{"id":11860,"date":"2006-12-01T11:50:00","date_gmt":"2006-12-01T10:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/prekaere-arbeit-und-soziale-desintegraton\/"},"modified":"2021-08-24T21:49:26","modified_gmt":"2021-08-24T19:49:26","slug":"prekaere-arbeit-und-soziale-desintegraton","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/prekaere-arbeit-und-soziale-desintegraton\/","title":{"rendered":"Prek\u00e4re Arbeit und soziale Desintegraton"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Besch\u00e4ftigung*,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006), S. 13-22<\/p>\n<p>Nachfolgend m\u00f6chte ich \u00fcber eine grundlegende Ver\u00e4nderung im System der Erwerbsarbeit sprechen, die ich als Prekarisierung bezeichnen will. Beg\u00fcnstigt durch die au\u00dfergew\u00f6hnlich lange Nachkriegsprosperit\u00e4t ging die gesellschaftliche Verallgemeinerung von Lohnarbeit \u00fcber Jahrzehnte mit einer Tendenz zur sozialen und politischen Einhegung von Einkommens-, Armuts- und Besch\u00e4ftigungsrisiken einher. Lohnarbeit wurde zu einer Institution, gekoppelt mit &#8222;sozialen Eigentum&#8220; &#8211; einem Eigentum zur Existenz- und Statussicherung, das sich u. a. in garantierten Rentenanspr\u00fcchen, Mitbestimmungsrechten oder in verbindlichen tariflichen Normen manifestierte. Erst die enge Koppelung mit sozialem Eigentum verwandelte Lohnarbeit in ein zentrales gesellschaftliches Integrationsmedium. Gesch\u00fctzte, halbwegs sichere Lohnarbeit war die Basis f\u00fcr einen B\u00fcrgerstatus, der &#8211; gleichsam als Klammer zwischen System- und Sozialintegration &#8211; zuvor besitzlosen Klassen und Gruppen trotz fortbestehender Ungleichheiten zu einem respektierten Status in der Gesellschaft verhalf.<br \/>Wenn nicht alles t\u00e4uscht, so erleben wir seit den 1980er Jahren eine Umkehrung dieser Entwicklung. Daf\u00fcr gibt es vor allem zwei Ursachen. Erstens dr\u00e4ngen die neuen Formen von &#8222;immaterieller&#8220; Dienstleistungs- und Informationsarbeit nach einem flexibleren Arbeitsmanagement, das in einem Spannungsverh\u00e4ltnis zu Regelungsformen des fordistischen Nachkriegskapitalismus steht (Castells 1996). Zweitens &#8211; und das ist f\u00fcr den hier interessierenden Kontext entscheidend &#8211; kommt es unter dem Druck eines internationalisierten Finanzmarktkapitalismus (Windolf 2005) zur Ausweitung prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung und damit zu einer &#8222;R\u00fcckkehr der Unsicherheit&#8220; in die historisch gesehen reichen und \u00fcberaus sicheren Gesellschaften des Westens (Castel 2005: 54 ff.). Obwohl &#8222;diese Gesellschaften von Sicherungssystemen umgeben und durchzogen sind&#8220;, bleibt die Sorge &#8222;um die Sicherheit allgegenw\u00e4rtig&#8220;, sie &#8222;besch\u00e4ftigt weite Teile der Bev\u00f6lkerung&#8220; (ebd.: 8). Robert Castel hat diese Diagnose auf die franz\u00f6sische Lohnarbeitsgesellschaft bezogen. <br \/>Dar\u00fcber, ob sie auf Deutschland \u00fcbertragbar ist, wird in den Sozialwissenschaften gestritten (vgl. Brinkmann u. a.). Meine These ist, dass ein Empfinden sozialer Unsicherheit, welches sich wesentlich aus prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungs- und Lebensverh\u00e4ltnissen speist, auch hierzulande wegen der noch immer hohen Sicherheitsstandards zu massiven gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen f\u00fchrt. Zur Begr\u00fcndung dieser Sichtweise will ich auf Ergebnisse einer eigenen empirischen Studie [1]zur\u00fcckgreifen, die sich mit der Ausbreitung prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und deren subjektiver Verarbeitung befasst. <br \/>Als heuristische Folie dient die Castelsche Zentralhypothese (Castel 2000). Danach spalten sich die Lohnarbeitsgesellschaften in drei gro\u00dfe &#8222;Zonen&#8220;. Die &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; umfasst die von regul\u00e4rer Erwerbsarbeit dauerhaft Ausgeschlossenen. Die oberen und mittleren R\u00e4nge der Arbeitsgesellschaft sind noch immer in einer &#8211; allerdings schrumpfenden &#8211; &#8222;Zone der Integration&#8220; mit formal gesicherten Normbesch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen angesiedelt. Dazwischen expandiert eine &#8222;Zone der Prekarit\u00e4t&#8220; mit heterogenen Besch\u00e4ftigungsformen, die sich allesamt dadurch auszeichnen, dass sie\u00a0oberhalb eines kulturellen Minimums nicht dauerhaft Existenz sichernd sind. Dazu geh\u00f6ren Leih- und Zeitarbeit, niedrig entlohnte Besch\u00e4ftigung, erzwungene Teilzeitarbeit und befristete Stellen ebenso wie Mini- und Midi-Jobs, abh\u00e4ngige Selbstst\u00e4ndigkeit\u00a0oder sozialpolitisch gef\u00f6rderte Arbeitsgelegenheiten. Wie sich die Ausbreitung unsicherer Besch\u00e4ftigungsformen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirkt, l\u00e4sst sich angemessen nur erfassen, wenn man die subjektiven Verarbeitungsformen von Prekarisierungsprozessen in die Analyse einbezieht.