{"id":11944,"date":"2005-12-01T12:50:00","date_gmt":"2005-12-01T11:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/linke-perspektiven-ein-aktueller-literaturbericht\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"linke-perspektiven-ein-aktueller-literaturbericht","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/linke-perspektiven-ein-aktueller-literaturbericht\/","title":{"rendered":"Linke Perspektiven. Ein aktueller Literaturbericht"},"content":{"rendered":"<p>aus vorg\u00e4nge Nr. 171\/172: Die Zukunft der Linken, S. 221-234<\/p>\n<p>Die Zukunft der Linken beginnt mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Diese Sonntagsredensentenz bekommt nach einem weitreichenden Machtverlust wie bei der Bundestagswahl im September 2005 eine innere Logik. Was sind die tieferen Ursachen f\u00fcr die Abwahl der rot-gr\u00fcnen Regierung nach sieben Jahren im Amt? Welche Konsequenzen lassen sich daraus ziehen? Schon am Ende der ersten Legislaturperiode analysierten die vorg\u00e4nge die Politik von SPD und Gr\u00fcnen (vorg\u00e4nge 157, Heft 1\/2002: &#8222;Rot-Gr\u00fcn &#8211; eine Bilanz&#8220;). Seither halten sich grunds\u00e4tzlich neue Deutungsversuche in Grenzen, was sich jedoch mit wachsendem Abstand alsbald \u00e4ndern d\u00fcrfte. Eine historische Einordnung jener ersten vier rot-gr\u00fcnen Jahre versuchte bereits ein junger Politikwissenschaftler, Jahrgang 1971:<\/p>\n<p><i>Hans J\u00f6rg Hennecke<\/i>: Die dritte Republik. Aufbruch und Ern\u00fcchterung, Propyl\u00e4en: M\u00fcnchen 2003, 400 S., ISBN 3-549-07194-9; 24 Euro<\/p>\n<p>Hinter einem gro\u00dfsprecherisch-irrigen Titel verbirgt sich eine n\u00fcchterne, leicht lesbare Nacherz\u00e4hlung der Jahre 1998 bis 2002; Thesenfreude und Interpretationsf\u00e4higkeit des Autors \u00fcberschreiten an keiner Stelle mittleres Leitartikelniveau. Noch einmal kann man die Ereignisse von Lafontaines Abgang bis zum Kosovo-Krieg Revue passieren lassen; Neues erf\u00e4hrt man \u00fcber all das nicht. Sinnvoll ist die Einbeziehung der intellektuellen Debatten in dieser zusammenfassenden Politikgeschichte.<\/p>\n<p>Die konkreten Themenfelder der ersten Legislaturperiode nimmt dagegen ein sehr gelungener Sammelband T\u00fcbinger und Heidelberger Politikwissenschaftler unter die Lupe:<\/p>\n<p><i>Christoph Egle<\/i> u.a. (Hgg.): Das rot-gr\u00fcne Projekt. Eine Bilanz der Regierung Schr\u00f6der 1998-2002, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 452 S., ISBN 3-531-13791-3; 32,90 Euro<\/p>\n<p>Manfred G. Schmidt bilanziert die kritisch Sozialpolitik, Lutz Mez f\u00fchrt die positiven Ver\u00e4nderungen in der Energie- und Umweltpolitik auf. In einem spannenden und theoretisch ambitionierten Beitrag wendet Wolfgang Merkel die &#8222;Vetospieler&#8220;-Theorie von George Tsebelis auf Steuer-, Renten- und Arbeitsmarktreform an. Andere Autoren besch\u00e4ftigen sich mit dem Regierungsstil des Kanzlers, Rolf G. Heinze mit dem B\u00fcndnis f\u00fcr Arbeit, Frank R. Pfetsch positiv-sachlich mit der Au\u00dfenpolitik &#8211; kein wesentliches Politikfeld wird vernachl\u00e4ssigt.<br \/>Wer sich speziell f\u00fcr die Sozial- und Wirtschaftspolitik zwischen 1998 und 2002 interessiert, sollte zu folgendem Sammelband greifen:<\/p>\n<p><i>Antonie Gohr\/Martin Seeleib-Kaiser<\/i> (Hgg.): Sozial- und Wirtschaftspolitik unter Rot-Gr\u00fcn, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 361 S., 3-531-14064-7; 34 Euro<\/p>\n<p>Nach theoretischen Beitr\u00e4gen zu Beginn, die auch die Ver\u00e4nderungen der Sozialsstaatsprogrammatik in den Parteien spiegeln, steht die Empirie der vielen politischen Teilbereiche, von Finanz- bis Armutspolitik, aber auch Bildung und Migration. Eine Fortsetzung beider Sammelb\u00e4nde f\u00fcr die Zeit bis 2005 w\u00e4re zu w\u00fcnschen (vgl. auch den Beitrag von Stephan Lessenich in diesem Heft).<\/p>\n<p>Der tragenden Regierungspartei folgte \u00fcber die Jahre stets ein kritischer Schatten: Franz Walter, der bekannte Parteienforscher in G\u00f6ttingen, hat seine zahllosen Aufs\u00e4tze \u00fcber die deutsche Sozialdemokratie seit 1999 in einem Band vereint:<\/p>\n<p><i>Franz Walter<\/i>: Abschied von der Toskana. Die SPD in der \u00c4ra Schr\u00f6der, 2. erw. Aufl., VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005, 205 S., ISBN 3-531-34268-1; 21,90 Euro<\/p>\n<p>Rechtmachen kann es der &#8222;Tanker&#8220; (Peter Glotz) dem rastlos kommentierenden Beobachter Walter nie; sichtlich leidet der Autor am Zustand seines Objekts: Mal ist es zu unbeweglich-starr, mal zu wenig traditionsbewusst-verwurzelt; mal zu modern, mal zu unmodern. Insofern liegt Walter mit seinen Analysen fast immer richtig &#8211; es kommt eben auf den Moment an (vgl. den Beitrag von Franz Walter in diesem Heft). Der Autor erweist sich darin unter den politischen Analytikern hierzulande als immer anregender Situationist \u00e1 la Gerhard Schr\u00f6der, wissenschaftlich gewappnet mit Milieutheorien und parteiensoziologischer Unterf\u00fctterung.<\/p>\n<p>Die SPD von unten schildert der am\u00fcsante Erlebnisbericht eines jungen Berliner Journalisten, der sich eines grauen Oktobertages 2003 zum Eintritt in die Partei entschloss:<\/p>\n<p><i>Nicol Ljubic<\/i>: Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt ver\u00e4ndern wollte, DVA: M\u00fcnchen 2004, ISBN 3-421-05775-3; 17,90 Euro<\/p>\n<p>Sein Portr\u00e4t schildert die Krise. Misserfolge auf Delegiertenkonferenzen, widerspenstige W\u00e4hler, M\u00fchsal der Ebene im Wahlkampf &#8211; eine Partei regiert das Land und ist dennoch verzagt. Wenn die Justizministerin zur Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen nach Wedding kommt, interessiert das nur vier Zuh\u00f6rerinnen. G\u00e4nzlich abschrecken l\u00e4sst sich der Autor nicht: immer wieder findet er junge Mitglieder und Funktion\u00e4re, die f\u00fcr ihn Aufbruch und Ver\u00e4nderung verk\u00f6rpern.