{"id":11984,"date":"2004-12-04T21:20:00","date_gmt":"2004-12-04T20:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-lange-weg-zum-arbeitsamt\/"},"modified":"2004-12-04T12:00:00","modified_gmt":"2004-12-04T11:00:00","slug":"der-lange-weg-zum-arbeitsamt","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/der-lange-weg-zum-arbeitsamt\/","title":{"rendered":"Der lange Weg zum Arbeitsamt"},"content":{"rendered":"<p>Zur Geschichte des &#132;erzwungenen M\u00fc\u00dfiggangs&#148;<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 168 ( Heft 4\/2004 ), S.34-45<\/p>\n<p><i>&#132;Die erste Regel muss absolut gelten: Es ist immer noch besser die Menschen damit zu besch\u00e4ftigen, L\u00f6cher zu graben und wieder aufzuf\u00fcllen als sie \u00fcberhaupt nicht zu besch\u00e4ftigen. [&#8230;] Erzwungener M\u00fc\u00dfiggang [idleness] ist eine Verschwendung wahrer Ressourcen, eine sinnlose Verschwendung von Leben, die aus keinem finanziellen Grund gerechtfertigt werden kann.&#148; (Beveridge 1944: 147) Warum ist es sinnvoll, die Menschen in sinnloser Arbeit zu besch\u00e4ftigen? Warum ist der M\u00fc\u00dfiggang im Verh\u00e4ltnis zur stupidesten und sinnlosesten T\u00e4tigkeit eine Verschwendung menschlichen Lebens? Hinter der Aufl\u00f6sung dieses R\u00e4tsels steht die noch recht junge Geschichte der &#132;Arbeitslosigkeit&#148;, die Entdeckung und Problematisierung jenes &#132;erzwungenen M\u00fc\u00dfiggangs&#148;, auf deren Grundlage der hier zitierte William Beveridge als einflussreicher sozial- und wirtschaftspolitischer Regierungsberater zwischen 1909 und 1944 das weit \u00fcber England hinausreichende Konzept des modernen Wohlfahrtsstaats ausarbeiten wird. In Zeiten, in denen gleichsam mit technokratischer Semantik von einem &#132;Um-oder Abbau&#148; des Wohlfahrtstaates die Rede ist, mag eine Genealogie seiner Herkunft vielleicht mehr zu sein als die historische oder sentimentale Erinnerung an eine allm\u00e4hlich verblassende Gestalt unserer j\u00fcngsten Vergangenheit (vgl. auch Bohlender 2004).<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"gespenster\">Gespenster<\/span><\/h5>\n<p>Die Figur des &#132;Arbeitslosen&#148; ist nicht \u00e4lter als hundert Jahre. Zuvor gab es die Armen, die Bettler und Vagabunden; es gab die Ausgesto\u00dfenen, die Vertriebenen und diejenigen ohne &#132;Heim und Herd&#148;, die regelm\u00e4\u00dfig die Spit\u00e4ler, Bettler depots und Arbeitsh\u00e4user bev\u00f6lkerten. Sie alle waren noch im 19. Jahrhundert Teil einer von der Politischen \u00d6konomie so bezeichneten &#132;\u00fcbersch\u00fcssigen Bev\u00f6lkerung&#148; (redundant population), der man aufgrund objektiver Naturgesetze keinen Platz im sozialen und \u00f6konomischen Raum zuweisen konnte (vgl. Bohlender 1998). &#132;Sobald es [&#8230;] dem Kapital einf\u00e4llt [&#8230;], nicht mehr f\u00fcr den Arbeiter zu sein&#148;, schreibt Marx im Jahre 1844, &#132;ist er selbst nicht mehr f\u00fcr sich, er hat keine Arbeit, darum keinen Lohn, und da er nicht als Mensch, sondern als Arbeiter Dasein hat, so kann er sich begraben lassen, verhungern etc. [&#8230;]. Die National\u00f6konomie kennt daher nicht den unbesch\u00e4ftigten Arbeiter, den Arbeitsmenschen, soweit er sich au\u00dfer diesem Arbeitsverh\u00e4ltnis befindet. Der Spitzbube, Gauner, Bettler, der unbesch\u00e4ftigte, der verhungernde, der elende und verbrecherische Arbeitsmensch sind Gestalten, die nicht f\u00fcr sie, sondern nur f\u00fcr andre Augen, f\u00fcr die des Arztes, des Richters, des Totengr\u00e4bers und Bettelvogts etc, existieren, Gespenster au\u00dferhalb ihres Reichs.&#148; (Marx 1981: 523f.; Hervorh. i. Orig.)<\/p>\n<h5><span id=\"die-entdeckung-der-arbeitslosigkeit\">Die Entdeckung der Arbeits&shy;lo&shy;sig&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p>Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts beginnt man, f\u00fcr diese Gespenster einen Namen zu suchen. Sie treten langsam aus dem Niemandsland zwischen Arbeitsmarkt und Arbeitshaus heraus und finden Eingang in die ersten gro\u00dfen social surveys, die soziographischen Enqueten, staatlichen Untersuchungskommission und Landesstatistiken. Gegen Ende des 19. Jahrhundert wird fast zeitgleich in England, Frankreich, Deutschland und der Westk\u00fcste der USA die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; (unemployment, ch\u00f6mage) entdeckt (vgl. Topalov 1994; Walters 1994; Vobruba 2000: 24ff.). Man kann sie allerdings noch nicht richtig begreifen: Die ersten Statistiken von 1895 (Deutschland), 1896 (Frankreich) und 1901 (England) sind noch nicht ausgefeilt genug in der klassifizierenden und kategorialen Erfassung dessen, was es hei\u00dft, nicht besch\u00e4ftigt, unterbesch\u00e4ftigt, saisonal oder gelegentlich besch\u00e4ftigt zu sein. Es fehlt vor allem die eindeutige, gesetzlich fest-gelegte und in Hinblick auf Versicherungsanspr\u00fcche relevante Referenz: n\u00e4mlich die Bestimmung von Arbeit, Erwerbst\u00e4tigkeit und Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Im Jahr 1896 h\u00e4lt der Historiker und aufgekl\u00e4rte konservative Politiker Hans Delbr\u00fcck auf dem &#132;Evangelisch-Sozialen Kongre\u00df&#148; in Stuttgart das Hauptreferat mit dem Thema Die Arbeitslosigkeit und das Recht auf Arbeit. Zur Diskussion stand die Einf\u00fchrung einer m\u00f6glichen &#132;Arbeitslosenversicherung&#148; in konsequenter Fortsetzung der Bismarckschen Sozialgesetzgebung. Jedoch war es zu diesem Zeitpunkt noch nicht m\u00f6glich, auf