{"id":11832,"date":"2010-06-01T21:00:00","date_gmt":"2010-06-01T19:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/nachhaltigkeit-und-postdemokratische-wende\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:49","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:49","slug":"nachhaltigkeit-und-postdemokratische-wende","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/190-vorgaenge\/publikation\/nachhaltigkeit-und-postdemokratische-wende\/","title":{"rendered":"Nachhaltigkeit und postdemokratische Wende"},"content":{"rendered":"<p>Zum Wechselspiel von Demokratiekrise und Umweltkrise;<\/p>\n<p>aus: vorg&auml;nge Nr. 190, Heft 2\/2010, S. 44-54<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-demokratische-und-oekologische-nachhaltigkeit\">I. Demokra&shy;ti&shy;sche und &ouml;kologische Nachhal&shy;tig&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>In Anbetracht der sich zuspitzenden Nachhaltigkeitskrise einerseits und der verbreiteten Klage &uuml;ber die Erosion der Demokratie andererseits ist die Frage nach der <i>Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie <\/i>in modernen Konsumentengesellschaften eine Zentralfrage geworden (z.B. H&ouml;ffe 2009; Leggewie und Welzel 2009). Sie hat zwei Dimensionen: Erstens geht es um den derzeitigen Zustand und die weiteren Entwicklungsaussichten &#8211; also um die Nachhaltigkeit &#8211; der Demokratie, die in vielen fortgeschrittenen Industrienationen deutliche Erm&uuml;dungserscheinungen zeigt. Zweitens geht es um die Frage, inwieweit demokratische Strukturen in der Lage sind zu bew&auml;ltigen, was derzeit oft als die wichtigste Herausforderung an die Menschheit bezeichnet wird, n&auml;mlich die sich zuspitzende Klima- und Umweltkrise. Beide Fragen sind analytisch klar voneinander getrennt, in der Praxis jedoch wechselseitig miteinander verbunden. In der ersten Dimension geht es weniger darum, das m&ouml;gliche Ende der Demokratie zu verk&uuml;nden, als vielmehr, eine angemessene Beschreibung ihrer sich derzeit vollziehenden Transformation zu finden (z.B. Cain et al. 2003; Bl&uuml;hdorn 2007, 2009a; Crouch 2008). In der zweiten Dimension geht es um die erneute Betrachtung des Verh&auml;ltnisses von Demokratie und &Ouml;kologie und des alten Verdachtes, dass demokratische Strukturen m&ouml;glicherweise grunds&auml;tzlich ungeeignet sind, um die Umweltkrise in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Jeweils f&uuml;r sich werden beide Fragen derzeit breit diskutiert, doch erstens sind die beiden Debatten noch stark voneinander isoliert, d.h. Demokratiekrise und Nachhaltigkeitskrise werden nur selten zusammengedacht. Zweitens spielen in beiden Einzeldiskussionen Leitbegriffe und Glaubenss&auml;tze eine zentrale Rolle, die dringend der kritischen Nachfrage bed&uuml;rfen. Drittens bleibt selbst dort, wo die beiden Fragen wenigstens versuchsweise zusammengebracht werden, die Verbindung zwischen den beiden Dimensionen der Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie unklar: Es wird vermutet, dass Parteien-, Politik- und Demokratieverdrossenheit nicht zuletzt darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren sind, dass die B&uuml;rger das Vertrauen in den ernsthaften Willen und die F&auml;higkeit der politischen Eliten und demokratischen Institutionen verloren haben, die anstehenden Zukunftsprobleme zu l&ouml;sen (z.B. Embacher 2009). Umgekehrt glauben gerade in den emanzipatorischen Bewegungen verwurzelte Akteure, dass eine Wende zur Nachhaltigkeit ausschlie&szlig;lich durch eine St&auml;rkung demokratischer Partizipation, Repr&auml;sentation und Legitimation zu bewerkstelligen sei (z.B. Leggewie und Welzel 2009). Doch wie tragf&auml;hig diese Vermutungen wirklich sind und welcher Art die Verbindung der beiden Nachhaltigkeitsfragen tats&auml;chlich ist, bleibt unklar &#8211; auch weil es dort, wo die beiden Fragen gleichzeitig ins Visier genommen werden, oft an analytischer Sch&auml;rfe fehlt und unbegr&uuml;ndete normative Annahmen die Perspektive verzerren (z.B. H&ouml;ffe 2009; Leggewie und Welzel 2008, 2009; Siller 2010).<\/p>\n<p>Damit sind die Ziele f&uuml;r diesen Beitrag umrissen: Er soll die jeweiligen Diskussionen &uuml;ber die Demokratiekrise und die Umweltkrise enger miteinander in Verbindung bringen, in beiden Einzeldiskussionen kritische Akzente setzen und die wechselseitige Beziehung der beiden Dimensionen der Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie neu beleuchten. Nach einem kurzen Blick auf konkurrierende Diagnosen zum Zustand der Demokratie wird es zun&auml;chst um Demokratieskepsis und Demokratievertrauen im Kampf gegen die &ouml;kologische Krise gehen. Im Anschluss werden die Aussagen zur Demokratiekrise einerseits und die zur Reichweite der Demokratie als Mittel gegen die Umweltkrise andererseits kritisch betrachtet. Dabei wird in Abgrenzung zu dem popul&auml;ren <i>schwachen <\/i>Begriff der &#8222;Postdemokratie&#8220; (vgl. Crouch 2008; Buchstein und Nullmeier 2006; J&ouml;rke in diesem Heft) ein <i>st&auml;rkeres <\/i>Verst&auml;ndnis des Begriffs entwickelt. Auf dieser Grundlage wird abschlie&szlig;end die Beziehung zwischen den beiden Dimensionen der Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie