{"id":11805,"date":"2010-12-01T22:07:00","date_gmt":"2010-12-01T21:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-vierte-gewalt\/"},"modified":"2010-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2010-12-01T11:00:00","slug":"die-vierte-gewalt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/die-vierte-gewalt\/","title":{"rendered":"Die vierte Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 16-22<\/p>\n<p>Die Thematisierung der Mediendemokratie unter dem Gesichtspunkt &#132;Strukturwandel 2.0&#148; wirft die Frage auf, wie sehr demokratische Anspr\u00fcche noch als eingel\u00f6st gelten k\u00f6nnen, wenn wir es mit Massenmedien zu tun haben, inwieweit diese also ihrer Rolle als &#132;vierte Gewalt&#148; noch gerecht werden. Das Stichwort von der &#132;vierten Gewalt&#148; ist nicht zuletzt deswegen aufschlussreich, weil dabei der Verweis auf drei andere Gewalten immer mitl\u00e4uft, auf die Legislative, die Judikative und nicht zuletzt die Exekutive.<\/p>\n<p>Montesquieu sprach im 18. Jahrhundert im Rahmen seiner Lehre von der politischen Gewaltenteilung erstmals von den drei Gewalten. Der Artikel 20 unseres Grundgesetzes unterstreicht ihren Verfassungsrang. Die vierte Gewalt hingegen, die \u00f6ffentliche Meinung oder die Massenmedien, werden im Grundgesetz nur im Artikel 5 erw\u00e4hnt, n\u00e4mlich dort, wo von der Freiheit der Presse die Rede ist. Die Medien sind frei, m\u00fcssen sich ihre Rolle selbst suchen, die anderen drei Gewalten sind bereits definiert und haben ihren verfassungsm\u00e4\u00dfig verankerten Status.<\/p>\n<p>Ich will mit einer \u00dcberlegung dazu beginnen, was unter &#132;Demokratie&#148; zu verstehen sei. Der Althistoriker Christian Meier schrieb 1980 in seinem Buch <i>Die Entstehung des Politischen bei den Griechen,<\/i> die Griechen h\u00e4tten die Demokratie eingef\u00fchrt, weil sie entdeckt h\u00e4tten, dass Demokratie die Antwort auf die Frage ist, wie es der Politik gelingen kann, auch die Herrschaft selbst zum Gegenstand von Politik zu machen. Politik war bis dahin die Politik von Herrschern, die von einem Publikum, von den B\u00fcrgern, von einem Stamm, von einer Gesellschaft akzeptiert werden mussten. Herrschaft war Aus\u00fcbung asymmetrischer Macht der einen \u00fcber die anderen. In einer Demokratie, einer &#132;Volksherrschaft&#148;, wird jedoch auch die Frage &#132;Wer herrscht?&#148; zum Gegenstand von Politik. Politik wird zirkul\u00e4r und Herrschaftsaus\u00fcbung symmetrisch, weil sich die Herrscher in ihrer Herrschaft vom Volk einsetzen und best\u00e4tigen beziehungsweise abw\u00e4hlen lassen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mit dem Blick auf dieses Demokratieverst\u00e4ndnis, das nichts mit einer direkten Herrschaft des Volks \u00fcber das Volk zu tun hat, sondern die Herrschaft der Machthaber <i>\u00fcber <\/i>das Volk unter die Bedingungen der Akzeptanz dieser Herrschaft <i>durch <\/i>das Volk setzt, diese Herrschaft also konditioniert, k\u00f6nnen wir jetzt genauer fragen, welche Rolle die \u00f6ffentliche Meinung und die Massenmedien bei dieser Konditionierung der Politik spielen. Welche Rolle k\u00f6nnen die Medien dabei spielen, wie die Politik sich auf ihre eigenen Bedingungen bezieht? Und umgekehrt: In welchem Verh\u00e4ltnis zueinander stehen die erste, zweite und dritte Gewalt auf der einen Seite und die vierte Gewalt auf der anderen Seite, wenn es darum geht, wer in dieser Gesellschaft \u00fcber diese Gesellschaft Macht hat und Herrschaft aus\u00fcbt? Man sieht der Fragestellung an, dass wir es mit verwickelten Verh\u00e4ltnissen zu tun bekommen, die sich mit den allzu einfachen Begriffen der Emanzipation der B\u00fcrger, der Artikulation ihrer Interessen und der Durchsetzung ihrer Politikideen sicher nicht fassen lassen werden. Die Massenmedien bekommen in dieser Formulierung eine wichtige Rolle, aber eine Rolle unter anderen ebenso wichtigen Rollen.