{"id":11840,"date":"2010-06-01T15:30:00","date_gmt":"2010-06-01T13:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sind-antisemitismus-und-islamophobie-vergleichbar\/"},"modified":"2021-08-24T21:53:57","modified_gmt":"2021-08-24T19:53:57","slug":"sind-antisemitismus-und-islamophobie-vergleichbar","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/190-vorgaenge\/publikation\/sind-antisemitismus-und-islamophobie-vergleichbar\/","title":{"rendered":"Sind Antisemitismus und &#8222;Islamophobie&#8220; vergleichbar?"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 190, Heft 2\/2010, S.123-134<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-einleitung-und-fragestellung\">I. Einleitung und Frage&shy;stel&shy;lung <\/span><\/h2>\n<p>Kann man Antisemitismus und &#8222;Islamophobie&#8220; gleichsetzen? Gibt es Gemeinsamkeiten bei der Feindschaft gegen Juden und Muslime? Oder verharmlosen Verweise darauf die Besonderheiten des Antisemitismus? Verbindet sich hiermit die Relativierung eines im Holocaust m\u00fcndenden Denkens? \u00dcber diese Fragen wird seit einiger Zeit in den Feuilletons und auf Konferenzen heftig gestritten. Journalisten und Wissenschaftler tragen mit hohem Impetus ihre jeweiligen Auffassungen vor, garnieren sie mit polemischen Zuspitzungen und insinuieren bedenkliche Absichten der jeweils anderen Seite. Dabei geht nicht selten die bei einem solchen Thema besonders notwendige Differenzierung und Sachlichkeit verloren: Positionen von Andersdenkenden referiert man inhaltlich schief, die Ebenen der Betrachtung und der Vergleiche geraten durcheinander. Vor einer kritischen Kommentierung der jeweiligen Positionen bedarf es von daher zun\u00e4chst einmal der genauen Aufmerksamkeit f\u00fcr das, was jeweils tats\u00e4chlich gesagt bzw. geschrieben wurde:<\/p>\n<p>Am Beginn der j\u00fcngsten Kontroverse stand ein Artikel des Historikers Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums f\u00fcr Antisemitismusforschung, in der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220; mit dem Titel &#8222;Hetzer mit Parallelen&#8220;. Darin bemerkte er nach Ausf\u00fchrungen zu den Strukturmerkmalen des Feindbildes von den Juden: &#8222;Wer sich, zu Recht, \u00fcber die Borniertheit der Judenfeinde entr\u00fcstet, muss aber auch das Feindbild Islam kritisch betrachten &#8230; Es ist ein Gebot der Wissenschaft, die Erkenntnisse, die aus der Analyse des antisemitischen Ressentiments gewonnen wurden, paradigmatisch zu nutzen.&#8220; Denn: &#8222;Die unterschwellig bis grobschl\u00e4chtig praktizierte Diffamierung der Muslime als Gruppe durch so genannte &#8218;Islamkritiker&#8216; hat historische Parallelen.&#8220;[1] Und hierf\u00fcr nannte Benz als Beispiel die Agitation im Kontext des Berliner Antisemitismusstreits um Heinrich von Treitschke nach 1879. Bereits damals sei mit \u00dcberfremdungs\u00e4ngsten gegen eine Minderheit gehetzt worden, welche auff\u00e4llige Gemeinsamkeiten mit der heutigen &#8222;Islamfeindschaft&#8220; in Internet-Foren habe.<\/p>\n<p>Auf diese Stellungnahme antwortete der Journalist Henryk M. Broder, Autor polemischer Streitschriften, in einem Artikel in der &#8222;Welt&#8220; mit dem Titel &#8222;Sind Muslime die Juden von heute?&#8220; Darin kritisierte er, man k\u00f6nne alles miteinander vergleichen, doch &#8222;Analogien aufzurufen, um sie schlie\u00dflich scheinheilig zu verneinen, das ist die Methode Hohmann&#8220;. \u00c4hnlich argumentiere auch Benz, wenn er &#8222;Parallelen zwischen den Antisemiten des 19. Jahrhunderts und manchen &#8218;Islamkritikern&#8216; des 21. Jahrhunderts zieht&#8220;. Er habe dar\u00fcber hinaus den Begriff &#8222;Islamophobie&#8220; durch &#8222;Islamkritik&#8220; ausgetauscht und unterstelle, &#8222;das Kritik am Islam per se verd\u00e4chtigt ist, die Muslime so zu diffamieren, wie der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts die Juden diffamiert hat&#8220;[2]. Auch der Historiker Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelsohn-Zentrums f\u00fcr europ\u00e4isch-j\u00fcdische Studien, sieht in einem &#8222;Abwegige Parallelen&#8220; \u00fcberschriebenen Beitrag f\u00fcr &#8222;Die J\u00fcdische&#8220; Benz auf &#8222;Irrwegen&#8220; und die Gefahr einer &#8222;Verharmlosung historischer und aktueller Judenfeindschaft&#8220;[3].<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-erkenntnisgewinn-und-grenzen-beim-vergleich-von-feindbildern\">II. Erkennt&shy;nis&shy;ge&shy;winn und -grenzen beim Vergleich von Feind&shy;bil&shy;dern <\/span><\/h2>\n<p>Ist demnach eine Gleichsetzung angemessen? Macht hier ein Vergleich \u00fcberhaupt Sinn? Welchen Erkenntnisgewinn verspricht eine solche Perspektive? Bevor auf diese Fragen n\u00e4her eingegangen werden soll, darf zun\u00e4chst daran erinnert werden, dass es einen Unterschied von Gleichsetzung und Vergleich gibt: Eine Gleichsetzung steht f\u00fcr das Ergebnis eines Vergleichs und behauptet eine weitgehende Identit\u00e4t zweier oder mehrerer Ph\u00e4nomene. Ein Vergleich fragt demgegen\u00fcber im Sinne eines analytischen Verfahrens nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden und kann im Ergebnis zu verschiedenen Einsichten kommen: Dabei lassen sich jeweils grunds\u00e4tzliche wie teilweise Differenzenoder \u00dcbereinstimmungen konstatieren. F\u00fcr was pl\u00e4dierte nun aber Benz? In dem erw\u00e4hnten Text wies er auf formale Gemeinsamkeiten bei der Feindbildkonstruktion bestimmter &#8222;Antisemiten des 19. Jahrhunderts und mancher &#8218;Islamkritiker&#8216; des 21. Jahrhunderts&#8220;[4] hin. Demnach \u00e4u\u00dferte Benz sich nur zu strukturellen Merkmalen in der Agitation und nahm dar\u00fcber hinaus gar keine Gleichsetzungen vor.