{"id":11916,"date":"2006-03-01T10:00:00","date_gmt":"2006-03-01T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/von-der-aufklaerung-eines-religioesen-herzens\/"},"modified":"2021-08-24T21:49:11","modified_gmt":"2021-08-24T19:49:11","slug":"von-der-aufklaerung-eines-religioesen-herzens","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/von-der-aufklaerung-eines-religioesen-herzens\/","title":{"rendered":"Von der Aufkl\u00e4rung eines religi\u00f6sen Herzens"},"content":{"rendered":"<p>Erinnerung an fr\u00fchen Glauben und sp\u00e4tere Lekt\u00fcren,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 87-96<\/p>\n<p><b>&#8222;Lob der Aufkl\u00e4rung &#8211; aber&#8230;&#8220; <br \/><\/b><i>Ernst Fischer<\/i><b> (1899-1972)<\/b><\/p>\n<p>Farben, D\u00fcfte und Glockenkl\u00e4nge pr\u00e4gten meine Kindheit. In der Sakristei roch es immer nach Weihrauch. An den Sonntagen, wenn der Pfarrer im Hochamt und in der nachmitt\u00e4glichen Andacht den Weihrauchschenker besonders ausgiebig benutzte, zogen oft Schwaden dieses Duftes durch die Sakristei. Bis heute sind die Aufenthalte in der von Weihrauch vernebelten Sakristei nicht aus meinem Geruchsged\u00e4chtnis verschwunden. Jede Sakristei einer Kirche riecht immer ein wenig nach Weihrauch. Aber die Sakristei meiner Kindheit roch immer ein wenig noch nach mehr. Die sakralen D\u00fcfte vermengten sich immer mit sehr profanen, allt\u00e4glichen Ger\u00fcchen. Es gab Tage, da glaubte man als kleiner Ministrant in einer Schnapsbude zu kellnern. Immer wenn der alte Mesner in der Sakristei anwesend war, sp\u00fcrte man in der Nase, wie irdisch der katholische Glaube auch sein kann. Nie kam der Mesner in die Sakristei ohne eine schon von weitem wahrnehmbare Alkoholfahne.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"eine-katholische-kindheit-in-den-1950er-und-1960er-jahren\">Eine katholische Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren<\/span><\/h2>\n<p>In S\u00fcdoldenburg, der nieders\u00e4chsischen &#8222;Schweinebucht&#8220; zwischen Oldenburg und Osnabr\u00fcck, war es noch in den 1950er, 1960er Jahren selbstverst\u00e4ndlich, dass (fast) jeder Junge auch Messdiener wurde. In farbenpr\u00e4chtigen Ornaten, mal in Rot, mal in Lila, mal in Schwarz, mal in Gr\u00fcn, mussten wir dem Pfarrer w\u00e4hrend des Gottesdienstes zur Seite stehen. Gro\u00dfartig waren die Fronleichnams und Erntedankprozessionen. Unter dem Gel\u00e4ut aller lokalen Kirchen sind wir durch die Stadt gezogen, vorbei an Alt\u00e4ren, zu denen schillernde und phantasievolle Blumenteppiche f\u00fchrten. Die Monstranz, ein wertvolles, glitzerndes Kreuz, wurde von Pfarrern getragen, die in einer faszinierend bunten, kostbaren Brokatstola steckten. Ebenso farben\u00fcberquellend und f\u00fcr mich als Kind von blendender Faszination waren auch die Umz\u00fcge aus Anlass des allj\u00e4hrlichen &#8222;Katholischen Sportfestes&#8220;. Die katholischen Weitspringerinnen trugen rote R\u00f6cke, die gl\u00e4ubigen Kugelsto\u00dfer lila Hosen und die mariengl\u00e4ubigen Barrenturnerinnen gelbe Hemden. Zu Weihnachten, zu Ostern und zu Pfingsten dauerte das Hochamt immer fast zwei Stunden. Der Kirchenchor sang eine Messe von Mozart, wir Messdiener schwenkten fast ununterbrochen den Weihrauchtopf, der Altarraum war mit Blumengestecken \u00fcbers\u00e4t. Die Messtexte wurden in einer Sprache gesprochen, die au\u00dfer vom Zelebranten von keinem verstanden wurde. Es war eine fremde, alte, aber doch sehr feierliche Sprache. Mechanisch wie ein altes Uhrwerk leierten wir Messdiener das uns uns\u00e4glich lang erscheinende Stufengebet zu Beginn der Messen hinunter. <i>Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa<\/i>.<br \/>Nicht nur f\u00fcr jeden Tag, auch f\u00fcr fast jedes Malheur gab es einen Heiligen, der in Wechselges\u00e4ngen um Beistand gebeten wurde. <i>Santa Agata &#8211; ora pro nobis<\/i>. Gegen das schmerzvolle Verschlucken einer Fischgr\u00e4te half der so genannte Blasiussegen. Meine Mutter betete immer zum Heiligen Antonius, wenn ich mal eine Eintrittskarte zum Freibad verloren hatte. Im Gebetbuch waren F\u00fcrbitten f\u00fcr Maurer, Kaufleute und Krankenschwestern abgedruckt. Man vertraute in allen Lebenslagen auf Gott und die ganze Heilgenschar im Himmel. Der Staat war weit weg, vor allem war er grau und unfassbar. Der Himmel aber (und die H\u00f6lle) waren immer