erneut untersucht und vor allem die Fatalit&auml;t des Zusammenspiels von Demokratiekrise und &ouml;kologischer Krise herausgestellt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-demokratiekrise-konkurrierende-diagnosen\">II. Demokra&shy;tie&shy;krise: Konkur&shy;rie&shy;rende Diagnosen <\/span><\/h2>\n<p>Seit Langem beobachten Politikwissenschaftler und politische Journalisten in entwickelten demokratischen Industriegesellschaften eine Krise der Demokratie (vgl. z.B. Maier 2000; Dalton 2004; Wiesendahl 2006; Brodocz 2008; Embacher 2009). Ihre Diagnose bezieht sich erstens, auf Seiten der B&uuml;rger, auf die Feststellung einer abnehmenden Bereitschaft zur politischen Organisation und Partizipation, auf das schwindende Vertrauen in die F&auml;higkeit und den Willen politischer Eliten, die Interessen der B&uuml;rger angemessen zu vertreten, und auf die zunehmende Konzentration der B&uuml;rger auf das Management ihres eigenen, immer anspruchsvoller und vielschichtiger werdenden Lebens. Zweitens bezieht sich diese Diagnose, auf der Seite der Regierenden, auf deren &#8211; nat&uuml;rlich nicht offen ausgesprochenes &#8211; abnehmendes Vertrauen in partizipatorische Verfahren gerade angesichts steigender Problemkomplexit&auml;t und hohen Entscheidungsdrucks, auf die zunehmende Entparlamentarisierung, Personalisierung und Pr&auml;sidentialisierung der Politik, auf den Glauben an die h&ouml;here Effizienz des Marktes, und auf die wachsende Bedeutung von vermeintlich entpolitisierten Expertenkommissionen, professionellen Politikberatern und verschiedenen Beh&ouml;rden und Agenturen, die nicht demokratisch, sondern durch die ihnen zugeschriebene Sachkompetenz legitimiert sind. Drittens bezieht sich die Diagnose auf die Feststellung, dass gesellschaftliche Funktionssysteme, soziale Interaktionshorizonte und die von der Politik zu regelnden Problemzusammenh&auml;nge l&auml;ngst &uuml;ber den demokratisch verfassten Nationalstaat hinausgewachsen sind, ohne dass sich jenseits des Nationalstaates ernstzunehmende demokratische Institutionen herausgebildet h&auml;tten. Schon innerhalb des Nationalstaats ist die offizielle Politik &#8211; und damit die demokratischen Institutionen &#8211; nur noch eines von vielen Zentren der Macht und hat nur sehr begrenzte Steuerungsf&auml;higkeit. Noch mehr jedoch wird die Macht des demokratischen Souver&auml;ns durch die fortschreitende Transnationalisierung beschr&auml;nkt.<\/p>\n<p>Da es wenig Anzeichen gibt, dass sich an dieser Lage und Entwicklung etwas Grunds&auml;tzliches &auml;ndern k&ouml;nnte, scheint es um die Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie nicht gut bestellt. Der von Colin Crouch in die Diskussion eingebrachte Begriff der &#8222;Postdemokratie&#8220; scheint schon ihren endg&uuml;ltigen Niedergang zu verk&uuml;nden. Crouch spricht von einer &#8222;unvermeidlichen Entropie der Demokratie&#8220; und von Ver&auml;nderungen, die so machtvoll und tief greifend seien, dass eine erneute Umkehrung des Entwicklungstrends kaum vorstellbar sei (Crouch 2008: 133). Sein Modell der Postdemokratie beschreibt einen Zustand der demokratischen Ersch&ouml;pfung, Ern&uuml;chterung und Entt&auml;uschung (ibid: 30), in dem zwar die wesentlichen Institutionen und Rituale der Demokratie formal erhalten bleiben, die meist &#8222;passiven, schweigenden, ja sogar apathischen&#8220; B&uuml;rger aber keinen wirklichen Einfluss mehr auf die Politik haben (ibid: 10). Diese werde vielmehr unter weit gehendem Ausschluss der demokratischen &Ouml;ffentlichkeit &#8211; und oftmals auf transnationaler Ebene &#8211; zwischen politischen Eliten und wohl organisierten, insbesondere wirtschaftlichen, Interessengruppen ausgehandelt (ibid.).<\/p>\n<p>Solche Diagnosen des demokratischen Niedergangs sind allerdings nicht unumstritten. Ihnen widerspricht zun&auml;chst die Tatsache, dass sich trotz des geringen Vertrauens in demokratische Institutionen demokratische Werte heute h&ouml;herer gesellschaftlicher Zustimmung erfreuen denn je (vgl. Embacher 2009). Robert Dahl (2000), Chantal Mouffe (2000) und viele andere sprechen hier von einem <i>demokratischen Paradox<\/i>. Russell Dalton ist ein prominentes Beispiel f&uuml;r diejenigen, die zwar gewisse Transformationserscheinungen feststellen, dabei aber nicht m&uuml;de werden zu betonen, dass die B&uuml;rger westlicher Demokratien zu keinem fr&uuml;heren Zeitpunkt so viele Partizipationsm&ouml;glichkeiten hatten und so regen Gebrauch von ihnen gemacht haben wie heute (z.B. Dalton 2004). Ronald Inglehart findet auch in seinen j&uuml;ngsten Arbeiten zur &#8222;human development sequence&#8220; (z.B. Inglehart und Welzel 2005; Inglehart 2008) seine alten Thesen der &#8222;stillen Revolution&#8220; (z.B. Inglehart 1977, 1997) best&auml;tigt, dass der fortlaufende Prozess der Modernisierung immer mehr Demokratisierung mit sich bringe, die Autorit&auml;t der Eliten immer weiter einschr&auml;nke und die partizipatorisch-demokratische Kultur immer tiefer verankere. Dies widerspricht der Diagnose der Postdemokratie. Aber auch Crouch verwendet diesen Begriff eigentlich nur als polemischen Reizbegriff, mit dem er gegen beobachtete Tendenzen der Entpolitisierung und Elitenherrschaft mobilisieren will (Crouch 2008: 133ff). Tats&auml;chlich hat sich die Demokratie als &auml;u&szlig;erst entwicklungs- und anpassungsf&auml;hig erwiesen, und so ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass Otfried H&ouml;ffe ihr j&uuml;ngst sogar &#8222;ein hohes Ma&szlig; an Zukunftsf&auml;higkeit&#8220; bescheinigt hat (H&ouml;ffe 2009: 243f): &#8222;In ihrem west- und nordeurop&auml;ischen Zuschnitt erm&ouml;glicht die moderne Demokratie, allen drei Kriterien f&uuml;r Zukunftsf&auml;higkeit, der Freiheit, der Gleichheit und der Sicherheit, gleicherma&szlig;en zu gen&uuml;gen&#8220; (H&ouml;ffe 2009: 253).