{"id":11952,"date":"2005-06-01T22:00:00","date_gmt":"2005-06-01T20:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ralf-lord-dahrendorf-und-paul-nolte-buergerlichkeit\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"ralf-lord-dahrendorf-und-paul-nolte-buergerlichkeit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/ralf-lord-dahrendorf-und-paul-nolte-buergerlichkeit\/","title":{"rendered":"B\u00fcrgerlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, Religion, engagierte Intellektuelle und Generationserfahrungen nach 1945<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.3-20<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> B\u00fcrgerlichkeit ist in Deutschland seit jeher eine komplizierte Angelegenheit: Thomas Mann konnte mit den Buddenbrooks nur die Verfallsgeschichte einer b\u00fcrgerlichen Familie schreiben; Ernst J\u00fcnger attackierte 1932 den B\u00fcrger in seinem Buch <i>Der Arbeiter<\/i>. Gleichzeitig ert\u00f6nt immer die Klage \u00fcber die fehlende B\u00fcrgerlichkeit hierzulande, im Unterschied zu den anderen westlichen Demokratien. Lord Dahrendorf, ist die ewige Frage nach dem B\u00fcrger eine deutsche Spezialit\u00e4t?<\/p>\n<p><i>Lord Dahrendorf<\/i>: Zun\u00e4chst einmal gibt es in anderen L\u00e4ndern des Westens eine begriffliche Differenzierung, die es in Deutschland nicht gibt: die Unterscheidung zwischen <i>Bourgeois <\/i>und<i> Citoyen<\/i>. F\u00fcr mich ist vor allem immer die B\u00fcrgergesellschaft von Interesse gewesen. Diese setzt sich in ihren Anteilen &#150; bildlich gesprochen &#150; aus drei Vierteln <i>Citoyen <\/i>und aus einem Viertel <i>Bourgeois <\/i>zusammen. Die B\u00fcrgergesellschaft lebt also sowohl aus einem B\u00fcrgerselbstbewusstsein als auch aus einer B\u00fcrgerselbstt\u00e4tigkeit. Diese Unterscheidung ist im Deutschen schwer zu treffen. Ich bin selber einst beim Begriff Citoyen in das d\u00fcnne Eis eingebrochen, in das man in Deutschland leicht einbricht, weil \u00fcberall das Wort &#132;Staat&#148; sich hineindr\u00e4ngt: Fr\u00fcher habe ich<i> Citizenship <\/i>mit &#132;Staatsb\u00fcrgerschaft&#148; \u00fcbersetzt. Das tue ich heute nicht mehr. Denn das ist das Entscheidende am &#132;B\u00fcrger&#148;: Seine Position ist nicht abgeleitet vom Staat, sondern eine eigene, selbstbewusste Position. Genau damit hat es in Deutschland immer gewisse Probleme gegeben. Es gibt zudem wichtige regionale Unterschiede: Die B\u00fcrgertradition Hamburgs oder auch W\u00fcrttembergs ist in anderen Teilen des Landes weniger ausgepr\u00e4gt. In Frankreich und in England &#150; in England mehr als in Gro\u00dfbritannien &#150; ist es einfacher gewesen.<\/p>\n<h5><span id=\"132ueblicher-ist-das-buergerliche-schon-geworden148\">&#132;&Uuml;blicher ist das B&uuml;rgerliche schon geworden&#148;<\/span><\/h5>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Lange Zeit herrschte dort ein unbefangenes Verh\u00e4ltnis zur Klassengesellschaft &#150; w\u00e4hrend es hierzulande immer die Sehnsucht gab, Klassenschranken in einer imagin\u00e4ren &#132;Mitte&#148; oder &#132;Volksgemeinschaft&#148; zumindest symbolisch aufzuheben.<\/p>\n<p><i>Lord Dahrendorf:<\/i> Ich bin froh, dass Sie im Tempus der Vergangenheit sprechen. Denn die britische Gesellschaft hat sich in den 30 Jahren, in denen ich dort lebe, fundamental ver\u00e4ndert, gerade in dieser Hinsicht. Ich will die nationalen Unterschiede einmal ganz grob vereinfachen: In den meisten kontinentalen L\u00e4ndern war irgendeine mittlere b\u00fcrgerliche Position das Leitbild f\u00fcr alle anderen Schichten. In Deutschland war das eher der Oberamtmann, in Italien eher der kleine Selbst\u00e4ndige, w\u00e4hrend in Frankreich eine spezielle bourgeoise Vorstellung existiert, in der ein St\u00fcck Staat durchaus dazugeh\u00f6rt und Selbst\u00e4ndigkeit nicht ganz so wichtig ist wie in Italien. England dagegen war immer anders. Charakteristisch waren hier die zwei gesellschaftlichen Pole mit jeweils gleichem Selbstbewusstsein und mit &#150; auf unterschiedlichen Ebenen zwar, aber immerhin &#150; \u00e4hnlichen Lebensweisen: einmal eine begrifflich nur schwer zu bestimmende Aristokratie, zum anderen die selbstbewusste Arbeiterklasse. Letztere gab es nur in England und nicht auf dem europ\u00e4ischen Kontinent, auch nicht in alten Zeiten. Die selbstbewusste Arbeiterklasse und die pr\u00e4gende Oberschicht haben eigentlich die Mitte zerrieben. Leute in der Mitte haben sich einerseits gesch\u00e4mt, dass sie ihre Familienurspr\u00fcnge in der Arbeiterklasse verlassen haben; andererseits orientierten sie sich an einem zweiten Aufguss von Oberschichtwerten und Oberschichtverhalten. Erst in den letzten 30 Jahren &#150; forciert durch Thatcher und Blair &#150; hat sich eine Mittelschicht ohne gro\u00dfes Selbstbewusstsein herausgebildet. Die Arbeiterklasse ist verschwunden, hat sich aufgel\u00f6st; die Aristokratie hat sich zur\u00fcckgezogen und wird zum Illustriertenthema, so wie das in den kontinentalen L\u00e4ndern schon seit dem Ersten Weltkrieg der Fall ist.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: Herr Nolte, wie fragil ist aus Sicht des Historikers die deutsche B\u00fcrgerlichkeit im Vergleich?<\/p>\n<p><i>Paul Nolte:<\/i> Zun\u00e4chst einmal halte ich nicht viel von diesen kulturpessimistischen Untergangsszenarien, in denen das B\u00fcrgertum immer schon von Krise und Verfall bedroht gewesen ist, unter Druck von au\u00dfen geraten, an sich selbst verzweifelt, an sich selbst irre geworden w\u00e4re. Diese F\u00e4higkeit zu radikaler Selbstkritik und Infragestellung bleibt dennoch ein positives Merkmal von B\u00fcrgertum und B\u00fcrgerlichkeit. Die Unterscheidung von Citoyen und Bourgeois hat sich aber in Deutschland tats\u00e4chlich nicht entwickeln k\u00f6nnen. Ich sehe das jedoch in letzter Zeit eher als Chance, denn angesichts der Probleme im Land scheint der Begriff von Citoyen offenbar nicht mehr auszureichen. Fr\u00fcher unzureichend mit Staatsb\u00fcrger \u00fcbersetzt, merken wir, dass da noch etwas anderes dazugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Aber ist nicht der <i>Citoyen<\/i> f\u00fcr die Demokratie wichtiger als der <i>Bourgeois?<\/i><\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Im Prinzip ja. Aber heute m\u00fcssen andere Komponenten von B\u00fcrgerlichkeit hinzu treten. Eine Ausstattung mit bestimmten Rechten reicht nicht aus. Denn b\u00fcrgerliches Selbstbewusstsein entsteht auch aus anderen Dingen, wie beispielsweise einer elementaren Selbst\u00e4ndigkeit &#150; nicht im alten Sinne \u00f6konomischer Selbst\u00e4ndigkeit durch die F\u00fchrung eines eigenen Gewerbebetriebes, aber eine Selbst\u00e4ndigkeit im Sinne einer F\u00e4higkeit zur selbst\u00e4ndigen Lebensf\u00fchrung. Diese neue B\u00fcrgerlichkeit w\u00fcrde auch in ihren konkret praktischen lokalen Zusammenh\u00e4ngen wurzeln. Angesichts des fehlenden Engagements vor Ort m\u00fcsste man eigentlich wieder ein kommunales B\u00fcrgerrecht einf\u00fchren, damit die Menschen merken, dass sie nicht nur <i>Citoyen <\/i>bezogen auf Deutschland und die EU sind, sondern sich auch mit ihrer Gemeinde identifizieren.<\/p>\n<p>Hinter der \u00dcbersetzung von <i>Citizenship<\/i> als &#132;Staatsb\u00fcrgerschaft&#148; stand \u00fcbrigens auch das alt bundesrepublikanische Bestreben, die Menschen zu guten Demokraten zu machen und in ein Staatswesen einzugliedern: vom <i>Citoyen<\/i> zum Staatsb\u00fcrger, zum B\u00fcrger der Bundesrepublik, und dann landete man rasch beim Verfassungspatriotismus.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Dennoch hat man den Eindruck, dass der Begriff &#132;B\u00fcrgerlichkeit&#148; in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, w\u00e4hrend nach 1968 der b\u00fcrgerliche Wertehimmel immer wieder von B\u00fcrgerkindern attackiert wurde. Hat das auch etwas mit der Epochenscheide 1989 zu tun, als eine dezidiert antib\u00fcrgerliche Ideologie wie der Kommunismus abtrat? Bleiben nunmehr b\u00fcrgerliche<\/p>\n<h5><span id=\"normen-als-einziger-massstab-uebrig\">Normen als einziger Ma&szlig;stab &uuml;brig?