<\/p>\n<p>Eine Werbung f\u00fcr Rot-Gr\u00fcn ist der folgende Reportageband des Spiegels mitnichten. Viel ist in den letzten Jahren \u00fcber das Verh\u00e4ltnis des Hamburger Nachrichtenmagazins zum Kabinett Schr\u00f6der\/Fischer ger\u00e4tselt worden. Immerhin hatte Begr\u00fcnder Augstein sein Kind einst als &#8222;im Zweifel links&#8220; bezeichnet, wovon zuletzt kaum etwas zu sp\u00fcren war. Die vielen Szenen, die die drei Reporter des Blattes aus den rot-gr\u00fcnen Jahren zusammenf\u00fcgen, sind daher vor allem auch ein Protokoll der eigenen Desillusionierung:<\/p>\n<p><i>Matthias Geyer\/Dirk Kurbjuweit\/Cordt Schnibben<\/i>: Operation Rot-Gr\u00fcn. Geschichte eines politischen Abenteuers, DVA: M\u00fcnchen 2005, 335 S., ISBN 3-421-05782-6; 17,90 Euro<\/p>\n<p>Unfreiwillig offenbart der Band, wie schwer selbst in der &#8222;deutenden Klasse&#8220; die Ankunft in der Regierungsrealit\u00e4t war, wie stark auch hier der utopische \u00dcberschuss der Generation von 68 fortwirkte und Erwartungen an Rot-Gr\u00fcn weckte, die schwerlich einzul\u00f6sen waren. Das hinter die Kulissen blickende Buch ist hilfreich f\u00fcr eine Ph\u00e4nomenologie dieser Jahre; originelle Deutungen der pr\u00e4sentierten Snap-Shots sucht man vergebens.<\/p>\n<p>Noch verliert sich die rot-gr\u00fcne Vorgeschichte gerne in Anekdoten, von Joschkas Turnschuhen bis zur Kabinettslistenspielchen in der Bonner Kneipe Provinz zu Beginn der 1980er Jahre. Eine Marburger politikwissenschaftliche Dissertation geht andere Wege:<\/p>\n<p><i>Thomas Krumm<\/i>: Politische Vergemeinschaftung durch symbolische Politik. Die Formierung der rot-gr\u00fcnen Zusammenarbeit in Hessen von 1983 bis 1991, Deutscher Universit\u00e4ts-Verlag: Wiesbaden 2004, 287 S., ISBN 3-8244-4601-4; 35,90 Euro<\/p>\n<p>Auf der Grundlage von offiziellen Reden und Dokumenten, Presseartikeln und Politikerbriefwechseln rekonstruiert Krumm, ob und wie sich damals eine rot-gr\u00fcne Identit\u00e4t herausbildete, w\u00e4hrend der ersten Phase 1985 bis 1987 (Ministerpr\u00e4sident B\u00f6rner) sowie beim zweiten Anlauf 1991 (Ministerpr\u00e4sident Eichel). Da es sich um den ersten Versuch einer Regierung dieser Art in Deutschland handelte, k\u00e4me diesem Prozess zentrale Bedeutung zu, um auch sp\u00e4ter bei den W\u00e4hlern ggf. abrufbar zu sein. Ein bemerkenswertes Ergebnis dieser theoretisch reflektierten Untersuchung: Der kleine gr\u00fcne Partner war durch seine Medienwirksamkeit eminent erfolgreich bei der Schaffung einer rot-gr\u00fcnen Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Regieren geht \u00fcber studieren: So hie\u00df das politische Sponti-Tagebuch, das der ehemalige hessische Umweltminister Joschka Fischer 1987 \u00fcber seine Amtszeit publizierte. Fast zwanzig Jahre und ein paar \u00c4mter und B\u00fccher sp\u00e4ter verfasste der Au\u00dfenminister erneut eine Bilanz einer Amtszeit, wenn auch nicht in Tagebuchform:<\/p>\n<p><i>Joschka Fischer<\/i>: Die R\u00fcckkehr der Geschichte. Die Welt nach dem 11. September und die Erneuerung des Westens, Kiepenheuer &#038; Witsch: K\u00f6ln 2005, 304 S., ISBN 3-462-03035-3; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Den belesenen Autodidakten Fischer erkennt man am massiven Hang zu sentenzi\u00f6sen Zitaten kluger Denker. Die Weltpolitik hat sich der lebenslang Lernende mit der ihm eigenen Energie gedanklich erschlossen; zwischen Hegel und HIV-Virus bekommen s\u00e4mtliche Ph\u00e4nomene der Moderne ihren geb\u00fchrenden Platz. Ein genuin rot-gr\u00fcnes Erbe, eine spezifisch linke Idee von Weltinnenpolitik vermag man nur schwerlich aus dieser Schrift herauszudestillieren; zu sehr dominiert der intellektuell reflektierte Pragmatismus der Tat dieses Buch. &#8222;&#8218;Ich habe verstanden&#8216;, lautet das Credo aller B\u00fccher von Fischer&#8220; (Heinz Bude): In diesem Sinne liegt hier das Verm\u00e4chtnis eines verwandelten einstigen Linksradikalen vor.<\/p>\n<p>Drei sozialdemokratische Kanzler hat die deutsche Linke seit 1949 gestellt &#8211; und alle drei haben ihre eigene Visualisierung, ja Ikonisierung erlebt. Gerhard Schr\u00f6der hatte einen Hoffotografen, der schon von Machtmenschen wie Mitterand und Kohl gesch\u00e4tzt wurde. Er machte auch vor Doris und dem Ohr des Kanzlers in edel stilisierten Schwarz-Wei\u00df-Aufnahmen nicht halt:<\/p>\n<p><i>Konrad Rufus M\u00fcller<\/i>: Gerhard Schr\u00f6der. Fotografien, Steidl: G\u00f6ttingen 2003, 108 S., ISBN 3-88243-887-8; 28 Euro<\/p>\n<p>Schr\u00f6ders rot-gr\u00fcne Jahre werden in den Bildern von M\u00fcller auf eine eigent\u00fcmliche Art und Weise mit Patina \u00fcberzogen, gleichsam schon in der Gegenwart historisiert. Der Inszenierungswille erscheint so auch in den Szenen des Regierungsalltags und privaten Momenten; eine zus\u00e4tzliche Bedeutungsebene unterlegt M\u00fcller auch noch der beil\u00e4ufigen Zeitungslekt\u00fcre des Kanzlers: Fotos f\u00fcr die Geschichtsb\u00fccher.