{"id":11844,"date":"2010-03-01T23:00:00","date_gmt":"2010-03-01T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/responsivitaet-und-pluralismus-das-dilemma-liberaler-demokratien\/"},"modified":"2021-08-30T15:40:45","modified_gmt":"2021-08-30T13:40:45","slug":"responsivitaet-und-pluralismus-das-dilemma-liberaler-demokratien","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/189-vorgaenge\/publikation\/responsivitaet-und-pluralismus-das-dilemma-liberaler-demokratien\/","title":{"rendered":"Responsivit\u00e4t und Pluralismus &#8211; das Dilemma liberaler Demokratien"},"content":{"rendered":"<p>Aus: vorg&auml;nge Nr. 189, Heft1\/2010, S. 13-27<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-problemdiagnose-anamnese\">I. Problem&shy;dia&shy;gnose (Anamnese) <\/span><\/h2>\n<p><i>Responsivit&auml;t <\/i>ist ein zentrales Ideal jeder liberalen Demokratie und Demokratietheorie und bezeichnet die Intensit&auml;t, mit der die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in der Politik realisiert werden.[1] Es gilt, dass der Grad an Demokratie in Relation steht zu dem Anteil der Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die von der Politik umgesetzt werden, d.h. je gr&ouml;&szlig;er jener Anteil, desto demokratischer die Demokratie und desto h&ouml;her die Responsivit&auml;t. Seit einigen Jahren scheint die Responsivit&auml;t westlicher Demokratien jedoch kontinuierlich zu sinken, und so wird dieses Ideal zunehmend zum Pr&uuml;fstein f&uuml;r die Zukunftsf&auml;higkeit der liberalen Demokratie und Demokratietheorie. In diesem Aufsatz werden die Ursachen der liberalen Responsivit&auml;tskrise dargestellt und zwei Strategien diskutiert, mit denen die Politische Theorie auf die daraus resultierenden Herausforderungen reagieren kann.<\/p>\n<p>In der liberalen Demokratietheorie wird das Ideal der Responsivit&auml;t aus der irreduziblen Annahme abgeleitet, dass alle Menschen frei und gleich sind (vgl. Dahl 1989). &Uuml;bersetzt in die Sph&auml;re des Politischen folgt daraus, dass alle B&uuml;rger denselben Anspruch darauf haben, dass ihre Pr&auml;ferenzen im demokratischen Prozess Geh&ouml;r finden und realisiert werden. In der politischen Sph&auml;re existiert eben kein &#8222;superior knowledge&#8220; (Saward 1994: 9), so dass die Unm&ouml;glichkeit von sachlich richtigen und eindeutigen (kollektiv bindenden) Entscheidungen politische Entscheidungen grunds&auml;tzlich kontingent erscheinen l&auml;sst und demokratische Politik als einzig legitime Form der gesellschaftlich verbindlichen Regelformulierung und -durchsetzung notwendig wird. Zu dieser Begr&uuml;ndungsfigur geh&ouml;rt auch die auf John Stuart Mills &Uuml;berlegungen in &#8222;&Uuml;ber die Freiheit&#8220; zur&uuml;ckgehende Annahme, nach der die individuellen politischen Pr&auml;ferenzen unhintergehbar sind, da jede B&uuml;rgerin und jeder B&uuml;rger &#8222;the best judge of his own interests&#8220; ist (Pitkin 1967: 204).[2] Ignoranz gegen&uuml;ber den politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger mag (im positiven Fall) paternalistisch oder gemeinwohlorientiert begr&uuml;ndet werden. Doch unabh&auml;ngig von den Motiven nicht-responsiver politischer Akteure, konfligiert eine solche Haltung mit den zentralen Idealen und Pr&auml;missen des liberalen Modells von Demokratie. Das Ideal der Responsivit&auml;t nimmt also unbestreitbar eine normativ herausgehobene Stellung ein und ist von ebensolcher realpolitischer Relevanz.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren sind wir jedoch Zeugen einer paradoxen Entwicklung geworden: Responsivit&auml;t ist nicht mehr nur eine Quelle der normativen Attraktivit&auml;t des liberalen Modells von Demokratie, sie ist zugleich auch eine zentrale Ursache der Krise liberaler Demokratien am Beginn des 21. Jahrhunderts, da die zeitgen&ouml;ssischen liberalen Demokratien in immer geringerem Ma&szlig;e responsiv sein k&ouml;nnen.[3] Entsprechend sinken in den westlichen Demokratien die Unterst&uuml;tzung, die Wertsch&auml;tzung und das Vertrauen, das die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger den politischen Akteuren und Institutionen entgegenbringen, und damit auch deren demokratische Legitimit&auml;t (vgl. Kaina 2004). Um diese Entwicklung besser verstehen und ihre Konsequenzen bewerten zu k&ouml;nnen, werden wir im Folgenden die Ursachen der Responsivit&auml;tskrise liberaler Demokratien betrachten. Wir identifizieren hierbei drei zentrale Problembereiche.<\/p>\n<p><i><b>I.a. Die nationalstaatliche Ebene &#8211; Handlungsf&auml;higkeit der Politik<\/b> <\/i><\/p>\n<p>Eine essenzielle Voraussetzung von Responsivit&auml;t ist die Handlungsf&auml;higkeit der Politik. Das Gestaltungspotential des demokratischen Nationalstaates hat sich jedoch in den letzten Jahren zunehmend reduziert. Die Hauptursache besteht darin, dass der Nationalstaat heute nicht mehr die wichtigste Arena souver&auml;nen politischen Handelns darstellt, zugleich aber der prim&auml;re Artikulationsrahmen politischer Pr&auml;ferenzen ist. Das Auseinanderfallen von Rechtsautoren und Rechtsadressaten, von Entscheidungsbetroffenen und Entscheidungsberechtigten in vielen relevanten Politikfeldern ist daf&uuml;r verantwortlich, dass politische Pr&auml;ferenzen &#8211; in funktionaler Perspektive &#8211; zunehmend falsch adressiert werden, oder dass richtig adressierte Pr&auml;ferenzen nicht mehr ad&auml;quat umgesetzt werden k&ouml;nnen. Durch Prozesse der De-und Supranationalisierung fallen Kompetenzattribution und Kompetenz auseinander (vgl. Leibfried\/Z&uuml;rn 2006).<\/p>\n<p>Die Realisierung politischer Pr&auml;ferenzen ist zudem nicht kostenneutral, der Staat ben&ouml;tigt finanzielle Ressourcen, um sie verwirklichen zu k&ouml;nnen. Es bedarf nicht des Rekurses auf die aktuelle Wirtschaftskrise und deren finanzielle Konsequenzen, um zu verdeutlichen, dass die Handlungsf&auml;higkeit der Nationalstaaten in Bezug auf ihre finanziellen Ressourcen in den letzten Jahren massiv gesunken ist. Gerade jene Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rger, die sozialstaatliche Arrangements betreffen, besitzen daher immer geringere Chancen auf Realisierung.