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber stellte Broder in seiner polemischen Replik den Sinn von derartigen Vergleichen g\u00e4nzlich in Frage: Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nne man alles vergleichen, &#8222;auch wenn das eine Ph\u00e4nomen mindestens 2000 Jahre alt ist und das andere ein Kampfbegriff, der von Ayatollah Khomeini vor 30 Jahren kreiert wurde. Praktisch l\u00e4uft der Vergleich &#8211; ausgesprochen oder insinuiert &#8211; darauf hinaus, dass die Muslime die Juden von heute sind und die so genannte Islamophobie &#8218;strukturell&#8216; dem Antisemitismus verwandt ist.&#8220;[5]<\/p>\n<p>In der Tat liefert ein Vergleich nur dann Erkenntnisgewinn, wenn die untersuchten Ph\u00e4nomene auf einer gleichen Ebene angesiedelt sind: Parteien mit Parteien, Systeme mit Systemen, Vorurteile mit Vorurteilen. Genau auf Letzteres bezogen sich die Ausf\u00fchrungen von Benz, welche formale Gemeinsamkeiten bei den Konstruktionsprinzipien von Feindbildern wie dualistische Perspektiven, pauschale Schuldzuweisungen, schlichte Welterkl\u00e4rung oder unangemessen Verallgemeinerungen bei der Feindschaft gegen Juden und Muslimen hervorhoben.<\/p>\n<p>Damit verbindet sich weder allgemein noch bei Benz eine g\u00e4nzliche Gleichsetzung von Antisemitismus und &#8222;Islamkritik&#8220; bzw. &#8222;Islamophobie&#8220; noch eine Verkennung der Konsequenzen f\u00fcr die von derartigen Vorurteilen betroffenen Menschen. Es gab einen systematischen Massenmord an den Juden, nicht aber an den Muslimen. Allein von daher k\u00f6nnen die historischen Auswirkungen der Juden- und Muslimenfeindschaft nicht gleichgesetzt werden. Doch so etwas behauptete Benz in seinem Beitrag auch nicht, sein Verweis auf Parallelen bezog sich lediglich auf die erw\u00e4hnten Konstruktionsprinzipien in den Feindbildern. Insofern haben die Kritiker Benz zumindest einseitig oder gar falsch referiert und verstanden. Daf\u00fcr bot gleichwohl seine inhaltlich schiefe Begriffsverwendung einen Ansatzpunkt: Analytische Vergleiche machen nur dann Sinn, wenn die untersuchten Ph\u00e4nomene auch auf der gleichen Ebene liegen. Dies ist bei einerseits Antisemitismus und andererseits &#8222;Islamkritik&#8220; oder &#8222;Islamophobie&#8220; aber nicht der Fall.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-die-kategoriale-differenz-von-antisemitismus-und-islamophobie\">III. Die kategoriale Differenz von Antise&shy;mi&shy;tismus und &bdquo;Isla&shy;mo&shy;phobie&ldquo; <\/span><\/h2>\n<p>Antisemitismus steht f\u00fcr Feindschaft gegen Juden als Juden. Die Vergleichskategorie w\u00e4re eine Feindschaft gegen Muslime als Muslime, wof\u00fcr hier sp\u00e4ter der Begriff &#8222;Antimuslimismus&#8220; vorgeschlagen werden soll. Zur definitorischen Erfassung derartiger Einstellungen und Handlungen bietet sich indessen die Bezeichnung &#8222;Islamophobie&#8220; aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden nicht an. Zun\u00e4chst w\u00e4re darauf zu verweisen, dass dieser Terminus als politischer Kampfbegriff genutzt wird, um jegliche Kritik am Islam oder den Muslimen als Ausdruck von krankhaften Aversionen oder rassistischen Einstellungen zu diskreditieren. Gerade fundamentalistisch ausgerichtete muslimische Organisationen, die breiter in die \u00f6ffentlichen Diskurse hineinwirken wollen, bedienen sich derartiger Vorw\u00fcrfe. Sie dienen der Abwehr von und Immunisierung vor Einw\u00e4nden: Kritische Hinweise auf die Abschottung von der Mehrheitsgesellschaft, die Diskriminierung von Frauen oder den Umgang mit Apostaten gelten dabei schon als Ausdruck von &#8222;Islamophobie&#8220;.<\/p>\n<p>Gleichwohl spricht die Instrumentalisierung von Begriffen nicht notwendigerweise gegen deren Verwendung, ist doch kaum ein relevanter politischer Terminus von einem derartigen Missbrauch ausgenommen. Letztendlich kommt es auf die inhaltliche Trennsch\u00e4rfe bez\u00fcglich des eigentlich Gemeinten an. Insofern fand &#8222;Islamophobie&#8220; bereits Eingang in den \u00f6ffentlichen und wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Daf\u00fcr steht etwa die Verwendung der Bezeichnung in einem Bericht des Londoner &#8222;Runnymede Trust&#8220; von 1997, definierte man darin doch &#8222;Islamophobie&#8220; als Bezeichnung f\u00fcr Angst und Furcht vor dem Islam und den Muslimen, wobei von einem antiwestlichen, fremdartigen und gewaltbereiten Block ausgegangen werde.[6] Und im deutschsprachigen Raum pr\u00e4gte 2003 eine Wissenschaftler-Gruppe am Bielefelder Institut f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Konflikt- und Gewaltforschung den Terminus als Ausdruck von generell ablehnenden Einstellungen gegen\u00fcber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Praktiken und Symbolen des Islam.