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"1-typische-verarbeitungsformen-unsicherer-beschaeftigung\">1. Typische Verar&shy;bei&shy;tungs&shy;formen unsicherer Besch&auml;f&shy;ti&shy;gung<\/span><\/h2>\n<p>Anhand von empirischem Material, das ausgew\u00e4hlte Problemkonstellationen aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft erfasst, k\u00f6nnen wir neun typische Formen der (Des)-Integration unterscheiden (Schaubild 1). Arbeitskraft- (reproduktive Dimension) und T\u00e4tigkeitsperspektive (arbeitsinhaltliche, professionsbedingte Anspr\u00fcche) beinhalten die prim\u00e4ren Integrationspotentiale einer Erwerbst\u00e4tigkeit. In der &#8222;Zone der Integration&#8220; bilden drei Typen (1, 3, 4) die Integration in formal gesicherte Normbesch\u00e4ftigung ab. Im Fall der &#8222;Selbstmanager&#8220; dominiert das Integrationspotential der T\u00e4tigkeitsperspektive (inhaltliches Interesse an der T\u00e4tigkeit, Streben nach Professionalit\u00e4t) \u00fcber den unsicheren Besch\u00e4ftigungsstatus. In der &#8222;Zone der Prekarit\u00e4t&#8220; sind unstete Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse angesiedelt, die jedoch subjektiv h\u00f6chst unterschiedlich bewertet werden. In der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; befinden sich Erwerbs- und Langzeitarbeitslose mit ebenfalls divergierenden subjektiven Orientierungen. Unsicherheitsempfinden kann insbesondere bei den &#8222;Abstiegsbedrohten&#8220; (Typ 4) deutlich ausgepr\u00e4gter sein als bei Befragten, die aufgrund der Struktur ihres Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisses der &#8222;Zone der Prekarit\u00e4t&#8220; zuzurechnen sind (Typ 5, 7). Selbst bei den Ver\u00e4nderungswilligen (Typ 8) in der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; besteht noch die Hoffnung, die eigene Lage \u00fcber kurz oder lang deutlich verbessern zu k\u00f6nnen. Im Falle der &#8222;Abstiegsbedrohten&#8220; (Typ 4) erscheinen Br\u00fcche in der beruflichen Biographie und sozialer Abstieg hingegen fast schon als Gewissheit. Der Neigungswinkel individueller Biographien zeigt bei dieser Gruppe nach unten und es sind nicht gen\u00fcgend Ressourcen vorhanden, um diese Abw\u00e4rtsbewegung grundlegend korrigieren zu k\u00f6nnen. Daher nehmen Bedrohungsgef\u00fchle nicht linear zu, je weiter man in der Hierarchie der Typen nach unten steigt. Vielmehr sind Abstiegs\u00e4ngste bei jenen Gruppen besonders pr\u00e4sent, die noch etwas zu verlieren haben. Die Angst vor Statusverlust ist ein wichtiger Ursachenherd f\u00fcr Prekarisierungs\u00e4ngste und soziale Desintegration, der innerhalb der &#8222;Zone der Normarbeit&#8220; angesiedelt ist.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\" border=\"1\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<strong>Schaubild 1: (Des-)Integrationspotentiale von Erwerbsarbeit &#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 eine Typologie [2]<\/strong><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"left\">\n<p class=\"bodytext\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong> Zone der Integration (67,7 %)\u00a0<\/strong><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\"><strong>\u00a0<\/strong><em>1. Gesicherte Integration (&#8222;Die Gesicherten&#8220;; 31,5%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<em>2. Atypische\u00a0Integration (&#8222;Die Unkonventionellen&#8220;\u00a0oder\u00a0&#8222;Selbstmanager&#8220;; 3,1%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<em>3. Unsichere Integration (&#8222;Die Verunsicherten&#8220;; 12,9%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\"><em>\u00a04. Gef\u00e4hdete Integration (&#8222;Die Abstiegsbedrohten&#8220;; 33,1%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"left\">\n<p class=\"bodytext\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<strong>\u00a0 Zone der Prekarit\u00e4t (13,8 %)<\/strong><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\"><em>\u00a05. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung als Chance\/tempor\u00e4re Integration (&#8222;Die\u00a0Hoffenden&#8220;;3,1%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<em>6. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung als dauerhaftes Arrangement (&#8222;Die\u00a0Realistischen&#8220;; 4,8%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\"><em>\u00a07. Entsch\u00e4rfte Prekarit\u00e4t (&#8222;Die Zufriedenen&#8220;; 5,9%)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td align=\"left\">\n<p class=\"bodytext\"><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Zone der Entkoppelung (1,7 %)<\/strong><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\">\u00a0<em>8. \u00dcberwindbare Ausgrenzung (&#8222;Die Ver\u00e4nderungswilligen&#8220;)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<p class=\"bodytext\"><em>\u00a09. Kontrollierte Ausgrenzung \/ inszenierte Integration (&#8222;Die Abgeh\u00e4ngten&#8220;)<\/em><\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>\u00a0<br \/><b>2. Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit<\/b><\/p>\n<p>Diese Feststellung ist wichtig, weil sich Desintegrationserfahrungen nicht auf die &#8222;Zone der Prekarit\u00e4t&#8220; beschr\u00e4nken lassen. Unsere Studie liefert viele Hinweise, die f\u00fcr einen sozial gestuften, letztlich aber zonen\u00fcbergreifenden Bedeutungswandel von Erwerbsarbeit sprechen. In gro\u00dfen gesellschaftlichen Gruppen beginnt abh\u00e4ngige Erwerbsarbeit ihre zentrale Funktion als Bindemittel der Gesellschaft zu verlieren. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse bedeuten nicht allein Unsicherheit und materiellen Mangel, vielfach bewirken sie Anerkennungsdefizite und eine Schw\u00e4chung der Zugeh\u00f6rigkeit zu sozialen Netzen, die eigentlich dringend ben\u00f6tigt w\u00fcrden, um den Alltag einigerma\u00dfen zu bew\u00e4ltigen. Leiharbeiter, Befristete, aber auch Projektarbeiter (Typ 5, 6, 2) sehen sich gezwungen, die Anerkennung ihres wechselnden Umfeldes best\u00e4ndig neu zu erwerben. Je mehr Energie sie darauf verwenden, diesen symbolischen Zyklus der Anerkennung (Kraemer\/Speidel 2005: 367 ff.) zu bew\u00e4ltigen, desto problematischer wird es mitunter f\u00fcr sie, soziale Netze au\u00dferhalb der Arbeit zu stabilisieren. <br \/>Arbeitslosen oder prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten, die sich unter die &#8222;Grenze der Respektabilit\u00e4t&#8220; gedr\u00e4ngt sehen, f\u00e4llt es generell schwer, gesellschaftliche Anerkennung zu erwerben. Insofern trifft die castelsche Diagnose (2005: 38), wonach soziale Unsicherheit &#8222;demoralisierend, als Prinzip sozialer Aufl\u00f6sung&#8220; wirkt, auch auf viele unserer Befragten zu. Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung, dass sich Lohnarbeit f\u00fcr sie nicht mehr als stabile Basis einer geplanten Zukunft eignet. <br \/>Unabh\u00e4ngig von der konkreten Besch\u00e4ftigungsform beklagen die &#8222;Prekarier&#8220; mehr oder minder alle, dass sie im Vergleich zu den Stammbesch\u00e4ftigten \u00fcber weitaus geringere M\u00f6glichkeiten verf\u00fcgen, eine l\u00e4ngerfristige Lebensplanung zu entwickeln. Befristete, niedrig entlohnte Besch\u00e4ftigung blockiert &#8222;die Ausarbeitung eines rationalen Lebensplans&#8220; (Bourdieu 2000: 109) allerdings nicht vollst\u00e4ndig. Auch bei den &#8222;Prekariern&#8220; findet sich noch immer das Bem\u00fchen, der eigenen Lebensplanung Koh\u00e4renz zu verleihen. Bei Teilzeitarbeiterinnen mit unbefristeten Arbeitsvertr\u00e4gen (Typ 7) gelingt das noch einigerma\u00dfen, sofern die Partnerschaften stabil sind. Im Falle von Leiharbeitern und befristet Besch\u00e4ftigten (Typ 5, 6) sind die Bem\u00fchungen um einen koh\u00e4renten Lebensplan sp\u00fcrbar, aber weitaus weniger erfolgreich. Es ist nicht allein die Unsicherheit als solche, sondern auch der soziale Abstand zur angestrebten Normalit\u00e4t, der eine Mischung aus Verunsicherung, Scham, Wut und Resignation erzeugt. <br \/>\u00dcberraschend ist, dass wir in der &#8222;Zone der Integration&#8220; auf \u00e4hnliche Verarbeitungsformen sto\u00dfen. Bei den &#8222;Verunsicherten&#8220; (Typ 3) und den &#8222;Abstiegsbedrohten&#8220; (Typ 4) ist das Verm\u00f6gen zu einer l\u00e4ngerfristig ausgerichteten Lebensplanung noch nicht verloren gegangen; aber es besteht die mehr oder minder begr\u00fcndete Bef\u00fcrchtung, dass die f\u00fcr eine realistische Zukunftsplanung notwendige Kalkulationsgrundlage abhanden kommen k\u00f6nnte. Abstiegs\u00e4ngste sind auch in diesen Gruppen kein unmittelbarer Reflex auf reale Bedrohungen. Selbst die bevorstehende Betriebsschlie\u00dfung kann je nach Lebensalter, Qualifikation und Ressourcenausstattung h\u00f6chst unterschiedlich verarbeitet werden. F\u00fcr j\u00fcngere Arbeiter z. B. wirkt sie mitunter als Antrieb, individuelle Weiterbildungspl\u00e4ne vorzuziehen. \u00c4ltere und weniger qualifizierte Befragte bef\u00fcrchten hingegen einen nur schwer korrigierbaren Knick in ihrer beruflichen Laufbahn. <br \/>Was die noch Integrierten als Bef\u00fcrchtung umtreibt, ist bei den Langzeitarbeitslosen in der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; l\u00e4ngst Lebensrealit\u00e4t. Sowohl bei den &#8222;Ver\u00e4nderungswilligen&#8220; (Typ 8) als auch bei den &#8222;Abgeh\u00e4ngten&#8220; (Typ 9) kann von einem \u00fcber den Tag hinausreichenden Lebensplan im Grunde keine Rede sein. W\u00e4hrend die &#8222;Ver\u00e4nderungswilligen&#8220; die Hoffnung auf eine Normalisierung ihrer Biographien aber noch nicht aufgegeben haben, richten sich die &#8222;Abgeh\u00e4ngten&#8220; bereits in einem Leben jenseits regul\u00e4rer Erwerbsarbeit ein. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass sich ohne festen Arbeitsplatz und ein halbwegs sicheres Einkommen allm\u00e4hlich eine Desorganisation des Raum- und Zeitempfindens einstellt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"3-sekundaere-oder-kompensatorische-integration\">3. Sekund&auml;re oder kompen&shy;sa&shy;to&shy;ri&shy;sche Integration<\/span><\/h2>\n<p>Allerdings, das bleibt in der Castelschen Hypothese unterbelichtet, nehmen selbst Langzeitarbeitslose soziale Desintegration nicht passiv hin. Unter Bedingungen, die sie zu struktureller Benachteiligung verdammen, entwickeln Ausgegrenzte und prek\u00e4r Besch\u00e4ftigte eigene \u00dcberlebensstrategien. Das ist der Grund, weshalb es nicht zu sich best\u00e4ndig verst\u00e4rkenden, letztlich die Systemreproduktion gef\u00e4hrdenden Desintegrationsprozessen kommt. <br \/>In der &#8222;Zone der Prekarit\u00e4t&#8220; und der &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220; erfolgt Einbindung allerdings nicht mehr \u00fcber prim\u00e4re (reproduktive und qualitative) sondern \u00fcber tradierte oder neu erzeugte sekund\u00e4re, h\u00e4ufig kompensatorische Integrationspotentiale. Von sekund\u00e4ren Integrationspotentialen kann gesprochen werden, wenn junge Leiharbeiter ihr prek\u00e4res Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis als Sprungbrett in eine Normbesch\u00e4ftigung betrachten und dabei auf den &#8222;Klebeffekt&#8220; ihrer T\u00e4tigkeit hoffen (Typ 5). Um sekund\u00e4re Integration handelt es sich bei \u00e4lteren Leiharbeitern, die sich pragmatisch mit ihrer Lage arrangieren, indem sie best\u00e4ndig zwischen Arbeitslosigkeit und Leiharbeit pendeln (Typ 6). Sekund\u00e4re Integrationspotentiale verschaffen sich auch Geltung, sofern sich Verk\u00e4uferinnen scheinbar vorbehaltlos in ihre Rolle als mehr oder minder zufriedene Zuverdienerinnen (Typ 7) f\u00fcgen und damit eine stabile Partnerschaft und ein Existenz sicherndes Einkommen des Lebenspartners zur stillen Voraussetzung ihres Arrangements machen. Und selbst bei den &#8222;Abgeh\u00e4ngten&#8220; (Typ 9) zeigt sich die Wirksamkeit sekund\u00e4rer Integrationsmechanismen, wenn sich jugendliche Erwerbslose als &#8222;arbeitende Arbeitslose&#8220; definieren, weil sie ihr Einkommen in der Schattenwirtschaft verdienen und dabei auf die informellen Netze von Familie, Nachbarn und Freunden setzen. <br \/>Die Orientierung auf Teilhabe an regul\u00e4rer Erwerbsarbeit haben die Betreffenden aufgegeben. Sie richten sich auf ein Leben in Subgesellschaften mit eigenen informellen Strukturen und Integrationsmechanismen ein. Ausgegrenzte Jugendliche z. B. setzen alles daran, ihre verbliebenen sozialen Kontakte zu stabilisieren, um so zumindest ein Minimum an Selbstbest\u00e4tigung zu erfahren. H\u00e4ufig ist ihnen das Risiko, diese Kontakte wegen der vagen Aussicht auf einen unsicheren Job aufzugeben, einfach zu hoch. Daher tendieren subgesellschaftliche Orientierungen, die sich im Osten gerade erst herauszubilden beginnen, zur Selbstreproduktion.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <br \/>Schon aus diesem Grund nimmt die Wirksamkeit sekund\u00e4rer Integrationspotentiale den Prekarisierungserfahrungen nichts von ihrer Brisanz. Im Grunde handelt es sich um schwache, kompensatorische Formen der Integration, die entweder auf Fiktion, auf der Hoffnung, irgendwann doch noch Anschluss an die Normalit\u00e4t regul\u00e4rer Besch\u00e4ftigung zu finden, oder auf einer Mobilisierung quasi-st\u00e4ndischer Zugeh\u00f6rigkeiten und Ressourcen beruhen. Sofern dies in Handlungsstrategien m\u00fcndet, die ein \u00dcberleben in prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen sicherstellen sollen, ist Integration in normativer Hinsicht gerade kein &#8222;Erfolgsbegriff&#8220; (Peters 1993: 92). Dass sekund\u00e4re Integrationspotentiale \u00fcberhaupt wirksam werden k\u00f6nnen, h\u00e4ngt wesentlich mit der disziplinierenden Wirkung von Arbeitsmarktrisiken zusammen. Die Disziplin des Marktes kann z. B. dazu f\u00fchren, dass tradierte Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung revitalisiert werden. So definieren sich Verk\u00e4uferinnen mitunter auch dann als Zuverdienerinnen, wenn ihr Einkommen aufgrund der Arbeitslosigkeit des Lebenspartners l\u00e4ngst den Lebensunterhalt der Familie sichert (Typ 7). Als Hysteresis-Effekte \u00fcber ihre Erzeugungsbedingungen hinaus wirksam, illustrieren derartige Haltungen die Verfestigung einer sozialen Lage, die sich \u00fcber eine dauerhafte Bet\u00e4tigung in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen konstituiert. Zufrieden sind diese Befragten nur insofern, als sie sich als Teilzeitarbeiterinnen gesellschaftlich durchaus integriert f\u00fchlen. Diese Zufriedenheit \u00e4ndert nichts daran, dass die Betreffenden ihre Berufst\u00e4tigkeit \u00fcberaus kritisch beurteilen. Teilweise werden sie in Interessenvertretungen und Gewerkschaften aktiv, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. In diesen F\u00e4llen handelt es sich um eine Variante der Integration durch &#8222;Streit&#8220; (Simmel 1903), die allerdings an der grunds\u00e4tzlichen Akzeptanz des Zuverdienerinnen-Status nichts \u00e4ndert.