{"id":11933,"date":"2005-12-01T14:50:00","date_gmt":"2005-12-01T13:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/gewerkschaften-auf-der-suche-nach-stabilitaet\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"gewerkschaften-auf-der-suche-nach-stabilitaet","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/gewerkschaften-auf-der-suche-nach-stabilitaet\/","title":{"rendered":"Gewerkschaften auf der Suche nach Stabilit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Eine Bestandsaufnahme<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172  (Heft 3-4\/2005), S.116-127<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften stecken in den meisten L\u00e4ndern in tiefen Schwierigkeiten. Das trifft auch auf die deutschen Gewerkschaften zu, obwohl sie sich im internationalen Vergleich bislang wacker geschlagen haben und besser als viele ihrer Schwesterorganisationen in der Lage waren, sich zu behaupten. Knapp zehn Millionen Menschen sind insgesamt in den deutschen Gewerkschaften organisiert. Allerdings sind dies nur noch etwa 25 Prozent der erwerbst\u00e4tigen Arbeitnehmer und immer mehr wirtschaftlich relevante Bereiche sind gewerkschaftsfrei. Vor allem die j\u00fcngere Generation steht den Gewerkschaften skeptisch gegen\u00fcber. Haben die Gewerkschaften ihren Zenit \u00fcberschritten? Sind sie zu einer \u00fcberfl\u00fcssigen Organisationsform geworden, deren Anliegen mittlerweile gesellschaftlicher Konsens sind, so dass es keiner eigenst\u00e4ndigen organisatorischen Kraft mehr bedarf, die diese Ziele verfolgt? Oder ist es nicht vielleicht so, dass man die Gewerkschaften, wenn es sie nicht g\u00e4be, jetzt erfinden m\u00fcsste, um plausible Antworten auf zunehmende soziale Unsicherheit, alte und neue Formen der sozialen Ungleichheit und ver\u00e4nderte berufliche Anforderungen geben zu k\u00f6nnen? In diesem Beitrag geht es darum, die Herausforderungen f\u00fcr den Wandel des deutschen Gewerkschaftsmodells zu erfassen. Welche Rolle spielen die Gewerkschaften im deutschen Modell, was sind f\u00fcr sie die zentralen Herausforderungen und welche Reaktionen auf den Transformationsprozesssmd wahrscheinlich?<\/p>\n<h5><span id=\"der-umbau-der-gewerkschaftslandschaft\">Der Umbau der Gewerk&shy;schafts&shy;land&shy;schaft<\/span><\/h5>\n<p>Die Gewerkschaften der Bundesrepublik haben ihre Wurzeln im Kaiserreich. Sicherlich, 1945 wurde das Modell der politischen Richtungsgewerkschaften durch das Modell der parteipolitisch unabh\u00e4ngigen Einheitsgewerkschaft abgel\u00f6st. Das war ein deutlicher Bruch. Zwischen den DGB-Gewerkschaften bestehen gewisse Differenzen im Tarif-und Politikstil, die sich auch auf differierende Verbandsidentit\u00e4ten r\u00fcckf\u00fchren lassen.Exemplarisch wird dabei immer wieder aud die Differenzen zwischen der IG Metall und der IG Bergbau, Chemie, Energie verwiesen. Die in den Einzelgewerkschaften entwickelten Verbandskulturen sind von den Branchenstrukturen, den gro\u00dfen Betriebsr\u00e4ten, den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse zwischen den Str\u00f6mungen, den gro\u00dfen Streiks und den Arbeitgebern gepr\u00e4gt, und sie sind nicht statisch. In den 1990er Jahren begann sich die deutsche Gewerkschaftslandschaft deutlich zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Reaktionen auf den wirtschaftlichen und sozialen Wandel sowie die damit einhergehenden gewerkschaftlichen Finanzprobleme liegen in den Prozessen der organisationspolitischen Konzentration: W\u00e4hrend bis in die 1980er Jahre noch siebzehn Einzelgewerkschaften unter dem Dach des DGB vertreten waren, sind dies seit 2002 nur noch acht. So entstand seit den 1990er Jahren eine neue Gewerkschaftslandschaft, die einen deutlichen Bruch mit der gewerkschaftlichen Nachkriegsordnung bedeutet. Instrumente der neuen Politik sind Kooperationen, Fusionen, Integrationen und Neubildungen. Die gro\u00dfen Industriegewerkschaften IG Metall (Textil und Holz\/Kunststoff) und die IG Chemie (Leder\/Bergbau) haben traditionsreiche, aber mit-gliederschwache Organisationen aus erodierenden Industriebranchen aufgenommen. Dagegen kam es mit der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di) zu einer Neugr\u00fcndung aus f\u00fcnf bisher eigenst\u00e4ndigen Gewerkschaften (\u00d6TV, Post, DAG, HBV und IG Medien). Ob die jetzt gew\u00e4hlte Dom\u00e4nenaufteilung politisch rational ist und zu weniger oder mehr Konflikten zwischen den Gewerkschaften f\u00fchren wird, ist offen. Die zweite ungekl\u00e4rte Frage ist, ob sich die angestrebten Synergieeffekte in der neuen Gewerkschaftslandschaft einstellen, insbesondere hinsichtlich besserer Dienstleistungen und einer gr\u00f6\u00dferen Attraktivit\u00e4t f\u00fcr Mitglieder und potentielle Mitglieder. Drittens ist noch nicht erkennbar, wie sich die neue Struktur auf die politischen Handlungsm\u00f6glichkeiten des Dachverbandes (DGB) auswirken wird.