<\/p>\n<p>Die heutige Gesellschaft unterscheidet sich von der griechischen Gesellschaft, von der Polis. Kann man \u00fcberhaupt noch von einer Demokratie reden, wenn die \u00d6ffentlichkeit der B\u00fcrger mithilfe von Buchdruck, der Rotationspresse und inzwischen des Computers und des Internets massenmedial betreut wird und nicht mehr nur das mehr oder minder offene und streitende Wort auf der Agora den Ausschlag gibt? Ist es immer noch. das Volk, das herrscht, und nicht vielmehr ein oft diffuser Raum der Selbstverst\u00e4rkung von Stimmungen und Meinungen, der auf ein Gespr\u00e4ch der B\u00fcrger schon lange nicht mehr heruntergerechnet werden kann? Ziehen nicht m\u00e4chtige Differenzen wie die der Ideologie, der Einkommensklasse, der Nation oder der ethnischen und religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit ihre Spuren in diesem Raum, der von den Redaktionen von Zeitung, Rundfunk und Fernsehen, von Kampagnenplanern, Bloggern und Protestbewegungen bespielt wird, ohne dass irgend jemand sagen k\u00f6nnte, nach welchen Regeln hier gespielt wird?<\/p>\n<p>Wenn man sich an die Definition von Christian Meier h\u00e4lt, hat man es auch heute noch mit einer Demokratie im griechischen Sinne zu tun. Denn obwohl der gesellschaftliche Kontext ein in vielen Hinsichten anderer ist, handelt es sich bei der Demokratie nach wie vor um die Regelung der Frage, wer herrscht. Die Regelung selbst jedoch sieht anders aus, sie stellt entsprechend der Komplexit\u00e4t der Gesellschaft Versorgungsbed\u00fcrfnisse der B\u00fcrger (Wohlfahrtsgesellschaft), Interessenlagen von Industrie und Gewerkschaften (soziale Marktwirtschaft), Fragen der internationalen Verflechtung (Europ\u00e4ische Union, Globalisierung) und nicht zuletzt demographische Positionen (Migration) in Rechnung, aber nach wie vor m\u00fcssen sich die Machthaber zur Wahl stellen. Und nach wie vor entscheidet sich die Frage der Demokratie darin, ob diese Wahl frei, geheim und allgemein ist oder nicht. Demokratie ist jenes politische System, in dem die Machthaber <i>nicht <\/i>wissen, ob sie wiedergew\u00e4hlt werden oder nicht, und auch die Opposition <i>nicht <\/i>wei\u00df, ob sie schon bald beim Wort genommen wird oder nicht; und dieses doppelte Nichtwissen z\u00e4hmt die politischen Absichten und zwingt die Politiker, auf eine Bev\u00f6lkerung R\u00fccksicht zu nehmen, die jederzeit zu den besseren Argumenten, Stimmungen und Auftritten der Konkurrenten \u00fcberlaufen kann.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte einige Stichworte nennen, unter denen die Rolle der \u00d6ffentlichkeit und der Massenmedien gegenw\u00e4rtig behandelt wird, und dann wieder auf die Frage zur\u00fcckkommen, welche &#132;Gewalt&#148; sie m\u00f6glicherweise aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Erstes Stichwort: <i>Kulturindustrie<\/i>. Adorno und Horkheimer behaupten in ihrem Buch <i>Die Dialektik der Aufkl\u00e4rung <\/i>im Kapitel \u00fcber die Kulturindustrie: &#132;Das Geheimnis ist gel\u00f6st.