{"id":11862,"date":"2006-12-01T10:30:00","date_gmt":"2006-12-01T09:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/weder-freelancer-noch-free-rider\/"},"modified":"2021-08-24T21:49:30","modified_gmt":"2021-08-24T19:49:30","slug":"weder-freelancer-noch-free-rider","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/weder-freelancer-noch-free-rider\/","title":{"rendered":"Weder freelancer noch free-rider"},"content":{"rendered":"<p>Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006) S. 39-49<\/p>\n<p>Die Rede von der &#8222;Fragmentierung&#8220; und von der &#8222;Desintegration&#8220; der Gesellschaft wird lauter. Sogar von der &#8222;Klassengesellschaft&#8220; im Sinne Max Webers wird hin und wieder gesprochen, von f\u00fcr soziale Ungleichheit urs\u00e4chlichen &#8222;\u00f6konomischen Klassenlagen&#8220;. Noch in den 1980er Jahren war dies kein Thema. So wurde damals in den Sozialwissenschaften zwar \u00fcber &#8222;neue soziale Formationen und Ungleichheiten&#8220; diskutiert, allerdings eher akademisch selbstreferenziell mit Blickrichtung auf bildungs- und geschlechtsspezifische oder auf risiko- und weltgesellschaftliche Kontexte (vgl. Kreckel 1983). Grundlegende soziale Ungleichheiten oder gar klassenspezifische Trennlinien, wie sie seinerzeit insbesondere von Pierre Bourdieu in Frankreich und Europa geltend gemacht wurden (Bourdieu 1982), blieben abseits der \u00f6ffentlichen Agenda. Sie waren &#8222;out&#8220;. Das sieht mittlerweile ganz anders aus.<br \/>Selbst die Politik der &#8222;Berliner Republik&#8220; hat nach einigem Hin und Her wieder die &#8222;Unterschicht&#8220; entdeckt. Der Tunnelblick politischer Betriebsamkeit, in der die gesellschaftlichen Realit\u00e4ten h\u00e4ufig nur als fachspezifisch aufbereitete Szenarien wahrgenommen werden, scheint sich ein wenig geweitet zu haben. Offenbar hat sich die gesellschaftliche Realit\u00e4t skandal\u00f6ser sozialer Ungleichheiten Ausdrucksformen gesucht, die zunehmend den Nerv der politischen Klasse treffen: Dramatisch sinkende Quoten bei der Beteiligung an Wahlen, Stimmenverluste zu Gunsten kleiner Parteien und vor allem auch Wegbrechen der Mitgliederbasis in den beiden gro\u00dfen Volksparteien. <br \/>Reaktionen auf diese nicht mehr zu leugnende Krise der politischen Repr\u00e4sentation erfolgen allerdings zumeist reflexartig. Bem\u00fcht wird dabei das immer wiederkehrende Muster von Verelendung und Modernisierung bzw. von Masse und Elite. Soziale Verwerfungen und Polarisierungen werden entweder mit verelendungs- und anomietheoretisch angereicherten Bildern des 19. Jahrhunderts wahrgenommen oder mit aus der selben Zeit stammenden Modernisierungs- und Disziplinierungsvorstellungen, nach denen die Menschen nur hinreichender Anreize bed\u00fcrfen, um den Anforderungen der &#8222;Globalisierung&#8220; gen\u00fcgen zu k\u00f6nnen. In beiden F\u00e4llen wird \u00fcber die betroffenen Menschen hinweg gedeutet. Sie kommen gar nicht erst zu Wort. Sie haben keinen Akteursstatus, sondern sie sind Objekte oder gar Opfer. Im \u00f6ffentlichen Diskurs werden ihnen politischer Beteiligungswille und Bereitschaft im Sinne von Umstellungs- und Bew\u00e4ltigungsstrategien ihrer Lebensf\u00fchrung von vornherein abgesprochen. Aus der Perspektive der in dieser Weise zum Schweigen Verurteilten &#8211; und das reicht von Arbeitslosen und anderen Ausgegrenzten weit in die respektablen sozialen Milieus der gesellschaftlichen Mitte hinein &#8211; findet eine Entw\u00fcrdigung bisheriger Lebensleistungen statt. M\u00fchsam in\u00a0 langfristiger Arbeit erworbene Ressourcen und Kompetenzen zur Bew\u00e4ltigung unterschiedlichster sozialer Probleme sind nicht gefragt, weil weitgehend unerkannt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"soziale-milieus-und-politische-lager-in-deutschland\">Soziale Milieus und politische Lager in Deutschland<\/span><\/h2>\n<p>Auf Abqualifizierungen der Alltagserfahrungen und Potenziale der Menschen in den unterschiedlichen sozialen Milieus und auf deren damit verbundene Dem\u00fctigungen und politische Verarbeitungsformen aufmerksam zu machen, geh\u00f6rt zu den zentralen Erkenntnisinteressen der in Hannover entwickelten politischen Soziologie der Milieuforschung (vgl. Vester u.a. 2001). Deren Ergebnisse verweisen darauf, dass die gegenw\u00e4rtig wieder offensichtlicher gewordenen Klassenspaltungen