{"id":11837,"date":"2010-06-01T18:06:00","date_gmt":"2010-06-01T16:06:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gewoehnung-an-die-mediokratie\/"},"modified":"2021-08-24T21:53:54","modified_gmt":"2021-08-24T19:53:54","slug":"gewoehnung-an-die-mediokratie","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/190-vorgaenge\/publikation\/gewoehnung-an-die-mediokratie\/","title":{"rendered":"Gew\u00f6hnung an die Mediokratie?"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 190, Heft 2\/2010, S. 92-99<\/p>\n<p>Es gibt Begriffe, Thesen und Theorien, die schon durch den blo\u00dfen Ablauf der Zeit an Gewicht und Interesse verlieren, durch die Gew\u00f6hnung an sie und die Zust\u00e4nde, auf die sie sich beziehen, obgleich sie fortwirkend Beunruhigendes zum Inhalt haben. Auch Gegebenheiten, die untragbar sind, aber unger\u00fchrt aller Kritik trotzen, k\u00f6nnen denselben Effekt ausl\u00f6sen wie hart gesottene Skandalpolitiker, wenn diese sich nur lange genug im Sattel halten. Von einem bestimmten Zeitpunkt an scheinen sie gegen alle Kritik immun. Diese gewinnt wie zum Hohn dann wom\u00f6glich auch noch den Anschein des Uneinsichtigen, borniert Gestrigen. Don&#8217;t worry, be happy. Vieles spricht daf\u00fcr, dass dies f\u00fcr den analytische Begriff der Mediokratie und die f\u00fcr die Demokratie verh\u00e4ngnisvolle Transformation der \u00d6ffentlichkeit, die er beschreibt, in exemplarischer Weise zutrifft. Im Wissenschaftsbereich beginnt die in Wahrheit g\u00e4nzlich unabgegoltene Kritik allm\u00e4hlich zu verstummen und wer nicht als begriffsstutziger Nachz\u00fcgler erscheinen will, setzt die h\u00f6chst fragw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnisse, mit denen wir es im Dreieck von Politik, Massenmedien und Publikum heute zu tun haben, als eine Art unhintergehbarer Realit\u00e4t f\u00fcr alles Weitere voraus.<\/p>\n<p>Hin und wieder melden sich zutiefst frustrierte Journalisten mit gepfefferten Pamphleten zu Wort, die es mitunter sogar in die Hitlisten des Verkaufserfolges schaffen, aber in ihren Wirkungen auf den Journalismus, die Politik, das Publikum eigenartig folgenlos bleiben. Ist die fundamentale Kritik an der Mediokratie zu deren festem Bestandteil geworden?<\/p>\n<p>Dabei geht es ja keineswegs um Kleinigkeiten oder um einen doktrin\u00e4ren Purismus, der nicht kapieren will, dass mediale Aufmerksamkeit und Politikvermittlung nun einmal an die Erf\u00fcllung von Aufmerksamkeitsbedingungen gekn\u00fcpft sind, die Unterhaltsamkeit gro\u00df schreiben. Es geht auch nicht darum, dass gute Politik die attraktive Selbstinszenierung nicht scheuen muss. Das Problem sitzt tiefer und es droht sich auf Kosten der demokratischen Qualit\u00e4t von \u00d6ffentlichkeit zu versch\u00e4rfen.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eine-kopernikanische-wende\">Eine koper&shy;ni&shy;ka&shy;ni&shy;sche Wende <\/span><\/h2>\n<p>Seit geraumer Zeit sind wir Zeugen einer folgenreichen Transformation der politischen Kommunikationsverh\u00e4ltnisse. Die Parteiendemokratie klassischen Zuschnitts wird zur Mediendemokratie, und wer genauer hinschaut sieht: sie wird zur Mediokratie, zur Herrschaft der medialen Kommunikationsgesetze \u00fcber \u00d6ffentlichkeit <b>und <\/b>Politik. Die Regeln der medialen Politikdarstellung, unterhaltsam, dramatisierend, personalisiert und mit Drang zum Bild, allesamt der Darstellungskunst des Theaters entlehnt, greifen auf das politische Geschehen selbst \u00fcber. Die Selektion spektakul\u00e4rer Ereignisse, die effektsichere Inszenierung der Profis, die