\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"3-unterschiede-zwischen-flexibler-und-prekaerer-arbeit\">3. Unter&shy;schiede zwischen flexibler und prek&auml;rer Arbeit&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/span><\/h2>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <br \/>Ein bekannter Einwand gegen die Desintegrationshypothese lautet, Prekarit\u00e4t stelle allenfalls eine Facette flexibler Besch\u00e4ftigung dar, einer Flexibilit\u00e4t, die im Gro\u00dfen und Ganzen der Interessenlage vieler Besch\u00e4ftigter entgegen komme (Kronauer\/Linne 2005). Und in der Tat, &#8222;manche Gruppen von Arbeitnehmern profitieren zweifellos&#8220; von einem Arbeitsmanagement, das sie &#8222;zur Freiheit verdammt&#8220;. Sie &#8222;maximieren ihre Chancen, bauen ihr Potential aus, entdecken an sich ungeahnte unternehmerische F\u00e4higkeiten, die unter b\u00fcrokratischen Zw\u00e4ngen und strengen Regelungen bisher verk\u00fcmmerten&#8220; (Castel 2005: 63 f.). Doch der Lobgesang auf positive Seiten der Flexibilisierung ignoriert die neuen &#8222;Trennlinien&#8220;, die Arbeitswelt und Gesellschaft durchziehen. <br \/>Diese Trennlinien werden in unserer Typologie abgebildet. So unterscheidet sich die Selbstwahrnehmung der prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten gravierend von den subjektiven Verarbeitungsformen flexibler Besch\u00e4ftigung, wie sie sich in der &#8222;Zone der Integration&#8220; finden. Das zeigt sich besonders deutlich bei den &#8222;Selbstmanagern&#8220; (Typ 2), zu denen in unserer Untersuchung u. a. Freelancer aus der IT-Industrie und Werbefachleute z\u00e4hlen. F\u00fcr diese Befragten wird das Sicherheitsrisiko, das in den Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen angelegt ist, subjektiv durch den Freiheitsgewinn kompensiert, den sie mit der Abwesenheit hierarchischer Zw\u00e4nge verbinden. Zudem vertrauen sie auf ihre Qualifikation und ihre materiellen Ressourcen, mit denen sie Phasen der Besch\u00e4ftigungsunsicherheit einigerma\u00dfen gut \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen. Integrationsstiftend wirkt in diesen Gruppen die\u00a0\u00a0\u00a0 Identifikation mit der eigenen T\u00e4tigkeit, das Streben nach Professionalit\u00e4t. Das ist bei den prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten grunds\u00e4tzlich anders. Hier kann die Flexibilisierung der Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse kaum positiv erlebt werden. <br \/>Damit ist nicht gesagt, dass eine individuelle Positionierung in der &#8222;Zone der Integration&#8220; mit Problemfreiheit gleichzusetzen sei. Selbst in Segmenten &#8222;immaterieller&#8220; Angestellten- und Informationsarbeit k\u00f6nnen massive Desintegrationseffekte auftreten. Letztere werden allerdings nicht prim\u00e4r durch unsichere Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse verursacht. Sie resultieren ganz im Gegenteil aus einer Identifikation mit der Arbeitst\u00e4tigkeit, die mit Arbeitswut, Leistungsdruck, Stress, Beeintr\u00e4chtigung des Privatlebens, Entspannungsunf\u00e4higkeit, blockierten Aufstiegsm\u00f6glichkeiten und Diskontinuit\u00e4tserfahrungen bei der Projektarbeit einher geht. Solche Desintegrationseffekte k\u00f6nnen sich dramatisch zuspitzen und eine zuvor stabile Besch\u00e4ftigung in ein heikles Arbeitsverh\u00e4ltnis verwandeln &#8211; ein Prozess, der dann wegen der &#8222;Fallh\u00f6he&#8220; subjektiv als besonders schmerzlich empfunden wird.<\/p>\n<p>Dennoch sind flexible und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse nicht identisch. Manche Formen flexibler Besch\u00e4ftigung k\u00f6nnen mit gesicherter Integration einhergehen. Das gilt z. B. f\u00fcr verschiedene Varianten von Projektarbeit, die Boltanski\/Chiapello (2003) zum Charakteristikum eines &#8222;neuen kapitalistischen Geistes&#8220; stilisieren. Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse sind stets flexibel; doch l\u00e4ngst nicht alle Formen flexibler Besch\u00e4ftigung erweisen sich zugleich als prek\u00e4r. Die &#8222;Selbstmanager&#8220; (Typ 2) agieren allesamt oberhalb einer &#8222;Schwelle der Berechenbarkeit&#8220;, welche von der Verf\u00fcgung\u00a0\u00a0\u00a0 \u00fcber Eink\u00fcnfte und Ressourcen abh\u00e4ngt, die von der Sorge um die Subsistenz dauerhaft entlasten (Bourdieu 2000: 92). Bei den prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten, die sich an der Schwelle der Respektabilit\u00e4t, gekennzeichnet durch eine feste Arbeitsstelle und ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen, bewegen, ist das so nicht der Fall.