{"id":11941,"date":"2005-12-01T13:20:00","date_gmt":"2005-12-01T12:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/willy-brandt-und-seine-enkel\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"willy-brandt-und-seine-enkel","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/willy-brandt-und-seine-enkel\/","title":{"rendered":"Willy Brandt und seine \u201eEnkel\u0094"},"content":{"rendered":"<p>Zur Personalpolitik einer linken Volkspartei*<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172  (Heft 3-4\/2005), S .188-198<\/p>\n<p>Mit dem Regierungswechsel im Jahr 1998 ging nicht nur die 16j\u00e4hrige Regierungszeit der CDU unter Helmut Kohl zu Ende, sondern auch ein Generationswechsel vonstatten. Nun hatten die &#132;68er&#148; oder die &#132;Enkel&#148;[1] die politische Macht in der Bundesrepublik \u00fcbernommen. Sie hatten ihr Ziel erreicht: Sie stellten nicht nur die Mehrheit der F\u00fchrungsgruppe in der SPD, sondern die Regierung. Die Liste der sozialdemokratischen Regierungsmitglieder der ersten Amtsperiode Schr\u00f6ders liest sich wie eine Aufz\u00e4hlung f\u00fchrender Juso-Funktion\u00e4re aus den 1970er Jahren &#8211; neben Gerhard Schr\u00f6der selbst, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Reinhard Klimmt und Hans Eichel. Sie waren alle, ebenso wie auch Karl-Heinz Funke, Herta D\u00e4ubler-Gmelin und Walter Riester, in den 1940er Jahren geboren. Einzig Otto Schily (* 1932) und die in der DDR aufgewachsene Christine Bergmann (* 1939) geh\u00f6rten einer anderen Altersgruppe an. W\u00e4re es nach den Pl\u00e4nen des langj\u00e4hrigen SPD-Vorsitzenden Willy Brandt gegangen, h\u00e4tte diese Gruppe die politische F\u00fchrung sowohl in der SPD als auch in der Bundesrepublik schon in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre \u00fcbernehmen sollen. Denn sie standen f\u00fcr einen Generationswechsel, f\u00fcr einen Politikwechsel und f\u00fcr einen politischen Stilwechsel (vgl. Walter 2002: 221f.).<\/p>\n<h5><span id=\"der-nachfolgepoker-um-den-parteivorsitz-in-den-1980er-jahren\">Der Nachfol&shy;ge&shy;poker um den Partei&shy;vor&shy;sitz in den 1980er Jahren<br \/><\/span><\/h5>\n<p>Die Frage, wie seine Nachfolge zu regeln sei, trieb den SPD-Vorsitzenden damals schon lange um, sah er doch eine Generation an die Macht streben, die so gar nicht seinen Vorstellungen entsprach. Johannes Rau oder Hans-Jochen Vogel, Angeh\u00f6rige der Jahrg\u00e4nge 1931 bzw. 1926, die in der Retrospektive als &#132;M\u00e4nner des \u00dcbergangs&#148; gelten, sahen sich als die rechtm\u00e4\u00dfigen Nachfolger von Helmut Schmidt und Willy Brandt. Brandt hatte allerdings andere Pl\u00e4ne, nicht nur was die Personen betraf, die die Partei nach ihm f\u00fchren sollten, sondern vor allem dar\u00fcber, wie die SPD politisch aufgestellt und zukunftsf\u00e4hig gemacht werden k\u00f6nne. Bereits seit Beginn der 1980er Jahre und verst\u00e4rkt nach dem Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts, als die R\u00fccksichten aus den Bundeskanzler und die Sachzw\u00e4nge der Regierungsarbeit entfielen, strebte Brand eine erneute Modernisierung der SPD an. Er wollte die Partei f\u00fcr die neuen sozialer Bewegungen, wie die Friedens-, Frauen- oder Umweltbewegung, \u00f6ffnen und setzte sich f\u00fcr die Ausarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms ein (vgl. Rudolph 2002: 55ff.). Dar\u00fcber hinaus dachte er schon fr\u00fch \u00fcber zuk\u00fcnftige Regierungskoalitionen, die auch ein Zusammengehen mit den Gr\u00fcnen als realistische Option mit einschlossen, nach. Wieder einmal &#8211; nicht das erste und nicht das letzte Mal &#8211; geriet Brandt damit in Gegensatz zu Teilen seiner eigenen Partei.<\/p>\n<p>Schon 1986 hatte Willy Brandt angek\u00fcndigt, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahr 1988 nicht mehr f\u00fcr den Parteivorsitz kandidieren werde. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Teilen der Partei und ihrem Vorsitzenden wurde zusehends problematischer. Man kann von einer langsamen Demontage und einem Autorit\u00e4tsverlust des einst unumstrittenen Parteivorsitzenden sprechen. So war es ihm im Februar 1987 nicht gelungen, seinen Kandidaten f\u00fcr das Amt des Schatzmeisters im Parteipr\u00e4sidium durchzusetzen: An-stelle der von ihm favorisierten Europaabgeordneten Klaus Wettig bzw. dessen Gegenkandidaten, dem Bundestagsabgeordneten Hans-Gottfried Bernrath, bekam Hans-Ulrich Klose den Posten. In diesem Fall stellte sich Oskar Lafontaine erstmals \u00f6ffentlich gegen Brandt, weil er es war, der Klose auf der entscheidenden Parteivorstandssitzung vom 23. Februar 1987 als Kandidat ins Spiel brachte. Lafontaines Beweggr\u00fcnde sind wohl vor allem auf machtpolitische \u00dcberlegungen zur\u00fcckzuf\u00fchren, die auf die St\u00e4rkung seiner eigenen Position in der Parteif\u00fchrung sowie bei zuk\u00fcnftigen \u00c4mterbesetzungen ab-zielte. Das Verhalten Oskar Lafontaines wurde allerdings bei weitem nicht von allen seiner gleichaltrigen Mitstreiter akzeptiert. In einem Brief an die SPD-Europaabgeordneten machte beispielsweise Heidemarie Wieczorek-Zeul ihrem Unmut Luft. Sie und auch zahlreiche andere, wie Bj\u00f6rn Engholm, Wolfgang J\u00fcttner, aber auch Horst Ehmke, kritisierten vor allem den schlechten Stil, dessen Lafontaine sich bedient hatte: &#132;Wenn wir eine neue Politik wollen, so mu\u00df sie sich auch in neuen solidarischen Verhaltensformen ausdr\u00fccken. [&#8230;] Und ich hoffe und w\u00fcnsche, dass Oskar Lafontaine k\u00fcnftig innerparteilich kooperativer und solidarischer auftritt&#148;, so Wieczorek-Zeul in ihrem Schreiben &#150; es sollte nicht die letzte Kritik dieser Art an Lafontaine sein (Wieczorek-Zeul 1987). Andere, die Lafontaine bei dem Coup unterst\u00fctzt hatten, wie Gerhard Schr\u00f6der, schw\u00e4rmten laut Presse: &#132;Das war ein Meisterst\u00fcck von Oskar.