<\/p>\n<p><b><i>I.b. Die individuelle Ebene &#8211; Pluralisierung politischer Pr&auml;ferenzen <\/i><\/b><\/p>\n<p>Ein zweiter wichtiger Strang f&uuml;r die Erkl&auml;rung der sinkenden F&auml;higkeit nationalstaatlicher Politik, responsiv zu handeln, besteht in den sich ver&auml;ndernden politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger. Es geh&ouml;rt zur Argumentation vieler liberaler Demokratietheoretikerinnen und -theoretiker, dass ein liberales demokratisches System mit der Implementation und effektiven Sicherung negativer Freiheitsrechte einen Prozess der Diversifizierung und Pluralisierung von Konzepten des &#8222;Guten Lebens&#8220; unterst&uuml;tzt (vgl. Dahl 1989; Ackermann 1989). Die Pluralisierung von Lebenskonzepten und die Pluralisierung politischer Pr&auml;ferenzen als deren Folge geht mit dem Bedeutungsverlust traditioneller Milieus einher &#8211; u. a. des Arbeitermilieus und des katholischen Milieus -, die wiederum die soziokulturelle Verankerung f&uuml;r politische Orientierungen bereitstellen (und damit auch f&uuml;r politische Pr&auml;ferenzen), welche &uuml;ber Generationen hinweg relativ stabil waren. An die Stelle der sozio-&ouml;konomischen Milieus sind sozio-kulturelle, so genannte Lebensstilmilieus, getreten, die zwar auch normative Orientierungsfunktion besitzen, jedoch individuell-voluntaristischer Natur und instabiler als die sozio&ouml;konomischen Milieus sind (vgl. Sinusstudie 2009; Schulze 1993) &#8211; und die zudem nicht systematisch mit umfassenden politischen Interessenprofilen korrespondieren. Die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger einer politischen Gemeinschaft waren nie homogen &#8211; die Intensit&auml;t und geringe Strukturiertheit ihrer Heterogenit&auml;t er&ouml;ffnen in den letzten Jahren jedoch ein Problem von neuer Qualit&auml;t.<\/p>\n<p>Versch&auml;rfend tritt eine zunehmende &Ouml;konomisierung des gesellschaftlichen und politischen Denkens hinzu, in Folge derer die Individuen ihre politischen W&uuml;nsche ernster nehmen und mit einer h&ouml;heren Realisierungserwartung derselben an die Politik herantreten (vgl. Schaal 2007).[4] Die Frustrationstoleranz in Bezug auf die Vernachl&auml;ssigung der eigenen politischen Pr&auml;ferenzen zu Gunsten republikanisch orientierter Gemeinwohlinteressen schwindet.<\/p>\n<p>Aus politischer Perspektive betrachtet stellt sich daher die Frage, wie Parteien mit diesem Problem-Portfolio umgehen k&ouml;nnen. Eine zentrale Aufgabe von Parteien besteht in der Aggregation politischer Interessen. Die skizzierte Heterogenit&auml;t politischer Pr&auml;ferenzen f&uuml;hrt jedoch dazu, dass Parteien diese Aufgabe sukzessive mit geringerem Erfolg erf&uuml;llen k&ouml;nnen. Dies zeigt sich prototypisch in der nachlassenden Bindungskraft von Volksparteien in vielen liberalen Demokratien, auch in Deutschland (vgl. Niedermayer 2002).<\/p>\n<p><b><i>I.c. Das politische System &#8211; principal-agent-Herausforderungen <\/i><\/b><\/p>\n<p>Schlie&szlig;lich muss nach Gr&uuml;nden seitens der politischen Elite und Funktionstr&auml;ger daf&uuml;r gesucht werden, dass das Ideal der Responsivit&auml;t sukzessive schlechter realisiert wird. Ein Kernproblem jeder liberalen Demokratie besteht in der Tatsache, dass Fl&auml;chendemokratien Repr&auml;sentation ben&ouml;tigen und damit die Delegation politischer Macht institutionalisiert wird. Alle Institutionen, deren Leitidee Delegation ist, besitzen jedoch ein <i>principal-agent-Problem<\/i>: Wie kann der <i>principal <\/i>&#8211; in der liberalen Demokratie also die souver&auml;nen B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &#8211; sicherstellen, dass ihre Agenten &#8211; die Parlamentsmitglieder und die aus ihr hervorgehende Regierung[5]- wirklich das tun, wozu die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sie erm&auml;chtigt haben? Wie k&ouml;nnen sie sicher sein, dass die agents &#8211; wenn sie sich nicht responsiv verhalten &#8211; zumindest das beste Interesse der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger als Richtschnur ihres Handelns nutzen? Arthur Lupia und Matthew McCubbins (2000) bezeichnen das Auseinanderfallen der Pr&auml;ferenzen der <i>principals <\/i>von den Handlungen der <i>agents <\/i>als &#8222;agency loss&#8220;. Kaare Strom (2000) diagnostiziert einen zunehmenden <i>agency loss <\/i>in den letzten Jahren in parlamentarischen Demokratien und findet hierf&uuml;r zwei entscheidende Gr&uuml;nde: Die <i>screening procedures<\/i>, jene Ma&szlig;nahmen also, mit denen die politischen Kandidaten auf ihre Tauglichkeit f&uuml;r politische &Auml;mter in der Partei- und der massenmedialen &Ouml;ffentlichkeit hin getestet wurden, verlieren zunehmend an Aussagekraft. Grundlegend daf&uuml;r ist die Tatsache, dass vergangenes politisches Handeln im Angesicht komplexerer und neuer politischer Herausforderungen zuk&uuml;nftiges Handeln immer weniger erwartbar werden l&auml;sst. Andererseits sind <i>monitoring <\/i>und <i>reporting activities<\/i>, also das aktive &Uuml;berpr&uuml;fen des aktuellen Regierungshandelns durch die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger bzw. der Berichtsleistung der Regierung, zunehmend schwerer, so dass das Handeln von <i>agents <\/i>f&uuml;r die <i>principals <\/i>geradezu unsichtbar wird &#8211; was zum <i>moral hazard <\/i>f&uuml;hren kann (vgl. Schaal 2008).<\/p>\n<p>Zusammenfassend besteht eine der gro&szlig;en Herausforderungen zeitgen&ouml;ssischer liberaler Demokratien also in der Reaktion auf ihre sinkende Responsivit&auml;t, die dazu f&uuml;hrt, dass sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger entt&auml;uscht, verdrossen und misstrauisch zunehmend von der Politik abwenden (vgl. Arzheimer 2002). Allerdings ger&auml;t die liberale Theoriebildung dabei in eine Zwickm&uuml;hle: Eine ihre eigenen normativen Grundlagen ernst nehmende liberale Demokratie unterst&uuml;tzt (oder akzeptiert zumindest) die Pluralisierung und Diversifizierung politischer Pr&auml;ferenzen bei gleichzeitig konstanter Wertsch&auml;tzung des liberalen Ideals der Responsivit&auml;t. Doch diese Gleichzeitigkeit f&uuml;hrt zu einer Entpolitisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und des demokratischen Prozesses als Ganzem. Der R&uuml;ckzug der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger aus der Politik und die Entpolitisierung des Politischen bedeuten eine zunehmende (R&uuml;ck-)Verlagerung ehemals politischer Entscheidungskompetenzen und Handlungsr&auml;ume in den privaten Raum (vgl. u. a. Ranci&egrave;re 2002). Eine solche Entwicklung stellt selbst eine pluralismusorientierte liberale Demokratie mit normativer Pr&auml;mierung negativer Freiheitsrechte vor ein Problem, da diese Prozesse die demokratische Legitimation langfristig in Frage stellen k&ouml;nnten. Auch die Stabilit&auml;t liberaler Demokratien kann auf Dauer nicht garantiert werden, da ein kontinuierlicher Entzug spezifischer Unterst&uuml;tzung langfristig auch die systemtragende diffuse Unterst&uuml;tzung erodieren l&auml;sst.