{"id":11868,"date":"2006-12-01T08:40:00","date_gmt":"2006-12-01T07:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/from-the-underworld\/"},"modified":"2006-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2006-12-01T11:00:00","slug":"from-the-underworld","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/from-the-underworld\/","title":{"rendered":"From the underworld"},"content":{"rendered":"<p>Eine Literaturvorschau,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 176 (Heft 4\/2006), S. 102-107<\/p>\n<p>L\u00e4ngst sind die Zeiten vorbei, in denen die Koordinaten gesellschaftlicher Selbstbeschreibung selbst redend eine Richtschnur normativer Orientierung boten, in denen mit den Begriffen der Klasse und Schichtung,\u00a0 der Geschlechter und Generation, von Ost und West, Stadt und Land nicht nur eine Verortung gemeinsamer Lebenslagen geleistet, sondern zugleich eine Vorstellung ihrer Zukunft geliefert wurde. Die Impulse der Ver\u00e4nderung sind schw\u00e4cher, ihre Richtung diffuser geworden. Das Bild des alten Wachstums- und Wohlstandsmodells Deutschland ist zerbrochen, doch aus den Bruchst\u00fccken l\u00e4sst sich noch kein neues entwickeln. <br \/>Stephan Lessenich und Frank Nullmeier haben eine Reihe namhafter Autoren engagiert, als Bruchst\u00fccke die Widerspr\u00fcche in Augenschein zu nehmen, aus denen sich ein allgemeines Gerechtigkeitsempfinden speist, das nach wie vor im Staat seinen vornehmsten Adressaten hat. Die Befunde sind im Titel res\u00fcmiert, wobei die Charakterisierung Deutschlands als eine gespaltene Gesellschaft sich nicht mit allen Einzelergebnissen deckt. Treffend sind damit sicher die Auseinanderentwicklungen von &#132;Arm &#150; Reich&#147;, &#132;Kapital &#150; Arbeit&#147; &#132;Besch\u00e4ftigt &#150; Arbeitslos&#147;, &#132;Elite &#150; Masse&#147; beschrieben.<\/p>\n<p><i>Stephan Lessenich, Frank Nullmeier (Hg.),\u00a0 <\/i>Deutschland eine gespaltene Gesellschaft; Campus Verlag Frankfurt\/New York 2006; 374 Seiten;\u00a0 24,90 Euro\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Doch d\u00fcrfte man nach der Lekt\u00fcre der Aufs\u00e4tze von Claus Leggewie und Martin Kohli die Dichotomien &#132;Eltern &#150; Kinderlose&#147; und\u00a0 &#132;Alte &#150; Junge&#147; eher als Scheinwiderspr\u00fcche klassifizieren. Und auch dem Verh\u00e4ltnis von M\u00e4nnern zu Frauen wohnt &#150; so der Eindruck des Aufsatzes von Christine Wimbauer &#150; bei nach wie vor bestehenden Differenzen eher ein Moment der Ann\u00e4herung inne. Interessant sind die Diagnosen jener neueren sozialen Ph\u00e4nomene, die nicht mehr im Einklang mit diesen alten Dichotomien stehen, aber auch nicht quer zu ihnen liegen. Von der Prekarit\u00e4t schreibt Berthold Vogel, dass sie zur Normalit\u00e4t der Arbeitswelt zu werden droht. Zugleich l\u00e4sst sie sich nicht als ein Drinnen &#150; Drau\u00dfen mit klaren Grenzen skizzieren. Es gibt mittlerweile stabile Prekarit\u00e4t ebenso wie prek\u00e4re Stabilit\u00e4t. Sie zeigt Wirkung auch bei jenen, die noch vor Kurzem sich vor ihr sicher f\u00fchlten. Wo fr\u00fcher hoffnungsfrohe Karriereplanung betrieben wurde, herrscht nun Kampf um Klassenerhalt und Wohlstandssicherung. Die &#132;neue soziale Frage&#147; hat die gesellschaftliche Mitte erreicht. Und