weite Teile des Mediensystems bestimmen, regieren zunehmend auch die Politik, nicht lediglich ihre Darstellung, sondern schon den Prozess ihrer Herstellung. W\u00e4hrend in der Parteiendemokratie die Medien die Politik beobachten sollten, damit sich die Staatsb\u00fcrger eine vern\u00fcnftige Meinung von ihr bilden konnten, beobachten in der Mediendemokratie die politischen Akteure und ihre Berater das Mediensystem, um zu lernen, was sie tun und wie sie sich pr\u00e4sentieren m\u00fcssen, um auf der Medienb\u00fchne einen unangefochtenen Platz zu gewinnen. Auf diese Weise vollzieht sich eine tief greifende Kolonisierung der Politik durch das Mediensystem, die deren eigene Spielregeln aushebelt. Das geschieht nicht in erster Linie durch einzelne mediale Akteure und ihre speziellen Machtinteressen, sondern durch die Regeln, denen nun alle folgen, die am Aufmerksamkeits-Markt der \u00d6ffentlichkeit erfolgreich sein wollen.<\/p>\n<p>Kern der Ver\u00e4nderung ist eine weitgehende \u00dcberlagerung der beiden Systeme &#8222;Politik&#8220; und &#8222;Medien&#8220;. Sie geht zu einem erheblichen Teil aus der Wirkungsweise ihrer jeweiligen Funktionsgesetze selbst hervor. Der Zweck von Politik ist die Herstellung gesamtgesellschaftlich verbindlicher Entscheidungen auf demokratischem Weg. Politiksucht aus Legitimationsgr\u00fcnden die \u00d6ffentlichkeit, um durch Zustimmung der Meisten Legitimation zu gewinnen. In den un\u00fcberschaubar komplexen Gesellschaften der Gegenwart ben\u00f6tigt sie dazu die Massenmedien. In diesem Sinne ist \u00d6ffentlichkeit in der Demokratie die entscheidende Machtressource. Das gro\u00dfe Problem der Mediokratie beginnt damit, dass die Massenmedien bei jeglicher Darstellung von Politik unvermeidlich ihrer eigenen Logik folgen, um ihrem gesellschaftlichen Funktionszweck, n\u00e4mlich der Erzeugung von gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Aufmerksamkeit f\u00fcr gemeinsame Themen, zu dienen und zwar umso ausschlie\u00dflicher, je mehr sie am Tropf der Publikumsm\u00e4rkte h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Die Logik der Massenmedien unterscheidet sich von der komplexen und zeitaufwendigen Logik demokratischer Politik von Grund auf. Sie resultiert aus der Wechselwirkung von zwei aufeinander abgestimmten Regelsystemen. Das erste ist die Selektionslogik, die die Auswahl berichtenswerter Ereignisse so genannten &#8222;Nachrichtenwerten&#8220; unterwirft. Es sind vor allem die folgenden: <i>Personalisierung, Prominenz der handelnden Personen, kurze Dauer des Geschehens, \u00dcberraschungswert im Rahmen eingef\u00fchrter Gro\u00dfthemen, Konflikt, Schaden, ungew\u00f6hnliche Erfolge und Leistungen, Kriminalit\u00e4t, r\u00e4umliche, politische und kulturelle N\u00e4he zum Betrachter.<\/i> Der Nachrichtenwert eines Ereignisses gilt allen Massenmedien als umso gr\u00f6\u00dfer, je mehr dieser Faktoren auf es zutreffen.<\/p>\n<p>Das zweite Regelsystem, die Pr\u00e4sentationslogik, besteht aus einem Kanon von Attraktion steigernden Inszenierungsformen f\u00fcr das so ausgew\u00e4hlte Nachrichtenmaterial, um die Maximierung eines anhaltenden Publikumsinteresses zu sichern. Und zwar nicht nur beim Einschalten und Aufbl\u00e4ttern, sondern die ganze Zeit. Es herrscht das Gesetz der spannungsreichen theatralischen Inszenierung. Deren Repertoire begrenzt sich in fast allen Medienprodukten, gleicherma\u00dfen im Print- und Funkbereich, auf wenige Grund-Modelle. Am h\u00e4ufigsten anzutreffen sind: <i>Personifikation, mythischer Heldenkonflikt, Drama, archetypische Erz\u00e4hlung, Wortgefecht, Sozialrollendrama, symbolhafte Tat, Unterhaltungs-Artistik und sozialintegratives Nachrichtenritual. <\/i><\/p>\n<p>Es ist das Zusammenwirken dieser beiden Filter, mit Variationen von Medium zu Medium, das die spezifische Logik des Mediensystems ausmacht. Ihr ist alles unterworfen, was das Mediensystem hervorbringt. Sie wirkt als eine zwingende <i>Pr\u00e4-Inszenierung<\/i>, die den Zugang zu den Medienb\u00fchnen regelt, eine Art <i>apriori <\/i>der Medienkommunikation.