{"id":11820,"date":"2010-09-01T20:30:00","date_gmt":"2010-09-01T18:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-gewerkschaften-im-epochewandel-der-arbeitsgesellschaft\/"},"modified":"2021-08-24T21:54:07","modified_gmt":"2021-08-24T19:54:07","slug":"die-gewerkschaften-im-epochewandel-der-arbeitsgesellschaft","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/191-vorgaenge\/publikation\/die-gewerkschaften-im-epochewandel-der-arbeitsgesellschaft\/","title":{"rendered":"Die Gewerkschaften im Epochewandel der Arbeitsgesellschaft"},"content":{"rendered":"<blockquote>\n<p class=\"bodytext\"><i>&#8222;Wir befinden uns heute mitten in einer jener geschichtlich immer wieder auftretenden Situation, in der nichts mehr realistisch ist, was sich nur auf die Erhaltung der bestehende Verh\u00e4ltnisse richtet.&#8220; Oskar Negt <\/i><\/p>\n<\/blockquote>\n<p><b>Einleitung<\/b> <br \/>Die Gewerkschaften stehen vor einem Epochenwandel der Arbeitsgesellschaft. Arbeit und Leben ver\u00e4ndern sich in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit. Die Arbeitsgesellschaft ist nicht am Ende, sie hat gerade neu begonnen. Vor Einbruch der Wirtschaftskrise 2008 waren mehr Menschen in Deutschland lohnabh\u00e4ngig besch\u00e4ftigt als jemals zuvor. Immer mehr Menschen sind so frei, arbeiten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Prekarit\u00e4t ist eine, vielleicht sogar die Zukunftsfrage f\u00fcr die Gewerkschaften. Das f\u00fcr die Gewerkschaften zentrale Normalarbeitsverh\u00e4ltnis hat in den letzten Jahren rapide abgenommen. 1998 arbeiten noch fast 72,6 Prozent der Erwerbst\u00e4tigen in einem Normalarbeitsverh\u00e4ltnis, 2008 waren es nur noch 66,0 Prozent. Der Anteil atypischer Besch\u00e4ftigungsformen stieg im gleichen Zeitraum von 16,2 Prozent auf 22,2 Prozent. Fast jeder zweite atypisch Besch\u00e4ftigte erhielt einen Stundenlohn unter der Niedriglohngrenze (Statistisches Bundesamt 2009).<\/p>\n<p>Im folgenden Text wird argumentiert, dass die Gewerkschaften weitgehend einem Handlungsmodell folgen, das sich in der fordistischen \u00c4ra des sozialen Kapitalismus herausgebildet hat. Jedoch haben sich in den letzten Dekaden die Grundlagen eben dieses Handlungsmodells verfl\u00fcchtigt. Die Gewerkschaften, in die Defensive gebracht, bleiben jedoch ihrem \u00fcberlieferten Modell in vielen Teilen noch verhaftet und versuchen die institutionellen Schutzmechanismen des Nachkriegskapitalismus zu stabilisieren. Zwar k\u00f6nnen sie dadurch kurzfristig Sicherheit erzeugen, doch nicht verhindern, dass die Substanz dieser Institutionen weiter erodiert.<\/p>\n<p>Hierf\u00fcr werden zuerst die Grundlagen des sozialen Kapitalismus und das gewerkschaftliche Modell der Nachkriegszeit skizziert. Im n\u00e4chsten Schritt wird die Erosion dieses Modells beschrieben und analysiert, wie die Gewerkschaften dieser Erosion begegnen. Anschlie\u00dfend werden die j\u00fcngsten Anstrengungen zur gewerkschaftlichen Revitalisierung beleuchtet und Perspektiven der Gewerkschaften im Epochenwandel der Arbeitsgesellschaft diskutiert.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gewerkschaften-im-sozialen-kapitalismus\">Gewerk&shy;schaften im sozialen Kapita&shy;lismus<\/span><\/h2>\n<p>Das &#8222;goldene Zeitalter&#8220; des Kapitalismus war &#8211; auf das 20. Jahrhundert bezogen &#8211; eine Ausnahmeerscheinung. In der Nachkriegs\u00e4ra, dem fordistischen Kapitalismus, f\u00fchrten stetiges Wirtschaftswachstum und ein sozialer Elitenkonsens zu einer Konstellation, die als &#8222;organisierte Moderne&#8220; (Wagner 1995) bis heute als Folie der guten Gesellschaft