die Verst\u00e4ndigung \u00fcber eine Antwort ist umso schwieriger, als in die prek\u00e4re Existenz objektive Beschreibung wie Selbstzuschreibung eingehen und die Gesellschaft sich als Forum eines permanenten Wettbewerbs darstellt, der nur noch Gewinner und Verlierer kennt. Dieser \u00d6konomisierung der sozialen Beziehungen entspricht im Politischen die Transformation der staatlichen Institutionen hin zu einer Postdemokratie, die unter Beibehaltung ihrer formalen Strukturen sich dem Nachvollzug von Reformnotwendigkeiten verschrieben hat. Deren Wesen und Widerspr\u00fcche bleiben in dem Buch von Lessenich\/ Nullmeier allerdings unterbelichtet &#150; dabei k\u00e4me es unter der Perspektive der Ver\u00e4nderung gerade auf ihre genaue Betrachtung an.<\/p>\n<p>Der von Heinz Bude und Andreas Willisch herausgegebene Sammelband &#132;Das Problem der Exklusion&#147; richtet seinen Fokus auf die neue Spaltungslinie der Gesellschaft\u00a0 zwischen Drinnen und Drau\u00dfen &#150; wobei die Aufs\u00e4tze mit der Schwierigkeit k\u00e4mpfen, dass deren Verlauf sich nicht so ohne weiteres anhand klar definierter Strukturmerkmale\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 oder Statuszuschreibungen konturieren l\u00e4sst. Soziale Exklusion sei vielmehr ein Sammelbegriff f\u00fcr verschiedene Formen gezielter Ausgrenzung, funktionaler Ausschlie\u00dfung und existenzieller \u00dcberfl\u00fcssigkeit. Mithin ist Exklusion auch abh\u00e4ngig von der Weise, in der sie betrachtet wird. Das wird nach Lekt\u00fcre der ersten beiden Aufs\u00e4tze deutlich, die sich dem Problem mit der Brille der kritischen Gesellschaftsanalyse (Martin Kronauer) bzw. der Systemtheorie (Armin Nassehi) n\u00e4hern. Auch wenn sie unterschiedliche Einblicke geben, und die Systemtheorie wegen ihrer normativen Kargheit nicht jedem passt, sollte man beide Sichtweisen bei der weiteren Lekt\u00fcre doch immer zur Hand (resp. im Hinterkopf) haben.<\/p>\n<p><i>Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.),<\/i> Das Problem der Exklusion; HIS Verlag Hamburger Edition 2006; 394 Seiten; 35 Euro<\/p>\n<p>So kann man leichter die scheinbarer paradoxe Fassung der Exklusion als einen Prozess sekund\u00e4rer Integration verstehen, die Andreas Willisch und Rainer Land anhand der Erfahrung mit den diversen Eingliederungsma\u00dfnahmen in Ostdeutschland beschreiben. Es ist eine Integration in eine simulierte Leistungsgesellschaft, welcher der Bezug zur realen verloren gegangen ist. Dass die soziale Ausgrenzung vor allem auf den unteren Schichten lastet ist das Ergebnis der Studie von Petra B\u00f6hnke. Doch Entwarnung f\u00fcr die Mittelschichten ist damit keinesfalls gegeben. Denn Michael Vester macht auch dort jede Menge Ver\u00e4nderungsverlierer aus, auch wenn deren Verlust vornehmlich einer an Status und Einfluss ist. Entsprechend geht der Kampf um soziale Gerechtigkeit einerseits um die Teilhabe der ausgeschlossenen Gruppen, zum anderen aber um die Chancengleichheit der gro\u00dfen Milieus der Mitte. Aus der Analyse der Milieus und ihrer politischen Pr\u00e4ferenzen leitet Vester ein Scheitern der Politik der neuen Mitte und die verhalten optimistische Perspektive einer keynesianischen Wende in der Politik der Gro\u00dfen Koalition ab. Dieser Optimismus d\u00fcrfte sich, seitdem es das vor einigen Monaten schrieb, wieder leicht eingetr\u00fcbt haben.