{"id":11953,"date":"2005-06-01T21:50:00","date_gmt":"2005-06-01T19:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/betrachtungen-ueber-das-buergerliche\/"},"modified":"2005-06-01T12:00:00","modified_gmt":"2005-06-01T10:00:00","slug":"betrachtungen-ueber-das-buergerliche","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/betrachtungen-ueber-das-buergerliche\/","title":{"rendered":"Betrachtungen \u00fcber das B\u00fcrgerliche"},"content":{"rendered":"<p>Dolf Sternberger und die Metamorphosen des B\u00fcrgers nach 1945<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.3-20<\/p>\n<p><i>Das B\u00fcrgerliche und alles mit ihm Verwandte besitzt heute offenkundig kaum noch einen guten Klang, geschweige denn gr\u00f6\u00dfere Anerkennung in der Gesellschaft. Waren b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse und eine b\u00fcrgerliche Lebensart vor nicht allzu langer Zeit mindestens noch f\u00fcr jene erstrebenswert, die sich aufgrund ihrer famili\u00e4ren Herkunft hinsichtlich Einkommen und Bildung erst zu ihnen emporarbeiten mussten, so scheinen sie seit l\u00e4ngerem unter allgemeiner Geringsch\u00e4tzung zu leiden. Vor allem bei den in b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen j\u00fcngst selbstverst\u00e4ndlich Aufgewachsenen gibt es offenbar eine Absetzbewegung. Die hat als &#8211; vor allem jugendliches &#8211; Ausbruchsverhalten in K\u00fcnstlertum, Boheme, aber auch politischen Radikalismus immer schon existiert, seit es das moderne B\u00fcrgertum gibt; in deren Gefolge entstanden im vergangenen Jahrhundert gesellschaftliche Milieus, politische Bewegungen oder k\u00fcnstlerischer Protest. Aber im Unterschied zu heute waren diese &#132;b\u00fcrgerlichen Fluchtbewegungen&#148; gerade in der Heftigkeit, mit der sie sich gegen das B\u00fcrgerliche wandten, immer indirekt auch noch eine Best\u00e4tigung seiner gesellschaftlichen Rolle und Relevanz. Das gilt bis zum Extremfall der nationalsozialistischen Bewegung, f\u00fcr die Hitler in Mein Kampf programmatisch bereits Mitte der 1920er Jahre proklamierte, mit dem &#132;verrotteten&#148; B\u00fcrgerlichen und seinen &#8211; keineswegs nur j\u00fcdischen &#8211; Repr\u00e4sentanten m\u00fcsse und werde &#132;r\u00fccksichtslos aufger\u00e4umt&#148; werden. Vergegenw\u00e4rtigt man sich den ideologischen Gehalt der &#8211; heute h\u00e4ufig akademisch neu b\u00fcrgerliche Wohn- und Arbeitszimmer schm\u00fcckenden &#8211; Produkte des Agitprop kommunistischer Provenienz aus der Weimarer Republik, so sieht man, dass das B\u00fcrgerliche schon damals einen schweren Stand hatte. Freilich sah es dann nach der vollst\u00e4ndigen Niederlage des nationalsozialistischen Deutschland und in den Jahren des fr\u00fchen &#132;Wirtschaftswunders&#148; anders aus. Nun schien das erste Mal eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft, ja eine b\u00fcrgerliche Republik auf deutschem Boden zu gl\u00fccken und die Symbole b\u00fcrgerlichen Erfolgs standen eine kurze Zeit ebenso im hohen Kurs wie dessen kulturelle und politische Symbole. So sehr schien die allgemeine Verb\u00fcrgerlichung fortgeschritten, dass Helmut Schelskys Diagnose von der &#132;nivellierten Mittelstandsgesellschaft&#8220; ebenso popul\u00e4r wurde, wie die These vom &#132;Volksparteiencharakter&#148; ehemaliger Klassen- oder Milieuparteien. Und was war die Rede vom &#132;Mittel-stand&#148; anderes als der soziologisierende Ausdruck f\u00fcr die Verallgemeinerung b\u00fcrgerlicher Lebensformen und -standards &#150; wenn auch in empirischer und kultursoziologischer Sicht eher auf kleinb\u00fcrgerlichem Niveau? Und war nicht das &#132;Volk&#148; in dem allgemein vertretenen &#132;Volksparteienanspruch&#148; selbst noch der kleinen FDP das sich als Allgemeines und Ganzes setzende B\u00fcrgertum? Wer damals am &#132;Wirtschaftswunder&#148; teilhaben, wer damals gesellschaftlich aufsteigen wollte, der hatte andere Ma\u00dfst\u00e4be nicht zur Verf\u00fcgung.<\/i><\/p>\n<p>Wer heute gesellschaftlich aufsteigen und Erfolg haben will, der wird sich kaum noch an jenen Ma\u00dfst\u00e4ben orientieren, die einst die &#132;b\u00fcrgerliche Gesellschaft&#148; mit Sofaecken, Musiktruhen und Zimmerpalmen als den vermeintlich besseren Teil der Gesellschaft auszeichneten. Das war in Zeiten, wo die Topoi von der &#132;guten&#148; oder &#132;besseren Gesellschaft&#148;, zu der man geh\u00f6ren &#150; oder von der man sich eben abgrenzen &#150; wollte, mit dem der &#132;b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148; identisch waren. Wer heute protestiert und gegen die herrschende Form und Kultur der Gesellschaft aufmuckt, der deutet sie nicht l\u00e4nger als jene &#132;b\u00fcrgerliche Gesellschaft&#148;, gegen die sich noch der Protest der 1960er Jahre richtete. Solange das B\u00fcrgerliche noch anerkannt war, blieben &#132;unb\u00fcrgerliche&#148; Lebensverh\u00e4ltnisse &#150; neben den zahlenm\u00e4\u00dfig und sozialstrukturell bedeutungslosen &#132;Aussteigern&#148; und den seit dem Ende des Ersten Weltkrieges zahlenm\u00e4\u00dfig abnehmenden &#132;gefallenen T\u00f6chtern&#148; &#150; vor allem der gro\u00dfen Masse der Arbeiter und kleinen Angestellten vorbehalten. Bei ihnen reichten das Einkommen und oft auch die Bildung zur &#132;Verb\u00fcrgerlichung&#148; nicht aus. Das stachelte ihren Ehrgeiz an, in beidem vorw\u00e4rts zu kommen &#150; was wiederum ihre Kinder h\u00e4ufig und nicht immer angenehm zu sp\u00fcren bekamen, die es endlich schaffen sollten. Man