<\/p>\n<p>Der Umbau der Gewerkschaftslandschaft folgt keinem fest umrissenen strategischen Ziel. So stellt sich die Frage, ob sich die verschiedenen gewerkschaftlichen Reformprojekte \u00fcberhaupt erg\u00e4nzen k\u00f6nnen oder ob es nicht vielmehr zu neuen tief greifenden Friktionen kommen kann, die sich zu einer zus\u00e4tzlichen Belastung f\u00fcr die gewerkschaftliche Handlungsf\u00e4higkeit entwickeln. Die Abspaltung von kleineren Gruppen (z.B. Cockpit) und die direkte Konkurrenz zwischen verschiedenen Gewerkschaften in einem Betrieb (IG Metall contra Verdi bei IBM) sind ernstzunehmende Krisensignale. Wie kann es angesichts dieser Entwicklungen zu einer besseren Zusammenarbeit der einzelnen Gewerkschaften, Gliederungen und Projekte kommen? Die Antwort auf diese Frage ist offen. Die Gewerkschaften haben sich auf die organisatorische Konzentration ihrer Ressourcen verst\u00e4ndigt. Vielleicht wird es in einigen Jahren nur noch drei bis f\u00fcnf deutsche Gewerkschaften geben, die sich ohne einen Dachverband, in lose verkoppelter Form, in einzelnen Politikfeldern zu koordinieren versuchen. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, erscheint zwar eine weitere Konzentrationsentwicklung als m\u00f6glich, um finanzielle Ressourcen zu b\u00fcndeln. Ob den Gewerkschaften in diesem Prozess allerdings bessere Steuerungskapazit\u00e4ten nach innen und au\u00dfen zuwachsen, ist angesichts des Einflussverlusts der Verbandsspitzen auf die regionalen und betrieblichen Gliederungen wenig wahrscheinlich.<\/p>\n<p>Auf den Mitgliederr\u00fcckgang und die Effizienzdefizite reagierten die Gewerkschaften in den letzten Jahren auch mit nach innen gerichteten Ma\u00dfnahmen, die sich vor allem auf zwei Felder konzentrieren: Erstens betreiben sie eine kostenreduzierende Optimierung der verbandlichen B\u00fcrokratie, deren Aktivit\u00e4ten sich von der Organisationsentwicklung bis zur Budgetierung aller Aufgabenbereiche erstrecken. Zweitens versuchen sie eine weitere Professionalisierung der gewerkschaftlichen Arbeit zu betreiben, die allerdings von einem starken Personalabbau begleitet wird. Mit dem Versuch, die gewerkschaftliche Arbeit auf das sogenannte &#132;Kerngesch\u00e4ft&#148; zu konzentrieren, dessen Definition einer jeweils aktuell auszutarierenden und umstrittenen Neubestimmung unterliegt, ver\u00e4ndert sich zugleich das Profil des Gewerkschaftsfunktion\u00e4rs: Nicht mehr der reaktive Funktion\u00e4r und politisch ambitionierte Generalist ist gefragt, sondern Funktion\u00e4re mit spezifischen Medien-, Klientel-, Fach- und Servicekompetenzen. Damit ziehen nicht nur marktwirtschaftliche Steuerungsmittel in die Gewerkschaftsorganisation ein, es kommt zudem auch zu einer Dezentralisierung der Binnenstrukturen.<\/p>\n<p>Die Implikationen k\u00f6nnen recht unterschiedlicher Art sein. Schon im sogenannten &#132;R\u00fcckzug aus der Fl\u00e4che&#148; des DGB, der sich aus der Schlie\u00dfung und Zusammenlegung der DGB-Kreise ergeben hat, sahen manche den Verlust der unmittelbaren Beziehungen zu den Mitgliedern und damit Anzeichen eines weiteren Umbaus von einer nur noch partiell existierenden Milieuorganisation zu einem effizienten Dienstleistungsapparat. Tats\u00e4chlich impliziert die weitere Professionalisierung nicht nur die generelle Durchsetzung eines bestimmten Typs von Organisationspersonal, sondern m\u00f6glicherweise auch die dominante Orientierung am Prinzip der Gewerkschaften als Versicherungsbetrieb. Dabei haben wir es mit einer Tendenz zu tun, die die Entwicklung der Gewerkschaften seit ihren Anf\u00e4ngen begleitet; besonders pointiert wurde sie Ende der 1950er Jahre formuliert &#150; auch, um zu erkl\u00e4ren, weshalb die Gewerkschaften ihre weit reichenden politischen Ziele nicht zu realisieren vermochten. Trotz aller Kritik an der Entpers\u00f6nlichung bzw. Versachlichung der Beziehungen zwischen Apparat und Mitgliedern ist nicht aus-gemacht, dass dieser Weg falsch ist. Denn der Mitgliederschwund der Gewerkschaften ist wohl kaum darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die mitgliederbezogenen Dienstleistungen zunehmen, sondern eher darauf, dass es den Gewerkschaften schwer f\u00e4llt, substantielle Dienstleistungen anzubieten, die von den Besch\u00e4ftigten als plausible Antwort auf ihre N\u00f6te bewertet werden. Dies wiederum ist auf grundlegende soziale Wandlungstendenzen zur\u00fcckzuf\u00fchren, die die Bed\u00fcrfnisse, Wahrnehmungen und damit die Interessenstruktur der Gesellschaft nachhaltig ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<h5><span id=\"die-drei-welten-der-deutschen-gewerkschaften\">Die drei Welten der deutschen Gewerk&shy;schaften<\/span><\/h5>\n<p>Die deutschen Gewerkschaften erreichen im internationalen Vergleich traditionell ein mittleres Organisationsniveau. Grob kann man von &#132;drei Welten&#148; sprechen, wenn es um die Basis gewerkschaftlicher Organisationspolitik geht: Erstens der Gro\u00dfindustrie des verarbeitenden Sektors, die nach wie vor der Anker und zugleich das R\u00fcckgrat gewerkschaftlicher St\u00e4rke in Deutschland ausmacht. Zu dieser Welt gewerkschaftlicher Pr\u00e4senz und St\u00e4rke z\u00e4hlt zweifelsohne auch der \u00d6ffentliche Dienst. Auch wenn dort die Rekrutierung anderen Kriterien folgt und die gewerkschaftliche Bedeutung f\u00fcr das exportorientierte deutsche Modell