&#148; (<i>Frankfurter Rundschau<\/i> vom 25. Februar 1987) Dem Parteivorsitzenden Brandt wurde in diesem Fall wieder einmal &#8211; nicht ganz zu unrecht &#8211; mangelnde Durchsetzungsf\u00e4higkeit und ungeschicktes Verhalten vorgeworfen (Ehmke 1987).<\/p>\n<p>Brandt selber hatte im Juli 1986 den Kanzlerkandidaten der SPD, Johannes Rau, \u00f6ffentlich desavouiert. Nachdem Rau angek\u00fcndigt hatte, die absolute Mehrheit f\u00fcr die SPD erzielen zu wollen, sinnierte der Parteivorsitzende in einem Interview f\u00fcr die Wochenzeitung <i>Die Zeit <\/i>dar\u00fcber, dass auch 43 Prozent f\u00fcr &#132;seine Partei ein sch\u00f6nes Ergebnis&#148; w\u00e4ren (<i>Die Zeit <\/i>vom 25. Juli 1986). Angesichts der Umfragen, die die SPD bei 38 Prozent sahen, war dies zwar immer noch optimistisch, stellte aber den eigenen Kandidaten als wenig aussichtsreich dar. Dass die Medien diese Sache ausschlachteten &#150; &#132;Zweifelt selbst Brandt an Rau?&#148; stand in der Welt; im <i>Spiegel<\/i> konnte man lesen &#132;SPD &#150; Pannenreich in den Wahlkampf&#148; &#150;, lag auf der Hand (Die Welt vom 20. Juli 1986; <i>Der Spiegel <\/i>vom 11. August 1986). Rau selbst war, wie kaum anders zu erwarten, im h\u00f6chsten Ma\u00dfe irritiert und ver\u00e4rgert. Denjenigen in der SPD, denen Brandts neuer Kurs sowieso ein Dorn im Auge war, gab sein Verhalten Anlass, ihm die Verantwortung f\u00fcr den zu erwartenden Misserfolg bei den Bundestagwahlen zu zuschieben.<\/p>\n<p>In dieser f\u00fcr die Sozialdemokraten sowieso schwierigen Situation entbrannte vor der Bundestagswahl im Januar 1987 eine parteiinterne und \u00f6ffentliche Debatte \u00fcber den m\u00f6glichen Nachfolger f\u00fcr Willy Brandt im Amt des Parteivorsitzenden &#151; wenn dieser, wie angek\u00fcndigt, im Jahr 1988 nicht mehr erneut kandidieren w\u00fcrde. Brandt erkannte in der Retrospektive, dass die fr\u00fche Ank\u00fcndigung seines R\u00fcckzugs ein politischer Fehler gewesen sei:<\/p>\n<p>&#132;Ich h\u00e4tte wissen sollen, da\u00df es wenig sinnvoll ist, einen R\u00fccktritt zwei Jahre im voraus anzuk\u00fcndigen. Es gilt die Lebensregel, so was sage man nicht, so was tue man. Wer sie au\u00dfer Kraft setzt, riskiert, da\u00df das eigene Fell verteilt ist noch bevor man es entbehren kann. Nicht nur die Nachfolge wird hin- und hergewendet, sondern auch die Gunst der Gelegenheit genutzt, unbeglichene Rechnungen zu pr\u00e4sentieren oder dem Abdankenden in die Schuhe zu schieben, was man nicht gern in den eigenen hat.&#148; (Brandt 1994: 368)<\/p>\n<p>So bzw. so \u00e4hnlich kam es dann ja auch: Wie immer bei \u00f6ffentlich ausgetragenen Personal- und Richtungsk\u00e4mpfen waren es nicht allein die Medien, die die kontroversen Standpunkte in die \u00d6ffentlichkeit trugen, sondern die beteiligten Politiker und Fraktionen selbst. Sie versuchten ihre eigenen Machtambitionen oder die ihrer Favoriten, m\u00f6glichst auff\u00e4llig in der \u00d6ffentlichkeit zu lancieren. Die Debatte kreiste vor allem darum, ob nun Oskar Lafontaine, als der Favorit Brandts unter den so genannten &#132;Enkeln&#148;, der &#132;legitime&#148; Nachfolger des Parteivorsitzenden werden solle oder ob sich Rau oder Vogel durchsetzen w\u00fcrden. In einem Interview Willy Brandts mit der <i>Bunten <\/i>im September 1986 kam bereits das Thema der Nachfolge zur Sprache (<i>Bunte<\/i> vom 25. September 1986). Der SPD-Parteivorsitzende hielt sich zu diesem Zeitpunkt zwar noch \u00f6ffentlich sehr bedeckt und meinte: &#132;Ich will und darf nicht den Eindruck erwecken, als g\u00e4be es eine von mir zu bestimmende Erbfolge. Daf\u00fcr gibt es in dieser Partei Gremien.&#8220;(ebd.) Hinter den Kulissen wurden aber bereits die F\u00e4den gezogen und nur zwei Monate sp\u00e4ter erschien im Spiegel ein l\u00e4ngerer Artikel unter der \u00dcberschrift &#132;Wann kommt Oskar?&#148; (<i>Der Spiegel <\/i>vom 24. November 1986). Der \u00f6ffentliche und parteiinterne Streit um Lafontaine, Rau oder Vogel tobte in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten weiter. Nicht nur Bj\u00f6rn Engholm stellte fest, dass &#132;die Diskussion um den Vorsitz [&#8230;] der SPD geschadet&#148; habe (Die Welt vom 23. M\u00e4rz 1987).<\/p>\n<p>Nach dem schlechten Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl im Januar 1987 mit nur 37 Prozent erkl\u00e4rte Johannes Rau dann auch seinen endg\u00fcltigen Verzicht auf die Nachfolge Willy Brandts im Amt des Parteivorsitzenden (u.a. <i>Frankfurter Rundschau <\/i>vom 31. Januar 1987).