pr\u00e4sent. Man beschwor ihn in m\u00e4chtigen Ges\u00e4ngen (<i>O Heiland, rei\u00df die Himmel auf<\/i>) und er hatte seine &#8218;Stellvertreter&#8216; auf Erden. In meiner Zeit war es Johannes XXIII., ein gutm\u00fctiger, weltzugewandter Papst, den die Italiener immer <i>il Papa buono<\/i>, den guten Vater nannten. Es hat entsprechend lange gedauert, bis in S\u00fcdoldenburg Versicherungsagenten in die Hand nahmen, wof\u00fcr Jahrhunderte lang hier die Heiligen zust\u00e4ndig waren. <br \/>Als Ende der 1960er Jahre ein zarter Hauch des reformerischen Windes von den gro\u00dfen St\u00e4dten und Universit\u00e4ten in unserer Kleinstadt sp\u00fcrbar wurde, begannen auch wir Messdiener mit dem gro\u00dfen Aufr\u00e4umen. Wir wollten den ganzen abgestandenen Kirchenkrempel abschaffen, wir lehnten uns gegen die Farben im Gottesdienst auf, die Blumen fanden wir zuwider, der Weihrauchschwenker wurde in die Ecke geknallt. F\u00fcr all das hatten wir nur noch Hohn und Spott \u00fcbrig. Es war f\u00fcr uns Zirkus, ein totes Ritual, Klimbim, religi\u00f6ser Firlefanz. Im Mittelpunkt stand nur noch eines: das Wort. Brecht, Camillo Torres, Helder Camera, Bonhoeffer, Martin Luther King galt es zu zitieren. Und immer wieder die Fragen nach der Rolle des Klerus in den Nazi-Jahren. F\u00fcr die Eltern, mehr noch f\u00fcr die lokalen Statthalter der r\u00f6mischen Kirchenhierarchie waren diese &#8222;Wortgottesdienste&#8220; eine Provokation. Was wurde damals eingesch\u00fcchtert, geschimpft, geschrien, gezittert! Der Katholizismus als eine Konfession der Angst und Macht &#8211; in dieser Zeit sp\u00fcrten wir es bis in die feinste Faser unseres Seelenlebens und in die n\u00e4chtlichen Tr\u00e4ume hinein. Stammelnd und trotzig wie kleine Kinder verteidigten wir aber unsere Ideen der Erneuerung. Wir glaubten, nur mit Provokationen k\u00f6nnten wir die von uns als hoffnungslos r\u00fcckst\u00e4ndig und konservativ angesehenen Gemeindemitglieder an die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung &#8211; oder was wir damals daf\u00fcr hielten &#8211; heranf\u00fchren. Wir emanzipierten uns von diesem ganzen Plunder, von diesen muffig-stickigen Weltbildern, diesem devoten Vertrauen in Gott und die irdischen Autorit\u00e4ten, diesem falschen Getue von N\u00e4chstenliebe und Herrschaftsunterwerfung, dieser angeblich so bibelgem\u00e4\u00dfen Bespitzelung unserer Lekt\u00fcren, unserer Lieblingsfilme, unserer Freundschaften, unserer ersten K\u00fcsse in den Gassen abseits der Hauptstra\u00dfen oder in den hinteren Reihen des Kinos.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"zweierlei-kbw-linke-glaubensfragen-an-der-universitaet-nach-1968\">Zweierlei KBW: Linke Glaubens&shy;fragen an der Universit&auml;t nach 1968<\/span><\/h2>\n<p>Sp\u00e4ter an den Universit\u00e4ten, in den Juso-Gruppen, in privaten Zirkeln lasen wir dann Marx, Marcuse, demonstrierten gegen NPD-Veranstaltungen, verteilten Flugbl\u00e4tter, schickten den Kapitalismus zum Teufel. Wer wie ich Anfang der 1970er Jahre in Hannover studierte und die ersten Anstrengungen versp\u00fcrte, seine politischen Wegmarken in einer Tradition weit links von Katholizismus und Christdemokratie zu finden, rutschte in einen Strudel der Orientierungslosigkeit. Dort an der &#8222;Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Sozialwissenschaften der Universit\u00e4t Hannover&#8220; waren die Studenten ihrem eigenen politischen Selbstverst\u00e4ndnis nach links, noch weiter links, ganz weit links &#8211; oder ganz einfach hilflos verwirrt. F\u00fcr mich, aus einer l\u00e4ndlichen Kleinstadt kommend, ohne proletarischen oder antifaschistischen Stammbaum, katholisch bis in die Zehenspitzen aufgewachsen und langj\u00e4hriges Mitglied der au\u00dferparlamentarischen Messdiener-Bewegung, waren die ersten Erfahrungen in dieser kulturrevolution\u00e4ren Atmosph\u00e4re der auslaufenden Studentenbewegung von 1968 Mark, Bein und Seelen ersch\u00fctternd. Mit der Abk\u00fcrzung KBW verband ich noch v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich das <i>Katholische Bildungswerk <\/i>im Bistum M\u00fcnster und nicht eine maoistische Kaderorganisation, die sich <i>Kommunistischer Bund Westdeutschland <\/i>nannte. In den Flugbl\u00e4ttern der un\u00fcbersichtlich vielen linken Gruppen wurden rund um die Uhr die Sozialdemokratie und der Reformismus entlarvt, w\u00e4hrend ich gerade erst unter Anstrengungen die Existenz von anderen Parteien au\u00dferhalb der CDU entdeckte. Reformismus hin oder her &#8211; ich musste erst einmal die SPD als eine auch f\u00fcr Katholiken w\u00e4hlbare Partei akzeptieren.