{"id":11925,"date":"2005-12-01T19:30:00","date_gmt":"2005-12-01T18:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/jenseits-der-gruenen-mitte\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"jenseits-der-gruenen-mitte","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/jenseits-der-gruenen-mitte\/","title":{"rendered":"Jenseits der gr\u00fcnen Mitte"},"content":{"rendered":"<p>Eine geistig &#8211; moralische Wende von links<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3\/4\/2005), S.34-39<\/p>\n<p><i>Die Linke in der Krise? Kaum war die Bundestagswahl geschlagen und mit Rot-Gr\u00fcn das links-\u00f6kologische Projekt der Bonner Republik endg\u00fcltig auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte gelandet, erlebte man die parlamentarische Linke schon wieder in erstaunlicher Selbstzufriedenheit.<\/i><\/p>\n<p>Kein Wunder, denn allzu gro\u00dfe Wunden waren ja scheinbar nicht zu lecken &#150; im Gegenteil. Lange Zeit hoffnungslos abgeh\u00e4ngt, wurde auf den letzten Metern das Schlimmste verhindert: Die SPD war nur knapp geschlagen, die neue Linkspartei erreichte aus dem Stand 8,7 Prozent, und die potentielle rot-rot-gr\u00fcne Koalition avancierte prompt zum informellen Wahlsieger.<\/p>\n<p>Doch den tats\u00e4chlichen Zustand der Linken verfehlt, wer ihn derart parteipolitisch verengt. Die tats\u00e4chliche Krise ist eine geistige. Intellektuelle Strahlkraft geht von dieser Linken nicht mehr aus. Und ihre Krise beginnt eben da, wo sie als solche gar nicht erst wahrgenommen wird. Was heute auf der Linken herrscht, ist br\u00e4sige Selbstgef\u00e4lligkeit, ohne jede Streitlust.<\/p>\n<p>Allen voran bei der SPD: Zwar hatte man soeben die Kanzlerschaft verloren, neben-bei noch einen scheinbar allm\u00e4chtigen Parteivorsitzenden, ob aus Unverm\u00f6gen oder gezielt, ins parteipolitische Jenseits bef\u00f6rdert, aber prompt pr\u00e4sentierte man einen neuen Strahlemann und feierte weiter, als w\u00e4re nichts geschehen.<i> Ex oriente lux <\/i>hei\u00dft jetzt die Devise oder, ins Sozialdemokratische \u00fcbersetzt: &#132;Jetzt geht&#8217;s loos&#148;, dann eben mit Matze Platzeck. Dass Gerhard Schr\u00f6der, keine zwei Wochen aus dem Amt &#8211; man hatte sich kaum an die Bezeichnung &#132;Altkanzler&#148; gew\u00f6hnt &#151;, noch ganz nebenbei die Kanzlerschaft gegen die Rolle des Steigb\u00fcgelhalters von Genosse Putin eintauschte, spielte da auch schon keine Rolle mehr. F\u00fcr ihn jedenfalls, so der neue Parteivorsitzende, bleibe der Kanzler ein &#132;v\u00f6llig integrer Mann&#148;. Soviel Eintracht war nie.<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfer waren Realit\u00e4tsverdr\u00e4ngung und Selbstgef\u00e4lligkeit nur bei der Linkspartei. Keiner reckte sich so ersichtlich siegesbewusst und gen\u00fcsslich in seinen Sitzen wie die beiden vormaligen Hinschmei\u00dfer und jetzigen Comebacker des Jahres, Oskar Lafontaine und Gregor Gysi. Jede ihrer Gesten signalisierte: &#132;Da sind wir wieder! Sch\u00f6n wieder dabei zu sein!&#148; Doch sollte die &#132;neue&#148; Linke in Deutschland tats\u00e4chlich jene neue parlamentarische Linkspartei sein, dann sieht sie in der Tat uralt aus: eben so alt wie ihre beiden Vorreiter und ihre zahlreichen Adepten auf dem frisch eingerichteten Parteitagspr\u00e4sidium. Immerhin: Die alten M\u00e4nner werden stets eingerahmt und angehimmelt von h\u00fcbschen Jungpolitikerinnen wie Katja Kipping. Diese neue &#132;Linke&#148; ist die Partei der alten M\u00e4nner mit weiblichem Zierrat.