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-oekologische-krise-demokratieskepsis-und-demokratievertrauen\">III. &Ouml;kologische Krise: Demokra&shy;ties&shy;kepsis und Demokra&shy;tie&shy;ver&shy;trauen<\/span><\/h2>\n<p>Die zweite Dimension der Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie, d. h. die Frage, inwieweit demokratische Strukturen geeignet sind, den &Uuml;bergang zu einer nachhaltigen Gesellschaftsform zu organisieren, spielt bei H&ouml;ffe eine nur nebengeordnete Rolle. Dabei bedeutet gerade die sich zuspitzende Klimakrise eine erhebliche Herausforderung f&uuml;r die Demokratie und gerade im Bereich der Umweltpolitik haben Zweifel an der Leistungsf&auml;higkeit der Demokratie eine lange Tradition. Schon in den Fr&uuml;hzeiten der Umweltbewegung hatten die Denkans&auml;tze vieler intellektueller Gr&uuml;ndungsv&auml;ter durchaus auch autorit&auml;re Untert&ouml;ne (z.B. Ehrlich 1971; The Ecologist 1972; Schumacher 1973; Gruhl 1975). Zwar waren es dann gerade die emanzipatorisch-partizipatorischen neuen sozialen Bewegungen, die das Umweltthema auf die politische Agenda gebracht und dort fest verankert haben, doch die &ouml;kologischen Werte der Selbstbeschr&auml;nkung, Selbstbeherrschung und Selbstverpflichtung im Namen einer intakten nat&uuml;rlichen Umwelt blieben immer in einem Spannungsverh&auml;ltnis zu den demokratisch-emanzipatorischen Werten der Selbstbefreiung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Weder die sozialen Bewegungen und die aus ihnen hervorgegangenen politischen Akteure noch die politische Theorie haben diese Spannung je wirklich aufl&ouml;sen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Zu den konstitutiven Elementen dieser Spannung geh&ouml;rt, dass die Demokratie anthropozentrisch und nur eingeschr&auml;nkt in der Lage ist, das angemessen zu repr&auml;sentieren, was keine Stimme hat und sich nicht in elektoral relevanter Weise artikulieren kann. Weiter ist die Demokratie sowohl auf der Seite der W&auml;hler als auch auf der, der Gew&auml;hlten stark gegenwartsfixiert. Sie priorisiert die Interessen des jeweiligen Moments, denkt in kurzen Zeitabschnitten (z.B. Wahlperioden oder Konjunkturzyklen) und tut sich schwer damit, der Zukunft angemessenes Gewicht zu geben. Au&szlig;erdem tendiert die Demokratie zum Kompromiss, auch dort wo Kompromissl&ouml;sungen umweltpolitisch nicht zielf&uuml;hrend sind. Viertens sind demokratische Verfahren langsam und ressourcenaufwendig &#8211; und vor allem immer zu langsam und zu teuer f&uuml;r die jeweils akute Krise. Zudem richtet die Demokratie ihre Politik nach der aggregierten Mehrheit aus, doch die Pr&auml;ferenzen der Mehrheit entsprechen nur selten dem im Sinne von Nachhaltigkeit und &Ouml;kologie Vern&uuml;nftigen. Weiter ist die Demokratie geographisch beschr&auml;nkt. Sie tut sich schwer damit, stabile Legitimation f&uuml;r Politiken zu schaffen, von denen vor allem Menschen in anderen L&auml;ndern oder gar Erdteilen profitieren sollen, die aber den W&auml;hlern im eigenen Lande Kosten oder Beschr&auml;nkungen auferlegen. Und schlie&szlig;lich ist die Demokratie grunds&auml;tzlich emanzipatorisch, d.h. sie zielt immer auf die Expansion pers&ouml;nlicher Rechte und die Verbesserung der pers&ouml;nlichen Lebensumst&auml;nde. Sie ist damit ungeeignet f&uuml;r jede Form von die Mehrheit betreffenden Einschr&auml;nkungen pers&ouml;nlicher Freiheiten und materieller Erwartungen, wie immer unverzichtbar solche Beschr&auml;nkungen &ouml;kologisch auch sein m&ouml;gen.<\/p>\n<p>Schon Hans Jonas hatte in seinem 1979 ver&ouml;ffentlichten Buch <i>Das Prinzip Verantwortung<\/i> daher ge&auml;u&szlig;ert, &#8222;nur eine Elite&#8220; k&ouml;nne &#8222;ethisch und intellektuell&#8220; die erforderliche &#8222;Zukunftsverantwortung &uuml;bernehmen&#8220; und dachte &uuml;ber &#8222;eine wohlwollende, wohlinformierte und von der richtigen Einsicht beseelte Tyrannis&#8220; nach (Jonas 1984: 262). Allerdings war es dann gerade das Misstrauen gegen&uuml;ber den gesellschaftlichen Eliten, gepaart mit dem neuen politischen Selbstvertrauen einer durch Wirtschaftswachstum und Bildungsexpansion zu erheblichem Selbstbewusstsein gelangten neuen Mittelschicht, die die <i>partizipatorische Revolution <\/i>(Kaase 1982, 1984) ausl&ouml;sten und der Ansicht zum Durchbruch verhalfen, dass &Ouml;kologie und Demokratie untrennbar miteinander verbunden seien.