muss angesichts der Misere des heutigen Bildungswesens daran erinnern, wie m\u00e4chtig einmal die Arbeiterbildungsbewegung in Deutschland gewesen ist, in der aus eigenem Antrieb Bildung nicht als sozialstaatliches Kollektivgut und &#132;B\u00fcrgerrecht&#148; von Mittelstands\u00f6hnen und Mittelstandt\u00f6chtern mehr oder weniger gelangweilt genossen und konsumiert, sondern als Ziel eigener und gemeinsamer Anstrengung von Unterprivilegierten selbst und h\u00e4ufig unter Opfern organisiert wurde. Gewisse Ausnahmen stellten auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch Adel und Milit\u00e4r dar, f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Ma\u00dfst\u00e4be nur dann Relevanz beanspruchten, wenn die Familien aus ihren Standesverh\u00e4ltnissen herausfielen und der b\u00fcrgerliche Habitus ohne den vor allem im Osten verlorenen Grundbesitz und ohne das Offiziersleben mit Adjutanten f\u00fcr die entgangenen Standesprivilegien entsch\u00e4digen musste &#150; aber eben auch konnte. F\u00fcr die Relevanz und Anerkennung, die das B\u00fcrgerliche einmal in der Gesellschaft besessen hatte, sprach am anderen Ende der gesellschaftlichen Dynamik nicht nur bei Adel und Milit\u00e4r auch oft die Verbissenheit, mit der wirtschaftlich Abgestiegene oder vom Abstieg Bedrohte an den \u00e4u\u00dferen Merkmalen einer B\u00fcrgerlichkeit festzuhalten suchten. Aber kann man heute noch ins B\u00fcrgertum auf- oder aus ihm absteigen? Wohl kaum: In der Gegenwartsgesellschaft sind B\u00fcrgerlichkeit, ist das B\u00fcrgerliche als Habitus und gesellschaftlich anzustrebendes Distinktionsmerkmal verblasst.<\/p>\n<h5><span id=\"sternbergers-buerger-begriff-in-unbuergerlicher-zeit\">Stern&shy;ber&shy;gers B&uuml;rger-&shy;Be&shy;griff in unb&uuml;r&shy;ger&shy;li&shy;cher Zeit<\/span><\/h5>\n<p>Als Dolf Sternberger 1967 mitten hinein in den sich selbst als &#132;antib\u00fcrgerlich&#148; deklarierenden Protest der sogenannten Studentenbewegung seine Aufs\u00e4tze \u00fcber das politische Gemeinwesen unter dem Titel <i>Ich w\u00fcnschte ein B\u00fcrger zu sein<\/i> ver\u00f6ffentlichte (Sternberger 1967), war das gewisserma\u00dfen auch das Aufnehmen eines hingeworfenen Fehdehandschuhs durch einen Repr\u00e4sentanten eben jener B\u00fcrgerlichkeit. Denn die Studentenbewegung hatte neben der Kritik der &#132;b\u00fcrgerlichen Wissenschaft&#148; an den Universit\u00e4ten auch die Kritik an der &#132;b\u00fcrgerlichen Kleinfamilie&#148; mit ihrem &#132;b\u00fcrgerlichen Besitzdenken&#148;, der &#132;b\u00fcrgerlichen Sexualmoral&#148;, ja der &#132;b\u00fcrgerlichen Sauberkeitsideologie&#148; zu ihrem zentralen Anliegen gemacht. Viele von Sternbergers Professorenkollegen werden mit ihm sympathisiert haben &#150; aber nicht alle auch mit seinem politischen Begriff von B\u00fcrgerlichkeit. Um diesen ging es letztlich den sich revolution\u00e4r aufspielen-den Protestlern mit ihrem Angriff auf die &#132;b\u00fcrgerliche (Klassen-)Herrschaft&#148; &#150; und ihn zu rechtfertigen und zu verteidigen war das Ziel Sternbergers. Symptomatisch angelegt war in dem antikapitalistischen Protest gegen &#132;b\u00fcrgerliche Klassenherrschaft&#148; ein politischer Machtanspruch, die &#132;b\u00fcrgerliche Demokratie&#148; in Gestalt ihres parlamentarischen Repr\u00e4sentativsystems zugunsten eines oft nicht weiter pr\u00e4zisierten &#132;Systemwechsels&#148; zu bek\u00e4mpfen. Hierbei sei von den sich nach und nach aus dem Zerfall der urspr\u00fcnglichen Studentenbewegung entwickelnden explizit autorit\u00e4ren Kaderorganisationen abgesehen, die sich an Albanien, China, Nordkorea oder Nordvietnam orientierten; ebenso vom aller freiheitlichen Demokratie nur im Westen Lippendienste leistenden DKP-Lager. Demgegen\u00fcber wollte Dolf Sternberger in seinen politischen Texten an einer Gestalt des B\u00fcrgerlichen festhalten, die zun\u00e4chst kaum etwas mit dem soziologisch und sozialhistorisch neuzeitlichen B\u00fcrgertum zu tun zu haben schien. Denn auch wenn es zwischen den gelegentlich als &#132;Schei\u00dfliberale&#148; titulierten Professoren, Politikern und Journalisten und den sich oft in romantischer Identifikation mit einem revolution\u00e4ren Subjekt &#150; sei es dem Industrieproletariat oder den antiimperialistischen Befreiungsbewegungen der sog. Dritten Welt &#150; als Avantgarde gerierenden Protestlern einen Streit um die Rolle des B\u00fcrgerlichen zu geben schien, so redeten sie doch inhaltlich gewaltig aneinander vorbei. Der von ihnen jeweils benutzte Begriff des B\u00fcrgerlichen bezeichnete grundlegend verschiedene Dinge und Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Sternberger ging es um einen in der &#132;Politik&#148; des Aristoteles wurzelnden Republikanismus, dessen neuzeitlich anverwandelte Form er in der parlamentarischen Demokratie, insbesondere Gro\u00dfbritanniens, verwirklicht sah: &#132;Ich vermag zwischen Lockes Lehre vom Ursprung des Staates aus menschlicher Vereinbarung und jenem ber\u00fchmten Satze des Aristoteles, wonach der Mensch &#150; der Mensch schlechthin und allgemein &#150; ein b\u00fcrgerliches Wesen sei (ein zoon politikon), keinen irgend erheblichen Unterschied wahrzunehmen&#148;, schreibt er, und erw\u00e4hnt eben dort zustimmend einen englischen Kollegen, der &#132;zwar in komischer Verdrehung&#148;, aber doch berechtigt, Aristoteles den ,ersten Whig&#8216; genannt hatte (Sternberger 1964: 26). Interessant ist die von Sternberger entgegen einer auch im sonstigen