{"id":11809,"date":"2010-12-01T20:07:00","date_gmt":"2010-12-01T19:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/wem-gehoeren-die-medien\/"},"modified":"2021-08-24T21:54:17","modified_gmt":"2021-08-24T19:54:17","slug":"wem-gehoeren-die-medien","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/wem-gehoeren-die-medien\/","title":{"rendered":"Wem geh\u00f6ren die Medien?"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 55-65<\/p>\n<p>&#8222;Wem geh\u00f6ren die Medien?&#8221; &#8211; das klingt nach einer Flei\u00dfarbeit mit vielen Schaubildern, mit Prozentangaben und K\u00e4stchen. In denen Namen wie Bauer, Burda, Holtzbrinck, Neven Du Mont stehen. Aus denen ersichtlich wird, dass der Westen der Republik publizistisch in der Hand der WAZ-Gruppe ist &#8212;Kenner reden von der Brost- und der Funke-Linie &#8212;, der S\u00fcden hingegen in der Hand der S\u00fcdwestdeutschen Medien Holding, hinter der eher \u00f6ffentlichkeitsscheue Eigner wie etwa ein Herr Schaub stecken. Au\u00dferdem gibt es da noch Verleger wie Ippen und Ganske und wie sie alle hei\u00dfen. Und nat\u00fcrlich die m\u00e4chtigen Witwen Springer und Mohn.<\/p>\n<p>Denen geh\u00f6ren die deutschen Printmedien, die &#8222;Holzmedien&#8221;, wie wir neuerdings gern und keck sagen. Schon weil der Begriff automatisch die Assoziation freisetzt, dass da wohl irgendwie der Wurm drin ist.<\/p>\n<p>Wir haben es hier weitgehend mit alten Imperien zu tun, mit einer Handvoll Milliard\u00e4ren, die sich gr\u00f6\u00dftenteils in der Forbes-Liste der Reichsten der Welt wiederfinden. Bauer, Burda, Holtzbrinck sind f\u00fcr jeweils so um die 2 Milliarden Umsatz im Jahr gut. Springer bringt es auf 2,6 Milliarden. Bertelsmann, jener Konzern, der 1835 mit dem Verkauf eines christlichen Liederbuchs begann, spielt mit seinen 1200 Einzelfirmen und Beteiligungen von Random House bis RTL in einer anderen Liga, kommt weltweit auf \u00fcber 15 Milliarden. Das ist bereits die Sph\u00e4re, in der, noch etwas weiter oben, auch Disney und Rupert Murdochs News Corporation spielen.<\/p>\n<p>Das Auslandsgesch\u00e4ft, die globale Ausrichtung, wird aber auch f\u00fcr die anderen immer wichtiger. L\u00e4ngst sind deutsche Verlage tonangebend in Osteuropa. Gruner+Jahr etwa, eine Tochter von Bertelsmann, ist von den USA bis nach China aktiv, die Georg von Holtzbrinck GmbH in \u00fcber 80 L\u00e4ndern pr\u00e4sent. Die Bauer Media Group &#8211; das ist jene Hamburger Firma, die anno 1875 mit dem Druck von Visitenkarten begann, und wo seither wohl noch kein einziges aufkl\u00e4rerisches Wort erschienen ist &#8211; druckt heute mehr als 300 Zeitschriften in 14 L\u00e4ndern, betreibt au\u00dferdem Dutzende Radiosender. Alle haben inzwischen auch ihre Online-Portale, produzieren Firmenbl\u00e4tter, machen sowieso in TV, Merchandising und so weiter.<\/p>\n<p>Paul Sethe, einer der f\u00fcnf Gr\u00fcndungsherausgeber der FAZ, spitzte die Zust\u00e4nde schon 1965 sehr knapp zu: &#8222;Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.&#8221; 200 w\u00e4re heute vielleicht ein bisschen hoch gegriffen.<\/p>\n<p>Der verlegerische Impetus hat sich ebenfalls stark ver\u00e4ndert. Fr\u00fcher war der Verleger der Patriarch, der Talente um sich sammelte. Da durften auch ein paar dabei sei, die gar nicht seiner Meinung waren. Als Konfetti. &#8218;Zum Schmuck. Als Hofnarren.<\/p>\n<p>Inzwischen aber hat sich auch hier die rein betriebswirtschaftliche Logik durchgesetzt. Die Inhaber sind zunehmend verunsichert \u00fcber die Zukunft ihrer &#8222;Holzmedien&#8221;. In den Obergeschossen der Verlagsh\u00e4user herrscht eine Mischung aus Resignation und Aggression. Nicht, dass diese Imperien unmittelbar dem Untergang geweiht w\u00e4ren. Aber die hochgesteckten Renditeziele sind in den letzten Jahren doch zeitweise deutlich verfehlt worden. Das Plus stimmte nicht mehr. Weshalb die Medieneigner die Unternehmensberater in Marsch setzten, die Bergers, McKinseys und Co. Allesamt nat\u00fcrlich Experten in Sachen demokratischer \u00d6ffentlichkeit. Die zogen mit dem Rechenschieber in die Redaktionen. Und kamen &#8212; \u00dcberraschung &#8212;um Ergebnis, dass Qualit\u00e4tsjournalismus doch verdammt teuer ist. Also wurde entlassen, entlassen, entlassen. Oh nein, Verzeihung: Freigesetzt.<\/p>\n<p>Ja, das klassische Gesch\u00e4ftsmodell&#8220; der Bl\u00e4tter hat Probleme. Aber das Untergangsgeschrei war auch enorm n\u00fctzlich, um eine h\u00f6here Rendite zu sichern.<\/p>\n<p>Meldung vom September 2010: <i>Das erste Halbjahr 2010 verlief f\u00fcr den Bertelsmann-Konzern au\u00dferordentlich positiv. Auf 755 Millionen Euro bezifferten die G\u00fctersloher das Operating EBIT. Im gleichen Vorjahreszeitraum hatte es bei 497 Millionen Euro gelegen. Der Netto-Gewinn betrug 246 Millionen nach einem Minus von 333 Millionen vor einem Jahr. Der Konzernumsatz landete bei 7,4 Milliarden Euro. Die starken Zuw\u00e4chse f\u00fchrt das Bertelsmann-Management vor allem aufgestiegene Anzeigenerl\u00f6se bei den T\u00f6chtern RTL Group und Gruner+Jahr zur\u00fcck. Der Hamburger Verlag konnte seinen Vorsteuergewinn im ersten Halbjahr von 55 auf 130 Millionen Euro steigern. <\/i><\/p>\n<p>Eindeutig: Eine Krise.