{"id":11806,"date":"2010-12-01T21:30:00","date_gmt":"2010-12-01T20:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gegen-oeffentlichkeiten-im-21-jahrhundert\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:57","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:57","slug":"gegen-oeffentlichkeiten-im-21-jahrhundert","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/gegen-oeffentlichkeiten-im-21-jahrhundert\/","title":{"rendered":"Gegen-\u00d6ffentlichkeiten im 21. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 23-34<\/p>\n<p>Die Verwendung des Begriffs &Ouml;ffentlichkeit und damit verwandter wie v. a. des der Gegen&ouml;ffentlichkeit und der &ouml;ffentlichen Meinung oszilliert &#8211; wie so oft &#8211; zwischen wissenschaftlichen und alltagssprachlichen Bedeutungen. Idealtypisch stellt Jeff Weintraub (1997, 1 f.) diesbez&uuml;glich fest: &bdquo;(D)ifferent sets of people who employ these concepts mean very different things by them &#8211; and sometimes, without quite realizing it, mean several things at once.&rdquo; Nichtsdestotrotz nehmen sowohl die Verwendung des &Ouml;ffentlichkeitsbegriffs als auch dessen normative Relevanz f&uuml;r die moderne <i>Mediengesellschaft <\/i>unvermindert zu. Vor allem die englische &Uuml;bersetzung von J&uuml;rgen Habermas&rsquo; &bdquo;Strukturwandel der &Ouml;ffentlichkeit&rdquo; (1989) hat international gesehen f&uuml;r einen regelrechten Forschungsboom (Kleinsteuber 2001) und f&uuml;r einen darauf zur&uuml;ckgehenden &bdquo;public sphere approach&rdquo; (Dahlgren 2004, 15) gesorgt. Habermas versteht &Ouml;ffentlichkeit als ein <i>Netzwerk <\/i>f&uuml;r die Kommunikation von Meinungen, das als intermedi&auml;re Instanz zwischen Lebenswelt und anderen funktionalen Teilsystemen vermittelt. Aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive liefert dieses &Ouml;ffentlichkeitskonzept <i>Ma&szlig;st&auml;be f&uuml;r die Bewertung <\/i>medialer, aber auch sozialer und politischer Ver&auml;nderungen und Entwicklungen der Mediengesellschaft.[1]<\/p>\n<p>Der Begriff der Gegen&ouml;ffentlichkeit verweist dagegen auf recht unterschiedliche Ph&auml;nomene &ouml;ffentlicher Kommunikation sowie zivilgesellschaftlicher Netzwerke, die unter eben diesem oft strapazierten Begriff subsumiert werden. Seit den 1960er Jahren werden damit klassischerweise &ouml;ffentlichkeitswirksame Aktionen der neuen sozialer Bewegungen (NSB) (wie z.B. Studenten-, Friedens- und Umweltbewegung) und die Strukturen und Zielsetzungen alternativer Medien &ndash; u. a. die Alternativpresse, freie Radios und offene Kan&auml;le &#8211; beschrieben. Momentan r&uuml;cken aber auch die kritischen &Ouml;ffentlichkeiten der Nichtregierungsorganisationen (NGOs), verschiedenartige Medienaktivisten oder aktuell Weblogs und andere partizipative Kommunikationsformen im Internet wie z. B. <i>WikiLeaks <\/i>in den Vordergrund. Gerade unter dem Eindruck der raschen gesellschaftlichen Aneignung neuer Medien wird vielfach eine Renaissance der Gegen&ouml;ffentlichkeit und eine digitale Fortf&uuml;hrung alternativer Kommunikation postuliert.<\/p>\n<p>Die im Kontext von Gegen&ouml;ffentlichkeit beanspruchten Partizipations- und Diskursivit&auml;tsanspr&uuml;che scheinen allerdings bereits in dem von Habermas skizzierten &Ouml;ffentlichkeitsbegriff der Aufkl&auml;rung enthalten zu sein. Wobei aber verkannt wird, dass spezifische Teil&ouml;ffentlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Diskurs kommunikativ aus-geschlossen sind (vgl. ausf&uuml;hrlich Wirmmer 2007, 173 ff.). Gegen&ouml;ffentlichkeit soll gerade diesen Gruppen als Sprachrohr gesellschaftlicher Emanzipation dienen und die kritische Funktion von &Ouml;ffentlichkeit revitalisieren. Inwieweit diese grob skizzierten Anspr&uuml;che an &Ouml;ffentlichkeit und Gegen&ouml;ffentlichkeit heutzutage einl&ouml;sbar sind, wird in diesem Artikel in zwei Schriften diskutiert. Zuerst werden die Wandlungsprozesse aktueller (Medien-) &Ouml;ffentlichkeit(en) skizziert, danach der Strukturwandel der Gegen&ouml;ffentlichkeit(en) aufgezeigt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"strukturwandel-der-oeffentlichkeit-revisited\">Struk&shy;tur&shy;wandel der &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keit &bdquo;revisited&rdquo;<\/span><\/h2>\n<p>In Anlehnung an Friedrich Krotz (1998) und Bernhard Peters (2007) kann &Ouml;ffentlichkeit als ein <i>Mehrebenenph&auml;nomen <\/i>verstanden werden, das nicht nur einen kulturellen Unterbau besitzt, sondern auch stets eine strukturelle wie personelle Ebene impliziert. Die strukturelle Ebene &#8211; verstanden als manifeste Strukturen und Funktionen von &Ouml;ffentlichkeit &#8211; wie auch die personelle &#8211; verstanden als Aneignung und Teilhabeprozesse an &Ouml;ffentlichkeit &#8211; befinden sich in einem dauernden Wandlungsprozess und beziehen sich dabei stets wechselseitig aufeinander. Auf diese beiden analytischen Pole verweist auch indirekt Habermas (1998, 228), indem f&uuml;r ihn der Begriff der Moderne und damit auch der der &Ouml;ffentlichkeit &bdquo;mit dem abstrakten Gegensatz zwischen einer disziplinierenden Gesellschaft und der verletzten Subjektivit&auml;t des Einzelnen&rdquo; in Zusammenhang zu bringen sei.