Neo-Aristotelismus &#150; etwa bei Hannah Arendt &#150; gebr\u00e4uchlichen \u00dcbersetzung von politikos bzw. politikon nicht durch &#132;politisches Lebewesen&#148; und &#132;politisch&#148;, sondern durch &#132;B\u00fcrger&#148; und &#132;b\u00fcrgerlich&#148;. Der Begriff des &#132;B\u00fcrgers&#148; wird hier also scheinbar zum anthropologischen Begriff des &#132;Menschen schlechthin&#148; gewandelt und zun\u00e4chst scheinbar jeglichem soziohistorischen Kontext entrissen. Aber w\u00e4re dem so, dann m\u00fcsste der Mensch schlechthin, also auch als der Herrschaft unterworfenes Subjekt, &#132;B\u00fcrger&#148; bleiben. Mir scheint in dem Zitat eine Ungenauigkeit Sternbergers vorzuliegen, der &#150; wie Aristoteles &#150; teleologisch sagen will (und anderswo deutlich macht), dass der Mensch auf ein b\u00fcrgerliches Leben in einer Gemeinschaft von Gleichen seinem Wesen nach &#132;angelegt&#148; sei und auch unter Fremdherrschaft bleibe, dass er aber zur Verwirklichung seines Wesens als &#132;B\u00fcrger&#148; einer bestimmten Verfassung des Gemeinwesens bed\u00fcrfe, die es nicht immer und \u00fcberall g\u00e4be. Diese Verfassung beruht &#150; und hierin besteht die \u00dcbereinkunft mit Locke in dem obigen Zitat &#150; auf der Vereinbarung zwischen Menschen, die sich als Gleichberechtigte anerkennen und die sich nur selbst beschlossenen Gesetzen oder von ihnen bestimmten Amtsinhabern unterwerfen. Den von Kant wenn nicht zuerst gebrauchten, dann im Deutschen popul\u00e4r gemachten Begriff des &#132;Staatsb\u00fcrgers&#148; hat Sternberger deshalb zeitlebens abgelehnt, weil nach ihm &#132;mit diesem zusammengesetzten Ersatzworte nicht viel Staat zu machen [war &#150; M.G.], weil es den Staat schon voraussetzt, den die B\u00fcrger, ginge es mit rechten b\u00fcrgerlichen Dingen zu, ja erst bilden sollen. Man hat entweder B\u00fcrger des Staates oder einen Staat der B\u00fcrger &#150; kaum aber beide zugleich&#148; (Sternberger 1967: 13).<\/p>\n<p>Mindestens seit der &#132;Erfindung des Politischen bei den Griechen&#148; (Christian Meier) besteht also die M\u00f6glichkeit, dass sich das von Natur aus angelegte Wesen des Menschen als &#132;B\u00fcrger&#148; in einer auf Vereinbarung unter Gleichen beruhenden Verfassung verwirklicht. Nach Aristoteles&#8216; <i>Politik manifestiere <\/i>sich dieser Status vorrangig darin, dass er &#132;wechselweise bald regiert, bald gehorcht&#148; (I,1,2) indem er &#132;teilhabe an den Gerichten und an der Regierung&#148; (III,1,6).<\/p>\n<h5><span id=\"der-132buerger148-150-eine-kleine-begriffsgeschichte\">Der &#132;B&uuml;rger&#148; &#150; eine kleine Begriffs&shy;ge&shy;schichte<\/span><\/h5>\n<p>Diesem rein politisch gebildeten Begriff des &#132;B\u00fcrgers&#148; der Antike steht der sozialhistorische Klassenbegriff des 18. Jahrhunderts gegen\u00fcber, in dem sich zun\u00e4chst &#150; etwa in Adam Fergusons Ge<i>schichte der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft <\/i>&#150; das moderne Wirtschafts- und Bildungsb\u00fcrgertum zum politischen Subjekt der Aufkl\u00e4rungsbewegung stilisiert &#150; &#132;stilisiert&#148;, weil daran vor allem in Frankreich sehr viele Adelige ma\u00dfgeblichen Anteil hatten. In Ruflektion der existierenden st\u00e4ndischen Verh\u00e4ltnisse bezieht sich der Begriff des &#132;B\u00fcrgers&#148; hier auf einen Teil, seinem Selbstanspruch nach den &#132;aufgekl\u00e4rten&#148; und &#132;produktiven&#148; Teil einer Gesellschaft von St\u00e4nden, dem die Mitwirkung an der politischen Leitung des absolutistischen Staates verwehrt, ja mehr noch, dem seine &#132;b\u00fcrgerlichen Rechte und Freiheiten&#148; nur unzureichend abgesichert sind. Um diese Rechte dreht sich zun\u00e4chst die Emanzipationsbewegung, ehe sich 1789 in Frankreich der Dritte Stand zur &#132;Nation&#148; erkl\u00e4rt und die St\u00e4ndegesellschaft vorerst hinwegfegt. Dieser Verallgemeinerung des b\u00fcrgerlichen Standesinteresses und \u00dcbernahme der k\u00f6niglichen Souver\u00e4nit\u00e4t durch das &#132;Volk&#148;, in dem sich ein Teil der Gesellschaft repr\u00e4sentativ anstelle des Ganzen setzt, folgen sp\u00e4tere Interpretationen wie die ber\u00fchmteste und wirkungsreichste von Karl Marx und Friedrich Engels, es habe sich nicht um Verallgemeinerung von Menschheitsidealen, sondern um deren Usurpation und die Errichtung einer b\u00fcrgerlichen Klassenherrschaft gehandelt.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Interpretation gab es freilich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein reichlich politischen Anlass, wenn man zum Beispiel an die Diskrepanz denkt, die zwischen der Decdaration des droits de l&#8217;homme et du citoyen 1789 und der Entwicklung des Wahlrechts bis zum Endes des Zweiten Weltkrieges besteht. Interessant ist in jedem Fall, wie sich das Verh\u00e4ltnis von Partikularem und Allgemeinem im Begriff der &#132;b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148; im Sprachgebrauch bis heute reproduzierte: mal bezeichnet er einen Teil, mal Qualit\u00e4t und Anspruch der gesamten Gesellschaft. In beiden F\u00e4llen handelt es sich nicht um den republikanischen Begriff. Teile der Arbeiterbewegung jedenfalls bestritten den politischen Allgemeinheitsanspruch der b\u00fcrgerlichen Emanzipation &#150; idealtypisch gesehen &#150; bis 1989. Die f\u00fcr die deutsche Entwicklung im 19. Jahrhundert spezifische &#132;b\u00fcrgerliche&#148; Staats- und Rechtstheorie projizierte den Allgemeinheitsanspruch auf den &#132;Staat&#148; bzw. &#132;Rechtsstaat&#148;, den schon Hegel als &#132;Verwirklichung der sittlichen Idee&#148; stilisiert hatte. Hier mutierte, etwa in der einflussreichen Staatstheorie Heinrich von Treitschkes, die &#150; freilich von den konkreten sozio\u00f6konomischen und zum Teil, etwa bei den Frauen, auch politischen Verh\u00e4ltnissen abgel\u00f6ste &#150; Vorstellung der republikanischen Rechtsgenossenschaft (civitas) zum &#132;Volk&#148; (populus) als Quelle des Rechts und amalgamierte sich mit dem imperialen Souver\u00e4nit\u00e4tsgedanken des herrschaftlichen Machtstaates f\u00fcrstlicher Provenienz. Her-aus kam im Bismarck-Reich, also dem ersten deutschen Nationalstaat, der B\u00fcrger als &#132;Untertan&#148; und nicht als Sch\u00f6pfer des Staates.