<\/p>\n<p>Zweite Meldung. Gut zwei Wochen alt:<br \/><i>Die erste Tarifrunde Tageszeitungen am 14. September in Berlin endete anders, als von den Gewerkschaften DJV und ver.di erhofft. Statt \u00fcber angemessene Gehaltserh\u00f6hungen f\u00fcr die rund 14.000 Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen zu verhandeln, stellten die Zeitungsverleger Forderungen an die Fl\u00e4chentarifvertr\u00e4ge in den Raum. Weil sich die Zeitungsbranche in strukturellen Schwierigkeiten befinde, so die BDZV-Vertreter, seien Abstriche unausweichlich.<\/i><\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen gar nicht mehr anders als k\u00fcrzen, streichen, &#8222;abbauen&#8221;.<br \/>Meldung 3, auch ganz frisch:<\/p>\n<p><i>Auf stabile Anzeigenumf\u00e4nge in den ersten acht Monaten dieses Jahres blicken die Zeitschriftenverleger zur\u00fcck. Von Januar bis August nahmen die Anzeigen in den Zeitschriften ebenso viel Raum ein wie im gleichen Vorjahreszeitraum. Das ermittelte die Zentrale Anzeigenstatistik des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger. Die stabile Anzeigenlage macht sich offenbar auch positiv in den Verlagskassen bemerkbar.<\/i><\/p>\n<p>Immer mehr Medieninhaber betreiben ihr Gesch\u00e4ft, als w\u00fcrden sie Schrauben, Schnittk\u00e4se oder Sonnenschirme verkaufen. Sie haben kein Anliegen mehr, das gr\u00f6\u00dfer ist als Geld. Besonders gut sichtbar sind die Folgen eines rein renditeorientierten Betriebes bei den Privatsendern. Seit 2007 sind Finanzinvestoren auf diesem Sektor direkt aktiv: Die Permira Beteiligungberatungs GmbH sowie Kohlberg Kravis Roberts &amp; Co (KKR) befehligen ProSiebenSatl. Diese Leute machen keinen Hehl daraus, dass sie sich genau null Sekunden lang f\u00fcr die gesellschaftliche Rolle ihrer Sender interessieren. Information? Aufkl\u00e4rung? Was ist das? Was kostet das? Kriegen wir die Zuschauer auch billiger? Es ist halt nur ein Investment. Durch Druck, Betriebsverlegungen und Entlassungen trimmen sie den B\u00f6rsenkurs genau so lange, bis sie den besten Preis bekommen. Verglichen damit wirkt manch Altverleger schon wieder wie ein Musterdemokrat. Selbst die FAZ sprach angesichts des Treibens im M\u00fcnchner Sender einmal von &#8222;Heuschreckenlogik&#8221;.<\/p>\n<p>Womit gekl\u00e4rt w\u00e4re, wem Printmedien und Privatsender &#8222;geh\u00f6ren&#8221;. Im Sinne von: in Besitz sein.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gesammeltes-schweigen\">Gesammeltes Schweigen<\/span><\/h2>\n<p>Und dann haben wir da noch die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender, die Anstalten, wie es so sch\u00f6n und manchmal allzu treffend hei\u00dft. Das sind diese gro\u00dfen H\u00e4user mit diesen endlos langen Korridoren, in denen die Machtk\u00e4mpfe besonders kompliziert sind. Meiner Ansicht nach ist der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk eines der sch\u00f6nsten Geschenke, die uns die alliierten Siegerm\u00e4chte, vorneweg die Briten, nach 1945 gemacht haben. Aus der verheerendsten Propagandawaffe der Nazis wurde ein zumindest potentiell demokratisches Medium, das obendrein, zumindest potentiell, im Besitz aller ist. Umso betr\u00fcblicher, dass die Anstaltsrealit\u00e4t zuweilen krass vom Idealzustand abweicht. Iln vergangenen November feuerte das ZDF auf Druck eines Roland Koch mal eben seinen Chefredakteur. Das machte einigen Wirbel. Es gab laute Proteste. Doch letztlich f\u00fcgten sich alle. Im Mai stieg Regierungssprecher Ulrich Wilhelm (CSU), also die oberste Sprechblase der Regierung Merkel in Berlin, mal eben in den Flieger nach M\u00fcnchen und lie\u00df sich zum Intendanten des ach so staatsfernen Bayerischen Rundfunks k\u00fcren. Nahtlos.; Der Rundfunkrat w\u00e4hlte ihn mit 40 von 44 Stimmen. Dort ist angeblich die Gesellschaft repr\u00e4sentiert. Es ist eine Farce. Eine Frechheit. Eine Beleidigung des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks und damit der ganzen Gesellschaft. Ein weiteres Beispiel f\u00fcr schamlose Medienmachtpolitik. Und es wirkt fast schon wieder ein guter Witz; dass sich Frau Merkel bei der Suche nach einem Nachfolger f\u00fcr den Herrn Wilhelm ausgerechnet beim ZDF bedient hat. Hurra, k\u00f6nnte man rufen, das Perpetuum mobile ist erfunden.<\/p>\n<p>Gewiss, einen gewissen Prozentsatz von Wichtigtuern und Vasallen gibt es immer. Das muss wom\u00f6glich so sein. Selbst beim \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk. Heinrich B\u00f6ll hat diesen Umstand schon vor \u00fcber 50 Jahren in &#8222;Doktor Murkes gesammeltes Schweigen&#8221; wunderbar beschrieben. Da gab es noch gar kein ZDF. Heute toben die entscheidenden politischen Schlachten um das Fernsehen. Weil es f\u00fcr die politische Bewusstseinsbildung der Massen extrem wichtig ist. Weil sich hier jeder ein Bild macht.