{"id":11930,"date":"2005-12-01T16:00:00","date_gmt":"2005-12-01T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/das-zukunftsprojekt-fuer-die-linke\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"das-zukunftsprojekt-fuer-die-linke","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/das-zukunftsprojekt-fuer-die-linke\/","title":{"rendered":"Das Zukunftsprojekt f\u00fcr die Linke"},"content":{"rendered":"<p>Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3\/4\/2005), S.77-85<\/p>\n<p><i>Wir haben gewonnen. Wom\u00f6glich haben wir auch gar nicht gewonnen.<br \/>Vielleicht haben die anderen blo\u00df verloren.<br \/>Oder vielleicht fangen unsere Schwierigkeiten jetzt erst an,<br \/>nachdem die Fesseln des ideologischen Konflikts abgestreift sind.<br \/>Lohn LeCarre<\/i><\/p>\n<p>Antonio Gramsci hat Recht gehabt: Alles hat ein Innen und ein Au\u00dfen. Die Macht der Herrschenden ist immer auch die Ohnmacht der Beherrschten. In der Moderne war es die politische Linke mit ihren Konzepten von Emanzipation, die soziale Reformen vor-angetrieben hat. Mit ihr ist die Idee des gesellschaftlichen Fortschritts verbunden, des-sen Fundament in den vergangenen Jahrzehnten der nationalstaatlich organisierte Sozialstaat, hohe Wachstumsraten und sozialer Korporatismus etwa in Gestalt der antagonistischen Kooperation war. Mit der Entfesselung der Globalisierung, der entgrenzenden Dynamik der Informations- und Kommunikationstechnologien und dem Aufkommen des Postliberalismus ist das Modell des Rheinischen Kapitalismus, das auf einem Klassenkompromiss beruhte, ins Rutschen geraten. Weltweit dominiert heute ein angloamerikanischer Individualkapitalismus, der mit seiner Wirtschafts- und Unternehmensverfassung die soziale Marktwirtschaft in die Defensive gebracht hat.<\/p>\n<p>Die politische Linke hat diese Entwicklung, die nicht nur ein Kampf um die Weltordnung ist, sondern auch tiefe Einschnitte im Inneren der Gesellschaften zur Folge hat, schon fr\u00fchzeitig beschrieben und beklagt, aber faktisch keine Konsequenzen daraus gezogen. Sie hat sich, beispielhaft an der Linkspartei zu sehen, im Protest ersch\u00f6pft und an die Stelle einer die Realit\u00e4t ver\u00e4ndernden Strategie auf eine nostalgische Beschw\u00f6rung der Vergangenheit beschr\u00e4nkt. So geh\u00f6rt es zu den Widerspr\u00fcchen unserer Zeit, dass die politische Linke gerade heute, wo die soziale Frage in aller Sch\u00e4rfe zur\u00fcckkehrt, in eine tiefe kulturelle Krise geraten ist. Das Gespenst der Zersplitterung ist real.<\/p>\n<p>Die politische Linke ist nur dann stark und auf der H\u00f6he der Zeit, wenn sie eine \u00fcberzeugende Deutung der Ursachen heutiger Konflikte und Krisen anbietet und die Frage beantwortet, wie heute &#8211; unter den Bedingungen weltweit offener M\u00e4rkte &#150; sozialer Fortschritt m\u00f6glich ist. Diese Herausforderung richtet sich zuerst an die politische Linke in der Sozialdemokratie. Das wird wiederum dar\u00fcber entscheiden, ob die SPD ei-ne Mehrheit der linken Mitte schaffen und eine Perspektive \u00fcber die gro\u00dfe Koalition hinaus entwickeln kann. Das erfordert zuerst eine umfassende Bestandsaufnahme.<\/p>\n<h5><span id=\"die-chancen-fuer-den-fortschritt-erkennen\">Die Chancen f&uuml;r den Fortschritt erkennen<\/span><\/h5>\n<p>Unsere Welt befindet sich in einer neuen Gr\u00fcnderzeit &#151; mit allen Risiken, die sich aus den marktradikalen Umbr\u00fcchen in die globale Epoche ergeben, aber auch mit den gro\u00dfen Chancen, die sich aus dem Zusammenwachsen, der kulturellen Vielfalt und den neuen technologischen M\u00f6glichkeiten ergeben. Mit der Globalisierung, den offensichtlich gewordenen Grenzen der nat\u00fcrlichen Ressourcen und der heraufziehenden Wissens\u00f6konomie steht die Menschheit an der zweiten gro\u00dfen Wegscheide seit der industriellen Revolution. An diesem Punkt der Geschichte liegen Fortschritt und R\u00fcckfall eng zusammen.