statistisch nachpr\u00fcfbare, allgemeine Kriterien f\u00fcr den Status &#132;wirklicher, unverschuldeter Arbeitslosigkeit&#148; zur\u00fcckzugreifen. F\u00fcr Delbr\u00fcck, der strikt in juridischen und moralischen Kategorien argumentiert, schien dies \u00fcberhaupt ein Ding der Unm\u00f6glichkeit; und so fragt er:<\/p>\n<p>&#132;Ist ein Uhrmacher arbeitslos, wenn er nicht Uhren machen, aber als Feinmechaniker Besch\u00e4ftigung finden k\u00f6nnte? Nein. Wenn aber als Grobschmied? Oder Stra\u00dfenkehrer? Ist ein Mann arbeitslos, der in K\u00f6ln keine Arbeit findet, aber in Bonn? Soll er aus-wandern? Wo soll er die Familie hinbringen? Ist ein Mann arbeitslos, der im Sommer t\u00fcchtig verdient hat &#8211; nehmen wir einen Maurer &#8211; und im Winter aussetzt? Er hat ein Haus, einen Acker, er kann sich w\u00e4hrend dieser Zeit, wo er nicht in seinem Handwerk t\u00e4tig ist, mit h\u00e4uslichen Verrichtungen besch\u00e4ftigen. Ist der Mann arbeitslos? [&#8230;] Nun aber erst kommen die Fragen: Warum bist du arbeitslos geworden? Hast du Streit gehabt? Warst du faul? Oder hat dir dein Meister etwas Unrechtes zugemutet? Wer ist im Recht gewesen? Wie soll entschieden werden? [&#8230;] Wir finden schon bei der Frage ,ist der Mann arbeitslos oder nicht?&#8216; Dinge, die rein individuell entschieden werden m\u00fcssen. Eine rein individuelle Entscheidung aber kann eine Beh\u00f6rde nicht treffen. Das w\u00fcrde die reine Willk\u00fcr werden. Also eine \u00f6ffentliche Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist schon wegen des mangelnden Begriffs der Arbeitslosigkeit im legislatorischen System nicht ausf\u00fchrbar.&#8220; (zit. n. Pankoke 1990:113f.)<\/p>\n<p>An diesen konkreten Fragen Delbr\u00fccks l\u00e4sst sich sehr gut erkennen, welche Beunruhigung zu dieser Zeit den politischen Konsens ersch\u00fctterte. Die Arbeitslosigkeit ist zwar als ein gesellschaftliches Massenph\u00e4nomen entdeckt; die j\u00fcngst (1892) gegr\u00fcndete Kommission f\u00fcr Arbeiterstatistik hat sie zum legitimen und messbaren Gegenstand der Diskussion gemacht. Aber sie entzieht sich der allgemeinen Regel des Rechts, der Juridifizierbarkeit. Und so steht man vor der Frage, sie entweder als ein individuelles, moralisches Problem zu behandeln und sie den Gewerkschaften, den Kirchen, den Kommunen, der Familie und den Wohlfahrtsverb\u00e4nden zu \u00fcberantworten oder in der Arbeitslosigkeit ein soziales Problem zu erkennen, und es demzufolge dem Bereich der industriellen Lebensrisiken &#150; wie Unfall, Krankheit und Alter &#150; zuzurechnen, Im ersten Fall w\u00e4re der Arbeitslose ein Objekt der Armenf\u00fcrsorge und Arbeitslosigkeit lediglich ein Unterfall individuell verschuldeter oder zuf\u00e4lliger Verarmung. Im zweiten Fall m\u00fcsste man eingestehen, dass die Arbeitslosigkeit gewisserma\u00dfen kausal statistisch an die industrielle Vergesellschaftung der Bev\u00f6lkerung gekn\u00fcpft ist, dass sie zur industriekapitalistischen Lebensweise geh\u00f6rt. Wie der Betriebsunfall, die Krankheit und der Verschlei\u00df durch k\u00f6rperliche Arbeit m\u00fcsste dieses Lebensrisiko versicherungstechnisch, arbeitsrechtlich und sozial gesetzlich gedeckt werden (vgl. Ewald 1993).<\/p>\n<h5><span id=\"charles-booth-und-das-problem-der-gelegenheitsarbeit\">Charles Booth und das Problem der Gelegen&shy;heits&shy;a&shy;r&shy;beit<\/span><\/h5>\n<p>Die ersten Schritte zur Kl\u00e4rung des omin\u00f6sen Begriffs der &#132;Arbeitslosigkeit&#148; und folglich zur technologischen Regierbarkeit des Problems kommen unbeabsichtigterweise aus dem konservativen Lager. Der Liverpooler Gesch\u00e4ftsmann Charles Booth investierte seine Energie und einen gro\u00dfen Teil seines Verm\u00f6gens in eine quantitative Armutsuntersuchung, die beweisen sollte, dass das Ausma\u00df der Armut in London nicht den Ergebnissen einer Umfrage der Social Democratic Federation entsprach, die Anfang der 1880 Jahre ver\u00f6ffentlicht worden war. Danach sollten 25 Prozent der Londoner Arbeitsbev\u00f6lkerung in Armut leben. Um diese horrende Zahl zu bestreiten, unternahm Booth, vertraut mit den organisatorischen und statistischen Techniken der modernen Gesch\u00e4ftswelt, eine eigene Untersuchung, die 1889 unter dem Titel Life arid Labour of the People in London ihre ersten Ergebnisse pr\u00e4sentierte (vgl. Topalov 1994: 216ff.; Desrosieres 1998: 254ff.). Allerdings waren diese wenig erfreulich. Die Social Democratic Federation hatte mit ihren Zahlen nicht \u00fcber-, sondern untertrieben. \u00dcber 30 Prozent der in London arbeitenden Bev\u00f6lkerung lebte demzufolge unterhalb der von Booth definierten und seither etablierten, sogenannten Poverty Line, eine Armutsgrenze, die er zu dieser Zeit bei einem w\u00f6chentlichen Familieneinkommen von 21 Shilling festlegte. Neben dem technischen Instrument der Armutsgrenze sollte Booth aber noch eine weitere Entdeckung machen. Er klassifizierte n\u00e4mlich erstmals die Verteilung der Armut im gro\u00dfst\u00e4dtischen Raum, d.h. er bildete Einkommenskategorien von A bis H, um so die Arbeits- und Armutsbev\u00f6lkerung genauer zu spezifizieren. Die Kategorie A umfasste die sogenannten Faulenzer (loafer), S\u00e4ufer (drunkards) und Halb kriminellen (semicriminals); in der Kategorie B vereinte er diejenigen, die durch Gelegenheitsarbeit von der Hand in den Mund lebten (casual hand-to-mouth earnings); Kategorie C und D war den Einkommensgruppen zugeordnet, die aufgrund saisonaler Besch\u00e4ftigung nur einen geringen Durchschnittslohn erhielten. Unter die Kategorien E bis H subsumierte er dann die regul\u00e4r Arbeitenden und relativ gutbezahlten Gruppen (working class, lower middle class, upper middle class).