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <br \/>Lange bevor die kritische Sozialtheorie begann, ihren Gegenstand in dem Spannungsverh\u00e4ltnis von Drinnen und Drau\u00dfen zu vermessen, waren die Kategorien Inklusion und Exklusion bereits integraler Bestandteil der Luhmannschen Systemtheorie. Sie wurden in einer differenztheoretischen Betrachtungsweise als die zwei Seiten einer Form angesehen. Exklusion war weniger ein Problem, dessen L\u00f6sung in der Inklusion bestand, vielmehr bedingt die Inklusion in die Funktionssysteme Exklusion als Voraussetzung von Personalit\u00e4t. Erst sp\u00e4t verwandte die Systemtheorie dieses Begriffspaar zur Kennzeichnung einer gesellschaftlichen Grenzlage, deren Innenseite als Chance der sozialen Ber\u00fccksichtigung von Personen bezeichnet ist und deren Au\u00dfenseite unbezeichnet bleibt. Exklusion wurde als Gegenstruktur zur Begr\u00fcndung einer Form der sozialen Ordnung benutzt. Diese Mehrschichtigkeit des Begriffes macht seine Anwendung auf bestimmte Personengruppen schwierig. Exklusion \/ Inklusion wird zudem noch als eine gesellschaftsinterne Unterscheidung zur Ordnung von Kommunikation genommen, welche aus Sicht des jeweiligen Funktionssystems relevante von nichtrelevanten Personen scheidet. Die Problematik dieser Mehrdeutigkeit scheint durch bei Thomas Wagners Anwendung der systemtheoretischen Differenz auf illegale Migration.<\/p>\n<p><i>Thomas Wagner,<\/i> Inklusion\/Exklusion Darstellung einer systemtheoretischen Differenz und ihre Anwendung auf illegale Migration; IKO Verlag Frankfurt a. M. 2006; 171 Seiten; 15,90 Euro<\/p>\n<p>Er fasst damit, wenn man so will, den Prototyp des Exkludierten ins Auge. Es ist der, \u00fcber den, aber nicht mit dem kommuniziert wird, der in keiner Organisation eingebunden und keines Systems teilhaftig wird. Weshalb man noch nicht einmal\u00a0 \u00fcber seine Zahl eine ann\u00e4hernd pr\u00e4zise Aussage treffen kann. Doch schon seine Klassifizierung als Illegaler verweist darauf, dass er in das System des Rechts inkludiert ist. Seine Zur\u00fcckweisung markiert die nationale Grenze als &#132;institutionalisierten Ungleichheitsschwellen&#147; des modernen Wohlfahrtsstaates, dessen Leistungen in erster Linie auf die Loyalit\u00e4t des inkludierten Staatsb\u00fcrgers zielen. Der illegale Migrant ist zum \u00dcberleben auf eine Schattenwirtschaft und einen Schattenwohnungsmarkt verwiesen, Exklusion erzeugt eine gesonderte Form der Inklusion in Funktionssysteme, die davon lebt, dass sie mit den vorherrschenden Inklusionsformen nicht in Einklang gebracht werden kann. Dieses Dilemma hat auch das Teilsystem soziale Arbeit zu gew\u00e4rtigen, wenn es sich der Illegalen annimmt. Wagner l\u00f6st dieses Dilemma in der vermeintlichen Paradoxie auf, dass soziale Arbeit in Bezug auf das politische System einerseits &#132;gerade dann hilfreich ist, wenn sie nicht hilft&#147;, sprich, den Illegalen in der Illegalit\u00e4t bel\u00e4sst und ihn durch \u00f6ffentliche Instanzen unbeobachtet l\u00e4sst und andererseits &#132;in sozialanwaltschaftlichem Engagement darauf hinwirkt, die Rahmenbedingungen so zu ver\u00e4ndern, dass Illegalit\u00e4t insgesamt verringert&#147; wird. Womit sich nat\u00fcrlich die Frage stellt, inwieweit das &#132;sekund\u00e4re&#147; Funktionssystem der Sozialen Hilfe dem prim\u00e4ren des Rechts unterworfen ist.