{"id":11889,"date":"2006-06-03T16:57:00","date_gmt":"2006-06-03T14:57:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-grenzen-europas\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:03","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:03","slug":"die-grenzen-europas","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/die-grenzen-europas\/","title":{"rendered":"Die Grenzen Europas"},"content":{"rendered":"<p>aus: vorg&auml;nge nr.174, (Heft 2\/2006), S.1-3<\/p>\n<p>Nach den Grenzen Europas zu fragen kommt auf dem ersten Blick dem Versuch gleich, sich einen Reim auf eine Contradictio in adjecto zu machen. Denn nicht in der Festlegung sondern in der &Uuml;berwindung von Demarkationslinien manifestiert sich die Gr&uuml;ndungsphilosophie dessen, was mittlerweile zu einer Europ&auml;ischen Union gereift ist. Die Einbeziehung immer neuer Staaten war die Wegmarke, an der europ&auml;ischer Fortschritt gemessen wurde. Und so galt noch bis in j&uuml;ngster Zeit die EU als ein nach vorne offenes Projekt. Erweiterung und Integration schienen wie zwei Seiten einer Medaille zu sein. Nat&uuml;rlich hat es auch schon fr&uuml;hzeitig R&uuml;ckschl&auml;ge gegeben, angefangen mit der Luftnummer einer Europ&auml;ischen Verteidigungsgemeinschaft, doch diese lie&szlig;en sich als tempor&auml;re Widrigkeiten, als nationaler Eskapismus einer Entwicklung verbuchen, der man allseits eine geradezu historische Notwendigkeit zusprach. Diese Historie hat sich als gemeinsame Sinnressource ersch&ouml;pft. Sie war vornehmlich eine der Kernl&auml;nder der EU. Mittlerweile wird offen und geradezu mit Erleichterung &uuml;ber die Finalit&auml;t Europas nachgedacht, als w&auml;re es der einzige Deckel, der auf diesen Topf noch passen kann.&nbsp;&nbsp;&nbsp; <br \/>Schon die Erweiterung um die postkommunistischen Staaten war von einer anderen Melodie getragen, als die vorherigen Aufnahmen in die EU. Den Takt gab das ungleiche Zusammenwachsen Deutschlands vor. Kein Akt auf Augenh&ouml;he, vor allem keiner mit Augenma&szlig; f&uuml;r die Schwierigkeiten, die vierzig, f&uuml;nfzig Jahre getrennte Entwicklung in sich bargen. Man h&auml;tte am deutschen Beispiel studieren k&ouml;nnen, wie sehr in dieser Zeit die Substanz des Gemeinsamen gelitten hat, dass ihre Revitalisierung Engagement, Zeit und vor allem Geld erfordert. Doch die gescheiterten Referenden &uuml;ber die EU- Verfassung nur als ein nachtr&auml;gliches Votum zweier Kernv&ouml;lker &uuml;ber die Osterweiterung zu begreifen, erfasst die Sache nicht ganz. Denn noch ern&uuml;chternder als die Ergebnisse ist die Uneindeutigkeit der Motive, die ihnen zu Grunde lagen. Diese &bdquo;unertr&auml;gliche Leichtigkeit des Neins&ldquo;, die der Soziologe Ulrich Beck beklagte, lastet schwer auf dem europ&auml;ischen Geist, denn er wei&szlig; sich keinen rechten Reim darauf zu machen. <br \/>Die vorg&auml;nge wollen zur Ertr&auml;glichkeit der Lage beitragen, indem sie nicht &uuml;ber geschlossene Modelle nachdenken, sondern von einer weiterhin offenen Entwicklung ausgehen. In diesem Sinne analysiert Georg Vobruba die neue Qualit&auml;t der europ&auml;ischen Grenze. Er beschreibt das Bewegungsgesetz der europ&auml;ischen Entwicklung als eine von der Dynamik abgestufter Wohlstands- und Sicherheitsniveaus angetriebene Dialektik von Erweiterung und Integration. Ein System konzentrischer Kreise, dessen n&auml;chster sich allerdings wieder im Kern der EU bilden kann. Michael Z&uuml;rn interpretiert das Scheitern des Verfassungsvertrags als Ausdruck neuer Bewertungsanspr&uuml;che an europ&auml;ische Politik. Politische Prozesse jenseits des Nationalstaates werden nicht mehr mit den &uuml;blichen Effektivit&auml;tsma&szlig;st&auml;ben