<\/p>\n<p>Im Zeichen der sich zuspitzenden Klima- und Nachhaltigkeitskrise sind die Zweifel an der Demokratie jedoch erneut gewachsen. Die Bef&uuml;rchtung, dass es ihr sowohl am Willen als auch an der F&auml;higkeit fehlt, die z. B. vom Weltklimarat dringend eingeforderten Ma&szlig;nahmen zur Abwendung einer sozialen und &ouml;kologischen Katastrophe zu implementieren, hat sich auch dadurch verst&auml;rkt, dass die kulturelle Pluralisierung von Wertvorstellungen und Lebensentw&uuml;rfen den Glauben an eine einheitliche authentische Vernunft und damit die Grundlage f&uuml;r den demokratischen Konsens geschw&auml;cht hat. Umweltrelevante Themen wie Klimawandel, Energiesicherheit oder die Umweltbilanz &ouml;kologischer Lebensmittel &uuml;bersteigen in ihrer Komplexit&auml;t bei Weitem das Wissen, die Vorstellungskraft und das Urteilsverm&ouml;gen selbst &uuml;berdurchschnittlich gebildeter B&uuml;rger. Gezielt beschleunigte Innovation, Mobilit&auml;t und Flexibilisierung f&uuml;hren erstens zu immer <i>schnellerer <\/i>Ver&auml;nderung und zweitens, zusammen mit der fortschreitenden funktionalen Ausdifferenzierung sozialer Systeme, zu immer <i>komplexer <\/i>und <i>un&uuml;bersichtlicher <\/i>werdenden Ver&auml;nderungsprozessen. Unsicherheit und Unkalkulierbarkeit sind so zum zentralen Charakteristikum moderner Gesellschaften geworden (vgl. Beck 2007), und man kann immer weniger erwarten, dass der demokratische Souver&auml;n vorsorgende Entscheidungen f&uuml;r eine v&ouml;llig unkalkulierbare Zukunft trifft: Beschleunigung und Nachhaltigkeit sind zwei direkt miteinander konfligierende Prinzipien. Und da der &#8222;&ouml;kologische Fu&szlig;abdruck&#8220; (Rees und Wackernagel 1996) moderner Konsumentendemokratien oft um ein Vielfaches die Gr&ouml;&szlig;e ihres nationalen Territoriums &uuml;bersteigt, vernachl&auml;ssigen demokratische Verfahren nicht nur die nicht-menschlichen Interessen und die Belange zuk&uuml;nftiger Generationen, sondern auch die Interessen derer, die nicht zum demokratischen Gemeinwesen geh&ouml;ren, gleichwohl aber von dessen Entscheidungen massiv betroffen sind. Die Externalisierung &ouml;kologischer und sozialer Kosten ist heute also in mehrfacher Hinsicht strukturell in der Demokratie verankert.<\/p>\n<p>All dies n&auml;hrt den Verdacht, dass im Kampf gegen die &ouml;kologische Krise die Demokratie tats&auml;chlich eher Teil des Problems als Teil einer aussichtsreichen L&ouml;sungsstrategie sein k&ouml;nnte. Bereits Ende der neunziger Jahre sprach die kanadische Umweltethikerin Laura Westra von &#8222;Demokratieversagen&#8220; angesichts der Umweltkrise (Westra 1998: 53-80). Insbesondere die Vorstellung, &#8222;dass die Entscheidungen und Pr&auml;ferenzen der Mehrheit in den demokratischen, reichen L&auml;ndern als absolut und jenseits der Diskussion gesehen werden sollten&#8220; (ibid: 3), erschien ihr problematisch, und &#8222;die unhinterfragte Akzeptanz des Primats demokratischer Institutionen&#8220; bedeutete f&uuml;r sie ein &#8222;wesentliches Hindernis&#8220; f&uuml;r eine erfolgreiche Umweltpolitik (ibid: 58). Die einzige Hoffnung auf wirksame Ver&auml;nderung lag f&uuml;r Westra in noch zu schaffenden &#8222;globalen Regulierungsinstitutionen, die paternalistisch in unserem Namen handeln&#8220; (ibid: 198). Was ihr vorschwebte, war ein interdisziplin&auml;r besetzter &ouml;kologischer Rat, der &#8222;die Rolle des weisen Mannes aus der aristotelischen Lehre &uuml;bernehmen&#8220; solle (ibid.).<\/p>\n<p>In vergleichbarer Weise sprach sich j&uuml;ngst auch Anthony Giddens sehr deutlich f&uuml;r den Staat als den zentralen umweltpolitischen Akteur aus. Nicht ohne vor den Fehlern des Sozialismus zu warnen, fordert Giddens eine R&uuml;ckkehr zu zentralisierter Planung (ibid: 91-128) und einen &#8222;Gew&auml;hrleistungsstaat&#8220;, der stark genug sein soll, ambitionierte Zielvorgaben beim Klimaschutz nicht nur zu formulieren, sondern auch in verl&auml;sslicher Art und Weise durchzusetzen (ibid: 7, 69). Nat&uuml;rlich m&uuml;sse dieser Planungsstaat &#8222;mit demokratischen Freiheiten in Einklang gebracht werden&#8220; (ibid: 96), doch den von den sozialen Bewegungen so betonten Wert der partizipatorischen Demokratie h&auml;lt Giddens eigentlich f&uuml;r umweltpolitisch nicht zielf&uuml;hrend und f&uuml;r mit Werten des Klimaschutzes auch nicht wirklich verbunden (ibid: 56). Giddens spricht sich klar f&uuml;r eine Entpolitisierung der Klimapolitik aus: &#8222;Der Klimawandel sollte aus dem rechts-links Kontext herausgehoben&#8220; und &#8222;jenseits der unmittelbar parteipolitischen Rhetorik&#8220; bearbeitet werden (ibid: 114). An die Stelle von Westras interdisziplin&auml;rem Rat tritt bei Giddens ein entpolitisiertes &#8222;cross party framework&#8220; (ibid: 7, 113f), das vom Druck parteipolitischer Interessen und kurzer Regierungszyklen befreit sein soll.