{"id":11861,"date":"2006-12-01T10:40:00","date_gmt":"2006-12-01T09:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-angst-vor-dem-soziale-tod\/"},"modified":"2006-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2006-12-01T11:00:00","slug":"die-angst-vor-dem-soziale-tod","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/die-angst-vor-dem-soziale-tod\/","title":{"rendered":"Die Angst vor dem sozialen Tod"},"content":{"rendered":"<p>Wo Erfolg zur Bedingung von Anerkennung wird, ist die Angst vor der Scham seine Begleiterin.<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006), S. 32-38)<\/p>\n<p>Derzeit leben wir in einer nicht abrei\u00dfenden Kette von Angstszenarien. Sie reicht von der Angst vor Krieg und Terror bis zur Angst vor der Vogelgrippe, also eine facettenreiche Ausgestaltung der Todesangst. Daneben aber gibt es individuelle \u00c4ngste, genauso verbreitet und f\u00fcr den einzelnen genauso bedrohlich, ohne sich generalisiert artikulieren zu k\u00f6nnen: es ist die Angst vor Arbeitslosigkeit, vor dem Verlust von Status, Position und sozialer Anerkennung, es ist die Angst vor dem sozialen Tod. Um die ausgesprochenen Todes\u00e4ngste kann ich mich hier nicht detailliert k\u00fcmmern, obwohl es sich fast ausschlie\u00dflich um menschengemachte Bedrohungen handelt, die man zum gr\u00f6\u00dften Teil als kapitalistische Begleitprodukte betrachten kann, wie alle die Luft-, Wasser und Lebensmittelvergiftungen. Auch die modernen Mittel des Kriegshandwerks dienen nicht zuletzt einem hegemonialen Interesse, in dem die \u00d6konomie keine untergeordnete Rolle spielt. G\u00fcnther Anders hat den Begriff &#132;prometheische Scham&#147; erfunden, mit dem er deutlich macht, dass die Menschheit bislang nicht in der Lage ist, die Bedeutung der Atombombe zu begreifen. Heute k\u00f6nnte man den Gedanken von Anders variieren, wenn man sich die M\u00f6glichkeiten des modernen Terrorismus vor Augen f\u00fchrt. All diese Bedrohungen machen dem Einzelnen mehr oder weniger Angst, werden durch soziale und psychische Bedingungen relativiert oder radikalisiert, f\u00fchren zu kollektiven Hysterien und Apathien. Jedenfalls haben die konkreten \u00c4ngste und die realen Bedrohungen meist keine notwendige Verkn\u00fcpfung. Wie das Vertrauen in die Welt aussah, als es noch keine Atombomben gab, ist heute schwer vorstellbar. <br \/>Was f\u00fcr die Todesangst gilt, macht auch vor den \u00c4ngsten nicht halt, die das Misslingen des Lebensentwurfs betreffen. Angst vor Anerkennungs- oder Liebesverlust hat latent jeder, und mit Recht. Und zugleich sind gerade die sozialen Aspirationen des Einzelnen das paradigmatische Feld, in das auch alle die Angstprojektionen hineinschie\u00dfen, die aus anderen Lebenssph\u00e4ren stammen, nat\u00fcrlich auch die neurotischen. Die aktuelle Aufk\u00fcndigung solidarischer gesellschaftlicher Beziehungen, die, von der Politik bef\u00f6rdert, zu einer latenten Zerst\u00f6rung von Sozialit\u00e4t \u00fcberhaupt f\u00fchrt, l\u00f6st bisher unbekannte \u00c4ngste aus, da nicht mehr Schichten und Klassen die Leidtragenden sind, sondern Millionen von isolierten Individuen und Familien. Ob der gro\u00dfe pauperisierte Teil dieser riesigen Gruppe den Namen &#132;neue Unterschicht&#147; verdient, muss offen bleiben. Jedenfalls w\u00e4re es ein Begriff, der, gegen den Strich gelesen, Identifikationen erlauben w\u00fcrde. Dann k\u00f6nnte die diffuse, allgegenw\u00e4rtige Angst vielleicht, aber nur vielleicht, zum Motor einer neuen Politisierung werden.