{"id":11921,"date":"2005-12-01T22:30:00","date_gmt":"2005-12-01T21:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/verzicht-und-hingabe\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"verzicht-und-hingabe","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/verzicht-und-hingabe\/","title":{"rendered":"Verzicht und Hingabe"},"content":{"rendered":"<p>Ein neues progressives Projekt<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3\/4\/2005 ), S.5-8<\/p>\n<p><i>Der Herr gegen\u00fcber, der die Brauen nach oben zieht, ein d\u00fcnnes L\u00e4cheln um den grau-melierten Schnauzbart spielen l\u00e4sst und mit einer wegwerfenden Handbewegung bemerkt: &#132;,Links` oder ,rechts` &#8211; das sind doch ausgeleierte Begriffe, l\u00e4ngst \u00fcberlebt, die mit unserer Wirklichkeit nichts zu schaffen haben. Sie besagen nichts \u00fcber die Dynamik&#8216; der Globalisierung, nichts \u00fcber die Revolutionierung unseres Alltags durch die Informatik, nichts \u00fcber die Ideologie des Terrors&#8230;&#148;<\/i><\/p>\n<p>Jener Herr hat so Unrecht nicht &#8211; und dennoch gibt er sich, ganz unfreiwillig, als ein &#132;rechter&#148; Geist zu erkennen, konservativ oder liberal-konservativ, vielleicht auch nur &#132;wert-konservativ&#148; gestimmt (um den schwammigsten aller Modebegriffe zu zitieren). F\u00fcr einen Linken, der den Namen verdient, ist der Verzicht auf die Grundkategorien der Franz\u00f6sischen Revolution (die sich &#8211; eher zuf\u00e4llig &#8211; aus der Sitzordnung der Fraktionen des Nationalkonvents ergaben) bis auf den heutigen Tag v\u00f6llig undenkbar, ja er grenzte an jenen Frevel, den auch der gottloseste aller Republikaner als &#132;s\u00fcndhaft&#148; bezeichnen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Aber was hei\u00dft &#132;links&#148; im Anbruch des 21. Jahrhunderts? Wer sind die &#132;Linken&#148;? Warum beharren sie auf dem Wort, die eher hageren, zur bleichen Strenge neigenden Damen und Herren, die lieber als M\u00e4nner und Frauen tituliert werden oder noch immer als Genossinnen und Genossen? Ist die Vokabel nur ein Korsett, das ihren schwanken-den Seelen eine gewisse St\u00fctze bietet? Vermittelt es ihnen die Gewissheit &#8211; oder die Illusion? &#8211; einer halbwegs zuverl\u00e4ssigen Grundordnung ihrer Weltanschauung? Damit eine moralische Wertung, die den Linken eine Art Gutmenschentum sichert? Und ihnen ein besseres Gewissen verschafft?<\/p>\n<p>Nein, wir reden nicht von den Linksreaktion\u00e4ren \u00e4 la Lafontaine, den Antieurop\u00e4er und Bundesgenossen der Bonzen von der ostdeutschen Heimat- und Nostalgiepartei PDS, in der ein gewitzter Geist wie Gregor Gysi eine Ausnahme-, in Wirklichkeit eine Rand-Erscheinung ist. Wir reden von der Linken, die nicht im Schatten des korrupten Post Stalinismus gedieh. &#132;Links&#148; bedeutete nach den simplen Regeln der Franz\u00f6sischen Revolution: die Sache des Volkes zur eigenen zu machen, seine Rebellion gegen die Obrigkeit, seine Forderung von Lohn und Brot und einem gerechten Anteil am Segen der Erde. &#132;Links&#148; hie\u00df: die Partei der Schwachen zu ergreifen, der Entrechteten, der Unterdr\u00fcckten, der zu Kurz gekommenen. Der Frauen, denen das gleiche Recht, n\u00e4mlich das der M\u00e4nner, durch Jahrtausende