{"id":11936,"date":"2005-12-01T14:30:00","date_gmt":"2005-12-01T13:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/pink-tide-regiert-lateinamerika\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"pink-tide-regiert-lateinamerika","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/pink-tide-regiert-lateinamerika\/","title":{"rendered":"Pink Tide regiert Lateinamerika"},"content":{"rendered":"<p>Ver\u00e4ndert eine andere Linke die s\u00fcdamerikanische Politik?<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.  171\/172 ( Heft 3-4\/2005 ), S.139-145<\/p>\n<p>Drei Viertel der 350 Millionen Einwohner S\u00fcdamerikas werden gegenw\u00e4rtig von &#132;linken&#148; Pr\u00e4sidenten regiert, die in den letzten vier Jahren gew\u00e4hlt worden sind. Hierzu werden die Regierungen in Argentinien, Brasilien, Chile, Panama, Uruguay, und Venezuela gez\u00e4hlt, eine Gruppe, f\u00fcr die die <i>New York Times <\/i>den Namen Pink Tide (rosa Flut) gepr\u00e4gt hat. Die Betonung der Farbe &#132;rosa&#148; (und nicht &#132;rot&#148;) macht bereits deutlich, dass im Gegensatz zur fr\u00fcheren linken Politik in Lateinamerika heute weniger ein doktrin\u00e4rer Sozialismus das Bild bestimmt als vielmehr ein pragmatischer Kurs (Mai-hold 1998). Mit ihm geht die Erkenntnis einher, dass nach dem Scheitern der marktorientierten Reformen der 1990er Jahre in der Region nunmehr die Betonung von Gleichheit und sozialer Absicherung in den Vordergrund r\u00fccken muss. Das Interesse der lateinamerikanischen Linken in den 1960er Jahren, ein eigenes Entwicklungs- und Gesellschaftsmodell auch auf Kosten der Demokratie zu begr\u00fcnden (Castaiieda 1993: 90ff.), erscheint in der heutigen Konjunktur nur noch vereinzelt durch (Arocena 2005: 157f.). Es dominiert das Motiv, zu einer besseren Regierungsf\u00fchrung mit einer realen Verbesserung der Lebenssituation und Beteiligung der breiten Bev\u00f6lkerung beizutragen. Dass dabei ideologische Konzepte wie die &#132;bolivarische Alternative&#148; des venezolanischen Pr\u00e4sidenten Hugo Ch\u00e4vez auftauchen, zeigt die Breite der &#132;anderen Linken&#148; von heute auf &#8211; ein gemeinsamer politischer Nenner f\u00fcr die Linke ist dessen Programm allerdings nicht.<\/p>\n<h5><span id=\"pink-tide-gemeinsamkeiten-und-unterschiede-in-einzelnen-laendern\">Pink Tide &ndash; Gemein&shy;sam&shy;keiten und Unter&shy;schiede in einzelnen L&auml;ndern<\/span><\/h5>\n<p>Doch jenseits der sch\u00f6nen<i> Pink Tide<\/i>-Formel scheint die Realit\u00e4t in eine andere Richtung zu weisen. Man kann unterschiedliche Gruppierungen und Linien identifizieren, die sich teilweise auf gemeinsame Erfahrungen in der Zeit der Milit\u00e4rregime und erste demokratische Pr\u00e4gungen in der Amtsf\u00fchrung auf kommunaler und nationaler Ebene (z.B. Chile) zur\u00fcckf\u00fchren lassen. Dieser Gruppierung werden die Regierungen in Brasilien (&#132;Lula&#8220; da Silva), Argentinien (Nestor Kirchner), Chile (Ricardo Lagos) und Uruguay (Tabare V\u00e4zquez) sowie die Pr\u00e4sidenten Panamas und der Dominikanischen Re-publik zugerechnet. Ihnen steht eine andere, radikalere Gruppe gegen\u00fcber: der &#151; durch-aus einem romantischen Appeal folgend &#151; venezolanische Pr\u00e4sident Hugo Ch\u00e4vez und der kubanische Regierungschef Fidel Castro (Petkoff 2005:119). Hierzu geh\u00f6ren dann auch zivilgesellschaftliche Str\u00f6mungen wie die argentinische Sozialbewegung der Piqueteros und das Movimento <i>Sem Terra <\/i>der brasilianischen Landlosenbewegung. Erg\u00e4nzt wird diese Gruppe durch die fr\u00fcheren Befreiungsbewegungen in EI Salvador (FMLN) und die sandinistische FSLN in Nicaragua. Hinzu kommt die auch von Indio-Bewegungen getragene Partei des bolivianischen Bauernf\u00fchrers Evo Morales, die insoweit ein neues, massenwirksames Element der Parteiengeschichte im Andenbereich darstellt.