<br \/>Die Namen der an dieser Fakult\u00e4t lehrenden Dozenten waren f\u00fcr mich Schall und Rauch. Von Peter Br\u00fcckner, J\u00fcrgen Seifert oder Oskar Negt hatte ich w\u00e4hrend der Schulzeit nichts gelesen oder geh\u00f6rt. Ich kannte Pater Leppich, aber auch schon Walter Dirks, dessen Rundfunkkommentare mich ganz langsam vom Marienwallfahrtsort Bethen in die Moderne hinf\u00fchrten. Die Studentenbewegung von 1968 verband ich nur mit einem Studenten, der aus Berlin an jedem Wochenende immer in unsere Kleinstadt kam, um seine W\u00e4sche zu wechseln und am Abend in der Eisdiele mit dem Besitz von ein paar Gramm Haschisch zu prahlen.<br \/>Auf den Rat von Freunden ging ich in ein Seminar des Marxisten Oskar Negt, weil man dort etwas von jenen Theorien lernen konnte, die in der heilen provinziellen Welt &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur als Staatszersetzend oder jugendgef\u00e4hrdend bekannt gewesen waren. Marx, Freud &#8211; um Gottes Willen! Allm\u00e4hlich d\u00e4mmerte mir bei der in den Seminaren vorgeschlagen Lekt\u00fcre, dass der Marxismus, f\u00fcr den Negt die Studenten zu gewinnen suchte, etwas ganz anderes war als jener Marxismus-Leninismus, vor dem im KBW (katholische Variante) immer gewarnt worden war und f\u00fcr den mich die griesgr\u00e4migen Flugblattverteiler des KBW (maoistische Variante) immer agitieren wollten. Wir arbeiteten uns m\u00fchsam und l\u00e4rmend an die Moderne heran. Lernten die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung kennen, auf die wir fortan nicht mehr verzichten wollten und konnten. Marx war f\u00fcr mich nie eine zu verehrende Ikone, sondern einer der sprachm\u00e4chtigsten Kritiker eines Systems, das die Menschen daran hinderte, nach den christlichen Geboten zu leben. Aufgewachsen in der geschlossenen Welt eines l\u00e4ndlichen Katholizismus, reizte mich nichts an der geschlossenen Welt dogmatischer Marxisten und &#8222;revolution\u00e4rer&#8220; Studentensekten. <br \/>Immer entdeckte ich bei denen auch eine &#8222;hohle Stelle&#8220;, die mir in meiner Kindheit und Jugend die Sinnlichkeit der Rituale und Symbole, die Festtage und die Legenden des Katholizismus ausgef\u00fcllt haben. Mit der r\u00fccksichtslosen Kritik am Katholizismus wurde viel gewonnen &#8211; aber auch einiges verloren. Das zu begreifen &#8211; auch zu empfinden &#8211; dauerte lange. Reisen, Begegnungen, Freundschaften, Lekt\u00fcreerlebnisse halfen, Verstand und Sinne f\u00fcr einen neuen Blick auf die katholische Kindheit zu \u00f6ffnen. Fragmente dieser &#8222;neuen Aufkl\u00e4rung&#8220; reihten sich mit den Jahren aneinander.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"rosenkranz-und-rituale\">Rosenkranz und Rituale<\/span><\/h2>\n<p>Da schrieb mir etwa ein in allen Schriften von Marx wohl bewanderter Hochschullehrer aus seinem italienischen Feriendomizil:<br \/>&#8222;Was mir k\u00fcrzlich aufgefallen ist: ich habe seit Jahrzehnten den Rosenkranz nicht mehr beten geh\u00f6rt. Ist das ausgestorben? Diese Form des dem\u00fctigen Zusammenstehens der Frauen. Jetzt wird es wahrscheinlich zwei Klassen von Frauen geben: die einen, die so etwas nicht brauchen und die anderen, die es nicht mehr wagen, ihre vereinzelte Schw\u00e4che in kollektiven Formen auszudr\u00fccken.&#8220;<br \/>Unglaublich: Ausgerechnet das Beten des Rosenkranzes nahm ein Professor, dessen <i>education sentimentale <\/i>vom W\u00fcrttemberger Protestantismus und nicht vom S\u00fcdoldenburger oder bayerischen Katholizismus gepr\u00e4gt ist und dessen Denken durch die Werke von Karl Marx und Max Weber gesch\u00e4rft wurde, zum Anlass einer ernsthaften Reflexion. Wenn Religion, wie man es ja als aufrechter Linker jahrelang den roten Klassikern einfach nach gebetet hat, Opium f\u00fcrs Volk ist, ist dann nicht die Rosenkranzandacht der reinste Drogenumschlagplatz? Wer wie ich als Kind und Messdiener an den unendlich langweiligen Rosenkranzgebeten teilnehmen musste, ist eigentlich f\u00fcr die Attraktion dieser Form von Kollektivit\u00e4t nicht mehr so recht zu begeistern. Und ob es f\u00fcr die frommen Frauen Gelegenheiten selbst