<\/span><\/h5>\n<p><i>Dahrendorf: <\/i>Das hat ganz sicher etwas damit zu tun. Auff\u00e4llig sind jedoch die Schwierigkeiten, die deutsche Intellektuelle mit der Civil Society haben. Ich halte diesen Begriff &#132;Zivilgesellschaft&#148; eigentlich f\u00fcr feige. Denn die Civil Society ist die B\u00fcrgergesellschaft. Aber &#132;Zivilgesellschaft&#148; meint &#150; partiell zumindest &#150; offenbar auch die &#132;nichtmilit\u00e4rische Gesellschaft&#148;, die zum Beispiel prinzipiell nicht in Irak-Kriege zieht. Daher habe ich noch gr\u00f6\u00dfere Probleme mit dem Begriff &#132;Zivilgesellschaft&#148;. Denn hier wird &#132;zivil&#148; gegen &#132;milit\u00e4risch&#148; gesetzt, was Civil Society \u00fcberhaupt nicht bedeutet. Das ist eine Fehl\u00fcbersetzung, die mich beunruhigt. Die Tendenz, die dahintersteht, hat kaum mit 1989 zu tun, sondern weist in eine andere, \u00e4ltere Richtung. Trotzdem steckt etwas Richtiges in Ihrer Bemerkung: \u00dcblicher ist das B\u00fcrgerliche schon geworden, soweit ich das beobachten kann.<\/p>\n<h5><span id=\"neue-buergerlichkeit-als-folge-zunehmender-unbuergerlichkeit\">Neue B&uuml;rger&shy;lich&shy;keit als Folge zunehmender Unb&uuml;r&shy;ger&shy;lich&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p><i>Nolte:<\/i> Ich w\u00fcrde nicht 1989 ansetzen, wenn wir diesen Stimmungswandel verstehen wollen. Die Konjunktur der Begriffe &#132;B\u00fcrgertum&#148; oder &#132;Zivilgesellschaft&#148; h\u00e4ngt mit Prozessen zusammen, die der Geschichte der Bundesrepublik entstammen. Schon vor 1968 haben sich Ralf Dahrendorf und andere mit einer Entb\u00fcrgerlichung auseinandergesetzt. B\u00fcrgerlichkeit war etwas Kleinb\u00fcrgerliches geworden, emblematisch verdichtet beispielsweise im &#132;gutb\u00fcrgerlichen Essen&#148;. Dieser Prozess setzte sich fort hin zu einer starken Mitte in Deutschland, die aber gegenw\u00e4rtig immer st\u00e4rker entb\u00fcrgerlicht ist. Diese Mitte war zun\u00e4chst kleinb\u00fcrgerlich, heute eher diffus antib\u00fcrgerlich, manchmal sogar neoproletarisch. Im Extremfall geh\u00f6ren zu dieser Mitte auch Verhaltensph\u00e4nomene einer neuen Unterschicht. Und weil diese Mitte in ihrem Habitus &#150; hierarchisch formuliert &#150; nach unten durchgereicht worden ist, taucht als Gegenbewegung die Neubetonung des B\u00fcrgertums wieder auf; man will es, kritisch selbstkritisch gesprochen, wieder elit\u00e4rer profilieren. Diese Kontroverse haben wir im Moment: Wie elit\u00e4r oder wie inklusiv wollen wir das B\u00fcrgerliche? Dabei spielt in meiner Generation &#150; ich selbst habe da aber keine Affekte &#150; das Bed\u00fcrfnis nach Abgrenzung von den scheinbar antib\u00fcrgerlichen 68ern eine Rolle.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Es gibt bei 18, 20 j\u00e4hrigen eine auff\u00e4llige Spaltung, die man an den Schulen beobachten kann: zwischen denen, die die Absage an Formen der B\u00fcrgerlichkeit zum Prinzip ihres Lebens machen, und denen, die ganz im Gegenteil mit gro\u00dfem Flei\u00df versuchen, eine neue B\u00fcrgerlichkeit zu entwickeln. Zwischen beiden existiert eine Kluft; die eine H\u00e4lfte bleibt in der Schlammwelt und die andere sucht ein neu geformtes Da-sein. In dem kleinen Ort im Schwarzwald, wo ich ein Haus habe, verbringt die eine H\u00e4lfte der jungen Leute die Nachmittage im Park mit Trinken, die andere H\u00e4lfte engagiert sich in Vereinen und \u00fcbt Instrumente, lernt also selbst\u00e4ndige Lebensf\u00fchrung bei anstrengenden Aktivit\u00e4ten, die mit Vergn\u00fcgen unternommen werden.<br \/>Nolte: Im Schwarzwald ist das Verh\u00e4ltnis vielleicht fifiy-flfty; in einer Stadt wie Berlin m\u00fcsste man sicher pessimistischer kalkulieren, vielleicht mit einem Verh\u00e4ltnis 75 zu 25.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Aber verst\u00e4rkt nicht die Neubetonung des B\u00fcrgerlichen diese gesellschaftliche Spaltung?<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Sicher, diese neuen elit\u00e4ren B\u00fcrgerlichkeits- und Bildungsdiskurse k\u00f6nnten auch dazu f\u00fchren, dass sich diese Kluft noch verst\u00e4rkt. Es kommt daher auf die Instrumente an, jene 50 Prozent, von denen Lord Dahrendorf sprach, b\u00fcrgerlichen Zivilisierungseffekten auszusetzen und die Inklusion in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: Hinsichtlich<\/i> dieser f\u00fcrsorglichen Instrumente f\u00fcr die Unterschichten: Welche Unterschiede gibt es da zwischen Ralf Dahrendorf als Anh\u00e4nger der liberalen Ordnung&#8230; Dahrendorf &#8230; nicht blo\u00df Anh\u00e4nger, sondern Verfechter der liberalen Ordnung!<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> &#8230; zwischen Ihnen also und Paul Nolte, der sich selbst einen &#132;linken Konservativen&#148; nennt?<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Liberale m\u00fcssten alle wie<i> Ralf Dahrendorf <\/i>sein &#150; doch kaum einer schafft es, so liberal zu sein wie Ralf Dahrendorf. Heute haben wir jedenfalls eine andere Situation als in den 1960er, 1970er Jahren. Denn die beiden Pole eines linken und eines konservativen Denkens m\u00fcssten beide wieder eine st\u00e4rkere Rolle einnehmen angesichts der sozialen Probleme. Ein anderer Grund spricht ebenfalls f\u00fcr die Wiederkehr dieser Pole: Wir haben Leitbilder und Zukunftsvorstellungen in einem Ausma\u00df verloren, das wir uns in den 1960er Jahren nicht vorstellen konnten. Der kulturelle Bruch des Fortschrittsbewusstseins erfolgte ja erst seit der Mitte der 1970er Jahre und hat meine Generation betroffen und in ihrer Zukunftsangst gleichsam paranoid gemacht.<\/p>\n<p>Wenn man sich wieder auf Ziele besinnt, dann m\u00fcsste man &#150; das w\u00e4re der konservative Pol &#150; auch bestimmte Interventions- und Steuerungspotentiale entwickeln. Das war zwar fr\u00fcher auch mal &#132;links&#148; &#150; m\u00fcsste aber heute mit klaren kulturellen Pr\u00e4ferenzen verbunden werden; das ist wiederum &#132;konservativ&#148;.<\/p>\n<p>Liberalit\u00e4t im Sinne Lord <i>Dahrendorfs <\/i>mache ich mir jederzeit zu eigen. Aber Liberalit\u00e4t scheint mir weitgehend missverstanden worden zu sein als eine Liberalit\u00e4t des laissez faire, also nicht als eine Liberalit\u00e4t der selbst\u00e4ndigen Lebensf\u00fchrung, sonderneines hyperindividualistischen Hedonismus, der das b\u00fcrgerliche Element des Engagements um das Gemeinwesen verlorenen hat.Fastfood, Alkohol und Tattoos: Verhalten und Ern\u00e4hrung als Klassenfrage<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Sie haben in einem umstrittenen Essay Ihre f\u00fcrsorglichen Instrumente f\u00fcr die Unterschichten schon einmal ausgepackt: Vollkornbrote statt Fastfood, weniger Fernsehen, st\u00e4rkere erzieherische Aufsicht. Das klingt konservativ-patriarchalisch und hat mit der Liberalit\u00e4t einer offenen Gesellschaft doch nicht viel zu tun.<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Die Forderung nach besserer Ern\u00e4hrung hat immerhin rasch die rot-gr\u00fcne Regierung erreicht, Renate K\u00fcnast hatte sich das offensiv zu eigen gemacht. Die Frage von Ern\u00e4hrung und Verhalten ist eine Klassenfrage. Weil es politisch inopportun erschien, wurde die Frage, welche Schichten nicht erziehen und sich falsch ern\u00e4hren, lange nicht gestellt.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Wenn eine Politikerin so etwas ausspricht, wundert man sich vielleicht weniger. Wenn ein in Bielefelder Gesellschaftstheorie geschulter Wissenschaftler wie Sie sich die L\u00f6sung sozialer Missst\u00e4nde von richtiger Ern\u00e4hrung erhofft, erstaunt das doch.<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Die Bearbeitung sozialer Probleme muss nicht immer mit Gro\u00dftheorien beginnen, die sich allzu oft als praktisch folgenlos erweisen. Gesellschaftstheorie darf auch an der Lebensrealit\u00e4t beginnen. Im \u00dcbrigen geht es nicht darum, Brotsorten vorzuschreiben, sondern die F\u00e4higkeit zu st\u00e4rken, selbst vern\u00fcnftige Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen &#150; Entscheidungen f\u00fcr ein chancenreiches Leben.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Lord Dahrendorf, wie liberal kann man heute denn noch sein?