<\/p>\n<p>Allerdings ignoriert eine solche Einteilung die Breite der inneren Str\u00f6mungen der jeweiligen Parteien der Linken, die gerade in der brasilianischen<i> Partido dos Trabalhadores <\/i>(PT) extrem weit reichen (Branford et al. 2003: 23ff.). Der argentinische Peronismus, dem Nestor Kirchner entstammt, hat sich ohnedies als extrem mannigfaltige Bewegung erwiesen, in der sehr unterschiedliche politische Kr\u00e4fte ihre Heimat finden (Medina 2003). Zudem bewegen sich die genannten Regierungen ordnungspolitisch auf v\u00f6llig unterschiedlichen Bahnen: W\u00e4hrend die chilenische Regierung mit dem sozialistischen Pr\u00e4sidenten Ricardo Lagos an der Spitze ein Offenmarktmodell mit hoher Weltmarktintegration erfolgreich betreibt, sind die Regierungen in Argentinien und Venezuela bem\u00fcht, neue staatszentrierte Wirtschaftskonzepte (wieder)zu erfinden, die an Konzepten des Entwicklungsstaates der Vergangenheit orientiert sind. Allerdings eint die Mehrzahl der &#132;linken&#148; Regierungen die Ablehnung der wirtschaftsliberalen und au\u00dfenpolitischen Initiativen der US-Regierung gegen\u00fcber der Region (Petkoff 2005: 127), die insbesondere von der ma\u00dfgeblichen au\u00dfenpolitischen Kraft in S\u00fcdamerika, der brasilianischen Regierung unter Pr\u00e4sident Luiz In\u00e4cio &#132;Lula&#148; da Silva, gebremst werden konnten. Der Rolle von &#132;Lula&#148; als Leitbild der Linken in Lateinamerika kommt dabei besondere Bedeutung zu. Sein Erfolg oder Scheitern wird \u00fcber die Grenzen seines Landes hinaus politische Folgen f\u00fcr Attraktivit\u00e4t linker Politik auf dem Subkontinent zeitigen (Paramio 2003: 19). Der gemeinsame Nenner der Pink Tide besteht insoweit vor allem in der negativen Position gegen\u00fcber den USA; die positive Bestimmung eines gemeinsamen Programms erscheint demgegen\u00fcber wegen der extremen Differenzen unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Regierungen der neuen Linken suchen eine vorsichtige Distanzierung von der US-amerikanischen Position, insbesondere bei der Bildung eines kontinentalen Systems des Freihandels, die als FTAA (<i>Free Trade Area of the Americas) <\/i>bekannt geworden ist. Dieses Projekt, das eigentlich bis zum Jahre 2005 abgeschlossen sein sollte, hat sich nicht zuletzt wegen des brasilianischen Widerstandes verz\u00f6gert; f\u00fcr den venezolanischen Pr\u00e4sidenten Ch\u00e4vez ist es bereits definitiv gescheitert (Maihold\/Zilla 2005). Die USA haben darauf mit einer Ver\u00e4nderung ihrer wirtschaftspolitischen Strategie in der Region reagiert und versuchen nunmehr, durch bilaterale Freihandelsabkommen mit einzelnen L\u00e4ndern, insbesondere in Zentralamerikas und dem Andenbereich, ihr Modellder wirtschaftlichen Kooperation weiter zu entwickeln. Insoweit stimmen wirtschaftliche Interessen und sicherheitspolitische Erw\u00e4gungen Washingtons im Sinne der st\u00e4rkeren US-Pr\u00e4senz im gro\u00dfkaribischen Raum \u00fcberein.