<\/p>\n<p>Aus der Perspektive der emanzipatorischen sozialen Bewegungen und der aus ihnen hervorgegangenen politischen Akteure sind dies schwer ertr&auml;gliche &Uuml;berlegungen. Entsprechend vehement verteidigt z. B. Peter Siller (2010) den demokratischen Ansatz. Siller betont, dass Entpolitisierung und Expertenherrschaft gar keine Option sein k&ouml;nnen, weil n&auml;mlich &#8222;aus naturwissenschaftlichem Sachverstand noch keine normativ-politische Perspektive folgt&#8220;. In der Tat sind die empirischen Datensammlungen zum Beispiel des Weltklimarates einerseits und die Interpretation dieser Daten sowie die gesellschaftlichen Normen der Akzeptabilit&auml;t von Umweltver&auml;nderungen und ihren sozialen Konsequenzen andererseits zwei verschiedene Dinge (vgl. H&ouml;ffe 2009: 280-284). Siller kritisiert daher &#8222;die latente Demokratieskepsis eines Teils der Umweltaktivisten&#8220; und insistiert, &#8222;dass eine L&ouml;sung der Klimakrise nur demokratisch zu bewerkstelligen&#8220; sei. Ganz &auml;hnlich fordern z. B. auch Claus Leggewie und Harald Welzel, dass &#8222;politische und b&uuml;rgerschaftliche Partizipation&#8220; ein &#8222;integraler Bestandteil einer k&uuml;nftigen <i>Klimapolitik von unten<\/i>&#8220; sein m&uuml;sse (Leggewie und Welzel 2008: 29). Der Umbau der Industriegesellschaft k&ouml;nne nur funktionieren, &#8222;wenn er als Projekt angelegt wird, in das sich die Gesellschaftsmitglieder identit&auml;r einschreiben k&ouml;nnen, ihn also als <i>ihr <\/i>Projekt begreifen&#8220; (ibid: 30). Das wiederum setze voraus, dass &#8222;das Politikangebot partizipatorisch und aktivierend gedacht ist&#8220; (ibid: 30).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-argumentationsfehler-und-begriffsschaerfungen\">IV. Argumen&shy;ta&shy;ti&shy;ons&shy;fehler und Begriffs&shy;sch&auml;r&shy;fungen <\/span><\/h2>\n<p>Im Sinne der emanzipatorischen Bewegungstradition sind diese Argumentationsmuster verst&auml;ndlich. Siller, Leggewie und Welzel begehen jedoch den Fehler, von der unbestrittenen Untauglichkeit der Expertokratie zu schnell auf die gr&ouml;&szlig;ere Tauglichkeit partizipatorisch-demokratischer Ans&auml;tze zu schlie&szlig;en. Den oben erw&auml;hnten Bedenken gegen die Demokratie setzen sie jedoch nichts entgegen und ihre Behauptung, dass eine L&ouml;sung der Klimakrise nur demokratisch zu bewerkstelligen sei, weil n&auml;mlich &Ouml;kologie und Demokratie untrennbar miteinander verbunden seien, hat allenfalls als normative Forderung Bestand, nicht aber aus der Perspektive der empirischen Politikwissenschaft oder der politischen Theorie. Im Gegenteil muss man klar feststellen, dass es zwischen &Ouml;kologie und Demokratie keinen notwendigen Zusammenhang gibt, selbst wenn in demokratisch verfassten Gesellschaften, der Tendenz nach ein h&ouml;heres Umweltbewusstsein und strengere Umweltstandards zu beobachten sind als in Nichtdemokratien. W&auml;hrend also die einen den Fehler begehen, von der berechtigten Sorge &uuml;ber die Untauglichkeit der Demokratie &uuml;bereilt auf die gr&ouml;&szlig;ere Tauglichkeit der Expertenherrschaft zu schlie&szlig;en, begehen die anderen den umgekehrten Fehler. Die einen &uuml;bersehen, dass es weder Grund zu der Annahme gibt, dass Experten Politikziele richtig festlegen k&ouml;nnten, noch zu dem Glauben, diese Ziele seien dann auch tats&auml;chlich praktisch durchsetzbar. Die anderen &uuml;bersehen erstens, dass die Behauptung einer notwendigen Verbindung zwischen Demokratie und &Ouml;kologie schon immer auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en stand, und zweitens, dass gerade in j&uuml;ngerer Zeit der Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung demokratische Werte und Institutionen in einer Weise verwandelt hat, die dem &ouml;kologischen Demokratievertrauen vollends den Boden entzieht.<\/p>\n<p>Zum Beleg sei, neben den bereits angesprochenen Faktoren, vor allem auf den in der Demokratietheorie wie auch in der Nachhaltigkeitsdebatte vernachl&auml;ssigten Werte- und Kulturwandel verwiesen, mit dem sich herausgebildet hat, was in Analogie zu Zygmunt Baumans Theorem der &#8222;fl&uuml;chtigen Moderne&#8220; (Bauman 2003) mit dem Oxymeron <i>fl&uuml;chtige Identit&auml;t <\/i>beschrieben werden k&ouml;nnte. Dieser Begriff zielt auf den in den Kulturwissenschaften l&auml;ngst anerkannten Umstand, dass in fortgeschrittenen westlichen Gesellschaften das b&uuml;rgerlich-modernistische Ideal der unit&auml;ren und stabilen Identit&auml;t, das zuletzt von den neuen sozialen Bewegungen emphatisch erneuert worden war, abgel&ouml;st worden ist vom &#8211; oder besser erg&auml;nzt worden ist um das &#8211; eigentlich in sich widerspr&uuml;chliche Ideal der fragmentierten und flexiblen Identit&auml;t. Denn unter den Bedingungen heutiger Wettbewerbs- und Konsumgesellschaften ist die alte Idealvorstellung des <i>identischen Subjekts <\/i>mit all ihren Implikationen von Konsistenz, Konsequenz, Moralit&auml;t und Selbstdisziplin kontraproduktiv und zur Belastung geworden. Flexibilit&auml;t, Vielseitigkeit, Mobilit&auml;t und Innovationsbereitschaft sind demgegen&uuml;ber nicht nur unbedingte Konditionen des modernen Arbeitsmarktes und beruflichen Erfolges, sondern sie scheinen auch ein breiteres Spektrum an M&ouml;glichkeiten f&uuml;r ein volleres und erf&uuml;llteres Leben zu er&ouml;ffnen. Sie versprechen zus&auml;tzliche Optionen zur Selbstverwirklichung und Selbsterfahrung.