der Gesellschaft sich nie erledigt hatten und insbesondere auch unter wohlfahrtsstaatlichen Bedingungen fortexistierten. Allerdings waren sie materiell wie alltagskulturell pluralisiert und \u00fcberformt &#8211; um nicht zu sagen \u00fcbert\u00fcncht &#8211; und konnten mit den Variablen und Indikatoren \u00fcblicher Schichtungssoziologie kaum entschl\u00fcsselt werden, zumal das gesellschaftliche Interesse daran ohnehin \u00e4u\u00dferst beschr\u00e4nkt war. Sp\u00e4testens mit der durch PISA skandalisierten Bildungsmisere gelangte die These von nach wie vor klassenspezifischen Ungleichheiten wieder auf die Tagesordnung (vgl. Abb.1 sowie Bremer\/Lange-Vester 2006).<br \/>Soziale Milieus aus dieser Perspektive sind nun nicht zu verwechseln mit in der Tendenz beliebigen bzw. frei w\u00e4hlbaren \u00e4sthetischen Lebensstilen oder &#8222;Bastelidentit\u00e4ten&#8220;. Sie sind mehr. Emile Durkheim (1988) hatte bereits 1893 &#8222;Milieu&#8220; als zentrales Konzept f\u00fcr gesellschaftliche Akteursgruppen in die Diskussion eingebracht. \u00c4hnlich wie Max Weber hatte er &#8222;Milieu&#8220; als Ausdruck von sozialer Koh\u00e4sion bzw. sozialem Zusammenhalt definiert: auf Grund von Beziehungen der Verwandtschaft, territorialer Nachbarschaft oder Berufsgruppen und auf Grund damit verbundener Herausbildung eines gemeinsamen &#8222;Korpus moralischer Regeln&#8220; und deren Verinnerlichung in einem gemeinsamen &#8222;Habitus&#8220;. Wenn dar\u00fcber hinaus\u00a0 berufliche Milieus in einem Herrschaftsverh\u00e4ltnis zueinander stehen, nennt Durkheim sie &#8222;Klassen&#8220;. Pierre Bourdieu (1982) hat mit seinen Studien an Durkheim angekn\u00fcpft. Auf der Grundlage umfassender Berufsgruppen- und Lebensstiluntersuchungen wies er eine relativ enge Verbindung von Klassenfraktion und Habitustypus nach. Dazu geh\u00f6rt, dass der &#8222;Klassenhabitus&#8220; nicht allein bestimmte Bewertungs- und Orientierungsschemata des Geschmacks und der Alltagspraxis beinhaltet. Insbesondere auch generiert er bestimmte Strategien der Bildungs- und Berufswege, die nicht nur zur Reproduktion der jeweiligen Klassenstellung, sondern auch zu Umstellung taugen m\u00fcssen, wenn das angestammte Berufsfeld eines Milieus sich wandelt. Alltagsverhalten und Berufsfelder sind also auf dynamische und flexible Weise miteinander verkoppelt.<br \/>Die hannoversche Milieuforschung hat den Ansatz Bourdieus mit dem der fr\u00fchen englischen Cultural Studies (Williams 1972; Clarke, Hall u.a. 1979) verbunden, weil dieser nicht allein wie Bourdieu die Reproduktion, sondern auch den durch den Generationenwechsel bedingten Wandel der Kultur und des Habitus von Klassenmilieus erkl\u00e4ren kann. Dabei konnte f\u00fcr die deutsche Gesellschaft empirisch &#8211; mit den von J\u00f6rg Ueltzh\u00f6ffer, Ulrich Becker und Berthold Bodo Flaig vermittelten innovativen Methoden des &#8222;Sinus&#8220;-Instituts &#8211; nachgewiesen werden, dass die historischen Traditionslinien der Alltagskulturen der sozialen Klassen weiter bestehen. Und zwar gerade dadurch, dass die j\u00fcngeren Generationen, im Konflikt mit der Kultur ihrer Eltern und herausgefordert durch neue gesellschaftliche Erfahrungen, ihre Herkunftskultur immer wieder flexibel weiter entwickeln. Neu entstandene soziale Milieus konnten als die j\u00fcngeren Zweige der \u00e4lteren Milieus identifiziert werden, die sich horizontal in die moderneren Berufsfelder im linken Teil des sozialen Raums bewegten. Trotz dieses Gestaltwandels der j\u00fcngeren sozialen Milieus war alltagspraktisch eine hohe, \u00fcber soziale Kontrolle reproduzierte Wirksamkeit der im Habitus verfestigten Klassenkulturen festzustellen. Dazu geh\u00f6ren spezifische Klassifikations- und Orientierungsschemata, Geschmacks- und Umgangsformen sowie Strategien des Bildungserwerbs, der Berufswege und der Umstellungen, die sich nach dem jeweiligen Ort im sozialen Raum unterscheiden.