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>(lacht) Na, so liberal wie m\u00f6glich! Im Ernst: Es kann sein, dass ich am Ende, wenn das, wor\u00fcber wir jetzt reden, praktisch wird, weniger Wert lege auf Interventionen im Sinne Herrn Noltes. Noch kann ich ihm weitgehend folgen. Bleiben wir einmal in meinem Schwarzwaldort. Die Aktiven und Selbst\u00e4ndigen monopolisieren allm\u00e4hlich alles. Da ist es gar nicht so leicht, was man eigentlich den anderen, den Inaktiven f\u00fcr Perspektiven bieten kann, denen, die mit der Bierflasche rumh\u00e4ngen. Das \u00f6ffentliche Trinken ist auch in England ein gro\u00dfes Problem; selbst ich als Liberaler w\u00fcrde das \u00f6ffentliche Trinken verbieten. Es gibt eine gro\u00dfe Zahl von jungen Leuten, die \u00fcberhaupt nicht mehr ohne Bierflasche ausgehen.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: Auch im Schwarzwald?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Nat\u00fcrlich, in kleinen Orten f\u00e4llt es sogar st\u00e4rker auf. Als Perspektive dr\u00e4ngt sich rasch die amerikanische Antwort auf, wo die T\u00e4tigkeit eine selbstverst\u00e4ndliche Notwendigkeit ist. Aber es ist nicht so einfach zu sagen: ,Wenn Ihr euch M\u00fche gebt, dann k\u00f6nnt Ihr es genauso wie die anderen auch schaffen.&#8216; Denn die Arbeitswelt hat sich ver\u00e4ndert, ist komplexer geworden.<\/p>\n<p>Nolte: Dieser unb\u00fcrgerlicher Habitus, den Sie mit dem \u00f6ffentlichen Trinken angesprochen haben, hat in Deutschland ganz stark zugenommen. Unb\u00fcrgerlichkeit reicht bis hinzu K\u00f6rperinszenierungen und wird bewusst als Stilmittel eingesetzt: Tattons und Piercing als Abgrenzungsinstrument.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Was soll an solchen \u00e4sthetischen Ph\u00e4nomenen problematisch sein?<\/p>\n<p><i>Nolte<\/i>: Das wissen wir sp\u00e4testens seit Bourdieu: Sie reflektieren nicht nur Individualit\u00e4t, sondern sie erzeugen Klassenunterschiede. Fr\u00fcher hatte sich die Arbeiterklasse M\u00fche gegeben, Sonntags nicht den Blaumann, sondern die gute Kleidung anzuziehen und den Hut aufzusetzen, wenn man sich in die \u00d6ffentlichkeit bewegt. Damit versuchte sie, das Stigma der eigenen Klasse zu \u00fcberwinden und sich einem b\u00fcrgerlichen Habitus anzupassen. Wir n\u00e4hern uns heute dagegen mehr den amerikanischen Verh\u00e4ltnissen an.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Wo l\u00e4sst sich dann die neue B\u00fcrgerlichkeit \u00fcberhaupt feststellen?<\/p>\n<p><i>Nolte: <\/i>Eine Diffusion von B\u00fcrgerlichkeit existiert nach wie vor. Denken Sie an die unz\u00e4hligen Golfpl\u00e4tze, die in der Umgebung von Berlin entstehen. Es gibt das Bed\u00fcrfnis, klassische Formen wieder zu entwickeln, wie beispielsweise die Salonkultur. Es sind also parallele Ph\u00e4nomene. Allerdings ist die Diffusion von Unterschichtenverhalten hinein in die gesellschaftlichen Mittelschichten historisch ungew\u00f6hnlicher. Lange Zeit \u00fcbernahm das B\u00fcrgertum aristokratische Verhaltensformen und die klassische Industriearbeiterschaft ahmte b\u00fcrgerliches Verhalten nach. Irgendwann sollte das zur vollst\u00e4ndigen Verb\u00fcrgerlichung der Gesellschaft f\u00fchren: wir alle w\u00e4ren dann sch\u00f6ne <i>Citoyens <\/i>und brave Demokraten mit b\u00fcrgerlichen Konsumformen. Doch momentan erleben wir den gegenl\u00e4ufigen Trend. Wir m\u00fcssen zudem einen kritischen Blick auf die Mittelschichten werfen: Im b\u00fcrgerlichen Verhalten gibt es nach wie vor starke regionale Unterschiede in Deutschland. B\u00fcrgerliches Engagement ist in Baden-W\u00fcrttemberg viel h\u00e4ufiger als in Norddeutschland, wo es nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, seine Freizeit f\u00fcr die Caritas oder die Freiwillige Feuerwehr zu opfern. Daher ist f\u00fcr mich diese neue B\u00fcrgerlichkeit auch in den Mittelschichten nur sehr begrenzt vorhanden, weil man sich dort eher individuell verwirklicht, statt mehr f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Gesellschaft zu tun.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: In der Politik stehen die Bayreuth-Besucher Horst K\u00f6hler, Angela Merkel\/ und Guido Westerwelle f\u00fcr neue B\u00fcrgerlichkeit &#8211; wobei letzterer auch unb\u00fcrgerliche Momente im Big-Brother-Container hatte&#8230;<br \/><i>Dahrendorf:<\/i> Ein Beispiel f\u00fcr die Orientierung nach unten, wenn man so will.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Auff\u00e4llig ist bei diesen drei Politikern ihr manifester \u00d6konomismus. Ist das nicht eine reduzierte Form der<\/p>\n<p>B\u00fcrgerlichkeit, bei der Wertfragen unter den Tisch fallen?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf<\/i> Es ist doch sehr w\u00fcnschenswert, wenn in einem Land, in dem B\u00fcrgerlichkeit stark durch Beamtentum und Fixierung auf den Staat dominiert war, nun ein paar Figuren auftauchen, die sich in einer wirtschaftlich gepr\u00e4gten Welt zuhause f\u00fchlen. Ich finde das eine durchaus erfreuliche Tendenz. Das wird f\u00fcr Angela Merke\/ vielleicht nicht in dem selben Ma\u00dfe wie f\u00fcr Horst K\u00f6hler gelten.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>K\u00f6hler war auch viele Jahre Spitzenbeamter im Bundesfinanzministerium.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf<\/i> Das ist richtig, aber seine Orientierungen waren \u00f6konomisch. Sie sp\u00fcren immer wieder, wie stark ihn seine Zeit beim IWF in Amerika gepr\u00e4gt hat. Nein, meiner Meinung nach ist die gesellschaftliche Pr\u00e4gung durch Ideen und Normen der Wirtschaft in Deutschland noch viel zu gering.<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Es gibt diese starke Polarisierung innerhalb der B\u00fcrgerlichkeit. Wir m\u00fcssen daher. Citoyen und Bourgeois st\u00e4rker zusammen denken. Ich glaube, dass der Bundespr\u00e4sident versucht, beides zu verbinden.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: Wie verb\u00fcrgerlicht sind denn die Gr\u00fcnen, deren W\u00e4hlerschaft mittlerweile die einkommensst\u00e4rkste von allen Parteien ist?<\/p>\n<p><i>Nolte: <\/i>In der gr\u00fcnen B\u00fcrgerlichkeit f\u00fchlen sich viele Angeh\u00f6rige meiner Generation wohl, weil die Gr\u00fcnen diesen sozialen Touch besitzen, einen Empathiefaktor. Sie vertreten Werte, die man in der &#8211; pointiert formuliert &#8211; kalten, nackten, technisch-\u00f6konomisch-bourgeoisen B\u00fcrgerlichkeit von FDP und CDU nicht findet. Strategisch ist es an der Zeit f\u00fcr eine schwarz-gr\u00fcne Koalition: Das w\u00e4re f\u00fcr mich eigentlich der Testfall, ob das Zusammengehen von zwei B\u00fcrgerlichkeiten auch politisch gelingt.<\/p>\n<h5><span id=\"schicksalslage-und-denkstile-der-generation-dahrendorf\">Schick&shy;salslage und Denkstile der Generation Dahrendorf<\/span><\/h5>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Verlassen wir an dieser Stelle die Gegenwart und begeben uns auf Spurensuche in Ihrem Oeuvre, Lord Dahrendorf. Vor vierzig Jahren, 1965, erschien Ihr vielleicht bedeutendstes Werk, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. Nach Beinhart Kosellecks Kritik und Krise (1959) und J\u00fcrgen Habermas&#8216; Strukturwandel von \u00d6ffentlichkeit (1962) ist es das dritte wichtige Buch nach 1945, das die prek\u00e4ren Tiefenschichten der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft hierzulande seziert. Wie kamen Sie zu diesem Thema?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Gesellschaft und Demokratie in Deutschland ist in gewisser Weise auch das Ergebnis meiner fr\u00fcheren angels\u00e4chsischen Erfahrungen. Die T\u00fcbinger Vorlesungen, auf denen das Buch basierte, habe ich zum ersten Mal an der Columbia University in New York gehalten. Immer wieder tauchte die Frage auf: ,Was ist eigentlich in Deutschland passiert?&#8216; Und ich musste mich zun\u00e4chst korrigieren. Bis dato hatte ich wie viele andere von der &#132;restaurativen Adenauerzeit&#148; gesprochen; Globke, Oberl\u00e4nder und Konsorten waren auch f\u00fcr mich die Indizien daf\u00fcr. Doch dann wurde mir klar, dass nach 1945 viel mehr passiert war, als diese oberfl\u00e4chlichen Deutungen wahrhaben wollten. Es hatte sich in Deutschland wirklich fundamental etwas ver\u00e4ndert. Der Siegeszug der sozialen Marktwirtschaft war dabei keineswegs selbstverst\u00e4ndlich; es ist schon ein unwahrscheinlicher, gl\u00fccklicher Zufall, dass Ludwig Erhard die Chance hatte, seine einfachen, aber klaren und entschiedenen Positionen in der W\u00e4hrungsreform auch durchzusetzen.