vorenthalten wurde. Der Kinder, denen der Zugang zur Welt der Bildung nur in Gl\u00fccksf\u00e4llen gew\u00e4hrt war: ein Schl\u00fcsselproblem f\u00fcr die Linke, die als ein Gesch\u00f6pf der Aufkl\u00e4rung in die Welt trat. Als Partei der Verfolgten, die einer anderen Religion als die Mehrheit anh\u00e4ngen, nach anderen Neigungen und Sitten leben (wie die Schwulen), eine andere Haut durchs Leben tragen, einer anderen Rasse zugeh\u00f6ren. Wer &#132;links&#148; war, strebte nicht nur nach Freiheit, sondern auch nach Gleichheit (zumindest der Lebenschancen) und nach einer Gerechtigkeit, die im Prinzip der Gleichheit begr\u00fcndet ist. Kein Zweifel: Die &#132;Linken&#148; waren &#8211; oder sind? &#8211; sozusagen die besseren Menschen, die genauer als andere wissen, was der Menschheit zum Guten dient.<\/p>\n<h5>Links gleich Forts&shy;chritt?<\/h5>\n<p>Geeichte Konservative beginnen bei diesen Stichworten nerv\u00f6s an ihren B\u00e4rten zu zupfen, und sie fragen &#151; wiederum nicht v\u00f6llig zu Unrecht &#151;, ob sich mit diesem Anspruch nicht eine Arroganz offenbart, die sich durch den &#151; in der Regel unaufhaltsamen &#8211; Prozess der Radikalisierung totalit\u00e4r zu verfestigen droht. Sie weisen darauf hin, dass der linke Moralismus allzu oft &#151; ja, nahezu immer &#8211; zur Diktatur einer Elite pervertierte: ob in Lenins oder Stalins Reich, ob in den Herrschaftsbezirken ihrer Satrapen, ob in Maos rotem Imperium, ob in Castros Kuba. Im \u00fcbrigen, f\u00fcgen sie hinzu, seien die Grundforderungen der historischen Linken l\u00e4ngst erf\u00fcllt. Bismarck, der konservative Revolution\u00e4r, habe schlie\u00dflich als erster ein System der sozialen Sicherung f\u00fcr die Alten und Schwachen etabliert.<\/p>\n<p>Wohl wahr. Doch aus freien St\u00fccken schuf der intellektuelle Junker den Sozialstaat nicht, sondern um die gef\u00e4hrlich wachsende Sozialdemokratie zu b\u00e4ndigen (was ihm nicht gelang) und die sozial bewegten Katholiken dazu. In der Tat hat seitdem &#8211; von den Katastrophen der rechten Diktaturen und ihren Kriegen nur aufgehalten &#8211; die Sozialdemokratie die Ideale ihrer Gr\u00fcnderv\u00e4ter und Gr\u00fcnderm\u00fctter auf dem Weg der Evolution in unserer Gesellschaft fest verankert. Die elementaren Errungenschaften des Sozialstaates werden auch von der liberalen und konservativen Rechten kaum mehr angefochten. Man kann &#8211; mit dem Blick auf die deutsche Parteienlandschaft, aber auch die unserer Nachbarn im Westen &#8211; von einer Sozialdemokratisierung Europas reden, der die Christdemokraten keineswegs entgingen. Umgekehrt haben sich die Sozialdemokraten vom Irrglauben der \u00f6konomischen Befreiung durch die Verstaatlichung der Produktionsmittel schon vor Jahrzehnten gel\u00f6st, auf die Verplanung der Wirtschaft verzichtet und sich &#151; in Grenzen &#8211; dem Gesetz des Marktes und des freien Spiels der Kr\u00e4fte ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Warum aber leben wir &#8211; dank des klugen Kompromisses, dem sich unsere Gesellschaft unterwarf &#151; nicht in der besten aller Welten? Das ist offensichtlich nicht der Fall, da wir mit einer Krise des Systems konfrontiert sind. Wie bringt ein Linker es zuwege , links zu sein, da der Sozialstaat die Schranken der Vernunft