<\/p>\n<p>Die entscheidende Schlussfolgerung die Booth&#8216; Untersuchung und Klassifizierungsarbeit erbrachte und die dann von seinen sozialwissenschaftlichen Nachfolgern geteilt wurde, l\u00e4sst sich folgenderma\u00dfen res\u00fcmieren: Das Problem der Arbeitslosigkeit ist keineswegs ein Problem der Besch\u00e4ftigungslosigkeit oder der Arbeitswilligkeit, sondern ein Problem der Arbeit selbst, d.h. des Arbeitsverh\u00e4ltnisses, der Besch\u00e4ftigungsdauer, des regul\u00e4ren Arbeitslohnes und der Zust\u00e4nde am Arbeitsplatz. Bis auf die Kategorie A, die sp\u00e4ter sogenannten &#132;Unbrauchbaren&#148; (unemployables), waren die &#132;Armen&#148; in Kategorie B, C und D weder arbeitslos noch arbeitsunwillig. Sie waren einfach deshalb arm, weil sie arbeiteten wie sie arbeiteten. Mit Booth konstituiert sich erstmals die Arbeit und der Arbeitsmarkt als ein m\u00f6gliches politisches Interventionsfeld, das sich jedoch im weiteren Verlauf in zwei unterschiedliche Richtungen oder Linien zersplitterte. Die eine Linie, die der Soziopolitiker und politischen \u00d6konomen, forderte eine soziale Reorganisation und politische Regulierung des Arbeitsmarktes und zwar in Hinblick auf eine Normalisierung der Arbeit (decasualization). Die andere Linie, die der Biopolitiker und Anthropometriker, forderte eine eugenische Organisation und rassehygienische Regulierung der Bev\u00f6lkerung und zwar unter der drohenden Gefahr einer Degenerierung der Bev\u00f6lkerung (degeneration). Das bedeutet jedoch keineswegs, dass es nicht zu Ber\u00fchrungen, \u00dcberschneidungen und Verknotungen beider Linien gekommen w\u00e4re (vgl. hierzu Weingart u.a. 1988; Niemann-Findeisen 2004).<\/p>\n<h5><span id=\"john-a-hobson-oder-die-oekonomisierung-der-arbeitslosigkeit\">John A. Hobson oder die &Ouml;kono&shy;mi&shy;sie&shy;rung der Arbeits&shy;lo&shy;sig&shy;keit<\/span><\/h5>\n<p>Wenn von Charles Booth &#150; dem viktorianischen Unternehmer &#150; der erste Ansto\u00df kam, die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; zu einem politischen Interventionsfeld zu konstituieren, so war es der liberale \u00d6konom John A. Hobson &#150; eher bekannt als Imperialismustheoretiker &#150; der sie in den \u00f6konomischen Diskurs einf\u00fchrte und verankerte. Bis dahin blieb die Arbeitslosigkeit ein Gespenst au\u00dferhalb des Reichs der \u00d6konomen, oder sie erschien lediglich an deren ausgefransten R\u00e4ndern. F\u00fcr neoklassische Autoren gab es im Grunde nur ein Erkl\u00e4rungsprinzip f\u00fcr die massenhafte Freisetzung des Produktionsfaktors Arbeit: die Starrheit und Inflexibilit\u00e4t der L\u00f6hne im Verh\u00e4ltnis zu den Preisschwankungen auf dem G\u00fctermarkt. In the long run aber, so der Konsens der Autoren, sollten die Lohnkosten sich diesen Schwankungen anpassen, die L\u00f6hne w\u00fcrden sinken und der Arbeitsmarkt somit wieder ger\u00e4umt werden.<\/p>\n<p>Hobson jedoch vertrat diesem Argument gegen\u00fcber eine abweichende Haltung (vgl. Hobson 1896). Er fragte: Was genau sind die \u00f6konomischen Ursachen f\u00fcr das Ph\u00e4nomen &#132;Arbeitslosigkeit&#148;? Seine Antwort ist deshalb interessant, weil sie das Problem auf durchaus radikale Weise verschiebt und einen Ber\u00fchrungspunkt zu den Untersuchungen von Booth herstellt (vgl. Walters 1994, 273f.). Nach Hobson ist das Problem der Arbeitslosigkeit im Grunde ein Problem der Einkommensverteilung. Das industrielle Produkt des gesellschaftlichen Reichtums ist auf massive Weise ungleich geteilt. Die Arbeiter leben geradeso von dem, was ihre Existenz mehr schlecht als recht sichert, w\u00e4hrend die Kapitalisten weitaus mehr zur Verf\u00fcgung haben, als sie verausgaben k\u00f6nnen. Sie sind gewisserma\u00dfen gezwungen zu &#132;sparen&#148;, d.h, sie investieren in Fabriken und andere Produktionsmittel. Zwar schaffen diese Investitionen vorerst Besch\u00e4ftigung, aber die Verwendung der Produktivkr\u00e4fte f\u00fcr diese Investitionen stehen in keinem Verh\u00e4ltnis zur Nachfrage nach jenen Waren und G\u00fctern, die in den neugeschaffenen Fabriken und mit den neuerworbenen Produktionsmitteln erzeugt werden. Es kommt zu einer G\u00fcterschwemme (glut), in deren Folge die Produktion gedrosselt und die Arbeiter &#132;aufs Pflaster geworfen werden&#148;. Die Wurzel des gesamten \u00dcbels liegt also in dem, was Hobson over-saving oder aus einer anderen Perspektive underconsumption &#151; Unterkonsumtion &#151; nennt &#151; ein Problem, das in der klassischen politischen \u00d6konomie lediglich von Simonde de Sismondi (1773-1842) und Thomas R. Malthus (1766-1834) thematisiert, aber von den Neoklassikern ignoriert wurde.