<\/p>\n<p>Ich habe diese Prozesse dann zusammengefasst und vor dem Hintergrund der deutschen Entwicklung seit dem 19. Jahrhundert bilanziert. F\u00fcr mich war die Frage entscheidend: Hat es gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen gegeben, die dieses Mal die Demokratie fester begr\u00fcndeten als nach 1918? Diese Frage habe ich bejaht, jedenfalls f\u00fcr das westliche Deutschland.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> In Ihren T\u00fcbinger Vorlesungen \u00fcber Gesellschaft und Demokratie in Deutschland sa\u00dfen auch Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, die sp\u00e4teren RAF-Terroristen. Die Pastorentochter Ensslin und der Literatensohn Vesper h\u00f6ren Dahrendorf &#150; ein Gleichnis f\u00fcr die Schwierigkeiten, die B\u00fcrgerlichkeit in Deutschland hat? Die beiden B\u00fcrgerkinder haben bei Ihnen offenbar nicht genug gelernt, um sp\u00e4ter vom Kampf gegen die b\u00fcrgerliche Gesellschaft abzulassen.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf (<\/i>Lacht) Also ich w\u00fcrde das nicht \u00fcberinterpretieren. In T\u00fcbingen gab es drei Professoren, die den Festsaal der Universit\u00e4t f\u00fcllten: Hans K\u00fcng, Walter Jens und ich. Wir hatten viele Studenten gemeinsam, Ensslin und Vesper waren auch darunter. Der b\u00fcrgerliche Selbsthass ist ein altes Ph\u00e4nomen, gerade unter jungen Menschen und oft nicht frei von Tragik. Die spezielle Ironie gerade dieses Falles will ich nicht leugnen.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Sie sind Angeh\u00f6riger jenes legend\u00e4ren Jahrgangs 1929, so wie zwei andere bedeutende deutsche Intellektuelle: J\u00fcrgen Habermas und Hans Magnus Enzensberger. In Ihrer Generation, die Ihr einstiger Soziologenkollege und Antipode Helmut Schelsky die &#132;skeptische&#148; genannt hat, fallen die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit dem Epochenbruch 1945 auf. Auf der einen Seite stehen konservative B\u00fcrger wie Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, die die positiven Traditionsstr\u00e4nge des deutschen B\u00fcrgertums suchen und sich deswegen permanent mit Hitler auseinandersetzen, um das B\u00fcrgerliche gleichsam ex post gegen Hitler zu impfen und dadurch zu bewahren. Auf der anderen Seite steht J\u00fcrgen Habermas mit seinem &#132;schuldigen Denken&#148;, wie Heinz Bude das genannt hat: diese permanente Pr\u00e4senz der historischen Erblast und daraus folgend die st\u00e4ndige Auseinandersetzung mit ihr. Deswegen hat f\u00fcr Habermas das B\u00fcrgerliche als Kategorie heute keine Relevanz mehr, weil die b\u00fcrgerliche Schuldverstrickung w\u00e4hrend des Dritten Reiches offenkundig zu stark war. F\u00fcr Sie hingegen scheint B\u00fcrgerlichkeit erst nach 1945 m\u00f6glich zu sein, weil die richtige Antwort &#150; die Hinwendung zum Westen &#150; gefunden wurde. Hitler war daher offenbar nie ein intellektuelles Problem f\u00fcr Sie.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf<\/i> Das ist zugespitzt formuliert, aber Sie haben recht. Ich war selber \u00fcberrascht, als mich Frank Schirrmacher und Stefan Aust vor kurzem immer wieder nach Hitler befragten (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. M\u00e4rz 2005). Er war f\u00fcr mich schon 1945 in Berlin nicht das Hauptproblem.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Obwohl Sie kurz vor Kriegsende sechs Wochen in Haft waren, weil Sie in einer jugendlichen Widerstandsgruppe aktiv waren?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf: <\/i>Ja, trotz dieser Erfahrung. Auch wenn nat\u00fcrlich Faschismus und Nationalsozialismus ohne F\u00fchrer nicht denkbar sind: Ich war nie auf Hitler fixiert, weil er gesellschaftstheoretisch wenig interessant ist, w\u00e4hrend f\u00fcr Fest oder auch Sebastian Haffner diese Personalisierung entscheidend und zentral ist. Aber Sie beweisen damit im Grunde nur, dass die Generationsanalyse nicht zureicht. Es gibt sehr viele verschiedene Hintergr\u00fcnde, Geschichte, auch pers\u00f6nliche Geschichten f\u00fcr die von Ihnen angef\u00fchrten Repr\u00e4sentanten. Ich bin Hamburger aus einer liberal-sozialdemokratischen Familie; Habermas ist Gummersbacher und stammt aus einer extrem nationalistischen, wenn nicht sogar nationalsozialistischen Familie &#150; das sind unterschiedliche Erfahrungen, obwohl ich mit Habermas viele Gemeinsamkeiten habe.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Herr Nolte, Sie sind Jahrgang 1963 und haben sich mehrfach mit dieser Intellektuellengeneration besch\u00e4ftigt, vor allem in Ihrer Habilitationsschrift Die Ordnung. der Gesellschaft (2000), in der Sie u.a. das Denken Ralf Dahrendorfs und anderer Nachkriegssoziologen intensiv durchleuchtet haben. Wie sehen Sie die &#132;Schicksalslage&#148; dieser Generation Dahrendorf, um ein Wort Helmut Schelskys zu verwenden?<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Tats\u00e4chlich ist das eine Generation, an der sich nicht nur ich und viele andere meiner Generation noch lange abarbeiten werden, weil es eine so auff\u00e4llig starke Intellektuellengeneration ist, in der sich etwas konzentriert und in der f\u00fcr mich auch gemeinsame Erfahrungen im Vordergrund stehen. Alle eint im Grunde dieses &#132;schuldige Denken&#148; und eine strukturelle Perspektive auf Gesellschaftsprobleme, ob nun durch die Brille des Marxismus oder durch eine andere Form von undogmatischer Klassenanalyse. Die Frage ,Wie erkl\u00e4re ich das Einbrechen der Person Hitler in meine geordnete b\u00fcrgerliche Welt?&#8216; &#150; diese Frage dagegen ist f\u00fcr diese Generation nebens\u00e4chlich gewesen; Fest und Siedler sind da Ausnahmen. Stattdessen diesen strukturellen Blick gewagt zu haben: Das ist eigentlich die gro\u00dfe gemeinsame Leistung dieser Generation gewesen: Damit ging sie auch das Wagnis des &#132;schuldigen Denkens&#148; ein &#150; eine sehr passende, etwas protestantische Begrifflichkeit &#150;, lie\u00df sich also auf die Frage ein, was man eigentlich selber daf\u00fcr konnte, was in Deutschland passiert war.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Ihre Generation, Lord Dahrendorf, wagte ja dann auch die ganz gro\u00dfen Werke, denken wir an Habermas&#8216; Theorie des kommunikativen Handelns, Niklas Luhmanns Systemtheorie oder die mittlerweile vier B\u00e4nde von Hans-Ulrich Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte. Auch da sind Sie Au\u00dfenseiter in Ihrer Genetationenkohorte, weil Sie eigentlich ein klassisches Hauptwerk nicht vorgelegt haben.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf: <\/i>Ich bin da ein Fuchs &#150; und Habermas ist in gewisser Weise doch ein Igel, um es mit Isaiah Berlins klassischen Worten zu umschreiben: In seinem Essay The Hedgehog and the fox (1953) hat er die Denker, die sich mit einem gro\u00dfen intellektuellen Problem auseinandersetzen, als Igel bezeichnet &#150; und diejenigen K\u00f6pfe, die viele kleinere Dinge erkennen, als F\u00fcchse. Und ich bin zudem ein Fuchs &#150; im Unterschied sogar zu Isaiah Berlin &#150;, der nicht so ungl\u00fccklich dar\u00fcber ist, dass er kein gro\u00dfes Hauptwerk vorf\u00fchren kann&#8230;<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Versucht haben Sie es dennoch mit umfangreichen Werken: bevor Sie Ihr sch\u00f6nes Erinnerungsbuch \u00dcber Grenzen ver\u00f6ffentlichten, haben Sie erst einmal ein 500-Seiten-Memoirenmanuskript verworfen; und einen ebenso umfangreichen Torso Modernity in Eclipse haben Sie vor zwanzig Jahren abgebrochen&#8230;<\/p>\n<p><i>Dahrendorf: <\/i>Sie sehen daran, dass ich manchmal durchaus solche Werke vorlegen wollte, sonst h\u00e4tte ich diese dicken Manuskripte nicht geschrieben. Aber letztlich bin ich ohne Hauptwerk nicht ungl\u00fccklich. Raymond Aron, einer meiner sehr engen v\u00e4terlichen Freunde, hat darunter gelitten, weil er seine 500-Seiten-B\u00fccher alle ver\u00f6ffentlicht hat und sie die Welt dennoch nicht bewegt haben, jedenfalls nicht in dem Ma\u00dfe, in dem er es immer gehofft hatte. Er hat geglaubt, dass seine zweib\u00e4ndige Clausewitz-Studie Den Krieg denken (1976) ein gro\u00dfes Werk ist. Das ist sie auch. Aber wenn \u00fcber Aron geschrieben wird wie unl\u00e4ngst anl\u00e4sslich seines 100. Geburtstags, dann finden Sie dieses Werk meistens nicht einmal erw\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Bei Habermas k\u00f6nnten Sie ebenfalls diese zahllosen Aufs\u00e4tze und tagespolitischen Interventionen nennen, aber dahinter steht doch immer das gro\u00dfe Werk der Theorie des kommunikativen Handelns, mit Vorl\u00e4ufern und Fortsetzungen, also vom Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit bis Faktizit\u00e4t und Geltung. Das ist ein Opus &#150; und das existiert bei mir nicht. Gut, das ist eben so.