{"id":11917,"date":"2006-03-01T09:40:00","date_gmt":"2006-03-01T08:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-demokratische-verantwortung-der-medien\/"},"modified":"2021-08-24T21:49:13","modified_gmt":"2021-08-24T19:49:13","slug":"die-demokratische-verantwortung-der-medien","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/die-demokratische-verantwortung-der-medien\/","title":{"rendered":"Die demokratische Verantwortung der Medien"},"content":{"rendered":"<p>Warum die R\u00fcckbesinnung auf einen aufkl\u00e4rerischen Journalismus Not tut*,<\/p>\n<p>aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 106-113<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"i-einleitung\">I. Einleitung<\/span><\/h2>\n<p>Vor einigen Monaten teilte ich mit einigen Journalisten eine Taxi-Fahrt vom Flughafen zu einer Konferenz. Ihr lebhaftes Gespr\u00e4ch &#8211; sie waren alle in sog. kritischen Medien t\u00e4tig &#8211; drehte sich durchweg um Quoten, Aufmacher und <i>eye catcher<\/i>. Dabei ging es durchaus differenziert um \u00e4sthetische Fragen und um den Zusammenhang zwischen Aufmacher und Quote &#8211; und je h\u00f6her sie war, desto mehr leuchteten die Augen und desto mehr wuchs der kollegiale Respekt. Das Gespr\u00e4ch wirkte sehr professionell, und man bezog sich auf einen breiten F\u00e4cher empirischer Veranschaulichungen. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Priorit\u00e4t der Quote und der demokratischen Verantwortung der Medien stellten sich die Journalisten nicht, sie h\u00e4tte auch in diesem Zusammenhang ziemlich deplatziert gewirkt &#8211; zu grunds\u00e4tzlich, abstrakt, theoretisch abgehoben. Die Diskrepanz zwischen dem, was diese ganz und gar sympathischen Journalisten offensichtlich vorrangig bewegte und dem, was mich selbst umtrieb, die Diskrepanz n\u00e4mlich zwischen den Bedingungen des t\u00e4glichen Erfolgs, der zum individuell-professionellen wie zum institutionellen \u00dcberleben der Medien notwendig ist, und dem, was ich als die zentrale und \u00fcberaus wichtige Verantwortung der Medien in der Demokratie halte, besch\u00e4ftigt mich nicht erst seit dieser Flughafenfahrt.<br \/>Denn kein Mensch w\u00fcrde bestreiten, dass die Medien in der Demokratie eine \u00fcberaus wichtige Rolle spielen. Aber k\u00f6nnen sie sich darum angesichts der harten Konkurrenz auf dem Markt \u00fcberhaupt noch k\u00fcmmern? M\u00fcssen sie nicht in erster Linie eben auf jene Quoten und Absatzzahlen achten, um sich zu behaupten? Sind dazu nicht alle Mittel, die wir im Kampf der Medien beobachten, erforderlich? Kann man infolgedessen die Kluft zwischen der allgemein akzeptierten Grundannahme ihrer demokratischen Verantwortung und den Bedingungen des Gesch\u00e4fts \u00fcberhaupt noch \u00fcberwinden? Oder sollten wir das sch\u00f6ne demokratische Postulat einfach beiseite legen und uns statt dessen auf die insbesondere \u00f6konomisch erfolgreiche Bew\u00e4ltigung des Medienalltags konzentrieren?<br \/>Ich meine nicht und m\u00f6chte diese Ablehnung mit einigen Thesen und Beobachtungen erl\u00e4utern. Zuvor aber m\u00f6chte ich mich an einer genaueren Formulierung dessen versuchen, was ich die demokratische Verantwortung der Medien nenne. Ob es am Ende, wie man das immer m\u00f6chte, L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge geben wird, das kann ich noch nicht versprechen. Zun\u00e4chst also mein Versuch genauer zu bestimmen, worin die demokratische Verantwortung der Medien liegt.