{"id":11905,"date":"2006-06-03T15:32:00","date_gmt":"2006-06-03T13:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/den-schuelern-freiheitliche-mores-lehren\/"},"modified":"2006-06-03T12:00:00","modified_gmt":"2006-06-03T10:00:00","slug":"den-schuelern-freiheitliche-mores-lehren","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/den-schuelern-freiheitliche-mores-lehren\/","title":{"rendered":"Den Sch\u00fclern freiheitliche Mores lehren"},"content":{"rendered":"<p>Johann G. Fichtes &#8222;neue National-Erziehung&#8220; neu gelesen.<\/p>\n<p>Aus: vorg\u00e4nge Nr. 174, (Heft 2\/2006), S. 139-141<\/p>\n<p><b>Wenn wieder einmal ein Werkband eines ber\u00fchmten Philosophen in gro\u00dfer und teurer Aufmachung herauskommt, so ist das normalerweise allenfalls in der Fachwelt eine Meldung wert. Nun aber ist der zehnte und letzte Band der Werke Johann Gottlieb Fichtes erschienen, der unter anderem die &#132;Reden an die deutsche Nation&#147; aus dem Jahr 1808 enth\u00e4lt &#150; und er hat es bis in das Feuilleton der S\u00fcddeutschen Zeitung geschafft (SZ v. 11.\/12.2.2006, S. 16). <\/b><\/p>\n<p>Johann Gottlieb Fichte, Reden an die deutsche Nation, in: Werke 1080-1812, hg. v. Reinhard Lauth, Erich Fuchs u.a., Band 10 der Gesamtausgabe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Stuttgart 2005, 497 S., ISBN 3-7728-2170-7, 291 Euro.<\/p>\n<p>Der Rezensent Eberhard Straub empfiehlt darin der Jugend ausdr\u00fccklich, die &#132;Reden&#147; zu lesen. Denn Fichte vertrete ein egalit\u00e4res und geradezu &#132;jugendgef\u00e4hrdendes&#147; Erziehungsideal, ein &#132;Recht auf freie Bildung und Bildung zur Freiheit&#147;, das nicht an \u00f6konomischer Verwertbarkeit, sondern an der selbst\u00e4ndig denkenden, tatkr\u00e4ftig mitbestimmenden Pers\u00f6nlichkeit orientiert sei. <br \/>Man kann schon dar\u00fcber streiten, ob die Akademieausgabe als solche f\u00fcr ein besonders egalit\u00e4res Bildungsideal spricht. Immerhin kostet der Ziegelstein schwere und Leinen gebundene Band 291 Euro und ist damit eher eine sch\u00f6n aufgemachte, gut eingef\u00fchrte und akribisch kommentierte, mithin au\u00dferordentlich elit\u00e4re Angelegenheit f\u00fcr Bibliotheken und Bibliophile. Die Jugend k\u00f6nnte aber immer noch zur preiswerteren Taschenbuchausgabe des Meiner-Verlages greifen &#150; wenn die Lekt\u00fcre ihr denn tats\u00e4chlich zu empfehlen w\u00e4re. Gewiss ist der Hinweis berechtigt, dass Bildung mehr ist als nur die stromlinienf\u00f6rmige Ausrichtung junger Menschen auf die jeweils aktuellen Bed\u00fcrfnisse des Arbeitsmarkts. Aber Fichte als Gew\u00e4hrsmann f\u00fcr die Bildung freier, eigenverantwortlicher Individuen anf\u00fchren, kann nur, wer \u00fcber lange und deutlich formulierte Passagen der &#132;Reden&#147; gro\u00dfz\u00fcgig hinweg zu lesen bereit ist.<br \/>Als Fichte seine Reden an die Deutschen in den Jahren 1807 und 1808 in Berlin hielt, hatte das &#132;Heilige R\u00f6mische Reich deutscher Nation&#147; gerade aufgeh\u00f6rt zu existieren. Die deutschen Staaten standen unter napoleonischer Besatzung. Fichte wollte mit seinen Reden die Deutschen aufr\u00fctteln, sich nicht in die Besatzungssituation zu f\u00fcgen, sondern ihre nationale Einheit und Selbstbestimmung wieder zu gewinnen. Sein Rezept: Es m\u00fcsse eine v\u00f6llig neue Ordnung der Dinge her, die nur durch eine &#132;neue National-Erziehung&#147; geschaffen werden k\u00f6nne. Wahr ist, dass Fichte dabei ein vergleichsweise egalit\u00e4res Bildungsideal verficht: Die &#132;neue National-Erziehung&#147; ist als Elementarerziehung f\u00fcr Kinder aus allen gesellschaftlichen St\u00e4nden gedacht\u00a0 &#150; sogar f\u00fcr M\u00e4dchen. Wahr ist auch, dass Fichte diese Erziehung nicht an beruflichen Notwendigkeiten orientiert wissen m\u00f6chte. Sie soll die geistigen F\u00e4higkeiten der Z\u00f6glinge wecken, in ihnen eine Liebe und Leidenschaft f\u00fcr das sittlich Gute entfachen und einen festen Willen und Charakter in ihnen formen. Der &#132;ganze Mensch&#147; soll gebildet sein, er soll zur Freiheit bef\u00e4higt werden und Verantwortung f\u00fcr das Gemeinwesen \u00fcbernehmen.