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"soziale-milieus\">Soziale Milieus<\/span><\/h2>\n<p>Demnach gab und gibt es in Deutschland eine relativ hohe Konstanz von f\u00fcnf gro\u00dfen, an die alten Klassenmilieus anschlie\u00dfenden Traditionslinien sozialer Milieus, die sich wie Familienstammb\u00e4ume nach Generationen und sozialen Erfahrungen differenzieren und in der Gesamtbetrachtung das Bild von immer noch wirksamen vertikalen Klassenstufungen best\u00e4tigen (vgl. Abb.1). Dazu geh\u00f6ren mit &#8222;Besitz&#8220; und &#8222;Bildung&#8220; sowie entsprechend distinktiven Lebensstilen die zwei Traditionslinien der gesellschaftlichen Oberklassen mit etwa 20% der Bev\u00f6lkerung. Bis auf das &#8222;gehobene Dienstleistungsmilieu&#8220;, in dem sich Aufsteiger der technischen Expertenberufe und der sozialen Dienstleistungen befinden, haben sie ihre obere soziale Stellung seit Generationen gegen Neuzug\u00e4nge gesichert. Auch die kulturelle Avantgarde im Raumschema links oben rekrutiert sich \u00fcberwiegend aus j\u00fcngeren Oberklasseangeh\u00f6rigen. Die beiden Traditionslinien der &#8222;Facharbeit&#8220; bzw. &#8222;Praktischen Intelligenz&#8220; und des &#8222;St\u00e4ndisch-Kleinb\u00fcrgerlichen&#8220; repr\u00e4sentieren die respektablen Volksklassen mit einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von etwa 70%. Respektable Lebensf\u00fchrung und eine sichere und anerkannte Berufsstellung sind ihre Abgrenzungsmerkmale nach unten. Als Arbeitnehmer und &#8222;kleine Leute&#8220;, die es durch eigene Leistung zur Respektabilit\u00e4t gebracht haben, grenzen sie sich auch nach oben ab. Gegen\u00fcber Privilegienwirtschaft, welche die Grunds\u00e4tze der Leistungsgerechtigkeit und Statussicherung verletzen, zeigen sie sich als \u00e4u\u00dferst sensibel.<\/p>\n<p>Abb. 1<br \/>\u00a0<\/p>\n<p>Dabei zeigt die kleinb\u00fcrgerliche Traditionslinie im Raum rechts mit ihrer Bereitschaft zur Anerkennung gesellschaftlicher Hierarchien st\u00e4ndisch-konservative Z\u00fcge. Dagegen setzt die moderne Traditionslinie im Raum links auf relative Autonomie, die von einer systematischen Lebensf\u00fchrung, guter fachlicher Arbeit, Ausbildung, Leistung und gegenseitiger Hilfe gepr\u00e4gt ist. Im weiteren Raum links schlie\u00dft sich eine jugendspezifische Milieufraktion an, die sich gegen die Pflicht- und Arbeitsethik der beiden Traditionslinien ihrer Eltern abgrenzt. In dieser gro\u00dfen Mitte hat sich die horizontale Bildungs-, Berufs- und Lebensstildynamik erheblich ausgepr\u00e4gt. Diese Milieus sind alles andere als bildungsfern, sondern bereits zur H\u00e4lfte \u00fcber die Hauptschule hinausgelangt. Allerdings sind sie auf dem weiteren Weg in die h\u00f6here Bildung abgebremst worden. Gleichzeitig ist aber deren untere H\u00e4lfte in den letzten Jahren in ihren sozialen Stellungen bedroht. <br \/>\u00a0Die etwa 10% der Traditionslinie der &#8222;Unterprivilegierten&#8220; haben seit Generationen die Erfahrung sozialer Ohnmacht gemacht und setzen weniger auf planvolle Lebensf\u00fchrung als auf die flexible Nutzung von &#8222;g\u00fcnstigen&#8220; Gelegenheiten und auf Anlehnung an St\u00e4rkere. In der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR hatten diese Milieus erstmals dauerhafte, wenn auch k\u00f6rperlich belastende, Besch\u00e4ftigungen finden k\u00f6nnen. Weil ein Gro\u00dfteil ihrer Arbeitspl\u00e4tze heute jedoch abgebaut sind, sind viele Angeh\u00f6rige dieser Milieus wieder in prek\u00e4ren sozialen Stellungen zur\u00fcckgestuft.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"politische-lager\">Politische Lager<\/span><\/h2>\n<p>Problematisch wird es, wenn politische Ordnungsvorstellungen und Wahlverhalten direkt aus der skizzierten Milieustruktur abgeleitet werden sollen. Zwar neigen die Angeh\u00f6rigen einzelner Milieus mit hohen Wahrscheinlichkeiten auch bestimmten Gesellschaftsbildern und politischen Parteilagern zu. Beispielsweise w\u00e4hlen Menschen der neuen Experten- und Dienstleistungsberufe deutlich seltener konservativ als die Angeh\u00f6rigen der oberen administrativen Dienstklasse. Aber Minderheiten in beiden Milieus w\u00e4hlen eben doch auch anders. Dies beruht auf spezifischen Eigenheiten des politischen Feldes, das sich \u00fcber \u00f6ffentliche Diskurse, K\u00e4mpfe und Kompromisse nach Koalitionen bzw. politischen &#8222;Lagern&#8220; strukturiert, die jeweils auch vertikale Gesellschaftsstufen bzw. Klassen \u00fcberschneiden. <br \/>Die Lager-Koalitionen, die sich in oft weit zur\u00fcckliegenden historischen Gro\u00dfkonflikten gebildet haben, haben in der Regel eine lange Lebensdauer, da sie sich in den politischen K\u00e4mpfen institutionell \u00fcber die intermedi\u00e4re Klientelf\u00fcrsorge und ideologisch \u00fcber die publizistische und