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"ii-demokratietheoretische-ueberlegungen\">II. Demokra&shy;tie&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche &Uuml;berle&shy;gungen<\/span><\/h2>\n<p>Die moderne Demokratie entstand &#8211; auf der Grundlage eines vorher entwickelten Rechtsstaates &#8211; nicht als direkte Demokratie, sondern bedurfte seit dem 19. und erst recht im 20. Jahrhundert der Vermittlung durch Medien, die f\u00fcr eine breitere \u00d6ffentlichkeit Informationen und Diskussionen von politischen Vorstellungen und Parteien aufbereiteten und verbreiteten. Das hat einen technischen und einen demokratietheoretischen Aspekt. <br \/>Der technische liegt in der Notwendigkeit, Kommunikation auch zwischen den B\u00fcrgern herzustellen, die sich nicht direkt miteinander austauschen k\u00f6nnen. Vermittlung ist also aus rein praktisch-empirischen Gr\u00fcnden notwendig. Solche Vermittlung ist aber nicht als neutral-transparente \u00dcbergabe denkbar, sondern wirkt notwendig auf den Inhalt und die Art der Kommunikation ein. Denn genauso wie es keine Erkenntnis als sog. objektive Wiedergabe einer sog. objektiven Wirklichkeit gibt &#8211; die Lenin&#8217;sche Widerspiegelungstheorie geh\u00f6rte im \u00fcbrigen zu den erkenntnistheoretisch vielleicht naiven, aber jedenfalls philosophisch unhaltbaren Elementen eines totalit\u00e4ren Kommunismus &#8211;, genauso gibt es keine &#8222;objektive&#8220; Kommunikation, Mitteilung, Weitergabe von Nachrichten oder Meinungen. Eine Auswahl aus der prinzipiell unendlichen Zahl von Nachrichten und eine damit einhergehende Perspektivit\u00e4t mit wertenden Implikationen \u00fcber ihre Wichtigkeit bzw. Bedeutung ist unvermeidbar.<br \/>Dieses Dilemma kann in einer modernen pluralistischen Demokratie, die nicht nur faktisch eine Vielfalt von Interessen enth\u00e4lt, sondern sie auch als legitim akzeptiert, nicht prinzipiell \u00fcberwunden, sondern nur demokratiekonform gestaltet werden. Die Grundmaxime daf\u00fcr liegt in der Forderung, das Spektrum der Interessen breit zu halten, ihr Gewicht vor Einseitigkeit zu sch\u00fctzen und den Raum f\u00fcr eine kontroverse Diskussion zu sichern. Sie bietet die Chance, die einzelnen Interessen und Priorit\u00e4ten mit Kriterien des Gemeinwohls zu vergleichen, etwa gem\u00e4\u00df dem Habermas&#8217;schen Kriterium der Verallgemeinerbarkeit der Interessen, und damit zugleich argumentativ die Vielfalt der L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten und gewollten bzw. ungewollten Folgen und Implikation m\u00f6glicher Entscheidungen auszuloten, was der Solidit\u00e4t und der Gemeinwohlorientierung der Entscheidung zugute kommen soll. Damit f\u00fchrt bereits der technische Aspekt der Vermittlungsaufgabe von Medien zum zweiten demokratietheoretischen, d.h. zur demokratischen Verantwortung der Medien.<br \/>Denn wenn Demokratie die gleichberechtigte Teilhabe aller B\u00fcrger an der Politik bedeutet und Politik im Wesentlichen die Vorbereitung und Durchf\u00fchrung von Entscheidungen &#8211; oder auch Nicht-Entscheidungen bzw. Blockaden &#8211; in Bezug auf Angelegenheiten meint, die kontrovers beurteilt werden und alle B\u00fcrger betreffen und binden, dann haben gemeinwohlorientierte Ziele nur eine Chance, wenn sich die B\u00fcrger dar\u00fcber verst\u00e4ndigen, wenn sie m\u00f6glichst ersch\u00f6pfend dar\u00fcber argumentieren und die Implikationen von Entscheidungen offen legen k\u00f6nnen. \u00d6ffentlichkeit wurde so Jahrzehnte lang demokratietheoretisch als eine Art Filter angesehen, der partikularistische oder willk\u00fcrliche Politik herauszufinden hilft und das demokratische Gemeinwohl bef\u00f6rdert. Immanuel Kant hat es ganz im gleichen Sinne als eine Art Test f\u00fcr die Gerechtigkeit von Entscheidungen bezeichnet, wenn sie zu ihrer Verwirklichung der \u00d6ffentlichkeit bed\u00fcrfen, wozu geh\u00f6rt, dass die \u00d6ffentlichkeit dem zustimmen und eine gerechte Interessenabw\u00e4gung durchf\u00fchren kann. Wenn man dagegen im Dunkeln munkelt, bleibt die Gerechtigkeit leicht auf der Strecke.