dient, obgleich sie nur die relativ kurze Zeitspanne von 1945 bis 1973 umfasste. Eine gemischte Wirtschaft, eine legitime hohe staatliche Aktivit\u00e4t und vor allem der Ausbau des Wohlfahrtsstaates trugen zu einem bislang nicht gekannten Grad an &#8222;Dekommodifizierung&#8220; bei (Esping-Andersen 1998). Arbeit als Mechanismus sozialer Integration ver\u00e4nderte ihren Charakter. Mit ihr wurden Sicherungsmechanismen verbunden, die jene Unsicherheiten bek\u00e4mpften, die durch ihre Verausgabung hervorgerufen wurden. Durch Erwerbsarbeit wurden weitere Rechte und Zug\u00e4nge zu sozialstaatlichen Leistungen erworben, ein erweiterter Konsum erm\u00f6glicht, ja insgesamt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bef\u00f6rdert. Der franz\u00f6sische Soziologe Robert Castel nennt den Komplex aus Anrechten auf soziale Sicherungsleistungen, wie Rentenanspr\u00fcche, \u00f6ffentliche G\u00fcter und Dienstleistungen &#8222;Sozialeigentum&#8220; (Castel 2000). Der Ausschluss vom Privateigentum an den Produktionsmitteln, den Marx als charakteristisch f\u00fcr Lohnarbeiter gesehen hatte, wird durch eine &#8222;Produktion \u00e4quivalenter sozialer Sicherungsleistungen&#8220; kompensiert, die nicht nach der Logik des Marktes, sondern durch die &#8222;Vergesellschaftung des Lohns&#8220; organisiert werden (Castel 2005). Durch soziale Sicherungen, Regulierungen und Teilhaberechte bedeutet der Wohlfahrtsstaat die Etablierung von &#8222;sozialen Staatsb\u00fcrgerrechten&#8220; (Marshall 1992).<\/p>\n<p>Nicht nur mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates, sondern auch mit der Regulierung der Arbeit wuchsen die &#8222;institutionellen Machtressourcen&#8220; von Besch\u00e4ftigten und Gewerkschaften (D\u00f6rre 2010, Brinkmann\/Nachtwey 2010). Tarifvertr\u00e4ge, Gesundheitsschutz, Arbeitsrecht, K\u00fcndigungsschutz und die &#8211; im Laufe der Zeit noch erweiterten &#8211; Mitbestimmungsrechte ver\u00e4nderten den Status von Besch\u00e4ftigten sowohl in den Unternehmen als auch in der Gesellschaft. Aus den Proletariern wurden B\u00fcrger im Betrieb. Die Staatsb\u00fcrgerrechte erweiterten sich auf <i>wirtschaftliche <\/i>bzw. <i>industrielle B\u00fcrgerrechte <\/i>(M\u00fcller-Jentsch 2008b, 2010). In dieser Zeit der sozialen Sicherheit erlaubte das &#8222;Normalarbeitsverh\u00e4ltnis&#8220; (M\u00fcckenberger 1985) vielen, vor allem m\u00e4nnlichen Facharbeitern, ihr Leben zu planen und eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung gab es auch zu Zeiten des sozialen Kapitalismus, allerdings erstreckte sie sich im Wesentlichen auf Zonen jenseits der gro\u00dfen tariflich abgesicherten Bereiche. Im Verh\u00e4ltnis zur Verbreitung des Normalarbeitsverh\u00e4ltnisses war es eine &#8222;marginale Prekarit\u00e4t&#8220; (D\u00f6rre 2009b).<\/p>\n<p>In dieser Periode entwickelten die Gewerkschaften ihre bis heute im Kern erhaltene Funktion im modernen Kapitalismus, die durch die Institutionalisierung des Klassenkonflikts gepr\u00e4gt war. Auf der einen Seite wurden sie zu Interessenorganisation der lohnabh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten, auf der anderen Seite wurden sie durch &#8222;antagonistische Kooperation&#8220; mit Unternehmen und Staat zu Verb\u00e4nden, die als korporativer Ordnungsfaktor die wirtschaftliche Entwicklung mitgestalteten (Esser 2003). Als &#8222;intermedi\u00e4re Gewerkschaften&#8220; (M\u00fcller-Jentsch 2008a) konnten sie vor allem \u00fcber die Tarifpolitik Mitgliederinteressen in Kompromisse mit den Unternehmen \u00fcberf\u00fchren.