{"id":11949,"date":"2005-12-01T12:00:00","date_gmt":"2005-12-01T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/schirmherrschaft-und-grusswort\/"},"modified":"2005-12-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-12-01T11:00:00","slug":"schirmherrschaft-und-grusswort","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/schirmherrschaft-und-grusswort\/","title":{"rendered":"Schirmherrschaft und Gru\u00dfwort"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber zwei Kuriosit\u00e4ten der politischen Kultur<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3-4\/2005), S. 270-272<\/p>\n<p>Zu den bemerkenswerten Absonderlichkeiten der Politik geh\u00f6ren die Schirmherrschaft und das Gru\u00dfwort. Beide Institutionen haben sich im \u00f6ffentlichen Leben festgesetzt und werden wie selbstverst\u00e4ndlich akzeptiert. Bei genauerer Betrachtung jedoch sagen sie aber auch einiges \u00fcber unsere politische Kultur aus. Des-halb verdienen sie eine genauere Analyse.<\/p>\n<p>Die Schirmherrschaft gibt es, vereinfacht gesprochen, in zwei Formen. Schirmherrschaft I ist aktiv und mitgestaltend; zeitliches Engagement ist gefragt und wird erwartet. Diese Art von Schirmherrschaft ist eine Form ehren-amtlicher Unterst\u00fctzung eines guten Zwecks, einer gemeinn\u00fctzigen privaten Initiative. Sie ist h\u00e4ufig dort anzutreffen, wo Politik nicht die Hauptsache ist, etwa bei der Frau des Bundespr\u00e4sidenten, die f\u00fcr eine Reihe von guten Zwecken die Schirmherrschaft \u00fcbernommen hat. Eine prima Sache, alles in allem. Schirmherrschaft II ist passiv und erfordert von Seiten der Schirmherrschaft keine weitere Initiative. Die Aktivit\u00e4t beschr\u00e4nkt sich auf eine Art ideelle Mittr\u00e4gerschaft. So werden beispielsweise Konzerte, Festveranstaltungen, Festumz\u00fcge und anderes mehr mit der Tatsache beworben, dass sie unter der Schirmherrschaft eines Ministers, eines Stadtoberhauptes Zeitgeist oder sonst einer wichtigen politischen Person stehen. Nehmen wir das Beispiel eines Konzerts. Wenn ein Konzert unter der Schirmherrschaft, sagen wir, des Ministerpr\u00e4sidenten steht, bedeutet das denn, dass der Ministerpr\u00e4sident auch das Konzert besucht? Nein, hei\u00dft es nicht. Der Ministerpr\u00e4sident hat lediglich seinen Namen zur Verf\u00fcgung gestellt, mehr nicht. Er hat damit keine Zusage \u00fcber sein Kommen gegeben. Wahrscheinlich war es noch nicht einmal er selbst, der die Schirmherrschaft zugesagt hat, sondern sein B\u00fcro. So mancher Schirmherr soll schon davon \u00fcberrascht worden sein, welchen Veranstaltungen er als ideeller Mittr\u00e4ger verpflichtet ist.<\/p>\n<p>Warum wird man Schirmherr? Darauf gibt es zwei Antworten. Die zynische Antwort lautet: Weil dies kostenlose Werbung ist durch Identifikation mit einer guten Sache (z.B. einem Konzert). Das kann den Wahlchancen sicherlich nicht abtr\u00e4glich sein, zumal ja auch die gute Sache signalisiert, dass der Politiker sich daf\u00fcr einsetzt. Die freundliche Antwort lautet: Weil man mit seinem Namen einem besonderen gemeinn\u00fctzigen Zweck helfen will. Das kann (vorausgesetzt, der Politiker verf\u00fcgt \u00fcber eine einigerma\u00dfen gute Reputation) dem Zweck nur zutr\u00e4glich sein. Im Regelfall ist es eine Mischung aus beiden Beweggr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Spannender ist aber die Frage: Warum sucht sich eine