<br \/>Damit ist zugleich gesagt, dass Demokratie, wie ich sie hier verstehe, nicht einfach ein wertm\u00e4\u00dfig neutrales Entscheidungsverfahren meint. Vielmehr begreife ich sie als eine normativ gestaltete politische Verfassung und Lebensform. Entsprechend ihrer ideengeschichtlichen wie grundgesetzlichen Bestimmung dient sie dem Ziel, die gleiche W\u00fcrde aller Menschen im Sinne ihres gleichen Rechts und ihrer gleichen Pflicht zur Freiheit, d.h. zur selbstbestimmten und verantworteten Lebensf\u00fchrung und solidarischen Teilhabe am Gemeinwesen, zu verwirklichen. Zu ihrer Realisierung und Festigung braucht es nicht nur Gesetze und organisierte Institutionen, sondern auch eine politische Kultur, die die die angemessene Handhabung der Institutionen unterst\u00fctzt. Wir kennen die Maxime, dass Gesetze ihrem Geiste und Buchstaben gem\u00e4\u00df angewendet werden sollen. Wir wissen auch, dass man sie immer missbrauchen oder pervertieren kann, weil sich die Wirklichkeit, auf die sie angewendet werden sollen, in kein Gesetz ganz einfangen l\u00e4sst. In Bezug auf die Gerechtigkeit hat Aristoteles deswegen in seiner ber\u00fchmten Nikomachischen Ethik am Ende seiner Ausf\u00fchrungen zur Gerechtigkeit das &#8222;G\u00fctige&#8220; als ihren Gipfel ger\u00fchmt. Es besteht darin, auf ein eigenes Recht zu verzichten, wenn seine Einforderung eine gr\u00f6\u00dfere Ungerechtigkeit nach sich ziehen w\u00fcrde. Das G\u00fctige als Grundhaltung brauchen wir, so Aristoteles, in einem freiheitlichen Gemeinwesen, weil sich die Gerechtigkeit nie ganz in eine Gesetzesregelung umsetzen l\u00e4sst. <br \/>Wenn Demokratie also auf kulturelle Unterst\u00fctzung angewiesen ist, dann betrifft das einerseits die Grundhaltung der B\u00fcrger. Autorit\u00e4re Pers\u00f6nlichkeiten, die ihr individuelles Urteilsverm\u00f6gen ungefragten Autorit\u00e4ten unterordnen, die ihren Mitb\u00fcrgern eher misstrauisch begegnen und nicht leicht mit ihnen kooperieren, die also &#8211; das geh\u00f6rt ins Bild &#8211; weder Fremd- noch Selbstvertrauen und infolgedessen auch keine Zukunftszuversicht aufbringen, B\u00fcrger, die ungeniert ihre partikularen Interessen verfechten, ihre Macht ausnutzen und sich um Fairness nicht scheren, Menschen, die sich abgew\u00f6hnt haben, zwischen Wahrheit und L\u00fcge zu unterscheiden oder die die L\u00fcge f\u00fcr ein vertretbares Mittel halten, Gegner auszuschalten &#8211; k\u00f6nnen eine Demokratie nicht aufbauen oder bewahren. Sie zerst\u00f6ren dass Grundvertrauen, das Menschen sowohl f\u00fcr die mutige Gestaltung ihres privaten Lebens als auch f\u00fcr das Gelingen eines freiheitlichen Gemeinwesens, das eben grunds\u00e4tzlich auf freiwilligen Gehorsam und freiwillige Kooperation baut, brauchen. Vertrauen ist die kulturelle Nahrung, ohne die eine Demokratie verk\u00fcmmert, ohne die sich die B\u00fcrger und Interessengruppen gegenseitig im Wege stehen und blockieren, anstatt die Kraft zur Gemeinsamkeit aufzubringen und etwas zu ihrem gemeinsamen Wohl aufzubauen. <br \/>Diese Grundhaltung ihrerseits wird aber &#8211; und dies ist das zweite &#8211; nicht gedeihen, wenn die Medien ihr zuwiderhandeln, anstatt sie ihrerseits zu f\u00f6rdern. Wenn B\u00fcrger einseitig informiert werden, dann f\u00f6rdert dies Misstrauen, weil es der Komplexit\u00e4t der Wirklichkeit und der gesellschaftlichen Wahrnehmungen, Anspr\u00fcche und