&#148; Welches Geheimnis ist gel\u00f6st? Das Geheimnis, worin der von Kant postulierte Schematismus besteht, der es den Subjekten erm\u00f6glicht, sich ihre Welt zu konstruieren. Kant glaubte, es handele sich dabei um transzendent verankerte Konzepte wie die des Raums und der Zeit. Adorno und Horkheimer entdecken, dass dieser Schematismus die Kulturindustrie selber ist. Sie produziert die allgemeinen Kategorien der Sichtbarkeit und Begreifbarkeit, der Moral und der Kritik, des Gl\u00fccks und Ungl\u00fccks sowie die dazu passenden Bilder, mit deren Hilfe die Subjekte ihre Welt konstruieren. Damit ist der Verdacht auf den Punkt gebracht. &#132;Kulturindustrie&#148; hei\u00dft, dass diese Welt der Subjekte mithilfe industrieller Verfahren (rationalisierte Massenproduktion) und mithilfe industrieller Interessen (Gewinnsteigerung) hergestellt wird und zwar so hergestellt wird, dass genau die Bed\u00fcrfnisse geweckt und best\u00e4tigt werden, die von dieser Industrie auch gedeckt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Werk von Walter Benjamin, vor allem das <i>Passagenwerk<\/i>, aber auch der Aufsatz \u00fcber &#132;Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit&#148; ist in diesem Zusammenhang zu nennen, weil er einen ganz \u00e4hnlichen Verdacht nicht nur kulturkritisch ausbeutet, sondern eher wissenschaftlich fruchtbar zu machen versucht. Wenn der Verdacht zutrifft, so Benjamin, sollten wir uns diese Schemata genauer ansehen und sollten wir beschreiben, welche industriell zu befriedigenden Sehns\u00fcchte in Kaffeetassen, Groschenheften, Passagenarchitekturen (heute: Shopping Malls), Kleidermoden und Lebensmittelvorlieben investiert sind. So kann man die &#132;Phantasmagorie des Kapitalismus&#148; (Benjamin) lesbar machen, die &#132;Mythen des Alltags&#148; (Roland Barthes) beschreiben und besser verstehen, aus welchem Stoff wir, die Subjekte dieser Welt gemacht sind.<\/p>\n<p>Aber ein zweites Stichwort kommt hinzu: der <i>Schweigebefehl<\/i>. Es stammt von dem Verfassungshistoriker und Rechtslehrer Carl Schmitt. Er hat zum Beispiel in seinem im Gef\u00e4ngnis der Alliierten geschriebenen kleinen Buch <i>Ex Captivitate Salus: Erfahrungen der Zeit 1945\/47 <\/i>herausgestellt, dass die moderne Gesellschaft das Produkt einer Sequenz von Schweigebefehlen ist. Zuerst haben die Theologen in ihren gro\u00dfen monotheistischen Religionen die Magier zum Schweigen gebracht. Dann haben die Juristen anl\u00e4sslich der von den Theologen nicht verhinderten religi\u00f6sen B\u00fcrgerkriege der fr\u00fchen Neuzeit die Theologen zum Schweigen gebracht. Ab jetzt hie\u00df es nicht mehr: &#132;Wer glaubt an welchen Gott?&#148;, sondern politisch legitim &#132;Auf welche Verfassung willst du dich berufen?&#148; Im 20. Jahrhundert schlie\u00dflich werden die Juristen, so vermutete Schmitt nicht zuletzt mit Blick auf sein eigenes Schicksal, von den Ingenieuren zum Schweigen gebracht. Es begann das Zeitalter der Technokratie, das in den 1960er Jahren von den Moralisten, seit den 1990er Jahren von den Betriebswirten und gegenw\u00e4rtig von den Gehirnforschern beerbt wird.<\/p>\n<p>Wir haben es mit einer Sequenz von Schweigebefehlen zu tun, die jeweils die Sprache und die Fragen und Antworten der einen verbieten und eine Sprache und die Fragen und Antworten der anderen an deren Stelle setzen. Diese Schweigebefehle strukturieren die \u00f6ffentliche Meinung, definieren Agenden, schreiben fest, welche Erwartungen legitim sind und welche R\u00fccksichten zu nehmen sind, kurz: sie definieren, was jeweils als politisch korrekt gilt und was nicht. Sie definieren den gesellschaftlichen Rahmen der \u00f6ffentlichen Meinung und erlauben uns daher noch einmal eine andere Formulierung des Verdachts, dass die \u00f6ffentliche Meinung immer selektiv ist, das hei\u00dft, das eine ausschlie\u00dft und das andere einschlie\u00dft. Sie hat eine Schlagseite.