Veranstaltung einen Schirmherrn? B\u00f6se Zungen k\u00f6nnten behaupten: Um sich eines Qualit\u00e4tssiegels zu versichern. Wenn z.B, der Oberb\u00fcrgermeister eine Veranstaltung durch eine Schirmherrschaft unter-st\u00fctzt, muss sie ja gut sein. Der Name wird also zu Werbezwecken eingesetzt; er garantiert Qualit\u00e4t. Mehr steht in der Regel bei einer Schirmherrschaft II nicht zu erwarten. Denn eine materielle Unterst\u00fctzung scheidet in der Regel aus, ebenso eine t\u00e4tige Mithilfe oder eine sonstige Inanspruchnahme. Der Schirmherr muss gar nicht wissen, ob die Veranstaltung wirklich hohen Standards gen\u00fcgt; er wird es in der Regel auch nicht wissen k\u00f6nnen. Aber die Verbindung seines Namens mit der Veranstaltung weckt Qualit\u00e4tserwartungen.<\/p>\n<p>Warum aber gerade ein Politiker, warum nicht (was doch nahe liegen w\u00fcrde) ein ber\u00fchmter S\u00e4nger oder Sportler? Die k\u00f6nnten doch zum einen eine solche Veranstaltung eher beurteilen (wenn es um Musik oder Sport geht), und vielleicht auch noch den einen oder anderen Euro dazu beisteuern? Die Namen von S\u00e4ngern oder Sportlern k\u00f6nnten aber kommerzielle Interessen signalisieren. Politiker hingegen gelten als Repr\u00e4sentanten des Gemeinwohls. Der Politiker als Schirmherr adelt die Veranstaltung als eine gemeinn\u00fctzige. Damit erh\u00f6ht er gleichzeitig die Veranstalter. Er hat von ihnen und der Veranstaltung Kenntnis genommen &#8211; auch wenn dies, wie wir oben gesehen haben, h\u00e4ufig ein Trngschlussist.Ein wenig erinnert das Ritual an Zeiten, in denen es in Deutschland noch Kaiser, K\u00f6nige und sonstige adeligen Herrschaften gab. Es ist ja auch kein Zufall, dass monarchische W\u00fcrdentr\u00e4ger in demokratischen Staaten einen gro\u00dfen Teil ihrer Zeit mit Schirmherrschaften aller Art verbringen &#8211; und zwar der Formen 1 und II. Und ein wenig beklommen fragt man sich, ob das Instrument der Schirmherrschaft(zumindest in Variante II) eben nicht ein Relikt aus alter Zeit ist: wo es um Ehre ging und um huldvolle Anerkennung, allerdings bei grunds\u00e4tzlicher Wahrung der Distanz von Adel und B\u00fcrger. Schirmherrschaften sind keine Beziehungen in einer entwickelten Zivilgesellschaft; sie machen den Statusunterschied von B\u00fcrger und Repr\u00e4sentant deutlich. Sie m\u00f6gen zwar die Sache herausstreichen, aber unterstreichen dabei vor allem eines: die vorgebliche Wichtigkeit des Schirmherrn. Dieser erh\u00f6ht sich, indem er die Sache &#150; beschirmt.<\/p>\n<h5>Vom Schirmherrn zum Gru&szlig;august<\/h5>\n<p>Eng verwandt mit der Schirmherrschaft ist das Gru\u00dfwort. Auch das Gru\u00dfwort kommt in zwei Varianten. Schriftlich findet man es an den erstaunlichsten Pl\u00e4tzen (z.B. in einem Branchentelefonbuch), aber auch an Orten, wo es schlicht deplaziert ist. Das Gru\u00dfwort (oder &#132;Geleitwort&#148;) eines demokratisch gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten etwa in einer wissenschaftlichen Abhandlung wirkt nicht weniger peinlich wenn man wei\u00df, dass die entsprechende Publikation von der Stadt, dem Land oder dem Bund bezahlt worden ist. Zumal ja auch klar ist, dass das Gru\u00dfwort in der Regel eben nicht von dem Gr\u00fc\u00dfenden selbst geschrieben wurde. Daf\u00fcr gibt es Assistenten, Referenten, oder eben notfalls den Buchautor, der z.B, dem Landrat dann ein Geleitwort vorformulieren darf.