[7]<\/p>\n<p>Gerade die letztgenannte Definition l\u00e4sst aber &#8211; wie bei den meisten F\u00e4llen der Begriffsverwendung &#8211; inhaltliche Klarheit und Trennsch\u00e4rfe vermissen: Man kann sehr wohl die Inhalte und Rituale des Islam grundlegend ablehnen, ohne dabei Muslime als Personen ebenso grundlegend abzulehnen. Eine solche Einstellung gegen\u00fcber der Religion des Islam d\u00fcrfte sogar jeder Andersgl\u00e4ubige, Agnostiker oder Atheist einnehmen, gleichwohl geht damit nicht notwendigerweise eine Benachteiligung oder Diffamierung aller Menschen muslimischen Glaubens einher. Dar\u00fcber hinaus gibt es noch andere grundlegende Einw\u00e4nde gegen die diesbez\u00fcgliche Verwendung des Begriffs &#8222;Islamophobie&#8220;: Vom Wortgebrauch her steht er f\u00fcr ein Angstgef\u00fchl, wovon konkrete Einstellungen \u00fcber oder Handlungen gegen Personen zu unterscheiden w\u00e4ren. Au\u00dferdem findet bei der Nutzung eines solchen diffusen Begriffs keine Differenzierung von gerechtfertigter und unangemessner Angst vor dem Islam bzw. keine Unterscheidung von Angst vor dem Islam und vor dem Islamismus statt.[8]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-die-kategoriale-differenz-von-antisemitismus-und-islamkritik\">IV. Die kategoriale Differenz von Antise&shy;mi&shy;tismus und &bdquo;Islam&shy;kritik&ldquo; <\/span><\/h2>\n<p>Ebenfalls als unangemessene Vergleichskategorien zum Antisemitismus k\u00f6nnen die Bezeichnungen &#8222;Islamfeindlichkeit&#8220; und &#8222;Islamkritik&#8220; gelten. Den letztgenannten Terminus nutzte auch Benz in seinem genannten Artikel, was wiederum Broder zu seinem zitierten Einwand motivierte: Danach sei Islamkritik grunds\u00e4tzlich verd\u00e4chtig, die Muslime so zu diffamieren, wie es die Antisemiten des 19. Jahrhunderts gegen\u00fcber den Juden taten. Broder unterschlug dabei allerdings, dass Benz diese Bezeichnung in Anf\u00fchrungszeichen setzte und seine Ausf\u00fchrungen auf &#8222;so genannte &#8218;Islamkritiker'&#8220; bezog. Benz vers\u00e4umte es allerdings, im Text genauer zu erl\u00e4utern, was und wer mit dieser Bezeichnung gemeint sein sollte. Dadurch l\u00f6ste er auch eine Fehlwahrnehmung und ein Missverst\u00e4ndnis seiner Positionen aus. Nimmt man Benz&#8216; fr\u00fcheren Ver\u00f6ffentlichungen als Autor oder Herausgeber n\u00e4her zur Kenntnis, so zeigt sich, dass hiermit umstrittene Autoren wie Hans-Peter Raddatz bzw. zwielichtige Internetportale wie &#8222;Politically Incorrect&#8220; gemeint sind.[9]<\/p>\n<p>Davon zu unterscheiden w\u00e4ren Kritiker und Positionen, die aus einer menschenrechtlichen oder religionskritischen Perspektive grundlegende Einw\u00e4nde gegen den Islam erheben. Hierzu geh\u00f6ren etwa Autoren wie Broder, die Rechtsanw\u00e4ltin Seyran Ates oder die Soziologin Necla Kelek.[10] Man k\u00f6nnte in diesem Kontext aber auch atheistische oder ex-muslimische Kritiker des Islam wie Jaya Gopal oder Ibn Warraq[11] nennen. Mit guten Gr\u00fcnden lassen sich einigen dieser Autoren monokausale Deutungen und unwissenschaftliche Herangehensweisen, einseitige Perspektiven und inhaltliche \u00dcbertreibungen, selbstgef\u00e4lliges Gehabe und provokative Zuspitzungen unterstellen.[12] Der normative Ausgangspunkt f\u00fcr ihre Kritik besteht aber im Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten, nicht zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Entgegen einer anderen Debatte in den deutschen Feuilletons[13] kann man sie &#8211; trotz vieler bedenklicher Aussagen und Positionen &#8211; weder inhaltlich noch strukturell mit dem von ihnen kritisierten Fundamentalismus unter den Muslimen gleichsetzen.<\/p>\n<p>Insofern handelt es sich bei der &#8222;Islamkritik&#8220; auch nicht um eine angemessene Vergleichskategorie zum Antisemitismus, m\u00fcsste doch zwischen einer aufkl\u00e4rerisch-menschenrechtlich ausgerichteten und einer fremdenfeindlich-hetzerisch orientierten Kritik am Islam und den Muslimen unterschieden werden. Aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden eignet sich auch nicht die Bezeichnung &#8222;Islamfeindschaft&#8220; f\u00fcr eine beabsichtigte komparative Perspektive: Selbst wenn sich die Auffassung \u00fcber den Islam als Religion von der blo\u00dfen Kritik in Richtung eine Feindschaft gesteigert haben sollte, richtet sich diese doch prim\u00e4r gegen den konkreten Glauben und nicht gegen alle Muslime. Bei dieser Differenzierung handelt es sich keineswegs um eine blo\u00df theoretische Unterscheidung. Die unterschiedlichen Dimensionen und Folgen mag ein vergleichendes Beispiel veranschaulichen: Atheisten bestreiten vehement grundlegende Aussagen des Christentums wie etwa die Gottesexistenz, sie leiten daraus aber nicht die Forderung nach eine Diskriminierung der Anh\u00e4nger dieser Religion ab.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"v-die-vergleichbarkeit-von-antisemitismus-und-antimuslimismus\">V. Die Vergleich&shy;bar&shy;keit von Antise&shy;mi&shy;tismus und Antimus&shy;li&shy;mismus <\/span><\/h2>\n<p>Eine angemessene Vergleichskategorie zum Antisemitismus als Feindschaft gegen Juden als Juden kann demnach weder die &#8222;Islamfeindschaft&#8220; noch die &#8222;Islamkritik&#8220; noch die &#8222;Islamophobie&#8220; sein. Das damit jeweils Gemeinte bewegt sich auf einer anderen Ebene. Insofern bedarf es einer Konzeption auf der gleichen Ebene, n\u00e4mliche der Feindschaft gegen Menschen aufgrund ihrer Zugeh\u00f6rigkeit zu einer religi\u00f6s definierbaren Gruppe. Die damit angesprochene Feindschaft gegen Muslime als Muslime soll hier als &#8222;Antimuslimismus&#8220; bezeichnet werden. Dabei handelt es um eine Diskriminierungsideologie, die Muslimen aufgrund ihres Glaubens negative Eigenschaften zur Rechtfertigung von Abwertung, Benachteiligung oder Verfolgung unterstellt. Im Zentrum stehen demnach Einstellungen gegen Menschen, nicht Einw\u00e4nde gegen eine Religion. Dies stellt den entscheidenden Unterschied zu den