[2] Anstatt statisch ist &Ouml;ffentlichkeit daher folgerichtig im Sinne eines dynamischen, komplexen und dabei <i>multidimensionalen <\/i>Kommunikationsprozesses zu konzeptionalisieren (grundlegend zur <i>Multidimensionalit&auml;t <\/i>von &Ouml;ffentlichkeit vgl. Wimmer 2011).<\/p>\n<p>Die oftmals als einheitlich und universell gedachte politische &Ouml;ffentlichkeit zerf&auml;llt daher bei n&auml;herem Hinsehen in mehrere partikulare bzw. segmentierte &Ouml;ffentlichkeiten (verstanden als Teil&ouml;ffentlichkeiten) mit scheinbar &bdquo;widerspr&uuml;chlichen Produktions- und Rezeptionslogiken zwischen Nivellierung und Differenzierung, zwischen Konformit&auml;t und Pluralit&auml;t&rdquo; und unterschiedlicher Komplexit&auml;t und Reichweite (Zimmermann 2000, 46). Dieser Prozess wird durch die Existenz moderner (Massen-)Medien rapide beschleunigt. Die immer st&auml;rker werdende mediale Vermittlung und Durchdringung unseres Alltags (Prozess der Mediatisierung) f&uuml;hrt dazu, dass &bdquo;die computervermittelte Kommunikation [&#8230;] als Folge des Mediatisierungsprozesses langfristig eine potenzielle Basis f&uuml;r neue Formen von &Ouml;ffentlichkeit und politischer Kommunikation bilden kann.&rdquo; (Krotz 2007, 107) [3]<\/p>\n<p>&Auml;hnlich macht Christoph Neuberger (2009, 35) darauf aufmerksam, dass digitaler Medienwandel und die neuen technischen Potentiale f&uuml;r Interaktivit&auml;t die Akteurshandlungen, Strukturen und Leistungen von &Ouml;ffentlichkeit neu pr&auml;gen und eventuell &bdquo;funktionale &Auml;quivalente&rdquo; zum Journalismus und damit zur massenmedialen &Ouml;ffentlichkeit entstehen. Ein Beispiel daf&uuml;r stellt die so genannte <i>Blogosph&auml;re <\/i>dar, der man eine synchronisierende Funktion unterstellen kann (Niedermaier 2008). Zwar ist noch kein v&ouml;lliger Niedergang der &Ouml;ffentlichkeits-Funktion des klassischen Journalismus zu konstatieren, allerdings entstehen aufgrund des Medienwandels neue Kan&auml;le der Politikvermittlung, die, wie z. B. Social Networks oder Onlinespiele, gerade die j&uuml;ngere Generation besonders ansprechen. So zeigen aktuelle Forschungsergebnisse zur konvergenten Medienwelt von Jugendlichen eindr&uuml;cklich, dass Web 2.0-Angebot f&uuml;r die interpersonale Kommunikation von Jugendlichen und deren Wahrnehmung gesellschaftlicher Kommunikation immer relevanter werden .[4]<\/p>\n<p>Klassische sozialwissenschaftliche Definitionen von politischer &Ouml;ffentlichkeit als eine bestimmte Einheit sto&szlig;en somit an ihre Grenzen, und politische Kommunikation in einem weiten Sinne &#8211; wie z. B. Politikdarstellung und -vermittlung in Unterhaltungsangeboten sowie im Rahmen interpersonaler Kommunikation &#8211; muss analytisch st&auml;rker ber&uuml;cksichtigt werden. So stellte schon Habermas (1990) fest, dass in der Moderne die Medienorganisationen zwar den institutionellen Kern politischer &Ouml;ffentlichkeit bilden, aber erst im Rahmen der &bdquo;Kommunikation au trottoir&#8220;[5] &Ouml;ffentlichkeit zum Leben erweckt wird und damit eigentlich die (medienvermittelte) interpersonale Kommunikation das Fundament der Demokratie darstellt.[6]<\/p>\n<p>Die &ouml;ffentliche Thematisierung und Diskussion relevanter politischer Angelegenheiten sichern die Funktionalit&auml;t und Legitimit&auml;t eines demokratischen Gesellschaftssystems. Es stellt sich allerdings die Frage, ob alle, die an den &ouml;ffentlichen Kommunikationsabl&auml;ufen teilnehmen wollen, auch tats&auml;chlich die M&ouml;glichkeit dazu haben. Peters (1994, 52) differenziert die Beschr&auml;nkungen, denen ein solches idealtypisches Modell normativer &Ouml;ffentlichkeit in der gesellschaftspolitischen Kommunikationswirklichkeit ausgesetzt ist &#8211; oder anders formuliert, die Ungleichheiten und Asymmetrien in den &ouml;ffentlichen Kommunikationsverh&auml;ltnissen: &bdquo;Es gibt Ungleichheiten der <i>Sichtbarkeit <\/i>oder Vernehmlichkeit, des jeweils beanspruchten oder kontrollierten Anteils am &ouml;ffentlichen Raum; es gibt Ungleichheiten <i>des Einflusses<\/i>; und es gibt schlie&szlig;lich asymmetrische <i>Wissensvoraussetzungen <\/i>in Kommunikationen.