<\/p>\n<p>Die Kochs dieser Republik werden nicht eher ruhen, bis auch der letzte kritische Geist \u00e4ngstlich die wei\u00dfe Fahne schwenkt. Man kann ja sehen, was sie mit den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anstalten in ihren F\u00fcrstent\u00fcmern treiben. Man sollte sich \u00fcberhaupt sehr viel genauer anschauen, was die Ministerpr\u00e4sidenten mit dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk machen. Sie haben viel zu viel Macht \u00fcber ihn. Sie k\u00f6nnen \u00fcber die Geb\u00fchrenfestsetzung, die Gremien und das Spitzenpersonal tief ins Programm eingreifen. Wobei man zugeben muss, dass das Spitzenpersonal auch von ganz alleine auf viele dumme Ideen kommt. Die beunruhigendste Tendenz: Die geistige Entleerung der Massenprogramme im Fernsehen wie im Radio. Die wachsende Neigung, alles, was im Hirn einen Funken schlagen k\u00f6nnte, auf h\u00fcbschen Sonderkan\u00e4len wie Arte oder im Nachtprogramm weg zusenden. W\u00e4hrend die Hauptprogramme nur noch einlullende Massenbespa\u00dfung abstrahlen.<\/p>\n<p>Vor allem die Christenunion zeigt immer wieder, dass sie ein gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zum Grundauftrag des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks hat, ihn eher als Werkzeug betrachtet. Und sich im Zweifel auf die Seite der Medien-Privatbesitzer schl\u00e4gt, mit denen sie irgendwie enorm gut befreundet zu sein scheint. Die Verleger haben ihren Spa\u00df mit dieser Regierung. Ihr wichtigstes Schlachtfeld ist derzeit das Internet. Der Markt der Zukunft. Wo die Verleger mehr verdienen wollen, etwa mit Hilfe eines neuen so genannten &#8222;Leistungsschutzrechtes&#8221;, dass ihnen &#8212; nicht den Urhebern &#8212; das Inkasso f\u00fcr Online-Inhalt erleichtern soll.<\/p>\n<p>Zugleich feuern die Medienbesitzer, vor allem der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger und der Verband Privater Rundfunk und Telemedien, seit Jahren aus allen Rohren gegen die Online-Pr\u00e4senz der \u00d6ffentlich-Rechtlichen. Die sollen aus dem Netz gedr\u00e4ngt werden. Unter tatkr\u00e4ftiger Mithilfe vieler Politiker. Das erinnert an den Kampf um die Claims in der Antarktis. Wo jeder, der genug Macht zu haben glaubt, mal eben seine Fahne ins Eis rammt. Um sich Sch\u00e4tze zu sichern. Auch hier geht es um Marktanteile. Die Erfolge sind erschreckend: Die Politik war den Medienbesitzern zu Willen. Dank eines neuen Medienstaatsvertrages sind ARD und ZDF seit Neustem gezwungen, zur L\u00f6schung ihrer Inhalte im Internet zu schreiten. Eine Massenvernichtung von Information. Stoff, f\u00fcr den wir Geb\u00fchren zahlen. Und der weg muss, damit bei anderen die Kasse stimmt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"margarine-mode-und-popstars\">Margarine, Mode und Popstars<\/span><\/h2>\n<p>Medien sind die Plattform f\u00fcr alle \u00d6ffentlichkeit, die \u00fcber unseren pers\u00f6nlichen Gesichtskreis hinausreicht, \u00fcber die unmittelbare Familie, die Kollegen, Bekannten, Freunde und Feinde. Wobei das nicht mehr ganz stimmt: Ein soziales Netzwerk wie Facebook, das ja ebenfalls Medium ist, strukturiert auch die Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung neu. Medien liefern uns das Material zur Deutung der Welt, unserer Welt. Medien liefern uns Unmengen Informationen frei Haus, auch Sichtweisen und Einsichten, Lebensstile, Stimmungen, Zerstreuung &#8212; Lachen und Weinen inklusive. Weshalb die Frage so wichtig ist, wem sie geh\u00f6ren. Und wem sie gehorchen.<\/p>\n<p>Beim Gehorchen tut sich auch so einiges. Vor allem auf jenem Sektor, den ich &#8222;orchestrierte Kommunikation&#8221; nennen m\u00f6chte. Die industrielle Meinungsmache, den Spin. Es gibt eine wachsende Kontrolle von \u00f6ffentlicher Darstellung, einen wachsenden Hang zur Inszenierung. Politik wird immer mehr zur Seifenoper, wird <i>in Szene gesetzt <\/i>und vermarktet wie fr\u00fcher nur Margarine, Mode und Popstars.<\/p>\n<p>Das hat mit der Privatisierung der Welt, zu tun. Damit, dass immer gr\u00f6\u00dfere Teile des Gemeinwesen in den Besitz nicht demokratisch legitimierter Macht \u00fcbergehen. Auch mit den Ratingagenturen. Denn ein klares Triple-A von Standard &amp; Poor&#8217;s ist heute wichtiger als alles Journalistengeschnatter &#8211; f\u00fcr Firmen wie f\u00fcr Staaten.