[1] Bis 1990 gelang es den deutschen Gewerkschaften, mit diesem Modell immense Reallohnsteigerungen zu erreichen. Die inflationsbereinigten Einkommen von Arbeitern stiegen um das Dreieinhalbfache, das der Angestellten um mehr als das Vierfache. Mehr als 70 Prozent der Besch\u00e4ftigten waren tarifgebunden (M\u00fcller-Jentsch\/Ittermann 2000). Doch trotz dieser Erfolgsgeschichte zeichneten sich einige der Gegenwartsprobleme der Gewerkschaften bereits ab. Die deutschen Gewerkschaften waren zu dieser Zeit in den alten Industrien und bei den Facharbeitern gut verankert, jedoch bereits zu dieser Zeit im Dienstleistungssektor und bei den Angestellten nur schwach vertreten (Sch\u00f6nhoven 2003).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"prekarisierung-der-arbeitsgesellschaft-im-finanzkapitalismus\">Preka&shy;ri&shy;sie&shy;rung der Arbeits&shy;ge&shy;sell&shy;schaft im Finanz&shy;ka&shy;pi&shy;ta&shy;lismus <\/span><\/h2>\n<p>Das &#8222;goldene Zeitalter&#8220; w\u00e4hrte nicht lange. Bereits 1967 gab es in Deutschland den ersten Konjunktureinbruch, es folgte die Weltwirtschaftskrise 1973. F\u00fcr die Gewerkschaften entstanden in der weiteren Entwicklung gravierende Probleme. Ihr bisheriges Modell war auf die Interessenvertretung von Erwerbst\u00e4tigen im Normalarbeitsverh\u00e4ltnis ausgerichtet. Dieses Modell ist im Kern erhalten geblieben, ver\u00e4nderte aber &#8211; wie wir sp\u00e4ter noch sehen werden &#8211; sukzessive seinen Charakter. Der Neokorporatismus, der sich seit der Krise von 1967 entwickelt hatte, integrierte die Gewerkschaften in die gesamtwirtschaftliche Steuerung. Auf der Unternehmensebene reagierten die Gewerkschaften auf die Rationalisierungsma\u00dfnahmen in Folge der Krise von 1973 &#8211; wie Josef Esser in einer bekannten Studie herausarbeitete -, indem sie sich auf die Interessenwahrnehmung der Stammbelegschaften konzentrierten, w\u00e4hrend die Randbelegschaften oftmals au\u00dfen vor blieben (Esser 1982).<\/p>\n<p>St\u00fcckweise hat seit der Krise der 1970er Jahre die fordistische Konstellation an Pr\u00e4gekraft verloren. Der soziale Kapitalismus mit seinem dichten Netz von staatlichen Regulierungen, einer gemischten Wirtschaft und langfristigen Unternehmensstrategien machte &#8211; mit besonderer Intensit\u00e4t seit den 1990er Jahren &#8211; dem Regime des Finanzkapitalismus Platz (D\u00f6rre 2009 a, Windolf 2005). Der Finanzkapitalismus wurde sowohl durch die Liberalisierung der Finanzm\u00e4rkte, ver\u00e4nderte Unternehmensstrategien als auch durch den Wandel (sozial-)staatlicher Regulierung vorangetrieben. Es kam zu einem R\u00fcckbau Dekommodifizierender Schutzmechanismen durch den &#8222;aktivierenden&#8220; Sozialstaat (Lessenich 2008). Auf der Ebene des Wohlfahrtsstaates bedeuten vor allem die Agenda-2010-Reformen f\u00fcr die Gewerkschaften zahlreiche institutionelle Schw\u00e4chungen (Urban 2010b): So die Verk\u00fcrzung der Bezugsdauer des ALG I, die Abschw\u00e4chung des K\u00fcndigungsschutzes, die Liberalisierung in der Befristungsregelung, die eingeschr\u00e4nkte Beteiligung an der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit sowie die Novellierung des Arbeitnehmer\u00fcberlassungsgesetztes. Zwar wurde mit der Novellierung des Betriebsverfassungsgesetztes 2001 die Gr\u00fcndung von Betriebsr\u00e4ten erleichtert, doch letztendlich liefen die Reformen auf eine Reduzierung der industriellen B\u00fcrgerrechte und des Sozialeigentums hinaus.<\/p>\n<p>Der Umbau des Sozialstaates ging einher mit dem Wandel der Unternehmenskultur. Die Privatisierungen von \u00f6ffentlichen Unternehmen f\u00fchrten diese in einen versch\u00e4rften Wettbewerb und zu einer oftmals radikalen Politik des cost-cutting. Gerade hier sind neue Bereiche der Niedriglohnbesch\u00e4ftigung entstanden.