CIA-Agenten und die privaten Sicherheitsfirmen, an die der schmutzige Krieg delegiert wird? Nach Meinung der Rechtsprofessorin Mary O&#8217;Conell k&ouml;nnen Privatpersonen wie CIA Agenten, die ja im Grunde ungesetzliche Kombattanten sind, keine milit&auml;rischen Aufgaben &uuml;bernehmen und gegnerische Terroristen auf dem Schlachtfeld t&ouml;ten: &bdquo;CIA operatives, like the militants challenging authority in Pakistan, have no right to participate in hostilities and are unlawful combatants.&rdquo; (O&#8217;Cone112010: 22)?<\/p>\n<p>V&ouml;lkerrechtlich handelt es sich bei kriegerischen (Drohnen-)Angriffen im Grunde genommen um staatliche Souver&auml;nit&auml;tsverletzung, es sei denn, es kann der Nachweis gef&uuml;hrt werden, dass aus Pakistan Attacken gegen die USA gef&uuml;hrt werden, die von der pakistanischen Regierung gebilligt werden, oder es gab zwischen Pakistan und den USA eine Abmachung. Aber es scheint so, dass auch f&uuml;r die Kongressabgeordneten intransparent ist, auf welcher Grundlage Pentagon und CIA hier agieren. John F. Tierney, ein Demokrat, fragt in einem Hearing des Untersuchungskomitees des US-amerikanischen Kongresses zum Thema &bdquo;Rise of the Drones&rdquo;, ob der Einsatz von Kampfdrohnen eine offizielle Kriegserkl&auml;rung oder eine Art Bewilligung f&uuml;r den Einsatz von Gewalt erfordere (Tienley 2010: 1). Die USA beziehen sich im Krieg gegen den Terror in der Regel auf die Resolutionen 1368 und 1373, in denen der Sicherheitsrat den Mitgliedstaaten den R&uuml;ckgriff auf die in Kapitel VII. der Charta der Vereinten Nationen aufgef&uuml;hrten M&ouml;glichkeiten zur Wiederherstellung des Friedens durch Zwangsma&szlig;nahmen einschlie&szlig;lich des Rechts auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung er&ouml;ffnet (&bdquo;customary international law doctrine of self-defense&#8220;; vgl. Anderson 2010: 2). Genau genommen zeigt sich der Sicherheitsrat in Resolution 1368 zwar &bdquo;entschlossen&ldquo;, die durch terroristische Handlungen verursachten Bedrohungen des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit mit allen Mitteln zu bek&auml;mpfen&#8220;, viele Rechtsexperten sind allerdings der Meinung, dass er (z. B. im Falle des Afghanistan-Krieges) weder explizit das Vorliegen eines Selbstverteidigungsfalls festgestellt hat, noch die USA und andere Staaten zu bewaffneten Gegenma&szlig;nahmen erm&auml;chtigt und solche nach Kapitel VII der Charta angeordnet hat. Er hat sich vielmehr die Auswahl der erforderlichen Schritte vorbehalten. Er hat den Staaten keine Blankovollmacht zum bewaffneten Konflikt gegeben (vgl. Bruha\/Bortfeld 2001: 162). &bdquo;The Council did not, however, authorize the use of force against any particular state&rdquo;, kommentiert O&#8220;Conell (2010: 19). Die Formel &bdquo;mit allen Mitteln&rdquo; kann nicht als Generalautorisierung jedes Staates zum milit&auml;rischen Vorgehen interpretiert werden. Eigenm&auml;chtig k&ouml;nnen die USA nicht an die Stelle des Sicherheitsrates treten (vgl. Emmerich-Fritsche 2007: 966). Zudem gilt das Selbstverteidigungsrecht &ndash; als absolutes Ausnahmerecht &#8211; nur so lange &bdquo;bis der Sicherheitsrat die zur Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit erforderlichen Ma&szlig;nahmen getroffen hat&rdquo; (Art. 51, UN-Charta). Der Sicherheitsrat hat allerdings &uuml;ber keinerlei Angriffe befunden.