<\/p>\n<p>Damit verbunden ist der zweite Bezugspunkt der linken Regierungen des Kontinents, der sich auf die Wiederherstellung diplomatischer Beziehungen mit Kuba bezieht &#151; vollzogen zuletzt vom neuen Pr\u00e4sidenten Uruguays Tabare V\u00e4zquez bei seiner Amtseinf\u00fchrung im M\u00e4rz 2005. Der Umgang mit dem Regime Fidel Castros stellt einen Identifikationspunkt dar, der f\u00fcr die Gestaltung der Kontinentalbeziehungen eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung erh\u00e4lt. Dabei spielt weniger eine Sympathie mit dem politischen System Kubas eine zentrale Rolle, als vielmehr die symbolische Bezugnahme auf die kubanische Revolution und ihren legend\u00e4ren F\u00fchrer. Hinzu kommt die Ablehnung der US-amerikanischen Kuba-Politik als sichtbarstes au\u00dfenpolitisches Zeichen der Regierung Bush, bezogen auf Lateinamerika.<\/p>\n<p>Mit den 2006 bevorstehenden Wahlen in Mexiko und Nicaragua k\u00f6nnte bei entsprechenden Ergebnissen schon bald mehr als 80 Prozent der Bev\u00f6lkerung Lateinamerikas &#132;links&#148; regiert werden, insbesondere wenn der in den Umfragen f\u00fchrende Kandidat der PRD <i>(Partido de la Revoluci\u00f6n Democr\u00e4tica)<\/i> Andres Manuel L\u00f6pez Obrador als neuer mexikanischer Pr\u00e4sident vereidigt w\u00fcrde. Damit erlebte Lateinamerika eine weitere Variante jener schon laufenden Welle von rot gef\u00e4rbten Regierungen, die sich in den vergangenen Jahren etabliert haben. Parallel zum Aufstieg dieser links orientierten Regierungen verl\u00e4uft der beinahe vollst\u00e4ndige Zusammenbruch der traditionellen Kr\u00e4fte sozialdemokratischer und christdemokratischer Art im politischen Spektrum Lateinamerikas, die sich nur noch in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern wie Chile oder Mexiko als tragende Pfeiler des politischen Systems behaupten k\u00f6nnen (Mainwaring 2003). Die Bedeutung des europ\u00e4ischen Bezugspunktes f\u00fcr die Entwicklung der politischen Parteien Lateinamerikas ist erkennbar verblasst. Vor allem in weiten Teilen der Andenregion manifestiert sich die Aufl\u00f6sung des \u00fcberkommenen Parteiensystems und die Konversion von Parteien in Sammlungsbewegungen, die durch eine F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeit, ethnische Identit\u00e4ten oder neopopulistische Strukturen zusammengehalten werden (Steinhauf 2004). Paradigmatisch daf\u00fcr steht der Anf\u00fchrer der Coca-Bauern in Bolivien Evo Morales, der im Dezember 2005 Pr\u00e4sident seines &#151; nicht zuletzt durch sein eigenes Handeln &#151; krisengesch\u00fcttelten Landes wurde.<\/p>\n<p>Statt demokratischer Normalit\u00e4t scheinen viele L\u00e4nder Lateinamerikas zu schon \u00fcberwunden geglaubten Mustern politischer Organisation zur\u00fcckzukehren. Diese Entwicklung macht auch vor den linken Kr\u00e4ften nicht halt. Sie werden immer mehr in die-sen Strudel der Abkehr von institutionellen Regeln der Demokratie hineingezogen. Allerdings gilt dies nicht f\u00fcr alle F\u00e4lle in gleichem Ma\u00dfe. Hinter der vordergr\u00fcndigen Gemeinsamkeit verbirgt sich eine F\u00fclle unterschiedlicher Kr\u00e4fte, die bis heute das politische Spektrum der Linken in Lateinamerika gepr\u00e4gt haben. Linke Dominanz nach dem Scheitern der Lateinamerikapolitik der USA?