[2] Insbesondere die weltmarktorientierten Unternehmen verschrieben sich der Shareholder-Value-Steuerung und orientierten strategisch auf kurzfristige Gewinnmaximierung. Um die Unternehmen an die gewachsene Volatilit\u00e4t der Absatzm\u00e4rkte anzupassen, setzten sie immer st\u00e4rker &#8211; bef\u00f6rdert durch die staatlichen Liberalisierungen &#8211; auf den Einsatz externer Flexibilisierungen in der Besch\u00e4ftigung wie Befristungen, Werkvertr\u00e4ge und Leiharbeit. W\u00e4hrend im sozialen Kapitalismus prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung noch ein Randph\u00e4nomen war, hat sie im Finanzmarktkapitalismus auf Unternehmensebene einen Funktionswandel erfahren. Sie dient nicht mehr dem kurzfristigen Personalersatz oder dem Abfedern von Auftragsschwankungen, sondern wurde zu einem strategischen Instrument des Managements zur Stabilisierung hoher Renditen (am Beispiel der Leiharbeit: Holst et al. 2009).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"krisensymptome-und-krisenreaktionen-der-gewerkschaften\">Krisen&shy;sym&shy;ptome und Krisen&shy;re&shy;ak&shy;ti&shy;onen der Gewerk&shy;schaften <\/span><\/h2>\n<p>In diesen Prozess verwoben ist die Krise der deutschen Gewerkschaften. Zun\u00e4chst: Den Unternehmen gelang es seit den 1970er Jahren, den Gewerkschaften auf \u00e4u\u00dferst subversive Weise das Terrain streitig machten. Sie nahmen die &#8222;K\u00fcnstlerkritik&#8220; der 1968erBewegung auf und ersetzen die hierarchische Kontrolle des Fordismus durch subjektivierte Formen der Arbeitsgestaltung. Autonomie, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung geh\u00f6rten fortan zum Arsenal der Arbeitspolitik wie projektbasierte Gruppenarbeit, T\u00e4tigkeitsanreicherung, Jobrotation, flexibilisierte Arbeitszeitmodelle und der Ausweitung direkter Partizipation. Diese subjektivierte &#8222;Kontrolle durch Selbstkontrolle&#8220; (Boltanski\/Chiapello) unterminierte sowohl das kollektive Handlungsmodell der Gewerkschaften wie es auch die klassische &#8222;Sozialkritik&#8220; der Gewerkschaften neutralisierte. Zwar l\u00e4uft diese Form der Unternehmenssteuerung als &#8222;indirekte Steuerung&#8220; (Sauer 2005) auf eine verst\u00e4rkte Vermarktlichung der Arbeitsbeziehungen hinaus, doch eine organisatorische Antwort haben die Gewerkschaften bislang nicht gefunden.<\/p>\n<p>Die enge Ankopplung der Unternehmenssteuerung an die M\u00e4rkte und Verlagerungsdrohungen zwang zudem viele Belegschaften in betriebliche Wettbewerbspakte, in denen sie unangenehme Zugest\u00e4ndnisse machen mussten (&#8222;concession bargaining&#8220;). Betriebsr\u00e4te \u00fcbten sich in der Rolle als &#8222;Co-Manager&#8220;, die nicht selten ihre &#8211; und teilweise der damit verbunden Gewerkschaften &#8211; Legitimit\u00e4t in Frage stellte (Rehder 2006). Steigende Arbeitslosigkeit, betriebliche Umstrukturierungen, industrieller Wandel und das Wachstum des Dienstleistungssektors sowie die Zunahme prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse &#8211; um nur einige Faktoren zu nennen &#8211; lie\u00dfen die Organisationsgrade der deutschen Gewerkschaften seit Anfang der 1980er Jahre best\u00e4ndig sinken. Weniger als 30 Prozent der Besch\u00e4ftigten sind noch gewerkschaftlich organisiert. Dazu kommt, dass der zentrale Pfeiler gewerkschaftlicher institutioneller Macht, das Tarifvertragssystem, zunehmend ausgeh\u00f6hlt wird. Einerseits nimmt der Geltungsbereich von Tarifvertr\u00e4gen ab, andererseits wird auch ihre Normierungsf\u00e4higkeit ausgeh\u00f6hlt (Streeck\/Rehder 2005). Zwar arbeiten 2009 noch immer rund 62 Prozent aller Besch\u00e4ftigten in einem Betrieb mit Tarifbindung, aber durch die Dezentralisierung des Tarifsystems sind im Westen nur noch 52 Prozent und im Osten nur noch 36 Prozent der Besch\u00e4ftigten durch einen Branchentarifvertrag abgesichert.