Interessen nicht gerecht wird. Wenn Medien jenseits der oben kurz skizzierten grunds\u00e4tzlich-philosophischen Schwierigkeit, angemessen, d.h. in pluralistischer Breite zu kommunizieren, einer ganz anderen Logik folgen, wenn sie um ihres \u00dcberleben willen vor allem auf Gewinn aus sein m\u00fcssen und deswegen verzerrende Kampagnen betreiben, anstatt aufzukl\u00e4ren, dann werden sie ihrer demokratischen Grundverantwortung, an einer gemeinwohlorientierten \u00d6ffentlichkeit mitzuarbeiten und damit das gesellschaftliche Vertrauen, das die Demokratie braucht, mitzuschaffen, nicht gerecht.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iii-kritische-thesen\">III. Kritische Thesen <\/span><\/h2>\n<p>Vor dem so skizzierten demokratietheoretischen Hintergrund m\u00f6chte ich nun zur gegenw\u00e4rtigen Situation der Medien sechs kritische Thesen vorstellen und erl\u00e4utern, um am Ende, ankn\u00fcpfend an mein Taxierlebnis, einige Schlussfolgerungen zu ziehen.<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>Der Medienberichterstattung, besonders dem Fernsehen, wohnt ein Hang zum Negativismus und zugleich zur Vereinfachung komplizierter Zusammenh\u00e4nge inne, der sich gerade in der momentanen Situation umfassender gesellschaftlicher Reformen destruktiv auswirkt. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Dies stellt die Verl\u00e4sslichkeit in die Zurechenbarkeit des\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Medienhandelns in Frage. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Der &#8222;Code der Medien&#8220; macht es f\u00fcr den Zuschauer schwierig, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Journalisten arbeiten nicht nur f\u00fcr ihr Publikum, sondern orientieren sich immer st\u00e4rker an der Medienkonkurrenz. Ausschlaggebend f\u00fcr die Berichterstattung ist oftmals nicht mehr, welches Informationsbed\u00fcrfnis die Zuschauer oder Leser haben, sondern wie die Kollegen und vor allem die Konkurrenz eine vermeintlich exklusive Nachricht bewerten. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Medien werden selbst zunehmend zu politischen Akteuren und schaffen die von ihnen gespiegelten Diskurse selbst. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Dies wirft die Frage nach der gesellschaftlichen Legitimation des Journalismus auf.\n                <\/p>\n<hr class=\"clearer-white\">\n<p>\t\t<!--\n\t\t\tList browsing box:\n\t\t--><\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ich beginne mit dem Hang zum Negativismus und zur Vereinfachung. Wir alle wissen, dass sich Medienberichterstattung an bestimmten Nachrichtenfaktoren orientiert. Das garantiert ihre Aktualit\u00e4t und die richtige Priorisierung der eingehenden Nachrichten, macht die Medien aber gleichzeitig anf\u00e4llig f\u00fcr politische Inszenierungen, die auf genau diese Nachrichtenfaktoren abzielen. Der Zwang zur Personalisierung und zur Eindeutigkeit macht es sehr schwer, mit bestimmten Inhalten durchzudringen. Man rennt als Wissenschaftler manchmal wie gegen eine Wand, wenn man ein neues, als wichtig erachtetes Thema in den Mediendiskurs einf\u00fchren will. Es gibt offensichtlich eine Komplexit\u00e4tsdimension, die in den Mainstream-Medien nur schwer abbildbar ist. Vor allem aber st\u00f6rt mich der Nachrichtenfaktor des Negativismus. Nachrichten sind offenbar nur solange gut, wie sie schlecht sind. Wo ist denn das im Dezember 2004 \u00fcberall prophezeite Chaos auf den Arbeits\u00e4mtern in den ersten Tagen von Hartz IV geblieben? Warum gab es einen kollektiven Medien-Aufschrei, als die Arbeitslosenstatistik im Februar 2005 die F\u00fcnf-Millionen-Marke