<\/p>\n<p>Das Dilemma ist offensichtlich: Politische Logik und Medienlogik passen nicht recht zusammen. Das letzte Wort hat jedoch immer die Medienlogik, denn die Politik muss auf die Medien-B\u00fchnen, entweder durch ihre Fremddarstellung seitens der Medien, ob sie will oder nicht, oder durch eine vorauseilende Selbstdarstellung, wenn sie das Heft so gut wie eben m\u00f6glich in der Hand behalten will. Auf Seiten der Politik f\u00fchrt die Schl\u00fcsselrolle des Mediensystems f\u00fcr die Erzeugung von Legitimation zur Vermehrung und zur Professionalisierung der Anstrengungen, ein H\u00f6chstma\u00df an Kontrolle \u00fcber die Darstellung des eigenen Tuns und Lassens im Mediensystem zur\u00fcckzugewinnen. Zu diesem Zweck mediatisiert sie sich mit Energie und professionellem Rat aus Leibeskr\u00e4ften selbst, sie wird auf weiter Strecke zum &#8222;Politainment&#8220;. Und zwar in jeder Hinsicht: quantitativ und qualitativ. Die Unterwerfung der politischen Logik unter die Medienlogik erfolgt in den Formen der Inszenierung sowie der Auswahl von Themen, Probleml\u00f6sungen und Personen.<\/p>\n<p>Die Selbst-Mediatisierung ist ein ironisch dialektischer Vorgang. Die Politik unterwirft sich den Regeln der Medien, aber nur um auf diesem Wege die Herrschaft \u00fcber die \u00d6ffentlichkeit zu gewinnen. Und zwar nicht erst nach der getanen Arbeit der Herstellung der Politik, sondern schon ganz am Anfang, wenn es um die Frage geht, was \u00fcberhaupt hergestellt werden soll, sozusagen was am Medienmarkt verk\u00e4uflich ist. Und dann &#8211; da die Herstellung der Politik ja nicht im Verborgenen abl\u00e4uft &#8211; in allen Phasen ihres Produktionsprozesses.<\/p>\n<p>Vorstellung des Publikums, um die es bei der Hervorbringung politischer Legitimation letztlich geht, folgt ja nicht aus der Herstellung des politischen Produkts, sondern aus seiner Darstellung, die es erst sichtbar macht &#8211; au\u00dfer freilich den gro\u00dfen Krisen, in denen die Wirklichkeit dem Publikum an allen Filtern vorbei auf den Leib r\u00fcckt. Im Normallauf kommt die Vorstellung von der Herstellung allein aus ihrer Darstellung. Der analytische Begriff Mediokratie zielt auf den Sachverhalt, dass die mediale Darstellbarkeit zunehmend die ganze Politik regiert und deren eigene Logik in Abh\u00e4ngigkeit davon ger\u00e4t. Dies geschieht aufgrund der \u00dcberzeugungen der politischen Akteure unabh\u00e4ngig davon, ob die Massenmedien wirklich die gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Vorstellung der Politik im Publikum haben, die sie ihnen zuschreiben. Die professionelle Selbstmediatisierung der Politik nach den Regeln der medialen Aufmerksamkeitslogik ist qualitativ und quantitativ zu einer der Hauptaktivit\u00e4ten des politischen Systems geworden. In Europa scheint sie nach dem Wegfall des Systemwettbewerbs zu einer Art Ideologieersatz geworden zu sein. Sie verf\u00fcgt dabei \u00fcber drei basale Inszenierungsstrategien, die in wechselndem Ma\u00dfe mit Anteilen wirklich vollzogener Herstellungspolitik versetzt sein k\u00f6nnen. Inszenierung kann, muss aber nicht, auch der sch\u00f6ne Schein des Realen sein. Ihre virtuos gehandhabten Wunderwaffen sind: <i>Event-Politik <\/i>(Scheinereignisse), <i>Image-Projektion <\/i>und <i>Scheinhandlung<\/i>.