nachrangig ist (Flankierung), haben wir es mit einer festen Basis f\u00fcr gewerkschaftliche Pr\u00e4senz in Deutschland zu tun. Die &#132;zweite Welt&#148; liegt in den mittelgro\u00dfen Betrieben der verarbeitenden Industrie und des Dienstleistungssektors. Dort ist gewerkschaftliche St\u00e4rke keinesfalls selbstverst\u00e4ndlich, und wenn sie vorliegt, geht sie auf g\u00fcnstige regionale und branchenspezifische Bedingungen zur\u00fcck, also einer besonderen Akteurskonstellation. In der &#132;dritten Welt&#148; sind die Gewerkschaften meist gar nicht oder nur schwach vertreten. Dabei handelt es sich nicht nur um kleine oder mittlere Betriebe, sondern durchaus auch um einige gr\u00f6\u00dfere. Meist sind dies Firmen des Dienstleistungssektors, die sich als mittelst\u00e4ndisch verstehen. Da in vielen dieser Betriebe eine hohe Wertsch\u00f6pfung und ein hohes Innovationsniveau besteht, sowie mehr Besch\u00e4ftigungsaufbau stattfindet als in den ersten beiden Welten, kann hier von den Gewinnern des Strukturwandels gesprochen werden. Dass die Gewerkschaften jedoch gerade in diesen Betrieben nicht oder nur schwach vertreten sind, kann als Achillesferse des deutschen Modells begriffen werden. Zwar hatten die Gewerkschaften schon immer ihre Schwierigkeiten in den kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs), aber angesichts des sich vollziehenden Strukturwandels wird diese Schw\u00e4che bedeutsamer denn je.<\/p>\n<p>Hohe gewerkschaftliche Organisationsgrade sind auf den verarbeitenden Sektor, den \u00f6ffentlichen Dienst sowie gr\u00f6\u00dfere Betriebe und bestimmte Regionen konzentriert. Die Mitgliederverluste entstehen im Kontext der Verschiebung von Branchen und Berufen, der Zunahme der Frauenbesch\u00e4ftigung sowie ver\u00e4nderter Betriebsstrukturen. Aus der Sicht gewerkschaftlicher Rekrutierungspolitik wird die Mitgliederkrise unter drei Gesichtspunkten diskutiert:, erstens sozialstrukturell als Emanzipation (Individualisierung; verst\u00e4rkte Bedeutung von Nutzenkalk\u00fclen und dem Verlust der Bindewirkung) der Besch\u00e4ftigten gegen\u00fcber gesellschaftlichen Gro\u00dforganisationen; zweitens \u00f6konomisch: der berufliche Werdegang verl\u00e4uft st\u00e4rker denn je unabh\u00e4ngig von gesellschaftlichen Gro\u00dforganisationen; drittens politisch: das traditionelle Partizipationsinteresse ist in den letzten Jahren deutlich zur\u00fcckgegangen. Mehr Partizipation und Autonomie scheint f\u00fcr Nichtmitglieder derzeit kein Beitrittsanreiz zu sein. Dies f\u00fchrt zu der Frage, wie die N\u00fctzlichkeit der Gewerkschaft f\u00fcr den Einzelnen verbessert werden kann, ohne die Durchsetzbarkeit solidarischer Politik dadurch zu gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Die Differenzierungsdynamik des Arbeitsmarktes und der Lebenslagen stellt widerspr\u00fcchliche Anforderungen an die Gewerkschaften. Sie sind sowohl von ihrer Stammklientel als auch von den noch nicht Organisierten herausgefordert, gleicherma\u00dfen authentische Antworten auf unterschiedliche Problemlagen bieten zu k\u00f6nnen. Hinzu kommen altersspezifische Erwartungen an die Gewerkschaften. Ver\u00e4nderte Sozialisationsbedingungen, die stark durch die &#132;Mediengesellschaft&#148; gepr\u00e4gt sind, Milieuverluste und gesellschaftliche Individualisierungstendenzen, der Wandel betrieblicher Rationalisierung und der Formwandel von Erwerbsarbeit haben nicht nur vielf\u00e4ltigere Formen des betrieblichen Handelns sowie einen modifizierten Besch\u00e4ftigtenhabitus bef\u00f6rdert, sondern auch neue Vorstellungen von Organisationsloyalit\u00e4t und Solidarit\u00e4t hervorgebracht. Verwiesen sei in diesem Kontext auf die Theorien zu individualisierten Patchwork-Identit\u00e4ten und kontingenten Lebensstilen, auf die Konzepte der vernetzten Selbststeuerung oder die Diskussion \u00fcber den Typus des &#132;Arbeitskraftunternehmers&#148;.<\/p>\n<p>Der Wandel von Gesellschaft und Wirtschaft stellt die Gewerkschaften vor gravierende Probleme mit nicht vorhersehbaren Folgewirkungen, die nicht nur sie selbst, sondern auch das deutsche Modell insgesamt betreffen. Die gewerkschaftlichen Hochburgen werden, gemessen an der Gesamtbesch\u00e4ftigung bedeutungsloser. Die \u00c4lteren gehen in Rente und bei den J\u00fcngeren ist die Bereitschaft, sich zu organisieren, weitaus schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt als fr\u00fcher. Weder werden sie in sozialen Milieus gro\u00df, die gewerkschaftsnah sind, noch sind die Gewerkschaften in den Betrieben wirklich pr\u00e4sent, in denen die jungen Menschen ihre Berufskarriere beginnen. Wolfgang Streeck hat dieses Ph\u00e4nomen das &#132;Aussterben der Stammkunden&#148; genannt &#150; und dies ist wortw\u00f6rtlich zu verstehen. Es sind vor allen Dingen die Rekrutierungsprobleme im Dienstleistungs- und Angestelltensektor, die die Gewerkschaften zu l\u00f6sen haben werden, weil die nicht \u00f6ffentlichen Dienstleistungsbereiche immer besch\u00e4ftigungsintensiver werden. Ob sie dabei erfolgreich sein k\u00f6nnen, h\u00e4ngt auch von der gewerkschaftlichen Organisationskultur ab.