<\/p>\n<p>Diese neue Dynamik in Lateinamerika belegt die tiefe Krise, in die die Politik der USA gegen\u00fcber Lateinamerika geraten ist. Wenn es noch eines weiteren Beweises daf\u00fcr bedurfte, so hat das Scheitern des j\u00fcngsten Amerikagipfels in Mar del Plata\/Argentinien der \u00d6ffentlichkeit dies nachhaltig vor Augen gef\u00fchrt (Nolte 2005). Nicht zuletzt die Konzentration auf den &#132;Krieg gegen den Terror&#148; hat zu einer Vernachl\u00e4ssigung der Au\u00dfenpolitik der USA gegen\u00fcber dem Subkontinent gef\u00fchrt, der traditionell ein Hauptbezugspunkt eigner Sicherheitsinteressen gewesen war. Noch in den 1960er Jahren dominierte die an Entwicklungshilfe orientierte &#132;Allianz f\u00fcr den Fortschritt&#148; John F. Kennedys die Beziehungen der USA zu Lateinamerika. Mit den 1970er Jahren setzte sich als Handlungsmaxime die nationale Sicherheitsdoktrin zur Abwehr des Kommunismus durch. Die USA waren bereit, in der Region mit &#132;freundlichen Tyrannen&#148; zusammen zu arbeiten, die politische Stabilit\u00e4t auch auf Kosten demokratischer Regierungsformen und durch massive Verletzung der Menschenrechte sicherstellten. Die Kooperation mit den s\u00fcdamerikanischen Milit\u00e4rregierungen und Diktaturen pr\u00e4gte diese \u00c4ra. Milit\u00e4rische Interventionen in Zentralamerika waren Ausdruck des in der Tradition der Monroe-Doktrin stehenden US-Interesses, ausl\u00e4ndische M\u00e4chte (insbesondere die Sowjetunion &#151; vermittelt \u00fcber Kuba) aus dem eigenen Einflussbereich fernzuhalten (Birle 2003). Die Konflikte in Zentralamerika nach dem Erfolg der Revolution in Nicaragua (1979) schienen in der Sicht der Regierung Reagan als unmittelbare Bedrohung und machten Gegenma\u00dfnahmen erforderlich.<\/p>\n<p>Mit dem Ende des Kalten Krieges wandelten sich die Priorit\u00e4ten der Lateinamerikapolitik der USA. Es setzten sich \u00f6konomische Themen durch, die von der Bew\u00e4ltigung der Schuldenkrise bis zum Vorschlag eines kontinentalen Freihandelsabkommens (FTAA) reichen (Russell 2003). Das verbindende Element war der &#132;Washington-Konsens&#148;, der die Reduzierung des Staatssektors und die \u00d6ffnung der M\u00e4rkte im Rahmen der Kreditvergabe durch die internationalen Finanzorganisationen wie die Weltbank bedeutete. Die Privatisierung staatlicher Unternehmen und die Strukturanpassungsprogramme wurden zum Muster dieses Konzepts. Mit dem Inkrafttreten des NAFTA-Abkommens zwischen Kanada, den USA und Mexiko im Jahre 1994 wurde ein Modell vorgegeben, das die USA in bilateralen Abkommen mit Chile, Zentralamerika und nun auch den anderen L\u00e4ndern weiter entwickeln.<\/p>\n<p>Die Stagnation in den Verhandlungen \u00fcber das kontinentale Freihandelsabkommen ist eng mit dem Aufstieg Brasiliens als zentraler F\u00fchrungsmacht in S\u00fcdamerika verbunden. Dieses Rollenverst\u00e4ndnis Brasiliens erlaubte es auch den USA nach den Attentaten vom 11. September 2001, sich auf den Kampf gegen weltweiten Terrorismus zu konzentrieren und nur noch ein sehr selektives Interesse f\u00fcr die Region aufzubringen. Dieses gilt vor allem dem Drogenkrieg, insbesondere im Fall Kolumbiens, wo durch interne Konflikte zwischen Guerillagruppen und Paramilit\u00e4rs sowie deren Beteiligung an der Drogen\u00f6konomie eine friedliche Entwicklung blockiert ist. Die USA haben sich am &#132;Plan Colombia&#148; mit der Unterst\u00fctzung milit\u00e4rischer Aktionen beteiligt, die auch die anderen Nachbarstaaten im Kampf gegen den Drogenanbau einschlie\u00dft. Dar\u00fcber hinaus hat sich die US-Politik bis in das Jahr 2004 wegen ihrer anderen weltpolitischen Priorit\u00e4ten auf ein &#132;freundlichen Desinteresse&#148; gegen\u00fcber Lateinamerika beschr\u00e4nkt. Dies gilt vor allem gegen\u00fcber jenen L\u00e4ndern der Region, die nicht aus innenpolitischen Gr\u00fcnden oder au\u00dfenpolitischen Krisen in das Blickfeld des Pr\u00e4sidenten geraten sind. Somit ergaben sich neue Freir\u00e4ume, die eine gr\u00f6\u00dfere Autonomie von F\u00fchrungsm\u00e4chten in verschiedenen Gravitationszentren erm\u00f6glicht haben. Eine zentrale Rolle hat dabei Brasilien \u00fcbernommen.