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"tektonische-verschiebungen-im-fundament-der-politik\">Tektonische Verschie&shy;bungen im Fundament der Politik <\/span><\/h2>\n<p>Es geht aber nicht nur um die Entkoppelung der Darstellung von der Herstellung, sondern um die Ver\u00e4nderung des politischen Gef\u00fcges im Ganzen. Die Logik der Mediendemokratie dr\u00e4ngt im Normallauf die Parteien und andere vertikale Diskursformationen zwischen Gesellschaft und Staat auf der ganzen Linie an den Rand des Geschehens, auch wenn sie durch ihre Aktivit\u00e4ten auf der kommunalen Ebene und als politisches Richtungs-Ambiente der Spitzenakteure weiterhin im Fokus der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit bleiben. Die Medienlogik folgt n\u00e4mlich einem <i>hartgesottenen Pr\u00e4sentismus<\/i>. Was z\u00e4hlt, ist nur das Neueste, der gegenw\u00e4rtige Augenblick, ereignisgeladen. Das Jetzt reiner Echtzeit regiert Interesse und Tempo der Massenmedien. Gestern und Morgen verblassen, f\u00fcr lange Prozesse haben die Medien keine Zeit. Die Parteien, ja das ganze intermedi\u00e4re System der Vereine, Organisationen und Initiativen, in denen Projekte und L\u00f6sungen in langen Beratungen, Verhandlungen, Kompromissen allm\u00e4hlich reifen, also die <i>langsame Zeit der Demokratie <\/i>selbst, finden keine Gnade vor den Gesetzen der Medienwelt.<\/p>\n<p>Unter dem Druck der ultraschnellen Medienzeit mit ihrem Zwang zur jederzeitigen Sofort-Reaktion ergibt sich die Verdr\u00e4ngung von Mitgliederparteien und Diskurs aus dem Zentrum der Politik fast von selbst. Die schnelle Umfrage, der die passende Inszenierung der sichtbarsten Spitzenakteure auf dem Fu\u00dfe folgt, ersetzt den abw\u00e4genden Diskurs, obgleich doch alle wissen, dass die rasch ge\u00e4u\u00dferte Meinung vor dem gr\u00fcndlicheren \u00f6ffentlichen Gespr\u00e4ch ihrerseits oft nicht viel mehr sein kann als das Echo der Medieninszenierung bei ihren fl\u00fcchtigen Betrachtern.<\/p>\n<p>Mit der Vorrangrolle der Medien bei der Auswahl m\u00f6glicher Spitzenkandidaten vor der innerparteilichen Willensbildung der Parteien, die im Wechselspiel zwischen Medienresonanz, Wahlerfolgen und Kandidatenunterst\u00fctzung geschieht, ist den politischen Parteien dann auch noch diejenige &#8222;Kr\u00f6nungs-Funktion&#8220; aus der Hand genommen, die ihre zentrale Rolle mitbegr\u00fcndet hat und ihnen das Gewicht einer letzten Richtungskontrolle im politischen Prozess verschaffte. Nun b\u00fc\u00dfen sie ihren kontinuierlichen Einfluss auf die Tagespolitik, ein St\u00fcck demokratischer Kontrolle der Politik durch die Gesellschaft, unter dem doppelten Druck von Medienzeit und Medienlogik weitgehend ein. Und auch der Parlamentarismus selbst ger\u00e4t durch diese Logik in Bedr\u00e4ngnis. Die Fraktionen k\u00f6nnen oft nur noch nachvollziehen, was ihre Spitzen in der Medienarena l\u00e4ngst verk\u00fcndet haben &#8211; jedenfalls solange diese Erfolg damit haben.<\/p>\n<p>Kein Zweifel, Inszenierungen k\u00f6nnen auch Inhalte transportieren, und zwar breiter als jede trockene Darlegung. Das w\u00e4re ihr demokratisches Potential. F\u00fcr die Demokratie wirft die Ambivalenz der Inszenierungspolitik zwischen gef\u00e4lliger Einladung zum Inhaltlichen und reinem Placebo in dem Ma\u00dfe ernste Probleme auf, wie die Unterschiede \u00f6ffentlich verschwimmen und die Darstellungsregeln den ganzen politischen Prozess beherrschen.