erzieherische Sozialisation verfestigen. Unter besonderen Bedingungen der Entfremdung zwischen F\u00fchrungs- und Klientelgruppen bzw. zugespitzter Krisen\u00a0 politischer Repr\u00e4sentation, wie die Beispiele der Bewegungen des Faschismus und Rechtspopulismus einerseits und der &#8222;Achtundsechziger&#8220; und des Postmaterialismus andererseits, k\u00f6nnen sich die Lager auch teilen und umgliedern. Ihre Orientierungen basieren auf gesamtgesellschaftlichen Ordnungsbildern. Sie entsprechen den klassischen konservativen, liberalen, sozialdemokratischen, rechtspopulistischen und heute auch postmaterialistischen Vorstellungen, nach denen die gesellschaftliche Ordnung sowie das jeweils daran gekn\u00fcpfte Bild sozialer Gerechtigkeit geordnet sein soll. Dabei kommen soziale, konfessionelle, regionale und andere Dimensionen zusammen, die schon von der klassischen Wahlforschung (vgl. Lazarsfeld u.a. 1969) als &#8222;cleavages&#8220; geltend gemacht worden sind und eine bis in die Gegenwart reichende historische Kontinuit\u00e4t der jeweiligen Gesellschaftsbilder bewirken, auch wenn viele intermedi\u00e4re, koh\u00e4sionsstiftende Institutionen nicht mehr direkt und formell an die einzelnen politischen Lager gebunden sind.<br \/>So k\u00f6nnen wir in Deutschland zwischen sechs gesellschaftspolitischen Lagern unterscheiden, die zwar Schwerpunkte in bestimmten sozialen Milieus haben, aber mit diesen nicht deckungsgleich sind. Die Lager verteilen sich jeweils vertikal bzw. diagonal \u00fcber verschiedene Milieus, was best\u00e4tigt, dass es sich um Koalitionen verschiedener Milieufraktionen \u00fcber die Milieugrenzen hinweg handelt (vgl. Abb. 2). <br \/>\u00a0Im rechten Teil des sozialen Raums liegt eine noch relativ intakte Formation von zwei konservativen Lagern, die Hochburgen der CDU\/CSU und des rechten Fl\u00fcgels der SPD sind. Nach dem konservativen Modell sozialer Gerechtigkeit k\u00f6nnen alle sozialen Gruppen Solidarit\u00e4t beanspruchen, aber nicht in gleichem Ma\u00dfe, sondern hierarchisch abgestuft nach Besitz, Bildung, Geschlecht und Ethnie. Das Modell folgt dem Patron-Klient-Muster: Loyalit\u00e4t muss durch paternalistische F\u00fcrsorge vergolten werden. Das Lager der &#8222;Gem\u00e4\u00dfigt Konservativen&#8220; (ca. 18%), mit Schwerpunkt bei den kleinb\u00fcrgerlichen Arbeitnehmern, legt das Modell eher arbeitnehmerisch aus. Verletzt z.B. der Patron seine F\u00fcrsorgepflicht, so sind u.a. auch gewerkschaftliche Kampfmittel berechtigt. Auch hat sich ein Drittel dieses Lagers moderneren und toleranteren Lebensstilen zugewandt. Dies \u00fcbt Druck aus auf das Lager der &#8222;Traditionell-Konservativen&#8220; (ca. 14%), das die Position des &#8218;Patrons&#8217; einnimmt.<br \/>Im linken Teil des sozialen Raums finden sich zwei etwas heterogenere arbeitnehmerische Lager, die Hochburgen der SPD und des sozialen Fl\u00fcgels der CDU\/CSU sind. Das Lager der &#8222;Sozialintegrativen&#8220; (ca. 13%) tritt f\u00fcr gleiche Rechte aller sozialer Gruppen ein, d.h. sowohl f\u00fcr die materielle Verteilungsgerechtigkeit f\u00fcr Arbeitnehmer und Unterprivilegierte als auch f\u00fcr die postmateriellen Rechte der Zivilgesellschaft, der Frauen, Ausl\u00e4nder, der Natur usw. Das Lager st\u00fctzt sich vor allem auf die moderne Reformintelligenz, die nicht nur oben, sondern auch in den mittleren Milieus der Sozialberufe, der Gewerkschaften und der Kirchen verankert ist. Damit ist es r\u00e4umlich und moralisch einem anderen Lager nahe, den &#8222;Skeptisch Distanzierten&#8220; (ca. 18%), die vor allem aus den Volksmilieus der Facharbeit kommen und ein Modell der Solidarit\u00e4t auf Gegenseitigkeit vertreten. Wer zu Produktivit\u00e4t und Sozialstaat beitr\u00e4gt und wer unverschuldet in Not ist, soll auch daran teilhaben. Beide Lager sind in ihren Vorstellungen von Solidarit\u00e4t von der Politik der Volksparteien stark entt\u00e4uscht. Ein drittes Paar von komplement\u00e4ren Lagern entspricht besonders dem ideologischen Gegensatz von &#8218;Elite&#8217; und &#8218;Masse&#8217; oder &#8218;ideell&#8217; und &#8218;materiell&#8217;. Das Lager der &#8222;Radikaldemokraten&#8220; (ca. 11%), links oben im sozialen Raum, vertritt emphatisch die postmateriellen Ideale, w\u00e4hrend es f\u00fcr materielle Ungleichheiten eher unsensibel ist. Wirtschaftsliberale Akzente sind hier st\u00e4rker als sozialliberale. Das Lager ist daher eine Hochburg der Partei der Gr\u00fcnen und eines gewissen progressiven Neoliberalismus.