<\/p>\n<p>Auf einer Rede im Fr&uuml;hling 2009 in West Point betonte US-Pr&auml;sident Obama, dass Amerika unter den Bedingungen des Terrorismus &bdquo;cannot tolerate a safe-haven for terrorists whose location is known, and whose intentions are clear&rdquo; (vgl. Anderson 2010: 4). Diese Hinweise legen die Einsicht nahe, dass Obama der traditionellen sicherheitspolitischen Linie folgtLL(i. S. des &bdquo;Caroline-Falles&#8220;), die der Rechtsberater des State Departments Abraham Sofaer in einer Rede im Jahre 1989 folgenderma&szlig;en skizziert hatte: &bdquo;The right of a State to strike terrorists within the territory of another State where terrorists are using that territory as a location from which to launch terrorist attacks and where the State involved has failed to respond effectively to a demand that the attacks be stopped&rdquo; (vgl. Anderson 2010: 4). Ist ein Staat nicht in der Lage, Ordnung zu wahren, oder l&auml;sst er innerhalb eines bestimmten Raumes eine kriminelle Organisation frei schalten und walten, so verwirkt er damit den Schutz des Gewaltverbots. Die Aus&uuml;bung des Rechts auf Selbstverteidigung durch Staaten auf dem Hoheitsgebiet eines anderen Staates sei dann gegeben, wenn der Verteidiger (i. S. der Caroline-Formel) &bdquo;a necessity of self-defense, instant, overwhelming, leaving no choice of means, and no moment for deliberation&rdquo; nachweisen kann. Selbst wenn man dieser Auffassung folgen sollte, w&auml;re die Frage berechtigt, ob ein derartiges Recht zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt Bestand h&auml;tte. Die Diskussion wird ohnehin dadurch erschwert, dass aufgrund der Hit-And-Run-Taktik terroristischer Organisationen schwer festzustellen ist, wann ein Angriff beendet ist und wann ein neuer bevorsteht (vgl. Mammen 2008: 267f.).<\/p>\n<p>Der Rechtsprofessor Kenneth Anderson (2010) von der American University argumentiert, ganz im Sinne des Paradigmas des Risikotransfer-Krieges, dass die gezielten Angriffe durch CIA-Mitarbeiter im Rahmen der Selbstverteidigung auch deswegen erlaubt sein sollten, weil sie dazu dienen, eine <i>humanit&auml;re Kriegsf&uuml;hrung <\/i>umzusetzen. Sie diene dazu, dass die Zahl der Opfer unter gegnerischen Zivilisten nicht so gro&szlig; werde wie in einem anderen milit&auml;rischen Konflikt: &bdquo;Drones are a major step forward to-ward much more discriminating uses of violence in war and self-defense &ndash; a step forward in humanitarian weapons technology.&rdquo; (Anderson 2010: 12) Auf den ersten Blick sind also die Parallelen zum Risikotransfer-Militarismus frappant: Mit der Einf&uuml;hrung intelligenter Waffen sollten doch die Chancen gesteigert werden, K&auml;mpfer und Zivilbev&ouml;lkerung genauer zu differenzieren. Die Sache hat allerdings einen Haken. Diese Legitimierung des westlichen Risikotransfer-Militarismus bleibt im Sinne Shaws fragw&uuml;rdig, da die Kriege zwar wenig Opfer unter den eigenen Soldaten, oft aber viele unter den fremden Zivilisten fordere. Er tendiere dazu, zum zivilen &bdquo;kleinen Massaker&rdquo; auszuarten. &bdquo;Das Risiko sich wiederholender kleiner Massaker an Zivilisten ist ein selbst-verst&auml;ndliches Merkmal des new Western way of war.