<\/p>\n<p>Die vorherrschende Art der Inszenierung von Politik hat f\u00fcr die Republik vor allem zwei Folgen. Die eine ist die Abkoppelung der inszenierten \u00d6ffentlichkeit vom tats\u00e4chlichen politischen Geschehen, die Verselbst\u00e4ndigung der Darstellung gegen\u00fcber der Herstellung. Sie erzeugt irref\u00fchrende Vorstellungen vom Politischen und schm\u00e4lert die Grundlagen der politischen Urteilsbildung beim B\u00fcrger. Die deliberative Qualit\u00e4t des \u00f6ffentlichen Raumes wird durch seine falsche \u00c4sthetisierung in Frage gestellt. Die andere Folge besteht in einer tief greifenden Ver\u00e4nderung der politischen Logik selbst. Die Marginalisierung von Parteien, Zivilgesellschaft und Parlamenten ver\u00e4ndert und mindert die Qualit\u00e4t des politischen Prozess selbst. Die lange Zeit der deliberativen Demokratie hat kaum noch eine Chance in der sch\u00f6nen, neuen Medienwelt. Am Ende bleiben allein die strategischen Kommunikationsspitzen auf der B\u00fchne zur\u00fcck, die sich sozusagen als politische Kommunikationsunternehmer selbst\u00e4ndig machen, unabh\u00e4ngig sogar von ihren eigenen Parteien. Das ist die politische Christiansen-Welt.<\/p>\n<p>Viele Einzelbeispiele zeigen freilich: Politainment kann auch anders sein: inszeniert <i>und <\/i>der Sache angemessen, unterhaltsam <i>und <\/i>informativ. Und hier liegt der Unterschied zwischen der generellen Kulturkritik und der empirischen Analyse der Mediokratie. Inszenierungen k\u00f6nnen, wenn die Medienakteure es darauf anlegen, Ausdruck von Inhalten und Gr\u00fcnden sein. Sie k\u00f6nnen den Spannungsbogen zwischen der Medienlogik und der Logik der Politik auch so schlagen, dass sich der Inhalt in der Inszenierungsoberfl\u00e4che zeigt. Damit k\u00f6nnen sie ein weit gr\u00f6\u00dferes Publikum erreichen als Politik pur. Indessen, dieses demokratisches Potential wird selten ausgesch\u00f6pft, denn das kostet viel Zeit und damit Geld und es verlangt au\u00dfer der formalen Medienkompetenz, die schnell erlernt ist und immer Erfolg verspricht, auch noch ein tiefes Inhaltsverst\u00e4ndnis, das selten geworden ist und vom gro\u00dfen Publikum wom\u00f6glich dann nicht einmal erkannt und honoriert wird. Aber eine Handvoll Qualit\u00e4tsjournalisten in den Print- und Funkmedien zeigt uns, dass diese Gegenwelt m\u00f6glich bleibt, Inseln f\u00fcr die politischen Aktivb\u00fcrger.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"reflexive-mediatisierung\">Reflexive Media&shy;ti&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>F\u00fcr die Demokratie enth\u00e4lt die Ambivalenz der Inszenierungspolitik auch Chancen. Angebote zur reflexiven Mediatisierung der Politik als Weg aus der Beziehungskrise zwischen den Inszenierungspartnern aus Politik und Medien machen verantwortungsvolle Qualit\u00e4tsjournalisten von Zeit zu Zeit, zwar selten mit den gew\u00fcnschten Folgen, aber doch als Einladung zu einem nachdenklichen Innehalten. Der Zeit-Journalist Bernd Ulrich gab ein Beispiel: &#8222;Der \u00f6konomische Druck, unter dem Zeitungen heute stehen, hat verschiedene Wirkungen, gute wie schlechte. F\u00fcr diejenigen Medien, die ihr Geld vorwiegend mit politischem Journalismus verdienen, stellt sich eine besondere Herausforderung. Denn Politik- oder Politikerverdrossenheit sind l\u00e4ngst endemisch geworden. Wie reagiert politischer Journalismus auf die Tatsache, dass sein Gegenstand immer unpopul\u00e4rer wird? Zwei Strategien werden genutzt: Entweder der politische Journalist macht sich zum Sprachrohr der Politikerverdrossenheit und der Politikerverachtung, signalisiert, dass er die Politik genauso Ekel erregend und\/oder langweilig findet wie die Leser, es aber besser ausdr\u00fccken kann. Dann profitiert er eine Weile von den Zerfallserscheinungen des Politischen. Eine nachhaltige Bewirtschaftung seines Berichtsgegenstandes ist das nicht. Der als verachtungsgierig gedachte Leser (wird) zum best\u00e4ndigen Grund f\u00fcr neue Enthemmungen gegen\u00fcber dem Gegenstand.