{"id":11894,"date":"2006-06-03T16:32:00","date_gmt":"2006-06-03T14:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/plaedoyer-fuer-einen-neuen-gesellschaftsvertrag\/"},"modified":"2021-08-31T10:14:04","modified_gmt":"2021-08-31T08:14:04","slug":"plaedoyer-fuer-einen-neuen-gesellschaftsvertrag","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/plaedoyer-fuer-einen-neuen-gesellschaftsvertrag\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen neuen Gesellschaftsvertrag"},"content":{"rendered":"<p>Die Zukunft der Wohlfahrtsstaaten in Europa.<\/p>\n<p>Aus: vorg&auml;nge Nr.174, (Heft 2\/2006), S.39-51<\/p>\n<p><b>Es gibt keinen europ&auml;ischen Wohlfahrtsstaat, zumindest nicht im Singular. Wer vom &bdquo;Europ&auml;ischen Sozialmodell&ldquo; in der Europ&auml;ischen Union reden will, sollte immer den Plural verwenden. Denn die Sprache von dem europ&auml;ischen Wohlfahrtsstaat oder dem europ&auml;ischen Sozialmodell1 ist politisch und als solche von taktischen Abgrenzungsversuchen &#61485; meist gegen den angloamerikanischen Kapitalismus &#61485; inspiriert. Analytisch ist die Sprache von &bdquo;dem&ldquo; europ&auml;ischen Wohlfahrtsstaat falsch. Dies wissen wir mit einiger konzeptioneller und statistischer Klarheit sp&auml;testens seit G&oslash;sta Esping- Andersens ber&uuml;hmter Studie &bdquo;The Three Worlds of Welfare Capitalism&ldquo; aus dem Jahre 1990. <br \/>Das Zugest&auml;ndnis und Wissen, dass es unterschiedliche Typen von Sozialstaaten gibt, hat nicht nur den Vorteil diagnostischer Pr&auml;zision, sondern auch jenen einer h&ouml;heren prognostischen Kapazit&auml;t. Handlungsorientiert gesprochen, signalisiert er eine h&ouml;here Bereitschaft, aus den eigenen wie aus anderen Erfahrungen im Vergleich zu lernen (benchmarking) und gegebenenfalls in Reformpl&auml;ne umzusetzen. Und &#8211; Reformen sind notwendig, wollen die europ&auml;ischen Wohlfahrtsstaaten solch zentrale Herausforderungen bew&auml;ltigen, wie die demographischen Ver&auml;nderungen, die Wirtschaftsvertr&auml;glichkeit sozialstaatlicher Sicherungen, die Finanzierbarkeit des Sozialstaats sowie die Sicherung einer hinreichenden Fairness und Koh&auml;sion in ihren entwickelten demokratischen Gesellschaften.<br \/>Schaut man sich die Wohlfahrtstaaten in der Europ&auml;ischen Union in dieser Absicht an, so lassen sich zun&auml;chst mit Esping- Andersen drei Typen von Wohlfahrtsstaaten unterscheiden:<br \/>&middot;&nbsp;der liberale Wohlfahrtsstaat, wie er prototypisch von Gro&szlig;britannien vertreten wird, dessen Merkmale sich aber zunehmend auch in den Niederlanden finden lassen;<br \/>&middot;&nbsp;der konservative Wohlfahrtsstaat, wie er vor allem in Deutschland und Frankreich, aber auch in &Ouml;sterreich, Belgien und Italien zu finden ist;<br \/>&middot;&nbsp;der sozialdemokratische Wohlfahrtstaat, f&uuml;r den die skandinavischen L&auml;nder D&auml;nemark, Norwegen, Schweden und seit einigen Jahren auch Finnland stehen.<br \/>Andere f&uuml;gten sp&auml;ter den mediterranen oder nach 1990 den osteurop&auml;ischen Wohlfahrtsstaatstypus hinzu. Die beiden letztgenannten sind jedoch klare Mischtypen. Dies k&ouml;nnte in n&auml;herer Zukunft anders sein, wenn man die osteurop&auml;ischen Tendenzen zur Marginalisierung der Steuer- und Sozialstaatlichkeit in die Zukunft extrapolieren will. F&uuml;r die Gegenwart erscheint es mir empirisch gesicherter, es bei den drei klassischen Wohlfahrtsstaatstypen zu belassen<\/b><\/p>\n<h5><span id=\"die-performanz-der-wirtschafts-und-wohlfahrtsregime\">Die Performanz der Wirtschafts- und Wohlfahrts&shy;re&shy;gime<\/span><\/h5>\n<p>F&uuml;r die Beurteilung der Wohlfahrtsstaaten und den Erfolg von Reformpolitik ist ihre Performanz auf drei zentralen Politikfeldern entscheidend, die in einem besonders engen funktionalem Zusammenhang mit ihrer Struktur stehen. Diese Politikfelder sind: Fiskalpolitik, Besch&auml;ftigungspolitik, Sozialpolitik. <br \/>Anhand dieser Politikfelder wurden sechs L&auml;nder (Gro&szlig;britannien und die Niederlande, Deutschland und Frankreich sowie D&auml;nemark und Schweden) hinsichtlich der gezeigten Reformf&auml;higkeit als auch des dadurch erreichten Status untersucht.2 Die Untersuchungsperiode beginnt in der Mitte der 1990er Jahre und endet mit dem Jahr 2004.<\/p>\n<h5><span id=\"die-fiskalpolitik\">Die Fiskal&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Vergleicht man die Fiskalpolitik der sechs L&auml;nder hinsichtlich ihrer Ver&auml;nderung als auch ihres aktuellen Standes, so schneiden Schweden und D&auml;nemark am besten ab. Beide L&auml;nder haben erfolgreich ihr Budget konsolidiert, indem sie die Ausgaben begrenzten, aber gleichzeitig die Steuereinnahmen auf ihrem hohen Niveau belie&szlig;en. Sie reduzierten allerdings die K&ouml;rperschaftsteuern, um die Kapitalflucht zu stoppen, die Anfang der 1990er Jahre insbesondere in Schweden enorme Probleme bereitet hatte. Gro&szlig;britannien und die Niederlande rangieren im Mittelfeld. Beide L&auml;nder reduzierten erfolgreich die Staatsschulden und