<\/p>\n<h5><span id=\"herausforderungen-und-strategien\">Heraus&shy;for&shy;de&shy;rungen und Strategien<\/span><\/h5>\n<p>Die grundlegenden Herausforderungen der sich ver\u00e4nderten Umwelt der deutschen Gewerkschaften lassen sich in vier Dimensionen unterscheiden: erstens die Verbetrieblichung der Arbeitsbeziehungen; zweitens der Arbeitsmarkt- und Besch\u00e4ftigungswandel; drittens der sozio-kulturelle Wandel in der Gesellschaft; und viertens der Wandel des regulativen Umfeldes. Hinsichtlich dieser Herausforderungen sind zwei Aspekte zu ber\u00fccksichtigen: Erstens w\u00e4re es falsch, wenn man diese Herausforderungen einfach als extern verstehen w\u00fcrde. Sie sind immer auch r\u00fcckgekoppelt, wahrgenommen und definiert durch die Brille der konkreten Organisation. Sie haben also immer auch eine &#132;Innen-Umwelt&#148;, die in der organisatorischen, programmatischen und personellen Grundausstattung der jeweiligen Gewerkschaften besteht. Die Interaktion zwischen externer und Innen-Umwelt der Organisation muss also mitgedacht werden, so \u00e4u\u00dferlich die Herausforderungen auch erscheinen m\u00f6gen. Zweitens sind die Gewerkschaften, und das kennzeichnet ihre grundlegenden Schwierigkeiten, mit der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher, aber verzahnter Ver\u00e4nderungsprozesse konfrontiert. Diese Zustandsbeschreibung legt die Vermutung nahe, dass Reaktionen, die nicht die Gleichzeitigkeit und Verzahnung ber\u00fccksichtigen, unzureichend sein werden, um die integrative Handlungsf\u00e4higkeit der Gewerkschaften zu erneuern.<\/p>\n<p>Mit der Verbetrieblichung der Arbeitsbeziehungen, die sich als Reaktion auf die wirtschaftliche Dynamik neuer Konkurrenzverh\u00e4ltnisse, Organisationsstrukturen und Technologien ergeben hat, wird die tradierte gewerkschaftliche Betriebs- und Tarifpolitik ebenso grundlegend in Frage gestellt wie das bisherige Verh\u00e4ltnis zwischen betrieblichen und \u00fcberbetrieblichen Gewerkschaftsakteuren. Dazu tragen die geringe wirtschaftliche Prosperit\u00e4t und die daraus resultierenden betriebs\u00f6konomischen Probleme massiv bei. Besonders weit ist der Prozess der Entkopplung zwischen betrieblicher und \u00fcberbetrieblicher Ebene in Ostdeutschland fortgeschritten. Die Ursachen dieser Prozesse k\u00f6nnen allerdings nur teilweise als konjunkturabh\u00e4ngig angesehen werden. Neue Absatz- und Arbeitsorganisation sowie die Abneigung der neuen Managementgeneration gegen\u00fcber tradierten Formen kooperativer Regulationspolitik durch den Fl\u00e4chentarif-vertrag verweisen auf tieferliegende Problemkonstellationen. Der Deckungsgrad der Tarifvertr\u00e4ge und die Bindungswirkung der aufeinander angewiesenen Akteure der antagonistischen Kooperation &#150; Arbeitgeber und Gewerkschaften &#150; sind im R\u00fcckgang. Grund daf\u00fcr ist die wachsende Rolle von kleineren betrieblichen Einheiten, die f\u00fcr sich andere Formen der Arbeitspolitik beanspruchen. Arbeitgeberverb\u00e4nde und Gewerkschaften sind von dieser Entwicklung ungleich, also asymmetrisch betroffen: Bei den Gewerkschaften geht es um die Grundlagen ihres institutionellen und normativen Verst\u00e4ndnisses als Tarifakteur. Bei den Arbeitgeberverb\u00e4nden ist das Problem nicht derart existentiell. Sie k\u00f6nnen anders als die Gewerkschaften reagieren: Auf die Mitglieder-und Einnahmeverluste antworten sie z.B. mit dem Angebot von Arbeitgeberverb\u00e4nden ohne Tarifbindung.<\/p>\n<p>Die Verbetrieblichung der Arbeitsbeziehungen wurde keinesfalls passiv von den Gewerkschaften hingenommen. Die tarifvertragliche Flexibilit\u00e4t und betriebsspezifische Vereinbarungen haben betr\u00e4chtlich zugenommen. D.h. die Gewerkschaften haben mit einer Politik der &#132;kontrollierten Dezentralisierung&#148; auf betriebsspezifische Anforderungen reagiert. Die Konsequenzen f\u00fcr das deutsche Modell der Gewerkschaften sind evident: Die Betriebsebene ist wesentlich wichtiger geworden, weshalb gewerkschaftliche Kapazit\u00e4ten auf diesem Feld deutlicher zu st\u00e4rken und das Verh\u00e4ltnis zwischen der betrieblichen und der fl\u00e4chentarifvertraglichen Ebene neu zu justieren sind.<\/p>\n<p>Auf den Arbeitsmarkt- und Besch\u00e4ftigungswandel haben die Gewerkschaften bisher keine Antwort finden k\u00f6nnen, die zu einer organisatorischen St\u00e4rkung gef\u00fchrt haben. Im Zentrum steht die Frage: Warum ist es den Gewerkschaften bisher nicht gelungen, den privaten Dienstleistungsbereich erfolgreich zu organisieren? Diese seit Jahrzehnten diskutierte Frage wurde im Grundsatz schon Anfang des 20. Jahrhunderts mit der &#132;Angestelltenfrage&#148; aufgegriffen. Aber das Problem geht weit \u00fcber die sogenannte Angestelltenmentalit\u00e4t hinaus. Im Dienstleistungssektor sind die Arbeitsplatzstrukturen, Arbeitsanforderungen und Qualifikation der Besch\u00e4ftigten eher ung\u00fcnstig f\u00fcr die Herausbildung einer kollektiven Identit\u00e4t und eines gemeinsamen Interesses. Weniger gro\u00dfe Arbeitseinheiten, gr\u00f6\u00dfere Arbeitsautonomie, unsichere Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und st\u00e4rkerer individueller Konkurrenzdruck stellen einen schlechten N\u00e4hrboden f\u00fcr die tradierten Formen gewerkschaftlicher Organisationspolitik dar. Die Gewerkschaften sind zum einen im Bereich der Niedrigqualifizierten relativ erfolglos, zum anderen aber auch im Bereich der Hochqualifizierten, insbesondere dort, wo Arbeitnehmer aufgrund hoher Qualifikationen eine Monopolsituation haben. In solchen Bereichen sind die DGB-Gewerkschaften mit dem Auftritt von Konkurrenten, die sich zu Sprechern einer besonders potenten Klientel machen, konfrontiert, wie das Beispiel Cockpit (Gewerkschaft der Piloten) exemplarisch zeigt.