<\/p>\n<p>Solche Besinnung auf die Bedingungen der Nachhaltigkeit &#8211; gleicherma\u00dfen der Demokratie und ihrer Darstellung &#8211; k\u00f6nnte ein Anfang der Besserung sein. Der Bildersturm ist keine Alternative &#8211; vielleicht aber die gemeinsame Arbeit der Gesellschaft an einer neuen Kultur der Massenmedien. Sie m\u00fcsste die Medien auch in der Inszenierungsdemokratie zum verl\u00e4sslichen Anwalt des Publikums machen, der Politik zeigen, was sich in dieser Hinsicht lohnt und was nicht und dann vielleicht doch der Inhaltlichkeit und den langsameren Prozessen auch in der medialen Inszenierungswelt noch eine Chance lassen. Eine Art reflexiver Mediatisierung also. Ganz undenkbar ist das nicht. Versuche werden immer einmal wieder gemacht. Die Inseln angemessener Synthesen von Politik und Medialit\u00e4t im Meer des leeren Politainment k\u00f6nnten wenigstens wachsen und sich vermehren. Verantwortungsbewusste Journalisten, kritischere B\u00fcrger und eine lebendige Zivilgesellschaft, die beide st\u00fctzt, k\u00f6nnen einiges dazu beitragen, ebenso wie die beharrliche \u00f6ffentliche Diskussion der herrschenden Zust\u00e4nde.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"haltet-den-dieb\">Haltet den Dieb <\/span><\/h2>\n<p>Freilich sind die Strategien hochm\u00fctiger Selbstimmunisierung seitens der Leitw\u00f6lfe unter den Einflussjournalisten nicht nur zahl-, sondern auch einflussreicher. Eine \u00e4sthetisch drapierte Selbstimmunisierung der Medien, die sie als blo\u00dfen Zeugen statt als haupts\u00e4chlichen Anstifter der mediokratischen Wende der Politik erscheinen l\u00e4sst, hat in bew\u00e4hrter Virtuosit\u00e4t soeben Frank Schirrmacher geliefert. Er erkl\u00e4rt, die Inszenierungslastigkeit der Politik, ihre Entleerung von den eigentlichen politischen Inhalten und dem \u00f6ffentlichen Einstehen f\u00fcr das, was ihre Logik in der Demokratie eigentlich ausmacht, zu einem Problem zwischen Politikern und Publikum, das die Medien mit einem gewissen Bedauern allenfalls beschreiben, registrieren oder beklagen k\u00f6nnen, zu dem sie aber selbst nichts beitragen. Das Publikum will demzufolge durch geschickte Inszenierungen betrogen werden, weil es ihm auf das Politische gar nicht ankomme und die Politiker, ganz demokratische Diener ihres Herrn, dem Volke, liefern eilfertig das Bestellte.<\/p>\n<p>Wider Willen legt Schirrmacher damit eines der Hauptprobleme der Mediokratie offen. Es besteht in der Kombination von zwei g\u00e4nzlich in der Verantwortung der Medienakteure, letztlich der Journalisten, liegenden Verhaltensweisen. Die eine ist die Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der sie immer das letzte Wort behalten, ohne sich in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber Irrtum und Scheitern je Verantwortung ablegen zu m\u00fcssen: Sie haben immer Recht und sie haben als Gatekeeper der medienbestimmten \u00d6ffentlichkeit alle Mittel in der Hand, sich damit am Ende stets durchzusetzen. Macht korrumpiert, wie wir wissen, absolute Macht korrumpiert absolut, wie Lord Acton erkannte, und die Medienmacht des garantierten letzten Wortes verleitet zu einer kommunikativen Arroganz, der Bescheidenheit und erst recht Selbstkritik immer fremder werden. Selbst die Journalisten, die zwei Jahrzehnte lang mit dem blo\u00dfen Nachbeten der neoliberalen Parolen bis zum Supergau der Finanzm\u00e4rkte auf der ganzen Linie versagten, fahren mit ihren herrischen Kommentaren und kritiklosen Berichten fort, als w\u00e4re nichts geschehen.