<\/p>\n<p>In den angels\u00e4chsischen L\u00e4ndern ist es \u00fcbrigens nicht Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, womit mein Name verbunden ist, sondern Class and class conflict (1959): weil ganze Generationen von Soziologen in ihrem vierten Semester damit geplagt worden sind. Auch bei mir gibt es am Ende vielleicht eine sich durchziehende Thematik, \u00e4hnlich wie bei Isaiah Berlin: das Freiheitsthema. Aber ich bin kein Schulenbildner und es gibt auch nicht allzu viele Leute, die Dissertationen \u00fcber mein Werk schreiben; Habermas ist hingegen ja das beliebteste Dissertationsthema.<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Sie sind da schon auf eine angels\u00e4chsische Weise untypisch, denn in Ihrer Intellektuellengeneration ist es ansonsten ein gro\u00dfes Motiv gewesen, dieses eine Zentralwerk vorzulegen &#150; mit dem man auch gegeneinander antreten konnte: bei den Historikern Thomas Nipperdey versus Hans-Ulrich Wehler, bei den Sozialwissenschaftlern Habermas versus Luhmann. Diese M\u00fche um das Werk ist auch der Versuch, ein Statement der Generation abzuliefern, eine Lebensleistung. Nat\u00fcrlich sind Sie mir in Ihrem Herangehen sympathisch, weil unsere Generation von diesen Gro\u00dfwerken geradezu verschreckt und eingesch\u00fcchtert wurde und wird. Es wird daher noch eine lange Zeit dauern, bis wieder jemand das gro\u00dfe Statement wagt; vielleicht sind es erst die nochmals J\u00fcngeren, die diesen Mut zum gro\u00dfen Werk wieder fassen. Dieser Ehrgeiz existiert bei uns und den etwas \u00e4lteren Jahrg\u00e4ngen, den in den 1950er Jahren geborenen Forschem, nicht. In der heutigen Welt ist es zudem so, dass die k\u00fcrzere Intervention weitaus gr\u00f6\u00dfere Wirkung entfalten kann: Ein Aufsatz in der Zeit l\u00f6st mehr aus als es eine Theorie des kommunikativen Handelns auf die Schnelle tun w\u00fcrde. Beider Nachhaltigkeit kann man nat\u00fcrlich nicht vergleichen.<\/p>\n<h5><span id=\"1989-als-epochenzaesur\">1989 als Epochen&shy;z&auml;&shy;sur?<\/span><\/h5>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Lord Dahrendorf, Sie haben einmal gesagt, dass Freiheit und Demokratie gl\u00fccklicherweise &#132;kalte Projekte&#148; seien. Sie selber waren jedoch mit hei\u00dfem Herzen da-bei, als es 1989 in Ostmitteleuropa um Freiheit und Demokratie ging; sie haben neben vielen Artikeln sogar ein kluges Buch mit dem Titel Betrachtungen \u00fcber die Revolution in Europa (1990) vorgelegt. Sehen Sie da einen Widerspruch?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf: <\/i>Befreiung ist nicht kalt. Der Prozess der Schaffung dieser liberalen Ordnung ist in keiner Weise kalt. Es ist sogar eines der Dramen, die mich besch\u00e4ftigen, dass nach einem erfolgreichen Prozess eine weitgehende Abk\u00fchlung einsetzt. Ich hatte das Gl\u00fcck, 1989 am St. Antony&#8217;s College in Oxford zu erleben, wo mit Timothy Garton Ash der meisterhafte Chronist der Revolution von 1989 lehrte. Alle Hauptakteure von 1989 waren bei uns zu Gast; mit manchen habe ich mich angefreundet: Bronislaw Geremek, Adam Michnik aus Warschau, V\u00e4clav Havel und Jiri Dienstbier aus Prag, Andrej Ple~u aus Rum\u00e4nien. Bei den meisten erlebte ich das Drama des \u00dcberganges von der Leidenschaft des Kampfes f\u00fcr Freiheit zu den normalen Zeiten, die sie eigentlich gewollt hatten. Dabei geschieht etwas ganz Merkw\u00fcrdiges: Zwar finden sich einige mit den normalen Zeiten ab, f\u00fcr Geremek gilt das beispielsweise. F\u00fcr die meisten jedoch setzt eine sehr tiefe Entt\u00e4uschung ein. Ich wei\u00df noch genau, was sie 1989 wollten, sie haben es selbst so gesagt: &#132;Normalizazje&#148;. Das war die gro\u00dfe Sehnsucht. Jetzt ist sie da &#150; und keiner hat sie gewollt. Sie werden melancholisch wie Havel. Rasch wird alles zur reinen Nostalgie. Eigentlich h\u00e4tten sie davon getr\u00e4umt, dass die Politik nach 1989 eine v\u00f6llig neue, ganz andersartige Welt schaffen w\u00fcrde, eine neue Politik, neues Verhalten, dieses und jenes &#150; und jetzt stellen sie fest, dass alles nur so wurde, wie es immer schon war. Ich leide an diesem Drama durchaus ein St\u00fcck mit.<\/p>\n<p>1945 und 1989 sind f\u00fcr mich die beiden Zentralereignisse des Jahrhunderts. Gesellschaft und Demokratie in Deutschland war in gewisser Weise die Interpretation der gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen, die 1945 bedeuteten. Dann kam so etwas wie 1989, wieder so ein Bruch. Dazwischen sehe ich auch Phasen, in denen es nicht so aufregend war. In diesen Zeiten war es ganz in Ordnung, dass die eher kalten, n\u00e4mlich rationalen Institutionen von Demokratie und Marktwirtschaft die Gesellschaft weiterbewegten.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Lord<i> Dahrendorf<\/i> hat gelegentlich auf den eigent\u00fcmlichen Umstand hingewiesen, dass das Jahr 1989 in Deutschland nicht als so starke Z\u00e4sur wahrgenommen wird, im Gegensatz zu anderen Teilen Europas. Herr Nolte, ist das ein Problem Ihrer westdeutschen Generation, die in kommoden Verh\u00e4ltnissen aufgewachsen ist? Und zeigt das nicht ein hierzulande immer noch vorhandenes Defizit an Freiheitsempfinden?<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Ich kann da bei den eigenen Erfahrungen ansetzen: Es war schon ein dramatisches Ereignis f\u00fcr jemanden, der 1963 geboren ist. Ich wei\u00df noch genau, wie ich in der K\u00fcche stand und davon h\u00f6rte, dass Ceauescu erschossen worden war &#150; auch f\u00fcr den Historiker, der sich mit Revolutionen besch\u00e4ftigt hatte, mit der symbolischen Bedeutung des K\u00f6nigsmordes, war das nat\u00fcrlich ein gleichsam leibhaftiges Erlebnis, Dieses Erlebnis 1989 hat sich dann jedoch nicht in mein Lebensgef\u00fchl \u00fcbersetzt. Wir sind in Deutschland nun mal in einer asymmetrischen Situation. In Ostmitteleuropa konnten ganze Nationen den Weg in die Demokratie gehen &#150; die DDR dagegen ist f\u00fcr Deutschland als Ganzes eben doch nur ein minorit\u00e4res Anh\u00e4ngsel gewesen und geblieben. Die altbundesrepublikanische Erfahrung &#150; wie immer man zu ihr steht &#150; hatte ein Ersatznationalbewusstsein ausgebildet. Das betraf besonders meine Jahrg\u00e4nge, die in den 1970er, 1980er Jahren sozialisiert worden sind &#150; auch dann, wenn wie in meinem Falle ein Teil der Familie aus Th\u00fcringen kommt und es Verwandtenbesuche aus der DDR gab. Der Osten lag also nicht v\u00f6llig fern, spielte aber f\u00fcr das, womit man sich in der Bundesrepublik herumzuschlagen hat, keine Rolle. Es konnte keine lebensgeschichtliche Bedeutung gewinnen, weil die Welt im Osten anders war.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Gegenwartsgesellschaft ist 1989 ebenfalls eine eher mittelbare Z\u00e4sur. Denn heute diskutieren wir die Probleme, die aus der Geschichte der Bundesrepublik herr\u00fchren: Wir m\u00fcssen das altbundesrepublikanische Mischungsverh\u00e4ltnis aus Konsumgesellschaft, Wohlfahrtsstaat und f\u00f6deraler Demokratie neu austarieren.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>K\u00f6nnte f\u00fcr diese Diskussionen nicht 1989 eine ideelle gesamtdeutsche Ressource werden, aus der man in schwierigen Zeiten wie heute den Mut f\u00fcr Ver\u00e4nderungen gewinnen k\u00f6nnte, gleichsam als emotionale Unterf\u00fctterung f\u00fcr die von Paul Nolte ausgerufene Generation Reform?