<\/p>\n<p>Gewaltige Herausforderungen, aber auch gro\u00dfe M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine soziale und \u00f6kologische Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft sind die beiden Seiten dieser Gr\u00fcnderzeit. Es ist eine Zeit der Unsicherheit wie der Neuorientierung. Die Gefahren liegen zuerst in der Ausbreitung von Krisen und Gewalt. Sie wurden vielfach in d\u00fcsteren Farben beschrieben und finden fast t\u00e4glich neue Nahrung. Damit verdecken sie den Blick auf die andere Seite. Tats\u00e4chlich scheint unsere Zeit so sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt zu sein, dass sie nur noch die Probleme der Gegenwart sieht. Dagegen werden die M\u00f6glichkeiten der Zukunft kaum erkannt.<\/p>\n<p>Dabei gibt es viele Ansatzpunkte f\u00fcr neuen Fortschritt. Vorrangig ist es die Aufgabe der Linken, Programme und Ideen f\u00fcr eine soziale und \u00f6kologische Umgestaltung der globalisierten Welt aufzuzeigen, f\u00fcr eine friedliche und demokratische Weltordnung. Doch die Linke erscheint wie gel\u00e4hmt, als ob sie in der untergegangenen Welt der Nationalstaaten, in der sie mit der ldee der sozialen Demokratie gro\u00dfe Verdienste erreicht hat, stecken geblieben ist. Jedenfalls gibt es einen un\u00fcbersehbaren Widerspruch zwischen den Analysen und Beschreibungen der Globalisierung und der praktischen Politik. So konnte sich in den letzten beiden Jahrzehnten ein plumpes \u00f6konomisches Einheitsdenken durchsetzen, das nur die Privatisierung und \u00d6konomisierung der Welt gelten l\u00e4sst. Kurz: Die Linke hat die richtigen Wertvorstellungen und Ziele, denn die Idee der sozialen Demokratie ist wichtiger denn je, aber die Konzepte ihrer Umsetzung sind oftmals nicht auf der H\u00f6he der Zeit.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Idee der Nachhaltigkeit er\u00f6ffnet den Weg zu einem neuen Fortschritt. Doch statt sich seiner Gestaltung zu widmen, dominiert ein altes Denken, das in der Gegenwart l\u00e4hmt und die Zukunft blockiert. Von daher brauchen wir mehr Aufkl\u00e4rung in Politik und Gesellschaft und die Kraft zur sozialen Erneuerung, denn das bisherige Modell der sozialen Marktwirtschaft, das in unserem Land erfolgreich Besch\u00e4ftigung, Wohlstand und Fortschritt miteinander verkn\u00fcpft hat, ist ersch\u00f6pft. Die Konsequenz aus der Implosion der alten Ordnung kann nur hei\u00dfen, neue soziale und \u00f6kologische Konzepte der Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zu erproben und praxistauglich zu machen.<\/p>\n<p>Die Chancen sind da. Die knappen Faktoren der Zukunft werden n\u00e4mlich Innovationen, Wissen und Ideen sowie Umweltg\u00fcter, Energie und Rohstoffe sein und nicht &#151; wie in der Ideologie des<i> Shareholder Values <\/i>&#151; der Kanitalmarkt. In der Wissensgesellschaftwird politische Gestaltung wieder st\u00e4rker m\u00f6glich. So stehen wir zum Beispiel vor einer Effizienzrevolution bei der Nutzung von Rohstoffen &#151; und erm\u00f6glichen damit eine Verlagerung der Produktivit\u00e4tssteigerung vom Faktor Arbeit auf den Faktor Material. Dadurch lassen sich mehr Wohlstand, Besch\u00e4ftigung und Umweltschutz verwirklichen &#151; national, europ\u00e4isch und global. Gesellschaften und Volkswirtschaften, die auf den Feldern Wissens\u00f6konomie und Ressourcenwirtschaft eine Vorreiterrolle einnehmen, werden k\u00fcnftig eine f\u00fchrende und gestaltende Rolle haben.