<\/p>\n<p>Gerade in den fortschrittlichen gesellschaftlichen Milieus ist das Selbstverst&auml;ndnis und Identit&auml;tsideal daher vielschichtiger, flexibler, innovationsoffener und toleranter gegen&uuml;ber internen Widerspr&uuml;chlichkeiten geworden. Allerdings ist dieses von der Wirtschaft eingeforderte und von den B&uuml;rgern selbst pr&auml;ferierte neue Selbstverst&auml;ndnis erstens fundamental nicht-nachhaltig, und zweitens bedeutet es eine erhebliche Herausforderung f&uuml;r die Demokratie. Nicht-nachhaltig ist dieses Identit&auml;tsideal (a) insofern es <i>per definitionem<\/i> flexibel, fl&uuml;ssig und fl&uuml;chtig, also eben gerade nicht konsequent, konsistent und konstant ist; (b) insofern es vor allem auf die unmittelbare Gegenwart fixiert ist und sich in seiner st&auml;ndigen Neukonstruktion weder der Vergangenheit noch der Zukunft in besonderem Ma&szlig;e verpflichtet f&uuml;hlt; und (c) insofern es als Medium der Selbstverwirklichung, Selbstartikulation und Selbsterfahrung ganz wesentlich auf Konsumhandlungen setzt, wobei es vor allem auf den Symbol- und Neuigkeitswert der Konsumg&uuml;ter ankommt, die entsprechend immer m&ouml;glichst schnell wieder ausgetauscht werden m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Eine Herausforderung f&uuml;r die Demokratie bedeutet dieses zeitgen&ouml;ssische Identit&auml;tsideal erstens, weil man im gleichen Ma&szlig;e, wie dieses Selbstverst&auml;ndnis zur gesellschaftlichen Norm wird, davon ausgehen muss, dass die B&uuml;rger eben diese Norm und die auf sie gegr&uuml;ndeten Interessen in den demokratischen Prozess einspeisen werden und repr&auml;sentiert sehen wollen (vgl. Bl&uuml;hdorn 2006). Damit verdunkeln sich die Aussichten auf eine demokratisch organisierte und dennoch effektive Strategie gegen die Nachhaltigkeitskrise, und technokratische, expertokratische und autorit&auml;re Ans&auml;tze erhalten weiteren Auftrieb. Zweitens erscheinen aus der Perspektive des neuen Selbstverst&auml;ndnisses und Identit&auml;tsideals demokratische Institutionen und Verfahren nicht mehr wirklich als effizient. Angesichts der Komplexit&auml;t der gesellschaftlichen Probleme und der Beschleunigung des pers&ouml;nlichen Lebens erscheint es effizienter, demokratische Verantwortlichkeiten an geeignete <i>service provider <\/i>zu delegieren, um sich selbst ganz auf sein<i> life management <\/i>konzentrieren zu k&ouml;nnen. Drittens haben die etablierten demokratischen Institutionen erhebliche Schwierigkeiten, sich auf das ver&auml;nderte Selbstverst&auml;ndnis und Identit&auml;tsideal der B&uuml;rger einzustellen. Die Krise der Parteien und die &uuml;brigen viel zitierten Indikatoren der Demokratiekrise zeigen unmissverst&auml;ndlich, dass die etablierten Begriffe und Verfahren der Repr&auml;sentation, Legitimation und Partizipation f&uuml;r die B&uuml;rger immer weniger Sinn machen, und einstweilen ist keineswegs sicher, ob und wie diese Begriffe den ver&auml;nderten Bedingungen angepasst werden k&ouml;nnen. Stattdessen beobachten wir vor allem, dass die verbreitete Klage &uuml;ber bestehende Demokratiedefizite erstaunlich wenig demokratische Mobilisierung hervorruft.<\/p>\n<p>Zusammen bilden diese Entwicklungen den Kern dessen, was ich in Anlehnung an Colin Crouch, aber auch in bewusster Abgrenzung zu ihm, als <i>postdemokratische Wende <\/i>bezeichnet habe (vgl. Bl&uuml;hdorn 2006, 2007, 2009a). W&auml;hrend Crouch sich auf seinen eigenen Zentralbegriff nicht wirklich einl&auml;sst, sondern uneingeschr&auml;nkt an den traditionellen Normen der Demokratie festh&auml;lt, &ouml;ffnet sich der Begriff der postdemokratischen Wende der Tatsache, dass demokratische Werte und Erwartungen sich im fortlaufenden Prozess der Modernisierung entsprechend den gewandelten Formen des Selbstverst&auml;ndnisses grunds&auml;tzlich ver&auml;ndert haben. Im Gegensatz zu Crouchs <i>schwachem <\/i>Begriff der Postdemokratie wird mit der postdemokratischen Wende also ein <i>starkes <\/i>Verst&auml;ndnis des Begriffs vorgeschlagen. Es geht davon aus, dass f&uuml;r die B&uuml;rger moderner Konsumentendemokratien <i>mehr Demokratie wagen <\/i>nicht mehr unbedingt erstrebenswert ist, sondern vielmehr schnell kontraproduktiv wird. Es betont, dass im Gegensatz zu den Thesen von Inglehart der fortlaufende Prozess der Modernisierung nicht nur die Demokratisierung vorantreibt, sondern gleichzeitig auch die kulturellen Ressourcen auszehrt, die f&uuml;r die Demokratie eine unverzichtbare Grundlage sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v-demokratie-und-nicht-nachhaltigkeit\">V. Demokratie und Nicht-Nach&shy;hal&shy;tig&shy;keit<\/span><\/h2>\n<p>Der revidierte Begriff der Postdemokratie wirft ein grunds&auml;tzlich neues Licht auf die Frage der Zukunftsf&auml;higkeit der Demokratie. H&ouml;ffes sorglos-positives Urteil, das weder die Demokratie selbst ernsthaft in Gefahr sieht noch ihre F&auml;higkeiten bei der Bew&auml;ltigung anstehender Zukunftsfragen bezweifelt, erscheint nun weitgehend unbegr&uuml;ndet.