<\/p>\n<p>Der Luhmann-Sch\u00fcler Rudolf Stichweh wirft in seinem Buch &#132;Inklusion und Exklusion&#147; ebenfalls einen Blick auf die Migration &#150; allerdings aus weltgesellschaftlicher Perspektive. Das erm\u00f6glicht ihm, sie systemtheoretisch und historisch einzuordnen, als eine Exklusionsform, die ihre hohe Zeit zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhundert hatte. Demgegen\u00fcber zeichnet sich die aktuelle Weltgesellschaft dadurch aus, dass sie weniger migrations- als vielmehr kommunikationsbasiert ist. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sieht er unter anderem in einer Verschlechterung der strukturellen Bedingungen f\u00fcr Migration, vor allem in der wohlfahrtstaatlichen Schlie\u00dfung der Nationalstaaten. Zugleich \u00f6ffnet sich mit dem Weltunternehmen der globale Raum, der die Wanderung von Arbeitskr\u00e4ften durch Kommunikation substituiert. Stichweh vereint in seinem Buch zehn Aufs\u00e4tze, die er in den letzten Jahren publiziert hat, in denen er die Kategorien der Inklusion und Exklusion in verschiedenen Kontexten anwendet. Einleitend widmet er sich den ver\u00e4nderten Formen der Inklusion und Exklusion unter den Bedingungen der Weltgesellschaft, den Typen komplement\u00e4rer Rollen, die sich in den Funktionssystemen\u00a0etabliert haben und gleicherma\u00dfen einen selektiven und generalisierenden Einschluss des Einzelnen erm\u00f6glichen. Auch Stichweh k\u00e4mpft dabei mit begrifflichen Ungenauigkeiten. So klassifiziert er zum einen die Exklusionsbereiche der globalisierten Funktionssysteme in Anlehnung an die Astrophysik als &#132;schwarze L\u00f6cher&#147;, ordnet sie jedoch andererseits als eine hierarchische Opposition zur Inklusion ein indem er konstatiert, dass alle Exklusion in die Form einer Inklusion gebracht werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p><i>Rudolf Stichweh,<\/i> Inklusion und Exklusion\u00a0 Studien zur Gesellschaftstheorie: transcript Verlag Bielefeld 2005; 224 Seiten; 23,80 Euro<\/p>\n<p>Der Wert des Buches liegt zweifellos in den gedanklichen Impulsen, die Stichweh f\u00fcr eine Theorie der Exklusion als neue Form sozialer Ungleichheit liefert. Er setzt da an, wo ein an Schichten orientierter Ausgrenzungsbegriff stumpf wird und die Armutsforschung in Empirie zu versinken droht. Exklusion resultiert f\u00fcr ihn aus einer Kumulation von Effekten, deren Ausgangspunkt f\u00fcr sich nicht unbedingt gravierende Nachteile bei der Produktion und Verarbeitung systemspezifischer Differenzen sind. Stichweh z\u00e4hlt zu den Formen dieser Effektverst\u00e4rkung auch Prozesse, die mehrere Funktionssysteme betreffen, ohne allerdings schl\u00fcssig machen zu k\u00f6nnen, wieso die Konvertibilit\u00e4tssperren so ohne Weiteres ausgehebelt werden k\u00f6nnen. Denn auch die korrupten strukturellen Koppelungen, die er als Grund benennt, setzten ein gewisses Ma\u00df an Kompatibilit\u00e4t voraus. Zugleich bringt seine Beschreibung der Exklusion als zunehmend impliziten Mechanismus der Funktionssysteme die Ohnmachtserfahrung der Betroffenen wie die Unzul\u00e4nglichkeit einer vorschnellen gerechtigkeitstheoretischen Einordnung des Ph\u00e4nomens auf einen analytischen Punkt, der wesentlicher Bestandteil der weitereren Arbeit an einer Theorie der Exklusion sein sollte.