<br \/>In seinem vorletzten Buch: &#132;Respekt im Zeitalter der Ungleichheit&#147; besch\u00e4ftigt sich Richard Sennett mit den Chancen gegenseitigen Respekts unter Bedingungen sozialer Ungleichheit. Er geht davon aus, dass Ungleichheit immer und in allen Gesellschaften vorhanden ist, dass folglich Neid und Konkurrenz zur Gesellschaftlichkeit \u00fcberhaupt geh\u00f6ren. Dem kann man kaum widersprechen. Umso wichtiger wird es, wie die Gesellschaft mit dieser Tatsache umgeht, ob sie die Ungleichheit thematisiert oder kompensiert und wie sie sie rechtfertigt. Unsere Gesellschaft will die traditionell festgeschriebenen Status- und Rangunterschiede, also die traditionellen Formen sozialer Ungleichheit durch die so genannte Chancengleichheit \u00fcberwinden; nicht mehr die Herkunft sondern Begabung und Leistung sollen heute in die oberen Etagen der Gesellschaft f\u00fchren. Wie schwierig es ist, Chancengleichheit auch nur f\u00fcr den Hochschulzugang herzustellen, kann man an der PISA-Studie sehen. <br \/>Dass Chancengleichheit selbst da, wo sie halbwegs existiert, nichts an der Hierarchisierung der Gesellschaft \u00e4ndert, wird leicht vergessen. Die b\u00fcrgerliche Idee der Gleichheit ist hinter dem Postulat der Chancengleichheit fast verschwunden. Ihre Bedeutung lag ja gerade darin, dass sie vom Einzelnen und seiner Individualit\u00e4t absah. Urspr\u00fcnglich formal konzipiert kann sie sich nur unter Bedingungen sozialer Gleichheit realisieren, die in einer dynamischen Gesellschaft von der Politik immer neu geschaffen werden muss. Davon ist kaum noch etwas \u00fcbrig geblieben. Die heutige Individualisierung, die jeden zu seines Gl\u00fcckes Schmied erkl\u00e4rt, macht die Ungleichheit der sozialen Chancen unsichtbar. Der misslungene gesellschaftliche Aufstieg wird dann leicht als individueller Mangel interpretiert. Zur blo\u00dfen Ideologie verkommen ist das Gleichheitspostulat heute daher ein zweifelhafter Ansporn, es wirkt sich allzu leicht zerst\u00f6rerisch auf Selbstachtung und Selbstvertrauen aus. Mehr noch: es spielt mit der Angst vor Unterlegenheit, die im Konkurrenzkampf hervorgelockt und als Mittel der Besch\u00e4mung benutzt werden kann.<br \/>Adorno hatte bei der Analyse b\u00fcrgerlicher Deklassierungs\u00e4ngste davon gesprochen, dass die Angst, durch die Maschen zu fallen und abzusinken, mittlerweile als zweite Natur anstelle der Existenzangst ums &#132;nat\u00fcrliche Dasein&#147; getreten sei. Als unmittelbaren Grund hatte Adorno die Krisen des Kapitalismus im Auge, allgemeiner jedoch die Tatsache, dass Deklassierung als Bedrohung der Selbstachtung empfunden wurde, als radikaler Ehr- und Anerkennungsverlust.<br \/>Adorno war einer der Ersten, der die Rolle dieser diffusen Dauer\u00e4ngste um Erfolg oder Misserfolg zum Thema gemacht hat. Er hielt sie f\u00fcr das Einfallstor einer auf Angst bauenden, politischen Manipulation. Und das umso mehr, wenn die Angst vor dem sozialen Makel und das Gef\u00fchl dauernder Unsicherheit mit einer realen \u00f6konomischen Bedrohung zusammenkommen. Daraus entsteht ein Amalgam aus vielf\u00e4ltigen Existenz\u00e4ngsten, die &#8211; mit einem Wort von Bourdieu &#150; &#132;im Rahmen von Prekarisierungsstrategien systematisch ausgenutzt&#147; werden. Und genauer: &#132;Die Prekarit\u00e4t ist Teil einer neuartigen Herrschaftsform, die auf der Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fu\u00dft und das Ziel hat, die Arbeitnehmer zur Unterwerfung (&#133;) zu zwingen.