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die erste Dimension unserer Ausgangsfrage wird deutlich, dass wir es in der Tat mit einer tiefen Krise der Demokratie zu tun haben. Sie hat ihre Ursache aber wohl weniger in der Unf&auml;higkeit der Politik, die dr&auml;ngenden Zukunftsfragen zu l&ouml;sen, als in der postdemokratischen Wende, d.h. im Prozess der Modernisierung, der die modernistischen Grundlagen und kulturellen Ressourcen aufgezehrt hat, auf denen moderne Demokratien gr&uuml;ndeten. Die Demokratie ist dadurch nicht grunds&auml;tzlich in ihrem Bestand bedroht; in keiner gefestigten Demokratie k&uuml;ndigt sich eine offizielle Verabschiedung von demokratischen Prinzipien an. Aber die Erscheinungsform der Demokratie ist ein weiteres Mal dabei sich zu &auml;ndern, und Schl&uuml;sselkategorien wie Partizipation, Repr&auml;sentation und Legitimit&auml;t werden grunds&auml;tzlich neu bestimmt (vgl. Bl&uuml;hdorn 2007a, 2009a). Crouchs Begriff der Postdemokratie ist zur Beschreibung dieser neuen Erscheinungsform(en) jedoch wenig geeignet. Er ist ein vor allem r&uuml;ckw&auml;rts gewandter und negativ bestimmter Begriff, er leuchtet nicht aus, in welchem Sinne die so genannte Postdemokratie m&ouml;glicherweise den (ver&auml;nderten) demokratischen Bed&uuml;rfnissen heutiger B&uuml;rger entspricht, und weil Crouch an den &uuml;berkommenen demokratischen Normen einfach festh&auml;lt, ohne auch nur in Erw&auml;gung zu ziehen, dass sie ihre G&uuml;ltigkeit verloren oder ver&auml;ndert haben k&ouml;nnten, hat er auf die sich herausbildende neue Erscheinungsform der Demokratie nur eine verzerrte Perspektive.<\/p>\n<p>Bez&uuml;glich der zweiten Dimension der Ausgangsfrage, also der Klimakrise, ist deutlich geworden, dass es f&uuml;r demokratischen Optimismus wohl nicht viel Grund gibt. Von der Demokratie jenseits der postdemokratischen Wende ist eine Gesellschaftstransformation zur Nachhaltigkeit kaum zu erwarten. Wenn es &uuml;berhaupt eine Aussicht f&uuml;r eine partizipatorisch organisierte, demokratisch legitimierte und &ouml;kologisch effektive Nachhaltigkeitspolitik gibt, dann nur, wenn zun&auml;chst gro&szlig;e Anstrengungen daran gesetzt werden, das normative Kapital und die kulturellen Ressourcen zu regenerieren, die eine demokratische Politik der Nachhaltigkeit unverzichtbar ben&ouml;tigt, die der fortlaufende Modernisierungsprozess aber aufgezehrt hat. In der Praxis w&uuml;rde das vor allem die aktive Repolitisierung und Neuverhandlung der gesellschaftlichen Vorstellungen von Freiheit, Individualit&auml;t, Identit&auml;t, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung bedeuten. Politisch ist dies ein Minenfeld, doch solange eine solche Neubestimmung ausbleibt, kann ein Mehr an Demokratie die Klima- und Nachhaltigkeitskrise nur vertiefen. Doch daraus folgt eben keineswegs, dass technokratische, expertokratische und autorit&auml;re Ans&auml;tze etwa aussichtsreicher w&auml;ren. Zu dieser Annahme gibt es keinerlei Grund, nicht zuletzt, weil auch der <i>technologische fix <\/i>und die expertokratischen Ans&auml;tze ohne den angesprochenen Werte- und Kulturwandel am Ende nicht zum Erfolg f&uuml;hren k&ouml;nnen. Wir befinden uns also in einem veritablen Dilemma, in dem eine fortgesetzte <i>Politik der Nicht-Nachhaltigkeit <\/i>(vgl. Bl&uuml;hdorn 2007b, 2008, 2009b; Bl&uuml;hdorn und Welsh 2008), also der immer erneuten Versuche zu stabilisieren, was sich letztlich doch nicht stabilisieren l&auml;sst, die wahrscheinlichste Perspektive ist. Die Empirie best&auml;tigt diesen Befund.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der Verbindung zwischen Demokratie und Nachhaltigkeit einerseits und Demokratiekrise und &ouml;kologischer Krise andererseits k&ouml;nnen wir abschlie&szlig;end festhalten, dass es diese Verbindung tats&auml;chlich gibt. Sie besteht aber nicht darin, dass die Nachhaltigkeitskrise nur durch mehr demokratische Partizipation, Repr&auml;sentation und Legitimation gel&ouml;st werden kann, sondern darin, dass die Demokratie durch die postdemokratische Wende selbst in ihrer Zukunftsf&auml;higkeit bedroht ist, und die postdemokratisch gewendete Demokratie die &ouml;kologische Krise weiter versch&auml;rft und zum entscheidenden Mittel f&uuml;r den Erhalt des Nicht-Nachhaltigen wird. Fatal ist, dass derzeit weder eine begr&uuml;ndete Hoffnung auf eine Erneuerung der ersch&ouml;pften kulturellen Ressourcen f&uuml;r eine zukunftsf&auml;hige Demokratie besteht noch eine Hoffnung, dass expertokratisch-autorit&auml;re F&uuml;hrung einen Weg aus der Klimakrise weisen k&ouml;nnte. Vielmehr ist zu bef&uuml;rchten, was jedermann l&auml;ngst ahnt, was aber weder im politischen noch im wissenschaftlichen Betrieb offen ausgesprochen werden darf: dass n&auml;mlich Demokratiekrise und &Ouml;kologiekrise, sich gegenseitig verst&auml;rkend, wohl noch tiefer in die Sackgasse hineinf&uuml;hren werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Bauman, Zygmunt<\/i> 2003: Fl&uuml;chtige Moderne, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p><i>Beck, Ulrich<\/i> 2007: Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur <\/i>2006: billig will Ich: Post-demokratische Wende und Simulative Demokratie, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 19 (4), 72-83<\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur <\/i>2007a: The Third Transformation of Democracy: On the Efficient Management of Late-modern Complexity, in: Ingolfur Bl&uuml;hdorn, Uwe Jun (Hg.), Economic Efficiency &#8211; Democratic Empowerment. Contested Modernisation in Britain and Germany, Lanham, 299-331<\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur<\/i> 2007b: Sustaining the Unsustainable. Symbolic