<\/p>\n<p>Abb. 2<\/p>\n<p>\u00a0 <br \/>Dass das Lager kaum Anh\u00e4nger unterhalb der oberen und aufsteigenden Milieus hat, liegt offensichtlich an einer elitistischen Ideologie, die die eigene h\u00f6here Position mit einer puritanischen Arbeitsethik rechtfertigt, die den Volksmilieus abgesprochen wird. Ihm entgegengesetzt ist das Lager der &#8222;Entt\u00e4uscht Autorit\u00e4ren&#8220;, mit beklemmenden\u00a027 %. Es vereint Verlierer der \u00f6konomischen Modernisierung, insbesondere \u00e4ltere, aber teilweise auch j\u00fcngere Milieus mit wenig Bildungskapital und unsicheren Zukunftsperspektiven. Sie verarbeiten ihre Ausgrenzung &#8211; anders als die demokratische Mitte &#8211; nach autorit\u00e4rem Muster, mit Ressentiments gegen Ausl\u00e4nder, alles Moderne und die Politiker, die ihre F\u00fcrsorgepflichten vernachl\u00e4ssigen. Sie wollen gegen die Risiken des Strukturwandels durch eine protektionistische Wirtschaftspolitik und eine restriktive Zuwanderungspolitik gesch\u00fctzt werden. Aus Realismus w\u00e4hlen sie traditionell meist CDU\/CSU und SPD. Regionalwahlen zeigen aber, dass &#8211; wie in anderen L\u00e4ndern Europas &#8211; rechtspopulistische Parteien vor allem aus dieser Basis den gr\u00f6\u00dften Teil ihrer bis zu 20 % Proteststimmen gewinnen k\u00f6nnen.<br \/>Die zun\u00e4chst un\u00fcbersichtlich erscheinende Vielfalt alltagskultureller Dispositionen und ihrer gesellschaftlich-politischen Symbolik strukturiert sich entlang der Kategorien &#8222;soziales Milieu&#8220; und &#8222;politisches Lager&#8220; zu einem durchaus systematischen Bild der Gesellschaft. Allein am Beispiel soziale Gerechtigkeit bzw. soziale Ordnungsmodelle offenbart sich ein Muster mit recht deutlicher Mehrheit f\u00fcr wohlfahrtsstaatliche Strukturen. Bei aller Differenz zwischen konservativen Solidarit\u00e4tsvorstellungen des &#8222;gem\u00e4\u00dfigt-konservativen&#8220; Lagers, progressiv-solidarischen Vorstellungen des &#8222;sozialintegrativen&#8220; Lagers und mutualistischen bzw. auf Gegenseitigkeit ausgerichteten Vorstellungen des &#8222;skeptisch-distanzierten&#8220; Lagers, in der Summe repr\u00e4sentieren sie Solidarit\u00e4tsmodelle, die mehr oder minder zur Identit\u00e4t des deutschen Wohlfahrtsstaats geh\u00f6ren. Sie repr\u00e4sentieren eine eindeutige gesellschaftliche Mehrheit, insbesondere wenn dar\u00fcber hinaus die 27 % des &#8222;entt\u00e4uscht-autorit\u00e4ren&#8220; Lagers mit seinen protektionistischen Dispositionen durch eine Politik sozialer Mindestgarantien integriert werden k\u00f6nnen. Die im Aufwind des Neoliberalismus gehandelten progressiv-liberalen Vorstellungen des &#8222;radikaldemokratischen&#8220; Lagers wie auch die konservativ-f\u00fcrsorglichen des &#8222;traditionell-konservativen&#8220; Lagers erweisen sich als Elitemodelle sozialer Ordnung, die mit etwa 25 % in der Bev\u00f6lkerung nicht mehrheitsf\u00e4hig sind.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"systematische-missverstaendnisse-als-soziale-verkennungen\">Syste&shy;ma&shy;ti&shy;sche Missver&shy;st&auml;nd&shy;nisse als soziale Verken&shy;nungen<\/span><\/h2>\n<p>Die nun in diesen Strukturen gelebten Erfahrungen, Orientierungen und Handlungsmuster zusammenzufassen, geh\u00f6rt zu den grundlegenden, aber nicht unproblematischen Aufgaben der Politik. Insbesondere da Vorstellungen sozialer Gerechtigkeit sich immer empirisch aus alltagsweltlichen Erfahrungen sozialer Milieus erkl\u00e4ren, stellt sich die Frage, wie diese gedeutet und politisch integriert werden k\u00f6nnen. Auch die im Kontext gesellschaftlicher Umbr\u00fcche mehr oder minder erfolgreichen Umstellungs- und Bew\u00e4ltigungsstrategien in den einzelnen sozialen Milieus zu erkennen, wie andererseits auch die aus Sicht der Betroffenen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Zumutungen und \u00dcberforderungen, scheint nicht ganz einfach zu sein. So kommt es in den \u00f6ffentlichen Diskursen, an denen die Volksklassen nicht beteiligt sind, immer wieder zu bezeichnenden Missverst\u00e4ndnissen bzw. sozialen Verkennungen, wenn aus verelendungs- oder modernisierungstheoretischer Perspektive geplante politische Ma\u00dfnahmen von betroffenen sozialen Milieus pl\u00f6tzlich als