<\/p>\n<p>Es kommt hinzu, dass in der Bundesrepublik in den letzten Jahren eine Generation neub\u00fcrgerlich sozialisierter Nachwuchsjournalisten die Einflusspositionen der Redaktionen besetzt hat, die mit dem Status Quo ihren tiefen Frieden geschlossen hat. Zwei miteinander korrespondierende neub\u00fcrgerliche Teilmilieus besetzen die Schl\u00fcsselrollen der Kommunikationskultur des Landes. Sie werden in den Begriffen der empirischen Sozialforschung <i>neues B\u00fcrgertum <\/i>und <i>moderne Performer <\/i>genannt. Sie sind das soziale Substrat der mit viel ideologischem \u00dcberschuss befrachteten Erfindung der &#8222;neuen B\u00fcrgerlichkeit&#8220;, einer durchaus originellen Mischung aus kultureller Dichtung und sozialer Wahrheit, mit einem \u00fcberaus harten Interessenskern. Das neue B\u00fcrgertum neigt zum Cocooning, zum angenehmen Leben mit Freunden und Familie, gegen jede \u00f6ffentliche Zumutung. Seine unstillbaren Abstiegs\u00e4ngste beschwichtigt es mit forciertem Berufserfolg, demonstrativer Leistungsorientierung und einem nach unten ostentativ abgrenzenden &#8222;b\u00fcrgerlichen&#8220; Habitus. Durchaus passend dazu, dass man Sloterdijks artistischen Privatheroismus als Gloriole dazu erk\u00fcrt. Die Sinn-Dichtung zur &#8222;neuen B\u00fcrgerlichkeit&#8220; kommt von einem fest bei den modernen Performern verankerten offensiven Journalisten-Milieu, zu dem sich geistesverwandte akademische Publizisten gesellen.<\/p>\n<p>Die modernen journalistisch-publizistischen Performer, aus der Art geschlagene Erben des vormaligen Bildungsb\u00fcrgertums, teilen drei Merkmale: Eine herausgehobene Rolle in den Deutungsapparaten der Mediengesellschaft, privilegierte \u00f6konomische Positionsinteressen im mittleren und gehobenen Angestelltensegment und eine Hinwendung zu kulturellen Normen und gesellschaftlichen Deutungen, die die eigenen sozialen Positionsinteressen &#8222;mainstreamen&#8220; und gleichzeitig die linke Thematisierung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse systematisch entlegitimieren. Das exemplarische Outing dieses neuen Habitus verdanken wir dem Spiegel-Journalisten Jan Fleischhauer (&#8222;Unter Linken&#8220;). Es scheint, als haben sich sp\u00e4t berufene Fraktionen von Besitz- und Bildungsb\u00fcrgertum zu einer Art kleiner Kommunikations-Bourgeoisie verschmolzen. Es ist ihre Mentalit\u00e4t, die im Begriffe ist, die mediale Hegemonie im Lande zu erobern.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"mit-web-20-nun-die-demokratische-wende\">Mit Web 2.0 nun die demokra&shy;ti&shy;sche Wende? <\/span><\/h2>\n<p>\u00c4ndert nun aber die Verbreitung des Web 2.0 mit seinen historisch beispiellosen M\u00f6glichkeiten der massenhaften, selbstbestimmten Partizipation an demokratischen Debatten sowie der Generierung und Verbreitung von Informationen nicht alles? Twitter, Facebook, Youtube und andere soziale Formate sind f\u00fcr das interaktive Mitmachen geschaffen. Alle Inhalte dieser neuen Kommunikationsformen sind nutzergeneriert, nicht mehr von machtvollen Kommunikationszentralen bestimmt und bieten die Chance zu