<\/p>\n<p>Ein zweisprachiger Bildband f\u00fcr Fans wurde dem Kanzler im Sommer 2005 gleichsam als Abschiedsgeschenk zuteil. Hier wird Schr\u00f6dermanie hemmungslos ausgelebt:<\/p>\n<p>W<i>olfgang Behnken<\/i> (Hg.): Mensch, Schr\u00f6der. Der Acker. Der Gerhard. Der Kanzler, teNeues: Kempen 2005, 240 S., ISBN 3-8327-9084-5; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Die Szenen einer demokratischen Regentschaft fangen wiederum M\u00fcller sowie Dieter Blum ein; kurze Essays von Weggef\u00e4hrten von Bodo Hombach bis Klaus Uwe Benneter machen Propaganda. Kopfsch\u00fcttelnd registriert man, dass auch renommierte Hauptstadt-Korrespondenten u.a. von Stern, ZDF und S\u00fcddeutscher Zeitung sich f\u00fcr diese Macht Mensch-Inszenierung mitten im Wahlkampf nicht zu schade waren und willige Mitspieler in diesem Musterbeispiel f\u00fcr Mediokratie wurden. Dass Schr\u00f6ders sozialdemokratische Vorg\u00e4nger keine schlechtere Figur in der visuellen Welt machten, offenbaren die drei folgenden B\u00e4nde. Aus den Best\u00e4nden des Spiegel-Archivs wurde ein Bildband \u00fcber Helmut Schmidt zusammengestellt, der die Karriere des Hamburgers seit seinen Bonner Anf\u00e4ngen verfolgt:<\/p>\n<p><i>Stefan Aust\/Robert Fleck<\/i> (Hgg.): Helmut Schmidt. Ein Leben in Bildern des Spiegel-Archivs, DVA: M\u00fcnchen 2005, 208 S., ISBN 3-421-05888-1; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Ob rauchend in der Kellerbar in seinem Privathaus oder im Regen mit Giscard d&#8217;Estaing, beim Segeln, in der Garage oder von Augstein mit der Axt bedroht: Die Fotos sollen den angeblich sachlichen Pragmatiker menschlich machen. Die Bildsprache hebt Schmidt nicht auf den Sockel, sondern inszeniert warme N\u00e4he.<\/p>\n<p>Willy Brandt war zweifellos derjenige unter allen linken deutschen Politikern im 20. Jahrhundert, der am meisten die Phantasie seiner Mitmenschen angeregt hat. Zwei B\u00e4nde versuchen, seinen visuellen Reizen auf die Spur zu kommen. Andy Warhol, Gerhard Marcks, Johannes und Berhard Heisig, Rainer Fetting und Georg Meistermann haben den Kanzler in ber\u00fchmten Werken zur Kunstfigur und Ikone gemacht:<\/p>\n<p><i>Mirja Linnekugel\/Klaus Wettig<\/i> (Hgg.): Willy Brandt &#8211; Portr\u00e4ts, Parthas: Berlin 2002, 93 S., ISBN 3-932529-47-2; 17,80 Euro<\/p>\n<p>Georg Meistermann hat in seinem Portr\u00e4t aus dem Jahr 1977 jene inspirative Verschwommenheit Brandts vielleicht am besten eingefangen. Neben den Skulpturen und Bildern stehen in diesem Band Essays von und \u00fcber den Entstehungsprozess der einzelnen Werke, die offenbaren, wie stark Brandts Wesensz\u00fcge kreatives Potential gebunden und entz\u00fcndet haben.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Spiegel-Fotograf Jupp Darchinger ist diesen Eigenschaften Brandts ebenfalls des\u00f6fteren verfallen; viele ber\u00fchmte Fotos des Kanzlers stammen von ihm, so vom Kniefall in Warschau oder des legend\u00e4ren Auftritts am Fenster seines Hotels in Erfurt:<\/p>\n<p><i>Mirja Linnekugel\/Klaus Wettig<\/i> (Hgg.): Willy Brandt &#8211; K\u00e4mpfer und Vision\u00e4r. Fotografien von Jupp Darchinger, Parthas: Berlin 2004, ISBN 3-936324-08-5; 29 Euro<\/p>\n<p>Angesichts dieser drei Bildb\u00e4nde scheint zumindest nach 1945 die politische Linke visuell an- und aufregender als ihr politisches Gegen\u00fcber gewesen zu sein. Wie wird k\u00fcnftig das nationale Bildged\u00e4chtnis mit dieser Hinterlassenschaft umgehen?<\/p>\n<p>Die Schwarz-Wei\u00df-Aufnahmen f\u00fchren auch zur\u00fcck in die drei Jahre, in der die linke Volkspartei schon einmal Juniorpartner in einer Bundesregierung war. 1966 bis 1969 war Brandt Vizekanzler und Au\u00dfenminister in der Gro\u00dfen Koalition. In einem volumin\u00f6sen Synthese hat der Mannheimer Historiker Klaus Sch\u00f6nhoven die SPD jener Jahre untersucht:<\/p>\n<p><i>Klaus Sch\u00f6nhoven<\/i>: Wendejahre. Die Sozialdemokratie in der Zeit der Gro\u00dfen Koalition 1966-1969, Dietz: Bonn 2004, 734 S., ISBN 3-8012-5021-0; 58 Euro<\/p>\n<p>Das Buch wird zum Standardwerk jener bundesrepublikanischen Sattelzeit werden. Beeindruckend ist die stupende Sachkenntnis, mit der das komplizierte Man\u00f6vrieren der SPD auf dem Weg zur Macht in allen Details anschaulich geschildert wird. Es bleibt auch im R\u00fcckblick ein Ph\u00e4nomen, wie zwei Partner mit sehr unterschiedlichen Auffassungen auf fast allen Politikfeldern drei Jahre lang vergleichsweise erfolgreich regieren konnten. Erkl\u00e4rbar ist dies vor allem durch den unbedingten Machtwillen einer nach langen Durststrecken endlich in Regierungs\u00e4mtern gelangten sozialdemokratischen Politikerriege: sie wollten den Erfolg, um irgendwann den Kanzler zu stellen. Es war eine SPD im Aufstieg &#8211; und gerade das ist es, was die SPD gegenw\u00e4rtig in der zweiten Gro\u00dfen Koalition nicht ist. Eine Erfolgsgeschichte mag man unter diesen Umst\u00e4nden kaum prophezeien.<\/p>\n<p>Einen schonungslosen Blick f\u00fcr die Schw\u00e4chen seiner Partei hatte von jeher einer der bedeutendsten intellektuellen K\u00f6pfe der SPD: ihr ehemaliger Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer Peter Glotz, der im August 2005 verstarb.<\/p>\n<p><i>Peter Glotz<\/i>: Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzg\u00e4ngers, Econ: Berlin 2005, 342 S., 3-430-13258-4; 24,90 Euro<\/p>\n<p>In seinen kurz vor seinem Tod fertiggestellten Memoiren \u00fcberlagert die k\u00fchle N\u00fcchternheit oft die Sympathie des Autors f\u00fcr seine Genossen, zu denen er 44 Jahre geh\u00f6rte; in den letzten Jahren hatte er sich von der herrschenden &#8222;Enkelei&#8220; (Glotz) mehr und mehr zur\u00fcckgezogen. Brillant sind seine umstandslosen, zugespitzten Skizzen, so das durchaus positive, genaue Portr\u00e4t von Hans-Jochen Vogel. Peter Glotz verk\u00f6rperte beides: die Erfolgsgeschichte der linken Volkspartei, der es gelang, Wissenschaftler und kluge K\u00f6pfe wie ihn an sich zu binden, wie auch die Grenzen, die dem Einfluss solcher Gestalten innerparteilich letztlich gesetzt waren. Glotz&#8216; Erinnerungen geh\u00f6ren sicher zu den aussagekr\u00e4ftigsten Dokumenten \u00fcber linke Werdeg\u00e4nge nach 1945.