<\/p>\n<p>F\u00fcr Hobson ist Arbeitslosigkeit kein Randph\u00e4nomen einer industriekapitalistischen Produktionsweise, sondern ein dauerhaftes und systematisches Problem mitten im Zentrum dieser Wirtschaftsform. In ihr ist der Arbeitsmarkt auf eine solche Weise mit dem G\u00fctermarkt verkoppelt, dass unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen immer Unterkonsumtion und damit systematisch Surplus-Arbeit entsteht. Diese Surplus-Arbeit liegt ungenutzt au\u00dferhalb der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums; sie scheint \u00fcberfl\u00fcssig, aber nur deshalb, weil andere zu viel sparen. Hobsons Perspektive ist nicht die einer Kritik der kapitalistischen Produktionsweise, sondern die ihrer mangelhaften Effizienz. Die Gesamtheit der scheinbar &#132;\u00fcberfl\u00fcssigen&#148; Arbeitskraft ist in Wirklichkeit ein ungenutztes Produktivit\u00e4tspotential, ein Quantum jener m\u00f6glichen Steigerung des Nationalreichtums, das verloren gegeben wird. Die industriekapitalistische Produktionsweise k\u00f6nnte also effizienter gestaltet werden, wenn ihr eine intelligente \u00d6konomie des Sparens und des Verausgabens implementiert w\u00fcrde. Mit Hobson wird die Wegstrecke zu Keynes und dessen Vorstellung einer Konjunktur- und Nachfragesteuerung ein ganzes St\u00fcck verk\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Aber nicht das ist vorerst entscheidend an der Unterkonsumtionstheorie. Wichtiger ist vielmehr folgendes: Hobsons Analyse er\u00f6ffnet den Raum, ein k\u00fcrzlich erst gesellschaftlich und politisch wahrgenommenes Problem &#151; die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; &#151; in den \u00f6konomischen Diskurs zu \u00fcbersetzen und zu transferieren. Dort, also innerhalb der \u00f6konomischen Logik und Maschinerie, erscheint die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; jedoch nicht als soziales oder politisches Problem, sondern als \u00f6konomisches Effizienzproblem. Fortan wird man die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; zu einer \u00f6konomischen Variable ernennen, sie ins Spiel der Mechanismen, Hypothesen- und Modellbildung einbinden. Sie wird sogar zu einem &#151; bis vor kurzem noch &#151; bedeutenden Indikator des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts (Stabilit\u00e4tsgesetz von 1967).<\/p>\n<h5><span id=\"der-neue-pakt-gegen-132arbeitslosigkeit148-lebenslaufpolitik\">Der neue Pakt gegen &#132;Arbeits&shy;lo&shy;sig&shy;keit&#148;: Lebens&shy;lauf&shy;po&shy;litik<\/span><\/h5>\n<p>Wenn das Gespenst der Arbeitslosigkeit nun langsam beginnt, im diskursiven Raum der \u00d6konomen ein Gesicht und eine Gestalt anzunehmen, so hatte dies umgekehrt f\u00fcr die Sozialpolitik und den Argumentationsspielraum der Soziopolitiker eminente Folgen. Durch die L\u00fccke der von Hobson diagnostizierten Unterkonsumtion hindurch beginnt eine Kommunikation zwischen \u00d6konomie und Sozialpolitik. Es entsteht eine Verkn\u00fcpfung zwischen dem \u00d6konomischen und dem Sozialen, die f\u00fcr die Neoklassiker bis dahin undenkbar gewesen war: f\u00fcr sie geh\u00f6rte das \u00f6konomische Spiel von Angebot und Nachfrage einer anderen Rationalit\u00e4t an als das soziale oder politische Spiel der F\u00fcrsorge und des Gesetzes. Statt einer Verbindung sollten hier Grenzlinien gezogen werden, sollte der Staat oder die Regierung ein der \u00d6konomie angemessenes Grenzregime etablieren. Mit Hobsons liberaler Mangeldiagnose (Effizienz- und Rationalit\u00e4tsmangel) aber wird dieses Regime durchl\u00f6chert. Es entsteht auf der einen Seite eine moderne Sozial- und Wohlfahrts\u00f6konomie und auf der anderen Seite entwickeln sich die ersten Konturen einer sozial relevanten Arbeitsmarkt-, Lohn-, Steuer- und Zinspolitik. Schon Hobson schl\u00e4gt folgende Ma\u00dfnahmen vor: Um den Standard des Ausgabeniveaus der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu erh\u00f6hen und das Sparvolumen zu begrenzen, soll die Besteuerung gro\u00dfer Einkommen eingeleitet, die L\u00f6hne erh\u00f6ht und der Arbeitstag verk\u00fcrzt werden. Sozialpolitik h\u00f6rt damit endg\u00fcltig auf, eine rein moralische Wohlfahrt- und Barmherzigkeitspraxis zu sein. Sie professionalisiert und \u00f6konomisiert sich. Sie steht der \u00d6konomie auf gleichem Niveau gegen\u00fcber, weil ihre jeweiligen Sprachen ineinander \u00fcbersetzt werden k\u00f6nnen. Beide arbeiten getrennt, aber f\u00fcr dieselbe Sache: eine gesunde, stabile Arbeitsbev\u00f6lkerung hier und ein gesundes, stabiles Wirtschaftswachstum dort. So in etwa k\u00f6nnte man die Gesch\u00e4ftsgrundlage nennen, auf der zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich eine neue Koalition, eine neuer Pakt formiert.<\/p>\n<p>Der alte Pakt war gegen das subproletarische Gespenst des Pauperismus geschmiedet worden, gegen die Figur des Bettlers, des Vagabunden, der Prostituierten und gegen das halb kriminelle Milieu. Der neue Pakt dagegen hat f\u00fcr die Figur des &#132;unbrauchbaren Pauper&#148; keinen ernsthaften Problematisierungsbedarf mehr. Schon Booth bezifferte den Umfang der in Kategorie A klassifizierten &#132;Faulenzer&#148; und &#132;S\u00e4ufer&#148; auf nicht mal ein Prozent der Londoner Bev\u00f6lkerung. F\u00fcr sie sollte der zwangsweise Verbleib in Irrenanstalten, in Arbeits- oder Farmerkolonien ausreichen, sogenannte Reformatory Detention Colonies (vgl. Webb 1911: 150ff.). Der neue Pakt aber zielt im Grunde nicht mehr direkt auf Individuen oder Gruppen, sondern auf die Steuerung und Regulierung von Prozessen und Vorg\u00e4ngen, die die Lohn- und Erwerbsarbeit der Bev\u00f6lkerung und damit ihr Leben und ihr Einkommen unfreiwillig fragmentarisiert und prekarisiert. Arbeitslosigkeit ist diesem Verst\u00e4ndnis zufolge ein Bestandteil des industriellen Arbeitsverh\u00e4ltnisses, ja mehr noch: Es ist ein Problem der unaufhaltsamen Durchsetzung einer bisher ungesteuerten industriekapitalistischen Lebensweise.