<\/p>\n<p>Und ein drittes Stichwort kommt hinzu: das <i>Internet<\/i>. Das Internet, die Vernetzung der Computer mit vielf\u00e4ltigen Nutzerbed\u00fcrfnissen auf der einen Seite und gigantischen Datenspeichern auf der anderen Seite ist nicht nur ein neues Informationsmedium erster G\u00fcte, das jeden Experten in die Flucht zu schlagen vermag, sondern es ist vor allem eine enorme Beschleunigungsmaschine, die eine grunds\u00e4tzliche Differenz zwischen einem schnell mobilisierbaren Protest auf der einen Seite und den nach wie vor langsamen, weil rechtsstaatlich kontrollierten politischen Entscheidungsverfahren auf der anderen Seite auftreten l\u00e4sst. Diese Differenz ist strukturell nicht mit jener altbekannten zwischen Stra\u00dfe auf der einen Seite und Parlament und Beh\u00f6rden auf der anderen Seite identisch, weil die relativ leicht mit dem Schema der Legitimit\u00e4t unter Kontrolle geha1ten werden konnte. Der Protest heute l\u00e4sst sich so leicht nicht auf Abstand halten, eben weil er gut informiert auftritt und den einst auf der Expertenseite f\u00fcr sich gepachteten Sachverstand durchaus auf seiner Seite haben kann.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen diese Stichworte der Kulturindustrie, der Schweigebefehle und des Internets dahingehend verallgemeinern, dass die~ \u00d6ffentlichkeit, \u00fcber die wir hier reden, ein gewisse Vorentschiedenheit aufweist, die vermutlich wenig mit industriellen Interessen, sondern sehr viel mehr mit gesellschaftlichen Balancen und mit mobilisierbaren Empfindlichkeiten zu tun hat. Es geht jetzt nicht mehr nur um Fragen der Herrschaft oder des Interesses sondern vielmehr um Fragen der &#132;Agenda&#148;, wie die Zeitungswissenschaftler sagen, das hei\u00dft um die Frage, welches Thema welche Adressaten wie lange gegen wen aufbringen und interessieren kann. Diese Fragen der Agenda sind in ihrer volatilen, fluktuierenden Qualit\u00e4t, das hei\u00dft in ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Fl\u00fcchtigkeit durchaus mit Fragen der Herrschaft und des Interesses gekoppelt, doch diese Kopplung ist locker und so st\u00f6ranf\u00e4llig, dass sich niemand egal auf welcher Seite auf der sicheren Seite w\u00e4hnen kann.<\/p>\n<p>Wie kann unter dem Gesichtspunkt dieser Stichworte \u00d6ffentlichkeit und ihr Strukturwandel heute verstanden werden? Offensichtlich haben wir es nicht mehr mit den freien B\u00fcrgern zu tun, die auf der Agora der Polis ihre Meinung vertreten und dabei verschweigen, wie sie zuhause, in ihren H\u00e4usern (oikoi) \u00fcber ihre Frauen, Kinder, ihr Gesinde und ihre Tiere herrschen. Das war ja Gegenstand der &#132;\u00d6konomie&#148; und nicht der &#132;Politik&#148;. Mit der antagonistischen Auseinandersetzung um die richtige Meinung haben wir es nur noch in der Inszenierung durch die Talkshow im Fernsehen zu tun, in der es jedoch weniger um die Meinung selbst als vielmehr um die Profilierung wieder erkennbarer Pers\u00f6nlichkeiten geht die um Vertrauen werben; weil die Sachverhalte zu undurchschaubar geworden sind. Schon eher haben wir es heute mit den &#132;Produktions\u00f6ffentlichkeiten&#148; zu tun, die Alexander Kluge und Oskar Negt 1972 in ihrem Buch <i>\u00d6ffentlichkeit und Erfahrung <\/i>beschrieben haben. \u00d6ffentlichkeit bezieht sich hier nicht mehr nur auf Politik und Herrschaft, sondern auf alles, was kommentierbar ist, auf die Gesellschaft insgesamt. Sie wird jetzt, zumindest in ihrer Selbststilisierung, zur unerschrockenen Suche nach Schweigebefehlen, um Wirklichkeiten zu &#132;artikulieren&#148;, von denen man bisher nichts wusste. Sie bezieht sich auf &#132;Produkte&#148;, weil sich in diesen immer zwei Seiten zugleich artikulieren, ein Produzent und ein Konsument, ein Darsteller und ein Publikum. Die daraus entstehende \u00d6ffentlichkeit ist hochgradig differenziert. Sie bildet hunderte von &#132;M\u00e4rkten&#148; f\u00fcr Produkte, Ideen und Leute. Das w\u00e4re auch heute noch zu beschreiben, wenn man verstehen will, was es mit dem Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit auf sich hat. \u00d6ffentlichkeit bleibt damit