unzul\u00e4ssige Verhaltenszumutungen zur\u00fcckgewiesen werden. <br \/>Die aktuelle Debatte um den Begriff der &#8222;Unterschicht&#8220; l\u00e4dt dazu ein, etwas \u00fcber milieuspezifische Prozesse sozialer Verkennung zu erfahren. So kritisiert der aus der respektablen Volksklasse (&#8222;Traditionslinie der Facharbeit&#8220;) stammende und unter gesellschaftlich-politischen Bedingungen eines funktionierenden Sozialstaats erst zum Gewerkschafts-, dann zum Parteivertreter aufgestiegene Kurt Beck den mangelnden Aufstiegswillen in der &#8222;Unterschicht&#8220;. Von einem Parteivorsitzenden, der Begriffe pr\u00e4gen und besetzen muss, ist zu erwarten, dass er dabei wohl\u00fcberlegt vorgeht, und sei es mit Hilfe von Beratern, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, in dem sie die Problematik der &#8222;Unterschicht&#8220; mit einem erkl\u00e4renden Gesellschaftsbild und insbesondere mit einer schl\u00fcssigen politischen Konzeption verbinden. Doch weder das eine noch das andere geschieht. Stattdessen dominiert das medial vermittelte Alltagsverst\u00e4ndnis von &#8222;Unterschicht&#8220;, und Kurt Beck versteht das kritische Echo nicht, das er mit seiner Bemerkung ausl\u00f6st. <br \/>Er versteht offenbar nicht, dass er sich mit seinem v\u00f6llig unspezifischen Gebrauch des Begriffs\u00a0 der &#8222;Unterschicht&#8220; genau in jenen \u00f6ffentlichen neoliberalen Diskurs einreiht, der seit Jahren die Ursachen sozialer Ungleichheit und Ausgrenzung negiert, deren f\u00fcr den Zusammenhalt der Gesellschaft negative Folgen individualisiert und diese &#8211; begleitet von Drohungen und Klagen angesichts vermeintlicher Antriebslosigkeit der Betroffenen &#8211; mittlerweile als gesellschaftlichen Normalzustand akzeptiert. Und in der Konsequenz muss wohl auch angenommen werden, dass Beck als Vorsitzender der SPD es kaum verstehen kann, warum seine Partei seit dem Jahr 2000 nahezu jede Wahl verloren hat. Offensichtlich ist ihm und seinen Parteistrategen mit der gewachsenen sozialen Distanz zur eigenen Klientel verborgen geblieben, dass nicht allein die so genannte &#8222;Unterschicht&#8220;, sondern zunehmend auch die sozialen Milieus der respektablen Volksklasse der permanenten Versprechen von Chancen- und Leistungsgerechtigkeit \u00fcberdr\u00fcssig sind. Sie sind mittlerweile in einer Weise desillusioniert, dass sie jede symbolische und materielle Abwertung der &#8222;Unterklasse&#8220; immer auch als eigene Dem\u00fctigung wahrnehmen m\u00fcssen.<br \/>\u00a0Wenn wir die soziale Verortung der am Diskurs \u00fcber die &#8222;Unterschicht&#8220; Beteiligten unter die Lupe nehmen, wird verst\u00e4ndlich, wie \u00fcber klassenkulturelle Distanzen entsprechende soziale Verkennungen zustande kommen. So gibt es in der Topologie des hier abgebildeten sozialen Raums kaum gr\u00f6\u00dfere Distanzen als die zwischen den Diskursproduzenten des Massenjournalismus und des Marketing links oben im sozialen Raum und der von dort oben thematisierten so genannten &#8222;Unterschicht&#8220; ganz unten am Rand. Was oben hei\u00dft, wie dort gedacht und agiert wird, ist 2005 von einem Veteran der taz in einem Genrebild der neuen Berliner Mitte skizziert worden: &#8222;Die Friedrichstra\u00dfe ist die Schleimschei\u00dfermeile von Mitte, die Magistrale der &#8218;Messagemacher&#8217;, dieser Kamarilla der Lobbyisten, Werber, Marketingprofis, Public-Relations-Strategen, Kommunikationschefs und Eventmanager. (&#8230;) Wer sich in den Dschungel der Marktwirtschaftsguerilla von Mitte begibt, staunt \u00fcber das rege Zusammenspiel. Die &#8218;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&#8217; (INSM) hat Kooperationen mit vielen Zeitungen und TV-Anstalten. Man l\u00e4sst Lectures halten, wo zum Beispiel ein Lord Ralf Dahrendorf verk\u00fcnden darf, dass die &#8218;alte soziale Marktwirtschaft&#8217; nun &#8218;am Ende&#8217; sei. Man verleiht Preise wie den &#8218;Reformer des Jahres&#8217; und den &#8218;Blockierer des Jahres&#8217;. Man organisiert Symposien, sponsert Filme und Publikationen. Das Ziel: ein Maximum an Showtime ergattern.&#8220; (Schimmeck 2005) Einer der in diesem Milieu erfolgreichen Strategen des politischen Marketing, u.a. auch im Dienst der INSM stehend, wird dabei wie folgt zitiert: &#8222;&#8217;Florida-Rolf&#8217;, der Sozialschmarotzer in Bild, sagt er, &#8218;hat die \u00f6ffentliche Wahrnehmung gedreht&#8217;. Und verweist k\u00fchl darauf, &#8218;dass die rot-gr\u00fcne Bundesregierung im Jahre 2003 eine Fast-180-Grad-Wende der eigenen Politik gemacht hat, mit der Agenda 2010&#8217;.