&#147; Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, diese gemeinsame Unsicherheit und die gleichartigen sozialen \u00c4ngste k\u00f6nnten zur Solidarisierung f\u00fchren. Doch die Klassenunterschiede und die Stufe auf der Leiter der gesellschaftlichen Hierarchie, auf der die Einzelnen stehen, vertiefen die Gr\u00e4ben zwischen den sozialen Gruppen eher. Schlie\u00dflich h\u00e4ngt vom sozialen Ort ab, was die Einzelnen zu verlieren haben. Daher verbindet diese Unsicherheit nicht, im Gegenteil. Ideologisch gesch\u00f6nt bekommt sie ein positives Vorzeichen als Lust zum Risiko, so geht sie unmittelbar als Treibsatz in den Kampf um Erfolg und Aufstieg ein.<br \/>Deklassierung droht heute allen, auf allen R\u00e4ngen der Hierarchie, eine Gefahr, die es in traditionellen Gesellschaften nicht geben konnte. Ihr Pendant ist der soziale Aufstieg, der als Phantasma die Sozialpsychologie unserer Gesellschaft pr\u00e4gt. Da nun alle virtuell aufsteigen k\u00f6nnen und es auch phasenweise tun, \u00e4ndert sich an der Hierarchie prinzipiell nichts. In diesem Zerrbild einer egalit\u00e4ren Gesellschaft findet niemand einen sicheren Ort, daher die nie zu besiegende Angst vor dem Abstieg. Heute findet dieser Abstieg wirklich massenhaft statt, aber schon in den Jahren zuvor hat die latente Angst davor die Selbstachtung der Subjekte ausgeh\u00f6hlt, da das Selbstbild an den sozialen Status gekn\u00fcpft ist. Um es deutlich zu machen: da ging es noch nicht um: Angst vor Inflation, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor der Wirtschaftskrise. Bevor das alles so manifest drohte wie heute, war es trotzdem diese Angst, die den Konkurrenzkampf um Status und Position so erbittert macht. Auf den Punkt gebracht: Angst vor Deklassierung signalisiert einen Mangel an Selbstachtung, der, so Adorno, ein Kennzeichen unserer Gesellschaft ist.<br \/>In seiner Abhandlung zur &#8222;Politik der W\u00fcrde&#8220; gibt der israelische Sozialphilosoph Avishai Margalit der Selbstachtung das zentrale Gewicht f\u00fcr ein menschliches Zusammenleben, das im besten Falle solidarisch geregelt wird, in jedem Falle aber nicht zerst\u00f6rerisch sein darf. Wie Gesellschaften beschaffen sind, deren Mitglieder immer Gefahr laufen, ihre Selbstachtung zu verlieren, ist daher die zentrale Frage des Buches, das im Untertitel &#132;\u00dcber Achtung und Verachtung&#147; hei\u00dft. Dem\u00fctigung ist f\u00fcr ihn die Erfahrung, an der Selbstachtung zerbricht. Man kann sich durch die Umst\u00e4nde, unter denen man lebt, gedem\u00fctigt f\u00fchlen, vorausgesetzt, sie sind von Menschen gemacht. So etwa, &#132;wenn die Institutionen einer Gesellschaft bewirken, dass sich Menschen f\u00fcr ein identit\u00e4tsstiftendes Zugeh\u00f6rigkeitsmerkmal sch\u00e4men&#147;, wie Hautfarbe, Geschlecht oder auch Religion. Heute kommt die Unterschicht dazu. Selbstachtung setzt demnach voraus, dass die identit\u00e4tsstiftende Gruppe, der man selbstverst\u00e4ndlich und ohne eigene Entscheidung angeh\u00f6rt, sozial nicht gedem\u00fctigt wird. Selbstachtung ist also prim\u00e4r mit Zugeh\u00f6rigkeit, und erst in zweiter Linie mit Leistung verkn\u00fcpft.