[3] W\u00e4hrend bis in die fr\u00fchen 1990er Jahre die Lohnstruktur in Deutschland relativ stabil geblieben ist, hat seitdem eine enorme Lohnspreizung eingesetzt. Durch die Dezentralisierung des Tarifvertragssystems und den R\u00fcckgang der Tarifbindung nimmt die Lohnspreizung insbesondere im unteren Drittel der Gesellschaft zu (Lehndorff 2009). Jeder f\u00fcnfte Besch\u00e4ftigte in Deutschland arbeitete 2008 f\u00fcr einen Stundenlohn unter der Niedriglohngrenze. Seit 1998 ist die Zahl der Niedriglohnempf\u00e4nger um 2,3 Millionen gestiegen (Kalina\/Weinkopf 2010). Die Gewerkschaften sind in eine verh\u00e4ngnisvolle Spirale geraten. Sie sind kaum noch in der Lage, \u00fcber solidarische Lohnpolitik Lohndifferentiale einzud\u00e4mmen, aber k\u00f6nnen gleichzeitig auch oft nicht mehr sektorale Interessen von Erwerbsgruppen integrieren. Besch\u00e4ftigtengruppen in Schl\u00fcsselpositionen oder mit hoher Qualifikation &#8211; \u00c4rzte, Piloten oder Lokf\u00fchrer &#8211; scheren aus den DGB-Gewerkschaften aus, weil sie ihre Interessen dort nicht gewahrt sehen.<\/p>\n<p>Die gewerkschaftliche Politik, in Krisen die Kernbelegschaften zu stabilisieren, wie es Esser bereits f\u00fcr die 1970er analysiert hat, wird seither in der einen oder anderen Form fortgef\u00fchrt. In der j\u00fcngsten Krise fand sie ihren Niederschlag in der Form eines &#8222;Krisenkorporatismus&#8220; (Urban 2010a). Die Gewerkschaften haben \u00fcber Besch\u00e4ftigungssicherungstarifvertr\u00e4ge die Krise auf erstaunliche Weise erfolgreich gemeistert, dabei &#8211; nicht nur, aber in erster Linie &#8211; die Besch\u00e4ftigung der Kernbelegschaften konsolidiert. Der Erfolg in der Krisenbew\u00e4ltigung durch Kurzarbeit und flexible Besch\u00e4ftigung f\u00fchrt nun jedoch bei vielen Unternehmen dazu, noch vehementer auf das Flexibilisierungsinstrument prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung zu setzten. Dies ver\u00e4ndert sukzessive die betrieblichen Machtverh\u00e4ltnisse. Es sinkt der Anteil der Stammbelegschaft im Verh\u00e4ltnis zu den Leiharbeitern oder anderen prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten, die zudem oft einen deutlich geringeren Organisationsgrad und eine schwache Kampfbereitschaft aufweisen. In den Unternehmen gilt der K\u00fcndigungsschutz noch f\u00fcr den einzelnen Besch\u00e4ftigten, f\u00fcr die Gesamtbelegschaft wird er aber effektiv au\u00dfer Kraft gesetzt.<\/p>\n<p>Schon vor der Krise hat die Flexibilisierungsfunktion prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung stark zugenommen, in der Krise hat sie sich durchgesetzt. So waren 1996 4,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse befristet, 2008 waren es 9,3 Prozent. In der Krise ging die Quote um 0,5 Prozentpunkte zur\u00fcck, was einem R\u00fcckgang um 6 Prozent entspricht. Mittlerweile sind 47 Prozent (!) aller Neueinstellungen befristet, in Betrieben mit mehr als 250 Besch\u00e4ftigten sogar 67 Prozent (Hohendanner 2010). Wenn heute von einem deutschen &#8222;Arbeitsmarktwunder&#8220; gesprochen wird, dann findet der Stellenaufbau \u00fcberproportional in Form prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung statt. Bereits jetzt, so jubelt die Zeitarbeitsbranche, hat die Leiharbeit wieder den alten H\u00f6chststand erreicht.