geschaffener Autonomie sind, kann man ebenfalls bezweifeln. Leicht w\u00fcrde es fallen, den anti-emanzipativen, konservativen Charakter des Rosenkranz-Betens zu entlarven. Aber darum geht es in der zitierten Stelle in dem Brief des Freundes ja auch gar nicht. Hier blickt vielmehr ein aufgekl\u00e4rter, moderner Intellektueller mit Neugierde auf die in diesem traditionellen katholischen Ritual noch als Tr\u00fcmmer, Ruinen, Fetzen vorhandenen vor-modernen Einstellungen oder Gef\u00fchle. Nicht um sie zu konservieren oder zu reaktivieren, sondern um mit ihnen der Moderne ihre Gewinn- und Verlustrechnungen zu pr\u00e4sentieren. <br \/>Diese Art von Aufkl\u00e4rung, der es nicht um eine schnell formulierte Destruierung des Traditionellen ging, sondern um ein fragendes, neugieriges Verstehen des Alten und ein vorsichtiges Formulieren m\u00f6glicher humanerer Formen von Vergesellschaftung, war mir, der ich oft sprachlos und verwirrt in die linke urbane Szene Hannovers gestolpert war, neu. Ich hatte mich ohne eine wirkliche Auseinandersetzung von der Kultur meiner Kindheit losgesagt und mich als ein linker aufgekl\u00e4rter Mensch bekannt. Vieles musste ich neu und ein zweites Mal zu verstehen suchen, was mir l\u00e4ngst als obsolet und \u00fcberwunden erschien. Ich musste das \u00d6ffnen von Augen und Ohren ein zweites Mal erlernen, um &#8222;das Andere der Vernunft&#8220; (Gernot und Hartmut B\u00f6hme) wahrzunehmen. Im Alltag, in Lekt\u00fcren, auf Reisen, zum Beispiel ins tiefe Niederbayern.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"froemmigkeit-heute-das-beispiel-niederbayern\">Fr&ouml;mmigkeit heute: das Beispiel Nieder&shy;bayern<\/span><\/h2>\n<p>Dengling, S\u00fcnching, M\u00f6tzing, Orte und Flecken, deren Namen schon wenige Kilometer weiter vergessen sind. Man besucht von Putten, Madonnen, Heiligenstatuen und Prunkalt\u00e4ren \u00fcberladene Wallfahrtskirchen. Nach der ersten Sinnenverwirrung durch das barocke Gold und den nur langsam verdampfenden Weihrauchduft f\u00e4llt irgendwann der Blick in abgelegenere Winkel dieser \u00fcberw\u00e4ltigenden Sakralbauten. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen dicht nebeneinander kleine bunte Bildchen mit manchmal naiv, manchmal \u00e4u\u00dferst kunstvoll gemalten Motiven. Erinnert wird hier an dramatische Lebenskrisen, in denen Heilige oder die Muttergottes geholfen hat: &#8222;Dank f\u00fcr die Rettung aus schwerer sozialer Not&#8220;, &#8222;Dank f\u00fcr den Beistand bei einer H\u00fcftoperation&#8220;, &#8222;Dank f\u00fcr die Hilfe in einer Ehekrise&#8220;. Auf den Tischen unterhalb dieser kleinen Votivbilder werden Zettelchen und die beschriebenen Seiten viel benutzter Hefte sichtbar. Hier scheint es nichts zu geben, wof\u00fcr man das leitende Personal der himmlischen Versicherung nicht f\u00fcr kostenlose und schnelle Notfallhilfe danken k\u00f6nnte: f\u00fcr den Aufstieg unserer Mannschaft in die Kreisliga Niederbayern, f\u00fcr einen g\u00fcnstigen Bausparvertrag, f\u00fcr ein neues &#8222;super Motorrad&#8220;, f\u00fcr eine endlich gefundene Freundin, f\u00fcr eine gelungene Entziehungskur, f\u00fcr das wieder gefundenen Fu\u00dfballtrikot mit der R\u00fcckennummer von J\u00fcrgen Klinsmann, f\u00fcr die Wiedervers\u00f6hnung mit der Schwiegermutter. Trotz jahrhundertelanger Aufkl\u00e4rung, eines gut ausgebauten Sozialstaates und eines fl\u00e4chendeckenden privaten Versicherungssystems bl\u00fcht hier am Ende des 20. Jahrhunderts immer noch eine \u00fcppige Wundergl\u00e4ubigkeit. Man empf\u00e4ngt auch hier via Satellitensch\u00fcssel Fernsehprogramme aus aller Welt. Die Computer-Kids surfen allabendlich durchs Internet &#8211; und bedanken sich in krakeliger Schrift bei der Ortsheiligen f\u00fcr die Hilfe bei einer schweren Schularbeit! Liest man die Zeichen und Aufzeichnungen an diesen frommen Pl\u00e4tzen richtig, dann haben die Wunderhoffnungen in den letzten Jahren eher zu als abgenommen. Die f\u00fcr Eintragungen ausgelegten B\u00fccher sind jedenfalls in den letzten Jahren nicht d\u00fcnner geworden. Die Zeiten scheinen &#8211; jedenfalls an diesen niederbayerischen Orten &#8211; nicht gerade g\u00fcnstig f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung. Man registriert eine verst\u00f6rende Renaissance von Wundererwartungen aller Art.