<\/p>\n<p>Das erfordert politische Reformen, die von der Linken ausgehen und begr\u00fcndet wer-den m\u00fcssen. Denn das dominierende Modell des quantitativen Wachstums kann nur um den Preis \u00f6kologischer Katastrophen durchgehalten werden und es spaltet die Gesellschaften. Die Internationalisierung produziert Instabilit\u00e4t und Krisen, soziale Ausgrenzung nimmt zu, ein ungez\u00fcgelter Markt vernichtet unersetzliche Lebensgrundlagen, die Staatsb\u00fcrgergesellschaft ist nicht immun gegen Nationalismus und Fundamentalismus. Neue Formen von Gewalt und Terror drohen zum Kainsmal der zusammenwachsenden Welt zu werden. Deshalb muss die Linke die zentrale Frage beantworten: Wie kann in einer Welt, deren Entwicklung von einem entfesselten Markt gesteuert wird, wirtschaftliche Leistungskraft, soziale Demokratie und \u00f6kologische Vertr\u00e4glichkeit miteinander verbunden werden? Kurz: Wie ist heute Fortschritt m\u00f6glich?<\/p>\n<h5><span id=\"eine-linke-ortsbestimmung\">Eine linke Ortsbe&shy;stim&shy;mung<\/span><\/h5>\n<p>Tats\u00e4chlich befinden wir uns in einem schwierigen Suchprozess. Es geht darum, wie die Globalisierung den Versprechungen der Moderne gerecht werden kann. Denn mit dem epochalen Wandel von der sozialstaatlichen Regulierung in einen postliberalen, marktabh\u00e4ngigen Kapitalismus ist der alte Sozialvertrag ersch\u00f6pft, der den westlichen Industriegesellschaften in den letzten f\u00fcnfzig Jahren Stabilit\u00e4t und Sicherheit, Zusammenhalt und Wohlstand gebracht hat. Mit der Globalisierung ist der alte Wirkungszusammenhang zwischen Nationalstaat, Wachstum und Arbeitsgesellschaft zerbrochen. Mehr noch: Das bisherige Modell ist nicht nur aus \u00f6kologischen Gr\u00fcnden, wegen der \u00dcberlastung der Stoffkreisl\u00e4ufe, untauglich. Schon das ist ein gravierender Einschnitt, denn seit der industriellen Revolution ist die Entfaltung der Produktivkr\u00e4fte Wirtschaft und Technik, die mit einem steigenderi Einsatz von Energie und Rohstoffen verbunden ist, eine entscheidende Grundlage f\u00fcr die Befreiung aus wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Abh\u00e4ngigkeiten. Dies war mit einer gewaltigen Auspl\u00fcnderung des Naturkapitals verbunden, die heute, wo schon bald vier bis f\u00fcnf Milliarden Menschen unter industriellen Bedingungen leben werden, selbstzerst\u00f6rerisch wird. Die Basis f\u00fcr die Entfaltung der Massenproduktion war die intensive Nutzung von Energie und Rohstoffen.<\/p>\n<p>Mit der Globalisierung verschmilzt die Welt zu einem einzigen Markt, ohne dass die zu seiner Domestizierung erforderlichen politischen, sozialen und \u00f6kologischen Regeln und Institutionen zur Verf\u00fcgung stehen. Gleichzeitig ger\u00e4t die traditionelle industrielle Massenproduktion unter den Druck einer globalen, aber h\u00f6chst ungleichen Konkurrenz. Die These von David Ricardo von den wechselseitigen Wohlstandsgewinn des Freihandels mag theoretisch richtig sein, die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. Ohne eine entsprechende Regulierung der M\u00e4rkte f\u00fchren die Konzentration wirtschaftlicher Macht und die Ungleichheit der Konkurrenz in eine sich beschleunigende Spirale von Sozial- und Umweltdumping. Dadurch werden scheinbar gesicherte Kategorien, gefestigte Erwartungen und bew\u00e4hrte Institutionen erneut mit derselben R\u00fccksichtslosigkeit weggesp\u00fclt, wie das mit den &#132;Ewigkeiten&#148; vergangener Epochen geschehen ist.