<br \/>Diese Beschw\u00f6rung der Freiheit l\u00e4sst sich aber schwer mit dem Umstand vereinbaren, dass Fichte die &#132;neue National-Erziehung&#147; in quasi geschlossenen Anstalten stattfinden lassen will. In denen zudem ein strenges Regiment herrschen soll, das den Z\u00f6glingen unter Androhung von Strafe klare Regeln vorgibt und ihnen ausdr\u00fccklich keinen individuellen Freiraum l\u00e4sst. Die jungen Menschen sollen also zun\u00e4chst einmal lernen, sich in die ideale Ordnung der Erziehungsanstalt einzuf\u00fcgen, um deren Regeln schlie\u00dflich so zu verinnerlichen, dass sie sich die Ordnung der Welt gar nicht mehr anders vorstellen k\u00f6nnen. Aufmerksamen Leser\/innen schwant hier schon: Es geht Fichte gar nicht darum, individuelle Charaktere zu formen und einen freien Willen in dem Sinne zu erm\u00f6glichen, dass die jungen Menschen sich eigene Gedanken machen und eigenen Urteile bilden k\u00f6nnten. In der zweiten Rede schreibt er: &#132;Dagegen w\u00fcrde die neue Erziehung gerade darin bestehen m\u00fcssen, da\u00df sie auf dem Boden, dessen Bearbeitung sie \u00fcbern\u00e4hme, die Freiheit des Willens g\u00e4nzlich vernichtete, und dagegen strenge Notwendigkeit der Entschlie\u00dfungen, und die Unm\u00f6glichkeit des entgegengesetzten in dem Willen hervorbrachte, auf welchen Willen man nunmehr sicher rechnen und auf ihn sich verlassen k\u00f6nnte&#147; (S. 118). Wozu schon im Jahr 1808 ein Rezensent zu sagen wusste: &#132;Rec. braucht nicht zu erinnern, denn jeder sieht es, dass so etwas nicht mehr Entschlie\u00dfungen genannt werden k\u00f6nnte&#147; (zitiert nach der Einf\u00fchrung, S. 73). <br \/>Fichte geht von einem unver\u00e4nderlichen Sittengesetz aus, das die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwicklung stufenweise verwirklicht. Ziel der Erziehung ist f\u00fcr ihn folgerichtig nicht das eigenverantwortliche Denken und Entscheiden, sondern die Einsicht in das sittlich Notwendige. Freiheit bedeutet nicht, Handlungs- und Entscheidungsspielr\u00e4ume zu haben, sondern sich dem ewigen Sittengesetz zu unterwerfen. Der freie Mensch ist damit letzten Endes in seinen Entscheidungen und Handlungen determiniert: Er kann gar nicht mehr anders, als nach den Regeln des Sittengesetzes zu denken, zu wollen und zu handeln.<br \/>Konsequent weitergedacht, f\u00fchrt die &#132;neue National-Erziehung&#147; zu einer Gesellschaft ohne Konflikte, in der jede\/r von sich aus stets &#132;das Richtige&#147; tut. Wie dabei Individualit\u00e4t, die ja erst durch Unterschiede und Abweichungen zustande kommt, gef\u00f6rdert werden soll, bleibt ein R\u00e4tsel. Dass auf diese Weise gar demokratische Staatsb\u00fcrger\/innen herangezogen werden k\u00f6nnten, l\u00e4sst sich beim besten Willen nicht vorstellen, denn Demokratie bedeutet auch, Interessenkonflikte zu artikulieren und verantwortlich mit ihnen umzugehen. Fichtes Freiheit ist nicht die Freiheit des Grundgesetzes und nicht die Freiheit eines Bildungsideals, das auf Eigenst\u00e4ndigkeit und Verantwortung zielt. Es wundert daher nicht, dass Fichte sich mit harschen Worten gegen eine &#132;weichliche F\u00fchrung der Z\u00fcgel des Staates&#147; wendet, &#132;die mit ausl\u00e4ndischen Worten sich Humanit\u00e4t, Liberalit\u00e4t und Popularit\u00e4t nennt, die aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und Betragen ohne W\u00fcrde zu nennen ist&#147; (S. 109).