&rdquo; (Kursivsetzung im Original)<\/p>\n<p>Die Problematik der fehlenden Repr&auml;sentation gesellschaftlicher Themen und Akteure im Prozess politischer &Ouml;ffentlichkeit kommt in der Diskussion um eine Differenzierung von (Teil-)&Ouml;ffentlichkeiten (z. B. Peters 1904, 70; Jarren\/Krotz 1998), in der Debatte &uuml;ber marginalisierte &Ouml;ffentlichkeiten (z. B. Wimmer 2007) und in der Frage nach der Definitionsmacht und den Partizipationschancen der verschiedenen &Ouml;ffentlichkeitsakteure (z. B. Imhof 2003a, 204) zum Ausdruck. Alex Demirovic (1997, 165) verweist auf eine zentrale demokratietheoretische Aporie (Unm&ouml;glichkeit der Funktionserf&uuml;llung) (vgl. ausf&uuml;hrlich Imhof 2003b, 25 ff.). Da der Raum &ouml;ffentlicher Kommunikation begrenzt ist, k&ouml;nnen die normativen Anspr&uuml;che an &Ouml;ffentlichkeit nicht von allen B&uuml;rgern gleichzeitig und gleicherma&szlig;en in Anspruch genommen werden, ansonsten w&uuml;rde sich die Gesellschaft aufl&ouml;sen. Auch der oben skizzierte Medien- und Gesellschaftswandel l&auml;sst grunds&auml;tzlich die Frage aufkommen, inwieweit &Ouml;ffentlichkeit ihre Funktionen &uuml;berhaupt noch erf&uuml;llen kann (Fraser 2007, 19). Vor dem Hintergrund der raschen Transformation der &Ouml;ffentlichkeit und ihrer zentralen integrativen Funktion f&uuml;r die Gesellschaft formuliert daher Krotz (1998, 111 f., Hervorhebung i. 0.) folgende Grundsatzfrage nach den Partizipationschancen an der &Ouml;ffentlichkeit: <i>&bdquo;[W]ie ad&auml;quat [ist] die bisher m&ouml;gliche Teilhabe an organisierter &Ouml;ffentlichkeit als Nutzung standardisierter Nachrichten- und Informationssendungen und wie ad&auml;quat die Partizipationsm&ouml;glichkeiten der repr&auml;sentativen Demokratie unter heutigen Lebens-, Arbeits- und Medienbedingungen heute noch [&#8230;]. <\/i>Denn B&uuml;rgern und B&uuml;rgerinnen m&uuml;ssen gem&auml;&szlig; des gesellschaftlichen und technischen Entwicklungsstands ad&auml;quate Informations- und Partizipationsm&ouml;glichkeiten einger&auml;umt werden.&rdquo;<\/p>\n<p>&Ouml;ffentlichkeit gew&auml;hrt demnach die Teilhabe an der Demokratie. Die Strukturen von &Ouml;ffentlichkeit sollten also vor dem Hintergrund alter und neuer gesellschaftspolitischer Problematiken &ndash; die sich u. a. real in der digitalen Spaltung zeigen &ndash; dem Individuum ad&auml;quate Mitgestaltungsm&ouml;glichkeiten er&ouml;ffnen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"strukturwandel-der-gegenoeffentlichkeit\">Struk&shy;tur&shy;wandel der Gegen&shy;&ouml;f&shy;fent&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Einschl&auml;gige &Ouml;ffentlichkeitstheorien weisen die Rolle der Gegen&ouml;ffentlichkeit und damit die M&ouml;glichkeit zur kommunikativen Mitgestaltung demokratischer Prozesse im Allgemeinen der Zivilgesellschaft und im Spezifischen den NSB, alternativen Medien und\/oder NGOs zu (vgl. ausf&uuml;hrlich Wimmer 2007, 21 ff.).[7]<br \/>Oft wird dabei davon aus-gegangen, dass Gegen&ouml;ffentlichkeit und ihre Manifestationen einerseits positive Funktionen f&uuml;r unsere Demokratie einnehmen k&ouml;nnen und andererseits untrennbar mit Medien&ouml;ffentlichkeit verbunden sind. Idealtypisch f&uuml;r diese Position postulieren Natalie Fenton und John Downey (2003, 16): &bdquo;[C]ounter-public spheres offer the best prospects for encouraging democratisation at local, national and international level.&rdquo;<\/p>\n<p>Nach der Institutionalisierung der Alternativbewegung in den 1980er Jahren und einer abnehmenden wissenschaftlichen Begleitung erh&auml;lt das Ph&auml;nomen der Gegen&ouml;ffentlichkeit aktuell wieder eine gr&ouml;&szlig;ere Aufmerksamkeit. Diese Zunahme kann &ndash; haupts&auml;chlich aus Aktivistensicht &ndash; auf drei Gegenwartsdiagnosen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden, die miteinander verbunden sind: (1) Der <i>polit&ouml;konomische Wandel<\/i>, der sich v. a. in der zunehmenden Globalisierung und Transnationalisierung und deren zivilgesellschaftlichen Kritik &auml;u&szlig;ert; (2) ein <i>gesellschaftlicher Wandel<\/i>, der neue M&ouml;glichkeiten f&uuml;r progressive (politische) Kollektivakteure bietet &ndash; so f&ouml;rdern Krisenerscheinungen der (dominanten) b&uuml;rgerlichen &Ouml;ffentlichkeit einerseits kritische Stimmen in der politischen &Ouml;ffentlichkeit und lassen andererseits nicht-etablierte politische Akteure wie z. B. NGOs und NSB zentrale Funktionen klassischer Politikgestaltung &uuml;bernehmen (Prozess der Subpolitik); (3) der <i>rapide medientechnische Wandel<\/i>, der sich in den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien und deren M&ouml;glichkeiten manifestiert.<\/p>\n<p>Die meisten Ans&auml;tze reduzieren allerdings Ph&auml;nomene der Gegen&ouml;ffentlichkeit allein auf bestimmte Institutionen &ndash; verstanden als verdichtete soziale und kommunikative Handlungszusammenh&auml;nge. Es ist in theoretisch-analytischer Hinsicht dar&uuml;ber hinauszugehen, da das Konzept der Gegen&ouml;ffentlichkeit nicht per se auf bestimmte Medien, Personen, Orte oder Themen reduziert werden kann. Genauer genommen sind die Entwicklungskontexte von Gegen&ouml;ffentlichkeit komplexer:,,[C]ounterpublics as discursive entities emerge in a multiple public sphere through constellations of persons, places, and topics.&#8220; (Asen 2000: 430) Gegen&ouml;ffentlichkeit ist somit wie &Ouml;ffentlichkeit nicht als ein monolithischer, sondern als ein multidimensionaler Begriff aufzufassen und verweist ebenso einerseits auf die Mikro-, Meso- und Makroebenen &ouml;ffentlicher Kommunikation und andererseits gleicherma&szlig;en auf funktionale (strukturelle) wie subjektive (individuelle) Merkmale.