vorgenannten unangemessenen Vergleichskategorien dar, handelt es sich doch beim Antisemitismus auch um eine Feindschaft gegen bestimmte Menschen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne k\u00f6nnen Diskriminierungsideologien gegen Juden und Muslime auch als besondere Erscheinungsformen eines \u00fcbergeordneten Ph\u00e4nomens gelten: der Abwertung von Personen aufgrund deren Zugeh\u00f6rigkeit zu einer ethnisch, religi\u00f6s oder sozial definierbaren Gruppe. Bei der ideologischen Konstruktion entsprechender Feindbilder lassen sich formal \u00e4hnliche Mechanismen und Strukturen ausmachen, welche eine vergleichende Betrachtung erkenntnisf\u00f6rdernd und sinnvoll erscheinen lassen. Darauf wies auch Benz hin: &#8222;Mit Stereotypen und Konstruktionen, die als Instrumentarium des Antisemitismus gel\u00e4ufig sind, wird Stimmung gegen Muslime erzeugt. Dazu geh\u00f6ren Verschw\u00f6rungsfantasien ebenso wie vermeintliche Grunds\u00e4tze und Gebote der Religion, die ins Treffen gef\u00fchrt werden.&#8220;[14] Aus den Erkenntnissen der Antisemitismusforschung lassen sich denn auch Analyseans\u00e4tze f\u00fcr die Untersuchung anderer Diskriminierungsideologien wie hier dem Antimuslimismus entwickeln, ohne dabei von vornherein eine Identit\u00e4t von Beidem zu behaupten.<\/p>\n<p>Hier sei noch einmal an den grundlegenden Unterschied von einer Gleichsetzung als Ergebnis und einem Vergleich als Verfahren erinnert. Letzteres fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zweier oder mehrerer formal \u00e4hnlicher Ph\u00e4nomene, wobei diese bez\u00fcglich bestimmter Gesichtspunkte analysiert und eingesch\u00e4tzt werden. F\u00fcr eine solche komparative Betrachtung von Antimuslimismus und Antisemitismus bieten sich folgende Kriterien an: erstens der Grad der inhaltlichen Entwicklung der beiden Diskriminierungsideologien, zweitens die historischen Erfahrungen mit den Folgen von Antimuslimismus und Antisemitismus, drittens die gesellschaftliche Verbreitung von Einstellungen der beiden Diskriminierungsideologien und viertens der soziale Realit\u00e4tsgehalt von Aussagen des Antimuslimismus und Antisemitismus. Erst nach einer so inhaltlich ausgerichteten vergleichenden Betrachtung k\u00f6nnen die beiden Diskriminierungsideologien hinsichtlich der Funktionen und Strukturen, Folgewirkungen und Gefahren eingesch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vi-die-inhaltliche-entwicklung-der-diskriminierungsideologien\">VI. Die inhaltliche Entwicklung der Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rungs&shy;ideo&shy;lo&shy;gien <\/span><\/h2>\n<p>Zun\u00e4chst daher die Frage: Wie steht es um die formale und inhaltliche Entwicklung von Antimuslimismus und Antisemitismus als Diskriminierungsideologien? Benz wies in seinen erw\u00e4hnten Beitr\u00e4gen zwar eher assoziativ, aber durchaus zutreffend auf die strukturellen Bestandteile bei der Feindbildkonstruktion hin: das dualistische &#8222;Gut-B\u00f6se&#8220; &#8211; Schema, die pauschale Schuldzuweisung, das stereotype Erkl\u00e4rungsmodell, die unangemessenen Verallgemeinerungen. In dieser Hinsicht bestehen formale Gemeinsamkeiten, welche die Aversionen und Vorurteile gegen Juden und Muslime mit den meisten Diskriminierungsideologien gegen andere Menschengruppen aufweisen. Insofern kann auch nicht verwundern, dass der von solchen Einstellungen gepr\u00e4gte Personenkreis in der Gesellschaft \u00fcber gro\u00dfe Schnittmengen verf\u00fcgt: Die meisten Anh\u00e4nger antimuslimischer Auffassungen propagieren auch antisemitische Positionen, und die meisten Anh\u00e4nger antisemitischer Auffassungen weisen auch antimuslimische Positionen auf.[15]<\/p>\n<p>In inhaltlicher Hinsicht bestehen gleichwohl grundlegende Unterschiede zwischen dem Antimuslimismus und Antisemitismus &#8211; und zwar nicht nur hinsichtlich der Behauptungen \u00fcber die jeweiligen Objekte der Vorurteile. Die gemeinten Differenzen beziehen sich auf den Stellenwert der Diskriminierungsideologien im Weltbild ihrer Protagonisten. Hier stellt sich die Frage: Verf\u00fcgen Antimuslimismus und Antisemitismus darin \u00fcber eine eher marginale Bedeutung als Ressentiments unter vielen Einstellungen oder \u00fcber einen zentralen Stellenwert bei der Ausrichtung des eigenen politischen Denkens? Beim Antimuslimismus d\u00fcrfte ersteres mehrheitlich der Fall sein: Die diesbez\u00fcglichen Aversionen und Vorurteile konzentrieren sich darauf, hier von diffusen Bedrohungs\u00e4ngsten vor r\u00fcckschrittlichen Einstellungen, gewaltt\u00e4tigen Neigungen oder quantitativer Zunahme auszugehen. Bei allen auszumachenden wirklichkeitsfremden \u00dcbertreibungen bei der Beschreibung angeblicher oder tats\u00e4chlicher Gefahren entwickelte sich daraus aber keine allumfassende Weltanschauung.<\/p>\n<p>So etwas kann demgegen\u00fcber f\u00fcr den Antisemitismus durchaus konstatiert werden, bildete sich doch im Laufe der Jahrhunderte ein inhaltlich breit entwickeltes Ideologiekonstrukt mit den unterschiedlichsten Ressentiments und Stereotypen heraus. Wie keiner anderen sozialen Gruppe, die Objekt von derartigen negativen Einstellungen wurde, warf man den &#8222;Juden&#8220; aus unterschiedlicher Perspektive die verschiedensten Unterstellungen vor: Antisemiten betrachtete sie aus dem Blickwinkel von &#8222;oben&#8220; als minderwertige Gruppe wie beispielsweise die einwandernden verarmten Ostjuden ebenso wie aus dem Blickwinkel von &#8222;unten&#8220; als allm\u00e4chtige Kraft wie etwa die einflussreichen j\u00fcdischen Bankiers. Man sah in ihnen sowohl die Protagonisten einer hemmungslosen Durchkapitalisierung der idealisierten Gemeinschaft wie die Repr\u00e4sentanten einer sozialistischen Revolution gegen die bestehende Ordnung. So entstand im Laufe der Zeit eine breite Palette von unterschiedlichen Feindbildern von Juden, die f\u00fcr nahezu alle Gelegenheiten agitatorisch Anwendung fanden.