[4] Ohnehin arbeitet nur noch jeder zweite Besch\u00e4ftigte in einem Betrieb mit Betriebsrat. Am Beispiel der Leiharbeit l\u00e4sst sich auch dar\u00fcber hinaus zeigen, wie die istitutionelle Macht der Gewerkschaften ferner von innen erodiert &#8211; selbst da, wo sie formal noch existiert: Der Aufbau von Leiharbeit erh\u00f6ht die Anforderungen an die Betriebsr\u00e4te, unterminiert jedoch gleichzeitig ihre Ressourcenausstattung. Leiharbeiter d\u00fcrfen zwar im Entleihbetrieb, sofern sie l\u00e4nger als drei Monate dort besch\u00e4ftigt sind, den Betriebsrat mitw\u00e4hlen, sie werden jedoch bei der Bemessung der Mandatszahlen, Freistellungen und Ausstattungen nicht ber\u00fccksichtigt. Dies hat im Organisationsbereich der IG Metall in der j\u00fcngeren Vergangenheit bereits zu einer Verschlechterung der Mitbestimmungsstrukturen in Betrieben mit Leiharbeitseinsatz gef\u00fchrt (Wassermann\/Rudolph 2007). Mit anderen Worten: Die Handlungsf\u00e4higkeit von Betriebsr\u00e4ten sinkt durch den Einsatz von Leiharbeit. Nicht nur die Leiharbeiter k\u00f6nnen ihre Interessen schwer vertreten. Sie sind interessenpolitisch fragmentiert, da sie mitbestimmungspolitisch dem Verleihbetrieb zugeordnet werden. Auch den Stammbesch\u00e4ftigten werden Ressourcen der Interessenvertretung entzogen, ganz abgesehen davon, dass die Betriebsr\u00e4te den latenten Interessengegensatz und das durch das Management aktivierbare Konkurrenzverh\u00e4ltnis von Stammbesch\u00e4ftigten und Leiharbeitern moderieren m\u00fcssen. Kurzum: Die kurzfristigen Sicherheitsgewinne, die Belegschaften, Betriebsr\u00e4te und Gewerkschaften durch Zugest\u00e4ndnisse nicht nur bei den Entgelten, sondern auch in der betrieblichen Nutzung von Leiharbeit zulassen, untergraben langfristig ihre eigenen Machtressourcen.<\/p>\n<p>Es ist verst\u00e4ndlich, dass die Gewerkschaften die Besch\u00e4ftigungssicherung und Stabilisierung der Stammbelegschaften in ihrem Fokus haben. Im Kern tr\u00e4gt diese Politik der Stabilisierung des \u00fcberlieferten Gewerkschaftsmodells und institutioneller Macht Rechnung. Das Normalarbeitsverh\u00e4ltnis, f\u00fcr dessen Erhalt die Gewerkschaften k\u00e4mpfen, erodiert jedoch nach der Krise weiter. Eine Konzentration auf die Stammbelegschaften, die sowohl durchsetzungsstark als auch einfacher organisierbar sind, f\u00fchrt zwar zu einer kurzfristigen Stabilisierung der Lage, aber bereits in der mittleren Frist unterminiert es Gr\u00f6\u00dfe und Macht der Stammbelegschaften und damit der Gewerkschaften weiter. Esser hat schon in seiner Studie etwas polemisch davor gewarnt, dass die Gewerkschaften keine Organisationen f\u00fcr die &#8222;ganze Klasse&#8220; mehr seien und nur f\u00fcr die Partikularinteressen der &#8222;Noch-Arbeitsplatzbesitzer&#8220; einst\u00fcnden (Esser 1982). Doch das Problem liegt heute auf einer anderen, grunds\u00e4tzlichen Ebene: Dass Institutionen stabilisierende Politik zwar zu kurzfristiger Stabilit\u00e4t, langfristig jedoch zu weiterer institutioneller Destabilisierung f\u00fchrt (Streeck 2009).[5] Die Stabilisierung des Tarifvertragssystems geht einher mit seiner weiteren Fragmentierung. Die Stammbelegschaften werden selbst immer schw\u00e4cher, denn zunehmende Prekarit\u00e4t l\u00f6st die Trennung von Kern- und Randbelegschaften insofern auf, als dass Prekariat auf die formal abgesicherten, aber immer kleiner werdenden Kernbelegschaften \u00fcbergreift und selbst normal wird (Bourdieu 1998, H\u00fcrtgen 2008).