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"lektueren-i-wallfahrten-und-wunder\">Lekt&uuml;ren I: Wallfahrten und Wunder<\/span><\/h2>\n<p>Zum Verst\u00e4ndnis des Wunderglaubens hat vor Jahren Rebekka Habermas eine hilfreiche historische Untersuchung vorgelegt (Habermas 1991). Ein Blick in diese Studie lohnt noch immer: Sie lenkt unseren durch eine lange Aufkl\u00e4rungsgeschichte geformten Blick auf die Bereiche jenseits dessen, was nach allgemeinem modernen Konsens vern\u00fcnftiges Denken und Handeln hei\u00dft. Rebekka Habermas versucht auch im deutschsprachigen Raum eine forschende Neugierde f\u00fcr die Alltagskultur des &#8222;gemeinen Volkes&#8220; zu wecken, die in anderen L\u00e4ndern l\u00e4ngst eine gro\u00dfe Reputation besitzt. Dass mit dieser bei uns immer noch unkonventionellen Forschungsintention zugleich auch so fundamentale Fragen wie die nach der Ambivalenz von Moderne und Aufkl\u00e4rung, von Verstaatlichung und wissenschaftlichem Fortschritt aufgeworfen werden, spricht f\u00fcr die Aktualit\u00e4t dieser Studie. Rebekka Habermas gelingt es, &#8222;Wunder- und Wallfahrtsgeschichte&#8220; jenseits katholischem Devotionalienkitsch und protestantisch-aufkl\u00e4rerischem Spott zu einem seri\u00f6sen historischen Forschungsgegenstand zu machen. <br \/>Warum gab es Wallfahrtskirchen und wer beteiligte sich an den ersten Prozessionen? Wer f\u00f6rderte sie und wer bek\u00e4mpfte sie? Was bewegte die Menschen, was geschah w\u00e4hrend der Prozessionen, wie wurden sie beendet? Anhand von Mirakelb\u00fcchern, Votivbildern und anderen Wallfahrtsdokumenten versucht Rebekka Habermas, die Geschichte des Wunderglaubens in Bayern aus der Perspektive der Gl\u00e4ubigen zu rekonstruieren. Dabei zeigt sich, dass die Prozessionen aus dem Blickwinkel der Gl\u00e4ubigen eine ganz eigene, existentielle Bedeutung besa\u00dfen. &#8222;Ebenso wie sie dem einzelnen die M\u00f6glichkeit zur Artikulation seiner \u00c4ngste und Trost und Hoffnung gew\u00e4hrten, bot die Wallfahrt und noch mehr die Prozession das au\u00dfergew\u00f6hnliche Erlebnis der Communitas. In den Prozessionen und Bittg\u00e4ngen n\u00e4mlich kehrten die Wallfahrer und Wallfahrerinnen dem Alltag den R\u00fccken, bildeten sie eine Gemeinschaft jenseits der herk\u00f6mmlichen Bande und gaben einer Phantasie Ausdruck, die jene Bilder schuf, welche auf den Hohenpei\u00dfenberger Prozessionen zu sehen waren. Aktiv gestalteten sie die Festlichkeit und verliehen Raum und Zeit eine neue Bedeutung.&#8220;<br \/>Der Kampf um Wallfahrt, religi\u00f6se Symbolik und Wunderglauben war ein Kampf um Herz und Kopf, ein Kampf zwischen Vernunft und angeblicher Unvernunft, zwischen der unkontrollierbaren Phantasie des einfachen Volkes und den Rationalit\u00e4tsvorstellungen des B\u00fcrgertums. Wir wissen: Letztlich haben sich Aufkl\u00e4rung, Wissenschaft und mit ihnen der moderne Staat in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft durchgesetzt. Sie bestimmen unser Alltagsleben, unser Denken und F\u00fchlen bis in die intimsten Bereiche hinein. Auf die Errungenschaften dieses Aufkl\u00e4rungsprozesses k\u00f6nnen wir nicht mehr verzichten. Die Untersuchung von Rebekka Habermas erinnert aber auch an die Opfer dieses Prozesses der &#8222;Zerst\u00f6rung der Sinnlichkeit&#8220; (Alfred Lorenzer) zugunsten eines rationaleren, kalkulierbareren Lebens. Diese Studie half mir dabei, jenseits der herk\u00f6mmlichen aufgekl\u00e4rten touristischen Aufmerksamkeiten den Blick auf die andere Geschichte des Katholizismus &#8211; nicht nur in Bayern &#8211; zu lenken. Nicht nur Bilder und Wundererwartungen sind neu zu sehen und anders zu interpretieren, als ich es in meiner Kindheit noch getan habe. Zum Beispiel das Gel\u00e4ut von Kirchenglocken.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"lektueren-ii-vom-verstummen-der-glocken\">Lekt&uuml;ren II: Vom Verstummen der Glocken<\/span><\/h2>\n<p>In Zeiten von ununterbrochenem Autol\u00e4rm, meterhohen Stereolautsprecherboxen, ohrenbet\u00e4ubendem Flugzeugget\u00f6se oder einem alle Kaufh\u00e4user, Restaurants, Arztpraxen und Boutiquen \u00fcberziehendem Klangteppich mit eins\u00e4uselnder Konsummusik ist es schwer, sich in eine vollkommen andere akustische Welt hineinzuversetzen. In eine Welt, in der die Stille nur durch die vielf\u00e4ltigen Modulationen der menschlichen Stimme, die Laute der Tiere und durch den Klang von Kirchturmglocken unterbrochen wurde. Man muss