Politics and the Politics of Simulation, in: Environmental Politics 16 (2), 251-275<\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur <\/i>2008: Klimadebatte und Postdemokratie: Zur gesellschaftlichen Bew&auml;ltigung der Nicht-Nachhaltigkeit, in: Transit. Europ&auml;ische Revue 36, 46-64<\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur <\/i>2009a: Democracy beyond the Modernist Subject: Complexity and the Late-modern Reconfiguration of Legitimacy, in: Ingolfur Bl&uuml;hdorn (Hg.), In Search of Legitimacy. Policy Making in Europe and the Challenge of Societal Complexity, Opladen, 17-50<\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur<\/i> 2009b: Locked into the Politics of Unsustainability, in: Eurozine, 30. Oktober 2009 <a href=\"http:\/\/www.eurozine.com\/articles\/2009-10-30-bluhdorn-en.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.eurozine.com\/articles\/2009-10-30-bluhdorn-en.html<\/a><\/p>\n<p><i>Bl&uuml;hdorn, Ingolfur, Welsh, Ian (Hg.)<\/i> 2008: The Politics of Unsustainability. Eco-Politics in the Post-Ecologist Era, London<\/p>\n<p><i>Brodocz, Andr&eacute;, Llanque, Marcus, Schaal, Gary S. <\/i>(Hg.) 2008: Bedrohungen der Demokratie, Wiesbaden<\/p>\n<p><i>Cain, Bruce, Dalton, Russell, Scarrow, Susan <\/i>(Hg.) 2003: Democracy Transformed? Expanding Political Opportunities in Advanced Industrial Democracies, Oxford<\/p>\n<p><i>Crouch, Colin <\/i>2008: Postdemokratie, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p><i>Dahl, Robert<\/i> 2000: A Democratic Paradox?, in: Political Science Quarterly 115 (1), 35-40<\/p>\n<p><i>Dalton, Russell<\/i> 2004: Democratic Challenges, Democratic Choices, Oxford<\/p>\n<p><i>Ehrlich, Paul <\/i>1971: The Population Bomb, London<\/p>\n<p><i>Embacher, Serge<\/i> 2009: Demokratie! Nein Danke ?, Bonn<\/p>\n<p><i>Giddens, Anthony <\/i>2009: The Politics of Climate Change, Cambridge<\/p>\n<p><i>Gruhl, Herbert<\/i> 1975: Ein Planet wird gepl&uuml;ndert, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p><i>H&ouml;ffe, Otfried <\/i>2009: Ist die Demokratie zukunftsf&auml;hig?, M&uuml;nchen.<\/p>\n<p><i>Inglehart, Ronald<\/i> 1977: The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles Among Western Publics, Princeton<\/p>\n<p><i>Inglehart, Ronald <\/i>1997: Modernization and Postmodernization. Cultural, Economic, and Political Change in 43 Societies, Princeton<\/p>\n<p><i>Inglehart, Ronald<\/i> 2008: Changing Values among Western Publics from 1970 to 2006, in: West European Politics 31 (1), 130-146<\/p>\n<p><i>Inglehart, Ronald\/Welzel, Christian <\/i>2005: Modernization, Cultural Change and Democracy: The Human Development Sequence, Cambridge<\/p>\n<p><i>Jonas, Hans<\/i> 1984: Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt\/M<\/p>\n<p><i>Kaase, Max<\/i> 1982: Partizipatorische Revolution &#8211; Ende der Parteien?, in: Joachim Raschke (Hg.), B&uuml;rger und Parteien: Ansichten und Analysen einer schwierigen Beziehung, Bonn, 173-189<\/p>\n<p><i>Kaase, Max<\/i> 1984: The Challenge of the Participatory Revolution in Pluralist Democracies, in: International Political Science Review 5 (3), 299-318<\/p>\n<p><i>Leggewie, Claus\/Welzer, Harald <\/i>2008: K&ouml;nnen Demokratien den Klimawandel bew&auml;ltigen?, in: Transit. Europ&auml;ische Revue 36, 27-45<\/p>\n<p><i>Leggewie, Claus \/ Welzel, Harald<\/i> 2009: Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie, Frankfurt\/M.<\/p>\n<p><i>Maier, J&uuml;rgen <\/i>2000: Politikverdrossenheit in der Bundesrepublik Deutschland. Dimensionen, Determinanten, Konsequenzen, Opladen<\/p>\n<p><i>Mouffe, Chantal<\/i> 2000: The Democratic Paradox, London<\/p>\n<p><i>Rees, William \/ Wackernagel, Mathis<\/i> (1996) Our Ecological Footprint, Gabriola Island, BC, New Society<\/p>\n<p><i>Schumacher, E.F. <\/i>1973: Small is Beautiful, London,<\/p>\n<p><i>Siller, Peter<\/i> 2010: Demokratie und Klimawandel: &Ouml;kologen als Vordenker einer Expertokratie? <a href=\"http:\/\/www.boell.de\/stiftung\/akademie\/akademie-postdemokratie-expertokratie-8729.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.boell.de\/stiftung\/akademie\/akademie-postdemokratie-expertokratie-8729.html<\/a> [3. Juni 2010]<\/p>\n<p><i>The Ecologist <\/i>1972: A Blueprint for Survival, London<\/p>\n<p><i>Wiesendahl, Elmar<\/i> 2006: Mitgliederparteien am Ende? Eine Kritik der Niedergangsdiskussion, Wiesbaden<\/p>\n<p><i>Westra, Laura <\/i>1998: Living in Integrity: A Global Ethic to Restore a Fragmented Earth, Lanham<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2203],"publikationen":[2825],"class_list":["post-11832","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ingolfur-bluehdorn","publikationen-190-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Nachhaltigkeit und postdemokratische Wende - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/190-vorgaenge\/publikation\/nachhaltigkeit-und-postdemokratische-wende\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Nachhaltigkeit und postdemokratische Wende - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zum Wechselspiel von Demokratiekrise und Umweltkrise; aus: vorg&auml;nge Nr. 190, Heft 2\/2010, S. 44-54 I. 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