<\/p>\n<p>Differenziert man drei Ebenen von Demokratie &#8211; Werte, Institutionen sowie die Performanz (vgl. Fuchs 1999) &#8211; so kristallisiert sich in (fast) allen etablierten westlichen Demokratien folgender Trend (vgl. Pickel\/Pickel 2006): Die Akzeptanz der <i>Idee von Demokratie <\/i>befindet sich auf hohem Niveau (ca. 80 Prozent Zustimmung), jedoch mit leicht sinkender Tendenz. Das Vertrauen in die Institutionen und die Zufriedenheit mit der <i>implementierten Demokratie <\/i>sinkt rapide und liegt im Durchschnitt 20 bis 40 Prozent unter der Wertsch&auml;tzung der Idee von Demokratie. Die Zustimmung zu der konkreten Politik befindet sich derzeit in fast allen westlichen Demokratien auf einem historisch sehr niedrigen Niveau, partiell zwischen 15 und 30 Prozent. Da anzunehmen ist, dass die schlechter werdenden Werte auf der Performanzebene sich mittelfristig auch negativ auf die Akzeptanz der Idee von Demokratie auswirken, <i>m&uuml;ssen <\/i>die liberale Demokratietheorie und erst recht die liberale Demokratie auf die sinkende Responsivit&auml;t und die damit einhergehenden Prozesse der Entpolitisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger und De-Legitimierung des demokratischen Prozesses reagieren.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-auswege-aus-dem-liberalen-dilemma-therapieansaetze\">II. Auswege aus dem liberalen Dilemma (Thera&shy;pie&shy;an&shy;s&auml;tze) <\/span><\/h2>\n<p>Wir identifizieren zwei grundlegende Strategien, mit denen die liberale Demokratie (-theorie) auf das Responsivit&auml;tsproblem in modernen politischen Gesellschaften reagieren kann: Einerseits die <i>Akzeptanz der Entpolitisierung<\/i> bei gleichzeitiger Implementierung legitimationserh&ouml;hender Verfahren, Prozeduren und Institutionen, andererseits die Strategie der <i>Re-Politisierung<\/i> der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sowie des demokratischen Prozesses.<\/p>\n<p><i><b>II.a. Die Akzeptanz-Strategie <\/b><\/i><\/p>\n<p>Die erste Strategie besteht darin, das Auseinanderdriften zwischen Responsivit&auml;tsanspr&uuml;chen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger einerseits und politischer Handlungsf&auml;higkeit andererseits grunds&auml;tzlich zu akzeptieren &#8211; durch eine Verlagerung von Entscheidungsinitiative und -kompetenz jedoch die Zufriedenheit und das Vertrauen der B&uuml;rger in die politischen Akteure und Institutionen sowie deren Legitimit&auml;t zu st&auml;rken. Wir identifizieren zwei Formen dieser &#8222;Entpolitisierungs-Akzeptanz-Strategie&#8220;, die sowohl Diskussionen in der Politischen Theorie als auch die politische Praxis der letzten Jahre gepr&auml;gt haben. Sie bieten M&ouml;glichkeiten, das Responsivit&auml;tsproblem zu adressieren, ohne die normativen Pr&auml;missen der liberalen Demokratietheorie grundlegend revidieren zu m&uuml;ssen. Dies ist einerseits eine st&auml;rkere Fokussierung auf <i>democratic leadership<\/i>, andererseits die Betonung <i>expertenorientierter Elemente <\/i>der liberalen Demokratie.<\/p>\n<p>Sowohl eine St&auml;rkung politischer F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten als auch eine st&auml;rkere Integration von Expertinnen und Experten in den politischen Prozess k&ouml;nnen (zumindest theoretisch) Entpolitisierungsprozesse aufhalten und die Demokratiezufriedenheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger erh&ouml;hen (vgl. Ritzi\/Schaal 2010). Sie haben dabei jedoch zur Konsequenz, dass demokratische Legitimationsprozesse eine st&auml;rkere Output- bzw. Outcome-Orientierung aufweisen, als es in partizipations- und damit inputorientierteren Demokratiemodellen der Fall ist. Der Politikwissenschaftler Andr&aacute;s K&ouml;r&ouml;s&eacute;nyi bezeichnet derartige Entwicklungen gar als Austausch der zentralen Ideale der zeitgen&ouml;ssischen Demokratietheorie und -praxis (vgl. K&ouml;r&ouml;s&eacute;nyi 2005). Das klassische demokratische Ideal des <i>responsive government <\/i>werde dabei abgel&ouml;st durch das Ideal des <i>responsible government<\/i>, eine Herrschaftsform, in der die Regierung Verantwortung f&uuml;r die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &uuml;bernimmt, indem sie in den Augen derselben &sbquo;gute&#8216; politische Entscheidungen f&auml;llt, die jedoch nicht an den Input des demokratischen Prozesses r&uuml;ckgekoppelt sein m&uuml;ssen.<\/p>\n<p>Die Unterschiede zwischen <i>democratic leadership <\/i>und <i>expertenorientierter Demokratie<\/i>[6] liegen in der Relevanz von Charisma bzw. Kompetenz und der Vereinbarkeit der beiden Formen der Akzeptanz-Strategie mit starken parlamentarischen Entscheidungsgremien, die die Repr&auml;sentation verschiedener Interessenlagen sicherstellen sollen.<\/p>\n<p>Obwohl die St&auml;rkung politischer F&uuml;hrungspersonen das Risiko in sich birgt, dass v. a. gesellschaftliche Minderheiten nur noch wenig Geh&ouml;r im politischen Prozess finden, haben demokratietheoretische Ans&auml;tze, die sich mit <i>leadership <\/i>besch&auml;ftigen, in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen.[7] Ein wichtiges Erkl&auml;rungsmoment ist hierf&uuml;r die Hoffnung, mit Hilfe demokratisch gew&auml;hlter, starker F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten v. a. die westlichen Demokratien aus der Handlungsunf&auml;higkeit zu befreien, die aus Interessenskonflikten in pluralen, teilweise fragmentierten Gesellschaften resultiert. Wenn die Aggregation politischer Interessen mit Hilfe parteipolitischer Programme und einer geteilten, nationalen oder supranationalen Identit&auml;t immer schlechter gelingt, tendieren B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wie Politikerinnen und Politiker dazu, den Status Quo zu verteidigen, nur mehr kurzfristig-rationale Entscheidungen zu treffen und gro&szlig;e Reformen zu verschieben (vgl. Schaal\/Ritzi 2009a). Wie Reinhard Zintl (2008) aufzeigt, ist demokratisches Handeln zudem von zyklisch wiederkehrenden Entscheidungsmustern gepr&auml;gt, die unabh&auml;ngig von Sachfragen das politische Verhalten beeinflussen. Vor allem bei hohem Problemdruck kann die &Uuml;berwindung der Zyklizit&auml;t jedoch eine Erfolgsbedingung politischen Handelns sein. Demokratische Systeme und Regierungen, die von einer starken F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeit geleitet werden, k&ouml;nnen diese H&uuml;rden im politischen Entscheidungsprozess v. a. in Vielparteien-Systemen mit einer gr&ouml;&szlig;eren Wahrscheinlichkeit &uuml;berwinden als schwache Regierungsf&uuml;hrer, die zu konsensorientierten Handlungen gezwungen sind. Sofern die Entscheidung zu positiven Resultaten f&uuml;hrt, kann sie ex post die Interessenskonflikte zwischen den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern &uuml;berbr&uuml;cken und das Vertrauen der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler in das politische System st&auml;rken.<\/p>\n<p>Dieser Vertrauensaufbau, der neben der politischen Entscheidungsqualit&auml;t wesentlich auf dem Charisma der F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten beruht, muss jedoch regelm&auml;&szlig;ig gl&uuml;cken, da <i>leadership democracies <\/i>nur dann Legitimit&auml;t besitzen und stabil sein k&ouml;nnen, wenn die politischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten auf eine vergleichsweise konstante Unterst&uuml;tzung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, die dann eben nur noch sehr bedingt die &#8222;judges of their own interests&#8220; sind, zur&uuml;ckgreifen k&ouml;nnen. Eine solche Unterst&uuml;tzung ist in Deutschland jedoch derzeit nicht gegeben: Mehr als 60 Prozent der Befragten sprachen sich 2006 gegen einen starken politischen F&uuml;hrer aus.[8] Angesichts der immer schlechteren Reputation von Politikerinnen und Politikern bei den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern ist hierbei mittelfristig wohl auch keine &Auml;nderung zu erwarten.<\/p>\n<p>Auch aus normativer Perspektive erscheinen <i>leadership democracies <\/i>als &auml;u&szlig;erst problematische Demokratieformen. Politische F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten k&ouml;nnen zwar pragmatisch handeln, aber ihre starke Fokussierung auf <i>outcomes <\/i>und <i>outputs <\/i>erf&uuml;llt das demokratische Ideal der Selbstregierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger nur unzureichend. Zudem erfordert die Logik der Orientierung politischen Handelns starker F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten an den zu erwartenden Wiederwahlaussichten eine Fokussierung auf die Interessen der Mehrheit &#8211; was nur sehr bedingt als Umschreibung von Gemeinwohl taugt (vgl. Offe 2002).<\/p>\n<p>Ein anderes Bild zeigt sich &#8211; zumindest f&uuml;r den deutschen Fall &#8211; in Bezug auf die Einstellungen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu einer Entwicklung in Richtung einer <i>expertenorientierten Demokratie<\/i>. Mit 64 Prozent sprachen sich im Jahr 2006 mehr als die H&auml;lfte der im Rahmen des World Values Survey befragten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger daf&uuml;r aus, dass &#8222;Experten Entscheidungen treffen sollten&#8220;. In den letzten 13 Jahren ist der Anteil der Bef&uuml;rworter dabei relativ konstant geblieben. Anstelle auf charismatische und selbstlose F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten scheinen die Deutschen also auf Fachwissen zu vertrauen. Die institutionalisierte Integration von Expertinnen und Experten in den demokratischen Prozess scheint vor diesem Hintergrund die technokratische Interpretation eines republikanischen Verst&auml;ndnisses von Gemeinwohl zu sein, wobei Gemeinwohl nicht (mehr) politisch (als das f&uuml;r <i>uns <\/i>Richtige) verstanden wird, sondern (wieder) in einem <i>objektiv <\/i>richtigen Sinne.<\/p>\n<p>&Auml;hnlich wie bei der bundesdeutschen Bev&ouml;lkerung, scheint auch in der liberalen politischen Theorie eine Tendenz zu bestehen, die Heranziehung von Expertinnen und Experten als affirmative &Uuml;berwindungsstrategie der Entpolitisierung zu betrachten. Die Suche nach sachlich &sbquo;richtigen&#8216; Entscheidungen mag dabei im Konflikt mit dem kontingenten Charakter manches politischen Problems stehen (vgl. Greven 2009) &#8211; und besitzt damit normative Implikationen, die denen der <i>democratic leadership<\/i>-Diskussionen &auml;hneln, der institutionalisierte R&uuml;ckgriff auf Expertenvoten kann jedoch auch eine attraktive M&ouml;glichkeit sein, um Interessenskonflikte zu &uuml;berwinden und in Konstellationen sich widersprechender Pr&auml;ferenzen individualisierter B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger akzeptable Entscheidungen zu treffen. Expertinnen und Experten k&ouml;nnen dabei nat&uuml;rlich nicht als Repr&auml;sentanten der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger betrachtet werden,[9] ihr Einfluss kann jedoch in fast beliebigen Konstellationen mit parlamentarischen Gremien verbunden werden. Entsprechend greifen die geladenen Fachleute (im Gegensatz zu politischen F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten) in der heutigen demokratischen Praxis wesentlich h&auml;ufiger beratend und ratgebend in den politischen Prozess ein als entscheidend, und eine Erweiterung ihrer Mitspracherechte steht nicht zwingend im Widerspruch zu parlamentarischer Macht bzw. Kontrolle.