<\/p>\n<h5><span id=\"das-norderstedter-treffen-im-maerz-1987\">Das Norders&shy;tedter Treffen im M&auml;rz 1987<\/span><\/h5>\n<p>Bevor Brandt wegen der Aff\u00e4re um die von ihm vorgeschlagene und von der Parteif\u00fchrung abgelehnte Pressesprecherin Margarita Mathiopoulos am 23. M\u00e4rz 1987 seinen R\u00fccktritt erkl\u00e4rte (vgl. Merseburger 2002: 799ff.), traf er sich am Abend zuvor mit den &#132;Enkeln&#148; im schleswig-holsteinischen Norderstedt &#150; die Zusammenkunft ging ma\u00dfgeblich auf die Initiative Bj\u00f6rn Engholms zur\u00fcck. Wie aktuell das Thema Nachfolge bei diesem Treffen sein w\u00fcrde, war im Vorfeld wohl keinem wirklich klar. Als es dann soweit war, befand sich der Konflikt um den Parteivorsitzenden bereits auf dem H\u00f6hepunkt. Der Schaden, der daraus f\u00fcr die zuk\u00fcnftige personelle und politische Aufstellung der Sozialdemokraten mittelfristig resultierte, ist nicht zu untersch\u00e4tzen. Engholm merkte dazu in Norderstedt selbstironisch an: &#132;Es gibt keine begnadetere Schauspielertruppe in der Bundesrepublik als die deutschen Sozialdemokraten&#148;, sie w\u00fcrden Shakespeares <i>Wie es Euch gef\u00e4llt <\/i>und <i>Schillers R\u00e4uber <\/i>gleichzeitig geben (<i>S\u00fcddeutsche Zeitung <\/i>vom 23. M\u00e4rz 1987). An der Zusammenkunft in Norderstedt nahmen neben Willy Brandt, Oskar Lafontaine, Bj\u00f6rn Engholm, Rudolf Scharping, Gerhard Schr\u00f6der, Herta D\u00e4ubler-Gmelin und Heidemarie Wieczorek-Zeul teil.<\/p>\n<p>&#132;Er hatte sich den ,Enkeln` zugewandt; sein ,Lieblingsenkel` war Oskar Lafontaine geworden, ein politisches Naturtalent voller Machtinstinkt und Lebensfreude. Leider hatte er im Saarland und in der saarl\u00e4ndischen Sozialdemokratie nie einen gleichwertigen Gegner gehabt. So war er zu einem ,Napoleon` geworden, der k\u00fchne Vorst\u00f6\u00dfe in politisch unerforschtes Gel\u00e4nde unternahm, sich dabei aber gelegentlich vergaloppierte&#148;, so Horst Ehmke im R\u00fcckblick (Ehmke 1994: 335). Die Bevorzugung Lafontaines durch Brandt resultierte neben einer pers\u00f6nlichen Sympathie und N\u00e4he, die sich seit Beginn der 1980er Jahre aufgebaut und intensiviert hatte, besonders auf dessen an medialer Pr\u00e4senz ausgerichteten politischen Stil, seinem taktischen Geschick, seiner F\u00e4higkeit, Menschen zu begeistern sowie seinen politischen \u00dcberzeugungen und Zukunftsvorstellungen (Walter 2002: 221f.; Merseburger 2002: 797).<\/p>\n<p>Nicht nur Willy Brandt hatte sich Oskar Lafontaine als seinen Nachfolger gew\u00fcnscht, sondern auch dessen Altersgenossen favorisierten einhellig den Saarl\u00e4nder, der zu diesem Zeitpunkt bereits erfolgreich als Ministerpr\u00e4sident regierte.2 In Norderstedt wurde allerdings ziemlich schnell deutlich, dass Lafontaine nicht bereit war, diese Verantwortung zu \u00fcbernehmen &#150; es sollte nicht das letzte Mal sein, dass er vor derartigen Aufgaben zur\u00fcckschreckte: 1990 lehnte er abermals den Parteivorsitz ab. Lafontaine war lediglich bereit, als einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden zu kandidieren. &#132;Oskar hat es sich eben einfach noch nicht zugetraut&#148;, kommentierten seine Mitstreiter die Absage (<i>zit. n. S\u00fcddeutsche Zeitung <\/i>vom 25. M\u00e4rz 1987). Andere und Lafontaine selber sagten, dass er bei den &#132;Alten&#148; und der Mehrheit des F\u00fchrungspersonals noch nicht gen\u00fcgend R\u00fcckhalt gehabt habe, um sich und seine Politik durchsetzen zu k\u00f6nnen (vgl. Merseburger 2002: 799).<\/p>\n<p>&#132;Willy Brandts Pl\u00e4nen stand ich selbst skeptisch gegen\u00fcber. Zu jener Zeit traute ich mir den SPD-Vorsitz schlicht und einfach nicht zu. [&#8230;] Ich sp\u00fcrte damals instinktiv, dass nur derjenige die Partei f\u00fchren kann, der aufgrund seiner Erfahrungen und Leistungen von der Mehrheit des F\u00fchrungspersonals akzeptiert wird. Jedenfalls war es Mitte der achtziger Jahre nicht vorstellbar, dass einer aus meiner Generation den Parteivorsitz \u00fcbernehmen w\u00fcrde&#8220;, so Lafontaine besch\u00f6nigend in der R\u00fcckschau (Lafontaine 1999: 15). Dem steht allerdings entgegen, dass im Vorfeld der Entscheidung \u00fcber die Nachfolge f\u00fcr das Amt des Parteivorsitzenden nicht nur Brandt Lafontaine ins Gespr\u00e4ch gebracht hatte, sondern dieser sich selbst st\u00e4ndig durch eine massive Medienpr\u00e4senz und Aufsehen erregende Aktionen, wie die beschriebene Implementierung des Schatzmeisters, in der \u00f6ffentlichen und parteiinternen Diskussion platzierte. Nach der verlorenen Bundestagswahl 1987 war es Lafontaine, der noch vor der Sitzung des Parteivorstandes in Bonn eine Pressekonferenz einberief und damit eine erneute \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber den Kanzlerkandidaten Johannes Rau und seine Wahlkampff\u00fchrung sowie die zuk\u00fcnftige Parteif\u00fchrung in Gang setzte (u.a. S\u00fcddeutsche Zeitung vom 27. Januar 1987). Der saarl\u00e4ndische Ministerpr\u00e4sident forderte, dass die Nachfolgefrage so schnell wie