<\/p>\n<p>\u00dcberall werden die sozialen und \u00f6kologischen Grenzen des Wachstums deutlich. Was in den Anfangsjahren des Club of Rome noch als akademische Debatte abgetan wurde, zumindest &#151; wie die These der Forschungsgruppe von Dennis Meadows aus dem Jahr 1972 \u00fcber die Grenzen des Wachstums durch Bev\u00f6lkerungswachstum und Ressourcenverbrauch &#151; umstritten war, ist nicht mehr zu leugnen. Der alte Fortschritt, organisiert \u00fcber hohes und stabiles Wachstum, ist vorbei. Soziale Ungleichheiten versch\u00e4rfen sich, der Verteilungskampf spitzt sich zu, \u00f6kologische Gefahren sind un\u00fcbersehbar. Obwohl die Herausforderungen gr\u00f6\u00dfer geworden sind und von daher mehr politische Gestaltung erfordern, verliert die Politik an Zustimmung und Kraft. Mit dem Ende der zweigeteilten Welt setzte sich n\u00e4mlich eine postliberale Ideologie durch. Es kam zur Delegitimierung der Gerechtigkeitspolitik, die im 20. Jahrhundert in der ldee des Sozialstaates konkretisiert worden war.<\/p>\n<p>Es gibt keinen evolution\u00e4ren Selbstlauf f\u00fcr eine Fortentwicklung der Zivilisation. Fortschritt muss immer neu erk\u00e4mpft werden. Die Janusk\u00f6pfigkeit der Moderne best\u00e4tigt das pessimistische Diktum von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die eine Besinnung auf die destruktive Seite des Fortschritts gefordert haben. Tats\u00e4chlich hat die Menschheit am Beginn der globalen Epoche nicht nur einzigartigen Reichtum und gewaltiges Wissen angeh\u00e4uft, sie ist auch mit neuen Risiken und Gefahren konfrontiert, die Gewalt produzieren und sogar die \u00f6kologische Selbstzerst\u00f6rung denkbar machen. Die sozialen Ungleichheiten und gesellschaftlichen Ungleichzeitigkeiten l\u00f6sen Gegenreaktionen aus, die destruktiv sind, Gewalt ausl\u00f6sen und unkontrollierbar werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Je mehr die Entwicklung der Gesellschaften von der Unordnung auf den Finanz-m\u00e4rkten, der Konzentration \u00f6konomischer Macht, technologischer Arbeitslosigkeit und einem post-liberalen Individualkapitalismus gepr\u00e4gt wird, desto weniger scheint es noch einen gangbaren Pfad der Modernisierung zu geben. In dieser Zeit der Unsicherheit und Ungewissheit gibt es keine fertigen Regeln, ein Verzicht auf gestaltende Politik w\u00e4re unverantwortlich. Umbr\u00fcche und &#132;System\u00fcberg\u00e4nge&#148; brauchen neue politische Konzepte, die sich an sozialen Werten und demokratischen Normen orientieren. Ein allgemein akzeptiertes Vorgehen, das die Erwartungen an ein gutes Leben f\u00fcr alle erf\u00fcllt, existiert nicht.<\/p>\n<h5><span id=\"gegen-das-oekonomische-einheitsdenken\">Gegen das &ouml;konomische Einheits&shy;denken<\/span><\/h5>\n<p>Wir leben jedoch nicht nur in einer Welt voller Unruhe, sondern auch der Ignoranz und Genusssucht. Das erschwert, Reformnotwendigkeiten zu begreifen und solidarisch anzugehen. Das Ende des Kalten Krieges wurde im &#132;siegreichen Westen&#148; zu einer Zeit der \u00dcberheblichkeit, begleitet vom Triumphzug der Global Players in Wirtschaft, Finanzen, Dienstleistungen und Medien. Statt auf die wirtschaftlichen Herausforderungen mit einer Modernisierung der Politik zu antworten, legte sich wie Mehltau ein \u00f6konomisches Einheitsdenken \u00fcber die politische und \u00f6ffentliche Debatte.<\/p>\n<p>Dieses pensee unique, das Einheitsdenken (Le Monde) will keine Alternativen gelten lassen. Es erhebt einen universellen Anspruch und ist doch nur Ausdruck der alleinigen Interessen des Finanzkapitals, das seit Mitte der 1970er Jahre zum Motor der Globalisierung wurde. W\u00e4hrend bis dahin die Wirtschaftstheorie, beeinflusst durch John Maynard Keynes, die &#132;Gesellschaftskonformit\u00e4t&#148; \u00f6konomischer Entscheidungen durchaus beachtet hat, z\u00e4hlt in der post-liberalen Ideologie nur noch die &#132;Marktkonformit\u00e4t&#148;. Der strategische Hebel ist nicht die Modernisierung von Gesellschaft, Staat und Demokratie, sondern die Radikalisierung des Marktprozesses und damit Privatisierung, Flexibilisierung, Vorrang der Finanzm\u00e4rkte, K\u00fcrzung der Sozialleistungen sowie R\u00fcckzug des Staates. Die Behauptung, hierin liege die Voraussetzung f\u00fcr mehr Wohlstand und Besch\u00e4ftigung, hat sich nicht bewahrheitet.