<\/p>\n<p>Die meisten Linken schlugen in den 1960er Jahren einen radikaleren Weg als Glotz ein: 1968 ist die Chiffre, unter die Geschichte der Au\u00dferparlamentarischen Linken in Deutschland firmiert &#8211; diese war in wesentlichen Teilen zudem eine antiparlamentarische Linke. Nun hatte die \u00dcberwindung der parlamentarisch bem\u00e4ntelten Klassenherrschaft seit jeher auf der linken Agenda gestanden. In der krisengesch\u00fcttelten Weimarer Republik war das antiparlamentarische Denken nicht nur auf der Rechten eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, sondern auch die Linke k\u00e4mpfte gegen die Republik. Deren Denken zusammenfassend zu interpretieren, ist das Verdienst einer Bonner Dissertation:<\/p>\n<p><i>Riccardo Bavaj<\/i>: Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik, Dietz: Bonn 2005, 535 S., ISBN 3-8012-4155-6; 36 Euro<\/p>\n<p>Als Komplement\u00e4rst\u00fcck zur klassischen Studie von Kurt Sontheimer \u00fcber das antidemokratische Denken auf der Rechten stellt der Autor zun\u00e4chst den linken Antiparlamentarismus in der Politik (Kommunisten, Anarchisten, USPD u.a.), dann im Kulturleben vor (u.a. Gustav Landauer, Ossietzkys Weltb\u00fchne, Kurt Tucholsky, der Malik-Verlag, Johannes R. Becher). Zwar ist die ideelle Mitschuld am Untergang der Demokratie nicht von der Hand zu weisen. Jedoch w\u00e4re die historisierende Frage nach den Ursachen, warum in Deutschland der intellektuelle Radikalismus jener Jahre st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt war als in anderen L\u00e4ndern, wichtig gewesen. Anlass zur linken Selbstkritik bietet jedoch diese Studie einmal mehr: Denn die strukturelle Schw\u00e4che der deutschen Linken in den vergangenen Jahrzehnten hat sicher auch etwas mit dem fr\u00fchen und weit verbreiteten Radikalismus zu tun, den es beispielsweise in Gro\u00dfbritannien nie gab, und wo Labour daher weitaus h\u00e4ufiger Vertrauen der W\u00e4hler erwerben konnte.<\/p>\n<p>Die deutsche au\u00dferparlamentarische Linke der 1960er Jahre kn\u00fcpfte jedenfalls wieder in vielem an ihre radikalen Vorl\u00e4ufer an: Georg Luk\u00e1cs&#8216; Geschichte und Klassenbewu\u00dftsein von 1923 wurde eifrig studiert. Einen sch\u00f6nen \u00dcberblick \u00fcber die damalige Diskurslandschaft vermittelt ein Kompendium aus dem Hause Suhrkamp:<\/p>\n<p><i>Rudolf Sievers<\/i> (Hg.): 1968. Eine Enzyklop\u00e4die, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2004, 490 S., ISBN 3-518-12241-x; 15 Euro<\/p>\n<p>Die damals (wieder) wichtigen Texte finden sich hier in Ausz\u00fcgen, neben Luk\u00e1cs Peter Weiss&#8216; Ermittlung, vieles von Adorno bis Habermas und Wilhelm Reich, von Dutschke, Krahl bis Enzensberger. Nostalgie mag nicht recht aufkommen; zu historisch erscheinen den Nachlebenden die aufgeregten Debatten. Ob die Zukunft der Linken sich erneut an einer aktualisierenden Lekt\u00fcre von Herbert Marcuses Repressiver Toleranz entz\u00fcnden k\u00f6nnte, darf f\u00fcglich bezweifelt werden. Dass es ein Jahr des Aufbruchs war, von dem &#8211; gewollt oder ungewollt &#8211; nachhaltige Liberalisierungssch\u00fcbe in den westlichen Gesellschaften ausgingen, ist mittlerweile jedoch unstrittig. Der amerikanische Autor Mark Kurlansky hat die Aufregungen jenes Jahres zusammengedacht und ein brillantes Hohelied der Emanzipation angestimmt:<\/p>\n<p><i>Mark Kurlansky<\/i>: 1968. Das Jahr, das die Welt ver\u00e4nderte, Kiepenheuer &#038; Witsch: K\u00f6ln 2005, 461 S., ISBN 3-462-03618-1; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Modisches 68er-Bashing will es hierzulande oft verdr\u00e4ngen: Hinter der Chiffre &#8222;1968&#8220; versammeln sich nicht nur ideologische Eiferer, sondern auch die weltweiten Proteste gegen den Vietnam-Krieg oder der Prager Fr\u00fchling und dessen Niederschlagung durch die Armeen des Warschauer Pakts. Kurlansky inszeniert folgerichtig eine globale Kultur- und Gesellschaftsgeschichte jenes Jahres, zwischen Chicago, Warschau, dem Wenzelsplatz in Prag und den Olympischen Spielen in Mexiko, LSD, Panzern und Rock &#8217;n &#8218;Roll.<\/p>\n<p>Die zentrale Figur der APO hierzulande wurde rasch zur Pop-Ikone: Rudi Dutschke. Ein Journal der taz m\u00f6chte das Charisma von Rudi f\u00fcr die Nachlebenden reaktivieren:<\/p>\n<p><i>Tazjournal<\/i> 1\/2006: Dutschke und Du. Ver\u00e4ndern, k\u00e4mpfen, leben: Was wir von Rudi Dutschke lernen k\u00f6nnen, taz Verlag: Berlin 2006, ISBN 3-937683-04-6; 8 Euro<\/p>\n<p>Interviews mit Klaus Theweleit, Beate Klarsfeld und Gretchen Dutschke sollen das Ph\u00e4nomen Dutschke erkl\u00e4ren, der Autor Joachim Lottmann darf Rudis legend\u00e4ren Strickpulli deuten (eine Strickanleitung findet sich ebenso dort). Allzuviel Erkenntnisgewinn darf man sich bei der Lekt\u00fcre nicht versprechen, zumal die Gewaltfrage nonchalant abgehandelt wird &#8211; die gelungene Anmutung des Heftes wird f\u00fcr eine ironisch angestrebte Dutschke-Renaissance unter den J\u00fcngeren nicht ausreichen. Nachdenklich stimmt die Lekt\u00fcre des Briefwechsels zwischen Dutschke und seinem im Gef\u00e4ngnis sitzenden Attent\u00e4ter Josef Bachmann: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Bachmann in seinem primitiven, fehlerhaften Schreiben der kl\u00fcgere politische Kopf ist.