{"id":11858,"date":"2007-01-08T18:30:00","date_gmt":"2007-01-08T17:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/editorial-7\/"},"modified":"2007-01-08T12:00:00","modified_gmt":"2007-01-08T11:00:00","slug":"editorial-7","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/editorial-7\/","title":{"rendered":"Editorial"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft4\/2006): Die fragmentierte Gesellschaft, S. 1-4<\/p>\n<p><b>Das Fortschrittsgef\u00fchl der postmodernen Gesellschaft hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal als die Empfindung von Passanten auf einer Rolltreppe beschrieben, auf der man automatisch vorankommt. Es ist ein Fortschritt im Stillstand, der jedem seinen Aufstieg garantiert und bei dem jedes individuelle Vorw\u00e4rts dr\u00e4ngeln, das dar\u00fcber hinausgeht, als eine St\u00f6rung der gesellschaftlichen Choreografie angesehen werden muss.<\/b><\/p>\n<p>Die Rolltreppe ist schon vor einiger Zeit ins Stocken geraten. Der Schaden wird als irreparabel angesehen. Das gemeinsame Gleiten ist einem dr\u00e4ngelnden Stolpern gewichen. Die hohen Stufen, die zuvor noch dem Fortschritt seine soziale Ordnung gaben, erweisen sich nun als hinderliche Barrieren, an deren \u00dcberwindung der Einzelne seine St\u00e4rke erweist. Bei vielen hat sich das Gef\u00fchl breit gemacht, dass ohne Rolltreppe das Vorw\u00e4rtskommen einfacher w\u00e4re. Aber einige sind auf ihrer Stufe einfach stehen geblieben und nicht wenige im allgemeinen Gedr\u00e4ngel zur\u00fcckgefallen. Dort harren sie nun darauf, dass es noch einmal vorw\u00e4rts geht und hadern mit sich und der Mechanik. Doch sie sind abgeh\u00e4ngt, weil es den Fortschritt f\u00fcr alle nicht mehr gibt.<\/p>\n<p>Als die Friedrich-Ebert-Stiftung vor wenigen Wochen eine Studie \u00fcber die sozialdemokratischen W\u00e4hlermilieus verbreitete und jeden zw\u00f6lften Deutschen zum &#8222;abgeh\u00e4ngten Prekariat&#8220; z\u00e4hlte, da staunte die \u00d6ffentlichkeit, wie gro\u00df das Unten der Gesellschaft mittlerweile geworden ist. Und fing sogleich an, dar\u00fcber zu streiten, ob dieses<br \/>Unten auch Unterschicht genannt werden d\u00fcrfe. Ganz so, als b\u00fcrge ein anderer Name bereits f\u00fcr eine bessere Lage.<\/p>\n<p>Nun ist das Unterschichten-Problem nicht neu. Wer die Daten des Statistischen Bundesamtes aufmerksam studiert, konnte es Jahr f\u00fcr Jahr wachsen sehen. Und es ist nicht mehr allein ein Problem der unteren Schichten. Die Angst vor sozialen Abstieg ist l\u00e4ngst in die h\u00f6heren Etagen der Gesellschaft gekrochen. Die Furcht, nicht mehr mithalten zu k\u00f6nnen, den Anschluss zu verlieren und am Ende zu den Ausgeschlossenen zu geh\u00f6ren, grassiert auch dort. Neben &#8222;Oben&#8220; und &#8222;Unten&#8220; sind &#8222;Drinnen&#8220; und &#8222;Drau\u00dfen&#8220; zu entscheidenden Koordinaten der Selbstverortung in der Gesellschaft geworden. Doch diese neuen Koordinaten beschreiben keine gemeinsame soziale Lage, sie bergen\u00a0keine kollektiven Handlungsoptionen. Solidarit\u00e4t ist zu einer knappen Ressource geworden, die sich vornehmlich im Nahbereich entfaltet. Die Gesellschaft als Ganzes zerf\u00e4llt in Teilgesellschaften, sie ist fragmentiert, es exitiert kein einheitlicher Begriff von ihr.<\/p>\n<p>Die Vorg\u00e4nge werfen in dieser Ausgabe einen Blick auf die Fragmente, auf ihre jeweilige Eigenheit, aber auch auf das nach wie vor Verbindende zwischen ihnen. Frank Nullmeier und Frauke Hamann haben den Versuch unternommen, die grundlegenden<br \/>Entwicklungen auf einen Begriff des Ganzen zu bringen. Es sind genau genommen zwei Begriffe geworden: eine in Teilgesellschaften fragmentierte Konkurrenzgesellschaft, die jeweils und als Ganzes nach den Prinzipien des Wettbewerbs funktionieren und die ihr<br \/>entsprechende Herrschaftsform, die Postdemokratie, welche zwar noch den formalen Kriterien parlamentarischer Demokratie gehorcht, in ihrem Wesen aber auf den akklamatorischen Nachvollzug von Reformnotwendigkeiten geschrumpft ist. Eine solche Gesellschaft<br \/>bietet nur noch einen geringen Resonanzboden f\u00fcr die \u00fcberkommenen, den Zusammenhalt stiftenden Vorstellungen von Gerechtigkeit. Was an deren Stelle die gesellschaftliche Koh\u00e4sion gew\u00e4hrleisten kann, ist einstweilen noch offen.