<\/p>\n<p>Genau dieser Kerngedanke des neuen Paktes steht im Zentrum von William Beveridges 1909 ver\u00f6ffentlichten Studie mit dem Titel Unemployment. A Problem of Industry. Der damals 30 j\u00e4hrige \u00d6konom und Sozialpolitiker beginnt seine Monographie mit der folgenden einschl\u00e4gigen Passage:<\/p>\n<p>&#132;Das Problem der Arbeitslosigkeit liegt in einem spezifischen Sinne an der Wurzel der meisten anderen sozialen Probleme. Die Gesellschaft ist auf Arbeit gegr\u00fcndet; sie erlegt ihren Mitgliedern Verpflichtungen auf, die in den meisten F\u00e4llen nur durch einen Arbeitslohn erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Bettler werden eingesperrt und Pauperismus gebrandmarkt. Die ideale Einheit dieser Gesellschaft besteht aus Ehemann, Ehefrau und Kindern, deren Unterhalt von den Eink\u00fcnften des ersteren gew\u00e4hrleistet wird. Ein solcher Haushalt ben\u00f6tigt ausreichend Raum und Luft &#150; aber wie, wenn das Einkommen zu unregelm\u00e4\u00dfig ist, um den Mietzins zu zahlen? Die Kinder m\u00fcssen von den Eltern unterst\u00fctzt werden &#150; aber wie, wenn der Vater keine Besch\u00e4ftigung hat? Die Ehefrau, soweit sie geb\u00e4rf\u00e4hig ist und Kinder erzieht, sollte keine andere Aufgabe \u00fcbernehmen &#150; aber wie, wenn der Verdienst des Ehemanns ausf\u00e4llt und sie arbeiten muss? \u00dcberall dieselben Schwierigkeiten, \u00fcberall erscheint eine vern\u00fcnftige Besch\u00e4ftigungssicherung f\u00fcr den Versorger [bread-winner] die Basis aller privaten Pflichten und aller intakten sozialen Verh\u00e4ltnisse.&#148; (Beveridge 1909: 1)<\/p>\n<p>Die Problematisierung einer intakten industriellen Lebensweise, die Beveridge hier umrei\u00dft, konzentriert sich also auf einen Punkt: Besch\u00e4ftigungssicherung. Eine solche Besch\u00e4ftigungssicherung muss allerdings spezifischen Anforderungen gen\u00fcgen. Die erste Anforderung besteht darin, die moderne industriekapitalistische Gesellschaft mit all ihren zyklischen St\u00f6rungen, saisonalen Br\u00fcchen und technologischen Konversionen zu akzeptieren. Eine antikapitalistische, revolution\u00e4re L\u00f6sung wird zur\u00fcckgewiesen. Die zweite Anforderung besteht darin, nicht nur Besch\u00e4ftigungssicherung in dieser modernen Gesellschaft herzustellen, sondern sie mit und f\u00fcr die Industrie zu konzipieren. Kurz gesagt: Die Besch\u00e4ftigungssicherung muss die Arbeits- und Erwerbsbev\u00f6lkerung einerseits vor den Umw\u00e4lzungen und Unsicherheiten des industriellen Lebens sch\u00fctzen und andererseits eine mobile und effiziente Arbeitsbev\u00f6lkerung formieren, die den Erfordernissen der Industrie und des industriellen Lebens gewachsen ist. Eine Politik der Besch\u00e4ftigungssicherung darf beispielsweise die Arbeitslosigkeit niemals g\u00e4nzlich zum Verschwinden bringen. Denn der \u00fcberaus fluide industrielle Raum, mit seinen unterschiedlichen M\u00e4rkten, Produktionsrhythmen, Zirkulationszeiten und Warenketten, ben\u00f6tigt eine gewisse Schwankungsreserve an Arbeitskraft. Diese &#132;industrielle Reservearmee&#148; darf jedoch wiederum nicht in die Verelendung fallen und damit ihre N\u00fctzlichkeit f\u00fcr den industriellen Produktionsprozess verlieren.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese, wie man sieht, \u00e4u\u00dferst komplexe Konstellation schl\u00e4gt Beveridge drei Ma\u00dfnahmen vor, die er unter die Rubrik De Casualization of Labour stellt:<\/p>\n<ol>\n<li>\n<p>The Averaging of work and earnings, also die gesetzliche Festlegung eines Normalarbeitstages (6 Tagewoche, 8-10 Stunden) und eines Mindestlohnes. Es geht um eine Normalisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsl\u00f6hnen. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Labour Exchanges, also die Einrichtung von landesweit verteilten Arbeitsb\u00f6rsen oder Arbeits\u00e4mtern, mit Meldepflicht f\u00fcr alle Arbeitslosen, Ausbildungsprogrammen und Stellennachweispflicht f\u00fcr die Arbeitgeber. <\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Unemployed insurance, also eine Versicherungstechnologie, die das nun akzeptierte industrielle Risiko der &#132;Arbeitslosigkeit&#148; gleichm\u00e4\u00dfig auf die Erwerbsbev\u00f6lkerung verteilt (vgl. Beveridge 1909: 192ff., 219ff.)<\/p>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Worum geht es Beveridge mit diesen drei Ma\u00dfnahmen: sicher nicht darum, die Funktion des kapitalistischen Arbeitsmarktes &#150; n\u00e4mlich die Regulierung und Verteilung von Arbeits- und Einkommensstr\u00f6men &#150; zu beseitigen. Vielmehr will er sie ausdehnen, stabilisieren und homogenisieren. Von Glasgow bis Dover, von Liverpool bis York sollen vergleichbare Arbeits-, Lebens- und Einkommensbedingungen herrschen, es sollen vergleichbare Lebensl\u00e4ufe, Lebenslagen und Lebensf\u00fchrungen vorfindbar sein. Die Herstellung einer solchen stabilen Lohnarbeiterlage k\u00e4me nicht allein den Arbeitern, sondern ebenso auch der Industrie zugute. F\u00fcr den Arbeitslosen und den Gelegenheitsarbeiter prophezeit Beveridge allerdings harte Zeiten. Eine Politik der De-Casualization ist f\u00fcr ihn n\u00e4mlich gleichbedeutend mit einer m\u00fchsamen Arbeit des sifting und weeding out of the unemployables, also des Aussiebens und Ausj\u00e4tens der Unbrauchbaren aus dem Industriearbeiterheer. Fortan wird es im industriellen Raum der Arbeit keine flie\u00dfenden \u00dcberg\u00e4nge, keine Nischen, keine sporadischen R\u00fcckz\u00fcge, keine Zweideutigkeiten mehr geben. Es wird eine Grenze gezogen sein zwischen einem legitimen Leben in Arbeit (m\u00e4nnlicher Lohnarbeiter), einem legitimen Leben in Nichtarbeit (Kindheit, Jugend, Alter) und einem illegitimen Leben, in dem Arbeit und Nichtarbeit sich dem Rhythmus eines geordneten industriellen Lebens entziehen: &#132;Dem, der nur ein Mal pro Woche arbeiten und den Rest der Zeit im Bett verbringen will, wird die Stellenvermittlung diesen Wunsch verwehren. Dem, der von Zeit zu Zeit einen prek\u00e4ren Job finden will, wird die Stellenvermittlung, diese Lebensweise nach und nach verunm\u00f6glichen. Sie wird ihm diesen Arbeitstag, den er haben wollte wegnehmen und einem anderen geben, der schon vier Tage in der Woche arbeitet, und ihm auf diese Weise erm\u00f6glichen, anst\u00e4ndig seinen Lebensunterhalt zu verdienen.