&#8220; (Ebd.)\u00a0 <br \/>Um nun die manipulativen F\u00e4higkeiten dieser sich als &#8222;freelancer&#8220; verstehenden Kommunikationsstrategen nicht moralisch oder verschw\u00f6rungstheoretisch deuten zu m\u00fcssen, ist erneut an die sozialr\u00e4umliche Distanz der hier Beteiligten zu erinnern. Denn diese Elite-Masse-Distanz macht es v\u00f6llig unwahrscheinlich, dass kenntnisreiche Kontakte oder gar soziale Beziehungen das oben gemalte Bild der Menschen von unten pr\u00e4gen. Dies kann bedeuten, dass die Kommunikationsstrategen vordergr\u00fcndig sogar davon \u00fcberzeugt sein k\u00f6nnen, mit &#8222;Florida-Rolf&#8220; ein typisches Exemplar dieser ihnen unbekannten Spezies vor sich zu haben und diese mehr oder minder guten Gewissens f\u00fcr die Missbrauchsdebatte vernutzen zu k\u00f6nnen. Dies gelingt nur, weil es offenbar soziale Milieus gibt, die an Kunstfiguren wie den als &#8222;free rider&#8220; gehandelten &#8222;Florida-Rolf&#8220; erinnern und immer wieder als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr Ressentiments herhalten m\u00fcssen. Sie sind Teil einer sehr kleinen Milieufraktion der traditionslosen Unterprivilegierten, die auf ihre Weise schon immer das praktiziert haben, was seit Jahren in Deutschland gepredigt wird: mit wenig materiellen Ressourcen, daf\u00fcr aber mit ausgepr\u00e4gter Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t ein Auskommen finden. <br \/>Es handelt sich um eine Gruppe, die \u00fcber ausgepr\u00e4gte Beziehungsnetze verf\u00fcgt, in denen Grauzonen einer \u00d6konomie des Tausches und des &#8218;Besorgens&#8217; existieren, wie sie komplement\u00e4r durchaus auch in einigen Fraktionen der Oberklassenmilieus zu beobachten sind. Ihre Lebensstrategie funktioniert nicht ohne erheblichen Aufwand mehrerer kleiner und st\u00e4ndig wechselnder Jobs und Deals und bedarf bei hoher sozialer Aufmerksamkeit permanenter Beziehungspflege. Diese Form von Arbeit wird zunehmend anstrengender, weil deren Basisfinanzierung in Gestalt der alten Garantien sozialstaatlicher Transferleistungen wegen strengerer Kontrollen und Einsparungen wegzubrechen droht. Nach au\u00dfen versucht diese kleine Fraktion der &#8222;unangepassten Statusorientierten&#8220; sich noch in aller Respektabilit\u00e4t darzustellen, auch wenn ihre gro\u00dfen Autos und ihre \u00fcberdurchschnittlich erscheinenden \u00fcbrigen Konsumg\u00fcter den mittlerweile angesetzten Rost kaum noch verbergen k\u00f6nnen. Sich st\u00e4ndig am Rand der Legalit\u00e4t und Respektabilit\u00e4t bewegend, liefern sie den Stoff f\u00fcr Phantasien \u00fcber das vermeintliche Schmarotzertum der Unterschicht und tragen indirekt dazu bei, die gro\u00dfe Mehrheit der sozial Unterprivilegierten zu stigmatisieren. Einen wiederum geringeren Teil dieser gro\u00dfen Mehrheit stellen die &#8222;resigniert Apathischen&#8220; dar, jene an soziale Deprivation seit l\u00e4ngeren Zeitr\u00e4umen &#8222;angepasste&#8220; Fraktionen, die weitgehend ohne jede Ressource in Sozialhilfekarrieren gefangen sind und realistischer Weise nahezu jede Hoffnung, sich jemals der Respektabilit\u00e4tszone n\u00e4hern zu k\u00f6nnen, aufgegeben haben. <br \/>Der weitaus gr\u00f6\u00dfere Teil der gegenw\u00e4rtigen &#8222;Unterschicht&#8220; bewegt sich jedoch mittlerweile im Umfeld der so genannten &#8222;Modernisierungsverlierer&#8220; mit relativ einfachen Bildungs- und Qualifikationsstandards, welche bis vor einigen Jahren immer noch ausgereicht haben, mit ehrlicher eigener H\u00e4nde Arbeit ein halbwegs anerkanntes Leben zu f\u00fchren. Mit diesen \u00e4lteren wie auch j\u00fcngeren, relativ bildungsfernen Fraktionen aus den unterschiedlichen Arbeitnehmermilieus sind die traditionellen Trennlinien der Respektabilit\u00e4t in Bewegung geraten. Wenn allein zwischen 1999 und 2004 etwa 40% aller Erwerbst\u00e4tigen in Deutschland ein- oder sogar mehrmals Entlassungen aus dem Arbeitsverh\u00e4ltnis zu verkraften hatten (vgl. Struck u.a. 2006), und wenn dar\u00fcber hinaus 29% aller Arbeitspl\u00e4tze schon zu den &#8222;atypischen Arbeitsverh\u00e4ltnissen&#8220; &#8211; befristet, ABM, Teilzeit, Minijobs