<\/p>\n<p>Folglich bezieht sich der Begriff Gegen&ouml;ffentlichkeit auf drei Komplexit&auml;tsebenen von &Ouml;ffentlichkeit, deren Grenzen allerdings stark flie&szlig;end und kontingent sind: Erstens werden damit kritische Teil&ouml;ffentlichkeiten definiert, die ihren als marginalisiert empfundenen Positionen, welche oft auch als Gegen&ouml;ffentlichkeit bezeichnet werden, mit Hilfe von alternativen Medien und Aktionen innerhalb der massenmedialen &Ouml;ffentlichkeit Geh&ouml;r verschaffen m&ouml;chten (alternative &Ouml;ffentlichkeit). Hier kann wiederum zwischen alternativen Medien mit gr&ouml;&szlig;erer Thematisierungskraft wie z. B. die Berliner Tageszeitung <i>taz <\/i>(alternative Leitmedien) oder geringerer &ouml;ffentlicher Reichweite wie z. B. lokaler B&uuml;rgerfunk oder offenen Kan&auml;len (alternative Folgemedien) differenziert werden. Zweitens bezeichnet Gegen&ouml;ffentlichkeit auf der (Meso-)Ebene kollektive und dabei v. a. politische Lern- und Erfahrungsprozesse innerhalb alternativer Organisationszusammenh&auml;nge wie z. B. neue soziale Bewegungen oder nichtstaatliche Organisationen (partizipatorische &Ouml;ffentlichkeiten). Auf der (Mikro-)Ebene einfacher Interaktionssysteme verweist der Begriff drittens auf vielf&auml;ltige Formen von (zum Gro&szlig;teil individuellem) Medienaktivismus gerade im Bereich der neuen Medien.<\/p>\n<p>Mit dem Internet hat sich nun anscheinend die Idee eines dezentralen Kommunikationsnetzwerkes verwirklicht, das von Akteuren der Zivilgesellschaft getragen und als Medium ihrer Selbstorganisation verstanden werden kann. Gerade f&uuml;r kritische Teil&ouml;ffentlichkeiten gilt, dass sie nicht mehr ohne die neuen technischen M&ouml;glichkeiten gedacht werden k&ouml;nnen. Mehr noch, sie rekurrieren in ihrer Funktionsweise haupts&auml;chlich auf digitale Kommunikation, die vorwiegend &uuml;ber das Internet stattfindet. Die neuen Internet-Anwendungen wie z. B. Weblogs oder Wikis unterscheiden sich dabei grundlegend von den klassischen Massen- und Organisationsmedien. Neue Merkmale bestehen darin, dass Kommunikationsinhalte vernetzt aufgebaut werden k&ouml;nnen (Hypertextualit&auml;t), mit einer Vielzahl anderer Medien kombinierbar (Multimedialit&auml;t) und sowohl von bestimmten Teil&ouml;ffentlichkeiten als auch einzelnen Rezipienten beliebig bearbeitbar sind (Interaktivit&auml;t). Die digitalen Anwendungen stellen nicht nur ein Mittel der Distanzverringerung und der schnellen Kommunikation dar, sondern erm&ouml;glichen theoretisch auch eine mit Interaktivit&auml;t gekoppelte, fast beliebige Erweiterung (Cyberspace) und gleichzeitige Vernetzung (Konnektivit&auml;t) der internen und externen Bezugsgruppen politischer Akteure.<\/p>\n<p>Manuel Castells (1997: 362) r&auml;umt den neuen Internetanwendungen ein weitreichendes Mobilisierungspotenzial ein: &bdquo;It appears that it is in the realm of symbolic politics, and in the development of issue-oriented mobilization by groups and individuals outside the mainstream political system that? the new electronic communication may have the most dramatic effects.&rdquo;<\/p>\n<p>Wirklich darauf aufmerksam wurde die Welt&ouml;ffentlichkeit erstmals durch die Proteste gegen die WTO-Konferenz in Seattle im Dezember 1999. Die dabei verwendeten Internetanwendungen erwiesen sich aufgrund ihrer Eigenschaften v. a. als ein transnationales Organisations- und Kommunikationsinstrument, mit dessen Hilfe die Proteste erst vorbereitet und durchgef&uuml;hrt werden konnten. Neben den verschiedenen Protest-, Subversions- und Kollaborationsformen erleichtern die neuen Internetanwendungen v. a. die Artikulation der Akteure aus dem Spektrum der Gegen&ouml;ffentlichkeit. So sind seit dem Ende der 1990er Jahre zahlreiche Onlineformate entstanden, welche die Funktionen der fr&uuml;heren alternativen und bewegungsnahen Medien &uuml;bernehmen und weiterf&uuml;hren. Mehr noch: Der fundamentale gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Alternativpresse im Verlauf der 1980er Jahre (vgl z. B. Holtz-Bacha 1999 345) scheint damit &uuml;berwunden Idealtypisch k&ouml;nnen mehrere Formen unterschieden werden, wobei es nat&uuml;rlich u vielen Funktions&uuml;berschneidungen kommt, wie das Projekt <i>Indymedia <\/i>(<a href=\"http:\/\/de.indymedia.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/de.indymedia.org<\/a>) zeigt:[8]<\/p>\n<ul>\n<li><em>Alternative Informationsquellen. <\/em>Medien, die unabh&auml;ngige Informationen kooperativ erstellen, zur freien Nutzung bereitstellen und dauerhaft speichern wie z.B. die freie Online-Enzyklop&auml;die <em>Wikipedia<\/em>.<\/li>\n<li><em>Alternative Nachrichtendienste<\/em>. Medien; &#8222;die unabh&auml;ngige Informationen mit unmittelbarem Zeitbezug kooperativ erstellen und zur freien Nutzung bereitstellen wie z. B. die partizipative Nachrichten- und Presseagentur <em>Wikinews <\/em>oder die vom Anarchismus inspirierten <em>Infoshops<\/em>.