{"id":11929,"date":"2005-12-01T16:30:00","date_gmt":"2005-12-01T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/exklusion-ein-linker-inklusionsbegriff\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"exklusion-ein-linker-inklusionsbegriff","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/exklusion-ein-linker-inklusionsbegriff\/","title":{"rendered":"Exklusion \u0097 ein linker Inklusionsbegriff"},"content":{"rendered":"<p>Die Querverbindung von ausgeschlossenen R\u00e4ndern und prek\u00e4rer Mitte<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172  (Heft 3-4\/2005), S. 74-76<\/p>\n<p>So sehen am Beginn des Jahres 2006 die neuen Verh\u00e4ltnisse aus: Die Regierung hat sich gefunden, die Opposition noch nicht. Es ist klar, dass es nicht so kommen wird wie zu Zeiten der ersten Gro\u00dfen Koalition in der Bundesrepublik. Davon, dass im Untergrund sich etwas zusammenbraut, das auf den Funken einer Bewegung wartet, ist nichts zu sp\u00fcren. Gegen das B\u00fcndnis des Pragmatismus mit seiner Politik der kleinen Schritte formiert sich keine Geheimgesellschaft der Gro\u00dfen Weigerung. Man muss nicht mehr dagegen sein, um dabei sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Denn das Unbehagen scheint eine Adresse im System zu haben. Links nennt sich eine Partei, links sehen sich manche junge Kr\u00e4fte bei den Sozialdemokraten, als links versteht sich die Fraktions- und Parteif\u00fchrung der Gr\u00fcnen. Zusammengenommen ergibt das eine gef\u00fchlte Linke, die sich vorgenommen hat, nach dem Spuk der 1990er Jahre wieder die Wahrheit \u00fcber die Kapitalismus auszusprechen. Es ist das Prinzip der privaten Aneignung der gesellschaftlich geschaffenen Werte, das uns in den Abgrund des Klimawandels treibt, das zur Aussortierung einer Gruppe von \u00dcberfl\u00fcssigem f\u00fchrt, das den Krieg als eine M\u00f6glichkeit der Politik wieder denkbar macht. Marx soll helfen, unsere Zeit in Gedanken zu fassen, nachdem Friedman, Hayek und ihre neoliberale Entourage nach dem Platzen der Blase abgewirtschaftet haben. Man nimmt von links Anlauf, um auszusprechen, was alle merken: Dass wir in ein Zeitalter der Klassenmedizin gehen, dass sich die Kluft zwischen Staatsb\u00fcrgern mit und ohne Rechte vertieft, dass f\u00fcr wachsende Teile der Bev\u00f6lkerung sich ihre Existenz in einen t\u00e4glichen \u00dcberlebenskampf mit ungewissem Ausgang verwandelt. Man hat zwar keine gro\u00dfe Alternative anzubieten, aber Linkssein bedeutet immer noch, dass man die Wahrheit \u00fcber das Elend der Menschen zu Geh\u00f6r bringt.<\/p>\n<p>Das Gef\u00e4hrliche dieses hilflosen Antikapitalismus war in der Endphase des letzten Wahlkampfes zu studieren: Man mobilisiert die Ressentiments des Publikums durch die Unterscheidung zwischen einem volksnahem Sozialismus und einem volksfremden Kapitalismus. Gegen die Realabstraktion einer treulosen Finanzmacht wird als letzter St\u00fctzpunkt die Vorstellung eines Wesens aufgeboten, das homogen\u00a0 und mit sich selbst identisch ist. Oskar Lafontaines Ausfall gegen die mobile Arbeitskraft der Ausl\u00e4nder, die das gewachsene Sozialeigentum der Inl\u00e4nder bedrohen, hatte eine innere Notwendigkeit. Die Linke, die die Wahrheit \u00fcber den Kapitalismus ausspricht, macht sich zum Sammelbecken vagierender antikapitalistischer Gesinnungen, die das V\u00f6lkische mit dem Sozialen amalgieren. Wo die Flasche f\u00fcr &#132;Marx&#8216; Gespenster&#148; (Derrida 1995) ge\u00f6ffnet wird, sind Haider, Fini und Le Pen nicht weit. Das trotzige Beharren auf einer rechtm\u00e4\u00dfigen Substanz ruft unangenehme Verwandte auf den Plan.