Haushaltsdefizite, indem sie die Ausgaben begrenzten und die Arbeitslosigkeit verringerten. Deutschland und Frankreich sind die Verlierer in diesem fiskalpolitischen Vergleich. Beide L&auml;nder schafften es nicht, ihre Ausgaben zu z&uuml;geln und &ouml;konomisches Wachstum durch Steuerreformen zu stimulieren. Vor allem die Reduktion der Einkommens- und K&ouml;rperschaftsteuer in Deutschland verfehlte das proklamierte Ziel eines Wachstums der Investitionen, des Konsums und der Wirtschaft. Die Steuersenkungspolitik von Rot-Gr&uuml;n war zudem weder wirtschaftlich erfolgreich noch sozialdemokratisch. Die Politik gezielter Steuererh&ouml;hungen der sozialistischen Linkskoalitionen war in Frankreich hinsichtlich der Steuereinnahmen und der Minderung des Haushaltsdefizits zwar gleichfalls erfolglos, wies aber zumindest keine solch vergleichbare unsoziale Schlagseite auf wie in Deutschland.<\/p>\n<p>Abbildung 1:&nbsp;Performanz in der Fiskalpolitik<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RTEmagicC_Abbildung_1_01.JPG.jpg\" width=\"300\" align=\"bottom\" height=\"217\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Anmerkung f&uuml;r Abb. 1-4:&nbsp;F&uuml;r die Standardisierung des Status wurden die l&auml;nderspezifischen prozentualen Abweichungen bei jeweils zwei Indikatoren in den Politikfeldern vom arithmetischen Mittel der sechs L&auml;nder errechnet. F&uuml;r die Fiskalpolitik waren dies die Staatsverschuldung und das strukturelle Haushaltsdefizit, f&uuml;r die Besch&auml;ftigungspolitik die besch&auml;ftigungs- und die Arbeitslosenquote und f&uuml;r die Sozialpolitik die preisbereinigten Pro-Kopf-Sozialausgaben und die Ver&auml;nderungsquote der Armutsgef&auml;hrdung vor und nach sozialen Transfers. F&uuml;r den Ver&auml;nderungsindikator wurde jeweils die Prozentpunkt- Ver&auml;nderung von Untersuchungsbeginn (1977) bis Untersuchungsende (2004\/5) der beiden Indikatoren verwendet. Die Ergebnisse wurden in Relation zum maximalen Wert auf einer Skala von -100 bis +100 normiert. F&uuml;r die oben abgebildete Gesamtbilanz wurde dann die Summe der l&auml;nderspezifischen Status- und Ver&auml;nderungswerte errechnet. Positive Werte bedeuten niedrigere Schulden bzw. Defizite, niedrigere Arbeitslosenquoten bzw. h&ouml;here Besch&auml;ftigungsquoten und h&ouml;here Schulden bzw. Defizite, h&ouml;here Arbeitslosenquoten und niedrigere Erwerbsquoten und niedrigere Sozialausgaben.<br \/>Quelle:&nbsp;Eigene Berechnungen auf der Grundlage von Eurostat und Daten der OECD.<\/p>\n<h5><span id=\"die-arbeitsmarktpolitik\">Die Arbeits&shy;markt&shy;po&shy;litik <\/span><\/h5>\n<p>Betrachtet man die durchschnittlichen Ver&auml;nderungen der letzten Jahre als auch den aktuellen Status (meist die Jahre 2003\/4), so sind bei der Bew&auml;ltigung des Besch&auml;ftigungsproblems die Niederlande bis zu jenem Zeitpunkt die Erfolgreichsten gewesen. Vor allem die Schaffung von Teilzeitjobs f&uuml;r Frauen und Migranten trug zu einer steigenden Besch&auml;ftigungs- und sinkenden Arbeitslosenrate bei.3 Wie erwartet folgen die beiden skandinavischen Staaten und Gro&szlig;britannien. Die schlechteste Vorstellung bietet erneut Deutschland, dicht gefolgt von Frankreich. Dieses Gesamtbild ist eine Reproduktion dessen, was der Vergleich bereits in der Fiskalpolitik ergeben hat. In der Arbeitsmarktpolitik wiegt dieses Politikversagen f&uuml;r sozialdemokratische Regierungen jedoch ungleich schwerer, da hier programmatische Kernziele der Sozialdemokratie verfehlt werden und vornehmlich die unteren Schichten der sozialdemokratischen W&auml;hler von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Auch die niedrigen Frauenerwerbsquoten in Deutschland und mit Abschw&auml;chung auch in Frankreich lassen sich nicht mit den gesellschaftlichen Emanzipationszielen der Gleichberechtigung in Deckung bringen.<\/p>\n<p>Abbildung 2:&nbsp;Performanz in der Besch&auml;ftigungspolitik im Vergleich<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RTEmagicC_Abbildung_2_01.JPG.jpg\" width=\"300\" align=\"bottom\" height=\"215\" alt=\"\"><\/p>\n<h5><span id=\"die-sozialpolitik\">Die Sozial&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Als Indikatoren zum Vergleich der Sozialpolitiken wurden die Sozialausgaben pro Kopf der Bev&ouml;lkerung und die Ver&auml;nderung des Armutsrisikos durch Sozialtransfer mit einbezogen. Gemessen daran hat Gro&szlig;britannien im Jahr 2001 den letzten Rang beibehalten, obgleich dort die gr&ouml;&szlig;ten positiven Ver&auml;nderungen in den letzten Jahren zu verzeichnen waren. Zwar hat New Labour die Sozialausgaben angehoben und das Armutsrisiko f&uuml;r bestimmte Zielgruppen moderat gesenkt, doch reichte das nicht, um zu dem Niveau Kontinentaleuropas aufzuschlie&szlig;en, ganz zu schweigen von Skandinavien.