<\/p>\n<h5><span id=\"allgemeine-wachstumsglaeubigkeit\">Allgemeine Wachs&shy;tums&shy;gl&auml;u&shy;big&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p>Dass es alles andere als rosig um die deutsche Linke bestellt ist, zeigt der Blick auf die Inhalte ihrer Politik. Faktisch unterscheiden sich die beiden Varianten der Sozialdemokratie nur in Nuancen. &#132;Arbeit, Arbeit, Arbeit&#148; hie\u00df es bei der SPD schon vor Jahren. Oder, fast identisch im Jargon der Linkspartei, damals noch PDS: &#132;Arbeit soll das Land regieren&#148;. ,Wachstum, Wachstum \u00fcber alles&#8216; lautet beider Devise. Konsumverzicht war gestern, heute ist Konsumieren geil, damit die deutsche Wirtschaft brummt. Und daf\u00fcr braucht man das Volk &#8211; als konsumierende Masse. Denn \u00fcber allem schwebt das moderne Damoklesschwert namens R\u00fcckgang der Binnennachfrage. Und nur jene schaffe und erhalte deutsche Arbeitspl\u00e4tze. Diese sozialdemokratisch-materialistische &#132;Fortschritts&#8220;-Linke ist also mitnichten neu, sondern uralt.<\/p>\n<p>Doch mehr noch: Tats\u00e4chlich eint der Fetisch &#132;Wachstum&#148; eine ganz gro\u00dfe Koalition von links bis rechts. Ob Neoliberalismus oder Keynesianismus: Allerorten herrscht pure Tonnenideologie. Was wir derzeit erleben, ist die ganz gro\u00dfe Koalition des Konsumismus zur Verteidigung der westlichen Wohlstandinseln. W\u00e4hrend sich die SPD als nationale Standortpartei im Kampf gegen ausl\u00e4ndische Heuschrecken pr\u00e4sentiert, propagiert das Parteiprogramm der CDU ganz unverhohlen: &#132;Ohne Wachstum ist alles nichts&#148;. Erstaunlich genug f\u00fcr eine Christ-demokratische Partei, die doch eigentlich andere oberste Werte haben sollte. Doch wer w\u00fcrde sich heute noch \u00fcber den Allgemein-platz der Wachstumsverg\u00f6tzung aufregen?<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle beginnt das Problem: Dramatisch wird die Sache n\u00e4mlich dann, wenn mit Wachstum auch alles nichts ist. An diesem Punkt scheinen wir uns heute zu befinden. Denn das Einzige, was in den letzten Jahren stetigen wirtschaftlichen Wachstums gewachsen ist, ist das Millionenheer der Arbeitslosen. Sozial ist, was Arbeit schafft? Die Ironie an der Geschichte: Diese Gesellschaft schafft es mit blo\u00dfem Wirtschaftswachstum gerade nicht, Arbeit zu schaffen. Im Gegenteil: Das Ph\u00e4nomen des jobless growth hat sich im Dienstleistungskapitalismus radikal versch\u00e4rft. Immer mehr f\u00fchren Wachstumsgewinne zu arbeitsplatzvernichtenden oder -verlagernden Investitionen. Immer deutlicher wird, dass es sich bei den Goldenen Jahrzehnten der Vollbesch\u00e4ftigung um ein Transitorium des Kalten Krieges handelte, eine \u00dcbergangsgesellschaft in Ost und West, die mit 1989 und dem Einbruch der neuen Globalisierung endg\u00fcltig an ihr Ende gelangt ist. Schon deshalb betreiben sowohl Linke als auch Konservative mit ihren Wachstumsparolen schlicht Augenwischerei.<\/p>\n<h5><span id=\"was-ist-heute-links\">Was ist heute links?<\/span><\/h5>\n<p>Was also w\u00e4re heute links? Heute h\u00e4tte die moderne, neue Linke nicht fortschrittsgl\u00e4ubig, sondern wieder wachstumskritisch zu sein. Diese Linke steht heute nicht am linken Rand des Parlaments, sie steht in dessen gr\u00fcner, b\u00fcrgerlicher Mitte. Vielmehr: Sie k\u00f6nnte dort stehen, wenn dort nicht die realexistierenden Gr\u00fcnen st\u00fcnden.