zwischenstaatlicher Politik gemessen, sondern mit Anspr&uuml;chen einer guten politischen Ordnung konfrontiert. Gemessen daran sei das Vorgehen der Regierungen, welches europ&auml;ische und internationale Politikprozesse noch immer in traditionellen Formen abhandelt, zum Scheitern verurteilt. Gelinge es jedoch nicht den neuen Anspr&uuml;chen zu gen&uuml;gen, sei eine Renationalisierung der europ&auml;ischen Politik wahrscheinlich. Achim Hurrelmann&nbsp; sieht die gescheiterten Referenden hingegen vor dem Hintergrund des &bdquo;permissiven Konsenses&ldquo;, der bislang das Verh&auml;ltnis des europ&auml;ischen B&uuml;rgers zu seinen Institutionen getragen hat. Dessen Grundlagen sind Ambiguit&auml;t, Intransparenz und Entpolitisierung. Die durch die Verfassung angestrebte normative Legitimit&auml;t bedeutet das genaue Gegenteil dieser Grundlagen. Dadurch wird der Konsens gef&auml;hrdet. Aus diesem Dilemma mag eine aufkl&auml;rende Neuauflage der Verfassungsdebatte helfen, erfolgreicher w&auml;re wahrscheinlich eine Politisierung &uuml;ber konkrete Politik. Wer das &bdquo;Nein&ldquo; der holl&auml;ndischen und franz&ouml;sischen Referenden verstehen will, dem empfiehlt Antje Wiener, nicht die rechtliche Substanz der Verfassungsnormen, sondern ihre soziale Sichtbarkeit und kulturelle Anerkennung im Kontext zu erforschen. Beides gilt es zu entwickeln, soll der europ&auml;ische B&uuml;rger kein Ph&auml;notyp einer Elite bleiben. Wolfgang Merkel warnt davor, von dem europ&auml;ischen Wohlfahrtsstaat zu reden und lotet die Vor- und Nachteile der verschiedenen Typen aus. Die skandinavischen L&auml;nder liegen an der Spitze, u.a. weil sie Globalisierung und Soziales zusammen denken und nicht als Widerspruch behandeln. Sozialpolitik, das schreibt er nicht nur aber vor&nbsp; allem Deutschland ins Stammbuch, braucht einen neuen Gesellschaftsvertrag. Europa hat gemeinsame Interessen, sogar ganz handfeste.&nbsp; Behrooz Abdolvand, Matthias Adolf und und Kaweh Sadegh- Zadeh erkl&auml;ren anschaulich die komplexe Melange aus Machtinteressen, Monopolstrukturen und spezifischen Preisbildungsformen auf dem Gasmarkt. Sie weisen auf die Gefahren einer zu starken Abh&auml;ngigkeit von Russlands Gasreserven hin und pl&auml;dieren f&uuml;r eine st&auml;rkere Orientierung auf den Nahen und Mittleren Osten. Mit dem Lobbyismus durchleuchtet Rudolf Speth eine der Schattenzonen europ&auml;ischer Demokratie. Diese Zone ist gro&szlig; und ambivalent, doch gibt es durchaus Ans&auml;tze in der EU, sie zu erhellen.&nbsp; Nichts hat die Debatte um die Grenzen Europas so befl&uuml;gelt wie die m&ouml;gliche Aufnahme der T&uuml;rkei. Derzeit wird dar&uuml;ber verhandelt. Ausgang offen. Dass die Grenze zu ihr zumindest keine sein muss, die sich in unterschiedlichen Religionen begr&uuml;ndet, macht der Beitrag von Khadija Katja W&ouml;hler- Khalfalla deutlich. Die islamische Glaubenslehre, so ergibt ihre Exegese der einschl&auml;gigen Quellen, enth&auml;lt nicht mehr und nicht weniger Anlagen zur Demokratie wie die die christliche. Dass die Sinnfrage vornehmlich eine der alten EU- L&auml;nder ist, wird bei der Lekt&uuml;re der Beitr&auml;ge von Kai-Olaf Lang und Kartazyna Stoklosa klar. Die Neumitglieder haben mehrheitlich von ihrem Eintritt profitiert und zeigen eine hohe wirtschaftliche Dynamik. Ihr Entwicklungsstand und von daher ihre Integrationsperspektive sind jedoch sehr unterschiedlich. Nicht nur das Beispiel Polen macht dabei deutlich, dass zwar die Stimmung der Bev&ouml;lkerung&nbsp; zunehmend zugunsten der EU ausschl&auml;gt, gleichwohl die Regierungen&nbsp; sich nicht unbedingt die Sache Europas zur eigenen machen. Marcus Hawel pl&auml;diert in seinem Essay