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"5-prekaritaet-als-herrschafts-und-kontrollsystem\">5. Prekarit&auml;t als Herrschafts- und Kontroll&shy;system <\/span><\/h2>\n<p>Allerdings wirkt prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung auf die &#8222;Zone der Integration&#8220; zur\u00fcck. Im Unterschied zu den subproletarischen Existenzen des 19. Jahrhunderts verursacht sie weder vollst\u00e4ndige Entwurzelung noch absolute Pauperisierung. Vielmehr befinden sich die &#8222;Prekarier&#8220; in einer eigent\u00fcmlichen &#8222;Schwebelage&#8220;. Einerseits haben sie den Anschluss an die &#8222;Zone der Normalit\u00e4t&#8220; noch immer vor Augen und m\u00fcssen alle Energien mobilisieren, um den Sprung vielleicht doch noch zu schaffen. Andererseits sind permanente Anstrengungen auch n\u00f6tig, um einen dauerhaften sozialen Abstieg zu vermeiden. Wer in seinen Anstrengungen nachl\u00e4sst, dem droht der Absturz in die &#8222;Zone der Entkoppelung&#8220;. Aufgrund der Diskontinuit\u00e4ten des Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisses besitzen die modernen &#8222;Prekarier&#8220; keine Reserven, kein Ruhekissen. Sie sind die ersten, denen in Krisenzeiten Entlassungen drohen. Ihnen werden bevorzugt die unangenehmen Arbeiten aufgeb\u00fcrdet. Sie sind die L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer, die &#8222;M\u00e4dchen f\u00fcr alles&#8220;, deren Ressourcen mit anhaltender Dauer der Unsicherheit allm\u00e4hlich verschlissen werden. <br \/>Gerade weil sich die prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten im unmittelbaren Erfahrungsbereich der \u00fcber Normarbeitsverh\u00e4ltnisse Integrierten bewegen, wirken sie als st\u00e4ndige Mahnung. Festangestellte, die Leiharbeiter zun\u00e4chst als w\u00fcnschenswerten &#8222;Flexibilisierungspuffer&#8220; betrachten, beschleicht ein diffuses Gef\u00fchl der Ersetzbarkeit, wenn sie an die Leistungsf\u00e4higkeit der Externen denken. Sie sehen, dass ihre Arbeit zu gleicher Qualit\u00e4t auch von Personal bew\u00e4ltigt werden kann, das f\u00fcr die Aus\u00fcbung dieser T\u00e4tigkeit Arbeits- und Lebensbedingungen in Kauf nimmt, die in der Stammbelegschaft kaum akzeptiert w\u00fcrden. Wenngleich Leiharbeiter und befristet Besch\u00e4ftigte betrieblich meist nur kleine Minderheiten sind, wirkt ihre blo\u00dfe Pr\u00e4senz disziplinierend auf die Stammbelegschaften zur\u00fcck. In Bereichen mit hoch qualifizierten Angestellten produzieren Freelancer und neuerdings auch Zeitarbeitskr\u00e4fte einen \u00e4hnlichen Effekt. So finden sich im Grunde in allen Besch\u00e4ftigungssegmenten Wechselbeziehungen zwischen Stammbelegschaften und flexiblen Arbeitskr\u00e4ften, die den &#8222;Besitz&#8220; eines unbefristeten Vollzeiterwerbsverh\u00e4ltnisses als verteidigenswertes Privileg erscheinen lassen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Dieser disziplinierende Effekt l\u00e4sst sich nur mit einer Verallgemeinerung sozialer Unsicherheit erkl\u00e4ren, die l\u00e4ngst auch die &#8222;Zone der Integration&#8220; erreicht hat. Dies erkl\u00e4rt das Integrationsparadoxon nachfordistischer Arbeitsgesellschaften. Die Herausbildung einer Zone unsicherer Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse forciert die Umstellung auf einen neuen gesellschaftlichen Integrations- und Herrschaftsmodus. An die Stelle einer Einbindung, die nicht ausschlie\u00dflich, aber doch wesentlich auf materieller und demokratischer Teilhabe beruhte, treten Integrationsformen, in denen die subtile Wirkung markf\u00f6rmiger Disziplinierungsmechanismen eine deutliche Aufwertung erf\u00e4hrt (Heitmeyer 1997: 27). <br \/>Die Disziplinierung durch den Markt kann, zumal in einer reichen Gesellschaft, eine Vielzahl an Hoffnungen, \u00c4ngsten und Traditionen funktionalisieren. Auf diese Weise sorgt die Konfrontation mit unsicheren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen nicht nur f\u00fcr eine &#8222;Destabilisierung des Stabilen&#8220; (Castel 2000: 357). Indem sie die einen diszipliniert und den anderen elementare Voraussetzungen f\u00fcr Widerst\u00e4ndigkeit nimmt, f\u00f6rdert sie zugleich eine eigent\u00fcmliche &#8222;Stabilisierung der Instabilit\u00e4t&#8220;. Auch deshalb ist die Prekarisierung kein Ph\u00e4nomen an den R\u00e4ndern der Arbeitsgesellschaft. Sie bewirkt eine allgemeine subjektive Unsicherheit, die bis tief hinein in die Lebenslagen der formal Integrierten reicht. Prekarit\u00e4t wirkt desintegrierend und zugleich als disziplinierende Kraft. Zunehmende Marktsteuerung erzeugt Flexibilit\u00e4tsanforderungen und produziert doch auch neue Abh\u00e4ngigkeiten. Insofern st\u00fctzt die Prekarisierung ein Kontrollsystem, dem sich auch die Integrierten kaum zu entziehen verm\u00f6gen. <br \/>Diese disziplinierende Wirkung ist im \u00dcbrigen f\u00fcr Gruppen folgenreich, die &#8211; wie eine gro\u00dfe Zahl von Frauen und Migranten &#8211; auch w\u00e4hrend der Bl\u00fctezeit des fordistischen Kapitalismus allenfalls partiell an einem durch Normarbeit konstituierten B\u00fcrgerstatus partizipieren konnten. Wenn die &#8222;Sorge um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes, so widerw\u00e4rtig er auch sein mag&#8220; (Bourdieu 2000: 72), zunehmend auch das Handeln der Integrierten bestimmt, geraten selbst in den Stammbelegschaften qualitative Arbeitsanspr\u00fcche unter Druck. Je weiter die Schwelle f\u00fcr &#8222;zumutbare Arbeit&#8220; sinkt, desto gr\u00f6\u00dfer wird die Konkurrenz um prek\u00e4re Jobs und umso wahrscheinlicher sind Verdr\u00e4ngungseffekte, die vor allem Frauen und Migranten treffen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"6-politische-verarbeitungsformen-von-prekarisierung\">6. Politische