<\/p>\n<p>Ein Zeitzeuge hat seine Erinnerungen an jene Jahre aufgeschrieben: Ulrich Enzensberger, j\u00fcngerer Bruder von Hans Magnus, war Mitbegr\u00fcnder der legend\u00e4ren Kommune I und schildert deren Existenz im aufgeregten West-Berlin jener Jahre in einem launig gehaltenen R\u00fcckblick, dessen detailfreudige Anekdotenseligkeit auf Dauer st\u00f6rt:<\/p>\n<p><i>Ulrich Enzensberger<\/i>: Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967-1969, Kiepenheuer &#038; Witsch: K\u00f6ln 2004, 415 S., ISBN 3-462-03413-8; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Verfremdungseffekte bei der Lekt\u00fcre treten ein: die Relevanz all der (theoretischen wie praktischen, zudem in Grundz\u00fcgen lange bekannten) Windungen jener Truppe erschlie\u00dft sich nur schwer. Die legend\u00e4ren Figuren Kunzelmann, Dutschke, Teufel, Obermaier, Langhans haben alle ihren mehrfachen Auftritt. Eine Groteske war es ebenso wie eine Farce: Doch Enzensberger kann durch seine ironische Distanz kaum kenntlich machen, welche Bedeutung dieses Lebensformexperiment f\u00fcr die Bundesrepublik hatte.<\/p>\n<p>Ein bemerkenswertes, ebenfalls autobiographisches Buch \u00fcber jene Jahre hat der Schriftsteller Uwe Timm verfasst. Er war Anfang der 1960er Jahre mit Benno Ohnesorg befreundet, als beide in Braunschweig das Abitur nachholten. Jahre sp\u00e4ter h\u00f6rt er im Radio in Paris, dass der Freund erschossen wurde:<\/p>\n<p><i>Uwe Timm<\/i>: Der Freund und der Fremde. Eine Erz\u00e4hlung, Kiepenheuer &#038; Witsch: K\u00f6ln 2005, 173 S., ISBN 3-462-03609-2; 16,90 Euro<\/p>\n<p>Es ist ein sp\u00e4ter Freundschaftsdienst, den Timm mit seinen pers\u00f6nlichen Erinnerungen an Ohnesorg in diesem B\u00e4ndchen leistet. Gemeinsame Gespr\u00e4che \u00fcber Literatur und Liebe tauchen auf, gemeinsame Museumsbesuche; Rodins Ku\u00df wird gemeinsam angeschaut und diskutiert. Timm forscht heute nochmals nach, f\u00e4hrt in ihr gemeinsames Kolleg und stellt die Frage, wer dieser junge Mann h\u00e4tte werden k\u00f6nnen. Manchmal st\u00f6rt Pathos, doch auch das geh\u00f6rt wohl zum Nachhall jener Jahre.<\/p>\n<p>Zur n\u00f6tigen aktuellen Selbstaufkl\u00e4rung der Linken geh\u00f6rt die historisierende Frage nach der Gewalt innerhalb der 68er-Bewegung. Am Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung arbeitet sich Wolfgang Kraushaar seit Jahren ausdauernd an ihr ab (vgl. auch seinen Beitrag in diesem Heft). Seine j\u00fcngste Untersuchung ist eine mit kriminalistischem Sp\u00fcrsinn verfasste Milieustudie, die offenbart, wie es in der West-Berliner Szene schon 1969 eine Bereitschaft zum Bombenattentat gab, lange vor der RAF:<\/p>\n<p><i>Wolfgang Kraushaar<\/i>: Die Bombe im j\u00fcdischen Gemeindehaus, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 300 S., ISBN 3-936096-53-8; 20 Euro<\/p>\n<p>Jenseits der Frage, inwiefern der Verfassungsschutz \u00fcber seinen Spitzel Peter Urbach beteiligt war, erkennt Kraushaar antisemitische Z\u00fcge in der linksradikalen Subkultur, vor allem bei Dieter Kunzelmann. Der &#8222;antisemitische Latenzzusammenhang&#8220; bewirkte, dass die Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 im J\u00fcdischen Gemeindehaus eine Bombe &#8222;gegen den Zionismus&#8220; explodieren lassen wollten (was durch Zufall verhindert wurde). Minuti\u00f6s rekonstruiert Kraushaar ein Milieu, das einen kumulativen Radikalisierungsprozess erlebte.<\/p>\n<p>Ein kleines B\u00e4ndchen des Hamburger Instituts hat 2005 f\u00fcr Aufsehen gesorgt:<\/p>\n<p><i>Wolfgang Kraushaar\/Karin Wieland\/Jan Philipp Reemtsma<\/i>: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, Hamburger Edition: Hamburg 2005, 143 S., ISBN 3-936096-54-6; 12 Euro<\/p>\n<p>Gibt es einen urs\u00e4chlichen Zusammenhang zwischen 1968 und dem Abgleiten in die Gewalt der RAF? Karin Wieland schildert in einem brillanten Psychogramm die &#8211; r\u00fcckblickend so schwer erkl\u00e4rliche &#8211; Aura von Baader, die wesentlich zur Formierung der RAF beitrug, Wolfgang Kraushaar belegt die Gewaltoption im politischen Horizont Dutschkes, um die Revolution mithilfe der Stadtguerilla herbeizuk\u00e4mpfen. Dass der Dutschke-Mythos zur Revitalisierung einer demokratischen linken Bewegung hierzulande kaum taugt, wird \u00fcberdeutlich.<\/p>\n<p>Die Gewalt kulminierte ein Jahrzehnt sp\u00e4ter im &#8222;Deutschen Herbst&#8220; 1977. Dass die Zeitgeschichte noch raucht, selbst im Gewand der Kunst, belegte zuletzt die eigenartige Vorab-Kontroverse um die Berliner RAF-Ausstellung, die zu Beginn des Jahres 2005 in den Kunstwerken gezeigt wurde:<\/p>\n<p><i>Klaus Biesenbach<\/i> (Hg.): Zur Vorstellung des Terrors. Die RAF. 2 Bde., Steidl: G\u00f6ttingen 2005, 710 u. 278 S., ISBN 3-86521-102-X; 50,40 Euro<\/p>\n<p>Der umfangreiche Dokumentationsband f\u00fchrt anhand der faksimilierten Presseberichte die Geschichte von Gewalt und Gegengewalt in Deutschland von den Sch\u00fcssen auf Benno Ohnsorg 1967 bis zur Aufl\u00f6sungserkl\u00e4rung der RAF 1998 vor Augen &#8211; eine eindrucksvolle Inszenierung um die jeweiligen Entf\u00fchrungen und Anschl\u00e4ge im &#8222;roten Jahrzehnt&#8220; (Gerd Koenen). Der zweite Band pr\u00e4sentiert die Werke, die K\u00fcnstler in Auseinandersetzung mit der RAF (u.a. Polke, Kippenberger, Gerhard Richter, Beuys) schufen, sowie zahlreiche kunsthistorische und zeitgeschichtliche Essays. Gro\u00dfe Kunst sucht man weitgehend vergeblich, dazu war die RAF offenbar doch nicht inspirierend genug. Der zeithistorische Geleitschutz f\u00fcr die Ausstellung ist ohnehin unn\u00f6tig