m\u00f6glich zu kl\u00e4ren sei und nicht, wie von der Parteif\u00fchrung geplant, erst auf dem ordentliche Parteitag im Jahr 1988. All dies musste dazu f\u00fchren, dass f\u00fcr Brandt die Absage Lafontaines zur gro\u00dfen pers\u00f6nlichen und politischen Entt\u00e4uschung wurde. &#132;Brandt war von Lafontaine entt\u00e4uscht, weil er aus pers\u00f6nlichen und politischen Gr\u00fcnden abgelehnt hatte, den Parteivorsitz zu diesem Zeitpunkt zu \u00fcbernehmen&#148;, bemerkte Horst Ehmke treffend dazu (Ehmke 1994: 337). Die Absage seines Lieblingsenkels hatte auch weitreichende Konsequenzen f\u00fcr Brandts Konzept der aktiven Nachwuchspolitik, dass die &#132;S\u00f6hne&#8220;-Generation \u00fcbergehen und damit die dringend erforderliche politische und personelle Erneuerung der SPD beschleunigen wollte. Dieser Prozess wurde durch den R\u00fcckzieher Oskar Lafontaines um einige Jahre verz\u00f6gert und hat wahrscheinlich auch die Machtk\u00e4mpfe zwischen den &#132;Enkeln&#148; in den 1990er Jahren beg\u00fcnstigt. Au\u00dferdem hatte Brandt den Widerstand in der Partei bei der Generation derjenigen, die \u00fcbergangen werden sollte, untersch\u00e4tzt. Hans-Jochen Vogel schreibt zwar im R\u00fcckblick, dass er sich &#132;in den kritischen Tagen nicht nach der Nachfolge gedr\u00e4ngt&#148; habe (Vogel 1996: 224). Er hatte allerdings im Vorfeld viel daf\u00fcr getan, sich f\u00fcr das Amt des Parteivorsitzenden im Gespr\u00e4ch zu halten und konnte sich auch der Unterst\u00fctzung seiner Altersgenossen in Vorstand und Partei sicher sein.<\/p>\n<p>In den<i> Erinnerungen <\/i>Willy Brandts wird das Norderstedter Treffen nur mit einem einzigen Satz erw\u00e4hnt &#150; auch dies ein Indiz f\u00fcr die gro\u00dfe Ern\u00fcchterung, die f\u00fcr Brandt damit verbunden war: &#132;Ich f\u00fchlte mich in meinen Vorschl\u00e4gen durch eine lange Aussprache best\u00e4tigt, die ich am voraufgegangenen Wochenende mit j\u00fcngeren Parteif\u00fchrern gehabt hatte.&#148; (Brandt 1994: 371) Dass die am 23. M\u00e4rz 1987 dem SPD-Parteivorstand von Brandt vorgeschlagene L\u00f6sung &#150; Hans-Jochen Vogel als Parteivorsitzender, Oskar Lafontaine und Johannes Rau als neue stellvertretende Vorsitzende &#150; eine \u00dcbergangsl\u00f6sung war, die zun\u00e4chst nur aufgrund der f\u00fcr ihn entt\u00e4uschenden Absage Lafontaines notwendig geworden war, war dem scheidenden Parteivorsitzenden offensichtlich bewusst, denn so hei\u00dft es weiter in seinen autobiographischen Aufzeichnungen: &#132;Es gibt Schlimmeres, als einem anderen Platz zu machen, zumal wenn man wei\u00df, da\u00df eine j\u00fcngere F\u00fchrungsgruppe auf dem Sprung steht und nachr\u00fccken wird.&#148; (ebd.: 372) Die Op-tion einer m\u00f6glichen Kanzlerkandidatur Lafontaines und eine \u00dcbernahme des Parteivorsitzes zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt war bereits bei einem gemeinsamen Gespr\u00e4ch zwischen Brandt, Rau, Vogel und Lafontaine am 13. Februar 1987 er\u00f6rtert worden (Rudolph 2002: 62; Vogel 1996: 223f.).<\/p>\n<p>Dass Lafontaine allerdings als Kanzlerkandidat 1990 in der zentralen Frage der deutschen Wiedervereinigung eine Position einnehmen w\u00fcrde, die der Brandts diametral entgegenstand, konnte 1987 niemand voraussehen. Die Haltung Lafontaines und vieler seiner Altersgenossen, die eine schnelle Wiedervereinigung ablehnten bzw, sich ganz gegen den Zusammenschluss der beiden deutschen Staaten aussprachen, riss einen tiefen Graben zwischen dem einstigen Parteivorsitzenden und die von ihm so favorisierten Enkel (vgl. Merseburger 2002: 844ff.). Auch \u00f6ffentlich machte Brandt kein Hehl aus dem tiefen Zerw\u00fcrfnis, das die Frage der Wiedervereinigung zwischen ihm und seinem einstigen Lieblingsenkel ausgel\u00f6st hatte: Bei der Veranstaltung in der Nacht zum 3. Oktober 1990 vor dem Berliner Reichstag verweigerte Brandt Oskar Lafontaine als einzigem den Handschlag (Thierse 2005).<\/p>\n<h5><span id=\"die-132enkel148-aufstieg-einer-generation\">Die &#132;Enkel&#148;: Aufstieg einer Generation<\/span><\/h5>\n<p>Als Oskar Lafontaine 1990 Kanzlerkandidat und Bj\u00f6rn Engholm 1991 SPD-Vorsitzen-der wurde, hatten die &#132;Enkel&#148; ihren F\u00fchrungsanspruch in der SPD weitgehend durchgesetzt. Diese Gruppe in der SPD konstituierte sich als Generation aufgrund \u00e4hnlicher Erfahrungen seit Ende der 1960er Jahre. Obwohl sie als &#132;68er&#148; etikettiert werden, war kaum einer von ihnen aktiv in die Studentenbewegung involviert. Dennoch teilten sie viele von den politischen Anliegen der APO, wie die kritische Auseinandersetzung mit der Eltemgeneration und ihrer Verstrickung in den NS-Staat, eine Reformierung von Staat und Gesellschaft sowie neue Lebensstile. Bei der Zuschreibung als &#132;68er&#148; ist dann auch die direkte Beteiligung, so hat Heinz Bude herausgearbeitet, von sekund\u00e4rer Bedeutung. Ausschlaggebend sei das Gef\u00fchl, einer Generation anzugeh\u00f6ren, die einen historischen Bruch bewirkt hat (Bude 1995). Die meisten Angeh\u00f6rigen dieser Generation in der SPD trat in der zweiten H\u00e4lfte der 1960er Jahre in die Partei ein, nicht wenige &#150; nach eigenen Aussagen &#150; wegen der Politik Willy Brandts. So k\u00f6nnen die Ausf\u00fchrungen Oskar Lafontaines zu diesem Thema auf dem au\u00dferordentlichen Parteitag der SPD am 14. Juni 1987 als exemplarisch gelten:<\/p>\n<p>Es g\u00e4be &#132;die Generation der 68er, die wegen Willy Brandt den Weg zur SPD gefunden hat. Da wuchs eine Generation heran, die das Reformdefizit des CDU-Staates beklagte, die sich nicht abfinden wollte mit der Verdr\u00e4ngung der Verbrechen des Hitler-Faschismus, die damals in der Zeit des Wiederaufbaus gang und g\u00e4be war. Die nicht mehr schweigen wollte zu den Leiden des Krieges in Vietnam, und die Anschlu\u00df suchte an die demokratischen, sozialistischen Traditionen der Weimarer Republik. In dieser Zeit [&#8230;] war es der aktive Antifaschist Willy Brandt, der dieser jungen Generation die Hand reichte. Nur er konnte es als Antifaschist, weil er die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung verk\u00f6rperte.&#148; (Parteitag 1987: 68f.)<\/p>\n<p>Sie repr\u00e4sentierten einen neuen Typ des SPD-Mitglieds, der den Wandel der Partei zur Volkspartei unterstrich und Ende der 1960er Jahre das Erscheinungsbild der SPD ver\u00e4ndert hatte. Fast alle hatten studiert, einige wie Gerhard Schr\u00f6der auf dem zweiten Bildungsweg. Den Generationenkonflikt und die Radikalisierung trugen sie weniger auf der Stra\u00dfe als vielmehr zwischen Jugendorganisation und Mutterpartei aus. Ihr erstes gro\u00dfes verbindendes Erlebnis war der Juso-Bundeskongress im Dezember 1969 in M\u00fcnchen &#150; hier liegen die Grundlagen f\u00fcr die Netzwerkbildung der &#132;Enkel&#8220;-Generation. Dennoch war es bereits kurze Zeit sp\u00e4ter, auf dem n\u00e4chsten Kongre\u00df 1970 in Bremen, mit der Harmonie vorbei. Die Fl\u00fcgelk\u00e4mpfe zwischen Reformsozialisten, Stamokap-Anh\u00e4ngern und Revisionisten pr\u00e4gten nun f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre die politischen Auseinandersetzungen (S\u00fc\u00df 2004). Diese gingen nicht ohne Verletzungen und Sanktionierungen vonstatten, pr\u00e4gten aber einen spezifischen Politikstil und bef\u00f6rderten Vergemeinschaftungsprozesse dieser Gruppe. Die Generation der &#132;68er&#148; in der SPD verbindet nicht nur die gemeinsame Erfahrung der Umbruchsphase seit Ende der 1960er Jahre. Sie teilen auch eine \u00e4hnliche Lebens- und Aufstiegsgeschichte. Wie Matthias Micus in seiner Studie \u00fcber den Weg der &#132;Enkel&#148; von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zu Beginn der 1990er Jahre detailliert herausgearbeitet hat, weisen die Biografien der f\u00fchrenden Protagonisten der Gruppen trotz mannigfaltiger Unterschiede auch wesentliche Gemeinsamkeiten auf (Micus 2005). Gemeint sind hier im Besonderen das Auf-wachsen in der unmittelbaren Nachkriegszeit und in den 1950er Jahren &#150; nicht selten ohne Vater &#150;, die Herausbildung von fr\u00fcher Selbstst\u00e4ndigkeit, gepaart mit einer gewissen Eigenwilligkeit und dem mehr oder weniger stark ausgepr\u00e4gten Drang zum sozialen Aufstieg (ebd.: 30ff.). Die Wahl der SPD als politisches Bet\u00e4tigungsfeld war bei keinem eine Zwangsl\u00e4ufigkeit, ihre Bindung zur Partei demzufolge pragmatischer als die vor-angegangener Generationen. Dennoch: Die Sozialdemokratie entsprach am ehesten ihren individuellen politischen Zielen und Vorstellungen. Aus den fr\u00fchen Sozialisationsund politischen Erfahrungen resultierten &#150; nach der nicht ganz \u00fcberzeugenden Ansicht von Micus &#150; die egoistischen und auf die eigenen Machtambitionen angelegten R\u00e4nke-spiele und Rivalit\u00e4ten (ebd.: 181). Diese traten am deutlichsten beim Trio Lafontaine, Scharping, Schr\u00f6der zutage, lassen sich aber auch auf anderen Ebenen der Partei in der derselben politischen Generation finden. Die innergenerationellen Konflikte und Machtk\u00e4mpfe sind bekannt und werden als &#132;Kooperationsunf\u00e4higkeit&#148; interpretiert: die Mitgliederbefragung zur Wahl des Parteivorsitzenden 1993, der &#132;Putsch&#148; Lafontaines gegen Scharping auf dem SPD-Parteitag 1995, die Auseinandersetzungen um die Kanzlerkandidatur zwischen Lafontaine und Schr\u00f6der im Vorfeld des Bundestagswahlkampfes im Jahr 1998 (vgl. u.a. Walter 2002: 215ff.). Es stellt sich allerdings die Frage, ob derartige Machtk\u00e4mpfe um die F\u00fchrungsposition zwischen Angeh\u00f6rigen einer politischen Generation nicht typisch sind und nur im Rahmen zeitspezifischer Politikstile differieren. Auch die so genannte Troika Brandt-Wehner-Schmidt war ein Zweckb\u00fcndnis, war durch Auseinandersetzungen und Machtk\u00e4mpfe gekennzeichnet gewesen. Dass es trotzdem nicht zum endg\u00fcltigen Bruch kam, lag nicht zuletzt an der Scheu Willy Brandts vor pers\u00f6nlichen Konflikten, denn sp\u00e4testens nach der Bundestagswahl 1972h\u00e4tte er Wehner als Fraktionsvorsitzenden entlassen m\u00fcssen, als dieser Brandts Anweisungen f\u00fcr die Koalitionsverhandlungen und die personelle Besetzung der Kabinettsposten schlicht ignorierte sowie im folgenden Jahr den Bundeskanzler durch \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen sch\u00e4digte.