<\/p>\n<p>Die 1960er Jahre verhalfen zun\u00e4chst dem sozialhistorischen Klassenbegriff des B\u00fcrgerlichen zu einer \u00fcberraschenden Renaissance weit \u00fcber die marxistische Theorie im engeren Sinne hinaus. \u00dcberall, von der Soziologie \u00fcber die Kunst bis &#150; besonders &#150; zur Wissenschaft und Erziehung, wurde deren &#132;b\u00fcrgerlicher&#148; Charakter nun als Verfehlung eines w\u00fcnschenswert Allgemeinen kritisiert. Positive Bestimmungen oder Realisierungsversuche dieses vermeintlich \u00fcber die Menschenrechte und die Demokratie hinausgehenden Allgemeinen sind aber kaum erinnerlich oder erinnernswert &#150; jedenfalls wenn man den betr\u00e4chtlichen, wiewohl relativen Erfolg der neuen Frauenbewegung hinsichtlich der Gleichstellung in Bildung und Beruf (weniger in der Organisationsweise des Privatlebens, wo sie nach wie vor die Hauptlast tragen) nur als immanenten Fortschritt wertet. Der republikanische B\u00fcrgerbegriff spielte bis Ende der 1970er Jahre noch keine Rolle; gerade bei den sich f\u00fcr besonders kritisch ausgebenden Systemkritikern galt der zeitweise popul\u00e4re Begriff der &#132;B\u00fcrgerinitiativen&#148; in denunziatorischer Manier als &#132;systemstabilisierend&#148;. Symptomatisch ist die damalige Kritik und Ablehnung der sp\u00e4terhin bei ehemaligen Linken so popul\u00e4r werdenden Hannah Arendt wegen ihrer &#132;reaktion\u00e4ren&#148; Totalitarismustheorie und ihres eo-aristotelischen, in den Augen ihrer Kritiker bis hin zu J\u00fcrgen Habermas \u00fcberholten republikanischen Verst\u00e4ndnisses der Demokratie als einer Gemeinschaft freier B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen. Erst die &#132;Krise des (Neo-)Marxismus&#148; im Westen, wie sie etwa in der damals noch einflussreichen Zeitschrift und Redaktion Probleme des Klassenkampfes &#150; wer kann ihren bis heute gebr\u00e4uchlichen Titel Prokla eigentlich noch dechiffrieren? &#150; seit Mitte der 1970er Jahre diskutiert wurde, als sei er nicht bereits sp\u00e4testens seit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Spaltung der Arbeiterbewegung permanent in der &#132;Krise&#148; seiner theoretischen Erkl\u00e4rungs- und politischen Mobilisierungskraft gewesen, erst das Aufkommen der neuen sozialen Bewegungen gegen Atomkraft und f\u00fcr Frieden und \u00d6kologie, vor allem aber die wachsende Bedeutung der Dissidentenbewegungen in Osteuropa und die ersten Erfolge der Solidarnosc in Polen f\u00fchrten auch im Westen zu einer Neubewertung und Renaissance des politischen B\u00fcrgerbegriffs. Auf dem Umweg \u00fcber Osteuropa entdeckte die westeurop\u00e4ische Linke &#150; in Frankreich fr\u00fcher als in Westdeutschland &#150; den politischen Republikanismus neu. Hannah Arendt &#150; bezeichnenderweise nicht aber Dolf Sternberger &#150; wurde nun international zu seiner Ikone. Manche, die eben noch Georg Luk\u00e4cs&#8216; Geschichte und Klassenbewusstsein studiert hatten, lasen nun enthusiasmiert Arendts \u00dcber die Revolution. Bei ihr boten sich f\u00fcr die ehemalige Linke angesichts ihres Geschlechtes, ihrer Exilantenrolle und ihres &#150; keineswegs unproblematischen &#150; Verst\u00e4ndnisses der (amerikanischen) Republik als &#132;revolution\u00e4rer Gr\u00fcndung von B\u00fcrgern&#148; attraktivere Ansatzpunkte als bei Sternberger, der in Westdeutschland einen Mangel an &#132;Verfassungspatriotismus&#148; unter seinen B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen beklagte.<\/p>\n<h5><span id=\"buergerliche-lebensformen-nach-1968-150-erinnerungen-und-beobachtungen\">B&uuml;rgerliche Lebens&shy;formen nach 1968 &#150; Erinne&shy;rungen und Beobach&shy;tungen<\/span><\/h5>\n<p>In seinem zuerst Mitte der 1930er Jahre im nationalsozialistischen Deutschland ver\u00f6ffentlichten Buch Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert schreibt Sternberger in einer Zwischenbemerkung \u00fcber die Reformbewegung (Jugendstil, Lebensreform), &#132;der das heutige modernistische Selbstbewusstsein seine s\u00e4mtlichen Motive und Argumente verdankt&#148;, jenen &#132;\u00dcberwindern&#148;, die glaubten, das von ihnen Abgelehnte und \u00dcberwundene sei ohne Rest vergangen, ins Stammbuch: &#132;Um es freundlicher auszudr\u00fccken: nicht jeder, den man heute das B\u00fcrger-Milieu von ehedem kr\u00e4ftig persiflieren h\u00f6rt, hat darum aufgeh\u00f6rt, selber ein solcher ,B\u00fcrger` zu sein&#148; (Sternberger 1946: 157f.). Diese Beobachtung scheint mir auch auf das heutige Verh\u00e4ltnis der meisten ,Alt-68er` zum B\u00fcrgerlichen zuzutreffen, das sie noch in den 1970er Jahren theoretisch und h\u00e4ufig auch p\u00e4dagogisch bek\u00e4mpften.