daf&uuml;r, die Kategorien der westlichen Kultur und der Moderne zu trennen, denn letztere sei kein Privileg der europ&auml;ischen und nordamerikanischen L&auml;nder. Er wendet sich damit explizit gegen Samuel Huntington. Eine W&uuml;rdigung Wolfgang Abendroths, der im Mai 100 Jahre alt geworden w&auml;re und drei Rezensionen aktueller B&uuml;cher runden diese Ausgabe der vorg&auml;nge ab, von der ich hoffe, dass Sie nach der Lekt&uuml;re ein paar neue Erkenntnisse gewonnen haben und in die Einsicht des Alt- Europ&auml;ers Johann W. Goethe einstimmen k&ouml;nnen: &bdquo;Lassen Sie uns denn also, wenn es auch in Europa noch etwas bunter zugehen sollte, gerne in diesem Weltenteile verbleiben.&ldquo;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr <br \/>Dieter Rulff<\/p>\n<p>Vorschau auf Heft 175 (3\/2006 &ndash; September): &bdquo;Tod und Selbstbestimmung&ldquo;<\/p>\n<p>&nbsp;Sterben ist nicht mehr allein ein nat&uuml;rlicher Prozess sondern h&auml;ufig auch eine Frage von Behandlung oder unterlassener Behandlung. Bei nicht Wenigen keimt der Wunsch, den Prozess, sofern er mit Leid und keiner Aussicht auf Besserung verbunden ist abzuk&uuml;rzen. Ob jemand &uuml;ber das Ende seines Lebens verf&uuml;gen darf, ist eine ethisch strittige Frage. Hierzulande ist aktive Sterbehilfe verboten, in anderen L&auml;ndern erlaubt.&nbsp; In Umfragen spricht sich ein gro&szlig;er Teil der Bev&ouml;lkerung daf&uuml;r aus, dies auch in Deutschland zu erm&ouml;glichen. Aber gibt es nicht auch eine aus der Geschickte ableitbare Verpflichtung an diesem Verbot festzuhalten? F&uuml;r die entscheidenden Eliten gilt dieses Tabu noch. Doch damit gesellt sich zum ethischen Problem noch ein demokratisches.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<p>Vorschau auf Heft 176 (4\/2006 &ndash; Dezember): Die geschlossenen Gesellschaften<\/p>\n<p>&Uuml;ber Jahrzehnte war das Bild der deutschen Gesellschaft durch das korporatistische Zusammenwirken von Kapitaleignern und Arbeitenden gepr&auml;gt, technischer Fortschritt ging einher mit industriellem Wachstum und sozialer Aufw&auml;rtsmobilit&auml;t. Inzwischen sind diese etablierten Beziehungen zerfranst und auf einen industriellen Kernbereich geschrumpft, umlagert von einem Heer von prek&auml;r Arbeitenden, von Ausgeschlossenen und dauerhaft Besch&auml;ftigungslosen. Die Gesellschaft ist fragmentiert. An ihren R&auml;ndern haben sich Parallel- und Nischengesellschaften etabliert. In ihrem Inneren hat sie an Mobilit&auml;t eingeb&uuml;&szlig;t. Sie zerf&auml;llt in Teilgesellschaften, die sich zunehmend gegeneinander abschotten. Damit ist die Frage aufgeworfen, was sie als Ganzes noch zusammenh&auml;lt.&nbsp;&nbsp; <br \/>Manuskriptangebote bitte an die Redaktionsadresse richten.<\/p>\n<p>Heftbestellungen an: <br \/>BWV Berliner Wissenschaftsverlag GmbH, Vertrieb, Axel-Springer-Str. 54b, 10117 Berlin<br \/>Tel.: 030\/841777-0, Fax: 030\/841770-21, E-Mail: <a href=\"mailto:bwv%40bwv-verlag.de\">bwv@bwv-verlag.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2077],"publikationen":[2815],"class_list":["post-11889","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-editorial","publikationen-174-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die Grenzen Europas - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/die-grenzen-europas\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die Grenzen Europas - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"aus: vorg&auml;nge nr.174, (Heft 2\/2006), S.1-3 Nach den Grenzen Europas zu fragen kommt auf dem ersten Blick dem Versuch gleich, sich einen Reim auf eine Contradictio in adjecto zu machen. 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