&nbsp;<\/p>\n<p>Abbildung 3:&nbsp;Performanz in der Sozialpolitik im Vergleich<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RTEmagicC_Abbildung_3_01.JPG.jpg\" width=\"300\" align=\"bottom\" height=\"198\" alt=\"\"><\/p>\n<p>Da D&auml;nemark und Schweden bereits zu Beginn des Untersuchungszeitraumes eine extrem gute Position einnahmen, ist es ihnen nicht gelungen, diese noch weiter zu verbessern. Entgegen der landl&auml;ufigen Annahme ist die sozialpolitische Bilanz Frankreichs keineswegs besonders positiv, allerdings ist sie wesentlich besser als die britische. <br \/>Fasst man die Ergebnisse in den drei Politikfeldern der Fiskal-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik in einem Gesamtranking zusammen, rangieren die skandinavischen L&auml;nder erneut an der Spitze, Frankreich und Deutschland am unteren Ende. Eine Ausnahme bildet die Sozialpolitik. Selbst nach neun Jahren Regierung ist es New Labour nicht gelungen, die in den neoliberalen Jahren der Thatcher-Politik (1979-1997) entstandene L&uuml;cke zu den anderen f&uuml;nf L&auml;ndern zu schlie&szlig;en. Dieses Gesamtbild hat sich bis 2005 nicht wesentlich ver&auml;ndert, obgleich Deutschlands Position sich in den letzten drei Jahren vor allem aufgrund einer gestiegenen Armutsrate, bedingt durch gestiegene Arbeitslosigkeit und die Verfestigung von Langzeitarbeitslosigkeit, weiter verschlechtert hat. Auch das ist f&uuml;r die rot-gr&uuml;ne Regierungskoalition ein besonders problematisches Politikergebnis, da beide Parteien programmatisch der Armutsvermeidung eine h&ouml;here Pr&auml;ferenz geben, als dies bei der CDU\/CSU oder FDP der Fall ist (Abb. 4)<\/p>\n<p>Abbildung 4:&nbsp;Gesamtperformanz sozialdemokratischer Regierungen im Vergleich<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/RTEmagicC_Abbildung_4_01.JPG.jpg\" width=\"300\" align=\"bottom\" height=\"204\" alt=\"\"><\/p>\n<h5><span id=\"die-gerechtigkeitsbilanz\">Die Gerech&shy;tig&shy;keits&shy;bi&shy;lanz<\/span><\/h5>\n<p>Die schlechte wirtschaftspolitische Bilanz hatte negative Folgen f&uuml;r die Gerechtigkeitsbilanz. Die bisweilen vertretene Position, man k&ouml;nne Schw&auml;chen in der &ouml;konomischen Performanz hinnehmen, wenn man nur die soziale Koh&auml;sion, Fairness und soziale Gerechtigkeit sichere, ist eine Illusion.<br \/>Wachstumsschw&auml;chen und eine schlechte besch&auml;ftigungspolitische Bilanz schlagen sich sp&auml;testens mittelfristig auf die Verteilungsrelationen in einer Gesellschaft nieder. Betrachtet man soziale Gerechtigkeit als ein Konstrukt von f&uuml;nf wesentlichen Dimensionen4, n&auml;mlich Armutsquoten, Bildungschancen, Inklusion in den Arbeitsmarkt, Soziale Sicherung und Einkommensverteilung, ergibt sich eine Rangfolge, die an der Spitze der wirtschaftspolitischen Performanz gleicht, aber am Ende des Rankings eine signifikante Ver&auml;nderung zeigt.<br \/>D&auml;nemark und Schweden f&uuml;hren erneut die Rangfolge an, die Niederlande befinden sich in der Mitte und Frankreich r&uuml;ckt nach vorn. Deutschland befindet sich erneut auf dem vorletzten Platz. Allerdings liefert das Schlusslicht der Gerechtigkeitsbilanz Gro&szlig;britannien den empirischen Beleg, dass eine gute wirtschafts- und besch&auml;ftigungspolitische Bilanz alleine keineswegs automatisch auch soziale Gerechtigkeit produziert. Die hohen Armutsquoten, Kinderarmut, Haushalte ohne Erwerbst&auml;tigkeit, &bdquo;working poors&ldquo; unter Immigranten und alleinerziehenden Eltern (v.&nbsp;a. Frauen) zeigen, dass auch eine moderate Variante des angels&auml;chsischen Liberalkapitalismus, wie die britische, tiefe Schatten auf die Gerechtigkeitsbilanz einer Gesellschaft wirft. Trotz sichtbarer Verbesserungen in den neun Regierungsjahren von New Labour hat sich die schlechte Position des Vereinigten K&ouml;nigreichs im internationalen Gerechtigkeitsvergleich nicht verbessert.<\/p>\n<p>Abbildung 5:&nbsp;Index sozialer Gerechtigkeit (z-scores, gewichtet, Durchschnittswerte 1995 &#61485; 2005)<\/p>\n<table cellspacing=\"0\" cellpadding=\"2\" width=\"481\" border=\"1\">\n<colgroup>\n<col width=\"102\">\n<col width=\"56\">\n<col width=\"60\">\n<col width=\"58\">\n<col width=\"61\">\n<col width=\"58\">\n<col width=\"56\"><\/colgroup>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;Land<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">Armuts-<\/p>\n<p>quote<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">Bildung<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">Arbeit<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">Sozial-<\/p>\n<p>ausgaben<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">Ein-<\/p>\n<p>kommen<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">Index<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">(5)<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">(4)<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">(3)<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">(2)<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">(1)<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;D&auml;nemark<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p>7,33<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">11,02<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">4,32<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