<\/p>\n<p>Aber stimmt diese Art von linker Sicht auf unsere gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse? Wie erkl\u00e4rt sich in diesem Denken die aufblitzende Unruhe in den franz\u00f6sischen Vorst\u00e4dten, die finstere Trostlosigkeit unter dem freigesetzten Proletariat der ostdeutschen Agrarindustrie, die brutale Apathie unter den ausbildungsm\u00fcden Jugendlichen aus den bildungsfernen Schichten in Duisburg, Cottbus oder Kaiserslautern? Die antikapitalistische Klage gegen Armut und Arbeitslosigkeit kann eine bestimmte Weltsicht best\u00e4tigen, aber sie trifft doch nicht die Probleme des sozialen Zusammenhaltes, mit denen wir heute zu tun haben. Es ist eben nicht nur die sich verbreiternde Schere zwischen Arm und Reich, die unser gesellschaftliches Zusammenleben bedroht, sondern das sich aus-breitende Gef\u00fchl, das wir keine bindende Klammer mehr haben, die die verschiedenen Teile unserer Gesellschaft in einen begreifbaren Zusammenhang bringt. Es herrscht vielmehr das Gef\u00fchl einer sozialen Ansteckungsgefahr: Wer sich im Mainstream glaubt, sucht Abstand zu denen, die zur\u00fcckgeblieben sind; wo man sich selbst gleich f\u00fchlt, meidet man den Kontakt zu den &#132;neuen gef\u00e4hrlichen Klassen&#148;; die Unterscheidung von Oben und Unten wird \u00fcberlagert von der von Drinnen und Drau\u00dfen.<\/p>\n<p>Eine Linke, die die Wahrheit \u00fcber den Zustand unserer Welt aussprechen will, muss sich um andere Begriffe bem\u00fchen, die die Probleme zum Ausdruck und dementsprechende Politiken in Gang setzen k\u00f6nnen. Einer dieser Begriffe ist der Begriff der sozialen Exklusion. Der ist in Gro\u00dfbritannien ein politischer Begriff, der sich auf verwehrte Staatsb\u00fcrgerrechte bezieht, genauso wie in Frankreich, wo die Exkludierten die Paria der republikanischen Nation bezeichnen (Silver 1993). In den Sozialkulturen dieser beiden europ\u00e4ischen Nachbarn ist damit gedacht, dass man durch die Erh\u00f6hung von Transfereinkommen oder durch die Absicherung von Statusrechten nicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt begr\u00fcndet (Gilben 2004). Es geht in beiden F\u00e4llen um eine gehaltvolle Re-Definition unserer Vorstellung von Teilhaberechten. Was braucht man, um ein w\u00fcrdiges Leben in unserer Gesellschaft f\u00fchren zu k\u00f6nnen? Welche Aufmerksamkeit haben diejenigen verdient, die den Mut verloren haben? Wie spricht man jene an, die den Glauben daran verloren haben, dass es auf sie noch ankommt?<\/p>\n<p>Eine linke Politik in Deutschland muss sich mit dem Begriff der sozialen Exklusion anfreunden, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, gegen eine zudeckende Rhetorik des kleinen Pragmatismus und der schrittweisen L\u00f6sung das Bewusstsein f\u00fcr die gro\u00dfen Probleme unserer Gesellschaft offen zu halten. Der Exklusionsbegriff stellt eine Verbindung zwischen der Mitte und dem Rand unserer Gesellschaft her (Leisering 2004). Drohende Unsicherheit ist l\u00e4ngst nicht mehr auf wohldefinierte Randgruppen beschr\u00e4nkt, sondern in die Mitte unserer Gesellschaft gesickert (Vogel 2004). Von der Erfahrung prek\u00e4ren Wohlstands k\u00f6nnen unregelm\u00e4\u00dfig und ungesicherte Besch\u00e4ftigte in den Wachstumssektoren der vielger\u00fchmten Wissensgesellschaft ein Lied singen. Im Bereich der Medien, der unternehmensbezogenen Dienstleistungen, unter \u00c4rzten, Rechtsanw\u00e4lten und Apothekern finden sich nicht wenige, die mit zwei Kindern und einer erheblichen Immobilienhypothek auf einem schmalen Grat balancieren. Die Teilhabe am wirtschaftlichen, sozialen und kulturelle Leben scheint zwar gesichert, aber durch ein unkalkulierbares Lebensereignis kann man durchaus ins Strudeln geraten. Auf welche R\u00fccklagen kann man dann zur\u00fcckgreifen? Wen kann man im Zweifelsfall in Anspruch nehmen? Welche Anrechte sind dann noch gesichert ?