<\/p>\n<p>Wichtige Antworten der Gewerkschaften auf den Besch\u00e4ftigungswandel liegen im Insistieren auf der Weiterentwicklung beruflicher Qualifikationspolitik. Dazu tragen nicht nur ihr Engagement in der Reform der beruflichen Bildung bei, sondern auch eigene Tarifvertr\u00e4ge zur F\u00f6rderung der Weiterbildung. Weiterhin sind neue Formen der betriebsnahen Arbeitsmarktpolitik zu erw\u00e4hnen, die von den Gewerkschaften mitentwickelt worden sind. Unz\u00e4hlige tarifpolitisch erm\u00f6glichte Vereinbarungen zur Besch\u00e4ftigungssicherung haben zur Arbeitsplatzsicherheit beigetragen. Sie sind in der \u00d6ffentlichkeit jedoch vielfach unsichtbar geblieben. Hinsichtlich der Regulierung des Niedriglohnsektors haben sich die Gewerkschaften in der Vergangenheit schwer getan; gleichwohl \u00e4nderten sie auch in diesem Bereich ihren Kurs. Am deutlichsten ist dies im Feld der Zeitarbeit sichtbar: Wurde es bis Ende der 1990er Jahre abgelehnt, diese Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse \u00fcberhaupt anzuerkennen, so hat sich dieser Bereich mittlerweile zu einer tarifpolitischen Wachstumsbranche entwickelt.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen des Besch\u00e4ftigungswandels f\u00fcr das deutsche Gewerkschaftsmodell sind je nach Szenario unterschiedlich: Gelingt es den Gewerkschaften, neue Mitgliederbereiche zu erobern, so k\u00f6nnten sich im Gesamtgef\u00fcge der Gewerkschaften Verschiebungen ergeben. Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass f\u00fcr die privaten Dienstleistungssektoren andere Ansprachen, Angebote und tarifpolitische Herangehensweisen gefunden werden, die sich durch ein h\u00f6heres Ma\u00df an Flexibilit\u00e4t auszeichnen. Das andere Szenario ist das des zunehmenden Bedeutungsverlustes, wenn es den Gewerkschaften nicht gelingt, in den Dienstleistungssektoren Organisationserfolge zu verbuchen.<\/p>\n<p>Der sozio-kulturelle Wandel versch\u00e4rft das Problem der Gewerkschaften noch \u00fcber den Besch\u00e4ftigungswandel hinaus. Mit der Bildungsrevolution der 1970er Jahre, der Erosion traditioneller Sozialmilieus, und dem Wertewandel haben sich in der deutschen Gesellschaft Gelegenheitsstrukturen ergeben, die den Interessen nach Selbstbestimmung und individueller Entfaltung starken Auftrieb gegeben haben. Durch die Ver\u00e4nderung von Lebenslagen und Arbeit haben sich die Bewertungen individuell verf\u00fcgbarer Ressourcen ver\u00e4ndert: &#132;Humankapital&#148; erscheint den meisten heute ein f\u00fcr den beruflichen wie Lebenserfolg wichtigeres Gut als Sozialkapital. W\u00e4hrend das noch in den 1970er Jahren und Anfang der 1980er Jahre aufgrund des gesellschaftlichen Klimas anders war und die Gewerkschaften gerade auch unter den J\u00fcngeren herausragende Rekrutierungserfolge verbuchen konnten und bis Ende der 1990er Jahre im DGB der Anteil der 18-bis 24-j\u00e4hrigen Mitglieder etwa so hoch war wie deren (insgesamt sinkender) Anteil an der Bev\u00f6lkerung, bleiben seit Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre die jungen Menschen den Gewerkschaften fern &#151; ihr Anteil liegt nur noch halb so hoch wie der in der Wohnbev\u00f6lkerung. In den 1980er Jahren lag der Anteil der Jugendlichen an allen DGB-Mitgliedern bei etwa 15 Prozent; 2002 waren es noch etwa 5 Prozent.<\/p>\n<p>Die gewerkschaftlichen Antworten auf den politischen Wandel sind nicht auf ein Politikfeld einzugrenzen; denn sie treffen die Organisation als Ganzes und m\u00fcssen sich mithin auch auf alle Politikfelder beziehen. Im Kern geht es um neue Formen des Dialogs und der Regulierung. Dabei haben die Gewerkschaften schon die Weichen f\u00fcr diesen Prozess gestellt, gleichwohl befahren sie die neuen Strecken noch nicht mit der Souver\u00e4nit\u00e4t und H\u00e4ufigkeit, die notwendig ist, um eine neue Zeitgenossenschaft zu praktizieren. \u00d6ffentlich wahrnehmbare Katalysatoren f\u00fcr diese \u00d6ffnung sind zweifellos ihre Zukunftsdebatten, in denen sich die Gewerkschaften als offene Mitgliederorganisationen pr\u00e4sentieren. Gegen diese dezidierte \u00d6ffnungspolitik stehen jedoch die nach wie vor schwerf\u00e4lligen innerorganisatorischen Verfahren und Kommunikationsformen, vielf\u00e4ltige Formen ideologischer Unvernunft und abschreckende Formen der Schlie\u00dfung und Abgrenzung, die sich immer wieder in heftigen Grundsatzkontroversen oder Personalquerelen niederschlagen.