[6]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"gewerkschaften-vor-der-organisationspolitischen-wende\">Gewerk&shy;schaften vor der organi&shy;sa&shy;ti&shy;ons&shy;po&shy;li&shy;ti&shy;schen Wende? <\/span><\/h2>\n<p>Das zuvor gezeichnete Bild der deutschen Gewerkschaften ist gleichwohl einseitig. Die intermedi\u00e4re Gewerkschaft des deutschen Typs, der auf die Sicherung der Kernbelegschaften setzt, ist nur ein Element gewerkschaftlicher Politik.[7] Gewerkschaften sind lernf\u00e4hige Organisationen, die \u00fcber ihre &#8222;Machtressourcen&#8220; &#8211; strukturelle Macht, Organisationsmacht, institutionelle Macht &#8211; strategisch handeln k\u00f6nnen (D\u00f6rre 2008, Brinkmann\/Nachtwey 2010). Als Systeme &#8222;loser Koppelungen&#8220; (Luhmann 2000) handeln sie jedoch mitunter gleichzeitig ungleichzeitig. W\u00e4hrend sie auf der einen Seite korporatistische L\u00f6sungen anwenden, gibt es auf der anderen Seite Ans\u00e4tze organisationspolitischer Revitalisierung. In vielen Gewerkschaften wird intensiv das Organizing-Konzept diskutiert, das darauf setzt, die Organisationsmacht der Gewerkschaften zu st\u00e4rken (Brinkmann et al. 2008). Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di hat mittlerweile mehrere Organizing-Projekte aufgelegt und z. B. am Flughafen-Komplex Berlin-Brandenburg International einen Arbeitskampf gef\u00fchrt, der vor allem die Niedriglohnbesch\u00e4ftigten organisierte und besserstellte. In der IG Metall strebt der stellvertretende Vorsitzende Detlef Wetzel ein Modell einer &#8222;Erschlie\u00dfungsgewerkschaft&#8220; an, die darauf fokussiert, aktiv neue Bereiche zu erschlie\u00dfen und insgesamt st\u00e4rker mitglieder-, beteiligungs- und konfliktorientiert zu handeln (Wetzel 2009). Nachdem die IG Metall in den letzten Jahren spektakul\u00e4r mehr als 11.000 Leiharbeiter \u00fcber eine Kampagne organisiert und bessergestellt hat, wurde in der aktuellen Stahltarifrunde erstmals die Gleichstellung von Leiharbeitern zu einer Tarifforderung gemacht.<\/p>\n<p>Der Epochenwandel in der Arbeitsgesellschaft, die Bedeutungsabnahme des Normalarbeitsverh\u00e4ltnisses, stellt die Gewerkschaften vor immense Herausforderungen: Es gibt zum einen immer mehr neue Jobs im Dienstleistungssektor, im Bereich Forschung und Entwicklung, in den neuen \u00f6kologischen Industrien. Doch sowohl in den neuen Branchen, bei den Angestellten, den weiblichen Erwerbst\u00e4tigen als auch unter den prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten sind die Gewerkschaften bislang nur in sehr geringem Ausma\u00df vertreten. F\u00fcr diese Gruppen sind Gewerkschaften als Interessenvertretung (noch) wenig attraktiv. Aber hier liegt auch die Chance: Die \u00fcberwiegende Mehrzahl der Besch\u00e4ftigten aus der neuen Arbeitswelt sind im Prinzip bereit sich zu organisieren, zumal ihr Problemdruck w\u00e4chst. Die Spaltungen zwischen Kernbelegschaften mit Normalarbeitsverh\u00e4ltnis und prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten k\u00f6nnen mitunter manifeste Interessenkonflikte hervorrufen. Aber gleichzeitig strahlt die Prekarit\u00e4t auf die Kernbelegschaften aus, so dass auch neue Solidarit\u00e4tspotentiale entstehen k\u00f6nnen.