<\/p>\n<p><i>Expertenorientierte Demokratieformen <\/i>erscheinen vor diesem Hintergrund also zwar ebenfalls nicht als unproblematisch, aber im Vergleich zu <i>leader democracies <\/i>als die theoretisch wie praktisch attraktivere Strategie, um auf das liberale Dilemma, das aus gleichzeitiger Responsivit&auml;ts- und Pluralismusorientierung resultiert, zu reagieren. Beide Ans&auml;tze k&ouml;nnen das eigentliche Problem der sinkenden Responsivit&auml;t moderner Demokratien jedoch nicht l&ouml;sen, sondern lediglich Akzeptanz f&uuml;r die sinkende Verwirklichung der Pr&auml;ferenzen und Umsetzung der Interessen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger generieren. Im Folgenden soll nun eine zweite Strategie betrachtet werden, die eine Probleml&ouml;sung durch (Re-)Politisierung anstrebt.<\/p>\n<p><b><i>II.b. Die Re-Politisierungs-\/Fragmentierungs-Strategie<\/i><\/b><\/p>\n<p>Die demokratietheoretischen Konsequenzen der gesellschaftlichen Pluralisierung und der damit einhergehenden Fragmentierung werden auch jenseits der liberalen Responsivit&auml;tsproblematik in der Politikwissenschaft seit einigen Jahren intensiv diskutiert. Vor allem in feministischen (vgl. Phillips 1993, 1995; Young 1990, 2000; Holland-Cunz 1998) und multikulturalistischen (vgl. Kymlicka 1995; Taylor 1993, 2002) Arbeiten zur Demokratietheorie wird bereits seit den 1980er Jahren darauf hingewiesen, dass &sbquo;einfache&#8216; Repr&auml;sentationssysteme den Anforderungen pluralistischer Gesellschaften zunehmend weniger gerecht werden, da die Anspr&uuml;che verschiedener gesellschaftlicher Teilgruppen ausgesprochen ungleich gewichtig in diese einflie&szlig;en &#8211; was einen normativ nicht legitimierbaren Bias in der politischen Entscheidungsfindung zu Gunsten gro&szlig;er und v. a. traditionell einflussreicher Gruppen zur Folge hat.<\/p>\n<p>Seit den 1990er Jahren treten die Vorschl&auml;ge deliberativer Demokratietheoretikerinnen und Demokratietheoretiker hinzu, politische Pr&auml;ferenzen nicht als vorpolitisch und unhintergehbar zu setzen (wie in der liberalen Demokratietheorie &uuml;blich), sondern den Prozess der Pr&auml;ferenzgenese selbst als Basis demokratischer Legitimation zu verstehen (vgl. grundlegend Manin 1987). Hieraus resultiert ein anderes Verst&auml;ndnis des demokratischen Prozesses sowie der Bedeutung von Pr&auml;ferenzen. Entsprechend &auml;ndert sich auch die Wahrnehmung des Bedrohungspotentials, das aus der steigenden Pluralit&auml;t resultiert. Trotz aller Verschiedenheit der genannten Demokratietheorien, eint sie der Versuch, die Vielf&auml;ltigkeit moderner Gesellschaften nicht als Problem zu diskutieren, sondern im demokratischen Prozess <i>produktiv nutzbar <\/i>zu machen &#8211; aus diesem Grund werden sie hier zu einer Strategieform zusammengefasst. Die Fragmentierung dient dieser Strategie als Grundlage einer Re-Politisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &#8211; was wiederum auf zwei Arten geschehen kann.<\/p>\n<p>Die erste ist der Vorschlag <i>gruppenspezifischer Repr&auml;sentationsformen<\/i>, die &uuml;ber die sinkende Repr&auml;sentationsf&auml;higkeit der Parteien angesichts der gesellschaftlichen Pluralisierung begr&uuml;ndet wird. Auch wenn sich als Reaktion auf Diversifikations-Prozesse eine Fragmentierung der Parteienlandschaft in modernen Demokratien beobachten l&auml;sst,[10] kann die parteipolitische Organisationsform nach Ansicht von Anh&auml;ngerinnen und Anh&auml;ngern der Gruppenrepr&auml;sentationsmodelle allein nicht mehr eine gerechte Bev&ouml;lkerungsrepr&auml;sentation gew&auml;hrleisten.[11] Gruppen sollen in Parlamenten und anderen repr&auml;sentativen Entscheidungsorganen daher als zweite Repr&auml;sentationsdimension eingef&uuml;hrt werden. Diese Vorgehensweise wird bislang zwar nicht in erster Linie von Theoretikerinnen und Theoretikern aus liberalen Kontexten verfolgt, sie kann der liberalen Demokratietheorie jedoch dazu dienen, den Zwiespalt zwischen Pluralit&auml;t, Responsivit&auml;t und politischer Handlungsf&auml;higkeit zu &uuml;berwinden: Mit Hilfe einer Re-Politisierung der fragmentierten Gesellschaft k&ouml;nnen der Responsivit&auml;tsverlust begrenzt und die Akzeptanz der B&uuml;rger(gruppen) gegen&uuml;ber weniger responsiver Politik erh&ouml;ht werden. Einen vergleichsweise detailliert ausgearbeiteten Vorschlag zur (Re-)Politisierung pluralistischer Gesellschaften mittels Gruppenrepr&auml;sentation hat Iris Marion Young (1989, 1990) vorgelegt. Sie fordert eine Modifikation politischer Repr&auml;sentationssysteme, die bestimmten gesellschaftlichen Gruppen mittels Quoten ein verbessertes Mitspracherecht sichert und auch gruppenspezifische Vetorechte vorsieht (so sollen beispielsweise Frauen in Bezug auf Fragen zur Abtreibung ein Vetorecht im Parlament erhalten).[12] Die Gruppen werden zudem durch finanzielle Mittel darin unterst&uuml;tzt, sich zu organisieren und politische Positionen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Gruppenrepr&auml;sentanz kann dabei nicht nur zu einer gerechteren Gesellschaft f&uuml;hren (wenngleich dies Youngs prim&auml;res Anliegen ist), sondern sie tr&auml;gt auch zu einer Stabilisierung von Demokratien bei. Durch die verbesserte Integration bislang unterdr&uuml;ckter gesellschaftlicher Gruppen sollen erstens qualitativ bessere politische Entscheidungen(und ergo eine erh&ouml;hte Responsivit&auml;t) m&ouml;glich werden, und sich zweitens die &Uuml;berzeugung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger festigen, dass sie in einer gerechten Gesellschaft und in einem guten demokratischen System leben. Diese &Uuml;berzeugung wiederum erh&ouml;ht die Kompromissbereitschaft und Gemeinwohlorientierung &#8211; trotz aller Einstellungs- und Interessenunterschiede.<\/p>\n<p>Youngs Pl&auml;doyer f&uuml;r eine gruppenspezifische (Re-)Politisierung kann als gutes Mittel zur Repr&auml;sentativit&auml;tserh&ouml;hung und Steigerung der Demokratiezufriedenheit gesehen werden, das das Faktum der Pluralit&auml;t und die Supranationalisierung nicht antastet &#8211; daf&uuml;r jedoch die Gleichheit der B&uuml;rger st&auml;rker output- als inputorientiert betrachtet. Die demokratische Wahl w&uuml;rde zwar weiterhin gem&auml;&szlig; der Regel &#8222;one man one vote&#8220; erfolgen, die Struktur des Wahlergebnisses w&auml;re jedoch ein St&uuml;ck weit vorgegeben. Dies wird nicht von allen (liberalen) Theoretikerinnen und Theoretikern akzeptiert. Zudem reagiert der gruppenspezifische Ansatz nur bedingt auf eine der anfangs beschriebenen Ursachen des liberalen Responsivit&auml;tsdilemmas: Die Pluralisierung wird auf der Ebene der Gruppe, aber nicht des (auch politisch vorwiegend egoistisch handelnden) Individuums theoretisch konzeptionalisiert &#8211; und kann somit nur eine Dimension der Fragmentierung abdecken.