<\/p>\n<p>Diese pessimistische Aussicht wird bekr\u00e4ftigt durch die Ergebnisse einer Untersuchung, die Klaus D\u00f6rre der Dimension und den subjektiven Verarbeitungsformen des Prekariats widmet. Das Prekariat wirkt weit \u00fcber den Kreis der unmittelbar Betroffenen<br \/>hinaus. Die Herausbildung einer Zone unsicherer Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse forciert die Umstellung auf einen neuen gesellschaftlichen Integrations- und Herrschaftsmodus. An die Stelle einer Einbindung durch Teilhabe treten disziplinierende, marktf\u00f6rmige Integrationsformen. Diese generieren offenkundig einen Zwang zum Selbstzwang, der tendenziell auf die gesamte Pers\u00f6nlichkeit ausstrahlt. In unterschiedlicher Weise bringt dieser Modus der Selbstzuschreibung in allen Zonen der Arbeitsgesellschaft Formen der \u00dcberanpassung hervor, die &#150; wenn auch nicht zwangsl\u00e4ufig &#8211; in rechtspopulistische Orientierungen einm\u00fcnden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kein anderer Begriff hat in der Politik wie in der Soziologie in den letzten Jahren einen solchen Aufschwung erlebt, wie derjenige der Exklusion. Sina Farzin sieht diese Erfolgsgeschichte kritisch, denn die Popularisierung ging und geht auf Kosten der wissenschaftlichen<br \/>Aussagekraft. Ein Jenseits der Gesellschaft, wie es manche Verwendung des Begriffs nahe legt, gibt es nicht. Die Angst, durch die Maschen zu fallen und nirgends dazu zu geh\u00f6ren, beschreibt<br \/>Sigrun Anselm als das treibende Motiv einer Gesellschaft, in der &#8222;Erfolg und \u00dcberlegenheit&#8220; sakrosankte Werte darstellen. In ihr wird Unterlegenheit zu einem Mangel schlechthin, denn wird das Erfolg haben selbst zum alleinigen Motiv, dann trifft einen die Scham des Unterlegenen doppelt, dann n\u00e4mlich qu\u00e4lt nicht nur der Misserfolg hinsichtlich des angestrebten Ziels, sondern genauso die Tatsache, dass einen der Misserfolg qu\u00e4lt. In dieser Scham wird offenbar, dass gerade diejenigen, die man \u00fcberfl\u00fcgeln wollte, nun den Ma\u00dfstab der eigenen Niederlage abgeben. Die Bedrohung durch Besch\u00e4mung ist insofern allgegenw\u00e4rtig, als jeder ehrgeizige Konkurrent einen ohne eigenes Zutun zum Verlierer machen kann. Die Grenzen werden immer wieder neu gezogen, das ist das Schicksal des flexiblen Menschen.<\/p>\n<p>Dass nichtsdestotrotz von einer gewissen Stabilit\u00e4t der sozialen Milieus und einer Kontinuit\u00e4t der sie pr\u00e4genden Einstellungen auszugehen ist, verdeutlicht der Beitrag von Heiko Geiling, der sich seit Jahren forschend mit diesen Milieus befasst. So lassen sich auch heute noch sechs relativ konstante gesellschaftspolitische Lager beschreiben und bestimmten Milieus zuordnen. Diese Stabilit\u00e4t von Lage und Einstellung ist f\u00fcr Geiling auch der Grund, weshalb alle an die unteren Schichten gerichteten Appelle f\u00fcr mehr Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t nicht fruchten k\u00f6nnen. In einer Lebenswelt, die nach wie vor von traditionellen Pflicht- und Akzeptanzwerten gepr\u00e4gt, deren Status zugleich aber massiv bedroht ist, erscheinen solche Parolen als unzul\u00e4ssige Verhaltenszumutungen und markieren eher die eklatanten Milieudifferenzen zwischen jenen Parteivorsitzenden<br \/>und Feuilletonisten, welche diese Flexibilit\u00e4t predigen und denen, die ihnen nicht folgen wollen.<\/p>\n<p>Die da Flexibilit\u00e4t predigen, leben selbst in stabilen Verh\u00e4ltnissen. Michael Hartmann macht bei den deutschen Eliten einen wachsenden Trend zur Homogenisierung aus. Man bleibt sozial lieber unter seinesgleichen und allem Gerede von Leistungsgerechtigkeit<br \/>zum Trotz selektiert man den Nachwuchs der F\u00fchrungsetagen weniger nach den F\u00e4higkeiten der Aspiranten als vielmehr nach den habituellen Gemeinsamkeiten. Dass sich dieses Closed-shop-Prinzip auch in der f\u00fcr soziale Aufsteiger vermeintlich offenen politischen Elite Geltung verschafft, sollte zumindest den Teilen dieser Elite,<br \/>die gerne Gegenteiliges behaupten, zu denken geben. Mit dem Andauern der Krise der Arbeitsgesellschaft werden die Stimmen lauter, die in sich von einem garantierten Grundeinkommen eine Besserung der Lage versprechen. Katrin Mohr gibt einen profunden \u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Modelle, die derzeit in der Diskussion sind und warnt angesichts knapper Finanzlagen davor, den Kreis der Berechtigten zu weit zu fassen. Diese Warnung d\u00fcrfte den Vorschlag des Th\u00fcringischen Ministerpr\u00e4sidenten Dieter Althaus nicht ber\u00fchren. Er ist solide durchgerechnet, verspricht daf\u00fcr aber auch nicht f\u00fcr jeden eine Besserung seines sozialen Standards. Althaus ist derzeit einer der prominentesten Verfechter einer garantierten Grundsicherung, von Gewerkschaften deshalb ebenso angegriffen wie in seiner eigenen Partei.