&rdquo; (Shaw 2006: 162) Und in der Tat: Nach Sch&auml;tzungen liegt der Anteil ziviler Opfer an der Gesamtzahl der Todesopfer mittlerweile im Drohnenkrieg bei immerhin 32 Prozent (vgl. Tierney 2010: 2). Gro&szlig; ist die Emp&ouml;rung vor allem, wenn dabei Unbeteiligte, etwa Kinder, sterben. Die Angriffe sch&uuml;ren die antiamerikanische Stimmung in der Bev&ouml;lkerung vor Ort.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-fazit\">IV. Fazit<\/span><\/h2>\n<p>Seit Ende des Ost-West-Konfliktes ist in den USA, aber auch in anderen westlichen Staaten &uuml;ber die Zukunft des Krieges und die Neuausrichtung der Streitkr&auml;fte nachgedacht worden. Der Begriff Risikotransfer-Krieg wurde in diesem Beitrag benutzt, um einige Ver&auml;nderungen der Streitkr&auml;fte und der milit&auml;rischen Strategie der letzten Jahrzehnte zu skizzieren und eine theoretische Folie f&uuml;r den derzeitigen amerikanischen Drohnen-Einsatz in Pakistan zu liefern. So milit&auml;risch attraktiv diese neuen Formen der Kriegsf&uuml;hrung erscheinen, so fragw&uuml;rdig sind ihre politischen und rechtlichen Implikationen. Drohnen-Piloten sitzen zwar weit weg von ihren Zielen, es wird durch die &bdquo;chirurgischen&rdquo; Schl&auml;ge kein amerikanischer Soldat verletzt. Aber fast t&auml;glich t&ouml;ten CIA-Drohnen in Pakistan Zivilisten. Es gilt zudem zu bedenken, dass Drohnen, ausgestattet mit Raketen oder biologischen, chemischen Waffen zwar jetzt die Kriegsf&uuml;hrung f&uuml;r die USA simplifizieren, aber dass sie auf jeden Fall auch von Feinden, von der organisierten Kriminalit&auml;t und von Terroristen verwendet werden k&ouml;nnten. Hinzu kommt das Imitationsproblem: Es ist nicht undenkbar, dass einzelne Staaten oder Staatengruppen unter Ausnahmegesichtspunkten und unter illegaler Umgehung der supranationalen Instanz des Sicherheitsrates zum Instrument des Drohnenkampfes greifen und so allm&auml;hlich das UNO-System der Friedenssicherung vom absoluten Gewaltverbot des Artikels 2 Ziffer 4 losl&ouml;sen.<\/p>\n<p>Wirft man abschlie&szlig;end einen summarischen Blick auf die Erfolge des Risikotransfer-Krieges, wird man schnell ern&uuml;chtert. Die Transformation des Milit&auml;rs zielte vor allem auf die vollkommene &Uuml;bermacht in allen milit&auml;rischen Bereichen. Damit sollte der Krieg seine reziproke Natur verlieren. Er w&auml;re nicht l&auml;nger ein erweiterter Zweikampf, sondern tendenziell etwas Einseitiges (vgl. Daase 2008: 254). Sowohl die Taliban als auch der Irak wurden am Anfang innerhalb k&uuml;rzester Zeit mit geringen Eigenverlusten geschlagen. Mit der Transformation der Streitkr&auml;fte haben die USA zwar eine neue milit&auml;rische Strategie gestartet, aber sie haben den Gegner nicht besiegen k&ouml;nnen. Sie haben untersch&auml;tzt, dass technologische &Uuml;berlegenheit in einem asymmetrischen Guerillakrieg nicht unbedingt von Nutzen sein muss. Aber genau dies wird ihnen nun zum Problem: Denn w&auml;hrend der &bdquo;western way of war&rdquo; gekennzeichnet ist durch eine Adaption an immer neuere, ausgekl&uuml;gelte Formen milit&auml;rischer &Uuml;bermacht, ist die Geschichte der Guerillakriegsf&uuml;hrung eine &bdquo;Geschichte der Konterrevolutionen in <i>Military Affairs<\/i>&rdquo; (Daase 2008: 259). Charakteristisch ist n&auml;mlich f&uuml;r irregul&auml;re staatliche Kr&auml;fte, dass sie sich mit ihren unkonventionellen Kampfweisen in der Regel au&szlig;erhalb des g&auml;ngigen Normengef&uuml;ges bewegen. Sie handeln nicht regelkonform, sondern ohne Konventionen und bedienen sich des Mittels der verdeckten Kriegsf&uuml;hrung.