eine durchaus kritische Vokabel. Aber sie bezieht sich nicht mehr nur auf die Politik, sondern auf die Gesellschaft insgesamt. Vielleicht liegt darin, von der Politik, der Herrschaft und ihrer Gewalt auch absehen zu k\u00f6nnen, sogar einer ihrer wichtigsten emanzipativen Impulse, wenn man einmal davon ausgeht, dass eine Gesellschaft ein Interesse daran haben muss, der Definition von Agenden durch die Politik andere Agenden entgegensetzen zu k\u00f6nnen, Agenden der Wirtschaft; Agenden der Kunst, Agenden der Religion, Agenden der Wissenschaft, Agenden der Erziehung. Hier &#132;\u00d6ffentlichkeiten&#148; zu schaffen und aufzusuchen, hei\u00dft, der Politik weder das erste noch das letzte Wort zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Um sich nun wieder der Frage der &#132;vierten Gewalt&#148; zu n\u00e4hern, f\u00fchre ich ein viertes Stichwort ein, nach der Kulturindustrie, den Schweigebefehlen und dem Internet: das Publikum. Jean Baudrillard hat die Massenmedien 1972 in seiner <i>Politischen \u00d6konomie des Zeichens <\/i>als eine Form der &#132;Kommunikation&#147; beschrieben, die keine Antwort erlaubt, also als Einwegkanal der Kommunikation als eine technische Form eines Schweigebefehls. Das wurde eine f\u00fcr viele Autoren bis heute ma\u00dfgebende Beschreibung. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die Beschreibung zutrifft. Ich kann mir die Massenmedien nicht vorstellen, ohne ihrem Publikum eine Komplement\u00e4rrolle zuzuschreiben. Mit anderen Worten, in der Kommunikation der Massenmedien, den Zeitungsartikeln, Rundfunksendungen, Fernsehsendungen, Online-Websites und Blogs hat das Publikum nicht nur eine &#132;Empf\u00e4ngerrolle&#148;, sondern auch eine &#132;Senderrolle&#148;. Das Publikum sendet die Bereitschaft zum Empfang; und es sendet sie nicht nur, es dokumentiert sie auch durch &#132;Kommentare&#148; aller Art, wie man sie zumindest im Internet leicht hinterlassen kann. Das mag keine inhaltlich sehr ausgepr\u00e4gte Rolle sein, aber ohne sie funktionieren weder die Massenmedien noch die von ihnen hergestellte \u00d6ffentlichkeit. Es handelt sich um eine strukturell notwendige Empf\u00e4ngersenderrolle, von der jedoch in der Regel abgesehen wird, weil alles Interesse nicht zuletzt der Massenmedien, durchaus eigen interessiert, den Sendungen der Redaktionen gilt. Erst Georg Franck hat mit seinem Buch <i>\u00d6konomie der Aufmerksamkeit<\/i>: <i>Ein Entwurf <\/i>aus dem Jahr 1998 mit dem Mythos gebrochen, jeder B\u00fcrger und jeder Konsument wurde sich grunds\u00e4tzlich f\u00fcr alles interessieren; tats\u00e4chlich ist der Aufmerksamkeitsfaktor einer der knappsten Faktoren \u00fcberhaupt und es l\u00e4uft daher jede noch so interessante Nachricht, jeder noch so aufsehenerregende Skandal jederzeit Gefahr, von irgendeiner anderen Nachricht, einem anderen Skandal in den Hintergrund gedr\u00e4ngt zu werden.<\/p>\n<p>Die Kommunikation der Redaktionen mit dem Zeitungsleser, dem Rundfunkh\u00f6rer, dem Fernsehzuschauer und dem Internetbenutzer ist, wie die Soziologen sagen, &#132;interaktionsfrei&#148;. Es gibt keine direkte Kommunikation zwischen den Redaktionen und den Lesern, H\u00f6rern und Zuschauern, so sehr Leserbriefe, H\u00f6reranrufe und Studiopublika dies zuweilen suggerieren. Aber es gibt eine indirekte Kommunikation, die deswegen, weil sie indirekt ist, nicht etwa zu vernachl\u00e4ssigen ist. Im Guten und im Schlechten definiert sie die Sensibilit\u00e4t und Sensitivit\u00e4t der Massenmedien. Denn wie kommt sie zum Ausdruck? Dadurch, dass der Zeitungsleser seine Zeitung, der Rundfunkh\u00f6rer seinen Sender, der Fernsehzuschauer seinen Kanal und der Internetbenutzer sein Lieblingsportal <i>wechseln <\/i>kann, ganz zu schweigen von der M\u00f6glichkeit, dass ganze Medien an Bedeutung verlieren und andere daf\u00fcr an Bedeutung gewinnen (was bisher jedoch interessanterweise kaum der Fall ist). Was also kann jede einzelne Redaktion tun, um Leser, H\u00f6rer, Zuschauer und Benutzer zu binden? Strukturell nichts.