gewesen. Zu den Figuren des 68er-Milieus, deren Leben dereinst verfilmt werden d\u00fcrfte, geh\u00f6rt nicht nur Joschka Fischer. Sein Freund Otto Schily verk\u00f6rpert mit seinem politischen Werdegang vom Anwalt der RAF-Terroristen bis zu seiner 7j\u00e4hrigen Amtszeit als in Sachen B\u00fcrgerrechten unempfindlicher Innenminister eine spezielle Entwicklung der deutschen Linken nach 1945. Der taz-Redakteur Stefan Reinecke hat diese facettenreiche Lebensgeschichte aufgeschrieben:<\/p>\n<p><i>Stefan Reinecke<\/i>: Otto Schily. Vom RAF-Anwalt zum Innenminister. Biografie, Hoffmann und Campe: Hamburg 2003, 399 S., ISBN 3-455-09415-5; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Als kultivierter Hobbypianist aus b\u00fcrgerlichem Haus, mit anthroposophischem Hintergrund fremdelte &#8222;der Otto&#8220; Zeit seines Lebens: ob als Anwalt im Berliner linksradikalen Milieu, ob als gr\u00fcner Bundestagsabgeordneter mit Krawatte, ob nach seinem \u00dcbertritt in die SPD unter den bayrischen Genossen seines Landesverbandes. Vielleicht hat er erst als autorit\u00e4rer Innenminister zu seiner eigentlichen Rolle gefunden: endlich nicht mehr K\u00e4mpfer f\u00fcr das Recht, sondern dessen Verk\u00f6rperung &#8211; wie auch immer das dann aussehen mag. F\u00fcr Schily selbst, der sich erstaunlicherweise immer noch als gr\u00fcner Linker in der SPD f\u00fchlt, gibt es \u00fcbrigens keine Br\u00fcche in seiner Vita &#8211; eine Illusion zur Lebensbew\u00e4ltigung, wie sein Biograf treffend bemerkt. Auf ganz andere Art und Weise bruchlos d\u00fcrfte sich ein linker Anwaltskollege Schilys f\u00fchlen: Klaus Staeck, geboren 1938, seit 1960 SPD-Mitglied, seit 1983 Beiratsmitglied der HUMANISTISCHEN UNION, ist bekannt geworden als der bedeutendste politische Plakatk\u00fcnstler hierzulande. Nichts ist erledigt: so hie\u00df programmatisch die j\u00fcngste Werkschau seiner jahrzehntelangen und unerm\u00fcdlichen visuellen Gesellschaftskritik:<\/p>\n<p><i>Klaus Staeck<\/i>: Nichts ist erledigt. Eine Retrospektive, Steidl: G\u00f6ttingen 2004, 183 S., ISBN 3-86521-096-1; 25 Euro<\/p>\n<p>Staecks Schaffen mag durch viele wiederholte Ver\u00f6ffentlichungen einen gewissen \u00dcbers\u00e4ttigungseffekt ausgel\u00f6st haben. Umso angenehmer \u00fcberrascht wird man von Vielf\u00e4ltigkeit und Formenreichtum seiner Montagen und Fotografien, sobald man diesen Band zur Hand nimmt. Er beherrscht viele Register: von knalliger Propaganda bis zur subtilen Anspielung. Oskar Negt, ein linker Weggef\u00e4hrte Staecks, schildert in dem Katalog, wie er ihn 1962 im Heidelberger SDS kennenlernte.<\/p>\n<p>Die Freunde Negt und Staeck arbeiten seit Jahrzehnten unverdrossen an linken Perspektiven. Dazu geh\u00f6rt auch der Kampf gegen die Krise der Gewerkschaften, f\u00fcr den Negt mit einer kleinen Streitschrift mobil machen m\u00f6chte:<\/p>\n<p><i>Oskar Negt<\/i>: Wozu noch Gewerkschaften? Eine Streitschrift, Steidl: G\u00f6ttingen 2005, 175 S., ISBN 3-86521-165-8; 5 Euro<\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten mit der Gewerkschaftsarbeit eng verbunden, pl\u00e4diert Negt f\u00fcr eine Ausweitung gewerkschaftlicher Aktivit\u00e4ten \u00fcber die Mitgliederinteressen hinaus. Bildung und Kultur, lokale Verantwortung und Engagement, &#8222;au\u00dferbetriebliche Erfahrungsr\u00e4ume&#8220;: all das seien Aufgaben f\u00fcr Gewerkschaften heute. Da klingt doch recht viel Nostalgie hindurch, gepr\u00e4gt von einer vergangenen gewerkschaftlichen Reformarbeit. Wichtiger als eine inhaltliche scheint eine r\u00e4umliche Ausweitung der Kampfzone, die konsequente Internationalisierung der Gewerkschaften, um auf Abwanderungen und Verdr\u00e4ngungen irgendwann einmal wirkungsvoll reagieren zu k\u00f6nnen. Haben die Gewerkschaften noch eine Zukunft? Die Frage wird im folgenden Buch bejaht &#8211; falls sie zu Reformmotoren mutieren:<\/p>\n<p><i>Gabriele Stief<\/i>: Nur wer mitgestaltet, \u00fcberlebt. Gewerkschaft als Motor, Aufbau: Berlin 2005, 202 S., ISBN 3-351-02604-8; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Die Autorin, Redakteurin bei der Hannoverschen Allgemeinen, hat ein eing\u00e4ngiges Mutmachbuch geschrieben, das vor allem die Erfahrungen der IG Bergbau, Energie, Chemie sehr gef\u00e4llig-unkritisch vorstellt. Zu Beginn stehen Portr\u00e4ts von Hermann Rappe und Hubertus Schmoldt, dem &#8222;Lieblingsgewerkschafter&#8220; Schr\u00f6ders, den beiden pragmatisch-rechten Gewerkschaftsf\u00fchrern unterschiedlicher Generationen. In den folgenden Kapiteln werden die Auseinandersetzungen innerhalb des DGB, das Verh\u00e4ltnis zur Regierung, die Konsequenzen aus der Globalisierung der M\u00e4rkte geschildert und die Pionierrolle der IGBCE bei der tariflichen Altersvorsorge geschildert. Am Ende streiten Schmoldt und Oskar Negt recht zahm miteinander.<\/p>\n<p>Wer alles \u00fcber Gewerkschaften wissen m\u00f6chte, der sollte zu folgendem Handbuch greifen, in dem kein Aspekt der gewerkschaftlichen Realit\u00e4t der Gegenwart ausgespart bleibt:<\/p>\n<p><i>Wolfgang Schroeder\/Bernhard We\u00dfels <\/i>(Hg.): Die Gewerkschaften in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland. Ein Handbuch, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden 2003, 725 S., ISBN 3-531-13587-8; 42,90 Euro<\/p>\n<p>Die durchweg profunden Beitr\u00e4ge sind allesamt von einschl\u00e4gigen Experten verfasst: So schreibt Klaus Sch\u00f6nhoven einen \u00dcberblick zur Geschichte und Wolfgang Streeck vergleichend zur Entwicklung in den anderen L\u00e4ndern Westeuropas. Tarif- und Mitbestimmungspolitik werden ebenso vorgestellt wie Rolle der Funktion\u00e4re sowie rechtliche Grundlagen, Fusionsprozessen und Mitgliederentwicklung. Am Ende besch\u00e4ftigen sich mehrere Beitr\u00e4ge mit den Chancen und M\u00f6glichkeiten internationaler Gewerkschaftsarbeit.