<br \/>Der dem\u00fctigende Ausschluss ganzer Gruppen ist ein sozialer Modus, der sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen reproduziert. Am deutlichsten wird dieser Modus in Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Beides sind in Europa Randph\u00e4nomene, die in Wellen kommen und gehen. Am untersten Rand der Gesellschaft ist diese Art von Dem\u00fctigungen eine Praxis der Gruppen, die ihrerseits von Ausschluss bedroht sind. Und dieser Mechanismus des Ausschlie\u00dfens setzt sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen fort. Deutsche wie amerikanische Soziologen haben beobachtet, dass so genannte askriptive Merkmale, wie Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, wieder mehr denn je als Kriterien gelten, die beim Statusgewinn z\u00e4hlen. Es sind genau die Identit\u00e4tskriterien, die nicht abstreifbar sind. Die quasinat\u00fcrlichen Stigmata, um die es sich hier ja handelt, pflanzen sich fort in soziale Stigmata. Und noch in der sozial anerkanntesten Gruppe finden sich im Falle der Statuskonkurrenz subtile Ausschlussmechanismen, und wenn es die uneheliche Geburt ist. Die Gesellschaft besteht nicht mehr aus Gruppen, denen man einfach angeh\u00f6rt und aus denen man nicht herausfallen kann, es sei denn die Familie. Fehlt jedoch diese Basis jeden Anerkennungsmodells, dann sind die Subjekte immer von Ausschluss und Besch\u00e4mung bedroht. Die Angst, durch die Maschen zu fallen und nirgends dazu zu geh\u00f6ren, geh\u00f6rt zu den treibenden Motiven, von denen diese Gesellschaft in Atem gehalten wird.<br \/>Der Fortschritt der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die sozialen Unterschiede durch Rang, Stand und Herkunft abzuschaffen, hat sich schlie\u00dflich an ihrem vorl\u00e4ufigen Ende als Schim\u00e4re erwiesen. An der sozialen Ungleichheit, um deren \u00dcberwindung es ging, hat sich nichts ge\u00e4ndert, lediglich ist sie heute nicht mehr rechtlich und politisch festgeschrieben, wohl aber sozial-strukturell verankert. Daraus erw\u00e4chst die Paradoxie, dass der Einzelne f\u00fcr sein Schicksal verantwortlich gemacht wird, und es doch aus strukturellen Gr\u00fcnden nur wenige gibt, die ihr Klassenschicksal verlassen. F\u00fcr alle anderen wird der scheiternde Versuch des Aufstiegs zur dem\u00fctigenden Erfahrung, eine Erfahrung, die mitunter mit Rache und Gewalt beantwortet wird.<br \/>Aus alledem soll nicht der Schluss gezogen werden, dass es fr\u00fcher besser war. Die Enge, die Armut, die brutalen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse waren sicher grauenhaft. Und trotzdem muss man festhalten, dass die b\u00fcrgerlich intendierte und kapitalistisch radikalisierte Emanzipation die Subjekte in eine Selbstbez\u00fcglichkeit zwingt, die zerst\u00f6rerisch ist. Fr\u00fcher blieb dem Einzelnen das Milieu, der Kietz, das Dorf oder die religi\u00f6se Gemeinde, in die er hineingeboren wurde. Sein sozialer Ort war nicht selbst gew\u00e4hlt oder erworben, sondern mit der Geburt gegeben. Das hat nicht nur beengt und geknechtet, sondern auch Distanz erlaubt. Den sicheren