<\/p>\n<p>Unser Gerede von der Manipulation der \u00f6ffentlichen Meinung durch die Massenmedien erscheint vor diesem Hintergrund wie eine Art Sto\u00dfgebet, auf dass es den Produzenten der \u00f6ffentlichen Meinung doch gelingen m\u00f6ge, ihr Publikum zu erreichen. Tats\u00e4chlich jedoch verschwindet alles, was diese Produzenten produzieren, in jenem <i>Schatten der schweigenden Mehrheiten<\/i>, von denen Baudrillard in einem wunderbaren Essay 1978 (dt. 2010) ebenfalls gesprochen hat. Wir w\u00e4ren froh, wenn wir w\u00fcssten, dass und wie die &#132;Manipulation&#148; funktioniert . Wir w\u00e4ren froh, wenn wir w\u00fcssten, dass und wie hier tats\u00e4chlich jemand die &#132;H\u00e4nde&#148; im Spiel hat. Statt dessen jedoch haben es . die Massenmedien mit einem Publikum zu tun, das nicht zu kontrollieren ist, so sehr ihnen auch die Gehirnforschung unter die Arme zu greifen versucht. Denn was ist bis heute die eigentlich stabile Botschaft der Gehirnforschung? Genau: Wir suchen nach dem, was uns immer schon gefallen hat Und: Wir wissen, wie leicht wir zu verf\u00fchren sind. Das hei\u00dft, Wir schlagen Haken, produzieren Ambivalenzen, lassen uns nicht erwischen.<\/p>\n<p>Der amerikanische Soziologe und Netzwerktheoretiker Harrison C. White hat Publika als &#132;network switches&#148; bezeichnet; als Schaltermechanismen innerhalb eines Netzwerkes von Produktionen\u00a0 Meinungen, Interessen und Konsequenzen, die ein Thema mit einem anderen Thema, einen Autor mit einem anderen Autor, ein Bild mit einem anderen Bild verkn\u00fcpfen, ohne dass die Art und Weise der Verkn\u00fcpfung von irgendjemandem festgelegt werden kann. Jeder versucht das, keine Frage, und manchen gelingt es besser als anderen, aber strukturell und prinzipiell ist die Offenheit der Verkn\u00fcpfung in jedem Moment wieder neu gegeben und ein Publikum, weil es &#132;nur&#148; Publikum ist, frei in der Wahl der Verkn\u00fcpfung. Zeitungsleser springen zwischen den Artikeln, Fernsehzuschauer zappen, Internetbenutzer surfen: Mit dem Blick auf diese Publika ist die \u00d6ffentlichkeit daher strukturell nichts anderes als die M\u00f6glichkeit des Themenwechsels, die M\u00f6glichkeit des Auftauchens und Wiedervergessens von Meinungen, die M\u00f6glichkeit, Autoren ernst zu nehmen und wieder aus den Augen zu verlieren, die M\u00f6glichkeit, sich f\u00fcr ,Ereignisse zu begeistern und sie alsbald langweilig zu finden. Das eine, die Festlegung auf eine Meinung, gibt es nicht ohne das andere, den Wechsel der Meinung. Das ist \u00d6ffentlichkeit. Und das ist sie nicht dank der wunderbaren Flexibilit\u00e4t der Redaktionen, sondern dank der bemerkenswerten Beweglichkeit der Publika.<\/p>\n<p>Massenmedien garantieren den Wechsel der Themen inklusive des Wechsels der Tonf\u00e4lle, in denen \u00fcber Themen berichtet wird. Was der eine ernst nimmt, kann der andere karikieren. Was den einen am\u00fcsiert, ist f\u00fcr den anderen unwiderlegbares Zeugnis der Dekadenz. Wer f\u00fcr den einen prominent ist, ist f\u00fcr den anderen eine blo\u00dfe Spielfigur. Die Massenmedien bewegen sich in diesem turbulenten Feld des Themen-, Tonfall-, und Meinungswechsels. Sie tun es nach eigenen Kriterien, sie tun es unter scharfer Beobachtung ihrer eigenen Marktseite, das hei\u00dft ihrer Konkurrenten im selben Medium und in Nachbarmedien (jede Redaktion fragt sich laufend, mit welchen Angeboten andere Redaktionen welche Erfolge und Misserfolge beim