schon auf dem Lande aufgewachsen sein oder heute noch in einem kleinen Dorf leben, um \u00fcberhaupt eine sinnliche Vorstellung davon zu besitzen, welche Bedeutung das L\u00e4uten von Kirchenglocken haben kann. Vielleicht ist die Studie des franz\u00f6sischen Historikers Alain Corbin \u00fcber die <i>Sprache der Glocken <\/i>(Corbin 1995) tats\u00e4chlich nur f\u00fcr einen Kreis von Lesern interessant, aus deren Leben der Glockenklang nicht wegzudenken ist. &#8222;Die l\u00e4ndlichen Glockengel\u00e4ute des 19. Jahrhunderts, heute ein Klang aus einer anderen Zeit, wurden geh\u00f6rt und nach einem Affektsystem bewertet, das es heute nicht mehr gibt. Sie zeugten von einer anderen Beziehung zur Welt und zum Heiligen, von einer anderen Art des Menschen, sich in Zeit und Raum einzuf\u00fcgen.&#8220;<br \/>Diese heute verschwundenen Formen kollektiver Identit\u00e4tsfindung durch das H\u00f6ren der von Glocken regelm\u00e4\u00dfig \u00fcbermittelten akustischen Signale hat Corbin erforscht. Im Kampf um das Glockengel\u00e4ut, in der Verteidigung der Glocke als dem Symbol f\u00fcr eine dem weltlichen, aufgekl\u00e4rten Zeitverst\u00e4ndnis entgegengesetztes sakrale Zeitstruktur sieht Corbin den widerspruchsvollen Prozess der Modernisierung im christlich gepr\u00e4gten Europa verdichtet. Letztlich hat sich dieser Prozess, wenn auch nicht widerstandslos, historisch durchgesetzt. Gegen die beharrenden Emotionen einer vormodern gepr\u00e4gten Landbev\u00f6lkerung beharrte der moderne B\u00fcrger auf sein Recht, ungest\u00f6rt vom &#8222;klerikalen Klangimperialismus&#8220;, seinen Gesch\u00e4ften nachgehen zu k\u00f6nnen. Das b\u00fcrgerliche Individuum empfindet zunehmend nur noch als L\u00e4rm, was fr\u00fcheren Generationen noch einen sinnlichen Genus bereitete. Nur als Folklore oder akustische Stimulans in sentimentalen Stunden zum Jahresende sind Glocken heute noch erw\u00fcnscht. Der Tag und das Gef\u00fchlsleben in unserer Zeit werden l\u00e4ngst von anderen Signalen und L\u00e4rmquellen bestimmt. <br \/>Man kann die detaillierte Recherche von Corbin \u00fcber die <i>Sprache der Glocken<\/i> aber auch anders interpretieren. Corbins Arbeit, so abgelegen sie auf den ersten Blick erscheint, f\u00fchrt mitten hinein in eine h\u00f6chst aktuelle Auseinandersetzung um unseren Umgang mit Lebenszeit und Strukturierung eines fremdbestimmten Alltags. Sich zu erinnern, dass einmal andere Priorit\u00e4ten und Werte den Zeitablauf des Alltags der Menschen bestimmten, ist mehr als nur Nostalgie. Wir entdecken heute vielleicht empfindsamer als noch in den Hochzeiten der Moderne, dass die &#8222;Entzauberung der Welt&#8220;, die Durchsetzung eines rationalisierten, radikal entsakralisierten Alltags auch mit Verlusten bezahlt werden musste.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"lektueren-iii-vom-verschwinden-des-todes\">Lekt&uuml;ren III: Vom Verschwinden des Todes<\/span><\/h2>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Unsicherheit erlebe ich vielleicht im Umgang der Endlichkeit und dem Tod. Gianni Vattimo, der sich unter den zeitgen\u00f6ssischen linken Philosophen vielleicht am intensivsten mit der Wiederkehr des Religi\u00f6sen in unserer gegenw\u00e4rtigen Erfahrung auseinandergesetzt hat (Vattimo 1977), &#8222;sch\u00e4mt&#8220; sich nicht zu sagen, dass die Erfahrung des Todes der st\u00e4rkste Ansto\u00df gewesen ist, sich mit der wiedererwachten (eigenen) Religiosit\u00e4t zu besch\u00e4ftigen. &#8222;Die Erfahrung des Todes geliebter Menschen, von denen ich dachte, ich w\u00fcrde ein viel l\u00e4ngeres St\u00fcck Weges mit ihnen gemeinsam gehen.&#8220; Selbstverst\u00e4ndlich bedarf es keiner religi\u00f6sen Formen und Symbole, um in w\u00fcrdevoller Art von nahen und geliebten Menschen Abschied zu nehmen. Aber allzu oft ist man auf den Friedh\u00f6fen oder in den Krematorien mit einer gro\u00dfen Sprach- und Hilflosigkeit konfrontiert, f\u00fcr die religi\u00f6se Gemeinschaften wenigstens einen zeremoniellen Trost schaffen k\u00f6nnen.