<\/p>\n<p>Offenkundig ist in dem Sternberger &#8211; Zitat nunmehr vom sozio\u00f6konomischen oder auch kulturellen Begriff des B\u00fcrgerlichen die Rede. Der Abschnitt, dem das Zitat entstammt, handelt vom &#132;Innern des Hauses&#148;, also vom Wohnraum des intimen Lebens, den sich die Menschen mehr oder weniger bewusst gestaltend schaffen, darin ihre Lebensauffassung zum Ausdruck bringend. Sternberger erinnert gleich zu Beginn des Buches daran, dass diese Lebensauffassungen perspektivisch immer vom &#150; in diesem Falle soziologischen &#150; Standpunkt des Betrachters her gedeutet und begriffen werden m\u00fcssen. So sei hier pers\u00f6nlich nur soviel angedeutet, dass meine nachfolgenden Beobachtungen ohne die eigene Erfahrung b\u00fcrgerlicher Sozialisation auskommen mussten. Meine Mutter wuchs im beengten Milieu einer Mietskaserne in einer tschechoslowakischen Industriestadt als Kind eines einfachen Polizeiwachmanns auf. Nach dem Besuch des Lehrerseminars noch vor 1945 wurde sie Grundschullehrerin und war durch Flucht und \u00fcbereilte Heirat an den n\u00f6rdlichen Stadtrand Hamburgs verschlagen worden. Schnell nach meiner Geburt wurde sie am Ende des furchtbaren Hungerwinters 1946\/47 sitzengelassen und musste nun als alleinstehende Fl\u00fcchtlingsfrau gegen mancherlei Widrigkeiten sich selbst, das aus Tr\u00fcmmersteinen gebaute und hoch mit Bausparvertr\u00e4gen belastete Haus und mich als keineswegs pflegeleichtes Kind durchzubringen versuchen. Ich erlebte in den 1950er Jahren eine Jugend, die keinem der \u00fcblichen soziologischen Milieus zuzuordnen gewesen w\u00e4re &#150; gewiss nicht dem b\u00fcrgerlichen. Daf\u00fcr fehlte es hinten und vorne an Geld, vor allem aber in dem m\u00fchsam abzuzahlenden Haus an dem entsprechenden Interieur und Lebensstil. Der Rucksack, mit dem meine Mutter 1946 als einzigem \u00dcberbleibsel der fr\u00fcheren Existenz einer vierk\u00f6pfigen Familie nach monatelanger Flucht in Hamburg angelangt war, enthielt nur einen kleinen Silberl\u00f6ffel, den sie anl\u00e4sslich ihrer ersten Verlobung von der Mutter des sp\u00e4ter gefallenen Offiziers als Andenken erhalten hatte; die sp\u00e4rlichen M\u00f6bel waren gebraucht, die Regale aus Brettern selbst gezimmert, die ersten L\u00e4ufer aus Sisal. Aus Winkeleisen, wie sie am Bau verwendet werden, hatte der Dorfschmied nach der ldee meiner Mutter das Gestell eines Couchtisches geformt, in dem einfaches Fensterglas die Tischplatte bildete (er steht bis heute in meinem Arbeitszimmer). Unser Leben spielte sich im Sommer wie Winter \u00fcberwiegend auf dem Gel\u00e4nde des direkt angrenzenden Sportclubs ab, dessen Mitglieder wir aufgrund der Heirat meiner Mutter mit dem Sohn eines der Gr\u00fcndungsmitglieder waren und blieben. Hier, auf dem gro\u00dfz\u00fcgigen Freigel\u00e4nde am Rande der Stadt, traf ich in den 1950er Jahren auf &#150; durchaus auch finanziell &#150; gehobenes B\u00fcrgertum; allerdings kannte ich es nur im Sportdress und in Freizeitstimmung. Als meine Mutter ihren ersten fahrbaren Untersatz, ein zitronengelbes Goggomobil, Mitte der 1950er Jahre auf dem Parkplatz des Sportclubs zwischen den Isabellas, Opel Kapit\u00e4ns und ersten Mercedes-Kabriolets platzierte, erntete sie viel Spott und Gel\u00e4chter; ich bat sie, mich mit diesem Gef\u00e4hrt nicht von der Schule abzuholen. An Besuche in den Stadtwohnungen und H\u00e4usern meiner jugendlichen ,Sportkameraden` kann ich mich nicht erinnern. Wochentags spielte ich auf dem einsamen Gel\u00e4nde mit der Tochter des polnischen Platzwartes, mit der ich auch die zun\u00e4chst einklassige Dorfschule besuchte, die man nach halbst\u00fcndigem Fu\u00dfmarsch durch Wiesen und Felder erreichte.<\/p>\n<p>Mit welchem Staunen, aber auch von Anfang an mit welcher Bewunderung und Sehnsucht erlebt ich dann die ersten &#132;b\u00fcrgerlichen Wohnungen&#148; meines Lebens &#150; und zwar bewusst recht eigentlich erst w\u00e4hrend meiner sp\u00e4ten Studenten- und ersten Assistentenjahre bei Besuchen in Berlin und Hannover in den Wohnungen akademischer Kollegen. Hier schien das mir &#150; seit jungen Jahren ein bewundernder Leser Thomas Manns und der b\u00fcrgerlichen Romane des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts &#150; nur literarisch vertraute Lebens- und Stilgef\u00fchl des Bildungsb\u00fcrgertums ein Refugium gefunden zu haben: weitr\u00e4umige Wohnungen und Zimmerfluchten, B\u00fccherw\u00e4nde mit dem Ausma\u00df<br \/>von Bibliotheken, die keineswegs nur die 42 blauen B\u00e4nde der MEW und das bunte Spektrum der Edition Suhrkamp enthielten. Der eine sammelte die ber\u00fchmten und sch\u00f6nen Erstausgaben des Malik -Verlages aus der Weimarer Republik, der andere historische Aufnahmen von Beethoven-Symphonien; ein anderer seit langem Meissner Porzellan und konnte deshalb schon in den 1970er Jahren durchaus gr\u00f6\u00dfere Geselligkeiten auf blauem Zwiebelmuster &#150; selbstverst\u00e4ndlich mit Spatensilber &#150; bewirten. Andere waren stolz auf ihre &#150; keineswegs immer nur geerbten &#150; Kirschholzm\u00f6bel aus dem Biedermeier. Um es pointiert zu sagen: selten bin ich in Kreisen dieses linken akademischen Milieus auf Wohnungen und einen Lebensstil gesto\u00dfen, der versuchte, im Ein-klang mit der wissenschaftlichen Kritik an der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft auch einen an-deren Lebensstil zu entwickeln, der sich &#150; wenn auch nur symbolisch &#150; vom fr\u00fchen 20. Jahrhundert abhob. \u00dcber die Jahre &#150; in die wir alle seit den 1970ern gekommen sind &#150; hat sich diese Verb\u00fcrgerlichung mit dem angesammelten Wohlstand eher noch gesteigert: Hauskonzerte, Kunstm\u00e4zenatentum und der Zweitwohnsitz in der Toskana, Provence oder wenigstens auf Mallorca sind hinzugetreten.