<\/p>\n<p>Grundlegend gewandelt hat sich auch das politische Umfeld der Gewerkschaften. Damit ist einerseits gemeint, dass sich mit dem Umbau des Wohlfahrtsstaates vielf\u00e4ltige Spannungsfelder und Konflikte mit den politischen Parteien und der jeweiligen Regierung ergeben, die es den Gewerkschaften schwer machen, sich als konstruktiver Gestalter zu pr\u00e4sentieren. Stattdessen verfestigte sich in der \u00f6ffentlichen Meinung der Bundesrepublik in den letzten Jahren das Bild der gewerkschaftlichen Vetomacht, mit-hin der Vorwurf der Blockadepolitik. Hinzu kommt, dass es den Gewerkschaften teil-weise nicht gelingt, vorhandene Handlungsspielr\u00e4ume auszunutzen. Daf\u00fcr ist das gescheiterte B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit sicherlich ein herausragendes Beispiel. Andererseits sind durch Globalisierung und Europ\u00e4isierung die nationalstaatlichen Handlungsm\u00f6glichkeiten eingeschr\u00e4nkt worden. Zus\u00e4tzlicher lohnpolitischer Druck entsteht dadurch, dass die Unternehmen komparative Regimevorteile nutzen, die die internationalen Unter-nehmen schon l\u00e4ngere Zeit im Rahmen ihres Regime shopping praktizieren, die ohne die Liberalisierung der M\u00e4rkte nicht gegeben w\u00e4ren. Dadurch, dass die politischen Parteien in den letzten Jahren auch das System der industriellen Beziehungen immer st\u00e4rkerer Kritik unterzogen haben, um die Vermarktlichung, Deregulierung und Entformalisierung nationaler Arbeitsbeziehungen zu forcieren, ergeben sich gro\u00dfe Herausforderungen f\u00fcr die Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Mit der gerade gebildeten Gro\u00dfen Koalition haben die etablierten Instrumente der deutschen industriellen Beziehungen (Tarifautonomie, Mitbestimmung etc.) eine vorl\u00e4ufige Bestandsgarantie erhalten. Allerdings darf die Relevanz ver\u00e4nderter politischer Rahmenbedingungen nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Sie unterscheidet sich von den strukturellen Mitgliederproblemen nicht nur in der Form, sondern auch in der Bedeutung. Durch das Mitgliederproblem stellt sich langfristig die Existenzfrage. Spannungen zwischen Gewerkschafts- und Regierungspolitik k\u00f6nnen demgegen\u00fcber konjunkturelle Ph\u00e4nomene sein, wenn sich die Gewerkschaften mit tauglichen Initiativen darauf ein-stellen. Mit der Forderung der Gewerkschaften nach einem B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit (1995) erreichten sie eine so hohe Akzeptanz, dass sich daraus neue Anspr\u00fcche an die Politik ableiten lie\u00dfen. Aber auch die Regierung kann durch Gesetze Handlungsimpulse f\u00fcr die Gewerkschaften erm\u00f6glichen, die deren Steuerungsf\u00e4higkeit verbessern. Dies ist exemplarisch durch das Betriebsverfassungsgesetz (2001) und das Altersverm\u00f6gensgesetz (2001) erfolgt .Was die europ\u00e4ische Dimension der Politik betrifft, so l\u00e4sst sich deren\u00a0 Wirkung f\u00fcr die Zukunft des deutschen Gewerkschaftsmodells noch nicht klar absch\u00e4tzen. Deutlich ist, dass die deutschen Gewerkschaften mit ihren ausgebauten Mitbestimmungsrechten gegen\u00fcber Regimen mit weniger ausgebauter Arbeitnehmerbeteiligung unter Konkurrenzdruck geraten. Entgegen fr\u00fcher gehegten Erwartungen wird es allerdings mittelfristig nicht zu einer europaweiten Konvergenz der Gewerkschaftssysteme kommen. Unweigerlich geschm\u00e4lert werden aber ihre Handlungsspielr\u00e4ume und geschw\u00e4cht werden die Steuerungskapazit\u00e4ten, die die Gewerkschaften im Konzert mit nationalen Regierungen und Arbeitgeberverb\u00e4nden ehemals hatten. Zudem wird das Mehrebenensystem durch Verbetrieblichung und die zus\u00e4tzliche europ\u00e4ische Ebene weiter aufgef\u00e4chert. Die deutschen Gewerkschaften befinden sich in einer de-regulativen Zangenbewegung, der sie auf der nationalen Ebene mit kontrollierter Dezentralisierung und auf der europ\u00e4ischen Ebene mit freiwilliger Selbstregulierung sowie verhandelter Gesetzgebung begegnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5><span id=\"die-gewerkschaften-150-treiber-oder-getriebene\">Die Gewerk&shy;schaften &#150; Treiber oder Getriebene?<\/span><\/h5>\n<p>Alle vier Prozesse ver\u00e4ndern das Umfeld der Gewerkschaften, mit oder ohne ihr Zutun. Sie sind diesen Entwicklungen ausgesetzt und befinden sich damit in einem mehr oder minder umfassenden Transformationsprozess. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass sowohl die \u00fcberbetriebliche Regelungskapazit\u00e4t wie die berufliche und politisch-kulturelle Verfasstheit der (potenziellen) Mitgliederbasis und die gesamtgesellschaftliche Steuerungsf\u00e4higkeit der Gewerkschaften tangiert sind &#150; also ihre zentralen Existenzvoraussetzungen.