<\/p>\n<p>Der langj\u00e4hrige Justitiar der IG Metall und Kasseler Emeritus Michael Kittner hat eine gro\u00dfangelegte Geschichte des Arbeitskampfes vom Alten \u00c4gypten bis zur Gegenwart verfasst, angereichert mit \u00fcber 65 Fallschilderungen. Sie verkn\u00fcpft Rechts- und Sozialgeschichte mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen in den verschiedenen L\u00e4ndern und Kulturen:<\/p>\n<p><i>Michael Kittner<\/i>: Arbeitskampf. Geschichte &#8211; Recht &#8211; Gegenwart, C. H. Beck: M\u00fcnchen 2005, 784 S., ISBN 3-406-53580-1; 39,90 Euro<\/p>\n<p>Trotz des Formwandels in den Arbeitsk\u00e4mpfen, den der Autor in einer beeindruckend flei\u00dfigen Anstrengung schildert, ist der Ausklang seiner Untersuchung nicht sonderlich optimistisch gestimmt: zu schwierig sei es f\u00fcr Massenorganisationen wie Gewerkschaften, sich auf die individualisierten Lebenswelten des 21. Jahrhunderts einzustellen. Doch gesellschaftliche K\u00e4mpfe um Anteil an erwirtschaftetem Verm\u00f6gen wird es immer geben &#8211; sie werden nur auf neuartige Weise ausgetragen werden.<\/p>\n<p>Auch in der Bundesrepublik waren Gewerkschaften einst Motor eines gesellschaftlichen Wandels: So sorgten sie in den 1950er Jahren parallel zur SPD f\u00fcr den Abschied vom alten Klassenkampfmodell, hin zu einem reformlinken Programm mit einer Akzeptanz der Marktwirtschaft. Die Historikerin Julia Angster kann belegen, wie dieser Prozess von der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung bef\u00f6rdert wurde:<\/p>\n<p><i>Julia Angster<\/i>: Konsenskapitalismus und Sozialdemokratie. Die Westernisierung von SPD und DGB, Oldenbourg: M\u00fcnchen 2003, 538 S., ISBN 3-486-56676-8; 69,90 Euro<\/p>\n<p>Ein transatlantisches Netzwerk war durch die Emigration von Gewerkschaftsfunktion\u00e4ren nach 1933 in die USA entstanden. Amerikanische Kollegen unterst\u00fctzen nach 1945 den Aufbau der bundesdeutschen Gewerkschaften, nicht zuletzt um ein antikommunistisches Bollwerk zu schaffen. In der Folge jedoch gelang den Gewerkschaften eine Erfolgsgeschichte, weil sie im Unterschied zur Zersplitterung in der Weimarer Zeit zu einer weitgehend einheitlichen Kraft wurden, deren R\u00fcckhalt auch in der sich langsam entproletarisierenden Arbeitnehmergesellschaft des Wirtschaftswunders wuchs. In vergleichbarem Internationalismus k\u00f6nnte k\u00fcnftig das gr\u00f6\u00dfte Gestaltungspotential der Gewerkschaften liegen.<\/p>\n<p>Braucht es hierf\u00fcr noch die gesellschaftliche Organisationsform Staat? Erhard Eppler, seit vielen Jahren einer der einflussreichsten klugen K\u00f6pfe innerhalb der SPD und 19 Jahre lang Vorsitzender ihrer Grundwertekommission, hat sich den Staat angeschaut, der unter Druck von Finanzm\u00e4rkten und globalen Konzernen geraten ist:<\/p>\n<p><i>Erhard Eppler<\/i>: Auslaufmodell Staat?, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2005, 230 S., ISBN 3-518-12462-5; 9 Euro<\/p>\n<p>Nach dem weltweiten Siegeszug des Neoliberalismus bedarf es Eppler umso dringender einer Renaissance von Staatlichkeit. Er benennt dabei auch den Finger auf links-alternative Lebensl\u00fcgen: Zu sehr h\u00e4tte man dort auf die Zivilgesellschaft als sympathischen Akteur gesetzt und den Staat zu lange als Gegner betrachtet. Jedoch sei der Staat die einzige Organisationsform, die potentiell allen Beteiligten, gerade den Schwachen Teilhabe sichern k\u00f6nne. Epplers Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Zukunft des Staats als ziviler Notwendigkeit \u00fcberzeugt &#8211; eine Instandbesetzung w\u00e4re ein lohnendes linkes Projekt.<\/p>\n<p>Erschwerend mag dabei ins Gewicht fallen, dass die gro\u00dfen sozialen Ideen in Deutschland oft in einer staatskritischen Tradition stehen. Davon zeugt auch ein tausendseitiges Handbuch, das die drei gro\u00dfen Ideenstr\u00e4nge umfassend vorstellt:<\/p>\n<p><i>Helga Grebing<\/i> (Hg.): Geschichte der sozialen Ideen in Deutschland. Sozialismus &#8211; Katholische Soziallehre &#8211; Protestantische Sozialethik. Ein Handbuch, 2. Aufl., VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005, 1.158 S., ISBN 3-531-14752-8; 69,90 Euro<\/p>\n<p>\u00dcber die H\u00e4lfte des Buches widmet sich in zwei gro\u00dfen \u00dcberblickskapiteln dem Sozialismus, von den Fr\u00fchsozialisten \u00fcber Marx, Engels, Lassalle bis zur sozialdemokratischen Programmdiskussion der Gegenwart. Den verbleibenden Raum teilen sich Abschnitte zur katholischen Soziallehre sowie zum sozialen Protestantismus. Ideengeschichte wird mit der Gesellschaftsgeschichte kombiniert; zahlreiche Hinweise zur aktuellen Forschungsliteratur erleichtern den Einstieg in die Debatten, ein Sachregister erschlie\u00dft dieses Kompendium. Eine Gro\u00dfe Koalition der sozialen Ideen entsteht vor den Augen des Lesers, passend zur politischen Lage &#8211; wobei nichtsozialdemokratische Ordnungsmodelle im Abschnitt \u00fcber den Sozialismus leider zu kurz kommen.