<br \/>Das hat \u00fcberdies damit zu tun, dass sich \u00f6ffentliche Wahrnehmung zusehends auf eine kleine Schar von Top-Akteuren verengt, die zumeist auch nicht mehr als politische Wesen, als artikulierte Interessen, sondern nur mehr als Solo-Darsteller erlebt werden, die sich auf der polit-medialen B\u00fchne mehr oder weniger raffiniert pr\u00e4sentieren. Es ist an der Zeit sich verst\u00e4rkt mit den Dirigenten dieses Orchesters auseinanderzusetzen. Da ist nicht nur die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, \u00fcber deren keckes Treiben wir uns so gerne lustig machen. Meinungsmache ist eine globale Industrie geworden. Immer mehr sucht sie unser aller Sicht auf die Verh\u00e4ltnisse zu bestimmen. Keine Figur von Rang tritt mehr in die \u00d6ffentlichkeit ohne eine Armada von Imageberatern, Agendasettern und Marketingexperten. Politische Entscheidungsprozesse sind in allen Stadien den Pressionen einer kolossalen Lobby-Maschinerie ausgesetzt. Journalisten werden geschickt\u00a0\u00a0 umschmeichelt und mit Geschichten gef\u00fcttert. Keine Party steigt mehr ohne Eventmanager. Selbst Kriege werden heute unter Feuerschutz von mindestens einem Dutzend PR-Agenturer gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Zu diesem Bild geh\u00f6rt auch das vermeintliche unpolitische Wirken der Zerstreuungsindustrie. Die Welt der Promis, der Lightshows und des menschelnden Schwachsinns. Sie fuhrt zur Entkoppelung breiter Massen vom gesellschaftlichen Diskurs. Sie kreiert eine Art Anti-Welt. Eine \u00d6ffentlichkeit, die Wirklichkeit verweigert. Sie bef\u00f6rdert das Auseinanderdriften der Gesellschaft, vertieft den Graben zwischen Habenden und Habenichtsen. Versch\u00e4rft das Unten und Oben.<\/p>\n<p>Unten macht sich ein fatalistischer Verdruss \u00fcber die so genannten Eliten breit. W\u00e4hrend oben die Verachtung gegen\u00fcber dem so genannten einfachen Volk w\u00e4chst. Die Mittelschicht lebt derweil in Angst und zeiht einen wachsenden Drang zur Abgrenzung gegen alles Fremde, dass ihr den Platz streitig machen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wem geh\u00f6ren die Medien? Wem sollten sie idealerweise geh\u00f6ren? Die Antwort ist einfach: Allen. Uns. Medien spiegeln und formen Gesellschaft. Medien sind der Ort, wo unsere Wirklichkeit beschrieben, reflektiert, debattiert und bewertet wird. Wo die Gesellschaft zu sich spricht.<\/p>\n<p>Zivilisation &#8211; das ist die Z\u00fcgelung von Macht und Gewalt in einer und durch eine informierte \u00d6ffentlichkeit. Medien sind die Vehikel dieser \u00f6ffentlichen Kontrolle. Oder sollten es doch sein. Deshalb nennt man sie die vierte Gewalt.<\/p>\n<p>Ja, es gibt andere \u00d6ffentlichkeiten: den Marktplatz, die Parteien, die Gewerkschaften, Vereine, Initiativen, NGOs. Doch auch was hier besprochen und getan wird, erschlie\u00dft\u00a0sich einer gro\u00dfen Zahl von Menschen nur \u00fcber Medien. Es ist elementar f\u00fcr die Demokratie, wer mitreden darf; wer den Ton angibt. Wie laut abweichende Meinungen werden d\u00fcrfen. Und am Ende immer, wer die Entscheidungen trifft. Die &#8222;Elite&#8221; und ihre Experten, die exklusiven Clubs? Die B\u00f6rse, die B\u00fcrokratie, die Billion\u00e4re ? So kann es nicht gehen.<\/p>\n<p>Der hochgesch\u00e4tzte Kollege Mathias Greffrath hat es schon vor Jahren klar umrissen: <i>In den letzten drei Jahrzehnten sind die Medien dem Marktgesetz verfallen. Ihre neue &#8222; Vielfalt&#8221; ist passgenauer \u00dcberbau der \u00f6konomischen Basis: Unterschichten lernen auf Unterschichtenschulen, schlucken Unterschichtenessen, sehen Unterschichtenfernsehen; Eliten gehen auf Privatschulen, essen und joggen mit Stil und lesen FAZ, SZ und notfalls Die Welt.<\/i><\/p>\n<p>\u00d6ffentlichkeit ist auch der Ort, an dem sich eine Gesellschaft \u00fcber ihren Fortschritt verst\u00e4ndigt. Da kann es einen schon manchmal rasend machen, wie wenig sich hier in eine gute Richtung bewegt. Ich glaube, es liegt auch daran, dass Ideen und Visionen heute als bedrohlich, gef\u00e4hrlich und spinnert gelten. Warum etwa haben wir nicht endlich eine Schule, die alle Kinder f\u00f6rdert, ihnen hilft, m\u00f6glichst fr\u00f6hliche, tolerante, kluge und neugierige Menschen zu werden? Der Kampf darum tobt seit mindestens 40 Jahren, ein z\u00e4her Stellungskrieg in mittlerweile 16 F\u00fcrstent\u00fcmern. So sehr sich viele m\u00fchen, es im konkreten Alltag gut zu machen &#8211; das marode Fundament stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es darf nicht angetastet werden, es steht unter ideologischem Denkmalschutz. Unser &#8222;b\u00fcrgerliches Lager&#8221; will es so. Wir sind neben \u00d6sterreich inzwischen das letzte Land in Europa, das auf Fr\u00fchselektion setzt. Das Resultat ist dokumentiert: eine gigantische Verschwendung von Talent und Lebensgl\u00fcck. Der soziale Status der Eltern entscheidet weiter \u00fcber die Chancen der Kinder. Deutschland, ein Exzellenz-Cluster? Nein, ein Inkompetenz-Zentrum.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-neuanfang\">Ein Neuanfang<\/span><\/h2>\n<p>Es ist die zweite Demokratie, die wir in Deutschland haben. Die erste ist nicht zuletzt am Versagen der Medien zugrunde gegangen, an Propaganda, Gleichschaltung, Duckm\u00e4usertum. An einer zunehmend lautstarken Verachtung der Demokratie. Der R\u00fcstungs- und Medienunternehmer Alfred Wilhelm Franz Maria Hugenberg, der die halbe deutsche Presse kontrollierte, war einer der wichtigsten Wegbereiter des Nationalsozialismus. Was genau haben wir seit Hugenberg dazugelernt??