<\/p>\n<p>Die Internationale des Kapitals setzte dieses Einheitsdenken durch, auch in den Institutionen der \u00fcbernationalen und globalen Wirtschaft wie IWF, Weltbank, WTO oder OECD, die sich als T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr die Privatisierung der Welt bet\u00e4tigen. Dieses Dogma, das bereits in den Arbeiten von Friedrich von Hayek, Richard Weaver oder Milton Friedman Mitte der 1940er Jahre aufgetaucht war, lange Zeit jedoch nur eine extreme Minderheitsmeinung blieb, bekam in den letzten zwanzig Jahren starken Auftrieb, zu-mal die Regulierungsformen der Nachkriegszeit in die Krise gerieten. So wurde die Idee der sozialen Demokratie von zwei Seiten in die Zange genommen: Zum einen hebelte die globale Entgrenzung von Zeit und Raum den Sozialstaat aus, der an den Nationalstaat gebunden war. Das wurde nach 1975 noch versch\u00e4rft durch den Zerfall der alten Weltwirtschaftsordnung, deren Grundlagen 1944 in Bretton Woods geschaffen worden waren. Zum anderen diktiert seit dieser Zeit die Wall Street weltweit eine Wirtschafts- und Unternehmensverfassung, die sich unter dem Druck der Kapitalm\u00e4rkte am Ziel kurzfristiger Renditen orientiert. Daf\u00fcr nutzt sie die mit der Globalisierung verbundenen Zw\u00e4nge zur Kompatibilit\u00e4t von wirtschaftlichen Institutionen, Entscheidungen und Prozessen &#151; zu Lasten von Innovationen, Besch\u00e4ftigung, Umwelt und Sozialordnungen.<\/p>\n<p>Das Finanzkapital dominiert \u00fcber die Politik. Die soziale Demokratie wurde geschw\u00e4cht und damit die (west-)europ\u00e4ische Idee von Gesellschaft, die lange Zeit erfolgreich Zusammenhalt, Vielfalt und Freiheit garantiert hat. Der Rheinische Kapitalismus wurde demontiert, der seit den f\u00fcnfziger Jahren in Westdeutschland den Interessenaus-gleich zwischen Kapital und Arbeit m\u00f6glich gemacht hatte. Solange es kein europ\u00e4isches Gegenmodell zum angels\u00e4chsischen Kapitalismus gibt, das stark genug ist, sich gegen diese \u00f6konomischen Zw\u00e4nge zu behaupten, steht gerade der Exportweltmeister Deutschland mit seinen vielf\u00e4ltigen au\u00dfenwirtschaftlichen Beziehungen unter einem hohen Anpassungsdruck an Globalisierung und Postliberalismus.<\/p>\n<p>Die Weltwirtschaft orientiert sich an den Vorgaben der Wall Street, die mit dem so genannten Washington-Konsens den Gesellschaften Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung aufzwingt. \u00d6ffentliche G\u00fcter wie Umwelt, Bildung oder soziale Sicherung, die im Interesse des Allgemeinwohls stehen, werden privatisiert. Kurzfristige Gewinne und spekulative Erwartungen pr\u00e4gen wirtschaftliches Handeln. Dadurch bildet sich eine Arbitrage-\u00d6konomie heraus, wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten spielen sich verst\u00e4rkt auf der Zirkulationssph\u00e4re ab. Dort werden Preis- und Zinsdifferenzen, die Bewegungen von Aktien- und Wechselkursen in Raum und Zeit sowie die Unterschiede in der Sozial-und Umweltgesetzgebung f\u00fcr schnelle Gewinne ausgenutzt. Das Regime des globalen Kapitalismus orientiert sich in allen Bereichen am schnellen Kosten-Nutzen-Kalk\u00fcl. Weltweit breiten sich neue und alte Formen von Gewalt aus &#151; nicht nur Terror und Krieg als Folge struktureller Gewalt durch soziale Ungleichheiten, kulturelle Identit\u00e4tskrisen und wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeiten, sondern auch die vom Menschen verursachte Klima\u00e4nderung, W\u00fcstenbildung oder Wasserknappheit.