<\/p>\n<p>Wirklich erstaunlich ist aber das gesprochene Gru\u00dfwort. Manchmal kann es die Funktion haben, einen Gast zu ehren. So ist es gute Sitte, bei Parteitagen Repr\u00e4sentanten ausl\u00e4ndischer befreundeter Parteien dadurch zu ehren, dass man ihnen das Podium f\u00fcr ein (kurzes) Gru\u00dfwort \u00fcberl\u00e4sst. Das ist nicht nur h\u00f6flich, sondern dient auch der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung. H\u00e4ufig aber hat das Gru\u00dfwort nur eine Funktion: Es signalisiert, dass der betreffende Politiker anwesend ist. D\u00fcrfte er kein Gru\u00dfwort sprechen, er w\u00e4re vielleicht gar nicht gekommen. Politik lebt vom gesprochenen Wort, und der Politiker allemal. Dabei kommt es nicht darauf an was gesagt wird, sondern dass etwas gesagt wurde. In aller Regel sind Gru\u00dfworte inhaltlich nichts sagend. Der Zuh\u00f6rer wei\u00df dies und kann sich darauf einstellen. Folgt dem Gru\u00dfwort (oder, wenn es dicke kommt, den Gru\u00dfworten) ein inhaltlich ansprechender Vortrag, kann der Zuh\u00f6rer sich an leichter Kost einh\u00f6ren. Folgt eine gesellige Veranstaltung, kann man sich schon einmal an der Biertheke anstellen.<\/p>\n<p>Eine Sonderform des Gru\u00dfworts sind die Begr\u00fc\u00dfungen. Peinlich genau wird darauf geachtet, dass etwa ein B\u00fcrgermeister bei der Er\u00f6ffnung eines Festes die anwesenden Abgeordneten \u00f6ffentlich begr\u00fc\u00dft, oder zumindest pars pro toto einen f\u00fcr die jeweilige Partei. Auch wenn man sich zwei Stunden sp\u00e4ter bei der Er\u00f6ffnung eines neuen Altenheims sieht, das Ritual ist das gleiche. Der Volksvertreterwill wahrgenommen werden, wenn er denn schon kein Gru\u00dfwort sprechen kann. Begr\u00fc\u00dfungen sind also Formen der Gru\u00dfwortvermeidung. Und das ist auch schon das einzig positive, was dazu zu vermerken ist.<\/p>\n<p>Schirmherrschaften, Begr\u00fc\u00dfungen, Gru\u00dfworte: sie alle machen eine Differenz zwischen B\u00fcrgern und gew\u00e4hlten Repr\u00e4sentanten deutlich. Sie sind eine Form der Erh\u00f6hung, der Markierung von Differenz. Sie sind aber auch eine Form der Banalisierung des Politischen. Je mehr auf dem leeren Ritual insistiert wird, desto st\u00e4rker wird der Verdacht, dass die W\u00fcrde des Politischen nicht mehr inhaltlich, sondern nur noch formal begr\u00fcndet werden kann. In einer modernen Demokratie haben Schirmherrschaften nichts verloren; sie sind Relikte einer paternalistischen Politikauffassung. Und was die Gru\u00dfworte angeht, gilt doch sehr h\u00e4ufig der Satz: Si tacuisses&#8230;<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[1781],"publikationen":[1430],"class_list":["post-11949","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-matthias-zimmer","publikationen-171-172"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Schirmherrschaft und Gru\u00dfwort - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/171-172\/publikation\/schirmherrschaft-und-grusswort\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Schirmherrschaft und Gru\u00dfwort - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00dcber zwei Kuriosit\u00e4ten der politischen Kultur aus: Vorg\u00e4nge Nr. 171\/172 ( Heft 3-4\/2005), S. 270-272 Zu den bemerkenswerten Absonderlichkeiten der Politik geh\u00f6ren die Schirmherrschaft und das Gru\u00dfwort. 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