<\/p>\n<h5><span id=\"brasilien-151-partner-oder-gegenspieler-der-usa\">Brasilien &#151; Partner oder Gegen&shy;spieler der USA?<\/span><\/h5>\n<p>Bereits unter der Regierung von Pr\u00e4sident Fernando-Henrique Cardoso (1995-2002) versuchte sich das Land st\u00e4rker in die Rolle einer Regionalmacht zu bringen, die auch Verantwortung f\u00fcr die L\u00f6sung politischer Konflikte \u00fcbernimmt. Mit dieser Hinwendung zu den \u00fcbrigen L\u00e4ndern des Subkontinents, zu denen traditionell gro\u00dfe Distanz bestand, hat sich Brasilien als zentrale Vormacht in S\u00fcdamerika etabliert. Dies vollzog sich durchaus in \u00dcbereinstimmung mit den Interessen Washingtons, das im Rahmen seines steigenden disengagements in S\u00fcdamerika (Coll 1997) bzw. des benign neglect gegen\u00fcber der Region (Wiarda 2001) Brasilien gerne als Ordnungsmacht zur eigenen Entlastung sah. Die Vertiefung des Integrationsprozesses im MERCOSUR, dem wirtschaftlichen Zusammenschluss von Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, versprach eine Stabilisierung auf dem Subkontinent. Zudem gelang es Brasilien, erfolgreich in dem zwischenstaatlichen Konflikt zwischen Peru und Ecuador sowie den innenpolitischen Krisen Boliviens zusammen mit anderen Nachbarn zu vermitteln. Das Engagement des Landes mit Friedens- und Wiederaufbautruppen in Haiti hat dies noch weiter unterstrichen (Gratius 2004). Diese aktive brasilianische Nachbarschaftspolitik hat neue M\u00f6glichkeiten auch f\u00fcr den Gestaltungsanspruch des Landes auf weltpolitischer B\u00fchne geschaffen: Gerade bei seinem Bem\u00fchen, erfolgreicher als neue F\u00fchrungsmacht des S\u00fcdens aufzutreten, geriet Brasilien unter der F\u00fchrung von Pr\u00e4sident &#132;Lula&#148; da Silva in ei-ne internationale Konfrontationsstellung mit den USA, die es im interamerikanischen Verh\u00e4ltnis immer zu vermeiden gesucht hatte. Als Anf\u00fchrer der G20-Gruppe im Rahmen der WTO-Handelsrunde, als F\u00fchrer einer Allianz von Mittelm\u00e4chten des S\u00fcdens gemeinsam mit S\u00fcdafrika und Indien sowie mit seinem Anspruch auf einen permanenten Sitz im Weltsicherheitsrat wurde Brasiliens Ambition als gestaltende Kraft in der internationalen Politik erkennbar. Diese Initiative hat jedoch das Verh\u00e4ltnis zu den USA und insbesondere deren Erwartung an Brasilien, sich als stabilisierende Kraft in der Subregion durch Einbindung radikalerer Regierungen zu bew\u00e4hren, nicht beeintr\u00e4chtigt (Falcoff 2004: 2). Dies bewies auch der j\u00fcngste Besuch von Pr\u00e4sident Bush in Brasilia, der sich durch deutlich freundlichere T\u00f6ne auszeichnete, als auf dem vorausgegangenen Amerika-Gipfel in Mar del Plata.