<\/p>\n<p>In der globalen Welt wird eine Dezivilisierung denkbar. Die soziale B\u00e4ndigung von Gewalt wird zur zentralen Aufgabe der Politik. Tats\u00e4chlich findet n\u00e4mlich auf den Weltm\u00e4rkten ein unerkl\u00e4rter Wirtschaftskrieg statt, der auf alle Unternehmen und Volkswirtschaften zur\u00fcckwirkt. Die globale Durchsetzung einer Wirtschaftsordnung, die vornehmlich den Interessen eines Landes dient, ist ein strategisches Instrument, um Wettbewerbsvorteile zu sichern und zu erzielen. In dieser Hardware funktioniert die Software der sozialstaatlichen Demokratie nicht. Das neue Betriebssystem ist das Regime der flexiblen Anpassung. In dieser &#132;Kultur des Kapitalismus&#148; (Richard Sennett) verschwinden die gemeinschaftlichen Voraussetzungen f\u00fcr Freiheit und Wohlfahrt: die res publica, die in den letzten Jahrzehnten mit Hilfe des Nationalstaates f\u00fcr mehr Gerechtigkeit in der Verteilung der Lebenschancen gesorgt hat &#151; der \u00f6ffentliche Raum, der Staat, das Allgemeinwohl, die sozialen und zivilen B\u00fcrgerrechte.<\/p>\n<p>Benjamin Barber verglich diese Form der Globalisierung mit einer gigantischen Affenfalle. Diese ist eine geschlossene Kiste, in der eine Kokosnuss liegt. Im Deckel ist ein Loch. Der Affe will die Kokosnuss herausholen, aber er schafft es nicht, denn das Loch ist nicht gro\u00df genug. Die Falle funktioniert perfekt. Denn der Affe zieht den Arm nicht zur\u00fcck, sondern h\u00e4lt in seiner Gier die Nuss solange fest, bis er entweder gefangen oder verhungert ist. Er kann sich dem Reiz der Frucht nicht entziehen. Die Kommerzialisierung der Welt braucht keine Handschellen, sie vermittelt die Illusion von Freiheit und Wohlstand und doch bringt sie Ungleichheit und Spaltung. Diese Illusion ist so stark, dass kaum einer davon lassen will.<\/p>\n<h5><span id=\"die-grosse-idee-der-nachhaltigkeit-151-leitidee-des-linken-projekts\">Die gro&szlig;e Idee der Nachhal&shy;tig&shy;keit &#151; Leitidee des linken Projekts<\/span><\/h5>\n<p>Zur\u00fcck zur Gretchenfrage: Wie ist heute Fortschritt m\u00f6glich? Die Antwort muss \u00fcber-zeugend und mehrheitsf\u00e4hig sein, die Gesellschaften zusammenhalten und wirtschaftliche Leistungskraft, soziale Gerechtigkeit und \u00f6kologische Vertr\u00e4glichkeit miteinander verbinden. Das kann die gro\u00dfe Idee der Nachhaltigkeit erf\u00fcllen, mit ihr wird ein neuer Zukunftsvertrag m\u00f6glich. An dieser Wegscheide baut sich auch die Wissens\u00f6konomie auf. Sie er\u00f6ffnet gro\u00dfe Chancen, zumal wenn sie mit der \u00f6kologischen Modernisierung verbunden wird. K\u00fcnftig wird nicht mehr das Kapital der Knappheitsfaktor sein, sondern Innovationen und menschliche Ressourcen. Mit der systematischen Einbeziehung und Vernetzung von Wissenschaft und Bildung in Produktion und Dienstleistungen werden neue Formen der Gestaltung m\u00f6glich. Damit ist die Aufwertung des Menschen, seiner Arbeitskraft und seiner F\u00e4higkeiten verbunden. Das macht ein in der Richtung ver\u00e4ndertes Fortschreiten m\u00f6glich. Allerdings sind weder Politik noch Zivilgesellschaft, weder Wirtschaft oder Wissenschaft noch Medien und auch nicht die Linke auf diese Chancen wirklich vorbereitet.<\/p>\n<p>Die Globalisierung ist kein Schicksal, der Markt keine Naturgewalt. In diesem Sinne erfordert die &#132;Globalisierung von Gefahren durch Krieg, Chaos und Gewalt [&#8230;] eine Art ,Weltinnenpolitik`, die \u00fcber den Horizont von Kircht\u00fcrmen, aber auch \u00fcber die nationale Politik weit hinausreicht&#148;, so Willy Brandt bei der Vorstellung des Nord-S\u00fcd-Reports der Vereinten Nationen 1979. Diese Global Governance muss politisch implementierbar, demokratisch \u00fcberzeugend und \u00f6konomisch stark sein. Dagegen besteht die M\u00f6glichkeit nicht, die Weltwirtschaft in die nationalstaatliche Kiste zur\u00fcckzustecken. Ihre Gestaltung braucht eine moderne Programmatik, die sowohl die \u00f6konomische, soziale und \u00f6kologische Modernisierung vorantreibt, als auch eine multilaterale Ordnung aufbaut. Ein zentrales Instrument ist die &#132;Regionalisierung&#148; der Globalisierung, um zu mehr Vielfalt und einem produktiven Wettbewerb zu kommen. Entscheidend daf\u00fcr ist die Kenntnis der Ursachen, Triebkr\u00e4fte und Interessen, die f\u00fcr die &#132;Vereinheitlichung des Weltsystems und ihrer Zusammenh\u00e4nge mit der dritten industriellen Revolution&#148; ausschlaggebend sind.