<\/li>\n<li><em>Alternative Publikations- und Diskursionsplattformen<\/em>. Medien, die der Ver&ouml;ffentlichung von kontroversen Informationen dienen und so als Grundlagen zum F&uuml;hren von Diskursen dienen wie z. B. das unabh&auml;ngige Online-Politikportal <em>Indymedia<\/em>, Diskussionslisten wie z.B. <em>Nettime <\/em>oder die sog. <em>Media Watchdogs <\/em>wie z. B. <em>BildBlog<\/em>.<em>de.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p>Es existieren dar&uuml;ber hinaus verschiedene &bdquo;Interaktivit&auml;tsdimensionen&rdquo;, die ihre praktische Anwendung im Internet fanden und immer noch finden: Bspw. k&ouml;nnen Logos auf WWW-Seiten darauf hinweisen, dass deren Betreiber mit entsprechenden politischen Kampagnen sympathisiert. Es k&ouml;nnen auch &bdquo;Enth&uuml;llungs&#8220;-Websites erstellt werden &mdash; wie aktuell das prominente Beispiel <i>WikiLeaks<\/i>, &bdquo;die auf ein tats&auml;chliches oder angebliches unethisches Verhalten einer Person oder einer Organisation aufmerksam machen, einschl&auml;giges Material bereitstellen und m&ouml;glicherweise zum Protest aufrufen&rdquo; (Plake et al. 2001: 63). Internetangebote k&ouml;nnen somit informieren und als Koordinations- und Kommunikationszentrum f&uuml;r politisch orientierte Aktionen in Erscheinung treten.<\/p>\n<p>Weiterhin besteht die M&ouml;glichkeit, durch elektronische Kettenbriefe sozusagen im Schneeballprinzip m&ouml;glichst viele Adressate einer Protestaktion zu erreichen. Und w&auml;hrend bei Sit-ins oder Online-Streiks die &Uuml;berlastung (und damit der Ausfall) einer Webseite durch m&ouml;glichst viele gleichzeitige Aufrufe erreicht werden soll, versuchen Hacker die Quelldatei einer Webseite umzuprogrammieren.[9] Aus Aktivistensicht werden diese Aktivit&auml;ten auch als Formen &bdquo;elektronischen, zivilen Ungehorsams&ldquo; bezeichnet. Die &Uuml;bertragung des politischen Protests aus der wirklichen Welt in den Cyberspace ist gleichzeitig der Gang von einem lokalen zu einem globalen Ereignis. Protestaktionen richten sich allerdings haupts&auml;chlich gegen Milit&auml;r-, Politik- und Wirtschaftskreise und h&auml;ufig auch gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Internets und f&uuml;r die Erhaltung von Kommunikationsgrundrechten. Dabei soll politischer Aktivismus im Netz sowohl das Publikum verunsichern und damit zum Nachdenken anregen als auch hinsichtlich vorherrschender Machtverh&auml;ltnisse eine Machtumverteilung bewirken. Publizit&auml;tswirksame Beispiele sind Projekte wie <i>The Yes Men, Reclaim the Streets oder RTMark.[10] &nbsp;<\/i>Diese Gruppen sind zum gro&szlig;en Teil schon seit den Achtzigerjahren als Medienaktivisten t&auml;tig, aber erst die M&ouml;glichkeiten der neuen Medien und der computervermittelten Kommunikation haben ihnen zu einen enormen Anschub verholfen.<\/p>\n<p>Die Formen sind zu vielf&auml;ltig, um von dem Medienaktivismus im Internet zu sprechen (vgl. z.B. Meikle 2002). Online Medienaktivismus stellt somit keine eigene &bdquo;Bewegung&rdquo; mit einer empirisch beschreibbaren kollektiven Identit&auml;t dar, sondern ist je nach Perspektive der Betrachter ein Projekt z. B. f&uuml;r eine &bdquo;radikale Demokratie&rdquo;, f&uuml;r eine &bdquo;Netzkritik&rdquo; oder f&uuml;r eine &bdquo;Kommunikationsguerilla&rdquo;. Ein idealtypisches Beispiel f&uuml;r eine stark partizipative Form von Medienaktivismus im Internet stellt <i>One World TV <\/i>(<a href=\"http:\/\/tv.oneworld.net\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/tv.oneworld.net<\/a>) dar. Im Rahmen dieses unabh&auml;ngigen Internetprojekts ist ein &ouml;ffentlicher Raum geschaffen worden, in dem Filmjournalisten und -macher, die keinen Zugang zu den Massenmedien haben, ihre Produktionen und Arbeiten senden k&ouml;nnen. Die verschiedenen Clips sind miteinander thematisch verlinkt, um ein loses, interaktives Netzwerk zu kreieren. So k&ouml;nnen die Teilnehmer dieses Projektes miteinander kommunizieren und durch ihre Produktionen Ideen miteinander austauschen.<\/p>\n<p>Gegen&ouml;ffentliche Internetauftritte k&ouml;nnen somit auch f&uuml;r die Gesellschaft den Platz eines Recherche- und Pr&auml;sentationsmediums einnehmen und vermitteln gerade dadurch auch Wissen an die &Ouml;ffentlichkeit weiter. Nicht nur durch wachsenden Wettbewerb, Boulevardisierung oder Aktualit&auml;tsdruck, sondern auch in Krisenzeiten, wenn die Recherchem&ouml;glichkeiten durch Zensur und andere Hindernisse stark eingeschr&auml;nkt sind (z.B. Kriegsberichterstattung), k&ouml;nnen diese Online-Quellen sowohl Zusatzinformationen bieten, als auch aus journalistischer Sicht reizvoll und authentisch sein.