<\/p>\n<p>Dieser Problematik entgeht die zweite Form der Fragmentierungsstrategie, die ma&szlig;geblich von deliberativen &Uuml;berlegungen beeinflusst ist. Dabei soll an dieser Stelle keine grundlegende Rekonstruktion des Verh&auml;ltnisses der deliberativen Demokratietheorie zur Responsivit&auml;t erfolgen[13] &#8211; daraus resultierende <i>deliberative settings <\/i>in der so genannten &sbquo;starken Form&#8216; (vgl. Chambers 2009) erfordern einen Austausch zentraler demokratischer Leitideen und k&ouml;nnen folglich nicht in ein liberales Demokratiemodell implementiert werden. In diesem Aufsatz diskutieren wir stattdessen Auswege aus dem Responsivit&auml;tsverst&auml;ndnis ausgehend von einem <i>liberalen <\/i>Standpunkt &#8211; wof&uuml;r ein Blick auf die &sbquo;schwachen Formen&#8216; (so genannte <i>democratic deliberations<\/i>) lohnenswert ist.<\/p>\n<p>In der schwachen Form werden deliberative Prozeduren, Prozesse und Institutionen in das Modell der liberalen Demokratie implementiert, ohne die zentralen normativen liberalen Ideale auszutauschen. Die zentrale Motivation einer solchen Vorgehensweise besteht in der &Uuml;berzeugung, dass die Bereitschaft zur politischen Partizipation nicht aus dem Wunsch nach der instrumentellen Durchsetzung vorpolitischer Pr&auml;ferenzen hervorgeht, sondern durch die <i>Beteiligungsstrukturen <\/i>selbst moderiert wird. Eine deliberative Beteiligungsstruktur fungiert in dieser Perspektive als eine <i>enabling structure <\/i>politischer Partizipation, sie motiviert politische Beteiligung und verschiebt zugleich die normative Gewichtung von einer eher instrumentellen hin zu einer intrinsischen Motivation zur Partizipation.<\/p>\n<p><i>Deliberative settings <\/i>k&ouml;nnen auf unterschiedlichen Ebenen (Staatenbund, Bund, Land, Kommune) und in unterschiedlichen Phasen des demokratischen Prozesses installiert werden. Auch ist nicht a priori festgelegt, ob sie ausschlie&szlig;lich konsultativen Charakter besitzen oder dar&uuml;ber hinaus &#8211; in welcher konkreten Ausgestaltung auch immer &#8211; bindend f&uuml;r sp&auml;tere Entscheidungsebenen sein sollen. Heute erscheint diese Option auch weniger utopisch als noch vor zehn Jahren, hat sich die deliberative Demokratietheorie doch inzwischen zu einer &#8222;working theory&#8220; (vgl. Chambers 2005) entwickelt. Entsprechend wurden deliberative Entscheidungsverfahren in den letzten zehn Jahren &uuml;berall auf der Welt mit Erfolg implementiert (vgl. Gastil\/Levine 2005). Denkbar sind deliberative Prozeduren, die entscheidungsrelevant sind. In diese Kategorie geh&ouml;ren u. a. die Planungszelle (vgl. Dienel 1997) und unterschiedliche Formen von <i>Town Hall Meetings. <\/i>Charakteristisch f&uuml;r diese Verfahren ist, dass B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in einem institutionell klar definierten Rahmen miteinander &#8211; h&auml;ufig unter beratender Einbeziehung der Expertise von Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern &#8211; deliberieren. Das Besondere besteht in der Verortung der deliberativ aufgearbeiteten politischen Entscheidungen: Sie sind hierarchisch auf einer kommunalen\/lokalen Ebene und\/oder in einem sachlich eng begrenzten Feld verortet.<\/p>\n<p>Deliberative Verfahren k&ouml;nnen auch in konsultativer Absicht implementiert werden. Hierzu ist institutionelle Fantasie angebracht. Denkbar ist &#8211; in Anlehnung an einen Vorschlag von Hubertus Buchstein (2009) &#8211; die Einf&uuml;hrung einer per Losentscheid zuf&auml;llig besetzten deliberativen Konsultationskammer auf Bundes-, Landes- oder supranationaler Ebene, deren Aufgabe in der kritischen Sicht aller Gesetzentw&uuml;rfe vor ihrer Ratifizierung durch das Parlament liegt. Motiviert wird eine solche deliberative Konsultationskammer durch die Hoffnung, dass im Zuge eines deliberativen Prozesses der Beratungen &uuml;ber einen Gesetzentwurf durch B&uuml;rger erstens eine kritische (zivilgesellschaftliche) &Ouml;ffentlichkeit adressiert werden kann, und zweitens inhaltliche Empfehlungen ausgesprochen werden, die Gesetze und Gesetzesinitiativen <i>verbessern<\/i>. In eine &auml;hnliche Richtung zielt auch das von James Fishkin (1995) forcierte Projekt der &#8222;deliberative polls&#8220;. Hier deliberieren zuf&auml;llig ausgew&auml;hlte B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &uuml;ber ein Sachthema, zu dem sie im Vorfeld des Treffens fundiertes und ausgewogenes Informationsmaterial erhalten haben. Dabei besteht die Hoffnung, dass eine aufgekl&auml;rte (Mini-)&Ouml;ffentlichkeit geschaffen wird, in der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger zu aufgekl&auml;rten politischen Pr&auml;ferenzen kommen. Diese wiederum k&ouml;nnen f&uuml;r Regierungshandeln informativer sein als konventionelle Meinungsumfragen.<\/p>\n<p>Welchen Beitrag kann <i>democratic deliberation <\/i>zur L&ouml;sung des Dilemmas von Responsivit&auml;t <i>und <\/i>Pluralismus leisten? Hierzu ist es hilfreich, die unterschiedlichen Problemursachen zu differenzieren. Die <i>deliberative settings <\/i>werden der Pluralisierung politischer Pr&auml;ferenzen insofern gerecht, als Deliberation der Verarbeitung m&ouml;glichst vielf&auml;ltiger Argumente und Standpunkte dienen soll und zudem angenommen wird, dass die epistemologische Qualit&auml;t der Ergebnisse mit zunehmender Vielfalt der vorgebrachten Argumente steigt (vgl. Manin 1997; Sunstein 1991). Die Legitimit&auml;t des demokratischen Prozesses resultiert entsprechend aus einem inklusiven Prozess, in dessen Verlauf die politischen Pr&auml;ferenzen der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sich einerseits erst formieren, andererseits aber durch den &sbquo;zwanglosen Zwang des besseren Arguments&#8216; und die Notwendigkeit zur Begr&uuml;ndung der je eigenen Pr&auml;ferenz gleichzeitig &sbquo;gereinigt&#8216; werden. Dar&uuml;ber hinaus zeigen empirische Deliberationsstudien (vgl. Schaal\/Ritzi 2009b), dass Deliberation dann besonders erfolgreich ist, wenn die am Diskurs Beteiligten heterogene Pr&auml;ferenzen besitzen. Pluralit&auml;t stellt aus dieser Perspektive also keine Herausforderung, sondern eine Bedingung eines erfolgreichen deliberativen Prozesses dar.