sozialen Ort gibt es f\u00fcr die meisten heute nicht mehr, sondern nur noch den sozialen Status. Nicht die Herkunft sondern einzig seine Kompetenzen, also Bildung, Titel, Auftreten werden daf\u00fcr verantwortlich gemacht. Objektiv k\u00f6nnte jeder dasselbe erreichen, wenn er nur k\u00f6nnte. Deshalb wird derjenige, der dieses alles nicht erreicht hat, seinen minderen sozialen Status als pers\u00f6nlichen Mangel interpretieren. Daraus erw\u00e4chst ihm ein Unterlegenheitsgef\u00fchl, das ihn besch\u00e4mt.<br \/>Nach G\u00fcnther Anders ist unser soziales Leben von der Schamangst durchwebt, weil das permanente Messen und Vergleichen den nie befriedigten Drang nach \u00dcberlegenheit hervorbringt, um der Gefahr des Unterliegens zu entkommen. Kaum jemand wird von der Erfahrung verschont, dass diese Gefahr nie gebannt ist, sobald man sich auf das Messen und Vergleichen eingelassen hat. Scham, so nochmal Anders, ist ein scheiternder Selbstbezug, eine St\u00f6rung der Selbstidentifizierung, die ohne Selbstachtung nicht vorstellbar ist. Gelingen kann der Selbstbezug nur, wenn die verinnerlichte Norm sich in der Lebenspraxis gew\u00e4hrt. Je mehr im heutigen Wirtschaftsleben der Konkurrenzgewinn in den Vordergrund als einziges Ziel r\u00fcckt, desto sicherer werden Normen, die dem nicht zuarbeiten, als dysfunktional verworfen. Es ist daher kein Zufall, dass der Sport zum Vorbild der Gesellschaft wird. Hier geht es um siegen, um sonst nichts. Alles andere wird dem untergeordnet. Auch das fair-play, die Moral des Sports, wird gerne zum Vergleich herangezogen; es setzt die Anerkennung von Regeln voraus und impliziert einander ebenb\u00fcrtige Konkurrenten. Die Konkurrenz von Gleich zu Gleich hat in unserer Gesellschaft einen hohen ideologischen Wert; mit ihrer Stilisierung kann die strukturelle Ungleichheit \u00fcberblendet werden. Daher die Betonung des Sportiven auf allen sozialen Ebenen. <br \/>Ob der besiegte Spitzensportler sich sch\u00e4mt, wei\u00df ich nicht. Ich denke, eher nicht. Er hat gezeigt, was er kann und jeder hat es gesehen. Er l\u00e4uft nicht Gefahr, die faktische Unterlegenheit als moralische Unterlegenheit zu empfinden. Er hat einen Rahmen, der unverr\u00fcckbar ist, in dem agiert er. Das berufliche Scheitern hat der Scheiternde immer weniger in der Hand, es hat keinen Rahmen, auf den bezogen der Einzelne handeln und sein Handeln reflektieren k\u00f6nnte. Seine F\u00e4higkeiten spielen selten eine Rolle. Selbst die Chance, sich zu vergleichen, ist vielen heute genommen, sie sind der Konkurrenz einfach ausgeliefert. Eine Situation, die sich zunehmend radikalisiert. Das Scheitern ist heue meist ein Absturz in die Arbeitslosigkeit, und nicht einfach nur der etwas schlechtere Job. Die Angst davor wird derzeit allenthalben weidlich ausgenutzt.<br \/>Bei Bourdieu steht das interessante Wort: Flexploitation, zusammengesetzt aus Flexibilit\u00e4t und Ausbeutung. &#132;Dieser Begriff veranschaulicht sehr treffend den zweckrationalen Gebrauch, der von der Unsicherheit gemacht wird.