<\/p>\n<p>Ich glaube, eine ganze Menge. So lange \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk halbwegs funktioniert, so lange Verleger nicht zu Fabrikanten regredieren, sondern gesellschaftlich verantwortlich handeln &#8212; und begreifen, dass ihre Medien nicht nur einen Warencharakter haben, sondern eine dar\u00fcber hinausgehende, sehr grundlegende kulturelle Funktion, ist unser duales System im Prinzip gar nicht schlecht. Wir genie\u00dfen einen Murdoch nur in hom\u00f6opathischen Dosen. Wir haben keine Fox News. Und, ganz nebenbei, auch kein ZK mehr, dass die Medien streng steuert und zensiert.<\/p>\n<p>Verleger? Das ist ein komisches Wort. Es ist vor Jahrhunderten entstanden und hie\u00df eigentlich wohl Vorleger. Das war der, der die Kosten f\u00fcr den Druck eines Buches vorlegte&#8230; Verlegen &#8212; das war in Deutschland immer eine Sache des Clans. Man wurde es qua Geburt &#8212; wie Bauer, die Holtzbrincks, Neven DuMont, auch Axel Springer und Hubert Burda. Oder per Eheschlie\u00dfung. Oder per Adoption. Der vierte Weg war &#8211; nach Kriegsende &#8211; die Lizenz. Die alliierten Sieger \u00fcber das faschistische Deutschland legten unser Mediensystem vor 65 Jahren still. Die Herstellung und der Vertrieb von Presse waren nur nach Erhalt einer solchen Lizenz m\u00f6glich. Weil klar war: Ohne das Versagen und die darauf folgende Gleichschaltung von Presse und Rundfunk w\u00e4re der Triumph des Nationalsozialismus undenkbar gewesen.<\/p>\n<p>Neue, integre Medienbesitzer sollten fortan die \u00d6ffentlichkeit bedienen. Die Suche nach den richtigen, &#8222;demokratisch gesinnten&#8221; Leuten verlief streckenweise ziemlich m\u00fchsam. Findungskommissionen brausten in Jeeps durch das in jeder Hinsicht verw\u00fcstete Land. Gerd Bucerius, Henri Nannen, Rudolf Augstein und andere erhielten schlie\u00dflich Lizenzen. Bei Axel Caesar Springer, der eigentlich Operns\u00e4nger werden wollte, f\u00fcgte es sich doppelt. Er erbte einen kleinen Verlag &#8211; und bekam eine Lizenz. Springer war ein ziemlicher Aufschneider. Als die Briten ihn fragten, ob er im Dritten Reich verfolgt worden war, soll er geantwortet haben: &#8222;Eigentlich nur von den Frauen!&#8221;<\/p>\n<p>Es war ein echter Neuanfang. Naja, fast. Die Burdas und die Mohns verschleierten die Rolle ihrer Verlage unter den Nazis. Der deutsche Verleger ist n\u00e4mlich auch flexibel. W\u00e4hrend des Kieges druckte Burda Generalstabskarten. Und Bertelsmann &#8222;Feldausgaben&#8220; f\u00fcr die Front. Georg von Holtzbrinck war NSDAP-Mitglied. Der Historiker Wolfgang Benz res\u00fcmierte sein Wirken so: &#8222;Die Geschichte des Unternehmers Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich ist so unspektakul\u00e4r wie bedr\u00fcckend. Er war kein fanatischer Ideologe, kein b\u00f6sartiger Antisemit, kein wilder Militarist, er hat sich nur einfach angepasst. Um des Gesch\u00e4ftserfolgs willen.&#8221;<\/p>\n<p>Und trotzdem: Ein Neuanfang. Als John Seymour Chaloner, Presseoffizier der britischen Besatzungszone sich 1946 zum ersten Mal mit Rudolf Augstein traf, war Chaloner 21 Jahre alt. Und Augstein 22. Er bekam die britische Lizenz Nr. 123. Die S\u00fcddeutsche Zeitung hatte die US-Lizenz Nr. 1. Mit dem Grundgesetz 1949 kam dann eine Generallizenz zum Zeitungsmachen. Seither darf jeder. Man w\u00fcnscht sich manchmal, dass da wieder einer k\u00e4me und ein paar mutigen Habenichtsen die Lizenz zum Medienmachen in die Hand dr\u00fcckte. Aber das wird nicht passieren. Oder nur um dem Preis einer Katastrophe.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"haltungsschaeden\">Haltungssch&auml;den<\/span><\/h2>\n<p>Das Problem ist nicht nur ein strukturelles. Es hat auch etwas mit der Haltung des Einzelnen zu tun. Vor allem in meinem Beruf, dem Journalismus. Der ja so etwas wie der Maschinenraum der \u00d6ffentlichkeit ist. Der Politik wie der Wirtschaftsjournalismus hat sich im neuen Jahrtautsend schon gr\u00fcndlich blamiert. Wirtschaftsressorts verkamen zu marktfundamentalistischen Sekten. Deutsche Politschreiber haben sich 2005 mit einer gro\u00dfen Merkelei l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n<p>2009 gaben sie sich dann betont gelangweilt &#8211; was keinen Deut besser war. Die publizistischen Alphatiere fielen in eine postdemokratische Attit\u00fcde, fanden Demokratie pl\u00f6tzlich ziemlich lahm und langweilig und <i>die Politiker <\/i>sowieso alle doof. Global sind wir Journalisten in diesem Jahrtausend bereits an George W. Bush, Waldimir Putin, J\u00f6rg Haider und Silvio Berlusconi gescheitert. Aus h\u00f6chst unterschiedlichen Gr\u00fcnden. Die \u00d6ffentlichkeit steckt nicht nur in Deutschland in der Krise.