<\/p>\n<p>Zur L&ouml;sung des Responsivit&auml;tsdilemmas kann <i>democratic deliberation <\/i>in einem strikten Sinne nur einen geringen Beitrag leisten, da das Kriterium der Responsivit&auml;t in Bezug auf vorpolitische Pr&auml;ferenzen normativ nur eingeschr&auml;nkt akzeptiert wird. Da <i>democratic deliberation <\/i>jedoch in ein dominant liberales Institutionen- und Wertsetting implementiert wird, ist diese Einschr&auml;nkung rein theoretischer Natur. Praktisch kann <i>democratic deliberation <\/i>in Abh&auml;ngigkeit von ihrer konkreten Institutionalisierung einen differenzierten Beitrag zur L&ouml;sung des Reponsivit&auml;tsdilemmas leisten. Wie Lupia\/McCubbins (2000) gezeigt haben, tritt <i>agency loss <\/i>in <i>principal-agent<\/i>-Beziehungen dann nicht auf, wenn der <i>principal <\/i>um die Handlungen des <i>agent <\/i>wei&szlig; <i>(information criteria). <\/i>Eine wichtige L&ouml;sungsstrategie besteht daher in einer neutralen und glaubw&uuml;rdigen Monitoring-Institution. Eine deliberative Konsultationskammer erf&uuml;llt diese Anforderungen und kann einen wichtigen Beitrag zur &Uuml;berwindung der <i>principal-agent<\/i>-Problematik leisten.<\/p>\n<p>Das Auseinanderfallen von Entscheidungsberechtigten und Entscheidungsbetroffenen kann <i>democratic deliberation <\/i>ebenfalls zumindest partiell &uuml;berwinden, da solche Verfahren auch jenseits des Nationalstaates implementiert werden k&ouml;nnen (vgl. Nanz\/Steffek 2005). Ob die zunehmende &Ouml;konomisierung der gesellschaftlichen und politischen Sph&auml;re durch Deliberationsangebote eingehegt werden kann, ist jedoch zweifelhaft.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-pluralismus-und-responsivitaet-rekonvaleszenz\">III. Pluralismus und Respon&shy;si&shy;vi&shy;t&auml;t? (Rekon&shy;va&shy;les&shy;zenz) <\/span><\/h2>\n<p>Die Implementierung deliberativer Verfahren im Kontext liberaler Demokratien ist eine viel versprechende Strategie, um die Re-Politisierung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger sowie des demokratischen Prozesses anzusto&szlig;en. Erstens, weil die begr&uuml;ndete Hoffnung besteht, dass die Intensit&auml;t der politischen Partizipation im Rahmen von <i>deliberative settings <\/i>steigt; zweitens, weil die Sachkompetenz der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger durch die Inklusion in deliberative Beratungs- und Entscheidungsprozesse anerkannt wird; drittens, weil die Kontingenz des Politischen in deliberativen Verfahren symbolisch zur Darstellung gebracht wird, indem die Standpunkte und Argumente aller Beteiligten in der &Ouml;ffentlichkeit artikuliert werden und viertens, weil das Ideal der Responsivit&auml;t durch die Integration des Gedankens der Pr&auml;ferenzformung <i>im <\/i>politischen Prozess relativiert wird. Aus liberaler Perspektive erscheint die Integration von <i>democratic deliberation <\/i>in dominant liberal inspirierte Institutionensettings attraktiv, weil sie den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern faktisch wie auch symbolisch die Kompetenz zuspricht, den politischen Kurs des Gemeinwesens inhaltlich mitzubestimmen und damit das liberale Ideal, wonach jeder B&uuml;rger &#8222;the best judge of his own interests&#8220; sei, revitalisiert. Liberale Demokratien und Demokratietheorien k&ouml;nnen somit in der Integration deliberativer Momente und Partizipationsformen bei gleichzeitiger Beibehaltung ihrer normativen Grundlagen eine M&ouml;glichkeit finden, um Responsivit&auml;t <i>trotz <\/i>pluralistischer Interessenskonstellationen zu erzielen.<\/p>\n<p>Re-Politisierend &#8211; und zwar gleichsam als Top-Down-Prozess &#8211; wirkt auch die Modifikation des Repr&auml;sentationsverst&auml;ndnisses in Richtung Gruppenrepr&auml;sentation. Es existieren &uuml;berzeugende Argumente daf&uuml;r, nicht mehr ausschlie&szlig;lich an Individuen gebundene Interessen zu repr&auml;sentieren, sondern Gruppeninteressen ernst zu nehmen. Die funktionalen und normativen Konsequenzen einer entsprechenden Strategie sind jedoch gravierend und &uuml;berschreiten jene der <i>democratic deliberation <\/i>deutlich. In normativer Perspektive wird u. a. der methodologische Individualismus als Grundlage liberaler Theoriebildung so nachhaltig in Frage gestellt, dass zentrale demokratische Ideale &#8211; wie u. a. das &#8222;one man one vote&#8220;-Prinzip &#8211; nur noch eingeschr&auml;nkte Geltung besitzen. Empirisch w&uuml;rde sich die Parteienstruktur pluralisieren und die Konfliktintensit&auml;t parlamentarischer Arbeit mit gro&szlig;er Wahrscheinlichkeit erh&ouml;hen. Angesichts dieser normativen und realpolitischen Kosten ist es unwahrscheinlich, dass Gruppenrepr&auml;sentation, trotz einiger theoretisch &uuml;berzeugender Argumente, auf absehbare Zeit eingef&uuml;hrt wird.<\/p>\n<p>Der Modus Vivendi besteht in der Ausdehnung des Expertenwesens in der liberalen Demokratie. Normativ unterminiert diese Strategie jedoch das liberale Ideal des &#8222;best judge of his own interests&#8220;. Es ist daher eine geradezu tragisch zu nennende Ironie, dass die liberale Demokratie aufgrund der ihr inh&auml;renten Prozesse der Pluralisierung von Konzeptionen des &#8222;Guten Lebens&#8220; nicht nur ihre eigene Entpolitisierung forciert, sondern auch die Autonomie-und Kompetenz<i>selbstwahrnehmung <\/i>der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger so nachhaltig erodieren l&auml;sst, dass f&uuml;r sie die Ausweitung expertokratischer Elemente normativ wie funktional w&uuml;nschenswert erscheint. Die Erfahrungen des letzten Jahrzehnts zeigen jedoch, dass die sinkende Akzeptanz der politischen Institutionen und die rapide sinkende Zufriedenheit mit den Outputs und Outcomes des politischen Systems <i>trotz <\/i>Ausweitung der Beratungst&auml;tigkeit durch Expertinnen und Experten erfolg(t)en. Eine St&auml;rkung des <i>democratic leaderships <\/i>erscheint uns schlie&szlig;lich trotz seiner Renaissance in Theorie und Praxis normativ nicht w&uuml;nschenswert.