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Auch Risikotransfer-Kriege zeugen h&auml;ufig von der Unf&auml;higkeit transnationaler Kooperationen, die Gebiete milit&auml;risch in den Griff zu bekommen. Mit Beklemmung denkt man an die Output-Legitimation der Kriege der letzten Jahrzehnte. Der Einmarsch der NATO-Kr&auml;fte in Afghanistan und der Irakkrieg sind hier die evidentesten Beispiele. Die Taliban hat Afghanistan zur&uuml;ckerobert. Der NATO droht im blutigen Zerm&uuml;rbungskrieg die politische und m&ouml;glicherweise milit&auml;rische Niederlage. Die milit&auml;rische Intervention hat zudem bislang nicht den wirtschafts- und sozialpolitischen Wiederaufbau von Afghanistan erreicht. Afghanistan bleibt ein &bdquo;Drogenmafia-Staat&rdquo;, in dem Drogen und Korruption den Staatsapparat zersetzen. Auch der Irakkrieg l&auml;sst sich kaum als Erfolg verbuchen. Die Vereinigten Staaten ziehen siebeneinhalb Jahre nach der Eroberung des Iraks ihre Kampfverb&auml;nde zur&uuml;ck. Etwa 4426 US-Soldaten und etwa 100000 irakische Zivilisten sind ums Leben gekommen. Der Krieg hat eine Billion Dollar gekostet. Als die Kriegshandlungen ihren H&ouml;hepunkt erreichten, flohen mehr als zwei Millionen Iraker aus dem befreiten Land ins Ausland. Zum zweiten Mal seit Saddam Husseins Sturz wurde im M&auml;rz 2010 gew&auml;hlt, doch die politischen Konflikte zwischen den religi&ouml;sen und ethnischen Gruppierungen sind ungel&ouml;st. Die politische Konstellation ist instabil. In dieser Hinsicht besitzt Henry Kissingers Bonmot, dass die amerikanische Au&szlig;enpolitik eine angeborene Schwierigkeit habe, &bdquo;milit&auml;rischen Erfolg in politische M&uuml;nze umzuwandeln&rdquo; (Kissinger 2002: 246), nach wie vor Aktualit&auml;t.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p><i>Anderson, K. <\/i>(2010): Statement of Keruneth Anderson, Subcommittee on National Security and Foreign Affairs, Hearing on &#8222;Rise of the Drones: Unmanned Systems and the Future of War&#8220;. S. 1-14.<\/p>\n<p><i>Beck, U. <\/i>(2007): Weltrisikogesellschaft, Frankfurt\/M., Suhrkamp.<\/p>\n<p><i>Brock, L. <\/i>(2007): Universalismus, politische Heterogenit&auml;t und ungleiche Entwicklung. Internationale Kontexte der Gewaltanwendung von Demokratien gegen&uuml;ber Nicht Demokratien, in: Geis, Anna\/M&uuml;ller, Harald\/Wagner, Wolfgang (Hrsg.): Schattenseiten des Demokratischen Frieden. Zur Kritik einer Theorie liberaler Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, Frankfurt\/M., S. 45-68.<\/p>\n<p><i>Bruha, T.\/Bortfeld, M.<\/i> (2001): Terrorismus und Selbstverteidigung. Voraussetzungen und Umfang erlaubter Selbstverteidigungsma&szlig;nahmen nach den Anschl&auml;gen vom 11. September 2001, in: Vereinte Nationen, Jg. 49 (5), S. 161-167.<\/p>\n<p><i>Daase, C. <\/i>(2008): Den Krieg gewonnen, den Frieden verloren: Revolutionen und Konterrevolutionen in Military Affairs, in: Sch&ouml;rnig, Niklas\/Helmig, Jan (Hrsg.), Die Transformation der Streitkr&auml;fte im 21. Jahrhundert, Frankfurt\/M., S. 249-269.<\/p>\n<p><i>Deitelhoff, N.