&#147; Die aktuelle Flexibilisierung der Arbeit, die jeden kollektiven Arbeitsrhythmus \u00fcber Bord wirft, hat die Selbstbez\u00fcglichkeit der individuellen Berufs- und Lebensplanung radikalisiert. Schon in den 50er Jahren hatte Adorno von Atomisierung gesprochen, um die Situation der Subjekte im Sp\u00e4tkapitalismus zu kennzeichnen. Im Begriff Individualisierung wird der Gedanke von Adorno aufgegriffen und weitergef\u00fchrt. Dabei geht es nicht um mehr Freiheit und Individualit\u00e4tschancen, sondern um die Aufl\u00f6sung aller Milieus und Traditionen, die mit Berufskarrieren und Modellen der Lebensf\u00fchrung verkn\u00fcpft waren, so dass der Einzelne sein Leben in allen Facetten planen muss und doch eingeengt bleibt von den Grenzen seiner Ausbildung und den Angeboten des Marktes. &#132;Hochgradig durch den Markt vergesellschaftet, findet der Einzelne jene soziostrukturellen Bindungen nicht mehr vor&#147; (Neckel), in denen er Schutz und Solidarit\u00e4t finden konnte. Individualisierung suggeriert mehr denn je die Chance des sozialen Aufstiegs, weil Individuen und nicht mehr soziale Klassen ins Blickfeld geraten. Sie zwingt den Subjekten einen Konkurrenzkampf auf, der langsam alle Lebenssph\u00e4ren ergreift. Die pers\u00f6nlichsten Attribute werden zum Tauschobjekt, dessen Einsatz soziale Vorteile verschaffen soll. Erfolg wie Misserfolg erscheinen unmittelbar als Ausdruck der Pers\u00f6nlichkeit, w\u00e4hrend das ehedem Pers\u00f6nliche einem Prozess der Selbstdestruktion zum Opfer f\u00e4llt.<br \/>In seinem bereits erw\u00e4hnten Buch \u00fcber Respekt angesichts von Ungleichheit spricht Sennett \u00fcber den Neid, der in unserer Gesellschaft gef\u00f6rdert werde, und der Neidische, dies ist das Problem, verliere seine Selbstachtung. Sennett geht es weniger um den Neid auf den besseren sozialen Status, sondern um den Neid auf das K\u00f6nnen eines andern. Sein Beispiel ist der Musiker, weil er selbst ein begabter Musiker war, bevor er wegen einer Handverletzung seine Musiker-Karriere aufgeben musste. Sennett kennzeichnet das K\u00f6nnen als etwas, was gerade deshalb Neid erregt, weil es jenseits aller Beziehungen und Anerkennungsformen f\u00fcr den K\u00f6nner etwas Befriedigendes hat. Am Neid gegen\u00fcber dem Musiker wird das Dilemma des Statusneids besonders deutlich. Der Statusneid gilt einem gesellschaftlichen Vorsprung, der K\u00fcnstlerneid gerade der Freiheit von Statusproblemen. Und je mehr die Statuskonkurrenz alles in ihren Sog hineinzieht, desto seltener wird es ein K\u00f6nnen unbelastet von Statusproblemen geben, ein K\u00f6nnen also, das bei sich bleibt, weil die T\u00e4tigkeit das ist, was befriedigt.<br \/>Neid kann sich auf alles richten, auch auf Sch\u00f6nheit und Bildung. Im Statusneid tritt der Neid um Anerkennung, der nirgends fehlt, quasi nackt hervor. Die Individualisierung der Ungleichheit treibt den, der sich aus dem Gef\u00fchl der Unterlegenheit besch\u00e4mt f\u00fchlt, in einen infiniten Regress der Anpassung, ja der Unterwerfung unter die herrschende Ordnung, um anerkannt zu werden. Die Scham, im beruflichen Leben unterlegen zu sein, weitet sich aus auf alles, was man ist. Durch die Flexibilisierung der Berufsbiographie lassen sich berufliche Normen nicht mehr eindeutig eingrenzen. Der Unterlegene glaubt sich an der herrschenden &#132;Identit\u00e4tsnorm&#147; (Goffman) gescheitert, und sch\u00e4mt sich umso mehr. Deshalb wird er alle F\u00e4higkeiten, die sich nicht in einen Anerkennungsgewinn umm\u00fcnzen lassen, \u00fcber Bord werfen. Je flexibler die Subjekte werden m\u00fcssen, um am Ball zu bleiben, desto geringer wird die Befriedigung aus der Qualit\u00e4t der Arbeit, es z\u00e4hlt eigentlich nur noch der Positionsgewinn.