<\/p>\n<p>Der Journalismus hat einen Haltungsschaden. Auch, zum Beispiel in den USA. &#8222;Das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten &#8222;, res\u00fcmierte der Pulitzer Preistr\u00e4ger, Russell Baker zum Ende der \u00c4ra Bush, habe sich &#8222;mit L\u00fcgen abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschw\u00f6rer machen lassen&#8221;. Das liegt unter anderem daran, dass die misten Journalisten kaum noch Journalismus machen. Im Sinne von: Rausgehen und recherchieren. Wenn die schiere Zahl der Journalisten Garant f\u00fcr hohe Qualit\u00e4t w\u00e4re, spottet der US-Medien\u00f6konom Robert Picard, &#8222;w\u00e4re niemand \u00fcberrascht worden vom Bankendebakel, dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks, der internationalen Schuldenkrise, der US-Hilfe an Regierungen in Zentralamerika, der Iran-Contra-Aff\u00e4re, der Kinderarbeit in Entwicklungsl\u00e4ndern, dem explosiven Wachstum der chinesischen Wirtschaft oder dem wachsenden nationalen oder internationalen Terrorismus&#8221;. Denn die Zahl der Journalisten sei ja seit 1970 stark gewachsen. Das Problem, so Picard: &#8222;Die meisten Zeitungsjournalisten k\u00fcmmern sich um alles au\u00dfer die wichtigen Nachrichten. Sie verbringen ihre Zeit, um Geschichten \u00fcber Stars, Essen, Autos und Unterhaltung zu schreiben.&#8221; Auch deshalb erscheint Demokratie immer \u00f6fter wie ein Ritual, ein inszenierten Spiel, eine hohle Nummer, ein Placebo. Was eine brandgef\u00e4hrliche Tendenz ist. Weil sie dem Rechtspopulismus die T\u00fcr aufrei\u00dft. Dessen Trick es ist, der Komplexit\u00e4t einer sich globalisierenden Weit die simple Formel entgegenzubr\u00fcllen, Schuld zuzuweisen: Den Fremden, den Muslimen, den Juden, den Linken, den &#8230; &#8211;jedenfalls immer den anderen. Er schafft Fronten und Feindbilder. Es b\u00fcndelt die Angst der Menschen und zieht sie an ihr durch die Manege.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"erregung-ist-die-wichtigste-waffe\">Erregung ist die wichtigste Waffe<\/span><\/h2>\n<p>Hier sp\u00e4testens zeigt sich, dass Medienfragen Machtfragen sind. Dass haben wir bei Berlusconi gelernt. Der in Italien schon dreimal gesiegt hat. Weil er jede Menge Medien besitzt. Und weil er es geschafft hat, die Emotionen der Menschen zu kapern. Wir erleben es, in einer anderen Form, auch bei Sarkozy. Der musste die Schl\u00fcsselmedien nicht in seinen Besitz bringen. Er profitiert von zunehmend industriellen Medienstrukturen der Grande Nation. Die m\u00e4chtigsten Medienoligarchen sind seine Freunde. Martin Bouygues (TFl) war sein Trauzeuge und Taufpate seines Sohnes Louis. Arnaud Lagardere (Elle, Paris Match, Journal du Dimanche, Europe 1) schw\u00e4rmte, Sarkozy sei &#8222;wie ein Bruder&#8220; f\u00fcr ihn. Vincent Bollore (Matin Plus, Direct 8) lie\u00df Sarkozy 2007 auf seiner Jacht Paloma vor Malta kreuzen. Alle sind sie mit von der pr\u00e4sidentiellen Dauerpartie. Bernard Arnault (Les Echos) durfte als Trauzeuge bei Sarkozys vorletzter Heirat dienen. Am 6. Mai 2007, dem Tag von Sarkos Sieg, trafen sich all die guten Freunde im Le Fouquet&#8217;s auf der Avenue des Champs-Elysees, um viele Korken knallen zu lassen.<\/p>\n<p>Sie alle bedienen mit ihren Medien und ihrer Rhetorik die Emotionen des Volkes. Vor allem dessen Angst. Und bestimmen so den Diskurs. Erregung ist dabei die wichtigste Waffe. Was wir just im Kleinen auch in Deutschland sehen durften. Bei der sagenhaften Sarrazin-Debatte. Ein Paradestuck der seit Jahren grassierenden Erregungskultur. Ein Musterbeispiel f\u00fcr einen Medientornado, f\u00fcr jenes Saureiter-Gewerbe, zu dem Journalismus gerne mal verkommt. Ja: Man muss die Sau rauslassen. Und sie durchs Dorf treiben. Das schafft Aufmerksamkeit. Aufregung. Auflage.<\/p>\n<p>Was ist geschehen? Thilo Sarrazin, Sozialdemokrat, Volkswirt, Ex-Senator und Bundesbanker, schrieb ein Buch: &#8222;Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen&#8221;. Voller Zahlen. Und voller Verachtung f\u00fcr die vermeintlich dumme, aber umso vermehrungsfreudigere Unterschicht. Am schlimmsten: Diese Zugewanderten. Vor allem die T\u00fcrken. Die ja, das hatte der Banker schon im vergangenen Jahr laut kundgetan, viel zu viele &#8222;Kopftuchm\u00e4dchen&#8221; produzieren. Es kam daher als kalte Kosten-Nutzen-Analyse.<\/p>\n<p>F\u00fcr solch ein Buch muss es Bumm machen. Auf gro\u00dfer B\u00fchne. Und tats\u00e4chlich sorgen <i>Bild <\/i>und <i>Spiegel <\/i>&#8211; die neue, unheilige Sautreiber-Allianz &#8211; f\u00fcr maximalen L\u00e4rm. Ihre angeblich 18 Millionen Leser d\u00fcrfen sich vorab in den knackigsten Phrasen suhlen. Das lohnt sich &#8211; f\u00fcr Sarrazin wie f\u00fcr die Bl\u00e4tter.<\/p>\n<p>Nun st\u00fcrzen alle anderen Medien dieser Sau hinterher &#8211; schreiben, knipsen und senden, was das Zeug h\u00e4lt. Ein &#8222;Aufreger&#8221; ist geboren. Und weil so eine tolle Erregung schneller zusammenf\u00e4llt als ein Souffl\u00e8, muss nachgeheizt werden. Zum Beispiel mit ein bisschen erbbiologischem Unfug. Mit ein wenig Gerede von den Genen der Juden oder der Muslime, der Klugen und der Dummen, der Ober- und der Unterschicht.