">1,76<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">1,76<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">5,24<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;Schweden<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;5,05<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">8,21<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">3,22<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">2,63<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">1,54<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">4,13<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;Niederlande<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p>4,11<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">-1,71<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">3,11<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">1,35<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">0,33<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">1,44<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;Frankreich<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p>1,45<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">2,20<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">0,43<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">2,28<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">0,15<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">1,30<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;Deutschland<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p>1,26<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">-2,85<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">0,43<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">1,91<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">0,53<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">0,26<\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"102\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;Gro&szlig;britannien<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp;<\/p>\n<p>-2,96<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"60\">\n<p class=\"bodytext\">-1,82&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">2,88&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<\/td>\n<td width=\"61\">\n<p class=\"bodytext\">&nbsp; 1,50&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<\/td>\n<td width=\"58\">\n<p class=\"bodytext\">-0,96<\/p>\n<\/td>\n<td width=\"56\">\n<p class=\"bodytext\">-0,27&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Quelle: Eigene Berechnungen auf der Grundlage von Eurostat und Daten der OECD.<\/p>\n<h5><span id=\"die-zukunftsfestigkeit-der-sozialstaaten\">Die Zukunfts&shy;fes&shy;tig&shy;keit der Sozial&shy;staaten<\/span><\/h5>\n<p>Die Bilanz der Vergangenheit f&uuml;r die sechs L&auml;nder, die ich paradigmatisch f&uuml;r die drei Wohlfahrtstypen vorgestellt habe, ist klar. Die skandinavischen L&auml;nder f&uuml;hren in jeder Hinsicht, gefolgt von den Niederlanden und Gro&szlig;britannien. Deutschland und Frankreich bilden die Schlusslichter. Die gemeinsame Herausforderung der Globalisierung und Europ&auml;isierung hat also weder zu einer Konvergenz der Politiken noch der Politikergebnisse gef&uuml;hrt. Die F&auml;higkeit, neue Herausforderungen anzunehmen, divergierte stark zwischen den sechs L&auml;ndern. Dies ist ein weiteres starkes empirisches Argument, das gegen die simplifizierende These der Neoliberalen und Postmarxisten spricht, die Globalisierung habe die Handlungsspielr&auml;ume der nationalstaatlichen Regierungen so verengt, dass in Zukunft eine marktdiktierte Konvergenz der Wirtschafts- und Sozialpolitiken zu erhoffen (Neoliberale) oder zu bef&uuml;rchten (strukturkonservative Postmarxisten) sei.<br \/>Man k&ouml;nnte nun argumentieren, diese Politikergebnisse spiegeln nur die Entwicklung der letzten Dekade wider. Solche Erfahrungen lassen sich nicht einfach in die Zukunft extrapolieren. Um diese Frage zu pr&uuml;fen, soll im Folgenden die Zukunftsfestigkeit der europ&auml;ischen Wohlfahrtsstaaten daran gemessen werden, wie sie drei gro&szlig;e Herausforderungen meistern k&ouml;nnen. Dazu soll nicht mit empirischen Ergebnissen, sondern mit den Strukturen, Verfahren, Organisationsformen, kurz, mit den St&auml;rken und Schw&auml;chen der Wohlfahrtsstaatstypen argumentiert werden. Die Pr&uuml;fsteine sind:<br \/>&middot;&nbsp;die demographische Herausforderung;<br \/>&middot;&nbsp;die Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaats;<br \/>&middot;&nbsp;die Herstellung von sozialer Koh&auml;sion und Fairness.