<br \/>Jetzt darf man nicht \u00fcbersehen, dass Statusgewinn meist auch mit besseren Lebenschancen verkn\u00fcpft ist, mehr Geld, mehr Verf\u00fcgung \u00fcber die eigene Zeit. Wer m\u00f6chte das nicht. Und doch ist es das Erfolghaben, das attraktiver ist, als alles andere. Um seinetwillen sind viele bereit, weitaus mehr von ihrem Leben zu opfern, als sie faktisch bekommen. Was man in den Augen anderer ist, erscheint als das, was man auch f\u00fcr sich selbst ist. Die Relativierung aller sozialen Positionen l\u00e4sst kein Berufsziel mehr zu, daher wird der Aufstieg zum einzigen Ziel. Angesichts gesellschaftlicher Hierarchien f\u00fchrt die Gleichheitsnorm dazu, sich nur im Aufstieg als jemanden zu wissen, der anerkannt ist. Da die Anerkennung, die im Statusgewinn liegt, immer mit vermehrtem Erwartungsdruck einhergeht, verwandelt sie sich leicht in einen Pyrrhussieg. Die Spiegelung im Anderen, die alle suchen, um sich als anerkannt zu wissen, steht immer an der Grenze zur Unterwerfung. Wo diese Grenze \u00fcberschritten wird, hat der tempor\u00e4r im Konkurrenzkampf \u00dcberlegene sich im selben Moment an das System verloren, ohne das er nichts ist, und die Angst vor drohender Unterlegenheit sitzt ihm qu\u00e4lend im Nacken. &#132;Niemals in der Geschichte konnten Unterlegenheitsgef\u00fchle (&#133;) subkutan derart anwachsen, wie in einer Gesellschaft, wo &#132;Erfolg und \u00dcberlegenheit&#147; sakrosankte Werte darstellen.&#147; (Neckel). \u00dcber- wie Unterlegenheit vermitteln sich hier nicht mehr \u00fcber ein Normengef\u00fcge, sondern werden selbst zur Norm. Zu Subjektivit\u00e4tskriterien gemacht, also ohne Bezug auf ein Tertium, fungieren sie wie moralische Alternativen. Deshalb kann der Versuch, \u00fcberlegen zu sein, sich in der Abwertung des Anderen best\u00e4tigen. Der Unterlegene dagegen, der ja die Normen des Anderen teilt, muss sich als soziales M\u00e4ngelwesen empfinden. <br \/>Wenn Unterlegenheit als Inbegriff subjektiven Mangels erscheint, wird die Scham als Indiz f\u00fcr Unterlegenheitsgef\u00fchle selbst bedrohlich. Es gibt eine Angst vor der Scham, man sch\u00e4mt sich seiner Scham. Die Scham signalisiert ja nicht mehr, dass man verp\u00f6nte Begierden hat, die um der Geselligkeit willen preisgegeben werden m\u00fcssen, weil es die Gesellschaft von Gleichen, die Elias gerade auch durch die Erh\u00f6hung der Schamgrenzen kommen sah, nie wirklich gab. Heute signalisiert die Scham, dass man mit seinem \u00dcberlegenheitswunsch gescheitert ist. Im Erfolg f\u00fchlt man sich frei und unabh\u00e4ngig, im Misserfolg glaubt man, dass alle Augen auf einen gerichtet sind. Das war immer so. Wird aber das Erfolghaben selbst zum alleinigen Motiv, dann trifft einen die Scham des Unterlegenen doppelt, dann n\u00e4mlich qu\u00e4lt nicht nur der Misserfolg hinsichtlich des angestrebten Ziels, sondern genauso die Tatsache, dass einen der Misserfolg qu\u00e4lt. In dieser Scham wird offenbar, dass gerade diejenigen, die man \u00fcberfl\u00fcgeln wollte, nun den Ma\u00dfstab der eigenen Niederlage abgeben. In der Negation tritt das d\u00fcpierte Anerkennungsbed\u00fcrfnis wieder qualvoll hervor. Daher also die gro\u00dfe Angst vor der Scham. Hier sch\u00fctzt die Scham nicht die soziale Form, wie das in so genannten Schamgesellschaften der Fall ist, wo die Besch\u00e4mbarkeit auch als Tugendbeweis gilt, da die Angst vor der Scham das Einhalten der Formen garantiert.