<\/p>\n<p>Pluralismus <i>und <\/i>Reponsivit&auml;t sind unter den Bedingungen liberaler Demokratien der Gegenwart zunehmend schwerer gleichzeitig zu optimieren. Wir pl&auml;dieren f&uuml;r die normativ anspruchsvolle und zugleich realit&auml;tskompatible L&ouml;sung, deliberative Verfahren in ein ansonsten liberal demokratisch inspiriertes Institutionensetting zu implementieren. Doch ist auch diese Strategie nicht unproblematisch, existiert doch ein ambivalentes und theoretisch noch nicht hinreichend ausgearbeitetes Verh&auml;ltnis von Liberalismus und <i>democratic deliberation<\/i>. Um nur ein paar Schlaglichter zu setzen: Welche Relevanz besitzt das Ideal der Responsivit&auml;t in deliberativen Verfahren? Welche Kommunikationsmodi (<i>arguing <\/i>oder <i>bargaining<\/i>) sind empirisch erwartbar und normativ w&uuml;nschenswert? K&ouml;nnen deliberative Verfahren in liberalen Kontexten die in sie gesetzten Erwartungen &#8211; u. a. h&ouml;here Legitimit&auml;t, bessere Entscheidungen, bessere Inklusion der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger &#8211; &uuml;berhaupt erf&uuml;llen? Oder tendieren deliberative Verfahren, die auf <i>arguing <\/i>basieren, dazu, in liberalen Settings von strategischen Akteuren, die <i>bargaining <\/i>betreiben, ausgebeutet zu werden? Der Erfolg der skizzierten Re-Politisierungsstrategie ist in der politischen Wirklichkeit deshalb auch davon abh&auml;ngig, dass diese Fragen &#8211; und viele andere, die hier nicht angesprochen werden k&ouml;nnen &#8211; in der politischen Theorie konzeptionell aufgegriffen und empirisch analysiert werden. Die von uns vorgeschlagene Implementation von <i>democratic deliberation <\/i>markiert daher weniger eine L&ouml;sung als den Beginn einer theoretischen wie empirischen Diskussion &uuml;ber das Verh&auml;ltnis von Liberalismus, Deliberation, Responsivit&auml;t und Pluralismus.<\/p>\n<p>[1] Held (2006) differenziert zwei Spielarten des Liberalismus, deren normative Leitideen deutlich variieren. Die hier vertretene Position ist ein Modell, das sich am Mainstream-Verst&auml;ndnis des Liberalismus orientiert.<\/p>\n<p>[2] F&uuml;r eine vergleichende Analyse verschiedener liberaler Interpretationen dieses Axioms vgl. Goodin (1990).<\/p>\n<p>[3] Vgl. pars pro toto die Krisendiagnosen von Buchstein\/Schmalz-Bruns (1994), Bl&uuml;hdorn (2008) u. v.a.<\/p>\n<p>[4] Die zunehmende Orientierung an Kosten-Nutzen-Kalk&uuml;len und die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung republikanisch inspirierter Orientierungen am Gemeinwohl sind in der soziologischen Zeitdiagnose fast unbestritten. Vgl. f&uuml;r neuere Diagnosen Crouch (2009), Maurer\/Schimank (Hrsg.) (2008).<\/p>\n<p>[5] An dieser Stelle wird nur das <i>principal-agent<\/i>-Problem parlamentarischer Demokratien, nicht pr&auml;sidentieller Demokratien diskutiert. Vgl. Str&Oslash;m (2000) sowie Lupia, McCubbins (2000).<\/p>\n<p>[6] Die Bezeichnung &#8222;Expertokratie&#8220; wird an dieser Stelle bewusst vermieden, da diese Strategie nicht in erster Linie darauf zielt, die Herrschaft (d. h. in diesem Kontext Entscheidungskompetenz) von demokratisch gew&auml;hlten Repr&auml;sentantinnen und Repr&auml;sentanten auf Expertinnen und Experten zu verlagern.<\/p>\n<p>[7] Vgl. das Schwerpunktheft 3\/2010 der &Ouml;sterreichischen Zeitschrift f&uuml;r Politikwissenschaft (&Ouml;ZP); Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) 2-3\/2010.<\/p>\n<p>[8] World Values Survey (Ergebnisse der Befragungen aus den Jahren 2005\/2006).<\/p>\n<p>[9] Die Repr&auml;sentationsproblematik ist ein wichtiger Grund, weshalb viele liberale Theoretikerinnen und Theoretiker wie Anne Phillips einen zunehmenden Einfluss von Expertinnen und Experten auf die demokratische Entscheidungsfindung ablehnen. Phillips warnt in diesem Kontext vor &#8222;even further capitulation to the experts&#8220; (Phillips 1995: 191).<\/p>\n<p>[10] Parteien entstehen in der klassischen Konzeption von Lipset\/Rokkan (1967) entlang der gesellschaftlichen Hauptspannungslinien (<i>cleavages<\/i>). Die These, wonach die europ&auml;ischen Parteiensysteme &#8222;frozen party systems&#8220; seien, kann als empirisch widerlegt angesehen werden. Die <i>cleavages <\/i>haben sich in den letzten Jahren quantitativ erh&ouml;ht, qualitativ jedoch zumeist an Sch&auml;rfe verloren. Entsprechend steigt die Zahl der Parteien in den Parlamenten (in Abh&auml;ngigkeit von der Ausgestaltung des Wahlrechts), w&auml;hrend ihre Gr&ouml;&szlig;e sinkt.<\/p>\n<p>[11] Vgl. grundlegend f&uuml;r die Diskussion des Repr&auml;sentationskonzeptes Pitkin (1967) und Manin (1997).<\/p>\n<p>[12] Young h&auml;lt die Vertretung einer Gruppe immer dann f&uuml;r angezeigt, wenn die Geschichte und die soziale Situation einer Gruppe dazu f&uuml;hren, dass diese eine besondere Perspektive auf strittige politische Fragen einnimmt, wenn ihre Mitglieder von politischen Fragen in besonderer Weise betroffen sind und wenn ihre Wahrnehmungen und Interessen ohne eine besondere Vertretung wenig Aussicht h&auml;tten, in politischen Entscheidungen ber&uuml;cksichtigt zu werden (Young 1990: 42ff.). Daraus folgt, dass eine relativ gro&szlig;e Zahl von Gruppen von den Quotierungen profitieren soll: &#8222;In the United States today at least the following groups are oppressed in one or more of these ways: women, blacks, Native Americans, Chicanos, Puerto Ricans and other Spanish-speaking Americans, Asian Americans, gay men, lesbians, working-class people, poor people, old people, and mentally and physically disabled people.&#8220; (Young 1989: 261).<\/p>\n<p>[13] Responsivit&auml;t spielt im Kontext der deliberativen Theorie ohnehin eine untergeordnete Rolle, da politische Pr&auml;ferenzen hier nicht als vorpolitisch existent und unhintergehbar betrachtet werden (vgl. Manin 1997; Sunstein 1991).<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur <\/span><\/h2>\n<p><i>Ackerman, B.<\/i> 1989: Why dialogue? In: The Journal of Philosophy, 86(1), 5-22.<\/p>\n<p><i>Arzheimer, K.<\/i> 2002: Politikverdrossenheit. 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