<\/p>\n<p>Die grundlegende Frage ist, ob die Gewerkschaften diesem Prozess ausgeliefert sind oder ob sie die Transformation selbst gestalten k\u00f6nnen und wollen. Die \u00f6ffentlichen Debatten suggerieren, die Gewerkschaften seien nicht willens, die Ver\u00e4nderungsprozesse zur Kenntnis zu nehmen und w\u00fcrden eine blockierende Verteidigungshaltung ein-nehmen. Tagesaktuelle Auseinandersetzungen sind jedoch ein unzureichender Ma\u00dfstab f\u00fcr die Beurteilung von Problem- und Interessenlagen. Aus der l\u00e4ngerfristigen Beobachtung lassen sich schon eher, wenngleich auch mit einer gewissen Unsicherheit, Prognosen \u00fcber das zuk\u00fcnftige Handeln der Gewerkschaften und die Perspektiven des deutschen Modells ableiten. Dabei muss aufgrund der Interdependenz von externer und interner Umwelt der Gewerkschaften davon ausgegangen werden, dass die zuk\u00fcnftige Organisation der Gewerkschaften in einem umfassenden Sinne &#150; also Organisationsstrukturen, Organisationsprogramm und Organisationspersonal &#150; sowohl die Voraussetzung zur L\u00f6sung der anstehenden Problemlagen ist wie auch ihr Problem.<\/p>\n<p>Organisationsentwicklung und Organisationslernen sind also zentrale Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Bew\u00e4ltigung der Zukunft. Als lernende Organisationen m\u00fcssen sie diesen Prozess so gestalten, dass sie die Passf\u00e4higkeit zwischen Organisation und Umwelt neu erreichen. Um der Vielfalt der Interessen und Kulturen gerecht zu werden, die in der Arbeitsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu ber\u00fccksichtigen sind, bedarf es eines Neustarts. Es geht um nicht weniger als um die Wiedererfindung der Gewerkschaften unterden Bedingungen neuer Konkurrenz-, Macht- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Ein Versuch, aus dieser groben Skizze des Transformationsdrucks und der gewerkschaftlichen Reaktionen einen Ausblick auf die Zukunft des deutschen Gewerkschaftsmodells zu geben, muss aufgrund der hohen Zukunftsunsicherheit zwangsl\u00e4ufig spekulativ ausfallen. Spekulationen sind immer dann besonders reizvoll, wenn sie sich der Methode des Szenarios bedienen. Ein Erfordernis ist dabei, dass die richtigen &#132;Variablen&#148; identifiziert werden, die je nach Auspr\u00e4gung den zuk\u00fcnftigen Prozess in die eine oder andere Richtung lenken. Aber selbst dann, wenn es gel\u00e4nge, die richtigen, und damit einen begrenzten Satz von Variablen zu identifizieren, ist es wenig sinnvoll, alle Variationsm\u00f6glichkeiten auszubreiten. Angesichts der bisherigen Entwicklung lassen sich drei grundlegende Entwicklungsmuster ausmachen: Erosion, Inkrementalismus (&#132;Durchwursteln&#8220;) und Reform.<\/p>\n<p>Im Erosionsszenario werden die Gewerkschaften weiter an Mitgliedern verlieren, die Stammkunden werden buchst\u00e4blich aussterben, die jungen Menschen immer weniger den Gewerkschaften beitreten. Die Gewerkschaften verlieren damit rasant an gesellschaftlicher Anerkennung. Organisatorische Schw\u00e4che wird den Fl\u00e4chentarifvertrag vom dominanten zum untergeordneten Regulativ werden lassen. Die Gewerkschaften werden zu partikularistischen Interessenorganisationen, die nur noch in bestimmten Branchen und Betrieben relevant sind. Dieses negative Szenario ist nicht ganz unrealistisch. Denn wenn es den Gewerkschaften nicht gelingt, auf besch\u00e4ftigungs- und interessenbezogene Spezifika des Dienstleistungssektors einzugehen und das Gespr\u00e4ch mit der Jugend positiv zu gestalten, entwickeln sich die Organisationsgrade in Richtung auf das franz\u00f6sische Niveau.<\/p>\n<p>Das Inkrementalismusszenario (muddling through) scheint weniger ein Szenario als derzeitige Realit\u00e4t zu sein. Auch wenn den Gewerkschaften ein erstaunliches Ma\u00df an flexibler Reaktion auf neue Herausforderungen insbesondere auf der Ebene der Tarifpolitik (Verbetrieblichung) nicht abzusprechen ist, scheint ein strategisches Konzept zu fehlen. Statt dessen kommt es prim\u00e4r zu situativen Reaktionen, die jedoch bislang nur unzureichend dazu beitragen konnten, Vertrauen bei den Besch\u00e4ftigten und in der \u00d6ffentlichkeit zu schaffen. Dazu tr\u00e4gt auch bei, dass es den Gewerkschaften bislang nicht gelungen ist, sich perspektivisch zu den gro\u00dfen Herausforderungen der Wachstumskrise, der demographischen Verschiebungen, der Wissensgesellschaft und der Globalisierung zu verhalten. Klar ist, dass sie weder f\u00fcr eine reine Abwehrschlacht nach dem Bei-spiel der britischen Bergarbeitergewerkschaft gebaut sind, noch f\u00fcr eine offensive Gestaltung des Wandels, wie dies die nordischen Gewerkschaften f\u00fcr sich in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. In diesem Szenario verlieren die Gewerkschaften ihren Anspruch als politischer Verband; sie k\u00f6nnen jedoch als Interessensorganisation \u00fcberleben, die je nach Betrieb und Branche eine starke Verhandlungsposition haben kann.<\/p>\n<p>Das Reformszenario zielt auf eine positive Transformation des Status quo. Darunter ist zu verstehen, dass es zu einer Ver\u00e4nderung der deutschen Gewerkschaften an &#132;Haupt und Gliedern&#148; kommt, die eine neue Integrations- und Handlungsf\u00e4higkeit unter den Bedingungen der Vielfalt und der Entgrenzung erm\u00f6glicht. Dazu geh\u00f6rt, dass Gewerkschaftspolitik als Politik im Mehrebenensystem unter den Bedingungen der Gleichzeitigkeit von nationalen und europ\u00e4ischen Prozesse eng verkoppelt wird. Dazu m\u00fcssen Gewerkschaften national relativ stark sein. Nicht wahrscheinlich ist, dass eine national schwache Gewerkschaft auf der europ\u00e4ischen Ebene eine L\u00f6sung der Probleme findet. Denkbar ist aber, dass eine national reformoffene und mobilisierungsf\u00e4hige Gewerkschaft ihre Aktivit\u00e4ten strukturell mit der europ\u00e4ischen Ebene verkoppelt und auf diesem Wege zus\u00e4tzliche Handlungsoptionen entstehen. Eine Europ\u00e4isierung der Arbeitsbeziehungen nach deutschem Muster ist unwahrscheinlich. Aber eine Aufwertung der europ\u00e4ischen Ebene im Rahmen einer neuen Mehrebenenpolitik ist realistisch und notwendig. Das Markenzeichen des Reformweges besteht darin, dass sich die Gewerkschaften auch zuk\u00fcnftig nicht nur als Interessenverband; sondern auch als politischer Verband, der die Gesellschaft mitpr\u00e4gt, engagieren.