<\/p>\n<p>Hier gibt es keine Gesellschaft, der man fraglos angeh\u00f6rt, und deren Anerkennung man folglich nur durch den eigenen Missgriff verlustig gehen kann. Hier ist die Bedrohung durch Besch\u00e4mung insofern allgegenw\u00e4rtig, als jeder ehrgeizige Konkurrent einen ohne eigenes Zutun zum Verlierer machen kann. Die Grenzen werden immer wieder neu gezogen, und alle m\u00fcssen schauen, dass sie nicht unversehens auf der falschen Seite gelandet sind.<br \/>Auf den letzten Seiten seiner &#132;Geschichte der Kindheit&#147; spricht Philippe Ari\u00e8s dar\u00fcber, dass soziale Ungleichheit nicht immer schon mit Unter- oder \u00dcberlegenheit assoziiert wurde, sondern erst seit Beginn der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. &#132;Das Nebeneinander des Ungleichen, das einst selbstverst\u00e4ndlich war, wurde (dem B\u00fcrgertum) unertr\u00e4glich: der Widerwille der Reichen ist der Scham der Armen vorausgegangen. Die neue Gesellschaft stellte (&#133;) jeder Lebensform einen gesonderten Raum zur Verf\u00fcgung, innerhalb dessen ausgemacht war, dass die dominierenden Merkmale respektiert werden mussten, man sich einem konventionellen Modell, einem Idealtypus anzugleichen hatte und sich bei Strafe der Aussto\u00dfung niemals von diesem entfernen durfte.&#147;<br \/>Diese Angst vor der &#132;Strafe der Aussto\u00dfung&#147; hat nun in unserer Gesellschaft eine neue Dimension dazu gewonnen. Nicht nur droht Deklassierung, nicht nur Verarmung, vielmehr gibt es einfach nicht mehr f\u00fcr alle Platz. Derzeit funktioniert unsere Gesellschaft wie die Reise nach Jerusalem, dieses Kinderspiel, wo bei jeder Runde einer auf der Strecke bleibt. Da alle mit allen konkurrieren, bis sie ausgeschieden sind, kann es Solidarit\u00e4t in einem solchen Szenario nicht geben. Die \u00c4ngste, die in dieser Konstellation entstehen, sind allgegenw\u00e4rtig, sie geh\u00f6ren zum Triebgrund unserer Gesellschaft. In der Schuldangst, die \u00fcber Jahrhunderte ein Motor unserer Zivilisation war, steckte immer eine moralische Verpflichtung. Schamangst ist nie produktiv, in ihrer Latenz nie besiegbar, und am Ende selbstzerst\u00f6rerisch. Um ihr zu entkommen w\u00e4ren neue B\u00fcndnisse n\u00f6tig, ob es die in absehbarer Zeit gibt &#150; ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2215],"publikationen":[1437],"class_list":["post-11861","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-sigrun-anselm","publikationen-176-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Angst vor dem sozialen Tod - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/die-angst-vor-dem-soziale-tod\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Angst vor dem sozialen Tod - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Wo Erfolg zur Bedingung von Anerkennung wird, ist die Angst vor der Scham seine Begleiterin. aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006), S. 32-38) Derzeit leben wir in einer nicht abrei\u00dfenden Kette von Angstszenarien. 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