Verar&shy;bei&shy;tungs&shy;formen von Preka&shy;ri&shy;sie&shy;rung<\/span><\/h2>\n<p>Diese Feststellung ist auch f\u00fcr die Frage nach den politischen Verarbeitungsformen sozialer Unsicherheit bedeutsam. Prekarisierung korrespondiert offenbar mit unterschiedlichen Formen des Selbstregierens und der Selbstdisziplinierung. Die \u00dcbersetzung entsprechender Erfahrungen in ausgrenzende Integrationsvorstellungen und deren Aktivierung in einer bipolaren Logik, die sich gegen stigmatisierte Outsidergruppen wendet, stellt ein zentrales Bindeglied zu rechtspopulistischen Orientierungen dar. <br \/>Wir haben solche Orientierungen bei mehr als einem Drittel unserer Befragten aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft gefunden. Unweigerlich dr\u00e4ngen sich Parallelen zur klassischen Autoritarismus-These Fromms (1983) und Adornos (1973) auf. Der neue Autoritarismus l\u00e4sst sich indessen wohl kaum auf eine Ich-Schw\u00e4che zur\u00fcckf\u00fchren, die in Defiziten fr\u00fchkindlicher Sozialisation wurzelt.<\/p>\n<p>Vielmehr werden \u00dcberanpassung und Autorit\u00e4tsh\u00f6rigkeit durch Mechanismen und Erfahrungen mit erzeugt, die auf direkten oder indirekten Wirkungen von Prekarisierungsprozessen beruhen. <br \/>Aber auch dort, wo moderne, partizipative Arbeitsformen existieren, gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Marktsteuerung von Arbeit, Formen des &#8222;Selbstregierens&#8220; (Foucault 2000: 41 ff.) und einer Art Selbstinstrumentalisierung, die nicht nur Leidensdruck erzeugt, sondern auch nach &#8222;Druckventilen&#8220; sucht. Marktf\u00f6rmige Steuerungsmechanismen generieren offenkundig einen Zwang zum Selbstzwang, der tendenziell auf die gesamte Pers\u00f6nlichkeit ausstrahlt. In unterschiedlicher Weise bringt dieser Modus der Selbstzuschreibung in allen Zonen der Arbeitsgesellschaft Formen der \u00dcberanpassung hervor, die &#8211; wenn auch nicht zwangsl\u00e4ufig &#8211; in rechtspopulistische Orientierungen einm\u00fcnden k\u00f6nnen. Je nach Position in der Arbeitswelt besitzen diese Orientierungen eine &#8222;konformistische&#8220;, eine &#8222;konservierende&#8220; oder eine &#8222;rebellische&#8220; Auspr\u00e4gung (D\u00f6rre 2006). Gemeinsam ist ihnen indessen, dass sie eine Form der &#8222;imagin\u00e4ren Integration&#8220; in die Gesellschaft darstellen, die auf Kosten von Anderen, Schw\u00e4cheren, Ausl\u00e4ndern, eben von Outsidergruppen vollzogen werden soll. Mit diesem Befund wird die Castelsche Bef\u00fcrchtung, der zu Folge Gruppen im sozialen Abstieg ihre eigene soziale Position zu verteidigen suchen, indem sie Ressentiments als Triebfeder &#8222;gesellschaftlicher und politischer Aktion&#8220; nutzen (Castel 2005: 67 f.), im Grunde noch \u00fcberboten. Denn offenkundig ist das Ressentiment auch ein Mittel, das integrierte Gruppen nutzen k\u00f6nnen, um Wohlfahrtsanspr\u00fcche der &#8222;Prekarier&#8220; und &#8222;Entkoppelten&#8220; zu delegitimieren. Allerdings gibt es auch Gegentendenzen. Sofern Prekarisierung aktiv-partizipatorisch bearbeitet wird, w\u00e4chst die Chance, einen durch schwindendes &#8222;soziales Eigentum&#8220; gef\u00e4hrdeten B\u00fcrgerstatus zu revitalisieren. <br \/>In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass partizipative und ressentimentgeleitete Verarbeitungsformen von Prekarit\u00e4t h\u00e4ufig dicht beieinander liegen. Die gleichen Leiharbeiter, die sich in heftigen ausl\u00e4nderfeindlichen Attacken ergehen, gr\u00fcnden eine Tarifkommission und erk\u00e4mpfen einen Tarifvertrag, sobald sie eine realistische M\u00f6glichkeit zur kollektiven Verbesserung ihrer Situation sehen. Um partizipatorische Verarbeitungsformen zu f\u00f6rdern, bed\u00fcrfte es indessen einer mutigen &#8222;Politik der Entprekarisierung&#8220;, die neue Sicherheiten (z. B. gesetzlicher Mindestlohn, Grundsicherung) mit einer konsequenten F\u00f6rderung von Selbstorganisation der &#8222;Prekarier&#8220; (vgl. Brinkmann u. a. 2006, Kap. 7) und Ans\u00e4tzen einer &#8222;solidarischen \u00d6konomie&#8220; (Altvater 2006: 5 ff.) zu kombinieren h\u00e4tte. Aus Sicht vieler von uns Befragter sind solche Ans\u00e4tze seitens der politischen Parteien und Gewerkschaften jedoch allenfalls schwach entwickelt. Aktuell dominiert offenbar eine Grammatik sozialer Auseinandersetzungen, die eine \u00dcberlagerung klassenspezifischer Verteilungskonflikte durch entsolidarisierende Konkurrenzen um das &#8222;Drinnen&#8220; und &#8222;Drau\u00dfen&#8220; verursacht. Diese Konflikte sind, wie gezeigt, durchaus mit Formen einer partikularen Sozialintegration vereinbar. Um &#8222;gehegte Konflikte&#8220; (Dubiel 1995), die gesellschaftlichen Zusammenhalt f\u00f6rdern k\u00f6nnten, handelt es sich bei diesen Gruppenkonkurrenzen jedoch nicht. Einstweilen scheinen Prekarisierungsprozesse die systemische Reproduktion westlicher Arbeitsgesellschaften nicht zu gef\u00e4hrden; dass die Sozialintegration intakt sei, wird man indessen kaum behaupten k\u00f6nnen.