<\/p>\n<p>Exklusion ist ein Begriff, der das Ganze in den Blick bringt. Es geht um Gef\u00e4hrdungslagen und Verwundbarkeitszonen, die quer durch unsere Gesellschaft verlaufen (Bude 1998). Es gibt Armut trotz Besch\u00e4ftigung, Mutlosigkeit durch Abh\u00e4ngigkeit vom Sozialstaat und soziale Verwahrlosung aufgrund von kollektiver Indifferenz. Wer vom Kapitalismus spricht, kann \u00fcber diese Formen der stillen Entkoppelung (Castel 2005) nicht schweigen. Und wer etwas \u00e4ndern will, darf nicht nur mit sich selbst und seinen eigenen Gedanken solidarisch sein wollen. Codeartige Begriffe von Widerspruch und Konflikt dienen der Ontologisierung eines Allgemeinen, das immer schon so war, wie es sich gerade zeigt.<\/p>\n<p>Aber wenn es einen angemessenen Begriff von Linkssein gibt, dann ist es der, die Dinge so beim Namen zu nennen, dass noch etwas anderes m\u00f6glich ist als das, was ist. Man mu\u00df wissen, wo man Marx untreu werden mu\u00df, um ihm die Treue zu halten. Es reicht daf\u00fcr nicht, Emp\u00f6rung zu mobilisieren, man braucht die Begriffe, die eine g\u00fcltige Vorstellung der sozialen Probleme unserer Jetztzeit beinhalten. Es gibt auch von links kein Anrecht darauf, an der Wirklichkeit vorbei zu reden. Man muss die Bereitschaft, das Andere zu denken, mit der Einstellung, das Richtige zu sagen, in Verbindung bringen. Dann kann von links erreicht werden, dass eine Gro\u00dfe Koalition derer, die nur noch handhabbare Probleme kennen, sich nicht wie Mehltau \u00fcber unsere Gesellschaft legt.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p><i>Bude, Heinz <\/i>1998: Die \u00dcberfl\u00fcssigen als transversale Kategorie; in: <i>Peter A. <\/i>Berger\/Michael Vester (Hgg.), Alte Ungleichheiten &#8211; neue Spaltungen, Opladen, S. 363-382<br \/><i>Castel, Robert <\/i>2005: Die St\u00e4rkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat, Hamburg<br \/><i>Derrida, Jacques <\/i>1995 : Marx&#8216; Gespenster. Der verschuldete Staat, die Trauerarbeit und die neue Internationale, Frankfurt\/Main<br \/>Gilbert, Neil 2004: The Transformation of the Welfare State. The Silent Surrender of Public Responsibility, Oxford\/New York<br \/><i>Leisering, Lutz <\/i>2004: Die Desillusionierung des modernen Fortschrittsglaubens: &#132;Soziale Exklusion&#148; als gesellschaftliche Selbstbeschreibung und soziologisches Konzept; in: Thomas Schwinn (Hg.), Differenzierung und soziale Ungleichheit. Die zwei Soziologien und ihre Verkn\u00fcpfung, Frank-<br \/>furt\/Main, S. 238-268<br \/><i>Silver, Hilary <\/i>1993: National Conceptions of the New Urban Poverty: Social Structural Change in Brit-<br \/>ain, France and the United States; in: International Journal of Urban and Regional Research, 17 Jg., S. 336-354<br \/><i>Vogel, Berthold <\/i>2004: Der Nachmittag des Wohlfahrtsstaats. Zur politischen Ordnung gesellschaftlicher Ungleichheit; in: Mittelweg 36 Jg.;S.36-55<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2259],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11929","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-heinz-bude","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Exklusion \u0097 ein linker Inklusionsbegriff - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/exklusion-ein-linker-inklusionsbegriff\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Exklusion \u0097 ein linker Inklusionsbegriff - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Die Querverbindung von ausgeschlossenen R\u00e4ndern und prek\u00e4rer Mitte aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 (Heft 3-4\/2005), S. 74-76 So sehen am Beginn des Jahres 2006 die neuen Verh\u00e4ltnisse aus: Die Regierung hat sich gefunden, die Opposition noch nicht. 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