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Ich bezweifle das. Ich kann Paul Nolte gut verstehen. 1989 ist nun mal kein prim\u00e4r oder sekund\u00e4r deutsches Ereignis. Unz\u00e4hlige Male war ich damals in Warschau und in Prag, in Budapest, in Bukarest, in Sofia &#150; aber in Leipzig oder in Ostberlin war ich nicht.<\/p>\n<h5><span id=\"rueckkehr-der-religion\">R&uuml;ckkehr der Religion?<\/span><\/h5>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Ein Ph\u00e4nomen der Gegenwartsgesellschaften des Westens scheint momentan die R\u00fcckkehr der Religion zu sein. Nun haben Sie beide famili\u00e4re Erfahrungen mit Glaubensgemeinschaften: Lord Dahrendorf als Sohn des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Gustav Dahrendorf, Paul Nolte als Pastorensohn&#8230;<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Sie \u00fcbertreiben da ein wenig mit der sozialdemokratischen Glaubensgemeinschaft. Mein Vater war zwar in der Arbeiterbewegung verankert, aber der Kern seiner Politik war doch sehr unorthodox; also gegen die r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Verengung der Arbeiterbewegung gerichtet, nach 1945 vor allem sehr gegen die traditionelle SPD-Politik Kurt Schumachers.<\/p>\n<p><i>Nolte: <\/i>Das Wort &#132;Glaubensgemeinschaft&#148; finde ich auch in meinem Falle \u00fcbertrieben, ich entstamme ja nicht einem inner circle von Mormonen. Es handelt sich eher um eine sehr individuelle Pr\u00e4gung durch einen Kulturprotestantismus, der sich schwer erkl\u00e4ren l\u00e4sst. Das kulturprotestantische Motiv spielt bei mir schon eine Rolle, wenn Sie so wollen, auch in meiner Betonung der gesellschaftlichen Verantwortung des Einzelnen.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Die R\u00fcckkehr der Religion hat auch die s\u00e4kulare Gesellschaftstheorie erreicht: J\u00fcrgen Habermas entdeckte 2001 den Glauben in seiner Rede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels und diskutierte 2004 mit Joseph Kardinal Ratzinger. Den liberalen Lord Dahrendorf kann man sich bei einem solchen Glaubensgespr\u00e4ch unter Generationsgenossen nicht so recht vorstellen.<\/p>\n<h5><span id=\"wie-halten-sie-es-mit-dem-glauben\">Wie halten Sie es mit dem Glauben?<\/span><\/h5>\n<p><i>Dahrendorf:<\/i> Mein Freund, der polnische Historiker Krzysztof Michalski, hat mich ein paar Mal nach Castelgandolfo mitgenommen, wo f\u00fcnfzehn Leute zweieinhalb Tage ausgiebige und intime Gespr\u00e4che mit Papst Johannes Paul II. f\u00fchren konnten. Doch ich war dort nur als ein nicht sonderlich nahestehender Intellektueller. Ich bin nun wirklich in religi\u00f6sen Dingen unmusikalisch, um diese Formulierung Max Webers aufzunehmen. Mein Vater und meine Mutter sind Anfang der 1920er Jahre aus der Kirche ausgetreten. Damals nannte man sich &#132;Dissident&#148; &#150; eine h\u00fcbsche Konnotation, wie ich finde. Ich bin nicht getauft und habe also weder eine positive noch eine negative Beziehung zu den Kirchen. Ich bin &#150; wie alle nicht getauften Menschen &#150; eher ber\u00fchrbar durch katholische als durch protestantische Riten, weil sie intensiver sind und daher als etwas, was nicht Teil von mir ist, einen gr\u00f6\u00dferen Eindruck machen. Ich hatte meine sch\u00f6nen Rom-Erlebnisse: Mein T\u00fcbinger Kollege Hans K\u00fcng hat mich zum Zweiten Vatikanischen Konzil mitgenommen, das f\u00fcr mich eine ungeheurere parlamentarische Erfahrung war. Aber trotzdem spielt der Glauben bei mir keine Rolle.<\/p>\n<p>Habermas ist bekanntlich durchaus empfindlich in der Interpretation seiner eigenen Positionen, weil er nicht gerne verwechselt werden m\u00f6chte mit dem sp\u00e4ten Max Horkheimer, der ja auch die eine oder andere Wandlung erlebte. Bei mir gibt es jedenfalls keine Chance, dass ich eines Tages anfange zu sagen: ,Religion &#150; eigentlich doch!&#8216;<br \/>vorg\u00e4nge: Paul Nolte verweist hin und wieder auf die religi\u00f6sen Fundamente in einer posts\u00e4kularen Welt, als Ressource f\u00fcr die moderne Gesellschaft.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf:<\/i> Auch wenn ich religi\u00f6s unmusikalisch bin, betone ich seit langem, dass zur B\u00fcrgergesellschaft nicht nur die selbst\u00e4ndige Lebensf\u00fchrung geh\u00f6rt, sondern eben auch bestimmte Formen der Bindung, Solidarit\u00e4t stiftende Elemente. Das ist f\u00fcr mich ein schwieriges Thema; ich habe auch immer gez\u00f6gert bei dem, was ich dar\u00fcber schreibe. Ich glaube, dass dieses Z\u00f6gern auch sp\u00fcrbar wird, in dem was ich sage. Ich habe f\u00fcr Bindungen dieses Wort &#132;Ligaturen&#148; verwendet, in dem mindestens ein Teil der sprachlichen Wurzel enthalten ist, die auch in &#132;Religion&#148; steckt. Sie sehen: Ich bin zwar religi\u00f6s unmusikalisch, aber nicht unempfindlich.<\/p>\n<p><i>Nolte: <\/i>Ich habe mich oft gefragt, wo diese Dahrendorfschen Ligaturen herkommen sollen. Wer stiftet sie? Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde hat das Problem klassisch formuliert: &#132;Der freiheitliche Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.&#148; Ideologie geschichtlich entstammt das B\u00f6ckenf\u00f6rde-Diktum der S\u00e4kularisierungsdebatte, die mit Hermann L\u00fcbbe und anderen in den 1960er Jahren im Kreis um Joachim Ritter gef\u00fchrt worden ist. Es ist die Frage nach den Ressourcen und den Werten, die B\u00f6ckenf\u00f6rde hier stellt, den man auch als &#132;linken Konservativen&#148; bezeichnen k\u00f6nnte. Es hat sich zuletzt so etwas wie eine &#132;B\u00f6ckenf\u00f6rdische Linke&#148; konstituiert, zu der auch Habermas geh\u00f6rt: Sie \u00fcbersetzt B\u00f6ckenf\u00f6rdes Frage und versucht sie zun\u00e4chst einmal s\u00e4kular zu beantworten. Dann taucht Religion als Ressource f\u00fcr die Gesellschaft auf, wie zum Beispiel in der Friedenspreisrede von Habermas.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Erzeugt Glauben heute noch gesellschaftliche Bindungskr\u00e4fte?<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Wenn wir die Frage nach den Ligaturen stellen und solche Potentiale suchen in einer Welt, in der Bindungen eine geringere Rolle spielen, kommen wir an einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Religion nicht vorbei. Traditionen sind aufgebrochen und Selbstverwirklichung wird in einem Ma\u00dfe betrieben, das in den 1960er Jahren, zu Zeiten von Dahrendorfs Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, nicht denkbar war. Neben dem Glauben als Reflektionsressource existiert Kirche auch als Institution der B\u00fcrgergesellschaft. Denn auch wenn alle gro\u00dfen Massenorganisationen erodieren, auch die Kirchen, erleben wir ja da eine paradoxe Renaissance: Die Bisch\u00f6fe Lehmann und Huber tauchen in der \u00d6ffentlichkeit h\u00e4ufig auf; es gibt an der Basis immer noch die Kirchengemeinde, die die Menschen in b\u00fcrgerschaftliches Engagement hineinf\u00fchren, in Engagement f\u00fcr Dritte. Auf die Kirchen als Institution der B\u00fcrgergesellschaft sind wir wieder st\u00e4rker angewiesen, neben ihrer Rolle als Reflektionsinstanz. Man muss nicht religi\u00f6s sein, um eine starke Kirche im Sinne der B\u00fcrgergesellschaft zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Ich habe damals mit Papst Johannes Paul II, \u00fcber Polen und die Kirche gesprochen. Ich sagte: &#132;But the Church in Poland is obviously a very powerful part of civil society.&#148; Er schaute mich an und erwiderte: &#132;Oh, no no no! The Church is not <i>civil society<\/i>, the church is sacred society.&#148; (Lacht) Da steckt einiges an Tiefsinn drin.<\/p>\n<p>Ich denke im Moment viel \u00fcber B\u00f6ckenf\u00f6rdes Sentenz nach, zuletzt im Zusammenhang mit dem Europ\u00e4ischen Verfassungsvertrag und dem Gottesbezug in dessen Pr\u00e4ambel. Ich bin nicht sicher, ob der Katholik B\u00f6ckenf\u00f6rde recht hat, der \u00fcbrigens auch in Castelgandolfo dabei war. Ich halte es f\u00fcr m\u00f6glich, dass ich bei angestrengtem Nachdenken zu einem anderen Schluss komme als er. <i>Civil Society<\/i> mit Bindungen kann eben doch entstehen im Verfolg der Schaffung von Institutionen der liberalen Ordnung &#150; John Locke statt B\u00f6ckenf\u00f6rde sozusagen. Ich bin jedenfalls nicht sicher, dass B\u00f6ckenf\u00f6rde recht hat.