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0 <br \/>Dass die\u00a0 Kategorie der Elite seit einiger Zeit wieder ein unerwartetes Ansehen genie\u00dft geh\u00f6rt zu den Eigenheiten des gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Wandels. Genau genommen kann es als ein Symptom seiner Krisenhaftigkeit genommen werden, die ihren Ausgangpunkt im Ende des korporatistischen Systems hat. Zudem mag f\u00fcr die Neuentdeckung des Begriffs nicht unwesentlich gewesen sein, dass die Wissenschaft selbst unter seiner \u00dcberschrift Gegenstand eines umfassenden Wandels ist. Von beidem zeugt der Sammelband &#132;Deutschlands Eliten im Wandel&#147;, der das Arbeitsergebnis einer an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften konstituierten interdisziplin\u00e4ren Arbeitsgruppe ist.\u00a0<\/p>\n<p><i>Herfried M\u00fcnkler, Grit Stra\u00dfenberger, Matthias Bohlender (Hg.),<\/i> Deutschlands Eliten im Wandel; Campus Verlag Frankfurt am Main 2006; 537 Seiten; 39,90 Euro<\/p>\n<p>\u00a0Zwar hat der Begriff Elite mittlerweile seinen pejorativen Beiklang verloren, pr\u00e4ziser ist er deshalb aber nicht geworden. So ist der Werdegang der Eliten in der Bundesrepublik, den M\u00fcnkler einerseits und Stra\u00dfenberger und Bohlender\u00a0 andererseits in ihren Aufs\u00e4tzen nachzeichnen, vornehmlich einer, dessen Spuren sich am Diskurs \u00fcber sie ablesen l\u00e4sst- mit dem seltsamen Ergebnis, dass sie am wirkm\u00e4chtigsten waren, als die wenigste Kenntnis von Ihnen genommen wurde. Birger P. Priddat hingegen definiert\u00a0\u00a0 Eliten nicht als diejenigen, die Macht haben, sondern als ein Name f\u00fcr ein System zur Reproduktion von Machtpersonal. Um Elite zu sein, fehle dem aktuellen Personal allerdings, was es einmal ausgemacht hat: ein &#132;shared mental model&#147;, Regeln der Selbstidentifikation. Das ist einer der Gr\u00fcnde, weshalb Eliten im zunehmenden Ma\u00dfe Gegenstand von Institutionen der Zuschreibung sind, von Beratungs- und Ranking-Agenturen. Priddat spricht denn auch nur von Halbeliten. Entsprechend unterschiedlich fallen auch die Aussichten dieser Eliten in der zuk\u00fcnftigen Wissens- und Netzwerkgesellschaft aus. W\u00e4hrend Stehr, Henning und Weiler davon ihren hierarchischen Status gef\u00e4hrdet und sie selbst entzaubert sehen, erwartet Nassehi eine neue \u00dcbersetzungs- und Differenzierungselite an den Schnittstellen der Kommunikation unterschiedlicher Systemlogiken. Wer die insgesamt 21 Aufs\u00e4tzen mit ihren verschiedenen wissenschaftlichen Ans\u00e4tzen zur Geschichte, Theorie, Perspektive, Formierung und Rekrutierung von Elite gelesen hat, wird wom\u00f6glich auch hernach keinen koh\u00e4renten Begriff des Gegenstandes haben, wohl aber einen sehr guten Eindruck davon, welche Vorstellungen, Zuschreibungen und Erwartungen sich mit ihm verbinden.