<\/p>\n<p>Den Anspruch einer umfassenden Gesellschaftstheorie hat j\u00fcngst Thomas Meyer mit einem umfangreichen Werk formuliert. Meyer, seit kurzem Nachfolger des verstorbenen Peter Glotz als Herausgeber der Neuen Gesellschaft\/Frankfurter Hefte, l\u00e4sst f\u00fcr sein Ordnungsmodell &#8222;Soziale Demokratie&#8220; kein Feld unbearbeitet:<\/p>\n<p><i>Thomas Meyer<\/i>: Theorie der Sozialen Demokratie. VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005, 685 S., ISBN 3-531-14612-2; 39,90 Euro<\/p>\n<p>Gegen die libert\u00e4re und liberale Demokratie, die von blo\u00dfer Rechtsgleichheit gepr\u00e4gt sind, setzt er ein Modell, das auch die wirtschaftliche und soziale Basis von Grundrechten in den Blick nimmt: eine Voraussetzung von demokratischer Teilhabe. Er dekliniert seinen Idealtypus durch die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche empirisch herunter: von Globalisierung, politische \u00d6konomie inklusive Sozialstaat bis zur politischen Kultur in einer sich wandelnden Mediengesellschaft. Es gehe k\u00fcnftig darum, die &#8222;Realwirkung von Grundrechten&#8220; gegen\u00fcber einer blo\u00dfen &#8222;Formalgeltung&#8220; universell g\u00fcltig zu machen. Nach langen Jahren intellektueller R\u00fcckzugsgefechte geht hier eine aufgekl\u00e4rte Linke &#8211; durchaus in Auseinandersetzung mit dem geistigen Gegner Liberalismus &#8211; zumindest theoretisch in die Offensive. Um linke Reaktivierung geht es auch im folgenden Sammelband, der sich mit der &#8211; um im sozialwissenschaftlichen Jargon zu bleiben &#8211; &#8222;Anschlussf\u00e4higkeit&#8220; verschiedener Theoreme Claus Offes besch\u00e4ftigt:<\/p>\n<p><i>Anna Geis\/David Strecker <\/i>(Hgg.): Blockaden staatlicher Politik. Sozialwissenschaftliche Analyse im Anschluss an Claus Offe, Campus: Frankfurt\/New York 2005, 302 S., ISBN 3-593-37586-9; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Claus Offe, an der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t lehrend, geh\u00f6rt zu den einflussreichsten deutschen Sozialwissenschaftlern der vergangenen Jahrzehnte. Die j\u00fcngeren Sozial- und Politikwissenschaftler gehen nicht nur gn\u00e4dig mit den Ans\u00e4tzen des Altmeisters um, sondern machen sie sich meist gerne zu eigen. Man h\u00e4tte sich den Band kontroverser gew\u00fcnscht; vielleicht mit dem einen oder anderen Denkmalsturzversuch. So erkennen Jens Borchert und Stephan Lessenich erstaunlicherweise in Offes Strukturproblemen des kapitalistischen Staates (1972) die kl\u00fcgsten Ans\u00e4tze f\u00fcr eine Krisendiagnose der Gegenwart. Es bleibt Heidrun Abromeit, Generationsgenossin Offes, vorbehalten, kritische Einw\u00e4nde gegen seine skeptische Demokratietheorie vorzubringen. Verdienstvoll und nachahmenswert ist der Band, weil er einen politischen Theoretiker der Gegenwart im Gespr\u00e4ch inszeniert: Offe geht in einer 30seitigen &#8222;Entgegnung&#8220; auf die Beitr\u00e4ge der Autoren detailliert ein.<\/p>\n<p>Wenn dieser Band optimistisch in Sachen linker Gesellschaftstheorie in die Zukunft schaut, so lohnt es sich dabei allemal, mit den Best\u00e4nden zu rechnen. Ein sch\u00f6ner Briefband schaut auf die kommunikative Seite der Kritischen Theorie, der vielleicht einflussreichsten und zukunftstr\u00e4chtigsten Facette linken Denkens im 20. Jahrhundert:<\/p>\n<p><i>Walter Benjamin\/Gretel Adorno<\/i>: Briefwechsel 1930-1940, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2005, 434 S., ISBN 3-518-58430-8; 26,90 Euro<\/p>\n<p>Benjamin war nach der nationalsozialistischen Macht\u00fcbernahme nach Paris emigriert, Gretel Skarplus folgte Theodor W. Adorno 1937 nach London, wo sie ihn heiratete. Der Briefwechsel ist ein ergreifendes Freundschaftsdokument, weil er die prek\u00e4re Lage Benjamins, sein verzweifeltes Bem\u00fchen um intellektuell-wissenschaftliche Arbeitsf\u00e4higkeit und seine finanzielle Not in der Emigration schildert: &#8222;nicht zum besten&#8220; stehe es mit ihm, schreibt Benjamin 1937. Gretel erweist sich als treue Freundin. Die enge intellektuelle Gemeinschaft, der st\u00e4ndige Schaffensprozess, die Diskussion von Manuskripten und Neuerscheinungen sind ein Faszinosum angesichts eines gerade f\u00fcr Benjamin deprimierenden Emigrationsschicksals. In einem seiner letzten Briefe vor seinem Selbstmord auf der Flucht \u00fcber die Pyren\u00e4en l\u00e4sst er Gretel wissen: &#8222;Wir m\u00fcssen sehen, unser Bestes in die Briefe zu legen; denn nichts deutet darauf hin da\u00df der Augenblick unseres Wiedersehens nahe ist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer&#8220;: das wissen wir seit Goyas ber\u00fchmter gleichnamiger Radierung. In einer anderen \u00dcbersetzung hei\u00dft es &#8222;Schlaf der Vernunft&#8220;. Beide Varianten ergeben ihren Sinn im Falle Adornos, der lebenslang einzelne seiner Tr\u00e4ume nach dem Erwachen notierte und eine Auswahl sp\u00e4ter zur Ver\u00f6ffentlichung vorsah. Sie sind nun erstmals erschienen, mit einem Nachwort von Jan Philipp Reemtsma:<\/p>\n<p><i>Theodor W. Adorno<\/i>: Traumprotokolle, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2005, 121 S., ISBN 3-518-22385-2; 11,80 Euro<\/p>\n<p>Der Emigrant tr\u00e4umt h\u00e4ufig Hinrichtungsszenen von Nazis oder seinen eigenen Tod; ihm erscheinen Prominente wie Trotzki oder Anatole France, des\u00f6fteren tauchen Lust- bzw. Bordelltr\u00e4ume auf, Begegnungen in Frankfurt mit Roosevelt. Die Nachtseite der im \u00dcberlebenskampf oft gef\u00e4hrdeten Kritischen Theorie erscheint hier in einem psychologisch beziehungsreichen Licht. In seinem letzten Traum vom April 1969 erscheint ihm sein Erbe: J\u00fcrgen Habermas. Es ist ein Gl\u00fccksfall, dass diese linken Tr\u00e4ume \u00fcberdauert haben.<\/p>\n<p><i>Alexander Cammann<\/i><\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11944","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Linke Perspektiven. 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