usw. &#8211; zu z\u00e4hlen sind (vgl. Brinkmann u.a. 2006), zeichnet sich die Gr\u00f6\u00dfenordnung potenzieller &#8218;Unterschichtangeh\u00f6riger&#8217; ab. Und wenn dann noch mit Hartz IV nach einj\u00e4hriger Arbeitslosigkeit das Niveau der Sozialhilfe in Aussicht steht, m\u00fcssen die Bedingungen der Prekarit\u00e4t als Bedrohung der respektablen sozialen Standards und als Abwertung der eigenen Lebensleistungen wahrgenommen werden. <br \/>Hinzu kommt, dass in den geringer modernisierten Arbeitnehmermilieus die traditionellen Pflicht- und Akzeptanzwerte auf Grund der in diesen sozialen Milieus begrenzten sozialen und kulturellen Ressourcen nach wie vor h\u00f6her gesch\u00e4tzt werden als die mit Flexibilit\u00e4t und Mobilit\u00e4t konnotierten Formen der Selbstverwirklichung und Eigenverantwortlichkeit (vgl. Weber-Menges 2004). Dies wiederum bedeutet, dass die Schw\u00e4chung der gerade f\u00fcr diese Bev\u00f6lkerungsgruppen existenziell notwendigen sozialstaatlichen Sicherungssysteme nicht einfach kompensiert werden kann mit Appellen und Drohungen, sich k\u00fcnftig flexibel, mobil und auf mehr Selbstvorsorge ausgerichtet zu verhalten. Entsprechende Aufforderungen, sich gegen die eigene Identit\u00e4t zu orientieren, m\u00fcssen aus der Perspektive dieser &#8222;Unterschicht&#8220;, deren Biographien ja ma\u00dfgeblich von den nicht Selbstverwirklichung, sondern soziale Ungleichheit produzierenden Bildungs- und Ausbildungssystemen gepr\u00e4gt sind, dahingehend interpretiert werden, sich den von ihnen als weitgehend &#8222;ehrlos&#8220; wahrgenommenen Strategien der &#8222;unangepassten Statusorientierten&#8220; anzugleichen. Ganz auszuschlie\u00dfen ist ein solcher Strategiewechsel allerdings nicht &#8211; es sei denn, ihnen werden gesellschaftlich-politische Rahmenbedingungen angeboten, in denen ihre Ressourcen und Kompetenzen gew\u00fcrdigt werden k\u00f6nnen.\u00a0\u00a0\u00a0<br \/>\u00a0<br \/>\u00a0<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"literatur\">Literatur&nbsp;&nbsp;<\/span><\/h2>\n<p>Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt\/M. (frz.: 1979)<br \/>Bremer, Helmut\/Lange-Vester, Andrea (Hrsg.) (2006): Soziale Milieus und Wandel der Sozialstruktur. Die gesellschaftlichen Herausforderungen und die Strategien der sozialen Gruppen, Wiesbaden<br \/>Brinkmann, Ulrich\/D\u00f6rre, Klaus\/R\u00f6benack, Silke (2006): Prek\u00e4re Arbeit &#8211; Ursachen, Ausma\u00df, soziale Folgen und subjektive Verarbeitungsformen unsicherer Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, Bonn<br \/>Durkheim, \u00c9mile (1988): \u00dcber soziale Arbeitsteilung, Frankfurt\/M. (frz.: 1893)<br \/>Kreckel, Reinhard\u00a0 (Hrsg.) (1983): Soziale Ungleichheiten, G\u00f6ttingen ( = Soziale Welt, Sonderband 2)<br \/>Lazarsfeld, Paul F.\/Berelson, Bernard\/Gaudet, Hazel (1969): Wahlen und W\u00e4hler, Neuwied\/Berlin (engl.: 1944)<br \/>Schimmeck, Tom (2005): Arschlochalarm!, in: taz Magazin Nr. 7771, 17.9.2005, Seite I-II<br \/>Struck, Olaf\/Stephan, Gesine\/K\u00f6hler, Christoph\/Krause, Alexandra\/Pfeifer, Christian\/Sohr, Tatjana (2006): Arbeit und Gerechtigkeit &#8211; Entlassungen und Lohnk\u00fcrzungen im Urteil der Bev\u00f6lkerung, Wiesbaden<br \/>Vester, Michael\/von Oertzen, Peter\/Geiling, Heiko u.a. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt\/M.<br \/>Weber-Menges, Sonja (2004): &#8222;Arbeiterklasse&#8220; oder Arbeitnehmer? Vergleichende empirische Untersuchung zu Soziallagen und Lebensstilen von Arbeitern und Angestellten in Industriebetrieben, Wiesbaden<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2216],"publikationen":[1437],"class_list":["post-11862","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heiko-geiling","publikationen-176-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Weder freelancer noch free-rider - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/weder-freelancer-noch-free-rider\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Weder freelancer noch free-rider - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Unterschicht aus der Perspektive der Milieuforschung, aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006) S. 39-49 Die Rede von der &#8222;Fragmentierung&#8220; und von der &#8222;Desintegration&#8220; der Gesellschaft wird lauter. 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