[16]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"vii-die-historischen-erfahrungen-mit-den-diskriminierungsideologien\">VII. Die histo&shy;ri&shy;schen Erfahrungen mit den Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rungs&shy;ideo&shy;lo&shy;gien<\/span><\/h2>\n<p>Die vorgenannten Unterschiede hinsichtlich der inhaltlichen Entwicklung der beiden Diskriminierungsideologien erkl\u00e4ren sich zu gro\u00dfen Teilen wohl auch durch die jeweiligen historischen Folgen und Traditionen des Antimuslimismus und Antisemitismus. F\u00fcr den letztgenannten Fall l\u00e4sst sich eine lange Geschichte der Feindschaft gegen Juden bis hin zum Versuch ihrer systematischen Vernichtung im Zweiten Weltkrieg ausmachen: Bereits im Mittelalter wurden Vorw\u00fcrfe der &#8222;Brunnenvergiftung&#8220; oder des &#8222;Ritualmordes&#8220; bzw. des &#8222;Schacherns&#8220; oder des &#8222;Wucherns&#8220; erhoben, welche in direkter oder ver\u00e4nderter Form bis in die Gegenwart hinein den antisemitischen Diskurs pr\u00e4gen. Begleitet waren derartige Ressentiments und Vorurteile immer wieder von gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen. Sie gipfelten im Holocaust, der als Massenmord an den Angeh\u00f6rigen einer religi\u00f6s definierbaren sozialen Gruppe aufgrund von formalen, inhaltlichen und kontextbezogenen Besonderheiten als historisch singul\u00e4rer Akt der Grausamkeit gelten kann.[17]<\/p>\n<p>Einem \u00e4hnlich hohen Ma\u00df an Ausgrenzung, Benachteiligung, Verfolgung oder Vernichtung waren Muslime zu keine Zeit in der deutschen Geschichte ausgesetzt: Zwar bestand aufgrund von religi\u00f6sen Differenzen zum Islam und den t\u00fcrkischen Eroberungskriegen in Europa ein negatives Bild von der Religion und den T\u00fcrken.[18] Den ersten muslimischen Einwanderern gestand man im 18. Jahrhundert in Preu\u00dfen aber Glaubensfreiheit zu. Dar\u00fcber hinaus bestanden bis ins 20. Jahrhundert hinein gute diplomatische Beziehungen zum Osmanischen Reich. Von einer gr\u00f6\u00dferen Pr\u00e4senz von Muslimen in Deutschland kann gleichwohl erst ab den 1960er Jahren durch die Arbeitsmigranten insbesondere aus der T\u00fcrkei gesprochen werden.[19] Sie sahen sich immer wieder auch Ressentiments und Vorurteilen ausgesetzt, teilweise verbunden mit gewaltt\u00e4tigen Aktivit\u00e4ten bis hin zur T\u00f6tung von Angeh\u00f6rigen dieser sozialen Gruppe. Derartige Einstellungen und Taten legitimierte man aber lange Zeit nicht prim\u00e4r in antimuslimischer, sondern in fremdenfeindlicher Form.<\/p>\n<p>Im Sinne einer inhaltlich besonderen Diskriminierungsideologie fand der Antimuslimismus erst nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 st\u00e4rkere Verbreitung, wobei sich hier die traditionelle Fremdenfeindlichkeit h\u00e4ufig nur in einem neuen ideologischen Gewand pr\u00e4sentierte. Betrachtet man nun in der historischen Gesamtschau die Folgen der beiden Diskriminierungsideologien &#8222;Antimuslimismus&#8220; und &#8222;Antisemitismus&#8220;, so kann hier in der Tat keine Gleichsetzung vorgenommen werden. Der Rede von den &#8222;Muslimen als den Juden von heute&#8220; l\u00e4sst sich &#8211; zumindest in dieser Allgemeinheit &#8211; weder historisch noch sachlich zustimmen. In diesem Punkt besteht demnach eine \u00dcbereinstimmung mit der Position von Broder. Gleichwohl stellt sich hier die Frage, wer \u00fcberhaupt eine solche Auffassung vertritt. Benz kann sie in dieser Form nicht unterstellt werden, beschr\u00e4nkten sich seine Ausf\u00fchrungen doch auf formal \u00e4hnliche Strukturmerkmale beider Diskriminierungsideologien und nicht auf deren konkrete Folgen f\u00fcr Juden und Muslime im Laufe der Geschichte.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"viii-die-gesellschaftliche-verbreitung-der-diskriminierungsideologien\">VIII. Die gesell&shy;schaft&shy;liche Verbreitung der Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rungs&shy;ideo&shy;lo&shy;gien<\/span><\/h2>\n<p>Wie steht es nun um die aktuelle Verbreitung von Einstellungen im Sinne des Antimuslimismus und Antisemitismus in der Bev\u00f6lkerung? Dar\u00fcber lassen sich bislang noch keine detaillierteren Erkenntnisse ermitteln. Zwar gibt es eine ganze Reihe von empirischen Untersuchungen \u00fcber die Akzeptanz von antisemitischen Einstellungen in der Gesellschaft[20], \u00e4hnliche Forschungen bez\u00fcglich der Verbreitung von antimuslimischen Einstellungen liegen noch nicht vor. Hinzu kommt das methodische Problem der direkten Vergleichbarkeit von Studien, die mit unterschiedlichen Einstellungsstatements und Methoden arbeiten. Es gibt allerdings eine Ausnahme: die Forschungen des Instituts f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Konflikt- und Gewaltforschung der Universit\u00e4t Bielefeld, die seit 2002 j\u00e4hrlich die Verbreitung von Erscheinungsformen &#8222;Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit&#8220; untersuchen. Darunter verstehen die Sozialwissenschaftler ein Syndrom, welches das Verh\u00e4ltnis zu spezifischen Gruppen &#8211; und eben auch zu Juden und Muslimen &#8211; untersuchen will.