<\/p>\n<p>Dies sei hier ohne H\u00e4me festgehalten; ich selbst unterscheide mich angesichts meiner Herkunft nur durch den Grad der Selbstverst\u00e4ndlichkeit, mit der diese Neo -B\u00fcrgerlichkeit des akademisch linksliberalen Milieus heute von ehemaligen &#132;Systemkritikern&#148; der &#132;b\u00fcrgerlichen Gesellschaft&#148; gelebt wird. Die Aufsteiger, die diese nachgeahmte B\u00fcrgerlichkeit angesichts ihrer Herkunft bewusst anstreben mussten, oft nur orientiert an literarischen Vorbildern und ungelenk und stilunsicher in der Realisierung &#150; unterscheiden sich von jenen, die nach einer jugendlichen Phase der Absetzung nur in das ihnen Vertraute wiedereintraten, noch heute durch eine Art Stallgeruch. Bei Nicolaus Sombart findet sich ein Satz, der diese Differenz verdeutlicht: &#132;Aber genaue Vorstellungen von einer Karriere, einem Berufsziel, hatte ich \u00fcberhaupt nicht. Habe ich eigentlich nie gehabt, nur ein sicheres Gef\u00fchl f\u00fcr die mir angemessene soziale Position&#148; (Sombart 2000: 280). Das sagt einer, der als Sohn des ber\u00fchmten Gelehrten Werner Sombart mit, wie er berichtet, &#132;50000 B\u00fcchern im Haus&#148; gro\u00df wurde und bereits als kleiner Junge mit den bedeutendsten Zeitgenossen der Epoche aus Wissenschaft und Kultur Umgang pflegte. \u00dcbrigens erz\u00e4hlt er in seinen Erinnerungen auch ausf\u00fchrlich von Sternberger, in einem von gro\u00dfer Sympathie getragenen Bericht, der freilich wie stets bei ihm die eigene Bedeutsamkeit nicht unterschl\u00e4gt. Beil\u00e4ufig hei\u00dft es bei Sombart \u00fcber Sternbergers Heidelberger Wohnung in der unmittelbaren Nachkriegszeit: &#132;Ich war beeindruckt von der gro\u00dfen Bibliothek, die zwei durch eine Schiebet\u00fcr verbundene R\u00e4ume in seiner Wohnung einnahm, die sich in einer herrschaftlichen Villa in Neuenheim befand [&#8230;] Das gefiel mir &#150; wie die eleganten Anz\u00fcge, die er l\u00e4ssig zu tragen pflegte&#148; (Sombart 2000: 96). Bei Sternberger handelte es sich also offenkundig um einen &#132;Bourgeois&#148;, der zugleich republikanischer &#132;B\u00fcrger&#148; sein wollte.<\/p>\n<p>Die interessante Frage \u00fcber das &#150; vielleicht allzu &#150; Pers\u00f6nliche hinaus ist nun aber: warum hat die Generation von &#132;Systemkritikern&#148; &#150; wie sie sich einmal selbst definierte und mit dem System immer auch das &#132;b\u00fcrgerliche&#148; weit \u00fcber die politische Herrschaftssph\u00e4re hinaus meinte &#150; sich bei aller Ver\u00e4nderung im sozialen Verhalten und in der politischen Orientierung dann doch wieder &#150; bewusst oder unbewusst &#150; so sehr am b\u00fcrgerlichen Lebensstil orientiert, ihre h\u00e4usliche Umgebung danach gestaltet, ihre kulturellen Bed\u00fcrfnisse daran ausgerichtet? Fehlte es gerade dieser Generation, deren Parole unter anderem doch auch einmal &#132;Die Phantasie an die Macht&#148; lautete, an sch\u00f6pferischer Gestaltungskraft f\u00fcr Eigenes, so dass ihr am Ende nur die Mimikry des neob\u00fcrgerlichen Lebensstils geblieben ist?<\/p>\n<h5><span id=\"sternbergers-gegenwart-und-die-scheinbare-verbuergerlichung-von-1968\">Stern&shy;ber&shy;gers Gegenwart und die scheinbare Verb&uuml;r&shy;ger&shy;li&shy;chung von 1968<\/span><\/h5>\n<p>Es sollte \u00fcber die Schilderung der &#132;Alt-68er&#148; und ihres Lebensstils nicht vergessen werden, dass das B\u00fcrgerliche heute nicht mehr hoch im Kurs steht. Viele aus dieser Generation, \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig in lehrenden und Sinn vermittelnden Berufen als Lehrer, Professoren oder Publizisten t\u00e4tig, erleben das zuhause als Erzieher ihrer inzwischen zumeist schon erwachsenen Kinder oder im Umgang mit Jugendlichen. Nicht wenige weichen aus Frustration in die fr\u00fcher blo\u00df verachtete ,Kulturkritik` aus &#150; und best\u00e4tigen damit einmal mehr und ungewollt ihr hinter der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung zur\u00fcckbleibendes Bewusstsein. Denn jeder Blick ins Fernsehen oder die Illustrierten belehrt \u00fcber das, was heute &#132;in&#148; ist: im kritisierten Zeitalter der ,Globalisierung` dominieren \u00f6ffentlich andere Zeichen und kulturelle Signale. Werte sind ,mega-out`; wer sich zu solchen bekennt, gilt schon deswegen als nicht mehr auf der H\u00f6he der Zeit. Dem notorisch b\u00fcrgerlichen &#132;Guten, Sch\u00f6nen und Wahren&#148; hat l\u00e4ngst die bis in die Werbung eingedrungene, sich f\u00fcr besonders abgekl\u00e4rt haltende Mischung aus Konstruktivismus und Relativismus Platz gemacht; Zynismus gilt nicht mehr als absto\u00dfend.