<\/p>\n<h5><span id=\"das-liberale-wohlfahrtsregime\">Das liberale Wohlfahrts&shy;re&shy;gime<\/span><\/h5>\n<p>Der britische Wohlfahrtsstaat verf&uuml;gt im Vergleich der OECD-Staaten &uuml;ber ein mittleres Finanzvolumen.5 Die Sozialausgaben Gro&szlig;britanniens beliefen sich 2001 auf 21,8 Prozent des Bruttosozialprodukts (BSP). Betr&auml;chtliche Bereiche dieser Ausgaben werden wie der Nationale Gesundheitsdienst (NHS) aus allgemeinen Steuern und nicht &uuml;ber Sozialversicherungsbeitr&auml;ge und Lohnnebenkosten finanziert. Im Jahr 2001 betrug die Geburtenrate in Gro&szlig;britannien 1,63. Die durchschnittliche EU-Rate lag im selben Jahr bei 1,47 pro Frau. Das tats&auml;chliche Rentenalter (2000: 62 Jahre) &uuml;berstieg deutlich jenes auf dem europ&auml;ischen Kontinent (EU-Durchschnitt: 60,9). Das Verh&auml;ltnis zwischen erwerbst&auml;tiger und nicht erwerbst&auml;tiger Bev&ouml;lkerung f&auml;llt in Gro&szlig;britannien, anders als in den meisten Wohlfahrtsstaaten des Kontinents, zugunsten der Erwerbst&auml;tigen aus. W&auml;hrend die Besch&auml;ftigungsrate in Gro&szlig;britannien 2003 immerhin 78 Prozent betrug, lag der EU-Durchschnitt bei nur 70,7 Prozent. Die liberalen angels&auml;chsischen Wohlfahrtsstaaten &ndash; und der britische unter New Labour bildet hier keine Ausnahme &ndash; binden ihre Sozialleistungen an Bed&uuml;rftigkeit und die Pflicht zur Arbeitsaufnahme. Mit ihrer niedrigeren Arbeitslosigkeit und h&ouml;heren Frauenerwerbsquote, mit dem wachsenden Anteil privater Wohlfahrtsdienste sowie ihrer st&auml;rkeren Finanzierung &uuml;ber allgemeine Steuern sind sie weniger von der finanziellen Belastung einer alternden Gesellschaft herausgefordert, als dies auf dem europ&auml;ischen Kontinent der Fall ist.6 <br \/>Der britische Wohlfahrtsstaat zahlt daf&uuml;r jedoch einen hohen Preis. Selbst nach achtj&auml;hriger Regierungszeit von New Labour spalten die Ausdehnung der privaten Wohlfahrtsdienste und die steigenden Ausgaben privater Haushalte zur Abdeckung von Privatversicherungen immer noch die Gesellschaft in zwei Teile. Die Besch&auml;ftigungsdynamik allein hat kaum zur Senkung der hohen Armutsraten und der Anzahl arbeitsloser Haushalte beigetragen. Der britische Wohlfahrtsstaat ist allerdings nicht so sehr in seiner Finanzierungsf&auml;higkeit bedroht. Aber er hat das vorrangige Ziel der Besch&auml;ftigungsausdehnung mit der Verbreitung von Niedriglohnjobs, dem ungleichen Zugang zur Sozialversicherung und der hohen sozialen Exklusion marginalisierter Gruppen geopfert. Die in den beiden Amtszeiten Blairs aufgelegten Programme zur Bek&auml;mpfung der Kinderarmut haben nicht ausgereicht, um Ungleichheit und Armut der letzten zwanzig Jahre sichtbar zu verringern. Insofern ist der liberale Wohlfahrtsstaat kein Auslaufmodell, aber aufgrund seiner sozialen Kollateralsch&auml;den kein nachahmenswertes Modell. Was schon f&uuml;r den britischen Mischtyp gelten mag, gilt in besonderer Weise f&uuml;r den Archetyp marginaler, liberaler Wohlfahrtsstaaten in den USA.<\/p>\n<h5><span id=\"der-konservative-sozialversicherungsstaat\">Der konser&shy;va&shy;tive Sozia&shy;l&shy;ver&shy;si&shy;che&shy;rungs&shy;staat<\/span><\/h5>\n<p>Die Wohlfahrtsstaaten des Kontinents sind wegen der anachronistischen Art ihrer Finanzierung mit viel gr&ouml;&szlig;eren Schwierigkeiten konfrontiert als die liberale Welt des Wohlfahrtskapitalismus. Die Sozialausgaben (2004) sind betr&auml;chtlich h&ouml;her (Frankreich 30,5 %; Deutschland 29,3 %) und werden gr&ouml;&szlig;tenteils &uuml;ber Lohnnebenkosten finanziert. Bezahlt wird dies mit einer Fesselung der Besch&auml;ftigungsdynamik. Das Bismarck&rsquo;sche Sozialversicherungsmodell, das immer noch den deutschen wie kontinentaleurop&auml;ischen Wohlfahrtsstaat pr&auml;gt, ist in Zeiten der Globalisierung und des demographischen Wandels zum Stabilisator der Arbeitslosigkeit geworden. Eine abnehmende erwerbst&auml;tige Bev&ouml;lkerung kann schon in naher Zukunft nicht mehr die Hauptlast der Sozialversicherung &uuml;ber Lohnnebenkosten schultern. Dies ist bereits im deutschen Rentensystem sichtbar, wo die Bundesregierung rund 30 Prozent (2004) der Renten aus allgemeinen Steuern finanziert. Die hohen Lohnnebenkosten erschweren das Jobwachstum und f&uuml;hren in einer offenen Volkswirtschaft zu hohen Arbeitslosenraten. Die immer noch zu unflexiblen Tarif- und Arbeitsmarktregulierungen tragen zudem zu einer ebenso scharfen wie ungerechten Trennung zwischen Insidern und Outsidern bei. <br \/>Die unsichere Besch&auml;ftigungslage f&uuml;r junge Menschen und das Fehlen fl&auml;chendeckender und qualitativ anspruchsvoller Kinderbetreuung haben einen negativen Einfluss auf die Geburtenrate. Die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt bedeutet Unsicherheit in der wirtschaftlichen Zukunftserwartung. Diese wiederum l&auml;sst junge Paare ihren Kinderwunsch zur&uuml;ckstellen. So kommt es nicht von ungef&auml;hr, dass in den L&auml;ndern mit der schw&auml;chsten Wirtschaftsentwicklung &#61485; Deutschland und Italien &#61485; die L&uuml;cke zwischen Kinderwunsch und tats&auml;chlicher Geburtenrate besonders gro&szlig; ist. Die mangelnde &ouml;ffentliche Bereitstellung von Kinderbetreuung setzt dann noch zus&auml;tzliche H&uuml;rden, dass Frauen Erwerbsarbeit und eine berufliche Karriere mit der Erziehung von Kindern vereinbaren k&ouml;nnen (Esping- Andersen 2002). Entgegen wohlfeiler Lippenbekenntnisse h&auml;lt der deutsche Sozialstaat sozialpolitisch immer noch an