<br \/>Vielleicht werden wir der Ambivalenz von Moderne und Aufkl\u00e4rung nirgendwo so deutlich gewahr wie im Umgang mit dem Sterben und dem Tod. Der Moderne verdanken wir viel, aber auf der Suche nach der Gewalt des Tode angemessene <i>Rite de passage <\/i>l\u00e4sst sie uns im Stich. Entstammen nicht alle gro\u00dfen Todesrituale Zeiten und Kulturen, die weit vor jeder Ber\u00fchrung durch die moderne Welt gestanden haben? Wie unendlich reicher und w\u00fcrdevoller als unsere kargen, hilflosen Abschiedszeremonien sind etwa die Todeskulte untergegangener Stammesv\u00f6lker, von denen uns in den Studien der Ethnologen erz\u00e4hlt wird. Noch habe ich den Pfarrer mit seinen Ministranten vor Augen, die zu Fu\u00df durch die Kleinstadt zur Spendung der letzten Sakramente schritten, inmitten des t\u00e4glichen Gesch\u00e4ftstrubels. Dann wurden Taxis gemietet und das Denken an den Sterbenden beschr\u00e4nkte sich auf den kleinen Kreis der Angeh\u00f6rigen. Der Tod verschwand hinter zugezogenen Gardinen, sp\u00e4ter hinter den T\u00fcren der Klinik. Bis vor wenigen Jahren zog jeder Beerdigungszug durch die Stadt zum Friedhof. &#8222;Der Tod eines jeden war auch ein \u00f6ffentliches Ereignis, das die gesamte Gesellschaft im doppelten Sinne, w\u00f6rtlich und \u00fcbertragen, bewegte: nicht nur ein einzelner war dahingegangen, sondern die Gemeinschaft als ganze war getroffen und musste nun ihre Wunde heilen.&#8220; (Philippe Aries). W\u00e4hrend in der Philosophie und Theologie der Tod selbstverst\u00e4ndlich zu den zentralen Themen diskursiver Verst\u00e4ndigung geh\u00f6rt, haben die Historiker und Sozialwissenschaftler ihn erst relativ sp\u00e4t als Forschungsthema entdeckt. In der neueren Geschichtswissenschaft hat die \u00d6ffnung zur Erforschung des Alltags auch die Schichten freigelegt, die bislang den Tod \u00fcberdeckten. Hier sind insbesondere die Studien von Philippe Aries \u00fcber die Geschichte des Todes zu nennen, in denen er den Prozess des allm\u00e4hlichen Verdr\u00e4ngens des Todes und der Toten aus der abendl\u00e4ndischen Zivilisation nachzeichnet. Und besonders Norbert Elias ist es zu verdanken, dass heute auch in den Sozialwissenschaften eine st\u00e4rkere Besch\u00e4ftigung mit der Verdr\u00e4ngung des Todes aus der Gesellschaft zu registrieren ist. Mit gro\u00dfer intellektueller Feinf\u00fchligkeit hatte sich Elias in seiner kleinen Studie \u00fcber die <i>Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen<\/i> (Elias 1981) mit der Entkollektivierung und Tabuiserung des Sterbens in unserer Zivilisation auseinandergesetzt.<br \/>Ist es ein Zufall, dass mit Aries und Elias zwei im herrschenden Wissenschaftsbetrieb ihrer Zeit nur z\u00f6gerlich akzeptierte Intellektuelle so intensiv \u00fcber die &#8222;letzte Stunde, die keine Schwester mehr kennt&#8220; (Peter Szondi) nachgedacht haben? In der M\u00fchle des Betriebes und der Jagd nach Reputation scheint der Tod kein Thema zu sein. Au\u00dfenseiter und Verdr\u00e4ngte sp\u00fcren dieses gesch\u00e4ftig \u00fcberspielte Schweigen vielleicht besonders schmerzhaft.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"lektueren-iv-ambivalenzen-der-aufklaerung\">Lekt&uuml;ren IV: Ambiva&shy;lenzen der Aufkl&auml;rung<\/span><\/h2>\n<p>&#8222;Allenthalben&#8220;, so schreibt Richard van D\u00fclmen an einer entlegenen Stelle im Anmerkungsteil seiner Studie \u00fcber <i>Religion, Magie, Aufkl\u00e4rung<\/i> (van D\u00fclmen 1994), &#8222;wird mittlerweile zwar von der Ambivalenz der Aufkl\u00e4rung gesprochen, aber es fehlt bisher jeder Ansatz einer gr\u00f6\u00dferen Darstellung der Aufkl\u00e4rung, die das Problem der Grenze und Zwiesp\u00e4ltigkeit systematisch einbezieht und nicht blau\u00e4ugig Aufkl\u00e4rungskritik mit Gegenaufkl\u00e4rung verwechselt. Gerade heute ist eine kritische Aufarbeitung der Aufkl\u00e4rung st\u00e4rker denn je n\u00f6tig.&#8220;<br \/>Es ist das Verdienst von Richard van D\u00fclmen und der mit \u00e4hnlichen methodischen Ans\u00e4tzen forschenden Historikerinnen und Historiker, meinen Blick f\u00fcr diese Ambivalenz von Aufkl\u00e4rung und Moderne gesch\u00e4rft zu haben. Wenn sich van D\u00fclmen etwa ausf\u00fchrlich mit Formen der Volksfr\u00f6mmigkeit bis hin zu magischen Glaubensriten besch\u00e4ftigt, dann geht es eben nicht, wie es Kritiker dieser Forschungsrichtung innerhalb der Geschichtswissenschaft gerne unterstellen, um eine nostalgische, naive, ganz und gar unkritische Erinnerung an vormoderne Weltbilder.<br \/>Wir lernen durch diesen neuen historischen Blick vielmehr zu begreifen, wie die Menschen die Welt sahen und ihrem Leben ein Sinn gaben vor der, wie van D\u00fclmen sagt, &#8222;Entzauberung der Welt durch die Herrschaft der rationalen Vernunft&#8220;. So gewinnt auch die Untersuchung der uns aufgekl\u00e4rten Menschen heute so fremden Formen von Heiligenverehrung, Wunderglaube, Wallfahrten oder des Votivbildkultes einen neuen aufkl\u00e4renden Wert.