<\/p>\n<p>Das sind Perlen f\u00fcr die Sau. Das kreiert noch mehr Schlagzeilen. Noch mehr Auflage. Das weckt Emp\u00f6rung und Protest. Was wiederum die M\u00f6glichkeit schafft, die Tabu-Taste zu dr\u00fccken. Der <i>Spiegel <\/i>titelt \u00fcber den &#8222;Volksheld Sarrazin&#8221;. W\u00e4hrend <i>Bild <\/i>&#8211; das ~Zentralorgan unterdr\u00fcckter Minderheiten &#8211; ihren Klartext-Thilo zum Opfer bitterb\u00f6ser Kritiker stilisiert. Meine Lieblingsschlagzeile: <i>Bild k\u00e4mpft f\u00fcr Meinungsfreiheit!<\/i><\/p>\n<p><i>Das wird man ja wohl noch sagen d\u00fcrfen!, <\/i>hei\u00dft es jetzt gro\u00dfen Lettern, und : <i>Wir wollen keine Sprechverbote!<\/i> Illustriert \u00fcbrigens, oh Gipfel der Ironie, mit einem Foto, das den vermeintlich mundtot gemachten Propheten zeigt, wie er von einer gigantischen Zahl von Mikrofonen bedr\u00e4ngt wird, deren Halter nur das eine wollen: Mehr von diesem geilen Sarrazin-Superstoff.<\/p>\n<p>Da gehen auch die Lautsprecher flugs in Stellung. Das Stammpersonal der Talkrunden st\u00fcrzt sich in den Sautreiber-Strom. Damplauderer wie Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel, Henryk M. Broder und Matthias Matussek. All die Wellenreiter der \u00f6ffentlichen Erregungsst\u00fcrme. Und die Vollzeit-Pyromanen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, von hinten halb rechts auf den teuren Sozialstaat und die \u00f6de &#8222;Konsensgesellschaft&#8221;, auf die Muslime und alle so genannten &#8222;Gutmenschen&#8221; niederzugehen.<\/p>\n<p>Niedere Instinkte sind geweckt. Der L\u00e4rmpegel steigt. Das Niveau sinkt weiter.<\/p>\n<p>Schon jubelt die NPD. W\u00e4hrend Frank Schirrmacher sich in der FAZ die &#8222;Frau Merkel&#8220;, vorkn\u00f6pft, weil sie das Buch noch nicht komplett gelesen hat. Dieses &#8222;wichtige Buch&#8221;, das .aucli ~;,Bild&#8220; weiterhin tagt\u00e4glich feiert. Das endlich sagt, was das Volk wirklich will, diese ewig unverstandene, gequ\u00e4lte Masse, dessen neue, klare Stimme nun Sarrazin hei\u00dft. &#8222;Die Politik&#8221; hingegen ist ach so b\u00f6s und fern und unter aller Sau. &#8222;Die Politiker&#8221;, so klingt seit Monaten der postdemokratische Refrain, der auch jetzt wieder laut angestimmt wird, &#8222;die Politiker&#8221; taugen ja sowieso alle gar nichts. Das ist die klassische Rezeptur des Rechtspopulismus<\/p>\n<p>Sicher: Demokratie &#8211; die Herrschaft des Volkes &#8211; kann nur als Ann\u00e4herung gelingen, bleibt ein Ideal. Immer blo\u00df bedingt erreichbar. Es wird immer Menschen geben, die nur vor sich hin leben, nur konsumieren, in Ruhe gelassen werden und ein bisschen bespa\u00dft werden wollen &#8211; von den Medien. Es wird immer Gruppen geben, die sich nur schwach artikulieren k\u00f6nnen, die weniger durchsetzungsstark und damit &#8222;wert&#8221; sind als potente, lautstarke Interessen.<\/p>\n<p>Umso wichtiger ist, dass Medien f\u00fcr das Recht auf Teilhabe aller an den Entscheidungen &#8211; und am Wohlstand &#8211; eintreten .Dass sie gerade jene Menschen mitreden lassen, die solches nicht qua Amt, Macht ,Geld ohnehin tun. Dass sie immer wieder fragen:<\/p>\n<blockquote>\n<p class=\"bodytext\">Wie sind die Chancen verteilt?<br \/>Wie sozial, wie frei, wie gerecht ist unsere Gesellschaft?<br \/>Wie viel W\u00fcrde genie\u00dft der einzelne?<br \/>Wie viele fallen hinten runter?<br \/>Wer hat noch das Wort?<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Tats\u00e4chlich aber inszeniert die Talk-Demokratie zumeist nur den stets gleichen Leer-Diskurs einiger hundert Darsteller.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ein-demokratisches-wunder\">Ein demokra&shy;ti&shy;sches Wunder<\/span><\/h2>\n<p>Genug Misere. Reden wir von der Zukunft. Fragen wir uns: Wie eine \u00d6ffentlichkeit herstellen &#8211; oder wiederherstellen, die mehr kann, als nur die fetteste Sau durchs Dorf reiten? Kann der Markt es richten? Was tun, wenn auch auf diesem Sektor ein Marktversagen<br \/>eintritt?<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Habermas hat 2007 zur Rettung des seri\u00f6sen Zeitungswesens eine gesellschaftliche Alimentierung nach Art des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks vorgeschlagen. Weil Leser, H\u00f6rer und Zuschauer nicht nur Konsumenten sind. sondern Zitat &#8211; zugleich B\u00fcrger mit einem Recht auf kulturelle Teilhabe, Beobachtung des politischen Geschehens und Beteiligung an der Meinungsbildung&#8220;. Weil der durch die Verfassung garantierte Rechtsanspruch auf mediale Grundversorgung nur durchsetzbar sei, wenn Medien unabh\u00e4ngig von Werbung und Sponsoreneinfluss bleiben. Staatsknete f\u00fcr die Zeitungen? Die Reaktionen waren \u00fcberwiegend unbegeistert.<\/p>\n<p>Es gibt auch andere Modelle: Stiftungen etwa, die unabh\u00e4ngigen Journalismus f\u00f6rdern. Wie w\u00e4re es zum Beispiel mit einer deutsche Filiale des &#8222;Center for Investigative Reporting&#8220;? Oder mehr Rechechestipendien; wie sie etwa vom Netzwerk Recherche oder der Otto-Brenner-Stiftung vergeben werden? Man k\u00f6nnte hier moderne investigative Auftragsdienste schaffe, nach dem Vorbild des amerikanischen &#8222;Spot us&#8220; &#8211; Recherche sozusagen on demand, im bezahlten Leserauftrag.