der traditionellen Aufgabenverteilung zwischen den Geschlechtern fest. Die Verlierer sind die Frauen und die Gesellschaft. Denn die Folgen sind sowohl geringe Geburtenraten als auch niedrige Frauenerwerbsquoten. W&auml;hrend Frauen in zunehmendem Ma&szlig;e besser ausgebildet sind als M&auml;nner, verfestigen die institutionellen Strukturen des bismarckschen Sozialversicherungsstaats die traditionellen Rollen- und Familienmuster. <br \/>Das trifft besonders auf Deutschland und das s&uuml;dliche Europa zu. Es gilt weniger f&uuml;r Belgien und gar nicht f&uuml;r Frankreich mit seiner umfassenden &ouml;ffentlichen Kinderbetreuung, seinen Ganztagsschulen und gro&szlig;z&uuml;gigen Familienbeihilfen. Deshalb ist es wenig &uuml;berraschend, dass im Jahr 2001 Frankreich die h&ouml;chste Geburtenrate in Westeuropa aufwies (1,9); in Belgien betrug sie 1,65, w&auml;hrend sich Deutschland (1,29), Spanien (1,25) und Italien (1,24) am untersten Ende befanden. Andererseits sind die Armutsrate und die Einkommensungleichheit in Deutschland aufgrund der relativ hohen L&ouml;hne f&uuml;r gering qualifizierte Arbeitskr&auml;fte und gro&szlig;z&uuml;giger passiver Sozialhilfen immer noch viel niedriger als in der angels&auml;chsischen Welt. Dies ist sozial w&uuml;nschenswert, belastet aber die &ouml;ffentlichen Kassen und die Besch&auml;ftigungsdynamik im unteren Lohnsegment und kann deshalb nicht nachhaltig sein.<br \/>Deutschland, S&uuml;deuropa und weite Teile des europ&auml;ischen Kontinents befinden sich in der &bdquo;Wohlfahrt-ohne-Arbeit-Falle&ldquo; (Esping- Andersen 2002) und damit in einem Dilemma: Ihre Sozialversicherungen k&ouml;nnen weder langfristig finanziell &uuml;berleben, noch sind sie sozial besonders gerecht, weil sie Frauen, junge Menschen, Migranten und andere Au&szlig;enseiter des Arbeitsmarktes diskriminieren. Massive Investitionen in die Kinderbetreuung und Bildung, verst&auml;rkte Besch&auml;ftigung von Frauen und &auml;lteren Menschen, Verlagerung der Sozialversicherungslasten von den Lohnnebenkosten auf die allgemeinen (Mehrwert)Steuern und die Bereitstellung qualitativ hoher sozialer Dienstleistungen sind notwendige Voraussetzungen f&uuml;r die Zukunftsf&auml;higkeit und Gerechtigkeit der postindustriellen Gesellschaften. Ein effektiver Politikwechsel in diese Richtung l&auml;sst sich in Deutschland nicht erkennen. Auch dies z&auml;hlt zu den Vers&auml;umnissen der rot-gr&uuml;nen Regierungskoalition.<br \/>Wenn es ein Auslaufmodell europ&auml;ischer Sozialstaaten g&auml;be, dann ist es das kontinental-(und s&uuml;d-)europ&auml;ische Modell &#8211; allen voran jene Varianten, die sich in Italien und Deutschland z&auml;h halten. Sie sind sozial ungerecht, emanzipationsfeindlich, demographisch sch&auml;dlich, behindern die Besch&auml;ftigungsdynamik und sind deshalb l&auml;ngerfristig kaum mehr zu finanzieren.<\/p>\n<h5><span id=\"der-sozialdemokratische-wohlfahrtsstaat\">Der sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;sche Wohlfahrts&shy;s&shy;taat<\/span><\/h5>\n<p>Aufgrund der st&auml;rkeren Steuerfinanzierung, der Dienstleistungsorientierung sowie der frauen- und kinderfreundlichen Politik haben sich die skandinavischen (sozialdemokratischen) Wohlfahrtsstaaten am besten an den postindustriellen Wandel und die demographische Herausforderung angepasst. Indem sie umfangreiche, qualit&auml;tsorientierte Sozialdienstleistungen zur Verf&uuml;gung stellen, haben sie viele Menschen frei von bed&uuml;rfnisabh&auml;ngigen monet&auml;ren Transfers gemacht. Ihre Besch&auml;ftigungs- und Sozialpolitik st&auml;rkt die Familien, f&ouml;rdert die individuelle Unabh&auml;ngigkeit der Frauen, macht Berufskarrieren vereinbar mit famili&auml;ren Verpflichtungen und schafft soziale Sicherheit durch niedrige Arbeitslosigkeit. Haushalte mit doppeltem Einkommen haben sich als die effektivste Abwehr von Kinderarmut erwiesen. Zudem sind sie h&ouml;heren Geburtenraten sehr zutr&auml;glich. Da weite Bereiche des Sozialversicherungssystems von allgemeinen Steuern &ndash; gerade auch der Mehrwertsteuer &#8211; finanziert werden, wird das Besch&auml;ftigungswachstum nicht behindert. Aufgrund der guten Qualit&auml;t der sozialen Dienstleistungen ist die skandinavische Bev&ouml;lkerung zudem viel eher bereit, hohe Steuern zu zahlen, als dies in den angels&auml;chsischen L&auml;ndern und zunehmend auch auf dem europ&auml;ischen Kontinent der Fall ist. Hohe Geburtenraten &ndash; in D&auml;nemark 1,7, in Schweden 1,6 &#8211; und der sp&auml;tere Eintritt ins Rentenalter erh&ouml;hen den Anteil der erwerbst&auml;tigen Bev&ouml;lkerung und vermindern dadurch den langfristigen finanziellen Druck auf die Rentensysteme. Skandinavien ist in Zeiten der Globalisierung und des demographischen Wandels keine perfekte Welt. Die nordischen L&auml;nder haben aber die Bed&uuml;rfnisse einer offenen Wirtschaft und immer &auml;lter werdenden Gesellschaft mit dem sozialdemokratischen Ziel der sozialen Gerechtigkeit wirkungsvoll ausbalanciert. <br \/>Wenn es f&uuml;r Europa und Deutschland ein nachahmenswertes Wohlfahrtsmodell gibt, dann sind es die reformierten Wohlfahrtsregime Skandinaviens, insbesondere D&auml;nemarks, Schwedens und Finnlands.