{"id":11816,"date":"2010-09-01T23:53:00","date_gmt":"2010-09-01T21:53:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-27\/"},"modified":"2010-09-01T12:00:00","modified_gmt":"2010-09-01T10:00:00","slug":"editorial-27","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/191-vorgaenge\/publikation\/editorial-27\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 191, Heft 3\/2010, S. 1-3<\/p>\n<p>Allen Prognosen eines Endes der Arbeitsgesellschaft zum Trotz ist die Arbeit nach wie vor ein bestimmender Faktor der gesellschaftlichen Lebenswelt. \u00dcber sie definiert sich die soziale Identit\u00e4t des Einzelnen, sie ist die zentrale Arena, in der sich Normen des Zusammenlebens verwirklichen, an der Politik gemessen wird. Arbeitsleistung ist gleicherma\u00dfen gesellschaftliche Anforderung wie individuelle Selbstverwirklichung, prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung wird als Stigma empfunden, Arbeitslosigkeit als Ausgrenzung wahrgenommen. Im letzten Jahrzehnt ist der Arbeitsmarkt in Deutschland einem rasanten Wandel unterworfen gewesen. Er ist charakterisiert durch den R\u00fcckgang des einst dominierenden Modells der lebenslangen Vollerwerbsstelle des male breadwinner, durch eine Segmentierung nach Besch\u00e4ftigungsformen, wachsende Disparit\u00e4ten bei Einkommen und Besch\u00e4ftigungssicherheit, einer Abkehr vom Leitgedanken der Statussicherung bei der Arbeitslosenversicherung und einer Hinwendung zu Formen der Aktivierung, Flexibilisierung und des Selbstmanagements. F\u00fcr diesen Wandel steht emblematisch das K\u00fcrzel &#8222;Hartz IV&#8220;. Die Einf\u00fchrung der entsprechenden Gesetze hat nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die politische Landschaft nachhaltig ver\u00e4ndert. Und so kam es bereits wenige Monate nach dieser Einf\u00fchrung zu ersten Reformen der Reformen. Mittlerweile werden auch die Parameter, an denen seinerzeit Erfolg oder Misserfolg gemessen wurden, in Frage gestellt und zuletzt verf\u00fcgte das Bundesverfassungsgericht \u00c4nderungen bei der Ausgestaltung des Gesetzes. Doch ein einfaches Zur\u00fcck zum Status quo ante wird es nicht geben. Grund genug, auszuloten, welche Richtung die weitere Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt nehmen soll. Dazu will diese Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>Denkanst\u00f6\u00dfe geben.<\/p>\n<p><i>Martin Dietz<\/i> und <i>Ulrich Walwei<\/i> werfen einen Blick auf den gespaltenen Arbeitsmarkt der Zukunft. Das Wachstum der Industrie und des Dienstleistungssektors wird im Zusammenspiel mit einer abnehmenden Erwerbsbev\u00f6lkerung eine verst\u00e4rkte Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften zeitigen. Dem wird ein \u00dcberangebot an Niedrigqualifizierten gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p><i>Olaf Struck, Roland Back, Matthias D\u00fctsch<\/i> und <i>Verena Liebig <\/i>ziehen eine kritische Bilanz der bisherigen Arbeitsmarktpolitik. Auch wenn sich das Besch\u00e4ftigungsniveau erh\u00f6ht hat, so k\u00f6nne nicht davon gesprochen werden, dass die strukturellen Probleme \u00fcberwunden wurden. Die M\u00e4ngel bestehen vor allem bei der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik sowie in einer seit Langem ungen\u00fcgenden schulischen und beruflichen Erst-und Fortbildung.<\/p>\n<p><i>G. G\u00fcnter Vo\u00df<\/i> erkennt in der rapiden Zunahme psychosozialer Erkrankungen das Ergebnis eines entgrenzten Arbeitsprozesses, der den Einzelnen verhaltensstabilisierender Sicherheiten beraubt und ihn zu einem permanenten Selbstmanagement n\u00f6tigt.<\/p>\n<p><i>Claudia Weinkopf <\/i>untersucht die Ausformungen und Gr\u00fcnde des wachsenden Niedriglohnsektor. Diese liegen nicht allein in den niedrigen Qualifikationen der Betroffenen, auch Arbeitnehmer mit Berufsausbildung haben mit schlechter Entlohnung zu k\u00e4mpfen. Ein wirksames Gegenmittel, das sich bereits in anderen europ\u00e4ischen Staaten bew\u00e4hrt hat, ist ein verbindlicher Mindestlohn.<\/p>\n<p><i>Claudia Heintze<\/i> widerlegt die M\u00e4r, dass geringe Entlohnung und ein schlanker Staat den Standort st\u00e4rken und Besch\u00e4ftigung sichern. Sie verdeutlicht am Beispiel der skandinavischen L\u00e4nder, dass vielmehr ein starker staatlicher Sektor Bedingung einer hohen Besch\u00e4ftigungsrate, guter Qualit\u00e4t der Arbeit und gute Bezahlung ist und dies keinesfalls mit einer hohen Staatsverschuldung einhergehen muss.