<\/p>\n<p>Die Korruptionsvorw\u00fcrfe gegen die Regierung &#132;Lula&#148; und ihre prek\u00e4re parlamentarische Basis k\u00f6nnten den Impetus des brasilianischen Gestaltungsinteresses auf der Ebene der internationalen Ordnungspolitik abschw\u00e4chen. Gleichwohl verst\u00e4rken sich die Zeichen f\u00fcr ein kritisches partnerschaftliches Verh\u00e4ltnis mit den USA. Dies ist nicht zuletzt darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass mit Venezuela unter Pr\u00e4sident Hugo Ch\u00e4vez ein weiterer Akteur in das Handlungsfeld dr\u00e4ngt, der aufgrund des strategischen Rohstoffes \u00d6l und eines ideologisch \u00fcberh\u00f6hten Programms zum Konfliktpunkt in den interamerikanischen Beziehungen geworden ist.<\/p>\n<h5><span id=\"hugo-chaevez-als-kristallisationspunkt-eines-regionalen-linken-projekts\">Hugo Ch&auml;vez als Kristal&shy;li&shy;sa&shy;ti&shy;ons&shy;punkt eines regionalen linken Projekts?<\/span><\/h5>\n<p>Die \u00d6l-Bonanza hat Venezuela und der Regierung von Hugo Ch\u00e4vez eine zus\u00e4tzliche Dynamik f\u00fcr die Erzielung internationalen politischen Gewichts verschafft. Getragen von einer bolivarischen Integrationsideologie, die die Einheit Lateinamerikas im Anschluss an Simon Bolivar definiert, hat sich Hugo Ch\u00e4vez zu einem zentralen Bezugspunkt der lateinamerikanischen Politik entwickelt. Seine Konfrontationsposition gegen-\u00fcber den USA, die sich durch seine engen Verbindungen zu Kubas Staatschef Fidel Castro noch verst\u00e4rkte, hat unmittelbare R\u00fcckwirkungen auf die lateinamerikanischen Gesellschaften. Angetrieben von einer Revolutionsrhetorik, die die Beteiligung und Verbesserung der Lage der benachteiligten Bev\u00f6lkerungsgruppen in den Mittelpunkt stellt, hat sich Ch\u00e4vez zum Wortf\u00fchrer einer populistischen lateinamerikanischen Linken entwickelt, die in ihm ihr neues Idol sieht. Mit einem gegen die traditionellen politischen Parteien gerichteten Diskurs und der direkten Ansprache des Volkes im \u00fcberkommenen populistischen Stil (Werz 2003) hat sich Ch\u00e4vez eine Basis f\u00fcr ein an traditionelle Muster ankn\u00fcpfendes Entwicklungskonzept verschafft (Diehl 2005), das den Kern politischen Handelns in der staatlichen Verf\u00fcgung \u00fcber die Erd\u00f6lressourcen und deren Einsatz f\u00fcr innen- und au\u00dfenpolitische Zwecke sieht. In Anlehnung an staatssozialistische Forme(l)n treibt Ch\u00e4vez die gestalterische Rolle Venezuelas in S\u00fcdamerika voran: Unter dem Namen ALBA (Bolivarische Alternative der Amerikas) versucht er ein Modell sozialer Integration dem nordamerikanischen Freihandelskonzept entgegen-zusetzen. Gemeinsame s\u00fcdamerikanische Firmen im Erd\u00f6l-, Energie- und Telekommunikationsbereich sollen die Unabh\u00e4ngigkeit Lateinamerikas von den USA sichern und Gegenmacht schaffen. Durch Sonderkonditionen bei Erd\u00f6llieferungen und Tauschgesch\u00e4fte zwischen den L\u00e4ndern Lateinamerikas wird versucht, einen alternativen wirtschaftlichen Integrationsraum zu schaffen und Allianzen zu bilden. Ch\u00e4vez hat auf diese Weise eine regionale Bedeutung gewonnen, die es den anderen Regierungen der Pink Tide schwierig macht, sich seinen Angeboten zu entziehen. Die bevorstehende Aufnahme von Venezuela in den s\u00fcdamerikanischen Integrationsverbund MERCOSUR k\u00f6nnte in dieser Hinsicht diese Probleme einer politisch teilweise gew\u00fcnschten, aber politisch nicht durch-setzbaren Distanz zu Ch\u00e4vez eher noch verst\u00e4rken als steuerbar machen.