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr spricht schon die Geschichte: Ob im Falle von Marx und Engels, ob 1848 oder auch 1968 und 1989 &#151; stets kam die neue Linke aus der Mitte, war sie, jedenfalls in ihren revolution\u00e4ren Vordenkern, ein zutiefst b\u00fcrgerliches Ph\u00e4nomen. Aus gutem Grund: Bekanntlich kommt die Moral, wenn sie denn \u00fcberhaupt entsteht, erst ab einem gewissen S\u00e4ttigungsgrad, der den Kopf frei macht f\u00fcr anderes als die Prim\u00e4rbed\u00fcrfnisse. Auch deshalb entstanden in den sp\u00e4ten 1970er Jahren in b\u00fcrgerlichen Kreisen die post-materialistischen Gr\u00fcnen gegen eine selbstgef\u00e4llig materialistische SPD. Schon die damaligen Gr\u00fcnen waren ein Kind der Krise der parteipolitische Linken und der Unsensibilit\u00e4t der Sozialdemokratie. Der einsetzende Wertewandel war damals wahrlich nicht bei der Schmidt-SPD zu Hause.<\/p>\n<p>Auch heute fehlt es der sozialdemokratischen Linken ersichtlich an Krisenbewusst-sein und an der Sehnsucht nach Visionen. Und auch ansonsten gibt es erstaunliche Parallelen: Schon damals waren die Gr\u00fcnen eingeklemmt zwischen Wachstumsfetischisten von links und rechts. Umgekehrt lag in den 1970er Jahren gerade in der Krise und im fundamentalen Zweifel an der westlichen Industriegesellschaft das eigentliche Potential der Neuen Linken, aus der die Gr\u00fcnen hervorgingen.<\/p>\n<p>Heute jedoch sind auch die Gr\u00fcnen ideell-programmatisch entkernt und zu blo\u00dfen Pragmatikern im Dienste der parlamentarischen Ges\u00e4\u00dfgeographie geworden. Durch die allgegenw\u00e4rtige demoskopische Ausdeutung angestachelt, interessieren sie sich prim\u00e4r f\u00fcr kommende Koalitionsalternativen. Die Gr\u00fcnen reduzieren sich auf diese Weise zum blo\u00dfen Z\u00fcnglein an der Waage kommender Mehrheitsspekulationen.<\/p>\n<p>Hier r\u00e4cht sich, dass die Gr\u00fcnen vom &#132;Realismus&#148; Joschka Fischers gleichsam fundamentalistisch auf blo\u00dfe Regierungstauglichkeit getrimmt wurden. &#132;Opposition ist Mist&#148; scheint heute auch die gr\u00fcne Devise zu lauten. Schlimmer noch: Die charismatische Ausstrahlung, die den Gr\u00fcnen urspr\u00fcnglich auch \u00fcber ihre Inhalte zugeschrieben wurde, verengte sich v\u00f6llig auf die Figur Fischer und ihre karrieristischen Br\u00fcche und H\u00e4utungen. Am Ende von Rot-Gr\u00fcn war Joschka Fischer die gr\u00fcne Partei, und die Gr\u00fcnen waren Joschka Fischer.<\/p>\n<p>Hinzu kam, dass Fischer es virtuos verstand, seinen &#132;Realismus&#148; auf Kosten der vorgeblich pubert\u00e4ren Partei zu inszenieren. Fischer inszenierte sich selbst als der &#132;Moses der Bewegung&#148; (Claus Christian Malzahn), der f\u00fcr diese das Wasser teilte. Das Charisma fokussierte sich so allein auf den gro\u00dfen F\u00fchrer, der folgerichtig nach seinem politischen Abgang die Fallh\u00f6he klarmachte: Nach ihm als letztem &#132;Live-Rock&#8217;n Roller der deutschen Politik&#148; k\u00e4me jetzt in allen Parteien die &#132;Playback-Generation&#148; &#151; also auch bei den Gr\u00fcnen. Aus dieser totalen Personalisierung resultierte eine inhaltliche Unsichtbarkeit der Partei, an der sie heute krankt.<\/p>\n<h5><span id=\"die-geistig-moralische-wende-von-links\">Die geistig-&shy;mo&shy;ra&shy;li&shy;sche Wende von links<\/span><\/h5>\n<p>Was heute dagegen not und den Gr\u00fcnen gut t\u00e4te, w\u00e4re eine geistigmoralische Wende von links: die Besinnung auf das Inhaltliche, weg von der Dominanz des Technokratisch-Strategischen. Gesucht wird die postmaterialistische Linke des neuen Jahrhunderts. Daf\u00fcr aber m\u00fcssen jene Inhalte wieder entdeckt werden, die in den vergangenen zwanzig Jahren auf der Strecke blieben, vor allem die Kapitalismus- und Konsumkritik.<\/p>\n<p>Diese Inhalte finden sich jedoch heute zu erheblichen Teilen wieder dort, wo sie einst herkamen: auf der Seite der konservativen Kulturkritik. Heute sind die Herren Di Fabio, Nolte und Miegel die entschiedensten Propagandisten eines Wertewandels &#151; allerdings nicht hin zu post-materialistischen Werten, sondern zur\u00fcck zu der guten alten Zeit, zu Familie, Leistung, Anstand und Sitte. Also zu exakt jener protestantischen Ethik, die die Linke oft leichtfertig als blo\u00dfe Sekund\u00e4rtugend verunglimpfte.