<\/p>\n<p>Der Buchtitel Ich w\u00fcnschte ein B\u00fcrger zu sein w\u00fcrde gewiss, nicht nur wegen seines inzwischen geradezu altfr\u00e4nkisch wirkenden, aber korrekten sprachlichen Ausdrucks, im modernen Lektorat, das sich sowieso nur noch als akquirierende und verkaufsf\u00f6rdernde Institution versteht, als &#132;Umsatz sch\u00e4dlich&#148; zur\u00fcckgewiesen. Und in der Tat strahlt er ja weniger Zuversicht als Resignation aus und war urspr\u00fcnglich von dem gro\u00dfen Althistoriker Theodor Mommsen &#132;in bitterer Gem\u00fctsverfassung&#148; 1899 in seinem Testament formuliert worden. Der &#132;Alt-48er&#148; sah im autokratischen Bismarck-Regime des auch von ihm urspr\u00fcnglich gl\u00fchend ersehnten deutschen Nationalstaates alle seine freiheitlichen Hoffnungen betrogen; mit dem ihm verwehrten B\u00fcrgerstatus bezog sich Mommsen wie Sternberger auf die antiken Vorbilder. Sternberger hat in seinem Titel, wie er hoffte, &#132;bei unver\u00e4ndertem Wortlaut die Zeitform unmerklich verschoben&#148;, so dass er ihm nunmehr geeignet erschien, &#132;den Begriff des B\u00fcrgers zu rehabilitieren&#148; (Sternberger 1967: 7). &#132;Hier auf dem Buchtitel&#148;, so f\u00e4hrt er in der Einleitung 1967 fort, &#132;ist der Sinn eher futurisch: ich m\u00f6chte ein B\u00fcrger sein. Etwas vom Sto\u00dfseufzer mag darin nachklingen, doch soll die Hoffnung nicht begraben sein, vielmehr geweckt werden&#148; (ebd.).<\/p>\n<p>Man wird heute bezweifeln d\u00fcrfen, dass diese Hoffnung sich erf\u00fcllte. Unbeabsichtigt hat sich Sternberger mit seinem Zitat und dem darin und in seinen sonstigen Texten enthaltenen Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine republikanische B\u00fcrgerrolle erneut in die resignative Tradition Mommsens gestellt. So wenig ihm unmittelbar nach Erscheinen seiner Sammlung \u00fcber die unmittelbare Umgebung als akademischer Lehrer hinaus Wirkung und Erfolg beschieden waren, so wenig wird man heute, in \u00e4hnlichem Abstand zu den 1960er Jahren wie Mommsen zur Reichsgr\u00fcndung, sagen k\u00f6nnen, dass der Schwung der 68er die Politik &#132;republikanischer&#148; hat werden lassen, dass die politische Alltagskultur Deutschlands durch &#132;b\u00fcrgerliches&#148; Bewusstsein gepr\u00e4gt ist.<\/p>\n<p>Manche werden diesem Urteil spontan widersprechen und auf alles verweisen, was sich ihrer Meinung nach seit den 1960er Jahren zum Besseren gewandelt hat. Und in der Tat sind Fortschritte in Politik und Kultur &#150; vor allem in den 1970er Jahren &#150; gemacht worden, die nicht zu verachten sind und an denen die Akteure und Antriebe aus den sp\u00e4ten 1960er Jahren ihren positiven Anteil haben. Zahlreiche Beispiele lie\u00dfen sich nennen von der Strafrechtsreform \u00fcber die gesetzliche Gleichstellung von Frauen bis hin zur damals von vielen Linken als ungen\u00fcgend bek\u00e4mpften Mitbestimmung in Wirtschaft und Hochschulen. Gewiss kann man auch im langfristigen Ausstieg aus der Kernkraft, im Umweltschutz und in vielen anderen Bereichen Fortschritte erkennen. Aber bei Sternbergers Wunsch geht es ja nicht um Politikinhalte, sondern um den geistigen und praktischen Gehalt der B\u00fcrgerrolle und der Republik. Auch da werden wohl manche auf das zahlenm\u00e4\u00dfig unbestreitbar gewachsene und thematisch breit gef\u00e4cherte Engagement von hunderttausenden Gesellschaftsmitgliedern verweisen und zur\u00fcckfragen, wie man angesichts dieser bedeutsamen Ausweitung der Partizipation an allem und jedem zu so einem skeptischen Urteil kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wer so zur\u00fcckfragte, best\u00e4tigt auf ungewollte Weise die skeptische Diagnose, weil er im republikanischen Sinne nicht zwischen b\u00fcrgerlicher Mitwirkung an der Regelung allgemeiner Angelegenheiten und der durchaus oft engagierten und legitimen Vertretung von partikularen Interessen in der pluralistischen Zivilgesellschaft zu unterscheiden vermag. Die Unterscheidung f\u00e4llt empirisch im Einzelfall oft nicht leicht und was nur partikularen Interessen dient, wird in einer Gesellschaft regelm\u00e4\u00dfig umstritten bleiben, die keinen positiven Inhalt vom bonum communis mehr \u00fcber die Menschenrechte hinaus anerkennt. Deshalb ist sie aber nicht normativ und prinzipiell unwichtig, wenn man den republikanischen Gedanken nachvollziehen will. Nach dieser Unterscheidung verdient eben nicht jede gesellschaftliche Partizipation, wie positiv und bedeutsam f\u00fcr sich auch immer betrachtet, als Indiz republikanischen B\u00fcrgergeistes angef\u00fchrt zu werden, sondern nur solche, die sich direkt auf die Republik, auf den Erhalt ihres freiheitlichen Charakters und die Gleichheit der B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen gr\u00fcndet. Gerade letztere ist in der gesellschaftlichen Partizipation nicht zu gew\u00e4hrleisten, in der die Menschen nicht nur f\u00fcr ihre Interessen und Ziele streiten, sondern auch \u00fcber ganz unterschiedliche Ressourcen verf\u00fcgen, die sie dabei einsetzen k\u00f6nnen. Sternberger machte aber zum Beispiel 1980 in einer Rede zur Feier des Darmst\u00e4dter Stadtjubil\u00e4ums den Unterschied so klar: &#132;Die B\u00fcrgerschaft ist selbst ein Staatsorgan, das umfassendste von allen&#148; (Sternberger 1980: 20), und nur als handelnde Mitglieder dieses &#132;Staatsorgans&#148; &#150; und vor dem Recht bzw. Gericht &#150; erf\u00fcllen die B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen untereinander die entscheidende Demokratie gew\u00e4hrleistende Voraussetzung: sie handeln als &#132;homoioi, das ist die untereinander Gleichen&#148; (Sternberger 1964: 249). Diese k\u00fcnstliche Gleichheit kehrt in der Gleichgewichtigkeit der Stimme bei Wahlen nach dem sog. opov-principle (one person &#150; one vote) und in der sich daraus ergebenden Gleichheit der Repr\u00e4sentanten der B\u00fcrgerschaft in den Parlamenten wieder. Dass es erst diese politisch hergestellte Gleichheit ist, die Partizipation im republikanischen Sinne demokratisch werden l\u00e4sst, wird in der neueren Partizipations Literatur \u00fcber neue soziale Bewegungen und NGOs nicht selten vergessen. Wo aber gesellschaftliche Partizipation ungefiltert durch die gleichheitsbasierten \u00c4mter und Institutionen der republikanischen Ordnung direkt auf die Gesetzgebung oder Regierung Einfluss gewinnt, da leidet mit der Gleichheit der demokratische Charakter des Gemeinwesens &#150; gleicherma\u00dfen ob es sich um das Lobbying eines Industrieverbandes oder den Erfolg einer &#132;B\u00fcrgerinitiative&#148; handelt.