nahm? Die Politik hatte diesen Anstieg klar vorausgesagt und auch so kommuniziert. Nur wurde dies vor dem Eintreten des Ereignisses nicht zur Kenntnis genommen. Warum sieht man denn im Fernsehen so wenig dar\u00fcber, dass die Gesetzliche Krankenversicherung im letzten Jahr ein Plus von vier Milliarden Euro gemacht hat? Ich m\u00f6chte behaupten: weil in der journalistischer Logik gute Nachrichten keinen rechten Platz haben. <br \/>Das f\u00fchrt mich zum zweiten Punkt, der Verl\u00e4sslichkeit in die Zurechenbarkeit des Medienhandelns. Medien m\u00fcssen kurzfristig ihre Zuschauer und Leser f\u00fcr sich gewinnen, brauchen t\u00e4glich die Neuigkeit. Konsistenz wird unwichtig, der laute Skandal hingegen zur Erfolgsbedingung. Daraus ergeben sich zum Beispiel in der Berichterstattung \u00fcber politische Reformen problematische Muster: Erst werden die Reformen abstrakt gefordert, dann werden ihre konkreten Nebenwirkungen beklagt, dann technische Umsetzungsm\u00e4ngel moniert und noch vor bevor sie in Kraft treten, wird ihr Scheitern verk\u00fcndet. Wenn im Zuge einer solchen Entwicklung die Entkoppelung von politischer Thematisierung und medialer Spiegelung zum Dauerzustand wird, besteht die Gefahr, dass umfassendere Reformprozesse schon allein deswegen nicht gelingen k\u00f6nnen, weil durch die Berichterstattung das in der Bev\u00f6lkerung n\u00f6tige Vertrauen in die Wirksamkeit der Reformen zerst\u00f6rt wird. Zudem hat man den Eindruck, dass die rapide Reduktion fest angestellter Mitarbeiter in den Medien die Qualit\u00e4t der Recherche und der Analyse erheblich beeintr\u00e4chtigt. Oft wirkt es so, als ob ein Journalist vom anderen abschreibt und, weil einfach die Zeit zur gr\u00fcndlichen Vorbereitung nicht da ist, sicherheitshalber das wiederholt, was sich schon als \u00f6ffentlich akzeptiert bew\u00e4hrt hat. Man geht dann kein Risiko ein, aber es fehlt f\u00fcr eine gr\u00fcndliche \u00f6ffentliche Sachdebatte die begr\u00fcndete Kontroverse, die hilft, die Tragf\u00e4higkeit von Argumenten auszuloten. Staat dessen gehen Meinungsmoden wie hohe Wellen \u00fcber uns her, und es scheint am kl\u00fcgsten, einfach unter ihnen durch zu tauchen. <br \/>Politikerinnen und Politiker, die f\u00fcr ihre Sache einstehen, haben es schwer, dagegen anzukommen. Aber es ist n\u00f6tig, dass sie es schaffen. Denn die Anpassung an die medialen Stimmungsschwankungen ist gef\u00e4hrlich: Nur eine davon unabh\u00e4ngige Politik ist in der Lage, mittel- bis langfristige Prozesse zu gestalten und das Vertrauen der B\u00fcrger zu gewinnen. Das gilt z.B. angesichts des Aufschreis, den Franz M\u00fcnteferings ja durchaus zutreffende Anmerkungen zum Zustand unseres Wirtschaftssystems ausgel\u00f6st haben. Er hat eine Debatte angesto\u00dfen, die wir f\u00fchren m\u00fcssen, schon lange h\u00e4tten f\u00fchren m\u00fcssen. Skandalgeschrei aus eigener strategischer Erw\u00e4gung ist da fehl am Platz. Auch hier findet sich &#8211; allerdings nicht nur bei den Medien, sondern auch bei vielen anderen Verantwortungs- und Entscheidungstr\u00e4gern in unserer Gesellschaft &#8211; die Gefahr einer unverantwortlichen Vereinfachung, auch einer unredlichen Zuspitzung des jeweils Gesagten. <br \/>Bedacht werden m\u00fcssen &#8211; damit komme ich zum dritten Punkt &#8211; auch die spezifischen Bedingungen, unter denen die Medien, und hier auch wieder besonders das Fernsehen ihre Botschaften verbreiten. Denn politische Kommunikation findet hier vor dem Hintergrund st\u00e4ndig aufsteigender und absinkender Spannungen, wechselnder Gef\u00fchlsaufwallungen und immer neuer Reize sowie einer merkw\u00fcrdigen Abfolge von Wichtigem