<\/p>\n<p>Insofern d\u00fcrfte der Bezug auf die Gemeinsamkeiten der &#132;anderen Linken&#148; in Lateinamerika sich sehr bald weniger enthusiastisch gestalten, laufen doch Kr\u00e4fte wie Ch\u00e4vez und seine Unterst\u00fctzer in Lateinamerika Gefahr, auf alte Wege zu geraten, die sich schon in vergangenen Jahrzehnten als Sackgassen erwiesen haben. Der Versuch, durch Rekurs auf populistische Traditionen den Ausweg aus den Strukturproblemen der lateinamerikanischen Gesellschaften zu finden, d\u00fcrfte mit Ch\u00e4vez die bekannten Katastrophen populistischer Verirrung in der Region noch verst\u00e4rken, die einst unter dem Titel der &#132;Makro\u00f6konomie des Populismus&#148; bekannt wurden (Dornbusch\/Edwards 1991).<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens an diesem Punkt d\u00fcrfte dann die behauptete Gemeinschaft der Pink Tide auseinanderbrechen, da ma\u00dfgebliche Kr\u00e4fte der Linken in Chile und Brasilien diesen Weg nicht mitgehen werden.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Arocena, Rodrigo 2005: Uruguay en la nueva ola de las izquierdas latinoamericanas; in: Nueva Sociedad, Caracas Nr. 197, 5.146-158<br \/>Birle, Peter 2003: Vom Ende des Kalten Krieges zum &#132;Krieg gegen den Terrorismus&#148;: Neuere Tenden-<br \/>zen in der Lateinamerikapolitik der USA; in: Klaus Bodemer et al. 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(Hg.): The macroeconomics of populism in Latin America, Chicago, S. 7-13<br \/>Falcoff, Marc 2004: U.S.-Latin American Relations: The Prospect, Washington: AEI<br \/>Gratius, Susanne 2004: Die Au\u00dfenpolitik der Regierung Lula. Brasiliens Aufstieg von einer diskreten Regional- zu einer kooperativen F\u00fchrungsmacht, Berlin: SWP<br \/>Maihold, G\u00fcnther 1998: In Lateinamerika gewinnt eine neue Linke Terrain; in: Die Neue Gesellschaft\/Frankfurter Hefte, Jg. 45, H. 10, S. 883-886<br \/>Maihold, G\u00fcnther\/ZiIla, Claudia 2005: Lateinamerikanisches Spiegelfechten? Die Vertagung des kon-<br \/>tinentalen Freihandelsabkommens als Herausforderung f\u00fcr Europa; in: SWP-aktuell Nr. 51<br \/>Medina, Alberto 2003: The return of the Sphinx: state fetichism and political discourse in Peronist Ar-<br \/>gentina; in: Iberoamericana: America Latina, Espana, Portugal Vol. 3, Nr. 9, S. 53-64 Mainwaring, Scott 2003: The Transformation and Decline of Christian democracy in Latin America; in:<br \/>Scott Mainwaring%1&#8217;omothy R. Scully (Hg.): Christian Democracy in Latin America. Electoral<br \/>Competition and Regime Conflicts, Stanford, S. 364-384<br \/>Nolte, Detlef 2005: Droht eine Spaltung in Lateinamerika? Die Ergebnisse des IV. 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Populisten in \u00dcbersee und Europa, Opladen, S. 45-64<br \/>Wiarda, Howard 2001: Benign neglect? American Foreign Policy toward Latin America in the Post-Cold War Era, Bratislava<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2263],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11936","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-guenther-maihold","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Pink Tide regiert Lateinamerika - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/pink-tide-regiert-lateinamerika\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Pink Tide regiert Lateinamerika - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ver\u00e4ndert eine andere Linke die s\u00fcdamerikanische Politik? aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3-4\/2005 ), S.139-145 Drei Viertel der 350 Millionen Einwohner S\u00fcdamerikas werden gegenw\u00e4rtig von &#132;linken&#148; Pr\u00e4sidenten regiert, die in den letzten vier Jahren gew\u00e4hlt worden sind. 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