<\/p>\n<p>Die Sache hat jedoch einen Haken: Auch Konservative wie Di Fabio, die das Arbeitsethos der 1950er Jahre propagieren, k\u00f6nnen nicht erkl\u00e4ren, wo die Arbeit in Zukunft \u00fcberhaupt herkommen soll. Offensichtlich kommt Marx erst heute, im globalisierten Turbokapitalismus, ganz zu seinem Recht. St\u00fcndlich w\u00e4chst in den westlichen Industriegesellschaften die industrielle Reservearmee &#151; eine &#132;Reserve&#148; jedoch, die niemand mehr einwechselt, da die billigeren, aber zunehmend hoch-qualifizierten Einwechselspieler im S\u00fcden leben. Mit schlichten Appellen an die Arbeitsmoral kommt der Westen hier nicht weiter.<\/p>\n<p>Heute stellt sich die Frage, wie die Arbeitsgesellschaft, der die klassische Erwerbsarbeit ausgeht, zuk\u00fcnftig weiter existieren kann. Denn Arbeit ist in den westlichen Industriegesellschaften weit mehr als blo\u00dfe materielle Existenzgrundlage des Einzelnen. Sie ist Sinnstiftung und prim\u00e4re Gl\u00fccks- und Anerkennungsressource. Kurzum: Diese Gesellschaft h\u00e4ngt am Fluss der Arbeit, doch die Quelle scheint mehr und mehr zu versiegen. Wie aber ist Integration, wie ist soziale Sicherheit zu leisten, wenn nicht mehr \u00fcber Arbeit? Die Zukunft der Industriegesellschaften h\u00e4ngt entscheidend an der Beantwortung dieser Frage.<\/p>\n<p>Wer die Antwort auf diese Frage geben kann, avanciert, so Meinhard Miegels \u00fcber-zeugende Prognose, zur Avantgarde nicht nur f\u00fcr das alte Europa, sondern bald auch f\u00fcr die immer gr\u00f6\u00dfer werdende industrialisierte Welt. Dies m\u00fcsste allerdings eine Avantgarde nicht der permanenten materialistischen Fortschrittsbegeisterung sein, sondern eher der Aufr\u00e4umarbeit an dem, was in gut zwei Jahrhunderten industrialistischer Zerst\u00f6rung angerichtet wurde. Heute w\u00e4re &#132;sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung&#148; im Sinne Schumpeters wohl eher in Richtung einer intellektuellen Reparatur des kapitalistisch Zerst\u00f6rten und der Pflege der vorindustriellen Traditionen zu denken.<\/p>\n<p>Genauer traf es Walter Benjamin mit seiner klassischen Uminterpretation des alt-linken Fortschrittsverst\u00e4ndnisses: &#132;Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Vielleicht ist dem ganz anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.&#148; Wer heute, da wir alle im ICE eines immer rasenderen Kapitalismus sitzen, in der Lage w\u00e4re, diese Notbremse nur zu erkennen, st\u00fcnde an der Spitze wirklichen Fortschritts. F\u00fcr eine neue Linke und insbesondere f\u00fcr die Gr\u00fcnen kommt es deshalb darauf an, den Abschied von der Industrie- und Arbeitsgesellschaft nicht durch stupide Aufrufe zum Konsumismus blo\u00df zu verl\u00e4ngern, sondern ihn post-materialistisch vorzudenken. In der Tradition der kritischen Theorie wird Zivilisations- und Industrialismuskritik mehr denn je zur geschichtlichen Notwendigkeit. Im Konservativen, im Bewahrenden l\u00e4ge, wie schon bei den b\u00fcrgerlichen Gr\u00fcnen der 1970er\/80er Jahre, das eigentliche Revolution\u00e4re.