Publikum haben), und sie tun es mit einer st\u00e4ndig hochgradig irritierbaren Aufmerksamkeit f\u00fcr das, was die letztlich auch dann, wenn sie &#132;geschw\u00e4tzig&#148; werden, &#132;schweigenden&#148; Mehrheiten f\u00fcr interessant halten und was nicht. Denn &#132;Schweigen&#148; hei\u00dft, sich nicht festzulegen; und &#132;Geschw\u00e4tz&#148; hei\u00df dies niemanden merken zu lassen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte vorschlagen, diese Beweglichkeit, Lebendigkeit, Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit f\u00fcr das Kennzeichen der vierten Gewalt zu halten. Die \u00d6ffentlichkeit der Massenmedien produziert eine ganz bestimmte Unbestimmtheit von Meinungen, inklusive von Meinungen dar\u00fcber, welche Politik dieser Gesellschaft angemessen ist. Gewalt liegt darin, dass die Themen, Meinungen und Akteure unerbittlich fallen gelassen werden, wenn ihre Zeit gekommen ist. Gewalt liegt aber auch darin, dass jederzeit ein neues Thema, eine neue Meinung, ein neuer Akteur beginnen kann, eine Rolle zu spielen, die eingespielte Meinungen und Institutionen in schwere Bedr\u00e4ngnis bringen kann. Gewalt ist dies aber auch insofern, als sie als konkurrierende Meinung, konkurrierendes Thema und konkurrierende Darstellungsform selbst diejenigen im Griff hat, die glauben, sie auszu\u00fcben.<\/p>\n<p>Aber genau diese Gewalt garantiert auch, dass diese Gesellschaft sich in keinem Thema, keiner Meinung, keinem Bild verfangen kann, denn laufend ist jemand schon wieder dabei, den Tonfall zu wechseln. Man hat den Eindruck diese Gesellschaft sei hochgradig instabil. In Wirklichkeit ist es diese Instabilit\u00e4t, die ihr Stabilit\u00e4t verleiht.<\/p>\n<p>Massenmedien produzieren Unbestimmtheit, und diese Unbestimmtheit stellen sie allen anderen Systemen der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft, der Kunst, der Wissenschaft, der Religion und so weiter, zur Verf\u00fcgung. Die Erosion dessen, was wir genau deswegen unter den Titel der &#132;Vernunft&#8220;, des &#132;Fortschritts&#148; oder auch der &#132;Kultur&#8220; feiern, ist dabei unvermeidlich. Feste Substanzen, das Wesen der Dinge, die Richtigkeit der Meinung kann sich unter diesen Umst\u00e4nden nicht bew\u00e4hren :;Aber statt dessen gewinnt die Gesellschaft in der Unbest\u00e4ndigkeit ihrer Aufmerksamkeit ein Fundament, auf das sie sich verlassen kann und das sie vielleicht hinreichend irritierbar macht f\u00fcr das, was sie in ihrer Umwelt und in sich selbst laufend anrichtet.<\/p>\n<p><b>*<\/b> Der Beitrag ist die aktualisierte und \u00fcberarbeitete Fassung eines Vortrages, der auf der Tagung &#132;Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit 2.0: Mediendemokratie = Medien + Demokratie?&#148; des Adolf-Grimme-Instituts in Kooperation mit der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung am I. Dezember 2003 gehalten wurde.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2183],"publikationen":[2827],"class_list":["post-11805","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dirk-baecker","publikationen-192-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die vierte Gewalt - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/die-vierte-gewalt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die vierte Gewalt - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 16-22 Die Thematisierung der Mediendemokratie unter dem Gesichtspunkt &#132;Strukturwandel 2.0&#148; wirft die Frage auf, wie sehr demokratische Anspr\u00fcche noch als eingel\u00f6st gelten k\u00f6nnen, wenn wir es mit Massenmedien zu tun haben, inwieweit diese also ihrer Rolle als &#132;vierte Gewalt&#148; noch gerecht werden. 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