<\/i> (2007): Demokratische Bindungs&auml;ngste. Zur Ambivalenz nationaler Demokratien gegen&uuml;ber internationalem Recht, in: Geis, Anna\/M&uuml;ller, Harald\/Wagner, Wolfgang (Hrsg.): Schattenseiten des Demokratischen Frieden. Zur Kritik einer Theorie liberaler Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, Frankfurt\/M, S. 45-68.<\/p>\n<p><i>Deitelhoff, N.<\/i> (2008): Ohne Private Sicherheitsanbieter k&ouml;nnen die USA nicht mehr Kriegf&uuml;hren&nbsp; &mdash; die Privatisierungsdimension der RMA, in: Helmig, Jan\/Sch&ouml;i7iig, Niklas (Hrsg.): Transformation der Streitkr&auml;fte im 21. Jahrhundert, Frankfurt\/M., S. 165-184.<\/p>\n<p><i>Emmerich-Fritsche, A.<\/i> (2007): Vom V&ouml;lkerrecht zum Weltrecht, Berlin.<\/p>\n<p><i>Fischer-Lescano, A. <\/i>(2005): Globalverfassung, Weilerswist.<\/p>\n<p><i>Haberrnas, J. <\/i>(2004): Der gespaltene Westen, Frankfurt\/M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p><i>Habermas, J.<\/i> (2005): Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt\/M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p><i>Hiller, P.<\/i> (1999): Probleme prozeduraler Risikoregulierung, in: Alfons Bora (Hg.), Rechtliches Risikomanagement. Form, Funktion und Leistungsf&auml;higkeit des Rechts in der Risikoregulierung, Berlin, S. 29-40.<\/p>\n<p><i>Holzinger, M.<\/i> (2011): &bdquo;Die Schleifung des Rechts. 10 Jahre Anti-Terror-Krieg&rdquo;, in: Bl&auml;tter f&uuml;r nationale und internationale Politik, Heft 2\/2011, Seite 64-72.<\/p>\n<p><i>Kissinger, H.<\/i> (2002): Die Herausforderung Amerikas. Weltpolitik im 21. Jahrhundert, M&uuml;nchen.<\/p>\n<p><i>Luhmann, N. <\/i>(1995): Das Recht der Gesellschaft, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p><i>Mammen, L.<\/i> (2006): V&ouml;lkerrechtliche Stellung von internationalen Terrororganisationen, Baden-Baden.<\/p>\n<p><i>Minkwitz, O. <\/i>(2008): Die <i>technologische <\/i>Komponente der milit&auml;rischen <i>Transformation<\/i>, in: Sch&ouml;rnig, Niklas\/Helmig, Jan (Hrsg.), Die Transformation der Streitkr&auml;fte im 21.Jahrhundert, Frankfurt\/M., S. 63-80.<\/p>\n<p><i>M&uuml;nkler, H.<\/i> (2006): Der Wandel des Krieges, Weilerswist.<\/p>\n<p><i>M&uuml;nkler, H. <\/i>(2008): Humanit&auml;re milit&auml;rische Interventionen. Eine politikwissenschaftliche Evaluation, in: ders. u. Karsten Malowitz (2008) (Hg.): Humanit&auml;re Intervention &mdash; ein Instrument au&szlig;enpolitischer Konfliktbearbeitung. 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Tierney, Subcommittee on National Security and Foreign Affairs, Hearing on &bdquo;Rise of the Drones: Unmanned Systems and the Future of War&rdquo;, S.1-3.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2157],"publikationen":[2828],"class_list":["post-11799","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-markus-holzinger","publikationen-193-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Risikotransfer-Kriege - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/193-vorgaenge\/publikation\/risikotransfer-kriege\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Risikotransfer-Kriege - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zu den milit&auml;rischen, politischen und rechtlichen Implikationen neuer Waffentechnologien; aus: vorg&auml;nge Nr. 193, Heft 1\/2011, S. 107-117 I. 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