<\/p>\n<p>&#132;Auch die ,Troika`[&#8230;J hatte sich nicht geliebt, im Alter sogar gehasst. Sie hielten ihren Widerwillen aber lange aus. Zwanzig Jahre bleiben sie zusammen an der Deichsel. Die Partei war ihnen ein lebendiger Organismus, ein Verband zur Ver\u00e4nderung der Gesellschaft. Den Enkeln war sie ein Spielfeld der pers\u00f6nlichen Macht&#148;, so die auf der einen Seite idealisierende und auf der anderen Seite pauschalierende, aber von vielen geteilte Einsch\u00e4tzung von Peter Glotz (Glotz 2005: 311). Die Enkel werden haupts\u00e4chlich auf ihren pers\u00f6nlichen Willen zur Macht, auf die Befriedigung ihres Ehrgeizes so-wie auf den Vorrang individueller vor Parteiinteressen reduziert: Im Zweifel nicht f\u00fcr die Partei, sondern f\u00fcr meinen pers\u00f6nlichen Erfolg (Micus 2005: 165). Dies ist zeitweise sicherlich zutreffend gewesen, l\u00e4sst sich allerdings nicht als spezifisches Kennzeichen dieser SPD-Generationen ausmachen. Denn was ihre parteipolitischen Karrieren angeht, so unterscheiden sie sich kaum von denen vorangegangener Generationen. Alle haben die Ochsentour durch die Partei absolviert. Vom Plakatkleben im Ortsverein, \u00fcber Posten bei den Jusos, in der Lokal- und Regionalpolitik. Seit der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre wurden einige von ihnen Ministerpr\u00e4sidenten und stiegen in den Parteivorstand auf. So wurde beispielsweise Gerhard Schr\u00f6der auf dem Parteitag im August 1986 erstmals in den SPD-Parteivorstand gew\u00e4hlt und im Mai 1990 wurde er dann Ministerpr\u00e4sident von Niedersachsen (zu seiner Biographie vgl. u.a. Urschel 2002; Anda\/Kleine 2002).<\/p>\n<p>In der ersten Regierung Schr\u00f6der fanden sich dann bis auf Bj\u00f6rn Engholm alle &#132;Enkel&#148; wieder &#150; nun hatten sie geschafft, wof\u00fcr sie den &#132;langen Marsch&#148; durch die Partei auf sich genommen hatten. Allerdings war diese Harmonie nur von kurzer Dauer: Der R\u00fcckzug Oskar Lafontaines vom Amt des Finanzministers sowie des SPD-Vorsitzenden im M\u00e4rz 1999, die mehr oder weniger erzwungenen R\u00fccktritte von Herta D\u00e4ubler-Gmelin (2002) und Rudolf Scharping (2002) machten den schwelenden Machtkampf offenbar. Neben Heidemarie Wieczorek-Zeul war es Gerhard Schr\u00f6der, der nicht nur als letzter geblieben ist, sondern den Machtkampf gewonnen hat: &#132;Brandts letzter Enkel hei\u00dft Gerhard Schr\u00f6der&#148; lauteten die Schlagzeilen nach dem endg\u00fcltigen R\u00fcckzug Scharpings aus der aktiven Politik (<i>Financial Times Deutschland <\/i>vom 21. Oktober 2003).<\/p>\n<p>Schr\u00f6der ist es dann auch, der den spezifischen Politikstil dieser Generation wohl am nachdr\u00fccklichsten repr\u00e4sentierte: Er zeichnete sich durch eine hohe Medienpr\u00e4senz und eine aktiv gef\u00f6rderte Bedeutung der Massenmedien in Politik und Politikvermittlung aus (Meng 2002). Schr\u00f6der verstand sich als &#132;Medienkanzler&#148;, der vor allem mit &#132;Bild, BamS und Glotze&#148; die Bev\u00f6lkerung erreichen wollte und damit auch Erfolg hatte. Erst nach der Wahl 2005 beklagte er die Schattenseiten der &#132;Mediendemokratie&#148;, in dem er von &#132;Medienmacht&#148; und &#132;Medienmanipulation&#148; sprach. Dar\u00fcber hinaus pflegte Schr\u00f6der einen F\u00fchrungs- und Regierungsstil, der einerseits stark auf seine Person ausgerichtet war, andererseits die politische Entscheidungsfindung in hohem Ma\u00dfe in au\u00dferparlamentarische Expertengremien verlagerte. Hinzu kam ein anderes Politikverst\u00e4ndnis: Er betrieb eher eine pragmatisch-reformorientierten Politik, die sich nicht da-vor scheute, klassische sozialdemokratische essentials in Frage zu stellen.<\/p>\n<p>Das Verh\u00e4ltnis Schr\u00f6ders zur SPD ist immer als problematisch und distanziert beschrieben worden. Schr\u00f6der sei der &#132;Enkel ohne besonderen Familiensinn&#148; (Herres\/ Waller 1999: 144). Er galt lange als der Prototyp, der seine eigenen Machtambitionen auch schon mal vor die Interessen der Partei stellte. Schr\u00f6der ist dieses Image schwer losgeworden, obwohl es doch in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe Oskar Lafontaine war, der so handelte. Durch sein demagogisches Geschick gelang es Lafontaine allerdings bis zu seinem R\u00fccktritt immer wieder, die &#132;Seele der Partei&#148; anzusprechen und sich als Parteivorsitzender darzustellen, der nur im Sinne der SPD handele. Diejenigen, die ihn allerdings in n\u00e4chster N\u00e4he erlebt hatten, blieben skeptisch. So \u00e4u\u00dferte Hans Apel bereits 1987 seine Bedenken:<\/p>\n<p>&#132;F\u00fcr ihn [Oskar Lafontaine, D.M.] sind Stetigkeit in der Politik, Berechenbarkeit, Grundsatztreue sicher ,Sekund\u00e4rtugenden`. Aus dem Saarland h\u00f6re ich Schilderungen \u00fcber seine politische Anpassungsf\u00e4higkeit, seinen Machtwillen, seinen autorit\u00e4ren F\u00fchrungsstil, die erstaunlich sind.