<\/p>\n<p><i>Nolte<\/i>: Nat\u00fcrlich gibt es auch andere b\u00fcrgergesellschaftliche Ressourcen, die man in Amerika beispielsweise als eine Form von Zivilreligion betrachten kann.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Auch dort gibt es gravierende Ver\u00e4nderungen. Einst gab es auch in kleinen Ortschaften viele Kirchen. Als ich 1950 zu Ostern das erste Mal in Amerika war, bin ich weitergereicht worden von einer zur anderen, \u00fcberall herzlich begr\u00fc\u00dft. Da war wirklich die Zivilreligion im Sinne Tocquevilles sp\u00fcrbar, die den Zusammenhalt von Gruppen innerhalb einer Gesellschaft erzeugt.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: Sie betonen Ligaturen, Bindungen &#150; war das nicht in den 1970er Jahren Ihre konservative Kehre &#150; weitaus fr\u00fcher als bei Habermas &#150;, nachdem Sie jahrzehntelang den Deutschen beigebracht haben, ihre Konsensfixiertheit abzustreifen und im Sinne der westlichen Demokratien endlich Konflikt zu lernen?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf:<\/i> Ich habe die Ligaturen tats\u00e4chlich schon in den 1970er Jahren betont. Ich glaube, ich habe eine fr\u00fche Einseitigkeit meines Gesellschaftsbildes durch das Nachdenken \u00fcber Bindungen korrigiert. Dass Freiheit im Konflikt besteht, w\u00fcrde ich jedoch immer noch behaupten.<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Dahrendorfs Conflict bleibt wichtig, denn gerade hier in Deutschland haben wir immer noch ein Konfliktdefizit. Es m\u00fcsste nur jemand kommen, der noch einmal zeigt, wie wir gleichzeitig mehr Konflikt lernen k\u00f6nnen und andererseits auch Ligaturen schaffen, wie wir beispielsweise \u00fcber die tot gelaufene Kontroverse zwischen Liberalismus und Kommunitarismus hinaus kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5><span id=\"die-buergergesellschaft-und-ihre-engagierten-intellektuellen\">Die B&uuml;rger&shy;ge&shy;sell&shy;schaft und ihre engagierten Intel&shy;lek&shy;tu&shy;ellen<\/span><\/h5>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> F\u00fcr den Konflikt in der Gesellschaft sind zumeist die kritischen Intellektuellen zust\u00e4ndig. Sie beide geh\u00f6ren zu dieser Spezies, wenn auch unterschiedlichen Generationen entstammend: Wissenschaftler, die sich in die \u00f6ffentlichen Debatten einmischen und sich mit Resonanz in der Fachwelt nicht begn\u00fcgen.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf <\/i>Es ist in der Tat eine Haltung, die mir zentral scheint. In kritischen Situationen der Gesellschaft ist sie besonders wichtig, in normalen Zeiten nicht im selben Ma\u00dfe, aber auch da hat sie ihre Bedeutung. Ja, ich sehe mich als public intellectual; als solcher hat es mir nie gereicht, nur in meiner community zu wirken.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Aber ist der Intellektuelle nicht eine Figur des 20. Jahrhunderts, als die ideologischen Schlachtordnungen im Weltb\u00fcrgerkrieg noch standen und die Geistesarbeiter als Kombattanten noch gebraucht wurden? Hat nicht der Bedarf an Intellektuellen erheblich abgenommen, weil es die gro\u00dfen Ideen nicht mehr gibt?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf: <\/i>Im Moment schreibe ich in der Tat an einem Buch, das die Intellektuellen in totalit\u00e4ren Zeiten untersucht, die &#132;Erasmus-Intellektuellen&#148;. Mich interessieren diejenigen, die nicht versuchbar waren &#150; und warum sie es nicht waren. Ich arbeite bestimmte Tugenden heraus, bestimmte Verhaltensweisen, die zu dieser &#132;Nicht-Versuchbarkeit&#148; gegen\u00fcber totalit\u00e4ren Verf\u00fchrungen gef\u00fchrt haben und die Immunit\u00e4t erzeugt haben. Erasmus ist Pate dieser Intellektuellen, weil er ebenfalls zu seiner Zeit durch extreme Versuchungen hindurchmarschiert ist &#150; durchaus auf eine etwas feige Weise. Das ist aber ein Teil der Intellektuellen, die nicht versuchbar sind, eben auch. Isaiah Berlin hat sich immer f\u00fcr feige gehalten, das war sein gro\u00dfes Problem. Die Figuren, \u00fcber die ich schreibe, waren eben keine Bonhoeffers, die sich in Todesgefahr begaben und in ihr umkamen. Diese Position interessiert mich; ich f\u00fchle mich ihr nahe, gar kein Zweifel.<\/p>\n<p>Hat der Intellektuelle heute diese Rolle ausgespielt? Ich w\u00e4re da mit Prognosen sehr vorsichtig. Ich behaupte zwar nicht, dass der Totalitarismus hinter jeder Ecke lauert. Aber der militante Islam ist schon eine \u00e4hnliche Gefahr. Deshalb ist die Position des aktiven, \u00f6ffentlichen, aufgekl\u00e4rten Intellektuellen keineswegs unaktuell. Wenn man sich dabei so-wohl gegen den Relativismus als auch gegen Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Versuchungen deutlich abgrenzt, bleibt nach meiner Meinung eine wichtige Funktion f\u00fcr Intellektuelle. Ich will zwar auch nichts \u00fcbersch\u00e4tzen, aber ich w\u00e4re mit vorzeitigen Abges\u00e4ngen vorsichtig.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Herr Nolte, Sie sind das lebende Beispiel daf\u00fcr, dass sich auch heute noch kluge K\u00f6pfe in \u00f6ffentliche Angelegenheiten einmischen. Aber haben Sie nicht auch das Gef\u00fchl, ein Auslaufmodell zu sein? Denn viele Ihrer Sorte gibt es nicht mehr, im Unter-schied zu den 1950er, 1960er Jahren, als der Intellektuelle Ralf Dahrendorf das Gl\u00fcck hatte, viele Mitstreiter unter Schriftstellern und Wissenschaftlern zu haben.<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Da taucht es wieder auf, unser schon erw\u00e4hntes Generationsph\u00e4nomen. &#150; Ich f\u00fchle mich zwar manchmal \u00fcberlastet, aber einsam denn doch nicht; es gibt schon Mitstreiter. Doch fr\u00fcher waren die Zuordnungen klarer: Es gab den Raum der Universit\u00e4t, in der die K\u00f6pfe der Generation Dahrendorf sich konzentriert haben. Heute dagegen sind viele hochbegabte Leute in den Journalismus gegangen. Das sind ebenfalls bedeutende Intellektuelle meiner Generation, nur eben keine\u00a0 Professoren-Intellektuelle. Auf Ihren Zusammenhang mit dem totalit\u00e4ren Zeitalter w\u00e4re ich gar nicht gekommen, weil aus der Erfahrung meiner Generation die gro\u00dfen intellektuellen Vorbilder posttotalit\u00e4re Geister waren: Habermas, Dahrendorf, Wehler, Enzensberger und so weiter.<\/p>\n<p>Ich glaube im \u00fcbrigen nicht, dass mit gr\u00f6\u00dferem zeitlichen Abstand zum Weltb\u00fcrger-krieg die \u00f6ffentlichen Aufgaben des Intellektuellen geringer werden.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: Obwohl der Kampf der Ideen weniger heftig hin und her wogt?<\/p>\n<p><i>Nolte:<\/i> Das ist richtig, es gibt kaum noch flaggeschwenkende Lagerintellektuelle. Aber darin sehe ich f\u00fcr die intellektuelle Urteilskraft unserer Generation nur Vorteile.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf<\/i> Vor Jahrzehnten standen sie sich immer gegen\u00fcber und befehdeten sich auf das heftigste: auf der einen Seite Russell und Sartre, auf der anderen Aron und Arendt. Diese Art der Auseinandersetzung gibt es im Augenblick gl\u00fccklicherweise nicht. Aber sie k\u00f6nnte es irgendwann durchaus wieder einmal geben.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Sie selbst haben den Schritt vom politischen Intellektuellen zum intellektuellen Politiker gewagt: Sie gingen 1969 als Parlamentarischer Staatssekret\u00e4r im Ausw\u00e4rtigen Amt in das Kabinett Brandt-Scheel, waren danach EG-Kommissar. Herr Nolte, k\u00f6nnen Sie sich als Intellektueller solch einen Wechsel in die Politik auch vorstellen?<\/p>\n<p><i>Nolte: <\/i>Niklas Luhmann hat in einem Interview mal gesagt, weniger als Intellektueller oder als Professor, vielmehr als Staatsb\u00fcrger sollte man sich dem nicht entziehen. Wir brauchen in Deutschland noch mehr Seitenwechsler und Quereinsteiger. Die Politik leidet nicht zuletzt unter den Gestalten, die seit ihrem 17, oder 18. Lebensjahr nichts anderes mehr machen als Politik. So entsteht keine Politik, mit der wir weiter kommen k\u00f6nnen. Wir brauchen einen immerw\u00e4hrenden Elitetransfer: Wenn ein Unternehmer wie Hans-Olaf Henkel auch Pr\u00e4sident der Leibnizgemeinschaft f\u00fcr Forschungsinstitute wird, warum soll nicht ein Historiker oder Soziologe nun nicht gerade ein Unternehmen f\u00fchren, aber stattdessen eine Zeit lang Politik machen?