&#148; (zit. n. Caste12000: 287)<\/p>\n<p>Die Grenzziehung erzeugt die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; als einen doppelten Mangel: sie ist ein Fehlen von &#132;normaler&#148;, vollbesch\u00e4ftigter Arbeit und sie ist zugleich auch die Abwesenheit eines legitimen Lebens in Nichtarbeit. Dieser doppelte Entzug ist der disziplinierende Anreiz daf\u00fcr, sein Leben k\u00fcnftig in den zur Verf\u00fcgung stehenden R\u00e4umen der &#132;Anst\u00e4ndigkeit&#148;, der Legitimit\u00e4t und Normalit\u00e4t zu f\u00fchren. Wollten die Neoklassiker an einem Grenzregime festhalten, das zwischen dem \u00d6konomischen und Sozialen, zwischen freier Lohnarbeit und abh\u00e4ngiger F\u00fcrsorge errichtet war, so entscheiden sich die liberalen Soziopolitiker f\u00fcr ein anderes Grenzregime: eines, das zwischen dem legitimen und illegitimen Leben diskriminiert. Sie entscheiden sich f\u00fcr die Abschaffung des Armengesetzes und die Zerschlagung der Arbeitsh\u00e4user, nur um an deren Stelle ein nationales System von Arbeits\u00e4mtern zu errichten (vgl, hierzu allgemein Englander 1998).<\/p>\n<p>Das Arbeitshaus des 19. Jahrhunderts war eine gespenstische Institution; es operierte mit dem Dispositiv des &#132;Schreckens&#148; und der &#132;Barmherzigkeit&#148;, und es zielte mit aller moralischen Gewalt auf den K\u00f6rper und die Seele des Individuums. Das Arbeitsamt des 20. Jahrhunderts dagegen ist Teil eines Programms, das nicht mehr auf das Individuum, sondern auf die gesamte Lebensweise der Bev\u00f6lkerung und ihre industrielle Mobilmachung zielt. Das Dispositiv, das hier seine Wirkung entfaltet, ist das von &#132;Sicherheit&#148; und &#132;Unsicherheit&#148;: Sicherheit f\u00fcr all diejenigen die sich den Unsicherheit des industriellen Lebens anzupassen verm\u00f6gen; f\u00fcr sie stellt das Programm feste Identit\u00e4ten, vertraute Klassenlagen, definierte Berufs- und Geschlechterrollen, also einen krisensicheren Lebenslauf zur Verf\u00fcgung. F\u00fcr alle diejenigen jedoch, die sich einer solchen &#132;Lebenslaufpolitik&#148; (vgl. Leibfried u.a. 1995: 23ff.) verweigern, bleibt nur die Unsicherheit des anormalen Lebens.<\/p>\n<h5><span id=\"132massenarbeitslosigkeit148-vollbeschaeftigung-und-die-unregierbarkeit-der-gesellschaft\">&#132;Masse&shy;n&shy;a&shy;r&shy;beits&shy;lo&shy;sig&shy;keit&#148;, Vollbe&shy;sch&auml;f&shy;ti&shy;gung und die Unregier&shy;bar&shy;keit der Gesell&shy;schaft<\/span><\/h5>\n<p>Mit Beveridges Programm von 1909 verwandelt sich die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; von einem vormals obskuren Ph\u00e4nomen zu einem sozialpolitischen Indikator, mit Hilfe dessen man eine pr\u00e4zise Aussage \u00fcber die Normalisierung des Arbeitslebens innerhalb der Industriegesellschaft treffen kann. Aber nicht nur das: Mit dem Aufbau eines landesweiten Systems von Arbeits\u00e4mtern (National Labour Exchange System) &#150; dessen Direktor er ab 1910 werden sollte &#150; steht nun auch eine Regierungstechnologie zur Verf\u00fcgung, diese Normalisierung zu beobachten und aktiv zu bef\u00f6rdern. Arbeitsamt, Normalarbeitstag und Arbeitslosenversicherung sollen aus dem verfehlten Leben des Individuums das anst\u00e4ndige Leben eines (m\u00e4nnlichen) Arbeiter-B\u00fcrgers schmieden, der sich selbst und seine Familie regieren kann.<\/p>\n<p>Allerdings hat Beveridge zu diesem Zeitpunkt noch nicht bedacht, dass &#132;Arbeitslosigkeit&#148; nicht nur der Schl\u00fcsselbegriff eines Regimes zur Herstellung fixer politisch-\u00f6konomischer Identit\u00e4ten ist. Er ist, wie schon in der Unterkonsumtionstheorie von Hobson sich abzeichnete, ebenso sehr ein sozial\u00f6konomischer Indikator. Am Ausma\u00df der &#132;Arbeitslosigkeit&#148; l\u00e4sst sich erkennen, ob die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mit dem entsprechenden Angebot korrespondiert oder hier eine Abweichung, eine Anomalie vorliegt. Zwischen der \u00d6konomie der zirkulierenden G\u00fcter (Waren- und G\u00fctermarkt) und der \u00d6konomie der gesellschaftlichen Arbeit (Arbeitsmarkt) besteht innerhalb einer rein marktgesteuerten Wirtschaftsform ein systematisches Missverh\u00e4ltnis, eine Instabilit\u00e4t. &#132;Arbeitslosigkeit&#148; ist nicht nur reallohnbedingt, wie es die Klassiker formulierten, sondern der an den Arbeitsmarkt weitergeleitete Effekt eines Nachtfragemangels auf den G\u00fcterm\u00e4rkten (vgl. Berger 1996). Erst mit dieser von John M. Keynes 1936 ausgearbeiteten Theorie der nachfrage bedingten Arbeitslosigkeit kommt es zu einer erneuten Wendung, die Beveridge in seinem Buch Full Employment in a Free Society von 1944 vollzieht. &#132;Vor dem ersten Weltkrieg erschien Arbeitslosigkeit zwar als ein \u00dcbel, das der Behandlung bedurfte, aber keineswegs als das wohl ernsthafteste \u00f6konomische Problem der Zeit.