<\/p>\n<p>Hierbei bedient man sich allerdings auch Einstellungsstatements, die derartige Vorurteile erfassen sollen, denen aber nicht immer die daf\u00fcr n\u00f6tige Trennsch\u00e4rfe eigen ist. Ber\u00fccksichtigt man diesen Sachverhalt und relativiert dabei die Prozentangaben, so k\u00f6nnen die gewonnenen Daten und Informationen im Sinne von Trendaussagen auch Auskunft \u00fcber die Verbreitung von Antimuslimismus und Antisemitismus geben. Letzterer wurde \u00fcber die Items &#8222;Juden haben in Deutschland zuviel Einfluss&#8220; bzw.<\/p>\n<p>&#8222;Durch ihr Verhalten sind die Juden an ihren Verfolgungen mitschuldig&#8220; erhoben. Voll und ganz zustimmend \u00e4u\u00dferten sich (dahinter in Klammen die Werte f\u00fcr eine eher zustimmende Antwort) 2002 6,9 (14,7) bzw. 4,5 (12,1) Prozent, 2004 10,6 (10,9) bzw. 6,2 (11,1) Prozent und 2006 7,6 (6,5) bzw. 3,9 (6,1) Prozent. Demnach kann f\u00fcr den letztgenannten Zeitraum von einer leicht abnehmenden Tendenz bei Werten f\u00fcr eine volle Zustimmung unter 10 Prozent (bei eher zustimmenden Antworten unter 15 Prozent) ausgegangen werden.<\/p>\n<p>Antimuslimismus, den die Sozialwissenschaftler allerdings mit dem oben problematisierten Arbeitsbegriff &#8222;Islamophobie&#8220; erfassten, wurde \u00fcber folgende beiden Einstellungsstatements (erst ab 2004) erhoben: &#8222;Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden&#8220; bzw. &#8222;Durch die vielen Muslime hier f\u00fchle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land&#8220;. Voll und ganz zustimmend \u00e4u\u00dferten sich (dahinter in Klammern die Werte f\u00fcr eine eher zustimmende Antwort) 2004 11,9 (12,1) bzw. 17,9 (17,2) Prozent und 2006 11,8 (16,7) bzw. 20,0 (19,2) Prozent.[21] Im Vergleich mit den Werten zum Antisemitismus lassen sich hier zum einen h\u00f6here Zustimmungswerte konstatieren, zum anderen aber auch ein gegenl\u00e4ufiger Trend. W\u00e4hrend die Antisemitismus-Einstellungen leicht sanken, stiegen die Werte f\u00fcr den Antimuslimismus st\u00e4rker an. Demnach f\u00fchrten die Ereignisse vom 11. September 2001 nicht zu einem unmittelbaren Anstieg der Einstellungen, erst l\u00e4ngerfristig bewirkte die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit f\u00fcr das Thema wohl diesen Wandel.[22]<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ix-der-realitaetsgehalt-der-diskriminierungsideologien\">IX. Der Reali&shy;t&auml;ts&shy;ge&shy;halt der Diskri&shy;mi&shy;nie&shy;rungs&shy;ideo&shy;lo&shy;gien <\/span><\/h2>\n<p>Und schlie\u00dflich soll noch nach dem jeweiligen Realit\u00e4tsgehalt von Aussagen der beiden Diskriminierungsideologien Antimuslimismus und Antisemitismus in vergleichender Perspektive gefragt werden. Die Bezeichnung &#8222;Vorurteile&#8220; fand hier bislang in einem negativ wertenden Sinne Anwendung. Rein formal lassen sich darunter auch vorl\u00e4ufige Annahmen verstehen, welche um der einfacheren Bew\u00e4ltigung von Komplexit\u00e4t willen akzeptabel sind. So definiert handelt es sich eigentlich um vorl\u00e4ufige Hypothesen, die dann aber jeweiligen Erfahrungswerten ausgesetzt und bei gegenteiligen Erkenntnissen korrigiert werden. Letzteres w\u00e4re im Falle des wertenden Verst\u00e4ndnisses von Vorurteilen kaum bis gar nicht m\u00f6glich, da man dann die Negativbilder als Stereotype unabh\u00e4ngig von der Realit\u00e4t beibeh\u00e4lt. Um hier nicht zu Irritationen und Verwirrung zu f\u00fchren, arbeitet die vorliegende Er\u00f6rterung prim\u00e4r mit dem Arbeitsbegriff &#8222;Diskriminierungsideologie&#8220; und weniger mit der aus diesen Gr\u00fcnden eventuell missverst\u00e4ndlichen Bezeichnung &#8222;Vorurteil&#8220;.<\/p>\n<p>Bei den Inhalten der angesprochenen Auffassungen von Antimuslimismus und Antisemitismus handelt es sich keineswegs um reine Fiktionen. Diskriminierungsideologien k\u00f6nnen nur dann mit Akzeptanz rechnen, wenn sie sich zumindest ansatzweise auf einen &#8222;wahren Kern&#8220; berufen k\u00f6nnen. Insofern handelt es sich jeweils um eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung sozialer Realit\u00e4t, die in der vergleichenden Betrachtung im Antimuslimismus weitaus st\u00e4rker als im Antisemitismus enthalten ist. Letzterer verweist etwa auf einzelne Juden im Finanzwesen und leitet daraus die verallgemeinernde Auffassung vom &#8222;j\u00fcdischen Finanzkapital&#8220; ab. Selbst wenn in bestimmten Berufsgruppen Personen, die aus j\u00fcdischen Familien stammen, \u00fcberrepr\u00e4sentiert sind, ergibt sich daraus weder eine Bedeutung des j\u00fcdischen Hintergrundes noch die Dominanz des j\u00fcdischen Einflusses. Insofern arbeitete der antisemitische Diskurs fr\u00fcher wie heute meist mit hochgradig realit\u00e4tsfremden Verallgemeinerungen zur angeblichen Bedeutung von Juden.<\/p>\n<p>Dies verh\u00e4lt sich beim Antimuslimismus anders, k\u00f6nnen sich einschl\u00e4gige Behauptungen doch auf reale Besonderheiten und Probleme st\u00fctzen. So belegen empirische Untersuchungen zu den Einstellungen von Muslimen, dass diese in bestimmten Fragen sehr wohl von den Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft abweichen. In dieser Minderheit spielt die Orientierung an der Religion eine bedeutend gr\u00f6\u00dfere Rolle, dar\u00fcber hinaus gibt es einen weitaus h\u00f6heren Anteil von fundamentalistischen Tendenzen. Bez\u00fcglich des Bildes von der Frau kann man eher abwertende und traditionalistische Einstellungen ausmachen, welche sich auch im geringeren Freiraum f\u00fcr M\u00e4dchen gegen\u00fcber Jungen artikulieren.