und Unwichtigem statt. Der &#8222;Code der Medien&#8220;, vor allem die Programmierung des Fernsehens mit ihrem Wechsel aus Information und Unterhaltung, Sport, Dokumentation und Fiktion, l\u00e4sst einen Brei entstehen, der sich im Kopf des Zuschauers zu einem Gesamtbild verr\u00fchrt. Dort, wo der politische Diskurs direkt an die <i>soap opera <\/i>anschlie\u00dft, wo R\u00e4sonnement und Geballer sich ber\u00fchren, entsteht nur selten ein optimales Rezeptionsumfeld. Manchmal habe ich das Gef\u00fchl, dass die Menschen \u00fcber Spitzenpolitiker nicht nur genauso reden wie \u00fcber Derrick, sondern sie auch nach den selben Kriterien beurteilen. <br \/>Vor allem aber frage ich mich, ob die Medienberichterstattung unter dem versch\u00e4rften Konkurrenz- und Aufmerksamkeitsdruck der Berliner Republik es nicht oft \u00fcbersieht, danach zu fragen, was nun f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit wirklich relevant ist. Vielfach scheint es mir, dass Journalisten prim\u00e4r f\u00fcr andere Journalisten berichten. Hier sehe ich ein Qualit\u00e4tsproblem erwachsen: Wenn Berichterstattung nicht mehr f\u00fcr das Publikum gemacht wird, sondern f\u00fcr die Kollegen und die Konkurrenz. Ich habe ein paar Mal Interviews gegeben, die mir eigentlich nicht besonders provokant erschienen. Ich habe aber gemerkt, dass die jeweiligen Interviewer an nur einer einzigen Aussage aus dem ganzen Kontext interessiert waren. Und die haben sie dann sofort zu einer Agenturmeldung gemacht: &#8222;Schwan kritisiert Schr\u00f6der&#8220; oder &#8222;Schwan greift Merkel scharf an&#8220;. Da ging es eigentlich in dem ganzen Gespr\u00e4ch nur darum, eine Aussage aus mir herauszukitzeln, mit der man dann von anderen Zeitungen zitiert wird. Der kommunikative Mehrwert solcher Aktionen scheint mir gering. Sie blieben in meinen Umgang mit Journalisten freilich auch die Ausnahme.<br \/>Ich komme zu meinem f\u00fcnften Punkt, der These, dass die Medien mehr und mehr zu politischen Akteuren aus eigenem Recht werden. Das muss man differenziert sehen. Nat\u00fcrlich haben Medien schon immer politischen Einfluss gehabt (nicht umsonst gr\u00fcndete Napoleon in jedem von ihm besiegten Land eine eigene Zeitung), und die Wissenschaft hat die Idee, dass die Presse das politische Geschehen nur spiegele, ohne auf es zur\u00fcckzuwirken, schon 1908 auf dem Berliner Historikertag ad acta gelegt, als der Geschichtswissenschaftler Martin Spahn einen viel beachteten Vortrag \u00fcber die problematische Rolle der Zeitung als Quellengattung hielt. Und trotzdem l\u00e4sst sich f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil des 20. Jahrhunderts feststellen, dass die Medien den Primat des Politischen akzeptiert haben, dass Dinge, die im politischen Raum geschahen, ihren Weg in die Medien fanden und dort &#8211; gem\u00e4\u00df den medialen Eigengesetzlichkeiten &#8211; bearbeitet wurden. Diese traditionelle Trennung scheint mir mehr und mehr abhanden zu kommen. In dem Ma\u00dfe, in dem die Mediengesellschaft sich entwickelt, werden Medien zu eigenst\u00e4ndigen politischen Spielern &#8211; und damit zu den wichtigsten Orientierungsgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr die Politik. Das hei\u00dft auf der einen Seite, dass sich die Politik &#8211; wie es Thomas Meyer in seinem Buch \u00fcber die &#8222;Kolonisierung der Politik durch die Medien&#8220; beschrieben hat &#8211; immer mehr der medialen Darstellungs- und Verwertungslogik anpasst. Politische Ereignisse werden im Hinblick auf die zu erwartende Medienberichterstattung geplant, politisches Personal aufgrund seiner Medientauglichkeit ausgew\u00e4hlt, politische