&#148; (Beveridge 1944: 105)<\/p>\n<p>Das Programm von Beveridge versprach zun\u00e4chst Besch\u00e4ftigungs- und Einkommenssicherung innerhalb eines marktgesteuerten industriellen Arbeitslebens, das von Fragmentierung, h\u00e4ufigem Arbeitsplatzwechsel (drifting) oder zeitweiligem Arbeitsplatzverlust (waiting) bedroht schien. Diese M\u00e4ngel waren allein einem desorganisierten Arbeitsmarkt geschuldet und konnten somit von dieser Seite her behoben werden. Nun aber stellte sich mit der keynesianischen Botschaft heraus, dass das &#132;neue Gesicht der Arbeitslosigkeit&#148; &#150; n\u00e4mlich Massen- und Langzeitarbeitslosigkeit &#150; prim\u00e4r einem chronischen Mangel an Nachfrage auf dem G\u00fctermarkt geschuldet ist. Die wichtigste Erkenntnis aus der keynesianischen Analyse war f\u00fcr Beveridge die Tatsache, dass innerhalb der modernen Industriegesellschaft zwischen der Produktion und Konsumtion von G\u00fctern auf der einen und der Produktion von Produzenten und Konsumenten auf der anderen Seite ein Band gekn\u00fcpft schien, das nicht automatisch und notwendigerweise zur Auslastung der gesamten man-power einer Gesellschaft &#150; zur Vollbesch\u00e4ftigung f\u00fchren muss. &#132;In einer ungeplanten Markt\u00f6konomie gibt es nichts, das automatisch die Gesamtheit der Ausgaben (f\u00fcr Konsumtion und Investition) mit der Vollbesch\u00e4ftigung in \u00dcbereinstimmung bringt, d.h. die Ausgaben hoch genug h\u00e4lt, um die zur Verf\u00fcgung stehende Arbeit zu besch\u00e4ftigen. Eine ad\u00e4quate Gesamtnachfrage nach Arbeit ist in einer ungeplanten Markt\u00f6konomie nicht garantiert.&#148; (Beveridge 1944: 94)<\/p>\n<p>Die Wendung, die Beveridge hier vollzieht, ist von fundamentaler Bedeutung: Es geht nicht mehr allein um Besch\u00e4ftigungssicherung, sondern um maximale Besch\u00e4ftigungsauslastung der Arbeitsbev\u00f6lkerung; es geht nicht mehr nur um die Bek\u00e4mpfung der Arbeitslosigkeit, sondern um eine aktive Politik der Vollbesch\u00e4ftigung. Die &#132;alte&#148; Arbeitslosigkeit zeigte einen Mangel in der Anpassung des Lebens der Produzenten an die Kontingenzen der industriellen Produktionsweise an; dieser Mangel war dem noch unorganisierten Arbeitsmarkt und der Anpassungsf\u00e4higkeit des Individuums geschuldet. Die &#132;neue&#148; Arbeitslosigkeit hingegen verweist die Gesellschaft auf ein tieferliegendes Problem ihrer Organisationsweise: die fehlende Verantwortung aller Gesellschaftsmitglieder, die Industriegesellschaft als eine nationale Einheit (von \u00d6konomie und Gesellschaft) wahrzunehmen und zu regieren. Tats\u00e4chlich stellt Beveridge damit die alte moralische Frage nach Schuld, Pflicht und Verantwortung neu.<br \/>Waren Armut und Not vormals als selbstverschuldete Verhaltensweise des Individuums verstanden worden, so konnte man diese Ansicht mit der Entdeckung der &#132;Arbeitslosigkeit&#148; nicht mehr teilen. Man musste anerkennen, dass die aus der Arbeitslosigkeit erwachsene Armut und Not der negative Effekt eines gesamtgesellschaftlichen Industrialisierungsprozesses darstellt. Wer aber war nun verantwortlich? Wer trug die Schuld an diesen Effekten? Und wer sollte verpflichtet werden, die negativen Seiten dieses Prozesse auszugleichen, zu kompensieren? Die Antwort von Beveridge ist &#132;Wir&#148;! &#132;Wir sollten&#148;, schreibt Beveridge, &#132;Not, Krankheit, Unwissenheit und Schmutz als gemeinsame Feinde aller betrachten.&#148; (Beveridge 1944: 254f.) Es sind n\u00e4mlich Feinde, mit denen man nicht individuell einen getrennten Frieden schlie\u00dfen kann; dieser Friedensschluss, der m\u00f6glicherweise pers\u00f6nlichen Wohlstand verhei\u00dft, beruht im Grunde auf dem Elend der anderen Mitb\u00fcrger. Der Zustand individueller Prosperit\u00e4t und massenhaften Elends f\u00fchrt in die gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit. Die Industriegesellschaft hat zwischen den B\u00fcrgern und ihrer Lebensweise ein Band gekn\u00fcpft, das die individuelle Verfolgung des Gl\u00fccks nur dem garantiert, der zugleich einen Bei-trag leistet zur gesamtgesellschaftlichen Prosperit\u00e4t. F\u00e4llt dieser Beitrag aus, so ist nicht nur der individuelle Wohlstand, sondern die gesamte Regierbarkeit der Gesellschaft gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Das Kernproblem der &#132;Massenarbeitslosigkeit&#148; ist nichts anderes als die Unregierbarkeit der gesamten Industriegesellschaft. &#132;Das gr\u00f6\u00dfte \u00dcbel der Arbeitslosigkeit ist nicht der Verlust zus\u00e4tzlichen materiellen Reichtums [&#8230;]. Es existieren zwei weitaus gr\u00f6\u00dfere \u00dcbel:<\/p>\n<p>1. Arbeitslosigkeit erzeugt in den Menschen das Gef\u00fchl, nicht gebraucht, nicht gewollt und ohne Vaterland zu sein; 2. Arbeitslosigkeit l\u00e4\u00dft die Menschen in Furcht leben und aus Furcht entspringt Hass.&#148; (Beveridge 1944: 248) Die Arbeit selbst ist nicht nur ein \u00f6konomisches Regime zur Steigerung des gesellschaftlichen Reichtums, sie ist ebenso sehr ein politisches Regime, das die Regierungsf\u00e4higkeit der Industriegesellschaft gew\u00e4hrleistet. Beveridge wei\u00df sehr wohl, dass der gegenw\u00e4rtige Kampf Gro\u00dfbritanniens im Zweiten Weltkrieg mit all seinen ungeheuren Opfern an Menschenleben und Ressourcen nur von einer Bev\u00f6lkerung in Arbeit (und Waffen) ge- und ertragen werden kann. Eine Bev\u00f6lkerung in idleness und leisure w\u00e4re dazu gar nicht in der Lage.