<\/p>\n<p>Theorien gesellschaftlicher Exklusion, zumal wenn sie in der n\u00fcchternen Sprache der Systemtheorie daherkommen, vermitteln nur bedingt einen Eindruck von dem menschlichen Elend, das sich hinter ihnen verbirgt. Wer sich einen umfassenden Begriff von der Sache machen will, dem sei zur gleichrangigen Erg\u00e4nzung wissenschaftlicher Analyse die Lekt\u00fcre der 15 Lebensgeschichten empfohlen, die Nadja Klinger und Jens K\u00f6nig in ihrem Buch &#132;Einfach abgeh\u00e4ngt&#147;\u00a0 aufgezeichnet haben. Es ist eine Reise durch die neue Armut in Deutschland, die nicht nur und nicht immer eine materielle ist, aber der ohne materielle Unterst\u00fctzung in den seltensten F\u00e4llen beizukommen ist. So verschieden die beschriebenen Lebenswege ins Souterrain der Gesellschaft sind &#150; mancher verharrte bereits von Geburt an ganz unten, mancher st\u00fcrzte aus den H\u00f6hen gehobener Besch\u00e4ftigung ab, die meisten bewegten sich vorher in der prek\u00e4ren Region niedrig qualifizierter Besch\u00e4ftigung &#150; so wohnt ihnen h\u00e4ufig ein Moment inne, ab dem sich einzelne R\u00fcckschl\u00e4ge und Ungl\u00fccke zu einem Schicksal verdichten, das unumkehrbar scheint. Nur eine Geschichte handelt von einer Frau, die wieder den Weg nach oben schaffte. Es ist eine kafkaeske Irrfahrt durch die deutsche Arbeitsf\u00f6rderung, die nur deshalb an ihr Ziel kommt, weil sich an einem Punkt der Arbeitsminister h\u00f6chstpers\u00f6nlich einschaltete.<\/p>\n<p><i>Nadja Klinger, Jens K\u00f6nig,<\/i> Einfach abgeh\u00e4ngt\u00a0 Ein wahrer Bericht \u00fcber die neue Armut in Deutschland; Rowohlt-Berlin Verlag 2006; 256 Seiten; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Klinger und K\u00f6nig haben zu den f\u00fcnfzehn Lebensgeschichten drei Aufs\u00e4tze gestellt, in denen sie mit der Armutspolitik der rot-gr\u00fcnen wie der schwarz-roten Bundesregierung abrechnen und Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Ver\u00e4nderungen unterbreiten. Sie klagen den Zynismus an, mit dem den Betroffenen mangelnde \u00c4nderungsbereitschaft und Abzockermentalit\u00e4t unterstellt wird, sie skandalisieren die ungerechte Verteilung von Reichtum, Einkommen und Chancen und kritisieren die Ausrichtung der Politik an den Interessen der gesellschaftlichen Mitte. Sie sind parteilich und ihre Ausf\u00fchrungen sind orientiert an einer Gesellschaft, f\u00fcr die Gerechtigkeit noch eine verbindliche Norm des Zusammenhalts ist. Doch was ist, wenn, wie Hamann und Nullmeier in diesem Heft schreiben, die sozialen Quellen, aus denen diese Norm ihre Kraft bezieht, ersch\u00f6pft sind? Wie l\u00e4sst sich unter den Bedingungen widerl\u00e4ufiger Partialinteressen und schwindender Machtressourcen eine Armutspolitik formulieren, die auch mehrheitsf\u00e4hig ist, die nicht die gesellschaftliche Mitte verschreckt? Die Aussichten d\u00fcrften f\u00fcr die Betroffenen tr\u00fcber sein, als sich Klinger und K\u00f6nig erhoffen.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <br \/>\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1636],"publikationen":[1437],"class_list":["post-11868","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-dieter-rulff","publikationen-176-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>From the underworld - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/176-vorgaenge\/publikation\/from-the-underworld\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"From the underworld - 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