durchbrach, die einst bestimmten, dass der soziale Haushalt durch die Produktivit\u00e4t der Wirtschaft gedeckt sein m\u00fcsse? Kann linker Widerstand die Revolutionierung der Gesellschaft durch die globale Freiheit der Kapitalfl\u00fcsse aufhalten? Ohne sich in einen sterilen Protektionismus zu fl\u00fcchten, in dem wir am Ende allesamt ersticken w\u00fcrden? Wie kann sie. unsere (teuren) Arbeitspl\u00e4tze sch\u00fctzen? Wie den Lebensstandard, der uns zu kostbaren Gewohnheit wurde, auf die Dauer verteidigen? Ist eine Linke, die vor allem defensiv reagiert, denn noch wahrhaft links? Was, wenn die Formel &#132;Links gleich Fortschritt&#148;, die an die zwei-hundertf\u00fcnfzig Jahre galt, au\u00dfer Kraft gesetzt w\u00e4re?<\/p>\n<h5>Jenseits des Natio&shy;nal&shy;staats: Europa als linkes Projekt<\/h5>\n<p>\u00dcberdies waren die Ideen der Linken &#150; Rechtsstaat, Demokratisierung und sozialer Ausgleich &#8211; von Beginn an mit dem Nationalstaat verkn\u00fcpft, der mit der Franz\u00f6sischen Revolution die Ordnung der V\u00f6lker zu bestimmen anfing &#8211; und prompt, fast noch im Auftakt der Revolution, von einem fanatisierten Nationalismus \u00fcberrannt wurde. Die Ideale des Nationalismus und des Sozialismus waren in der Tat nicht nur in der verlogenen Perversion des Nazismus miteinander verkettet. Zwar sangen die Linken aus vollem Halse ihre Internationale, doch ihr Bekenntnis zur &#132;internationalen Solidarit\u00e4t&#148; blieb blass und abstrakt, und es wurde, wenn Krieg und Notstand drohten, f\u00fcr gew\u00f6hnlich ohne Z\u00f6gern dem Nationalismus geopfert.<\/p>\n<p>Diese deprimierende Einsicht k\u00f6nnte ein erster Schritt zum Wandel der Linken sein: von ihr ist, wenn sie nicht untergehen will, die entschlossene Befreiung aus der nationalen und nationalstaatlichen Isolierung gefordert. Die Europ\u00e4ische Gemeinschaft, die uns das Elend eines zweiten Versailles und damit wohl auch einen dritten Weltkrieg er-sparte, war ein Werk christlich-konservativer Staatsm\u00e4nner vom Schlage Konrad Adenauers, Robert Schumans, Alcide de Gasperis &#8211; hinter ihnen das planende Genie des (eher liberalen) Technokraten Jean Monnet. Die Sozialdemokraten und Sozialisten bekehrten sich erst mit einer schuldhaft-verbohrten Versp\u00e4tung zu Europa. Unterdessen verstanden auch sie &#8211; wenngleich nicht ausnahmslos: siehe die Spaltung der franz\u00f6sischen Sozialisten &#150;, dass es den Gro\u00dfraum eines regierungsf\u00e4higen Europa braucht, um den Zyklonen der Globalisierung zu widerstehen: die Macht des Marktes von ann\u00e4hernd vierhundert Millionen B\u00fcrger, ihre Produktivit\u00e4t, ihren Innovationsgeist, ihre Konsumf\u00e4higkeit, die durch gute, doch h\u00e4rter erarbeitete L\u00f6hne, durch eine Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit, eine Erh\u00f6hung des Pensionsalters und damit durch gesicherte Renten zu garantieren ist. Linke Progressivit\u00e4t hei\u00dft: Europa. Die Alternative ist die Zerm\u00fcrbung der Gesellschaft in den St\u00fcrmen der Globalisierung.<\/p>\n<p>Es nimmt sich absurd aus, aber es ist die Wahrheit: Links sein, fordert die Einsicht, dass wir \u00fcber unsere Verh\u00e4ltnisse gelebt haben (fast alle, nicht nur die Million\u00e4re); dass der Sozialstaat ein Objekt der Pl\u00fcnderung wurde (zumal f\u00fcr die Schlauk\u00f6pfe, die auf ihn am wenigsten angewiesen waren); dass wir &#8211; alles in allem &#8211; zu faul und zu bequem geworden sind.