[23] Und es besteht ein h\u00f6herer Organisationsgrad von Muslimen in islamistischen Personenzusammenschl\u00fcssen denn von Angeh\u00f6rigen der Mehrheitsgesellschaft in links- und rechtsextremistischen Organisationen.[24] Diese Besonderheiten rechtfertigen keine Diskriminierungsideologien, sie erkl\u00e4ren aber ihre st\u00e4rkere gesellschaftliche Akzeptanz.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"x-schlusswort-und-zusammenfassung\">X. Schlusswort und Zusam&shy;men&shy;fas&shy;sung <\/span><\/h2>\n<p>Welche Antwort ergibt sich nun bilanzierend auf die Frage nach Sinn und Unsinn eines Vergleichs von Antimuslimismus und Antisemitismus? Zun\u00e4chst darf allgemein konstatiert werden: Eine vergleichende Betrachtung, die eben offen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden fragt, kann durchaus Erkenntnis f\u00f6rdernd wirken. Denn es handelt sich jeweils um Ph\u00e4nomene auf der gleichen Ebene: Diskriminierungsideologien, die sich gegen Angeh\u00f6rige einer religi\u00f6s definierten Minderheit auf Grund dieser Besonderheit richten. Davon k\u00f6nnte man bei einer komparativen Betrachtung von &#8222;Antisemitismus&#8220; und &#8222;Islamfeindschaft&#8220;, &#8222;Islamkritik&#8220; oder &#8222;Islamophobie&#8220; nicht sprechen. Insofern w\u00e4re dies in der Tat &#8222;ein abwegiger Vergleich&#8220;.[25] Hierdurch stellte man die Feindschaft gegen Juden als Juden undifferenziert sowohl mit der aufkl\u00e4rerischen-menschenrechtlichen Kritik am Islam wie mit der diffus-emotionalen Angst vor deren Anh\u00e4ngern und der fremdenfeindlich-hasserf\u00fcllten Hetze gegen Muslime auf die gleiche Stufe.<\/p>\n<p>Konzentriert sich die komparative Betrachtung aber auf Diskriminierungsideologien gegen die Angeh\u00f6rigen von Minderheiten, so d\u00fcrften diesbez\u00fcgliche Analysen sehr wohl zu wichtigen R\u00fcckschl\u00fcssen \u00fcber die Konstruktion und Strukturen von entsprechenden Feindbildern f\u00fchren. Genau darauf richtete sich das Interesse von Benz, der nur auf \u00e4hnliche Dualismen, Schuldzuweisungen, Stereotype und Verallgemeinerungen im antisemitischen Diskurs des 19. Jahrhunderts und dem antimuslimischen Diskurs der Gegenwart hinwies. Eine pauschale Gleichsetzung von Antisemitismus und &#8222;Islamkritik&#8220; oder &#8222;Islamophobie&#8220; nahm er nicht vor. Gleichwohl bot die inhaltlich schiefe Begriffsverwendung von Benz, Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr ein derartiges beabsichtigtes oder unbeabsichtigtes Missverst\u00e4ndnis. Dar\u00fcber hinaus h\u00e4tte es hier einer klareren Benennung der konkreten Untersuchungs- und Vergleichsebene, n\u00e4mlich der inneren Bestandteile und Funktionen der Feindbilder des Antimuslimismus und Antisemitismus, bedurft.<\/p>\n<p>Ber\u00fccksichtigt man diese methodischen Gesichtspunkte, so l\u00e4sst sich dabei eine Reihe von Gemeinsamkeiten belegen. Hieraus k\u00f6nnen auch wichtige Erkenntnisse f\u00fcr die Analyse von und Pr\u00e4vention gegen Diskriminierungsideologien gewonnen werden. Bezogen auf andere Gesichtspunkte ergeben sich nach einer vergleichenden Betrachtung allerdings weniger Gemeinsamkeiten: Bez\u00fcglich der inhaltlichen Entwicklung, der historischen Erfahrungen, der gesellschaftlichen Verbreitung und des sozialen Realit\u00e4tsgehalts von Antimuslimismus und Antisemitismus als Diskriminierungsideologien bestehen in der jeweiligen Intensit\u00e4t und Verteilung mehr oder weniger starke Unterschiede. Gleichsetzungen auf diesen Ebenen k\u00f6nnten, wie Schoeps zutreffend warnt, m\u00f6glicherweise auf eine &#8222;Verharmlosung historischer und aktuelle Judenfeindschaft&#8220;[26] hinauslaufen. Insofern gilt es bei der Betonung von m\u00f6glichen Gemeinsamkeiten von Antimuslimismus und Antisemitismus auch auf die konkrete Ebene und Reichweite der Betrachtung zu achten.<\/p>\n<p>[1] Wolfgang Benz, Antisemiten und Islamfeind: Hetzer mit Parallelen. Antisemiten des 19. Jahrhunderts und manche &#8222;Islamkritiker&#8220; des 21. Jahrhunderts arbeiten mit \u00e4hnlichen Mitteln an ihrem Feindbild, in: S\u00fcddeutsche Zeitung vom 4. Januar 2010.<\/p>\n<p>[2] Henryk M. Broder, Sind Muslime die Juden von heute? Der Historiker Wolfgang Benz zieht Parallelen zwischen Antisemiten und den Islamkritikern. Doch die Angst der Islamisten hat mit dem Hass auf Juden wenig gemein. Eine Replik, in: Die Welt vom 13. Januar 2010.<\/p>\n<p>[3] Julius H. Schoeps, Abwegige Parallelen. Wenn Islamophobie und Antisemitismus in einem Topf landen, in: Die J\u00fcdische vom 16. Januar 2010.<\/p>\n<p>[4] Benz, Hetzer mit Parallelen (Anm. 1).<\/p>\n<p>[5] Broder, Sind Muslime die Juden von heute? (Anm. 2).<\/p>\n<p>[6] Vgl. Runnymede Trust (Hrsg.), Islamo-phobia: A challenge for us all, London 1997.<\/p>\n<p>[7] Vgl. J\u00fcrgen Leibold\/Steffen K\u00fchnel, Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit f\u00fcr spannungsreiche Anzeichen, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zust\u00e4nde. Folge 2, Frankfurt\/M. 2003, S. 100-119.<\/p>\n<p>[8] Derartige Aspekte ignoriert auch folgende Publikation: Sabine Schiffer\/Constantin Wagner, Antisemitismus und Islamophobie &#8211; ein Vergleich, Wassertr\u00fcdingen 2009.<\/p>\n<p>[9] Vgl. u. a. Wolfgang Benz (Hrsg.), Jahrbuch f\u00fcr Antisemitismusforschung. Bd. 17, Berlin 2008; Wolfgang Benz (Hrsg.), Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz &#8222;Feindbild Muslim &#8211; Feindbild Jude&#8220;, Berlin 2009.