\u00a0<\/p>\n<p>*\u00a0Es handelt sich um eine bearbeitete Fassung meines Vortrages auf dem Soziologiekongress in Kassel am 11. Oktober 2006.<\/p>\n<p>1\u00a0\u00a0\u00a0 Es handelt sich um das Projekt &#8222;Prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung &#8211; Ursache von sozialer Desintegration und Rechtsextremismus&#8220;, das ich gemeinsam mit Klaus Kraemer und Frederic Speidel durchgef\u00fchrt habe. Das Vorhaben ist im vom BMBF gef\u00f6rderten Forschungsverbund &#8222;Integrationspotentiale moderner Gesellschaften&#8220; (Leitung: W. Heitmeyer\/Universit\u00e4t Bielefeld). Es basiert auf knapp 100 halbstrukturierten Interviews, Gruppenbefragungen und mehr als 30 Expertengespr\u00e4chen, die anhand ausgew\u00e4hlter Problemkonstellationen quer durch die &#8222;Zonen&#8220; der Arbeitsgesellschaft gef\u00fchrt wurden.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>2\u00a0\u00a0\u00a0 Die Typologie basiert auf einer qualitativen Erhebung mit ca. 100 Befragten aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft, die ich gem. mit Klaus Kraemer und Frederic Speidel durchgef\u00fchrt habe. Die Prozentzahlen stammen aus einer quantitativen Befragung des INIFES Stadtbergen, die auf einer geschichteten, zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlten Stichprobe (n=5.388) basiert. Tatjana Fuchs hat versucht, mit unserer Typologie zu rechnen. Die Prozentangaben m\u00fcssen insofern relativiert werden, als die Zuordnung des repr\u00e4sentativen Materials zu unseren Typen nur ann\u00e4hernd erfolgen konnte. 3,9 % der quantitativ Befragten waren nicht zuzuordnen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b>\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Adorno, Th. W. u.a. (1973, Original 1950): The Authoritarian Personality, New York.<br \/>Altvater, E. (2006): Solidarische \u00d6konomie. In: Widerspruch 50. Z\u00fcrich: 5-16.<br \/>Boltanski, L.\/Chiapello, \u00c8. (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz. Frz. (1999): Le nouvel \u00c9sprit du Capitalisme. Paris.<br \/>Bourdieu, P. (2000) Die zwei Gesichter der Arbeit. Konstanz.<br \/>Brinkmann, U.\/D\u00f6rre, K.\/R\u00f6benack, S. (2006): Prek\u00e4re Arbeit. Ursachen, Ausma\u00df, soziale Folgen und politische Verarbeitungsformen unsicherer Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse. Eine Expertise. Bonn.<br \/>Br\u00f6ckling, U.\/Krasmann, S.\/Lemke, Th. (Hrsg.) (2000): Gouvernementalit\u00e4t der Gegenwart. Studien zur \u00d6konomisierung des Sozialen, Frankfurt\/M.<br \/>Castel, R. (2005): Die St\u00e4rkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat. Hamburg.<br \/>Castel, R. (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz.<br \/>D\u00f6rre, K. (2006): The increasing precariousness of the employment society &#8211; driving force for a new right-wing populism? Paper prepared for presentation at the 15th Conference of Europeanists. Chicago, March 30 &#8211; April 2, 2006.<br \/>Dubiel, H. (1995): Gehegte Konflikte. In: Merkur, Heft 12\/1995: 1095-1106. <br \/>Foucault, M. (2000): Die Gouvernementalit\u00e4t, in: U. Br\u00f6ckling u.a., a.a.O., S. 41-67.<br \/>Fromm, E. (1983): Arbeiter und Angestellte am Vorabend des dritten Reiches. Frankfurt\/M. <br \/>Heitmeyer, W. (1997): Einleitung: Sind individualisierte und ethnisch-kulturell vielf\u00e4ltige Gesellschaften noch integrierbar? In: Ders. (Hrsg.): Was h\u00e4lt die Gesellschaft zusammen? Frankfurt\/M.: 23-65.<br \/>Heitmeyer, W.\/Imbusch, P. (Hrsg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft. Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration. Wiesbaden.<br \/>Kraemer, K.\/Speidel, F. (2005): Prekarisierung von Erwerbsarbeit &#8211; Zur Transformation des arbeitsweltlichen Integrationsmodus. In: Heitmeyer\/Imbusch (Hrsg.), a.a.O.: 36-390. <br \/>Kronauer, M.\/Linne, G. (Hrsg.) (2005): Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilit\u00e4t. Berlin.<br \/>Simmel, G. (1903\/1992): Der Streit. In: Soziologie. Untersuchungen \u00fcber die Formen der Vergesellschaftung. Frankfurt\/M.: 284-382.<br \/>Windolf, P. (Hrsg.) (2005): Finanzmarkt-Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen. Wiesbaden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2195],"publikationen":[1437],"class_list":["post-11860","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-doerre","publikationen-176-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Prek\u00e4re Arbeit und soziale Desintegraton - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/prekaere-arbeit-und-soziale-desintegraton\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Prek\u00e4re Arbeit und soziale Desintegraton - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Anmerkungen zu den subjektiven Verarbeitungsformen unsicherer Besch\u00e4ftigung*, aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006), S. 13-22 Nachfolgend m\u00f6chte ich \u00fcber eine grundlegende Ver\u00e4nderung im System der Erwerbsarbeit sprechen, die ich als Prekarisierung bezeichnen will. 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