<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge<\/i>: Nicht viele Akademiker Ihrer &#132;Generation Reform&#148; h\u00e4tten Lust auf Politik&#8230;<\/p>\n<p><i>Nolte<\/i>: Ich finde das aber wichtig. Es ist schon ein sehr merkw\u00fcrdiges Verhalten, auf das man da st\u00f6\u00dft; ich w\u00fcrde es das &#132;unpolitische Politische&#148; nennen, oder die Privatisierung des Politischen. Ich geh\u00f6rte einer sehr stark politisch sozialisierten Generation an, die sich heute immer noch f\u00fcr politisch h\u00e4lt, weil sie die \u00f6ffentlichen Angelegenheiten aufmerksam verfolgt. Aber die meisten unterliegen der Illusion, mit dieser reflektierten Passivit\u00e4t noch nach au\u00dfen zu wirken. Man spricht im Grunde auch nicht mehr \u00fcber Politik, trotz des Interesses. Es gibt einen diffusen Konsens im Milieu, wonach man irgendwie Links-Gr\u00fcn-Mitte positioniert ist. Aber im Grunde ist das Politische fast schon zur belanglosen Zone des Unaussprechlichen geworden; nicht mal im Freundeskreis spricht man mehr dar\u00fcber. Insofern ist der Politik das Schicksal der Religion zu Teil geworden: das Schicksal der Privatisierung.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf<\/i> Ich verstehe Politik im angels\u00e4chsischen Sinne: Politik hei\u00dft, Leute zu \u00fcber-zeugen von bestimmten Vorstellungen, die man verfolgen will und dann aufgrund der Wahl ein gewisses Recht zu haben, Dinge umzusetzen. Da ist es nebens\u00e4chlich, ja irrelevant, dass ich Parlamentarischer Staatssekret\u00e4r wurde. Relevant ist, dass ich 1968\/69 praktisch zwei Jahre Wahlkampf in der ganzen Bundesrepublik gemacht habe. Und zwar mit einem einzigen Ziel: die Menschen davon zu \u00fcberzeugen, dass im Interesse der deutschen Demokratie ein Regierungswechsel ohne Gewalt unentbehrlich ist. F\u00fcr mich ist Politik nicht ein Amt haben, sondern f\u00fcr Ideen werben und sich zur Wahl stellen.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>W\u00fcrden Sie Herrn Nolte aufgrund Ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrungen \u00fcberhaupt raten k\u00f6nnen, als Intellektueller in die Politik zu wechseln?<\/p>\n<p><i>Dahrendorf:<\/i> Politik ist keine Anwendung von Wissenschaft, sondern es ist eine eigene, andere Welt. Es ist zudem nicht sonderlich n\u00fctzlich f\u00fcr die wissenschaftliche Karriere. Henry Kissinger war zwei Jahre lang Sicherheitsberater und wurde dann von der Universit\u00e4t vor die Wahl gestellt, entweder nach Harvard zur\u00fcckzukehren oder ganz zu gehen. Das war gar keine schwere Entscheidung f\u00fcr ihn: Er hat sich von der Wissenschaft verabschiedet. Man muss schon irgendwann auf Zeit dar\u00fcber entscheiden, ob man in eine andere Lebenssph\u00e4re mit anderen Zeithorizonten, mit einer anderen Lebensf\u00fchrung eintreten will.<\/p>\n<h5><span id=\"die-bilanz-einer-deutschen-intellektuellengeneration\">Die Bilanz einer deutschen Intel&shy;lek&shy;tu&shy;el&shy;len&shy;ge&shy;ne&shy;ra&shy;tion<\/span><\/h5>\n<p><i>vorg\u00e4nge:<\/i> Zum Schluss schauen wir vielleicht nochmals auf die Bilanz Ihrer Generation, Lord Dahrendorf. Diese hat die b\u00fcrgerliche Gesellschaft des Westens hierzulande erst verankert und war damit eminent erfolgreich. Ist diese klassische R\u00fcckschau-Perspektive zu harmonisch? Denn Konflikte unter Ihresgleichen gab es ja damals auch.<\/p>\n<p><i>Dahrendorf:<\/i> Wenn man \u00e4lter wird, wird man auch gn\u00e4diger. Da fallen dann die Unterschiede, die heftigen Auseinandersetzungen nicht mehr so ins Gewicht. Das wirklich ungeheuer Aufregende, das d\u00fcrfen Sie nicht vergessen, das war in den 1950er Jahren die Entdeckung der Wirklichkeit. Das galt f\u00fcr alle Denkstr\u00f6mungen &#150; aber insbesondere f\u00fcr die Soziologie. Ob man sie wie ich bei den Industriesoziologen entdeckte, ob bei Rene K\u00f6nig in K\u00f6ln, ob im Umkreis von Helmut Schelsky in Hamburg&#8230;<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: &#8230; <\/i>den Sie wegen seiner These von der &#132;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#148; damals heftig attackiert haben&#8230;<br \/>Dahrendorf Schelsky war, was man sonst auch \u00fcber ihn sagen mag, ein sehr gro\u00dfz\u00fcgiger Mann, der viele um sich scharte und dabei half, dass ich meinen ersten Lehrstuhl in Hamburg bekam. Es gab viele hochinteressante Figuren, von denen leider nicht mehr viele \u00fcbrig sind. Die Konflikte waren schon damals nur bedingt relevant. Im Nachhinein sehe ich sie mit gro\u00dfer Gelassenheit, mit gr\u00f6\u00dferer Gelassenheit \u00fcbrigens als manche andere.<\/p>\n<p><i>Nolte: <\/i>Es m\u00fcssen aufregende Zeiten gewesen sein, in denen Sie bemerkenswert jung Karriere machten und mit 28 Jahren bereits Ihren ersten Lehrstuhl bekamen. Heute kann es einem passieren, dass man noch mit 40 als ein Jungstar gehandelt wird. Die zwanzig Jahre alte Habermas-Formel von der &#132;neuen Un\u00fcbersichtlichkeit&#148; gilt im Grunde immer noch. Die ideologischen Lager gibt es gl\u00fccklicherweise nicht mehr in alter Form &#151; andererseits fehlt das den Nachwachsenden, weil es dann nichts gibt, wovon sie sich intellektuell emanzipieren k\u00f6nnten. Viele Stichworte Ihrer Generation sollten wieder auf die Agenda: &#132;Entdeckung der Wirklichkeit&#148;, Realit\u00e4tssinn, &#132;Pfade aus Utopia&#148;, das Ende von bestimmten Tr\u00e4umereien und Romantizismen &#151; all dies sollten die J\u00fcngeren von Ihrer Generation immer noch ganz konkret lernen.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Der Soziologe Ralf Dahrendorf wurde f\u00fcr Sie zum Forschungsobjekt. Daher die Frage: Ist die dominante Erfolgsgeschichte dieser Generation Dahrendorf eine Last f\u00fcr die Nachgeborenen?<\/p>\n<p><i>Nolte<\/i>: Nein, als Last empfinde ich das nicht. Ich hatte doch das Gl\u00fcck, noch direkt und pers\u00f6nlich von dieser Generation zu profitieren. Als studentische Hilfskraft bei Hans-Ulrich Wehler konnte ich zum Beispiel miterleben, wie der Historikerstreit &#150; also eine der gro\u00dfen intellektuellen Schlachten dieser Generation &#150; buchst\u00e4blich verfertigt wurde: &#132;Kopieren Sie mal diesen Aufsatz&#148;, &#132;Besorgen Sie mir mal die Rezension von Ernst Nolte, von Andreas Hillgruber&#148; etc. Das war sehr spannend. Insofern ist das auch &#150; pathetisch formuliert &#150; ein Auftrag, das Erbe dieser Generation am Leben zu halten.<\/p>\n<p><i>vorg\u00e4nge: <\/i>Auch wenn Sie der Generationsdeutung skeptisch gegen\u00fcberstehen: Gibt es dennoch f\u00fcr Sie ein fortzuf\u00fchrendes Erbe Ihrer deutschen Intellektuellengeneration? Dahrendorf: Es ging uns allen um die Entdeckung der Wirklichkeit nach einer ideologischen Zeit. Das war sicher eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht ist das die wichtigste Leistung unserer Generation, wenn Sie so wollen: die Etablierung des Wirklichkeitssinns hierzulande.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Alexander Cammann am 12. Mai 2005 im Wissenschaftszentrum Berlin f\u00fcr Sozialforschung.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2271],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11952","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-ralf-lord-dahrendorf-und-paul-nolte","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>B\u00fcrgerlichkeit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/ralf-lord-dahrendorf-und-paul-nolte-buergerlichkeit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"B\u00fcrgerlichkeit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die b\u00fcrgerliche Gesellschaft, Religion, engagierte Intellektuelle und Generationserfahrungen nach 1945 aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.3-20 vorg\u00e4nge: B\u00fcrgerlichkeit ist in Deutschland seit jeher eine komplizierte Angelegenheit: Thomas Mann konnte mit den Buddenbrooks nur die Verfallsgeschichte einer b\u00fcrgerlichen Familie schreiben; Ernst J\u00fcnger attackierte 1932 den B\u00fcrger in seinem Buch Der Arbeiter. 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