<\/p>\n<h5><span id=\"ein-neuer-gesellschaftsvertrag\">Ein neuer Gesell&shy;schafts&shy;ver&shy;trag<\/span><\/h5>\n<p>Welche Lehren k&ouml;nnen aus den skandinavischen Erfahrungen gezogen werden, um gezielt die Schw&auml;chen der angels&auml;chsischen L&auml;nder wie die schroffe Ungleichheit der Einkommen und die verfestigte Armut oder die Malaise des europ&auml;ischen Kontinents mit seiner hohen Arbeitslosigkeit, der sozial- und besch&auml;ftigungspolitischen Diskriminierung von Frauen, Migranten und Outsidern zu beheben? Nat&uuml;rlich kann der skandinavische Wohlfahrtsstaat nicht einfach eins zu eins auf Kontinentaleuropa oder Gro&szlig;britannien &uuml;bertragen werden. Sozialpolitik ist hochgradig pfadabh&auml;ngig. Je gro&szlig;z&uuml;giger und universalistischer sie zudem ist, desto mehr ist sie auf eher homogene Gesellschaften angewiesen, die &uuml;ber ein hohes Ma&szlig; an wechselseitigem Vertrauen unter ihren B&uuml;rgern verf&uuml;gen. Dennoch l&auml;sst sich von den skandinavischen L&auml;ndern viel lernen. G&oslash;sta Esping- Andersen (2002) hat unl&auml;ngst vorgeschlagen, den Gesellschaftsvertrag umzuschreiben. Seine Argumente k&ouml;nnen in drei gesellschaftlichen Teilvertr&auml;gen illustriert werden, die als Leitideen f&uuml;r Reformen dienen k&ouml;nnen: ein neuer Familienvertrag, ein neuer Geschlechtervertrag und ein neuer Besch&auml;ftigungsvertrag.<\/p>\n<h5><span id=\"beschaeftigungsvertrag\">Besch&auml;ftigungsvertrag<\/span><\/h5>\n<p>Der neue Familienvertrag muss um die bestm&ouml;gliche Investition in die Kinder herum geschrieben werden. Dies beinhaltet eine gro&szlig;z&uuml;gige Einkommensgarantie zur Verhinderung von Kinderarmut, eine fr&uuml;hzeitige qualit&auml;tsbezogene F&ouml;rderung der Kinder in Tagesst&auml;tten und Ganztagsschulen sowie die Maximierung der Besch&auml;ftigung von Frauen. Haushalte mit zwei Einkommen bilden den besten Schutz gegen Kinderarmut. Dem Aufbrechen verfestigter Armutsfallen, die die Lebenschancen der Kinder fundamental einschr&auml;nken und arme Familien sozial ausgrenzen, muss in einer gerechtigkeitsorientierten Politik eine hohe Priorit&auml;t einger&auml;umt werden.<br \/>Der neue Geschlechtervertrag muss wirkungsvoller sein als die b&uuml;rokratische Politik des &bdquo;gender mainstreaming&ldquo;. Das Bildungsniveau der Frauen hat etwa in Deutschland in den vergangenen Jahren jenes der M&auml;nner in vielen Bereichen &uuml;bertroffen. Hinzu kommt, dass die Dienstleistungsgesellschaft Frauen Chancen verschafft, die sie in der Industriegesellschaft nie haben konnten. Frauen muss st&auml;rker der Zugang zur Besch&auml;ftigung ge&ouml;ffnet werden, indem sie Erwerbsarbeit und famili&auml;re Verpflichtungen vereinbaren k&ouml;nnen und als Zweitverdienerinnen steuerlich nicht &bdquo;bestraft&ldquo; werden. Das hei&szlig;t nicht, dass M&auml;nner zuk&uuml;nftig nicht auch mehr Familienpflichten &uuml;bernehmen m&uuml;ssen. Im Gegenteil. Aber weder die Frauen noch die Gesellschaft k&ouml;nnen warten, bis sich das Bewusstsein der M&auml;nner langfristig und grundlegend ge&auml;ndert hat. Die Verbesserung der wirtschaftlichen Unabh&auml;ngigkeit bedeutet im &Uuml;brigen nicht nur einen Fortschritt in der Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch eine Verbesserung der kollektiven Produktivit&auml;t der Gesellschaft. Es ist &ouml;konomisch unsinnig, in die Bildung der Frauen zu investieren, um sie dann am Zugang zum Arbeitsmarkt zu hindern, indem die institutionellen M&ouml;glichkeiten der Vereinbarkeit von Beruf, Karriere und Familie so eng gef&uuml;hrt werden. Wenn die europ&auml;ischen Gesellschaften dieses Vereinbarkeitsproblem nicht l&ouml;sen, werden sie weiterhin altern. Einbu&szlig;en an wirtschaftlicher Wohlfahrt, sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit werden die Folgen sein.<br \/>Der Besch&auml;ftigungsvertrag muss die Arbeitslosigkeit vor allem durch wachsende Besch&auml;ftigungsraten und nicht durch Arbeitszeitverk&uuml;rzung oder die Umverteilung stagnierender Besch&auml;ftigungspotentiale reduzieren. Die Lohnnebenkosten m&uuml;ssen drastisch gesenkt und der Renteneintritt hinausgeschoben werden. Die Deregulierung des Arbeitsmarktes muss von aktivierenden Programmen zur sozialen Sicherung, Ausbildung, Umschulung und Weiterbildung begleitet werden. Es ist jedoch realistischerweise zu erwarten, dass auch eine hoch entwickelte Dienstleistungswirtschaft 10 bis 20 Prozent der besch&auml;ftigungsf&auml;higen Bev&ouml;lkerung nur im Bereich gering qualifizierter Niedriglohnjobs unterbringen wird, wie die OECD vorrechnet. Um jedoch die neoliberale Krankheit der &bdquo;working poors&ldquo; zu vermeiden, m&uuml;ssen diese Jobs subventioniert werden. Insbesondere m&uuml;ssen Bildungs-, Qualifizierungs- und Mobilit&auml;tsma&szlig;nahmen ausgebaut werden, um die Verarmung von Familien zu verhindern. Niedriglohnjobs d&uuml;rfen nicht zu Armutsfallen werden. Die Vererbung von Armut &uuml;ber Generationen hinweg, die sich auch in der Bundesrepublik festzusetzen beginnt, muss aufgebrochen werden. Bildung, Aktivierung und Eingliederung in den Arbeitsmarkt sind besser als eine Armutsfestschreibung durch eine auch noch so gener&ouml;se Sozialhilfe.