Inhalte den &#8211; in der Regel recht geringen &#8211; M\u00f6glichkeiten der Medien, Komplexit\u00e4t zu verarbeiten, angepasst. Mediale Pr\u00e4senz wird vielfach zur Ersatzhandlung f\u00fcr im Zeitalter der Globalisierung schwindende Handlungsm\u00f6glichkeiten der Politik. Dies ist die Qualit\u00e4tsver\u00e4nderung auf Seiten der Politik. <br \/>Doch auch an den Medien selbst geht der gewachsene Einfluss des Medialen nat\u00fcrlich nicht vorbei. F\u00fcr mich dr\u00fcckt sich das vielfach in einer geradezu kampagnenartigen Behandlung einzelner Themen und Sachfragen aus. Offensichtlich wird in den gro\u00dfen Redaktionen heute strategisch kalkuliert, wie lange sich ein Thema am Laufen halten l\u00e4sst, und danach wird der Ressourceneinsatz und die Intensit\u00e4t der Berichterstattung bemessen. Dies kann legitim sein, kann aber auch zu Disproportionen und Verzerrungen f\u00fchren. Ein harmloses Beispiel: die Berichterstattung \u00fcber die Tsunami-Katastrophe in S\u00fcdostasien. Hier haben die Medien den <i>news-value <\/i>der Katastrophe dadurch verl\u00e4ngert, dass sie ab etwa Mitte Januar die von ihnen selbst angesto\u00dfene Spendenkampagne zum Hauptthema ihrer Berichte machten. Das bedeutet, dass die Medien ihr eigenes Handeln extensiv thematisieren und ihm durch eben diese Thematisierung realit\u00e4tsver\u00e4ndernde Kraft zusprechen. <br \/>Im Falle der Tsunami-Spenden scheint mir dies auch unproblematisch. Man kann daran aber gut die Mechanismen ablesen, wie die Medienwelt heute funktioniert. Da eben nur das relevant ist, was in den Medien auftaucht, ist die Versuchung f\u00fcr Medienmacher gro\u00df, ihre eigene Agenda zu setzen und damit den Diskurs zu bestimmen. Die Art und Weise etwa, wie Joschka Fischer im Fr\u00fchjahr 2005 von verschiedenen Medien angegriffen und systematisch niedergeschrieben wurde, das muss ich hier in aller Deutlichkeit sagen, finde ich wirklich unangemessen und auch die Art, wie Angela Merkels Outfit thematisiert und in modischen Schwankungen photographisch dargestellt wurde, lie\u00df oft Ausgewogenheit und Fairness vermissen. Gerade bei kampagnenhaften Aktionen wie der oft h\u00e4mischen Attackenserie gegen Joschka Fischer scheinen manche Medien f\u00fcr sich in Anspruch zu nehmen, auf eigene Faust Politik machen zu k\u00f6nnen. Bei einem Redaktionsgespr\u00e4ch vor einiger Zeit haben mir die dort versammelten Redakteure ganz unverbl\u00fcmt erkl\u00e4rt, dass sie darauf aus seien, die aktuelle Regierung &#8222;wegzuschreiben&#8220; und dass ich als Sympathietr\u00e4gerin von Rot-Gr\u00fcn ihnen dabei im Wege stehe. Deswegen werde man, obwohl ich ja klug und sympathisch sei, nicht positiv \u00fcber mich berichten. Hier ist eindeutig der Punkt erreicht, wo die demokratisch daf\u00fcr nicht legitimierte Medienmacht missbraucht wird. Ich will damit keine handzahme Presse fordern und auch kein Pl\u00e4doyer f\u00fcr meinungsfreien Journalismus halten, sondern nur auf die Verantwortungsdimension des Medienhandelns hinweisen und f\u00fcr eine ausgewogene Berichterstattung pl\u00e4dieren, welche die Dinge beim Namen nennt, ohne sie ma\u00dflos zu \u00fcbertreiben.<br \/>Medien und Medienmacher m\u00fcssen akzeptieren, dass sie, demokratietheoretisch gesehen, mit geliehener Macht und geborgtem Einfluss als Sachwalter der Gesellschaft fungieren. Sie genie\u00dfen eine Vielzahl von Privilegien, haben aber &#8211; anders als die Politik &#8211; keine demokratische Legitimation aus eigenem Recht. Dies zwingt sie nicht zu Meinungslosigkeit, im Gegenteil, verpflichtet sie aber, sehr genau zu reflektieren, wie sie Ereignisse und Prozesse abbilden und welche Wirkungen dies ausl\u00f6st. Die breite Debatte um die Qualit\u00e4tssicherung des eigenen Programms und um die Entwicklung einer journalistischen Berufsethik, welche die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien und die journalistischen Berufsverb\u00e4nde seit einigen Jahren f\u00fchren, ist ein wichtiger Beitrag von Seiten der Akteure.