<br \/>Hier klingt schon an, was die &#132;Reden&#147; noch um ein Weiteres fragw\u00fcrdiger macht: Die &#132;neue National-Erziehung&#147; soll nur den Deutschen zugute kommen, nicht etwa allen Menschen. Es ist nachvollziehbar, dass Fichte in einer Situation, in der Deutschland als Nation untergegangen schien, an die nationalen Gef\u00fchle seiner Landsleute appelliert. Dennoch \u00fcberh\u00f6ht er sowohl die Nation als auch speziell die Deutschen in einer Weise, die heute gef\u00e4hrlich erscheinen muss und die im 19. und 20. Jahrhundert von Vertretern des autorit\u00e4ren Nationalismus in Deutschland dankbar aufgegriffen wurde. Die Deutschen, so Fichte, seien in besonderer Weise geeignet, nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen V\u00f6lker zur &#132;Freiheit&#147; (in Fichtes Sinne) zu f\u00fchren. Denn sie seien anders als andere V\u00f6lker ihren Urspr\u00fcngen treu geblieben, insbesondere h\u00e4tten sie ihre germanische Sprache (anders als die Franzosen) gegen den Einfluss der r\u00f6mischen Besatzer bewahrt. Sie, und nur sie k\u00f6nnten daher die Dinge mit dem n\u00f6tigen Ernst und mit der erforderlichen Tiefe angehen, w\u00e4hrend die &#132;Erscheinungen der Ausl\u00e4nderei&#147; (S. 183) bzw. &#132;der ert\u00f6nende Geist des Auslandes&#147; (S. 190) stets oberfl\u00e4chlich blieben und auf die Deutschen nur schlechten Einfluss h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Nur die Deutschen haben f\u00fcr Fichte deswegen auch einen &#132;Nationalcharakter&#147; (S. 201), was immer dies auch sein m\u00f6ge, und finden in Volk und Vaterland &#132;irdische Ewigkeit&#147; (S. 203), soll hei\u00dfen: Lebt der Mensch nur sein Leben, so ist er verg\u00e4nglich, und sein Dasein ist nichtig. Sinn und Wert erh\u00e4lt das Leben nur, wenn der Mensch sich als Teil einer ewigen Kette geistigen Lebens begreifen kann, und diese Ewigkeit wird ihm durch den Fortbestand seiner Nation garantiert. Um diese zu retten, muss der Mensch bereit sein zu sterben &#150; die Nation muss ihm aber umgekehrt nichts daf\u00fcr bieten. Denn nicht einmal die &#132;neue National-Erziehung&#147; ist f\u00fcr die Menschen da, sondern die Menschen sollen mit ihrer Hilfe zu willigen Werkzeugen der sittlichen Weltordnung werden: &#132;Da\u00df er [der Z\u00f6gling] um seiner Erhaltung und seines Wohlseyns willen im Leben sich regen und bewegen k\u00f6nne, mu\u00df er gar nicht h\u00f6ren&#8230;&#147; (S. 127).<br \/>Soll die heutige Jugend f\u00fcr diese Gedanken tats\u00e4chlich ihren &#132;Harry Potter&#147; weglegen und sich in die geschraubten Formulierungen eines Bildungsb\u00fcrgers aus dem neunzehnten Jahrhundert einlesen? Gibt es keine besseren Vorbilder f\u00fcr ein nicht allein an N\u00fctzlichkeit orientiertes Bildungsideal? Oder, um noch eine Rezension aus dem Jahr 1808 zu zitieren: &#132;Dies also w\u00e4re die Morgenr\u00f6te der neuen Welt, die schon angebrochen ist und die Spitzen der Berge vergoldet? &#150; Armes Deutschland!&#147; (zitiert nach der Einf\u00fchrung, S. 78).<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2242],"publikationen":[2815],"class_list":["post-11905","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-friederike-wapler","publikationen-174-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Den Sch\u00fclern freiheitliche Mores lehren - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/174-vorgaenge\/publikation\/den-schuelern-freiheitliche-mores-lehren\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Den Sch\u00fclern freiheitliche Mores lehren - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Johann G. 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