<\/p>\n<p>[10] Vgl. u.a. Seyran Ates, Der Multikulti-Irrtum. Wie wir in Deutschland besser zusammenleben k\u00f6nnen, Berlin 2007; Henryk M. Broder, Hurra, wir kapitulieren. Von der Lust am Einknicken, Berlin 2006; Necla Kelek, Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des t\u00fcrkischen Lebens in Deutschland, K\u00f6ln 2006.<\/p>\n<p>[11] Vgl. u. a. Jaya Gopal, Gabriels Einfl\u00fcsterungen. Eine historisch-kritische Bestandsaufnahme des Islam, Freiburg 2004; Ibn Warraq, Warum ich kein Muslim bin, Berlin 2004.<\/p>\n<p>[12] Vgl. u.a. in: Birgit Rommelspacher, Islamkritik und antimuslimische Positionen am Beispiel von Necla Kelek und Seyran Ates, in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Islamfeindlichkeit. Wenn die Grenzen der Kritik verschwimmen, Wiesbaden 2009, S. 433-455; Thorsten Gerald Schneiders, Die Schattenseite der Islamkritik. Darstellung und Analyse der Argumentationsstrategien von Henryk M. Broder, Ralph Giordano, Necla Kelek, Alice Schwarzer und anderen, in: ebenda, S. 403432; worin allerdings von der anderen Seite her nicht klar zwischen hetzerisch und menschenrechtlich motivierter Kritik unterschieden wird.<\/p>\n<p>[13] Vgl. u. a. Thiery Chevel, Das Behagen an der Unkultur. Sind die Kritiker des Islamismus selbst fundamentalistisch? Keineswegs, denn im Gegensatz zum militanten Islam kennt die westliche Aufkl\u00e4rung keine letzten Wahrheiten, in: Die Welt vom 23. Januar 2010, S. S9; Thomas Steinfeld, Unsere Hassprediger. Die Islamkritiker werden selbst zu Fundamentalisten, in: S\u00fcddeutsche Zeitung vom<\/p>\n<p>[14] Januar 2010, S. 11. 14 Wolfgang Benz, Einf\u00fchrung zur Konferenz &#8222;Feindbild Muslim &#8211; Feindbild Jude&#8220;, in: Benz (Hrsg.), Islamfeindschaft und ihr Kontext (Anm. 9), S. 9-20, hier S. 9f.<\/p>\n<p>[15] Es gibt in der antimuslimischen Agitation auch Protagonisten, die sich \u00f6ffentlich betont proisraelisch und pro-j\u00fcdisch geben. Ob es sich hierbei um tats\u00e4chliche Auffassungen aus innerer \u00dcberzeugung oder um vorgeschobene Positionen aus taktischen Interessen handelt, kann hier nicht ausf\u00fchrlicher er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p>[16] Vgl. u. a. Armin Pfahl-Traughber, Ideologische Erscheinungsformen des Antisemitismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 31 vom 30. Juli 2007, S. 4-11; Julius H. Schoeps\/Joachim Schl\u00f6r (Hrsg.), Antisemitismus. Vorurteile und Mythen, M\u00fcnchen 1995.<\/p>\n<p>[17] Vgl. u. a. L\u00e9on Poliakov, Geschichte des Antisemitismus. Band 1 bis 8, Worms 1977 und Frankfurt am Main 1988; John Weiss, Der lange Weg zum Holocaust. Die Geschichte der Judenfeindschaft in Deutschland und \u00d6sterreich, Hamburg 1987.<\/p>\n<p>[18] Vgl. u. a. Franco Cardini, Europa und der Islam. Geschichte eines Missverst\u00e4ndnisses, M\u00fcnchen 2000; Albert Hourani, Der Islam im europ\u00e4ischen Denken, Frankfurt\/M. 1994.<\/p>\n<p>[19] Vgl. u. a. Faruk Sen\/Hayrettin Aydin, Islam in Deutschland, M\u00fcnchen 2002; Ursula Spuler-Stegemann, Muslime in Deutschland. Nebeneinender oder Miteinander?, Feiburg 1998.<\/p>\n<p>[20] Vgl. u.a. Werner Bergmann\/Raine Erb, Antisemitismus in der Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse der empirischen Forschung von 1946-1989, Opladen 1991; Andreas Zick\/Beate K\u00fcpper, Antisemitismus in Deutschland und Europa, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 31 vom 30. Juli 2007, S. 12-19.<\/p>\n<p>[21] Vgl. Wilhelm Heitmeyer, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Ein normale Dauerzustand?, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zust\u00e4nde Folge 5, Frankfurt\/M. 2006, S. 15-36, hier S. 24 und 26.<\/p>\n<p>[22] Vgl. Steffen K\u00fchnel\/J\u00fcrgen Leibold, Islamophobie in der deutschen Bev\u00f6lkerung: Ein neues Ph\u00e4nomen oder nur ein neuer Name? Ergebnisse von Bev\u00f6lkerungsumfragen zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit 2003 bis 2005, in: Monika Wohlrab-Sahr\/Levent Tezcan (Hrsg.), Konfliktfeld Islam in Europa, Baden-Baden 2007, S. 135-154.<\/p>\n<p>[23] Vgl. Katrin Brettfeld\/Peter Wetzels, Muslime in Deutschland. Integration, Integrationsbarrieren, Religion sowie Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religi\u00f6s motivierter Gewalt. Ergebnisse von Befragungen im Rahmen einer multizentrischen Studie in st\u00e4dtischen Lebensr\u00e4umen, Hamburg 2007.<\/p>\n<p>[24] Vgl. Bundesministerium des Inneren (Hrsg.), Verfassungsschutzbericht 2008, Berlin 2009.<\/p>\n<p>[25] Richard Herzinger, Islamfeindschaft und Antisemitismus &#8211; ein abwegiger Vergleich, in: Neue Z\u00fcricher Zeitung vom 22. Januar 2010.<\/p>\n<p>[26] Schoeps, Abwegige Parallelen (Anm. 3).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1865],"publikationen":[2825],"class_list":["post-11840","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-armin-pfahl-traughber","publikationen-190-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Sind Antisemitismus und &quot;Islamophobie&quot; vergleichbar? - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/190-vorgaenge\/publikation\/sind-antisemitismus-und-islamophobie-vergleichbar\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Sind Antisemitismus und &quot;Islamophobie&quot; vergleichbar? - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Aus: vorg\u00e4nge Nr. 190, Heft 2\/2010, S.123-134 I. 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