<br \/>Letztlich hat sich gegen Volksreligiosit\u00e4t, Magie und Aberglauben jene Aufkl\u00e4rung und Rationalit\u00e4t durchgesetzt, deren Errungenschaften wir heute zu Recht verteidigen. Zu den Schl\u00fcsselmedien der Aufkl\u00e4rung wurden Schule und die moderne Wissenschaft. Richard van D\u00fclmen zeichnet diese Entwicklung von dem reformatorischen Aufbruch etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts \u00fcber die Zeit der Gegenreformation mit ihrem teils gef\u00f6rderten, teils bek\u00e4mpften Aufbl\u00fchen von Volksreligion und Magie bis hin zur Aufkl\u00e4rung gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach. \u00c4hnliches k\u00f6nnen wir auch in unz\u00e4hligen anderen Studien \u00fcber diese Zeit lesen.<br \/>Spannend und vielleicht auch provokativ wird die Arbeit von van D\u00fclmen aber immer da, wo sie uns z\u00f6gern l\u00e4sst, die Aufkl\u00e4rung und den Prozess der Modernisierung \u00fcber jeden Zweifel erhaben als einen linearen Fortschritt zu interpretieren, in dessen Verlauf alle Formen von Religiosit\u00e4t und Irrationalit\u00e4t wie reife Fr\u00fcchte von den B\u00e4umen der Erkenntnis fallen.<br \/>&#8222;Jede Aufkl\u00e4rung&#8220;, zitiert van D\u00fclmen einen Text aus dem Jahre 1792, &#8222;die nicht, um das wenigste zu sagen, gleichen Schritt h\u00e4lt mit der zeitlichen und ewigen Gl\u00fcckseligkeit des Menschen ist verd\u00e4chtig; jede Aufkl\u00e4rung, die dem Menschen das nimmt, was er zu Trost, Licht, Stab und Ruhe in dem jetzigen Erziehungsstand dieses Erdenlebens braucht, oder ihm mehr geben will, als er nach seinen Geistes- und Verstandeskr\u00e4ften zu gebrauchen, zu benutzen und zu verwalten vermag, ist T\u00e4uschung, Betrug, Schw\u00e4rmerei, Treulosigkeit am Menschen&#8230;Die Wahrheit liegt in der Mitte; wohl dem, der diesen Weg findet, Segen dem, der ihn wahr, richtig, deutlich bezeichnet.&#8220;<br \/>Sich aus dem Wurzelwerk und Gestr\u00fcpp eines vor-modernen Katholizismus zu befreien, wie ich ihn noch in der S\u00fcdoldenburger Provinz der 1950er, 1960er Jahre erlebt habe, bleibt ein schwieriges Unterfangen. Wenn man den Menschen &#8222;Trost, Licht, Stab und Ruhe&#8220; nimmt, weil sie der Aufkl\u00e4rung im Wege stehen, muss man ihnen auch eine sie \u00fcberzeugende Alternative angeben. Doch diese zu formulieren, ist nicht so leicht wie ich mir das einmal vorgestellt habe. &#8222;Lange Zeit bin ich fr\u00fch aufgestanden; um &#8211; noch vor der Schule, vor der B\u00fcroarbeit, vor den Vorlesungen der Universit\u00e4t &#8211; zur Messe zu gehen.&#8220; (Vattimo 1977: 7) So wie f\u00fcr Gianni Vattimo geh\u00f6rt auch f\u00fcr mich dieses t\u00e4gliche religi\u00f6se Ritual l\u00e4ngst zu den <i>tempi passati<\/i>. Ein Gewinn? Ein Verlust?<br \/>\u00a0<br \/>\u00a0<br \/><b>Literatur\u00a0\u00a0 <\/b><\/p>\n<p>Corbin, Alain 1995: Die Sprache der Glocken, Frankfurt\/Main<br \/>van D\u00fclmen, Richard 1994: Kultur und Alltag in der Fr\u00fchen Neuzeit. Band 3: Religion, Magie, Aufkl\u00e4rung. 16.-18. Jahrhundert, M\u00fcnchen<br \/>Elias, Norbert 1981: \u00dcber die Einsamkeit der Sterbenden, Frankfurt\/Main<br \/>Habermas, Rebekka 1991: Wallfahrt und Aufruhr, Frankfurt\/Main<br \/>Vattimo, Gianni 1977: Glauben-Philosophieren, Stuttgart<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[449],"publikationen":[1082],"class_list":["post-11916","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-carl-wilhelm-macke","publikationen-173-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Von der Aufkl\u00e4rung eines religi\u00f6sen Herzens - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/von-der-aufklaerung-eines-religioesen-herzens\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Von der Aufkl\u00e4rung eines religi\u00f6sen Herzens - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Erinnerung an fr\u00fchen Glauben und sp\u00e4tere Lekt\u00fcren, aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 87-96 &#8222;Lob der Aufkl\u00e4rung &#8211; aber&#8230;&#8220; Ernst Fischer (1899-1972) Farben, D\u00fcfte und Glockenkl\u00e4nge pr\u00e4gten meine Kindheit. 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