<\/p>\n<p>Die derzeitige Situation der Gewerkschaftspolitik entspricht dem Inkrementalismus-Szenario. Welches aber ist das realistische Szenario f\u00fcr die Zukunft? Leider lassen sich aus den Entwicklungen der 1990er Jahre keine eindeutigen Schlussfolgerungen ziehen. Diese Jahre waren nicht nur f\u00fcr, sondern auch von den Gewerkschaften verschenkte Jahre, im Hinblick auf das Reformszenario. Dies trifft insbesondere auf die nicht genutzten M\u00f6glichkeiten des deutschen Einigungsprozesses zu, dessen Folgen sich in der gewerkschaftlichen Streikniederlage in der ostdeutschen Metallindustrie (2003) vor aller \u00d6ffentlichkeit besonders deutlich ausbreiteten. Hei\u00dft das nun, dass die Gewerkschaften nur reagiert haben und sich beharrlich den Herausforderungen verweigert haben? Keinesfalls. Sie haben seit den 1990er Jahren viele kleine Baustellen aufgemacht und sich dort mit neuen Reforminitiativen versucht. Besonders beeindruckend sind ihre tarifpolitischen Aktivit\u00e4ten; mit denen sie sich dem Wagnis einer neuen Form der Regulierung zwischen Betriebs- und Fl\u00e4chentarifvertr\u00e4gen stellen. Sie haben aber letztlich doch zu wenig bewegt, um die dr\u00e4ngenden Probleme offensiv anzugehen und die beachtlichen Neuans\u00e4tze sind im Gro\u00dfen und Ganzen zu wenig nachhaltig. Es ist teilweise auch schwer zu erkennen, dass die vielen kleinen Baustellen Teil einer Gro\u00dfbaustelle sind. Es gibt also viele Baustellen, mit vielen Polieren, aber ohne Bauleitung. Der Mangel an Strategie im Gewerkschaftshandeln macht eine Aussage \u00fcber die Zukunft schwierig. Gleichzeitig ergeben sich hieraus aber Anhaltspunkte f\u00fcr zuk\u00fcnftige Potentiale. Das Beharrungsverm\u00f6gen von Organisationsstrukturen und -kulturen wird eine gro\u00dfe Reformaktivit\u00e4t nicht zulassen. Es wird also beim Inkrementalismus bleiben &#151; allerdings sind die Herausforderungen und der Druck so gro\u00df, dass mit starken Einsprengseln des Reformmodells zu rechnen ist.<\/p>\n<p>Woran liegt es, dass sich die deutschen Gewerkschaften so schwer tun, mit einer offensiven Reformpolitik, die sowohl den Bed\u00fcrfnissen der Gewinner wie auch der Verlierer des kapitalistischen Umbauprozesses gerecht wird? Eine m\u00f6gliche Antwort lautet: Die Kr\u00e4fte des Marktes sind in den letzten Jahrzehnten st\u00e4rker geworden, w\u00e4hrend die regulierende und gestaltende Kraft der Politik schw\u00e4cher geworden ist. Das Prinzip des Marktes hat zunehmend Einfluss gewonnen in Bereichen, die bisher dem Staat, den Verb\u00e4nden, ja der Politik vorbehalten waren. Dazu kommen die dargestellten Umweltver\u00e4nderungen. Mit diesen eher externen Ursachen ist aber nur ein und zudem ein unzul\u00e4nglicher Teil der Antwort gegeben. Unzul\u00e4nglich deshalb, weil es zu den Aufgaben der Gewerkschaften geh\u00f6rt, nachteiligen Markt- und Kapitalkr\u00e4ften entgegenzuwirken. Es sind vor allem auch innerorganisatorische Gr\u00fcnde zu benennen, die den offensiven Reformkurs verhindern. Die zuk\u00fcnftige Gestalt des deutschen Gewerkschaftsmodells und die Zukunft der Gewerkschaften wird davon abh\u00e4ngen, ob die organisationspolitische Selbstblockade \u00fcberwunden wird, indem offensive Antworten auf die Mitgliederkrise und die notwendige flexible Mehrebenenkoordinierung gegeben werden. Das Ziel der Reform des deutschen Gewerkschaftsmodells besteht letztlich darin, durch mehr Service, bessere Kommunikation und partikulare Ans\u00e4tze darauf hinzuarbeiten, weiterhin als gesellschaftlich relevanter politischer Verband zu wirken und nicht als partikulare Interessengruppe einiger Besch\u00e4ftigtengruppen und Arbeitsplatzbesitzer zu enden.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2261],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11933","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-wolfgang-schroeder","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gewerkschaften auf der Suche nach Stabilit\u00e4t - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/gewerkschaften-auf-der-suche-nach-stabilitaet\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Gewerkschaften auf der Suche nach Stabilit\u00e4t - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Eine Bestandsaufnahme aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 (Heft 3-4\/2005), S.116-127 Die Gewerkschaften stecken in den meisten L\u00e4ndern in tiefen Schwierigkeiten. 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