<\/p>\n<p>Unsere Zeit braucht die geistige Anstrengung, um die Dynamik der Evolution herrschaftsfrei zu erfassen und sie f\u00fcr eine moderne Wirtschaft und Gesellschaft zu nutzen. Sie ist immer dann in der Geschichte unserer Zivilisation angesagt, wenn eine neue Stufe in der Organisation von Wirtschaft erreicht wird. An diesem Punkt sind heute wir an-gelangt, um uns der ldee der Nachhaltigkeit umfassend zu \u00f6ffnen. Das gr\u00f6\u00dfte Hindernis auf dem Wege zu einer grundlegenden Erneuerung im Denken und Handeln ist der Vormarsch des alten und neuen Konservativismus, der das Gegebene einfach hinnimmt. Er verehrt die Kraft des Faktischen und beargw\u00f6hnt soziale Utopien. Fortschritt hei\u00dft bei ihm Anpassung an die technisch-\u00f6konomischen Zw\u00e4nge, Reform der Abbau sozialer und demokratischer Rechte. Dieses anti-evolution\u00e4re Denken schw\u00e4cht die Demokratie, aber es entfaltet seine Wirkung, solange keine \u00fcberzeugende Alternative aufgezeigt wird. Umso mehr wird die kritische Reflexion der entfesselten Globalisierung zu einer Aufgabe der demokratischen Kultur.<\/p>\n<p>Die Chancen f\u00fcr einen neuen Fortschritt sind da. Wir leben in einer Zeit einzigartiger M\u00f6glichkeiten, wenn wir die Dynamik der Evolution begreifen und f\u00fcr die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nutzen. Die Welt neu einzurichten, setzt eine Theorie und Praxis voraus, die das \u00f6konomische Einheitsdenken \u00fcberwindet und soziale Gestaltungsr\u00e4ume erkennt und \u00f6ffnet. Das verlangt sowohl ein individuelles Umdenken als auch eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung, um die anhaltende Party auf Kosten der Natur, der Dritten Welt und k\u00fcnftiger Generationen zu beenden und eine zukunftsf\u00e4hige Ordnung aufzubauen. Die Voraussetzung daf\u00fcr ist der Dreiklang aus Erkennen, Abl\u00f6sen und Neuanfang. Er f\u00fchrt erst zu einem ver\u00e4nderten kollektiven Verhalten.<\/p>\n<p>Erkennen: Die enge Verbindung von Wachstum, Erwerbsarbeit und Sozialstaat, die in den letzten Jahrzehnten die westdeutsche Gesellschaft gepr\u00e4gt hat, ist zerbrochen und l\u00e4sst sich in der bisherigen Form auch nicht wieder herstellen. Sie ist n\u00e4mlich an die Handlungsf\u00e4higkeit des Nationalstaats, an ein hohes Wachstum und an einen breiten sozialen Korporatismus gebunden, die es so nicht mehr geben wird.<\/p>\n<p>Abl\u00f6sen: Weder die alte Ordnung noch die post-liberale Wirtschafts- und Unternehmensverfassung, die den Ausgleich der sozialen Interessen zwischen Kapital und Arbeit als sch\u00e4dlich f\u00fcr Wachstum und Wettbewerb ansieht, kann die Frage nach einem neuen Fortschritt beantworten. Notwendig ist ein neuer Weg der gesellschaftlichen Modernisierung, der auch in der Globalisierung m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Neuanfang: Leitidee f\u00fcr einen neuen Fortschritt ist die nachhaltige Entwicklung. Sie verbindet wirtschaftliche Leistungskraft mit sozialer Gerechtigkeit und \u00f6kologischer Vertr\u00e4glichkeit und f\u00f6rdert mehr Partizipation und Demokratie. Durch gemeinsame Regeln und Prinzipien, die dennoch den Spielraum f\u00fcr unterschiedliches Handeln lassen, nutzen sie die Chancen der zusammenwachsenden Welt f\u00fcr mehr Demokratie, Zusammenarbeit und ein gutes Leben f\u00fcr alle.