<\/p>\n<h2 class=\"auto-created\"><span id=\"iv-notwendigkeit-einer-oeffentlichen-diskussion\">IV. Notwen&shy;dig&shy;keit einer &ouml;ffent&shy;li&shy;chen Diskussion<\/span><\/h2>\n<p>W\u00fcnschenswert w\u00e4re es, wenn die Gesellschaft als ganze das Thema Medienpolitik wieder st\u00e4rker als einen zentralen Bereich der politischen Auseinandersetzung auffassen w\u00fcrde, und wenn Medienkritik wieder zu einer akademischen Disziplin w\u00fcrde, der sich die besten K\u00f6pfe des Landes widmen. Das allgemeine Desinteresse an der ordnungspolitischen Regulierung und der inhaltlichen Ausgestaltung der Medien scheint mir eines der gr\u00f6\u00dften Defizite der gegenw\u00e4rtigen Demokratie zu sein. Merkw\u00fcrdigerweise haben z.B. die Diskussionen um die politische Macht und die kulturelle Wirkung des Fernsehens nach der Einf\u00fchrung des Privatfernsehens 1984 nicht an Intensit\u00e4t zugenommen, sondern sind &#8211; im Gegenteil &#8211; an den Rand der gesellschaftlichen Debatte ger\u00fcckt. <br \/>Der (selbst)kritische Impetus, mit dem Journalisten noch in den 1970er und 80er Jahren ihr eigenes Handeln reflektierten, scheint mir nicht vollst\u00e4ndig ausgestorben, in vielen Redaktionen aber doch nachhaltig wegrationalisiert worden zu sein. Dies verwundert um so mehr, da die gesellschaftliche Entwicklung in den letzten zwanzig Jahren eindeutig weiter in Richtung der viel beschworenen &#8222;Mediengesellschaft&#8220; gegangen ist. Nur mit einer breiten gesellschaftlichen Diskussion, in der die \u00d6ffentlichkeit ihre eigene Kritikf\u00e4higkeit sch\u00e4rft und unter Beweis stellt, so dass sich Manipulation und Kampagnen Journalismus weniger auszahlen, besteht die Chance, dass die Medien als generalisierte Vertrauensunternehmer der Gesellschaft ihre demokratische Verantwortung wahrnehmen. Nur so kann die Logik der gemeinwohlorientierten demokratischen Verantwortung der Logik der \u00f6konomischen Marktrentabilit\u00e4t, die die meisten der genannten Missst\u00e4nde ausl\u00f6st oder best\u00e4rkt, entgegen wirken. Das aufgekl\u00e4rte Publikum muss sich wehren. Nur so kann es gelingen, die skizzierten Defizite und bedrohlichen Tendenzen auszubalancieren. Damit sind wir alle aufgerufen, das Unsere dazu beizutragen.<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0 <br \/>*Der \u00fcberarbeitete Beitrag beruht auf einem Vortrag anl\u00e4sslich einer Feier zum 60sten Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um\u00a0 der\u00a0 Frankfurter Rundschau im September 2005.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2250],"publikationen":[1082],"class_list":["post-11917","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-gesine-schwan","publikationen-173-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die demokratische Verantwortung der Medien - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/173-vorgaenge\/publikation\/die-demokratische-verantwortung-der-medien\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die demokratische Verantwortung der Medien - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Warum die R\u00fcckbesinnung auf einen aufkl\u00e4rerischen Journalismus Not tut*, aus: vorg\u00e4nge Nr. 173 (Heft 1\/2006), S. 106-113 I. 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