<\/p>\n<h5><span id=\"die-avantgarde-der-alten\">Die Avantgarde der Alten<\/span><\/h5>\n<p>Fr\u00fcher wollten die Gr\u00fcnen weder links noch rechts, sondern schlicht vorne sein. Vorne und damit gerade links, allerdings im Sinne post-materialistischen Fortschritts, w\u00e4re heute ein Nachdenken dar\u00fcber, wie ohne die Gl\u00fccksressource Arbeit gesellschaftlicher Zusammenhalt, gesellschaftliches Gl\u00fcck und die Bewahrung der nat\u00fcrlichen Umwelt m\u00f6glich sind. Doch offensichtlich wachsen in der Republik derartige Gedanken gegenw\u00e4rtig kaum nach. Anders als noch in den 1970er und 1980er Jahren fehlt den J\u00fcngeren die post-materialistische Emphase &#150; ungeachtet der ersichtlich immer dramatischeren globalen Zust\u00e4nde. Auch wenn kurzzeitig Attac modern zu werden schien: L\u00e4ngst hat sich der mediale Hype gelegt, wirken die Altermondialisten wieder eher im unscheinbar Verborgenen. Die gesellschaftliche Emp\u00f6rung \u00fcber globale Ungerechtigkeit und die Zerst\u00f6rung der Sch\u00f6pfung ist weitgehend verschwunden.<\/p>\n<p>Den Geist der Zeit, gerade der jungen Generation, bestimmen vielmehr zynische &#132;Vordenker&#148; wie Harald Schmidt. So erkl\u00e4rt sein treuer J\u00fcnger, der Popliterat und Trendsetter Benjamin von Stuckrad-Barre: &#132;Was mich betrifft, ist es wie mit der deutschen Musik: Ich habe weder eine Bewegung losgetreten, noch sehe ich mich an irgendeiner Spitze. Ich bin asozialer Alleink\u00e4mpfer wie alle anderen. F\u00fcr das, was hinterher kommt, ist man nicht verantwortlich.&#148;<\/p>\n<p>Wenn aber selbst der Jugend im immer fr\u00fcher einsetzenden Kampf um Anerkennung und Karriere zunehmend der moralische Rigorismus abhanden kommt, f\u00e4llt der Blick notwendigerweise auf die Alten. Und so k\u00f6nnte es sein, dass wir lernen m\u00fcssen, in der vielbeschworenen \u00dcberalterung der Gesellschaft die eigentliche Chance zur Ver\u00e4nderung zu sehen. Wo, wenn nicht im Alter und der mit ihm einher gehenden Verlangsamung und Vergeistigung f\u00e4nde die Wende zum Weniger, der Abschied vom Materiellen Widerhall?<\/p>\n<p>Obwohl die &#132;neuen Kreativen&#148; in Werbung und Marketing derzeit alle Anstalten unternehmen, um gerade die Alten als Konsumenten f\u00fcr die kapitalistische Wachstumsgesellschaft zu erobern, sind die Voraussetzungen f\u00fcr Renitenz und intellektuellen Widerstand gerade bei dieser Generation tats\u00e4chlich nicht schlecht. Bereits in den 1970er Jahre wanderte dieselbe Generation, die heute zu den Alten z\u00e4hlt und damals die neue Linke stellte, in gro\u00dfer Zahl geistig in den Osten, um nach dem Ende der revolution\u00e4ren Illusionen ihr Heil in der Kontemplation zu suchen. Vielleicht m\u00fcsste heute, da der gan-ze Osten, von China bis Indien, zur Verwestlichung aufbricht, der Westen seine Genesung in der Tat wieder st\u00e4rker jenseits seiner industrialistischen Traditionen suchen.<\/p>\n<p>In dieser Besinnung auf das Bewahrende, das in den gro\u00dfen Geistestraditionen des Westens und des Ostens angelegt ist, von der christlichen Mystik bis zur Weisheit des Buddhismus, k\u00f6nnte heute vielleicht am Ehesten ein neues revolution\u00e4res Potential stecken. Im entschiedenen Innehalten gegen die Raserei des Kapitalismus liegt jedenfalls weit mehr neu-linkes Ethos als in allen konsumistischen Wachstums- und Fortschrittsutopien altlinker Couleur.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2255],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11925","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-albrecht-lucke","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Jenseits der gr\u00fcnen Mitte - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/jenseits-der-gruenen-mitte\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Jenseits der gr\u00fcnen Mitte - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine geistig &#8211; moralische Wende von links aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3\/4\/2005), S.34-39 Die Linke in der Krise? 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