<br \/>Vor den angels&auml;chsischen und den meisten Wohlfahrtsstaaten auf dem europ&auml;ischen Kontinent liegt noch ein langer Weg bis zum Abschluss solcher &bdquo;Vertr&auml;ge&ldquo;. Der Markt alleine wird den notwendigen Wandel nicht herbeif&uuml;hren. Der Staat muss eine gewichtige Rolle dabei spielen, den Menschen mehr Entscheidungsm&ouml;glichkeiten zu geben, indem er in sie, ihre F&auml;higkeiten und Lebenschancen investiert. Dabei muss zuerst an die Kinder, Frauen und Familien gedacht werden. Ein neuer produktiver und sozial gerechter &bdquo;Kompakt&ldquo; aus Kinderbetreuung, Bildung, Besch&auml;ftigung von Frauen, sozialer Sicherheit f&uuml;r Familien und einem l&auml;ngeren wie flexibleren Arbeitsleben ist unerl&auml;sslich. Der Gesellschaftsvertrag muss umgeschrieben werden. Das gilt nicht nur, aber ganz besonders auch f&uuml;r Deutschland.<br \/>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;1&nbsp;Das &bdquo;Europ&auml;ische Sozialmodell&ldquo; ist weiter gefasst als ein &bdquo;europ&auml;ischer Sozialstaat&ldquo;. W&auml;hrend ersteres immer auch die kapitalistische Wirtschaftsform mit definiert, konzentriert sich der letztere Begriff auf die sozialen Sicherungs-, Kompensations- und Bildungssysteme. <br \/>2&nbsp;Die Analyse ist vergleichend und ber&uuml;cksichtigt bewusst nur jene Zeitr&auml;ume seit 1995, in denen sozialdemokratische Parteien die Regierungsgesch&auml;fte in den sechs L&auml;ndern f&uuml;hrten. Die empirischen Ergebnisse dieses Aufsatzes gehen auf ein Buch zur&uuml;ck, das ich mit vier Koautoren ver&ouml;ffentlicht habe: Merkel\/Egle\/Henkes\/Ostheim\/Petring, 2006, Die Reformf&auml;higkeit der Sozialdemokratie. Herauforderungen und Bilanz der Regierungspolitik in Westeuropa, Wiesbaden, VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<br \/>3&nbsp;Die gute Performanz der 1990er Jahre auf dem Arbeitsmarkt hat sich in den Niederlanden in den letzten Jahren jedoch sichtbar verschlechtert (OECD 2006).<br \/>&nbsp;4&nbsp;Merkel, Wolfgang (2001): &bdquo;Soziale Gerechtigkeit und die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus&ldquo;, Berliner Journal f&uuml;r Soziologie 2: 135-157.<br \/>&nbsp;5&nbsp;Der britische Sozialstaat ist kein &bdquo;idealtypisch&ldquo; liberaler Sozialstaat wie der US-amerikanische, sondern besitzt auch universalistische Elemente, die vor allem von der Labour-Regierung von Clement Attlee (1945-1951) etabliert wurden.<br \/>6&nbsp;Alle Zahlen aus Eurostat.<br \/>7&nbsp;Der folgende Abschnitt basiert auf Merkel (2005).&nbsp;&nbsp; <br \/>&nbsp;<br \/>&nbsp;<br \/>Literatur <br \/>&nbsp;Alber, Jens\/Wolfgang Merkel (Hg.) (2006): Europas Osterweiterung: Das Ende der&nbsp;&nbsp; Vertiefung? WZB-Jahrbuch 2005, Berlin: edition sigma.<br \/>Esping-Andersen, G&oslash;sta (1990): The Three Worlds of Welfare Capitalism, Princeton: Princeton University Press.<br \/>Esping-Andersen, G&oslash;sta (2002): Why We Need a New Welfare State? Oxford\/New York: Oxford University Press.<br \/>Merkel, Wolfgang\/Christoph Egle\/Christian Henkes\/Tobias Ostheim\/Alexander Petring (2006): Die Reformf&auml;higkeit der Sozialdemokratie. Herausforderungen und Bilanz der Regierungspolitik in Westeuropa, Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<br \/>Merkel, Wolfgang (2005): &bdquo;Europa altert &ndash; sozial gerecht?&ldquo; Mitbestimmung 6: 38-41.<br \/>Merkel, Wolfgang (2001): &bdquo;Soziale Gerechtigkeit und die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus&ldquo;, Berliner Journal f&uuml;r Soziologie 2: 135-157.<br \/>OECD (2006): OECD Economic Surveys. Netherlands, Volume 2006, Issue 2, Paris: OECD Publishing.<br \/>Rothstein, Bo (1998): Just Institutions Matter. The Moral and Political Logic of the Universal Welfare State, Cambridge: Cambridge University Press.<br \/>Schmidt, Manfred G. (32005): Sozialpolitik in Deutschland. Historische Entwicklung und internationaler Vergleich, Wiesbaden: VS Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":15088,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2176],"publikationen":[2815],"class_list":["post-11894","publikation","type-publikation","status-publish","has-post-thumbnail","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfgang-merkel","publikationen-174-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen neuen Gesellschaftsvertrag - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/plaedoyer-fuer-einen-neuen-gesellschaftsvertrag\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Pl\u00e4doyer f\u00fcr einen neuen Gesellschaftsvertrag - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Zukunft der Wohlfahrtsstaaten in Europa. 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