<\/p>\n<h5><span id=\"auf-dem-weg-zur-weltinnenpolitik\">Auf dem Weg zur Weltin&shy;nen&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Die &#132;Weltinnenpolitik&#148; (Carl-Friedrich von Weizs\u00e4cker) im Sinne der Nachhaltigkeit er\u00f6ffnet mehr Freiheit, Vielfalt und Zusammenarbeit. Ihre Prinzipien sind soziale Solidarit\u00e4t, der Schutz der nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen, die Bewahrung nationaler und regionaler Eigenheiten sowie die produktive Nutzung von Vielfalt und Wettbewerb. Eine solidarische Welt hat viele Gesichter, das europ\u00e4ische Gesicht genauso wie das asiatische, afrikanische, arabische oder lateinamerikanische Gesicht, aber jedes davon muss sich seiner globalen Verantwortung bewusst sein. Starke und selbstbewusste Weltregionen bilden auch in der globalen Dimension checks and balances heraus. Mit ihr k\u00f6nnen sich vielf\u00e4ltige und attraktive Modelle bilden, die positiv miteinander konkurrieren. Das ist der Kern der Nachhaltigkeitsidee, die einen qualitativ neuen Umgang mit Zeit und Raum m\u00f6glich macht. Nachhaltigkeit baut vor allem auf den europ\u00e4ischen Reformideen auf, die noch unter den Bedingungen der zweigeteilten Welt entstanden und auch deshalb auf Verst\u00e4ndigung, Zusammenarbeit und soziale Legitimation ausgerichtet worden sind.<\/p>\n<p>Vieles spricht daf\u00fcr, dass die Konfliktlinie der n\u00e4chsten Jahre zwischen der (kontinental-)europ\u00e4ischen Idee der sozialen Demokratie und dem (post-)liberalen Kapitalismus anglo-amerikanischer Pr\u00e4gung verlaufen wird. Diese Auseinandersetzung kann Europa bestehen, wenn es zu einer Fortentwicklung des Modells der sozialen Demokratie knmmt das in den vernanuenen Jahrzehnten erfolgreich den \u00f6ffentlichen und nrivaten Bereich, Markt und Planung, Staat und Unternehmen miteinander verbunden hat &#151; pragmatisch je nach Erfahrungen, Gegebenheiten und Problemlagen. Es muss heute gem\u00e4\u00df den Zielen und Inhalten der Nachhaltigkeit internationalisiert werden.<\/p>\n<p>Die Verwirklichung der Nachhaltigkeit ist die wichtigste Reformagenda f\u00fcr das 21. Jahrhundert. Sie erf\u00fcllt das Grundanliegen eines europ\u00e4ischen Weges, der seit Anfang der 1990er Jahre diskutiert wird: Die Verwirklichung von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t f\u00fcr die heutigen wie f\u00fcr die k\u00fcnftigen Gesellschaften. Dieser Gestaltungsansatz einer neuen und dauerhaften Balance grenzt sich von der marxistisch begr\u00fcndeten Verschlechterungsthese ebenso ab wie von den substanzlosen postliberalen Verbesserungsversprechen. Nachhaltigkeit er\u00f6ffnet Europa die Chance, die Idee der sozialen Demokratie zu bewahren und auch in der Globalisierung zu verwirklichen. Deshalb w\u00e4re es f\u00fcr den amerikanischen Philosophen Richard Rorty eine Katastrophe, &#132;wenn Europa sich nicht gegen ein konservatives Washington behaupten k\u00f6nnte&#148;. Die Linke muss den Kampf um die K\u00f6pfe aufnehmen.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2008],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11930","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-mueller","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Das Zukunftsprojekt f\u00fcr die Linke - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/das-zukunftsprojekt-fuer-die-linke\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Das Zukunftsprojekt f\u00fcr die Linke - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Nachhaltigkeit als Impulsgeber und Leitidee aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3\/4\/2005), S.77-85 Wir haben gewonnen. 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