<\/p>\n<p>&#132;Der b\u00fcrgerliche Freisinn kann sich freilich auch nicht im Abfassen und Unter-zeichnen von Protestresolutionen ersch\u00f6pfen&#148; (Sternberger 1980: 20), sondern \u00e4u\u00dfert sich republikanisch in der Polis zun\u00e4chst, wie schon zitiert, direkt in der &#132;Teilhabe an den Gerichten und an der Regierung&#148;, nun aber in der modernen Massendemokratie im Akt der demokratischen Wahl. Als W\u00e4hler und W\u00e4hlerin \u00fcben die B\u00fcrger und B\u00fcrge-rinnen also ein \u00f6ffentliches Amt aus, handeln als Teil eines &#132;Staatsorgans&#148;. Sternberger zitiert dazu zustimmend Georg Jellinek aus dessen Allgemeiner Staatslehre: &#132;Auch das &#8218; W\u00e4hlen selbst ist T\u00e4tigkeit f\u00fcr den Staat, also Organhandlung&#148;( zit. n. Sternberger 1964: 272). Der Unterschied zur gesellschaftlichen Partizipation liegt darin, dass der W\u00e4hler oder die W\u00e4hlerin im Wahlakt &#132;nicht nur eine Teilhabe bekundet, nicht nur eine Meinung \u00e4u\u00dfert wie bei Meinungsumfragen, sondern vielmehr eine Entscheidung trifft und also einen staatlichen Akt vollzieht, der an Kraft und Rang einer parlamentarischen Gesetzesverabschiedung oder einem Kabinettsbeschluss verglichen werden kann&#148; (Sternberger 1980: 16).<\/p>\n<p>Dazu passt eine Anekdote, die Joachim Fest in seinem Sternberger -Portr\u00e4t unter dem Titel Genie der Vern\u00fcnftigkeit berichtet. Demnach liebte Sternberger die Verwendung des Begriffs &#132;Staatsfreund&#148; von Friedrich Schiller. Die &#132;staatsfreundliche&#148; galt ihm als die &#132;eigentliche politische Richtung&#148; (Sternberger 1975: 93). Dabei muss man allerdings seinen von der antiken Polis bzw. Republik gepr\u00e4gten Sinn des Wortes &#132;Staat&#148; im Auge behalten: &#132;Es meint gerade keine herrschaftliche, irgend monopolistische oder gar monolithische Gesellschaftsordnung, sondern im Gegenteil eine verfassungsm\u00e4\u00dfige, vertragliche und vertr\u00e4gliche Ordnung, die zuletzt auf b\u00fcrgerlichem \u00dcbereinkommen beruht, so wie es die lange Ahnenreihe der gro\u00dfen Staatsdenker des Abendlandes gelehrt haben und wie es die Griechen, die R\u00f6mer, die Engl\u00e4nder, die Amerikaner und auch die Franzosen in ihren gl\u00fccklichsten Momenten vorgemacht haben. Simpel ausgedr\u00fcckt: Staat hei\u00dft Demokratie. Verfassungsm\u00e4\u00dfig geregelte b\u00fcrgerliche Ordnung. <i>Civil Gouvernement.<\/i>&#148; (ebd.). Fest berichtet dazu: &#132;Als ich gelegentlich dagegen hielt, so ohne jede nuancierte Bestimmung gehe der kritische Ur-Gegensatz verloren, der zwischen Staat und B\u00fcrger auch gesetzt sei, brauste er geradezu auf ,Weit vor solchen Gegens\u00e4tzen steht das Ur-Einvernehmen.&#148; (Fest 2004: 103) Man trifft hier erneut auf den auf Aristoteles zur\u00fcckgehenden Republikanismus Sternbergers &#150; aber auch Joachim Fests in der deutschen Tradition stehendes Denkmodell eines unabh\u00e4ngig von der B\u00fcrgerschaft<br \/>bestehenden Staates. Mit diesem Denken d\u00fcrfte Joachim Fest heute f\u00fcr die politische Alltagskultur ungleich repr\u00e4sentativer sein als Sternberger; vielleicht gerade eben repr\u00e4sentativ f\u00fcr jene, die im hei\u00dflaufenden Globalisierungsdiskurs nunmehr pl\u00f6tzlich die angeblich schwindende Handlungsf\u00e4higkeit des (National-)Staates zu beklagen beginnen, dem sie vorher misstrauten.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Fest, Joachim 2004: Genie der Vern\u00fcnftigkeit; in: Ders.: Begegnungen, Reinbek, S. 87-120 Sombart, Nicolaus 2000: Rendezvous mit dem Weltgeist, Frankfurt\/Main<br \/>Sternberger, Dolf 1946: Panorama oder Ansichten vom 19. Jahrhundert, Hamburg<br \/>Ders. 1964: Grund und Abgrund der Macht. Kritik der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit heutiger Regierungen, Frankfurt\/Main u.a.<br \/>Ders. 1967: ,Ich w\u00fcnschte ein B\u00fcrger zu sein&#8216;. Neun Versuche \u00fcber den Staat, Frankfurt\/Main<br \/>Ders. 1975: Staatsfreundschaft; in: Ders.: Gerechtigkeit f\u00fcr das neunzehnte Jahrhundert, Frankfurt\/Main, S. 82-98<br \/>Ders. 1980: B\u00fcrgertum und B\u00fcrgerschaft, Stadt Darmstadt<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[157],"publikationen":[1446],"class_list":["post-11953","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-michael-th-greven","publikationen-170-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Betrachtungen \u00fcber das B\u00fcrgerliche - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/170-vorgaenge\/publikation\/betrachtungen-ueber-das-buergerliche\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Betrachtungen \u00fcber das B\u00fcrgerliche - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Dolf Sternberger und die Metamorphosen des B\u00fcrgers nach 1945 aus: Vorg\u00e4nge Nr.170 ( Heft 2\/2005 ), S.3-20 Das B\u00fcrgerliche und alles mit ihm Verwandte besitzt heute offenkundig kaum noch einen guten Klang, geschweige denn gr\u00f6\u00dfere Anerkennung in der Gesellschaft. 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