[8] Wenn die Gewerkschaften es schaffen, diese Gruppen zu gewinnen, k\u00f6nnen sie neue Organisationsmacht erlangen. Diese h\u00e4tte in der f\u00fcr Ablaufst\u00f6rungen anf\u00e4lligen Just-In-Time-\u00d6konomie ein starkes Druckpotenzial. Allerdings stecken die gewerkschaftlichen Anstrengungen zur Revitalisierung noch in den Kinderschuhen. Eine organisationspolitische Wende, die mit neuen Konzepten das Schwinden gewerkschaftlicher Macht stoppen k\u00f6nnte, ist bislang nicht absehbar. Im Epochenwandel der Arbeitsgesellschaft werden die Gewerkschaften derzeit zwar teilweise als Probleml\u00f6ser auf Betriebsebene, aber nicht als durchsetzungsstarke und konfliktf\u00e4hige gesellschaftspolitische Akteure wahrgenommen. In der Gesellschaft grassiert die Kritik an der Marktwirtschaft, aber den Gewerkschaften gelingt es bislang noch nicht, sich als Gegenmacht zur Marktmacht zu pr\u00e4sentieren, die \u00fcber die Neubelebung der sozialen Marktwirtschaft der Vergangenheit hinausgeht.<\/p>\n<p>[1] Zur Kritik am Konzept der intermedi\u00e4ren Gewerkschaft vgl. (D\u00f6rre 2010).<\/p>\n<p>[2] Weshalb es auch nicht verwundert, dass gerade aus diesen Bereichen die Forderung nach einem Mindestlohn kommt.<\/p>\n<p>[3] Die Daten stammen von der gewerkschaftsnahen Hans-B\u00f6ckler-Stifung.<\/p>\n<p>[4] Vgl. IW-Zeitarbeitsindex, Bundesverband Zeitarbeit, Juli 2010.<\/p>\n<p>[5] Streeck geht sogar davon aus, dass es &#8222;tipping points&#8220; gibt, an denen Institutionen durch fortlaufende Unterh\u00f6hlung ihre Funktionsf\u00e4higkeit einb\u00fc\u00dfen oder gar ihre gesamte Funktion \u00e4ndern.<\/p>\n<p>[6] Die best\u00e4ndige Pr\u00e4senz von Leiharbeitern im Arbeitsprozess wirkt disziplinierend auf die formal abgesicherten Stammbesch\u00e4ftigten (Holst et al. 2009). Die, wenn auch nur auf Widerruf, dauerhaft eingesetzten Leiharbeiter bilden eine &#8222;internalisierte Reservearmee&#8220; (Holst\/Nachtwey 2010), durch die der aus der hohen Arbeitslosigkeit und der Re-Kommodifizierung der Arbeitskraft resultierende Druck des externen Arbeitsmarkts in den Betrieb hineingeleitet wird. Leiharbeiter, die oftmals die gleichen T\u00e4tigkeiten wie die Stammbesch\u00e4ftigten aus\u00fcben, symbolisieren f\u00fcr Letztere die m\u00f6gliche Abstiegsdrohung. Oder sie werden eingesetzt, um Streiks zu unterlaufen. Beim Discounter Schlecker wurde j\u00fcngst der Versuch unternommen, \u00fcber neue Gesellschaften ganze Belegschaften, die Betriebsr\u00e4te erk\u00e4mpft hatten, in Interessen vertretungsfreie Leiharbeitsbelegschaften umzuwandeln.<\/p>\n<p>[7] Ein Grund f\u00fcr dieses Muster liegt auch in der starken Repr\u00e4sentation privilegierter Gruppen &#8211; wie Festangestellte &#8211; gegen\u00fcber den unterprivilegierten Gruppen, die ihren spezifischen Interessen zu mehr Einfluss verhelfen k\u00f6nnen (M\u00fcller-Jentsch 2008a).<\/p>\n<p>[8] U. a. dann, wenn auch die Festangestellten feststellen, dass auch f\u00fcr sie ihre &#8222;Funktion als Verwertungsmittel des Kapitals immer prek\u00e4rer&#8220; wird (Marx 1867: 699).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Bourdieu, Pierre<\/i> (1998): Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstandes gegen die neoliberale Invasion, Konstanz.<\/p>\n<p><i>Brinkmann, Ulrich\/Choi, Hae-Lin\/Detje, Richard\/D\u00f6rre, Klaus\/Holst, Hajo\/Karakayali, Serhat\/ Schmalstieg, Catharina<\/i> (2008): Strategic Unionism: Aus der Krise zur Erneuerung?, Wiesbaden.<\/p>\n<p><i>Brinkmann, Ulrich\/Nachtwey, Oliver<\/i> (2010): Krise und strategische Neuorientierung der Gewerkschaften, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 13-14\/2010, S. 21-29.<\/p>\n<p><i>Castel, Robert<\/i> (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit , Konstanz<\/p>\n<p><i>Castel, Robert <\/i>(2005): Die St\u00e4rkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat, Hamburg<\/p>\n<p><i>D\u00f6rre, Klaus<\/i> (2008): Die strategische Wahl der Gewerkschaften, in: WSI-Mitteilungen (61) 1, S. 3-10.<\/p>\n<p><i>D\u00f6rre, Klaus <\/i>(2009a): Die neue Landnahme. 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