<\/p>\n<p><i>G\u00fcnther Schmidt<\/i> sieht den Einzelnen in seinem Erwerbsleben multiplen Risiken ausgesetzt, auf welche die bisherige Arbeitslosenversicherung nur noch ungen\u00fcgende Antworten gibt. Gefragt sei deshalb eine Neuordnung des Arbeitsmarktes hin zu einer Besch\u00e4ftigungssicherung, die nicht nur Arbeit, sondern auch riskante Arbeits\u00fcberg\u00e4nge belohnt: Etwa \u00dcberg\u00e4nge zwischen Vollzeit und Teilzeit, abh\u00e4ngiger und selbst\u00e4ndiger Besch\u00e4ftigung, Bildung und Arbeit, bezahlter Arbeit und gesellschaftlich notwendiger, aber unbezahlbarer Erziehungs- oder Pflegearbeit.<\/p>\n<p><i>Oliver Nachtwey<\/i> sieht die Gewerkschaften durch die neuen Besch\u00e4ftigungsformen vor Herausforderungen gestellt, auf die sie noch keine passenden Antworten gefunden haben. Eine organisationspolitische Wende, die mit neuen Konzepten das Schwinden gewerkschaftlicher Macht stoppen k\u00f6nnte, sei bislang nicht absehbar. In der Gesellschaft grassiere die Kritik an der Marktwirtschaft, aber den Gewerkschaften gelinge es bislang noch nicht, sich als Gegenmacht zur Marktmacht zu pr\u00e4sentieren, die \u00fcber die Neubelebung der sozialen Marktwirtschaft der Vergangenheit hinausgeht.<\/p>\n<p><i>Klaus D\u00f6rre<\/i> kennzeichnet die Dynamik kapitalistischer Entwicklung als einen fortw\u00e4hrenden Prozess der Landnahme, bei dem brachliegende Potenziale der Verwertung unterworfen und nicht mehr profitable Bereiche abgesto\u00dfen werden. Diese Dynamik st\u00f6\u00dft mit der sich versch\u00e4rfenden \u00f6kologischen Krise an ihre Grenzen.<\/p>\n<p><i>Alexandra Manske<\/i> und <i>Norman Ludwig<\/i> belegen am Beispiel der Kommunikationsbranche, dass auch hohe Qualifikationen nicht vor Niedrigeinkommen und prek\u00e4rem Status sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Volker Neumann <\/i>wurde mit dem Hartz IV-Urteil des BVerfG ein neues Grundrecht f\u00fcr Arme geschaffen, das allerdings nicht, wie manche gehofft haben, deren Existenzminimum substanziell festlegt, sondern lediglich die Verfahrensweise zu seiner Bestimmung normiert.<\/p>\n<p>In seinem Essay verteidigt <i>Jan-Werner M\u00fcller <\/i>den Verfassungspatriotismus als integrativen Modus demokratischer Willensbildung, der in der durchaus<\/p>\n<p>streitbaren Vermittlung zwischen universellen Prinzipien und den spezifischen Erfahrungen historisch konstituierter Kollektive eine f\u00fcr alle annehmbare Verfassungskultur hervorbringt und sich darin von dem Loyalit\u00e4t fordernden nationalen Liberalismus abhebt.<\/p>\n<p><i>Markus Holzinger <\/i>analysiert die Gr\u00fcnde und Funktionen der in Folge von Globalisierung und Transnationalisierung zunehmenden Informalisierung der Politik und betrachtet theoretische Ans\u00e4tze, die dies als Kosmopolitismus und Ausdruck einer Weltgesellschaft betrachten, eher skeptisch.<\/p>\n<p>F\u00fcr <i>Ulrich Finckh <\/i>sind die M\u00f6glichkeit des Stimmen-Splittings bei Wahlen und die damit einhergehenden \u00dcberhangmandate ein Versto\u00df gegen den Gleichheitsgrundsatz und Anlass, \u00fcber eine Reform des Wahlrechts nachzudenken.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen zu dieser Ausgabe der <i>vorg\u00e4nge <\/i>wie immer eine anregende Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Ihr<\/p>\n<p>Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[2826],"class_list":["post-11816","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-191-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/191-vorgaenge\/publikation\/editorial-27\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg\u00e4nge Nr. 191, Heft 3\/2010, S. 1-3 Allen Prognosen eines Endes der Arbeitsgesellschaft zum Trotz ist die Arbeit nach wie vor ein bestimmender Faktor der gesellschaftlichen Lebenswelt. \u00dcber sie definiert sich die soziale Identit\u00e4t des Einzelnen, sie ist die zentrale Arena, in der sich Normen des Zusammenlebens verwirklichen, an der Politik gemessen wird. 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