[11] Neben der &Uuml;bernahme von Medieninhalten durch etablierte Medien ist auch die alternative Medienpraxis im Kontext des Internets zu beachten. So finden sich der nicht-hierarchische und interaktive Aufbau vieler gegen&ouml;ffentlicher Online-Diskussionen und die identit&auml;tsstiftende (virtuelle) Gemeinschaft gegen&ouml;ffentlicher Foren in leicht abgewandelter Form und vielfachen Ablegern inzwischen auch in den Online-Angeboten etablierter Medien. Dem vordergr&uuml;ndigen Aufbrechen einseitiger Kommunikationszusammen- h&auml;nge liegt hier allerdings als Intention eine verst&auml;rkte Leser-Blatt-Bindung zugrunde (Stichwort Bild-Lesereporter, vgl. ausf&uuml;hrlich Engesser\/Wimmer 2009).<\/p>\n<p>Neben den unz&auml;hligen Diskussionsforen, virtuellen Archiven, Mailinglisten etc. wird vielfach den <i>Weblogs <\/i>gro&szlig;es (gegen-) &ouml;ffentliches Potential einger&auml;umt (vgl. ideal-typisch Niedermaier 2008). Diese <i>peer-to-peer <\/i>Kommunikationsnetzwerke machen zwar die klassischen Funktionen von Journalismus wie Orientierung und Service nicht &uuml;berfl&uuml;ssig, k&ouml;nnen sie aber kritisch und gewinnbringend erg&auml;nzen. Allerdings wird bisher nur ein Bruchteil regelm&auml;&szlig;ig aktualisiert und frequentiert. Dieser Befund gilt im &uuml;bertragenen Sinn f&uuml;r alle gegen&ouml;ffentlichen Formen computervermittelter Kommunikation: Im Verh&auml;ltnis zur Gesamtbev&ouml;lkerung und den traditionellen Massenmedien ist die Zahl der aktiv Partizipierenden immer noch sehr gering. Es bleibt noch abzuwarten, ob die <i>Blogosph&auml;re <\/i>ein tempor&auml;res Ph&auml;nomen ist, das als Modeerscheinung bald wieder verschwinden wird, oder ob sie sich als ein fester Bestandteil alternativer &Ouml;ffentlichkeit erweist.<\/p>\n<p>Die klassische Alternativ&ouml;ffentlichkeit im Bereich der Print- und Radiomedien erscheint relativ gut erforscht (vgl. im &Uuml;berblick Wimmer 2007), der Bereich der alternativen Onlineangebote hingegen nur sehr disparat. Allerdings zeigt sich klar, dass es auch hier zu einem Strukturwandel gekommen ist (vgl. Bl&ouml;baum 2006). Die Zunahme an Professionalit&auml;t alternativer Online-Medien (gemessen an Adaptionen der Produktionsweise etablierter Medien) sowie eine Abnahme der Betroffenheitsberichterstattung kann u. U. die Prinzipien alternativer &Ouml;ffentlichkeit wie Authentizit&auml;t und Unabh&auml;ngigkeit beeintr&auml;chtigen. So verdeutlichen Chris Atton und Emma Wickenden (2005) am Beispiel der britischen <i>SchNEWS <\/i>die Ausbildung von Quellenhierarchien und idiosynkratischen Zielsetzungen der Redaktion, die z. T. eine alternative Kommunikationspraxis dominieren k&ouml;nnen. Trotz grunds&auml;tzlich gr&ouml;&szlig;eren Zugangsfreiheiten und Partizipationsm&ouml;glichkeiten sind verschiedenartige Einschr&auml;nkungen der Partizipationsm&ouml;glichkeiten feststellbar, die stetig Einfluss auf die Nachrichtenselektion und -produktion nehmen. Beispiele sind so genannte <i>editorial teams <\/i>bei <i>Indymedia <\/i>oder Mitgliedsmodelle bei kollektiven Weblogs wie z. B. <i>MetaFilter<\/i>. Die Eigenschaften der neuen Internetanwendungen k&ouml;nnen diesem Prozess gleichzeitig aber auch entgegenwirken &mdash; wie z. B. in Form kollektiver Nachrichtenselektion und -produktion.<\/p>\n<p>Onlinemedien stellen im Gegensatz zu alternativen Radios und Zeitungen nur z. T. eine publizistische Erg&auml;nzung massenmedialer &Ouml;ffentlichkeit dar, da hier oft nur Kritik ohne inhaltliche Alternativen artikuliert wird (z. B. Dillon 2005). Alternative &Ouml;ffentlichkeit im Internet erweist sich in den Studien somit gr&ouml;&szlig;tenteils als komplement&auml;r zur massenmedialen Berichterstattung (z. B. Reese et al. 2007). Aus inhaltlicher Perspektive werden die Themen etablierter &Ouml;ffentlichkeit zwar kritisch aufgearbeitet, aber somit auch implizit gesellschaftlich reproduziert (z. B. Rutigliano 2004). Aus struktureller Perspektive zeigen sich gerade im L&auml;ngsschnittvergleich Anpassungsprozesse alternativer Medien an die Strukturen etablierter Medien. Auch gilt f&uuml;r den Onlinebereich, dass trotz eines gro&szlig;en Engagements alternativer Medienmacher und des sich gewandelten Verh&auml;ltnisses zur Kommerzialit&auml;t eine (andauernde) Abh&auml;ngigkeit alternativer &Ouml;ffentlichkeit von &ouml;ffentlichen Geldern festzustellen ist.[12]<\/p>\n<p>Die Wirkung digitaler Gegenthematisierung ist an sich als gering einzusch&auml;tzen: Ein <i>inter media agenda setting <\/i>gelingt nur bei bestimmten, politisch brisanten Themen (vgl. f&uuml;r ein prominentes Fallbeispiel Song 2007). Die Onlineangebote gegen&ouml;ffentlicher Akteure vergr&ouml;&szlig;ern nicht automatisch deren allgemeine Medienresonanz (vgl. z. B. die Fallstudie von Gerhards\/Sch&auml;fer 2007).