<\/p>\n<p>Links sein kann darum f\u00fcrs erste bedeuten, den G\u00fcrtel enger zu schnallen, wenn wir uns an ihm nicht aufh\u00e4ngen wollen. Links hei\u00dft: Rettung des Sozialstaates durch Opfer und Verzicht &#8211; und zwar, im Rahmen des Vern\u00fcnftigen, aller Schichten (der reichen, es versteht sich, mehr als der \u00e4rmeren). Links sein hei\u00dft: Freiheit der Dienstleistung, auch in Berufen, die wir zu lange hochm\u00fctig gemieden haben, ob in Hospit\u00e4lern, in den Haushalten, der Kindererziehung oder der Hilfe im Alltag der Alten, der Schwachen, der Kranken. Links sein hei\u00dft: die Sicherung der Zukunft durch eine revolution\u00e4re Steigerung der Mittel f\u00fcr Bildung und Forschung. Links sein hei\u00dft auch: die Verj\u00fcngung unserer Gesellschaft durch eine gesteuerte Einwanderung (nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten), die \u00d6ffnung f\u00fcr Menschen anderer Kulturen und Rassen. Links sein hei\u00dft Bereitschaft zur Integration der Fremden, die unsere traditionelle Kultur bereichern &#8211; und denen sich zugleich der Reichtum unserer Geschichte, unserer Religionen, unserer K\u00fcnste mitteilt. Links sein hei\u00dft: Offenheit, Pluralismus, Toleranz, Leistungswille &#8211; und die Wiederentdeckung sozialer Pflichten: nicht nur des Staates, sondern seiner B\u00fcrger, also der unseren, der eigenen. Links sein hei\u00dft, nach dem Wort Willy Brandts: compassion &#8211; Mitleidenschaft. Linkssein hei\u00dft: die Freiheit des Einzelnen als den wichtigsten der Werte zu betrachten, die uns anvertraut sind. Keine Freiheit auf Kosten des N\u00e4chsten, dessen Rechte nicht geringer sind als die unseren. Eine Freiheit, die nicht der Gleichheit geopfert werden darf, aber gleiches Recht voraussetzt. Freiheit, die nicht f\u00fcr den Moloch einer tr\u00fcgerischen Sicherheit dahingegeben werden darf, nach dem Gesetz der Pawlowschen Hunde den Erpressungen der Freiheitsfeinde gehorsam. Weil wir uns Tag f\u00fcr Tag daran erinnern sollten, da\u00df es Freiheit ohne die Bereitschaft zum Risiko nicht gibt.<\/p>\n<p>Das ist links. Progressiv. Liberal im amerikanischen und im altb\u00fcrgerlichen Verst\u00e4ndnis des Wortes. Wenn es denn sein muss: auch &#132;wertkonservativ&#148;.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2253],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11921","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-klaus-harpprecht","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Verzicht und Hingabe - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/verzicht-und-hingabe\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Verzicht und Hingabe - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein neues progressives Projekt aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3\/4\/2005 ), S.5-8 Der Herr gegen\u00fcber, der die Brauen nach oben zieht, ein d\u00fcnnes L\u00e4cheln um den grau-melierten Schnauzbart spielen l\u00e4sst und mit einer wegwerfenden Handbewegung bemerkt: &#132;,Links` oder ,rechts` &#8211; 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