<\/p>\n<p>Als ich vor \u00fcber 20 Jahren online ging, gab es noch kein World Wide Web. Die Schirme zeigten gr\u00fcne Buchstaben. Man musste kryptische Kommandos eingeben, um auch nur den Inhalt der eigenen Diskette betrachten zu k\u00f6nnen. Aber das Internet gab es schon. Und es war ein Hochgef\u00fchl, das erste Mal in diese Welt einzutauchen, online zu gehen, mit l\u00e4cherlichen 300 Bits pro, also, bei guter Verbindung; knapp 38 Buchstaben pro Sekunde &#8211; man konnte mitlesen. Schon damals gab es E-Mail und Foren. Listserver, auf denen Leute aus aller Welt sich \u00fcber Themen austauschten und Informationen zur Verf\u00fcgung stellten. Und es war klar: Das wird gut.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, es gibt immer noch viele Leute, auch Journalisten, die finden, das Internet sei des Teufels und eigentlich sowieso nur eine interaktive Datenbank f\u00fcr Kinderpornos. Es gibt auch immer noch Snobs, die lieber mit dem F\u00fcllfederhalter schreiben. Das sei ihnen geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Doch wenn wir \u00fcber demokratische \u00d6ffentlichkeit reden, vor allem \u00fcber Gegen\u00f6ffentlichkeit, nimmt das Internet die absolute Schl\u00fcsselrolle ein. Es w\u00e4chst rasant. Es liefert nicht nur Unmengen von Informationen. Es ver\u00e4ndert auch die Kommunikation. Sicher: Das Internet ist auch full of shit. Es erh\u00f6ht das ohnehin l\u00e4rmende Grundrauschen. Und viele chatten sich einfach nur ins Nirwana .&#8220;Gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge haben es auch im Internet oft nicht leicht. Man kann eine gro\u00dfe Reportage, eine komplexe Analyse, nicht einfach in 150 Textkr\u00fcmel zerbr\u00f6seln und versimsen oder vertwittern. Und trotzdem ist das Internet ein demokratisches Wunder. Es ist, als ob ein guter Geist allen Erdenb\u00fcrgern &#8211; fast allen, auch der Zugang zu Computern ist begrenzt &#8211; eine Druckmaschine in die H\u00fctte gezaubert h\u00e4tte. Und dazu, was noch viel wichtiger ist, ein blitzschneIIes weltweites Vertriebssystem. In vielen L\u00e4ndern entstehen online neue, gute Medien. In Frankreich etwa haben viele gefeuerte Redakteure neue digitale Projekte aufgezogen, Internet-Zeitungen wie Rue89 oder mediapart.<\/p>\n<p>Ein paar Bausteine zum Schluss:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Enteignung Springers gelang nicht. Das war vielleicht ganz gut so. Die Linke h\u00e4tte sich ohnehin nie auf einen Chefredakteur einigen k\u00f6nnen. Was bleibt: Die,.Gese1lschaft muss die Medieninhaber viel st\u00e4rker in die Pflicht nehmen. Sie handeln nicht mit Schrauben oder Schn\u00fcrsenkeln. Sie haben eine enorme demokratische Verantwortung.<\/li>\n<li>Wir brauchen eine \u00f6ffentlich-rechtliche Renaissance, einen Rundfunk, der tats\u00e4chlich von den gesellschaftlich relevanten\u00a0 Gruppen gesteuert wird. Wir m\u00fcssen dem politischen Erstickungstod von Anstalten wie etwa dem Hessischen Rundfunk entgegentreten. Und die Entleerung der Hauptkan\u00e4le verhindern-<\/li>\n<li>Wir brauchen ein anderes, freieres, zornigeres, couragierteres journalistisches Selbstverst\u00e4ndnis. Zu viele werden gebrochen durch lebenslange Praktika, durch den Druck des Marktes. Zu viele schwimmen mit im Mainstream. \u00dcbrigens, nebenbei: Es ist &#8211; das Wort hab ich lange nicht mehr benutzt &#8211; auch eine Klassenfrage. Wir haben immer besser ausgebildete Journalisten, aber die feinere Mittelschicht ist hier kolossal \u00fcberrepr\u00e4sentiert. Und mit ihr eine bestimmte Lebenswirklichkeit, eine bestimmte Wahrnehmung. Auch ein Grund, warum ein Thema wie Mindestlohn es so schwer hat.<\/li>\n<li>Wir brauchen Strukturen wie Stiftungen und Vereine, die unabh\u00e4ngigen Journalismus f\u00f6rdern.<\/li>\n<li>Wir m\u00fcssen mehr gro\u00dfe Internet&#8211;Experimente wagen. Magazine, Foren und Portale aufbauen, die echte \u00d6ffentlichkeit schaffen. Und Wege finden, damit sie Erfolg haben und sich tragen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Warum <i>m\u00fcssen<\/i>? Ganz einfach: Ohne \u00d6ffentlichkeit gibt es keine Demokratie. Und die geh\u00f6rt uns.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2186],"publikationen":[2827],"class_list":["post-11809","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-tom-schimmeck","publikationen-192-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Wem geh\u00f6ren die Medien? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/192-vorgaenge\/publikation\/wem-gehoeren-die-medien\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Wem geh\u00f6ren die Medien? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 192, Heft 4\/2010, S. 55-65 &#8222;Wem geh\u00f6ren die Medien?&#8221; &#8211; das klingt nach einer Flei\u00dfarbeit mit vielen Schaubildern, mit Prozentangaben und K\u00e4stchen. 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