&#148; (Apel 1990: 399)<\/p>\n<p>Schr\u00f6ders Konflikte mit der eigenen Partei bei der Durchsetzung seiner Reformpolitik lie\u00dfen ihn hingegen zeitweise in Gegensatz zu nicht geringen Teilen der SPD geraten und den Eindruck aufkommen, dass er keine sozialdemokratische Politik mehr betreibe. Mittlerweile haben sich die Fronten entsch\u00e4rft und die Partei und ihr ehemaliger Bundeskanzler befinden sich wieder weitgehend im Einklang. Die Durchsetzung neuer Positionen, die Umsetzung von Reformvorhaben oder die Etablierung eines neuen politischen Stils hat auch unter anderen sozialdemokratischen Parteivorsitzenden und Bundeskanzlern zu Konflikten mit der eigenen Partei gef\u00fchrt &#150; das gilt f\u00fcr Willy Brandt genauso wie f\u00fcr Helmut Schmidt. Im Wahlkampf und am Wahlabend 2005 schien Schr\u00f6der mit seiner Partei vers\u00f6hnt und sie mit ihm. Er repr\u00e4sentierte die deutsche Sozialdemokratie wie selten und sprach deren Seele an. Schr\u00f6der steht somit gleichsam f\u00fcr Er-folg und Misserfolg der Enkelgeneration.<\/p>\n<h5><span id=\"erfolg-und-scheitern-einer-aktiven-nachfolgepolitik\">Erfolg und Scheitern einer aktiven Nachfol&shy;ge&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Versucht man die Nachwuchspolitik Willy Brandts als Parteivorsitzender zu bewerten, so kommt man zu einem ambivalenten Ergebnis:<\/p>\n<ol>\n<li>Das Bestreben Brandts seine eigene Nachfolge aktiv zu regeln, war zielorientiert und im Sinne einer notwendigen personellen und politischen Erneuerung der deutschen Sozialdemokratie. Er hatte relativ fr\u00fch erkannt, dass die Generation der &#132;S\u00f6hne&#148;, deren f\u00fchrenden Repr\u00e4sentanten Hans Jochen Vogel und Johannes Rau waren, u.a. aufgrund ihrer Weigerung, die Partei f\u00fcr neue B\u00fcndnisse und Bewegungen zu \u00f6ffnen, nicht dazu geeignet schien, die SPD in das neue Jahrtausend zu f\u00fchren und zukunftsf\u00e4hig zu machen. Die von Brandt betriebene Form einer aktiven Nachwuchspolitik, die nicht nurbestimmte Personen, sondern eine ganze politische Generation f\u00f6rderte, war in dieser Form ein Novum in der Geschichte der bundesrepublikanischen Sozialdemokratie: Nach 1945 griffen zun\u00e4chst die &#132;Alten&#148; wieder nach der politischen Macht. Die erste politische Generation der wieder gegr\u00fcndeten Sozialdemokratie rekrutierte sich aus Politikern, die schon in der Weimarer Zeit aktiv gewesen und zwischen 1875 und 1900 geboren waren, wie Kurt Schumacher, Erich 011enhauer oder die sozialdemokratischen B\u00fcrgermeister deutscher Gro\u00dfst\u00e4dte, wie Ernst Reuter (Berlin), Max Brauer (Hamburg) sowie Wilhelm Kaisen (Bremen). Sie leiteten ihren F\u00fchrungsanspruch aus ihren Aktivit\u00e4ten und ihren Opfern w\u00e4hrend der NS-Zeit in Deutschland oder in den diversen Exill\u00e4ndern ab. Hier hatten sich dann auch Netzwerke gebildet, die noch lange nach 1945 in der SPD Bestand haben sollten und auch politisch\/programmatisch in die Nachkriegspartei hineinwirkten (vgl. Angster 2003). Die n\u00e4chste F\u00fchrungsgeneration k\u00e4mpfte sich langsam nach oben und eroberte F\u00fchrungspositionen in der Bundespartei vor dem Hintergrund der organisatorischen und programmatischen Erneuerung der SPD seit 1958\/59. Diese &#132;Generation der Reformer&#148;, die die SPD bis weit in die 1980er Jahre dominieren sollte und f\u00fcr die Personen wie Willy Brandt, Helmut Schmidt, Karl Schiller oder Heinz K\u00fchn stehen, war nicht durch eine gezielte Nachwuchspolitik an die Macht gekommen &#150; eher das Gegenteil war h\u00e4ufig der Fall (vgl. M\u00fcnke12005b), Brandt hatte aus seinen eigenen oft negativen und schmerzlichen Erfahrungen sowie aus der Einsicht in politische Notwendigkeiten und Entwicklungen die Konsequenz gezogen, selber f\u00fcr einen geordneten Generationswechsel zu sorgen. Die Zeit daf\u00fcr schien g\u00fcnstig: Die Partei befand sich in der Opposition, was immer auch eine Chance zur politischen und personellen Erneuerung bietet. Dar\u00fcber hinaus existierten Mitte der 1980er Jahre keinerlei \u00e4u\u00dferen Sachzw\u00e4nge, die einen Generationswechsel an der Spitze der Sozialdemokratie erschwert h\u00e4tten.<\/li>\n<li>Die Chance, die der von Brandt angestrebte Generationswechsel bedeutet h\u00e4tte, wurde nicht genutzt. Er ist erst zeitverz\u00f6gert und mit starken Reibungsverlusten vollzogen worden. Viele Gr\u00fcnde lassen sich hierf\u00fcr anf\u00fchren: Zum einen hat Brandt zu sp\u00e4t mit seiner Nachwuchspolitik begonnen. Er wird erst zu einem Zeitpunkt aktiv, den Auf-stieg der &#132;Enkel&#148; in zentrale politische F\u00fchrungs\u00e4mter der Partei zu bef\u00f6rdern, als er selbst schon nicht mehr unumstritten als Parteivorsitzender und seine eigene Machtposition deutlich im Schwinden begriffen war. Die Widerst\u00e4nde gegen seine Pl\u00e4ne innerhalb der Partei untersch\u00e4tzt er. Die Zwischengeneration war offensichtlich nicht bereit, ihre eigenen Machtambitionen und Karriereplanungen zugunsten der &#132;Enkel&#148; und dem vermeintlichen bzw. realen Nutzen f\u00fcr die SPD zur\u00fcckzunehmen. Zudem waren es die &#132;Enkel&#148; selbst, allen voran Oskar Lafontaine, die den fr\u00fchzeitigen Generationswechsel an der Spitze der Sozialdemokratie verz\u00f6gert haben. Schlie\u00dflich basierte die Auswahl Lafontaines als &#132;Spitzenenkel&#148; durch Willy Brandt auf einer Fehleinsch\u00e4tzung der Person und deren politischen Zielrichtungen, die sich vielfach erweisen sollte.