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Klage \u00fcber die neuen Formen sozialer Ungleichheiten noch einen Adressaten sucht, ist Benachteiligung, wenn sie im Gewand der Diskriminierung einher kommt, eindeutig sanktioniert. Wer aufgrund von Rasse, Geschlecht, Religion oder sexueller<br \/>Identit\u00e4t eine Schlechterstellung erf\u00e4hrt, kann sich in seinem Widerstand auf ein umfassendes Regelwerk st\u00fctzen. Allerdings, das macht der Beitrag von Albert Scherr deutlich, ist diese Eindeutigkeit tr\u00fcgerisch. Denn Diskriminierung ist gerade keine von sozio\u00f6konomischen Ungleichheiten eindeutig und trennscharf unterscheidbare soziale Tatsache. Sie stehen vielmehr historisch und systematisch in einem engen, in einigen F\u00e4llen konstitutiven Zusammenhang mit sozio\u00f6konomischen Ungleichheiten sowie mit<br \/>politischen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<p>Mit der Parallelgesellschaft wurde ein Begriff gefunden, auf den eine gleicherma\u00dfen kulturell wie sozial definierte Exklusion in Migrantenmilieus gebracht werden kann. Dirk Halm und Martina Sauer haben dieses Schreckensbild gesellschaftlicher Desintegration auf seinen empirischen Gehalt hin abgeklopft. Ihr Befund ergibt ein h\u00f6heres Ma\u00df an Integration, als es die \u00f6ffentliche Berichterstattung vermuten l\u00e4sst. Allerdings konstatieren sie auch eine Tendenz zum Religi\u00f6sen.<\/p>\n<p>Menschen ohne Papiere bilden noch nicht einmal eine Parallelgesellschaft, sie leben in einer Schattenwelt. Selbst ihre genaue Zahl ist unbekannt. Gerd Pflaumer kritisiert, dass ihnen aufgrund ihrer klandestinen Lebensweise elementare Hilfen, auf die sie einen menschenrechtlichen Anspruch haben, verwehrt sind.<br \/>Eine aktuelle Literaturschau gibt Anregungen zur vertiefenden Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>In seinem luziden Essay arbeitet der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit auf, und kommt auf diese Weise zu einer geradezu salomonisch zu nennenden Interpretation der aktuellen, von den Ergebnissen der Sabrow-<br \/>Kommission ausgel\u00f6sten Kontroverse um dieses Thema. Statt um die Deutungshoheit zu ringen, sollte die der b\u00fcrgerrechtlichen Tradition verpflichtete gesellschaftlich Aufarbeitung der und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in<br \/>eine fruchtbare Kooperation treten. Denn die Geschehnisse dem Vergessen zu entrei\u00dfen und sie historisch zu kontextualisieren sind beides notwendige Weisen der Bew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>Eine W\u00fcrdigung einer der letzten Basisdemokratien in Europa und eine Polemik gegen die eklatanten M\u00e4ngel des US-amerikanischen Wahlsystems sowie die Rezension des Buches von Hartmut Rosa \u00fcber sozialen Beschleunigung runden diese Ausgabe der Vorg\u00e4nge ab, zu der ich Ihnen eine anregende Lekt\u00fcre w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ihr Dieter Rulff<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[1437],"class_list":["post-11858","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-176-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Editorial - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/editorial-7\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Editorial - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft4\/2006): Die fragmentierte Gesellschaft, S. 1-4 Das Fortschrittsgef\u00fchl der postmodernen Gesellschaft hat der Philosoph Peter Sloterdijk einmal als die Empfindung von Passanten auf einer Rolltreppe beschrieben, auf der man automatisch vorankommt. 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