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"fazit-gegen-oeffentlichkeiten-als-dauerbaustelle\">Fazit: (Gegen-) &Ouml;ffent&shy;lich&shy;keiten als Dauer&shy;bau&shy;stelle<\/span><\/h2>\n<p>Die partizipativen Strukturen der neuen Internetanwendungen erlauben Online-Gegen&ouml;ffentlichkeiten mehrerlei: den direkten Dialog von Sender und Empf&auml;nger, den r&auml;umlich unabh&auml;ngigen Austausch von Informationen, die nationale und internationale Vernetzung, Kooperation und Koordination der Aktivit&auml;ten sowie die Ausbildung genuiner alternativer Subkulturen. Gesamtgesellschaftlich gesehen stellen Gegen&ouml;ffentlichkeiten (bisher) allerdings nur marginale Kommunikationsprozesse dar, die im real-&ouml;ffentlichen wie virtuellen Raum, gleichzeitig zu &ouml;ffentlichen Prozessen ablaufen. Auch die neuen Medien scheinen das Konzept von Kritik und &ouml;ffentlicher Gegenthematisierung auf gesellschaftlich breiter Front (noch) nicht wiederbeleben zu k&ouml;nnen &#8211; wenngleich Fallstudien einige kommunikative Freir&auml;ume wie z. B. emanzipative Diskurse in Mailinglisten oder gut funktionierende <i>communities in practice<\/i> aufzeigen.<\/p>\n<p>Aus demokratietheoretischer Perspektive ist die schon von Habermas diagnostizierte zunehmende politische und &ouml;konomische Vermachtung von &Ouml;ffentlichkeit problematisch. Das Publikum erscheint dabei weitestgehend als eine passive Gr&ouml;&szlig;e, politische Kommunikation und Meinungsbildung als ein im Wesentlichen elitegesteuerter Prozess. Online- Gegen&ouml;ffentlichkeiten k&ouml;nnen ein Korrektiv sowie ein Innovationspotential f&uuml;r die etablierte Politik darstellen. Vielfach zeigt sich das Demokratiepotential auch in den Fallstudien &#8211; z. B. in einer durch Gegen&ouml;ffentlichkeiten initiierten gesellschaftlichen Solidarisierung, in den Partizipationsm&ouml;glichkeiten am eigentlich exklusiven massenmedialen System und in alternativer Kommunikationspraxis gerade auf <i>lokaler <\/i>Ebene.<\/p>\n<p>Allerdings ist abschlie&szlig;end festzustellen, dass die neuen digitalen Medientechnologien bisher nichts an den grundlegenden &ouml;konomischen Faktoren ge&auml;ndert haben, die den etablierten Medienkonzernen ihre marktbeherrschende Stellung erm&ouml;glichen. Auch ist es plausibel, anzunehmen, dass von den Eigenschaften neuer Medien (z. B. den Recherche-, Reaktions- und Pr&auml;sentationsm&ouml;glichkeiten) ebenso die dominanten Massenmedien und etablierten politischen Akteure profitieren, d. h. sie werden sowohl einflussreicher auf die &ouml;ffentliche Agenda als auch resistenter gegen&uuml;ber den Einflussnahmen der Gegen&ouml;ffentlichkeiten. Die neuen digitalen Medientechnologien besitzen daher einerseits verst&auml;rkende Effekte auf die Artikulationskraft nicht-politischer Akteure wie aber auch unintendierte negative Effekte, wie z. B. das Ph&auml;nomen der digitalen Spaltung, die bestehende Asymmetrien politischer &Ouml;ffentlichkeit verst&auml;rken (k&ouml;nnen). Beide Dimensionen, die positive wie negative, sollten in der Analyse st&auml;rker in Beziehung zueinander gesetzt werden. In diesem Sinne stellen Downey und Fenton (2003, 199 f.) zu Recht fest: &bdquo;The relationship between new media, Counter-public spheres and the public sphere may become central to questions of democracy and legitimacy in coming years.&rdquo;<\/p>\n<p>[1] Idealtypisch f&uuml;r diese Position stellt Nancy Fraser fest (2005): &bdquo;Das Konzept der &Ouml;ffentlichkeit wurde nicht etwa entwickelt, um lediglich empirische Kommunikationsfl&uuml;sse zu verstehen, sondern um zu einer normativen, politischen Demokratietheorie beizutragen. [&#8230;] Es ist demnach wichtig festzuhalten, wer partizipiert und zu welchen Bedingungen dies der Fall ist. Zudem soll die &Ouml;ffentlichkeit als ein Vehikel f&uuml;r die Mobilisierung &ouml;ffentlicher Meinung als einer politischen Kraft fungieren. Sie sollte die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger gegen&uuml;ber privaten M&auml;chten erm&auml;chtigen und es ihnen erm&ouml;glichen, Einfluss auf den Staat auszu&uuml;ben.&#8220;<\/p>\n<p>[2] Den Gedanken f&uuml;hren Ulrich Beck und Anthony Giddens in ihrem Konzept der reflexiven Moderne fort.<\/p>\n<p>[3] Swantje Lingenberg (2010, 150) macht diesen Vorgang an empirischen Beispielen deutlich und zeigt auf; dass &bdquo;die Beteiligung an &ouml;ffentlichen Diskursen ebenso wie die Beobachtung politischen Geschehens l&auml;ngst nicht mehr nur &uuml;ber Massenmedien, sondern auch &uuml;ber spezialisierte Newsgroups, Diskussionsforen, Blogs und Twitter im Internet oder &uuml;ber das Mobiltelefon denkbar [ist].&rdquo;<\/p>\n<p>[4] So verlagert sich bspw. gerade bei Jugendlichen die interpersonale Kommunikation via E-Mail hin zu der Kommunikation via Social Networks und\/oder via diverse Spielplattformen (z. B. Schmidt et al. 2009).<\/p>\n<p>[5] Habermas (1992, 452) benennt drei Ebenen von &Ouml;ffentlichkeit &bdquo;von der episodischen Kneipen-, Kaffeehaus- oder Stra&szlig;en&ouml;ffentlichkeit &uuml;ber die veranstaltete Pr&auml;senz&ouml;ffentlichkeit von Theaterauff&uuml;hrungen, Elternabenden, Rockkonzerten, Parteiversammlungen oder Kirchentagen bis zur abstrakten, &uuml;ber Massenmedien hergestellten &Ouml;ffentlichkeit von vereinzelten und global verstreuten Lesern, Zuh&ouml;rern und Zuschauern.