<\/p>\n<p>Das zu Beginn gestellte R\u00e4tsel vom Sinn einer sinnlosen T\u00e4tigkeit l\u00e4sst sich nun-mehr aufkl\u00e4ren. Selbst die stupideste und sinnloseste T\u00e4tigkeit hat einen \u00f6konomischen und politischen Effekt: diejenigen, die einer nutzlosen Besch\u00e4ftigung nachgehen, tragen doch immerhin durch das, was sie verdienen und ausgeben, zur Besch\u00e4ftigung anderer bei, und durch ihre &#151; wenn auch sinnlose Besch\u00e4ftigung &#151; sind sie zumindest ins politische Regime der Arbeit integriert. Sie leisten ihren Beitrag, den die Gesellschaft verlangt, um ihnen ein Leben in dieser Gesellschaft garantieren zu k\u00f6nnen. &#132;M\u00fc\u00dfiggang&#148; und &#132;Freizeit&#148;, so spekuliert Beveridge an einer Stelle, mag vielleicht sogar \u00f6konomisch noch ertr\u00e4glich sein; verteilt man die &#132;Arbeitslosigkeit&#148; gleichm\u00e4\u00dfig auf die gesamte Bev\u00f6lkerung, so &#132;k\u00f6nnten wir noch immer reich und allesamt gl\u00fccklicher sein; wir h\u00e4tten immer noch einen Lebensstandard, der nur mit wenigen L\u00e4ndern verglichen werden k\u00f6nnte&#148; (Beveridge 1944: 248) &#132;M\u00fc\u00dfiggang&#148; aber muss als ein gesellschaftspolitisches \u00dcbel an sich betrachtet werden. Tats\u00e4chlich speist sich Beveridges neues Programm einer aktiven Vollbesch\u00e4ftigungspolitik, in dessen Folge der Staat als &#132;institutionalisiertes Wir&#148; die Verantwortung \u00fcbernehmen wird, nicht aus einer \u00f6konomischen oder sozial-politischen Sorge um die Bev\u00f6lkerung; vielmehr beruht diese Politik auf einer Angst vor der Unregierbarkeit jener &#132;Arbeitslosen&#148;, die eine industrialisierte Arbeitsgesellschaft so notwendig erzeugt wie sie deren Existenz- und Lebensweise moralisch und politisch verneinen muss. Mit einer Politik der Vollbesch\u00e4ftigung h\u00f6rt jede Form der Rechtfertigung eines &#132;arbeitslosen Leben&#148; auf und kann nunmehr wie ehedem als &#132;M\u00fc\u00dfiggang&#148;und &#132;Faulenzerei&#148; stigmatisiert und diskriminiert werden. Mit ihr erf\u00fcllt sich, was der franz\u00f6sische &#132;Sozialpolitiker&#148; La Rochefoucauld-Liancourt schon 1790 im &#132;Bettlerausschu\u00df&#148; formulierte: &#132;Wenn derjenige, der existiert, das Recht hat, der Gesellschaft zu sagen, la\u00dft mich leben, so hat die Gesellschaft ebenso das Recht, ihm zu antworten, gib mir deine Arbeit.&#148; (zit. n. Rosanvallon 2000: 107)<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Berger, Johannes 1996: Vollbesch\u00e4ftigung als Staatsaufgabe? Der Aufstieg und Niedergang des Vollbesch\u00e4ftigungsversprechens; in: Grimm, Dieter (Hg.): Staatsaufgaben, Frankfurt\/Main, S. 553-584 Beveridge, William 1909: Unemployment. A Problem of Industry, London<br \/>Beveridge, William 1944: Full Employment in a Free Society. A Report, London<br \/>Bohlender, Matthias 1998: Wie man die Armen regiert. Zur Genealogie liberaler politischer Rationalit\u00e4t; in: Leviathan, 26. Jg., H. 4, S. 497-521<br \/>Bohlender, Matthias 2004: Das Gespenst der &#132;Arbeitslosigkeit&#148;. Zur Genealogie des Wohlfahrtsstaates; in: Merkur, 58. Jg., H. 667, S. 998-1008<br \/>Castel, Robert 2000: Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz Desrosieres, Alain 1998: The Politics of Large Numbers: A History of Statistical Reasoning, Cambridge MA<br \/>Englander, David 1998: Poverty and the Poor Law Reform in 19&#8243; Century Britain, 1834-1914. From Chadwick to Booth, London\/New York<br \/>Ewald, Fran~ois 1993: Der Vorsorgestaat, Frankfurt\/Main<br \/>Hobson, John A. 1896: The Problem of the Unemployed,London<br \/>Leibfried, Stephan u.a.199S: Zeit der Armut. Lebensl\u00e4ufe im Sozialstaat, Frankfurt\/Main Marx, Karl 1981 [1844]: \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte (= MEW Erg.&#8211;Bd. I), Berlin Niemann-Findeisen, S\u00f6ren 2004: Weeding the Garden. Die Eugenik-Rezeption der fr\u00fchen Fabian So-<br \/>ciety, M\u00fcnster<br \/>Pankoke, Eckart 1990: Die Arbeitsfrage. Arbeitsmoral, Besch\u00e4ftigungskrisen und Wohlfahrtspolitik im Industriezeitalter, Frankfurt\/Main<br \/>Rosanvallon, Pierre 2000: Der Staat in Frankreich. Von 1789 bis heute, M\u00fcnster<br \/>Topalov, Christian 1994: Naissance du ch\u00f6meur, 1880-1910, Paris<br \/>Vobruba, Georg 2000: Alternativen zur Vollbesch\u00e4ftigung. Die Transformation von Arbeit und Ein-kommen, Frankfurt\/Main<br \/>Walters, William 1994: Discovering ,Unemployment`: New Forms for the Government of Poverty; in: Economy and Society, 23. Jg., H. 3, S. 265-90<br \/>Webb, BeatricelWebb, Sidney 1911: The Prevention of Destitution, London<br \/>Weingart, Peter u.a. 1988: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt\/Main<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2295],"publikationen":[2812],"class_list":["post-11984","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-matthias-bohlender","publikationen-168-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der lange Weg zum Arbeitsamt - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/der-lange-weg-zum-arbeitsamt\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der lange Weg zum Arbeitsamt - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Zur Geschichte des &#132;erzwungenen M\u00fc\u00dfiggangs&#148; aus: Vorg\u00e4nge Nr. 168 ( Heft 4\/2004 ), S.34-45 &#132;Die erste Regel muss absolut gelten: Es ist immer noch besser die Menschen damit zu besch\u00e4ftigen, L\u00f6cher zu graben und wieder aufzuf\u00fcllen als sie \u00fcberhaupt nicht zu besch\u00e4ftigen. 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