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dennoch: In der langfristigen Perspektive ist Willy Brandts Nachfolgepolitik trotz innergenerationeller Machtk\u00e4mpfe und Differenzen, trotz vieler R\u00fcckschl\u00e4ge und politischer Pannen weitgehend aufgegangen. Die Generation der &#132;Enkel&#148; hat die SPD nicht nur wieder in die Regierungsverantwortung gef\u00fchrt, sondern viel dazu beigetragen, dass die Partei sich den Anforderungen der unumg\u00e4nglichen Reform von Staat und sozialen Sicherungssystemen angesichts der Herausforderungen von Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit stellt und neue Konzepte entwickelt. K\u00fcnftig wird sich zeigen, wie viel von dieser Politik auch in einer Gro\u00dfen Koalition umgesetzt werden kann und ob es gelingt, die politischen Leistungen der vergangenen Jahre langfristig mit der Generation der &#132;Enkel&#148; assoziierbar zu machen.<\/p>\n<p>* Der Beitrag ist eine leicht \u00fcberarbeitete Version eines Abschnitts aus M\u00fcnke12005a, S. 237-252.<\/p>\n<p>[1] Die Bezeichnung &#132;Enkel&#148; ist mit hoher Wahrscheinlichkeit von Willy Brandt selbst gepr\u00e4gt worden.<br \/>Vgl. allgemein zu Theorie und Terminologie M\u00fcnkler 2004.<br \/>[2] Oskar Lafontaine hatte nach einem erfolgreichen Wahlkampf das Amt im Jahr 1985 \u00fcbernommen. Zu Lafontaines Aufstieg in den 1980er Jahren vgl. Walter 2002: 219ff.; Micus 2005: 81ff.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Anda, Bela\/Kleine, Rolf 2002: Gerhard Schr\u00f6der. Eine Biographie, Berlin<br \/>Angster, Julia 2003: Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie. Die Westernisierung von SPD und DGB, M\u00fcnchen<br \/>Apel, Hans 1990: Der Abstieg. Politisches Tagebuch eines Jahrzehnts, Stuttgart<br \/>Brandt, Willy 1994: Erinnerungen, Berlin<br \/>Bude, Heinz 1995: Das Altern einer Generation: die Jahrg\u00e4nge 1938 bis 1948, Frankfurt\/Main Ehmke 1987: Schreiben Horst Ehmkes an Klaus Wettig vom 9. M\u00e4rz 1987<br \/>Ehmke, Horst 1994: Mittendrin. Von der Gro\u00dfen Koalition zur Deutschen Einheit, Berlin Glotz, Peter 2005: Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzg\u00e4ngers, Berlin<br \/>Herres, Volker\/Waller, Klaus 1999: Gerhard Schr\u00f6der. Der Weg nach Berlin, M\u00fcnchen Lafontaine, Oskar 1999: Das Herz schl\u00e4gt links, M\u00fcnchen<br \/>Meng, Richard 2002: Der Medienkanzler. Was bleibt vom System Schr\u00f6der?, Frankfurt\/Main Merseburger, Peter 2002: Willy Brandt 1913-1992, Vision\u00e4r und Realist, Stuttgart\/M\u00fcnchen<br \/>Micus, Matthias 2005: Die &#132;Enkel&#148; Willy Brandts. Aufstieg und Politikstil einer SPD-Generation,<br \/>Frankfurt\/New York<br \/>M\u00fcnkel, Daniela 2005a: Bemerkungen zu Willy Brandt, Berlin<br \/>M\u00fcnkel, Daniela 2005b: Wer war die &#132;Generation Godesberg&#8220;?; in: Sch\u00f6nhoven, Klaus\/Braun, Bernd (Hg.), Generationen in der Arbeiterbewegung, M\u00fcnchen, S. 243-258<br \/>M\u00fcnkler, Herfried 2004: &#132;Enkel&#148; und &#132;Kronprinzen&#148; &#150; Nachfolgesemantiken der Politik; in: Kaiser, Andre\/Zittel, Thomas (Hg.): Demokratietheorie und Demokratieentwicklung. Festschrift f\u00fcr Peter Graf Kielmannsegg, Wiesbaden, S. 299-316<br \/>Parteitag 1987: Protokoll vom Au\u00dferordentlichen Parteitag der SPD in Bonn, 14. Juni 1987, Bonn o.J., Rudolph, Karsten 2002: Einleitung; in: Die Partei der Freiheit. Willy Brandt und die SPD 1972-1992 (Berliner Ausgabe, Bd. 5), Bonn, S. I5-72<br \/>S\u00fc\u00df, Dietmar 2004: Die Enkel auf den Barrikaden. Jungsozialisten in der SPD in den Siebzigern; in: Archiv f\u00fcr Sozialgeschichte, 44. Jg., S. 67-104<br \/>Thierse, Wolfgang 2005: Rede vom 6. Oktober 2005 bei einer Veranstaltung der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung (Ms.)<br \/>Urschel, Reinhard 2002: Gerhard Schr\u00f6der. Eine Biografie, M\u00fcnchen<br \/>Vogel, Hans-Jochen 1996: Nachsichten. Meine Bonner und Berliner Jahre, M\u00fcnchen\/Z\u00fcrich Walter, Franz 2002: Die SPD. Vom Proletariat zur Neuen Mitte, Berlin<br \/>Wieczorek-Zeul 1987: Schreiben von Heidemarie Wieczorek-Zeul vom 26. Februar 1987 an die SPDEuropabgeordneten<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2266],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11941","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-daniela-muenkel","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Willy Brandt und seine \u201eEnkel\u0094 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/willy-brandt-und-seine-enkel\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Willy Brandt und seine \u201eEnkel\u0094 - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Personalpolitik einer linken Volkspartei* aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 (Heft 3-4\/2005), S .188-198 Mit dem Regierungswechsel im Jahr 1998 ging nicht nur die 16j\u00e4hrige Regierungszeit der CDU unter Helmut Kohl zu Ende, sondern auch ein Generationswechsel vonstatten. 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