einer beliebig weitgehenden Vernetzung. Schon haben sie mehr als einmal ihr demokratisches, sogar revolution\u00e4res Potential unter Beweis gestellt, etwa beim Sturz des serbischen Diktators Milosevic oder beim Aufstand der Gesellschaft gegen den iranischen Wahlbetrug im Jahr 2009. Vorbei an den staatlich kontrollierten oder domestizierten herk\u00f6mmlichen Massenmedien Fernsehen, Radio, Zeitungen haben sie sich als geeignetes Instrument zur horizontalen Selbstverst\u00e4ndigung gesellschaftlicher Akteure und zur Koordinierung ihres Handelns erwiesen und damit den manipulativen Einfluss der staatlich kontrollierten Gro\u00dfmedien unterlaufen. Im Obama-Wahlkampf verhalf entgegen aller Wahrscheinlichkeit die beispiellose Breitenmobilisierung durch Internetkommunikation dem anfangs chancenlosen Verhei\u00dfungskandidaten zu einem grandiosen Wahlsieg. Sind das die Vorzeichen eines abermaligen Strukturwandels der \u00d6ffentlichkeit, diesmal in Richtung demokratischer Massenteilhabe? Bedeutet dies das absehbare Ende der Mediokratie, auch hier in Deutschland? Auf absehbare Zeit wohl kaum. Die beschriebenen Wirkungen sind, soviel ist erwiesen, in ungew\u00f6hnlichen Zeiten unter ungew\u00f6hnlichen Bedingungen f\u00fcr einen begrenzten Spielraum m\u00f6glich und dann tats\u00e4chlich in der Lage, die Kommunikationsstrategien der gro\u00dfen Massenmedien zu durchkreuzen. Wie aber bereits die R\u00fcckkehr des \u00dcbergewichts der Murdoch-Medien in den USA und die erneute Dominanz der manipulativen Netzwerke lokaler Radiostationen mit ihrem wieder gewonnenen \u00f6ffentlichen Einfluss zeigen, scheint die gesellschaftliche Mobilisierung durch Netzkommunikation als demokratisches Dauerph\u00e4nomen eher unwahrscheinlich. Nach kurzen Phasen ihres Aufbrandens erobert sich das mediale Establishment den \u00f6ffentlichen Raum schnell und durchdringend zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Hier zu Lande sind zwei Drittel der Internetnutzer lediglich an Unterhaltung orientiert und nur ein reichliches Viertel an politischen Informationen. Und selbst von diesen sind die wenigsten aktive Kommunikatoren, die \u00fcbrigen sind blo\u00df passive Konsumenten der Kommunikation der anderen. Die wirklich interaktiven, horizontal vernetzenden Kommunikationsformate, Webseiten unterschiedlicher sozialer Netzwerke und NGOs-Webblogs und \u00c4hnliches sind in ihrer Reichweite auf jeweils kleine Zielgruppen begrenzt, die sich \u00fcberdies vermutlich weitgehend mit den aktiven Nutzern der Massenmedien decken. Auch die Parteien nutzen die neuen M\u00f6glichkeiten nur zaghaft und berauben durch ihre Neigung zur Kommunikationskontrolle ihre Web-Seiten der Attraktivit\u00e4t f\u00fcr jene, die nicht ohnehin an den offiziellen Kommunikationsforen beteiligt sind. Bislang scheinen folglich zwei aus der alten Medienwelt bekannte Tendenzen auch in der neuen Welt des Web 2.0 vorzuherrschen. Zum einen die Fortsetzung der aus der massenmedial bestimmten \u00d6ffentlichkeit bekannten Kommunikationsformen mit anderen Mitteln und zum anderen die Reproduktion oder sogar noch Versch\u00e4rfung kommunikativer Ungleichheiten. Die aktiven Mediennutzer sind immer besser informiert, immer einflussreicher, der schlecht informierte Rest ger\u00e4t immer weiter ins Hintertreffen. Es zeigt sich, dass nicht die neuen technischen M\u00f6glichkeiten, sondern nur die Kultur ihrer Handhabung eine Ver\u00e4nderung erwarten lie\u00dfe. Sie l\u00e4sst noch auf sich warten. Die Mediokratie behauptet das Feld. 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