&rdquo;<\/p>\n<p>[6] Allerdings konstatieren Habermas und eine Vielzahl weiterer Autoren diesbez&uuml;glich kritisch, dass die Massenmedien &Ouml;ffentlichkeit gleichsam monopolisiert haben.<\/p>\n<p>[7] Allein unter strukturellen Gesichtspunkten kann man auch von einer rechtsradikalen &bdquo;Gegen&ouml;ffentlichkeit&rdquo; sprechen. Alternative wie auch bewegungseigene Medien sind sehr wohl in der rechtsradikalen (wie auch linksradikalen) Szene zu finden. Eigene Kommunikationsnetzwerke tragen auch hier zu einer starken Bewegungsidentit&auml;t bei. Allerdings entsprechen die verschiedenen Formen rechter Gegen&ouml;ffentlichkeit aus mehreren Gr&uuml;nden weder inhaltlich noch strukturell dem normativen Kontext von Gegen&ouml;ffentlichkeit im Sinne emanzipativer und demokratiest&auml;rkender &Ouml;ffentlichkeitsstrategien. Ebenso muss das hier verwendete Konzept der Gegen&ouml;ffentlichkeit von einer &bdquo;realsozialistischen&rdquo; Gegen&ouml;ffentlichkeit abgrenzt werden, da in diesem Fall andere demokratietheoretischen Grundlagen die etablierte &Ouml;ffentlichkeit konstituieren.<\/p>\n<p>[8] Das erste Independent Media Center (IMCs), kurz <i>Indymedia <\/i>genannt, wurde 1999 anl&auml;sslich der Anti-WTO-Proteste in Seattle (USA) mit dem Ziel gegr&uuml;ndet, m&ouml;glichst vielen Menschen eine Informationsplattform zur Verf&uuml;gung zu stellen, welche von den Aktivisten selbst benutzt und auch betrieben wird. <i>Indymedia <\/i>repr&auml;sentiert einen emanzipatorischen Mediengebrauch, aber auch eine Form von Netzaktivismus &mdash; neben blockierenden Ma&szlig;nahmen im Internet werden Information bereitgestellt bzw. Aktivisten vernetzt. Dies geschieht auf <i>Indymedia <\/i>durch Diskussionsforen, E-Mail-Verteiler und das so genannte open posting.<\/p>\n<p>[9] Bekanntes Beispiel ist die von der amerikanischen K&uuml;nstlergruppe <i>Electronic <\/i>Disturbance <i>Theater <\/i>entwickelte Software Flood Net. Diese Software erm&ouml;glicht die Automatisierung der virtuellen <i>Sit-ins<\/i>. Wer teilnehmen will, verbindet sich mit dem <i>Flood Net<\/i>, das nur zu einer angek&uuml;ndigten Zeit im Netz funktionsf&auml;hig ist und das die Onlinenutzer auf eine bestimmte Webseite leitet, wobei das Programm alle paar Sekunden automatisch den Reload-Befehl ausf&uuml;hrt und so die anvisierte Webseite &uuml;berlastet.<\/p>\n<p>[10] Diese meist subversiven (Protest-)Formen von Medienaktivismus sind aufgrund der dabei inszenierten Bilder und Ereignisse f&uuml;r die mediale Berichterstattung am attraktivsten (vgl. z. B.: <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/computer\/bildstrecke\/298\/1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.sueddeutsche.de\/computer\/bildstrecke\/298\/1<\/a> 3 503 9\/p0).<\/p>\n<p>[11] So berichtet z. B. die englische Rechtsreferendarin Wilding einer Korrespondentin gleich von ihren Erlebnissen als humanit&auml;re Helferin im Irak. Die <i>S&uuml;ddeutsche Zeitung <\/i>&uuml;bernahm dabei die Schilderungen direkt von einer Onlinediskussion zum Irakkrieg, die im alternativen Onlinemagazin <i>open-Democracy<\/i> gef&uuml;hrt wurde.<\/p>\n<p>[12] So wird <i>openDemocracy<\/i> fast ausschlie&szlig;lich durch Stiftungsgelder finanziert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur<\/span><\/h2>\n<p><i>Asen, Robert <\/i>(2000): Seeking the &#8218;counter&#8216; in counterpublics. In: Communication Theory, 10(4), 424-446.<\/p>\n<p><i>Atton, Chris\/Wickenden, Emma <\/i>(2005): Sourcing routines and representation in alternative journalism. A case study approach. In: Journalism Studies, 6(3), 347-359.<\/p>\n<p><i>Bl&ouml;baum, Bernd<\/i> (2006): Wandel alternativer &Ouml;ffentlichkeit. Eine Fallstudie zur tageszeitung (taz). In: Imhof, Kurt\/Blum, Roger\/Bonfadelli, Heinz\/Jarren, Otfried (Hrsg.): Demokratie in der Mediengesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag, 182-191.<\/p>\n<p><i>Castells, Manuel (<\/i>1997): The end of the millennium. The information age: Economy, society and culture. Vol. III. Oxford: Blackwell.<\/p>\n<p><i>Dahlgren, Peter <\/i>(2004): Theory, boundaries and political communication. The uses of disparity. In: European Journal of Communication, 19(1), 7-18.<\/p>\n<p><i>Demirovic, Alex<\/i> (1997): Demokratie und Herrschaft. Aspekte kritischer Gesellschaftstheorie. M&uuml;nster: Westf&auml;lisches Dampfboot.<\/p>\n<p><i>Dillon, John<\/i> (2004): Political nihilism, alternative media and the 2004 presidential election. 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Grundlagentexte Soziologie. Weinheim, M&uuml;nchen: Juventa, 41-54.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2184],"publikationen":[2827],"class_list":["post-11806","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-jeffrey-wimmer","publikationen-192-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gegen-\u00d6ffentlichkeiten im 21. 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