{"id":11986,"date":"2004-12-04T19:50:00","date_gmt":"2004-12-04T18:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sozialdemokratie-ohne-solidaritaet\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:59","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:59","slug":"sozialdemokratie-ohne-solidaritaet","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/sozialdemokratie-ohne-solidaritaet\/","title":{"rendered":"Sozialdemokratie ohne Solidarit\u00e4t?"},"content":{"rendered":"<p>Wandlungen eines linken Begriffs in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge Nr.168 ( Heft 4\/2004 ), S.56-64<\/p>\n<p><i>Gegen die Sozialpolitik der rot-gr&uuml;nen Koalition regte sich im Sommer 2003 gesellschaftlicher Widerstand. Die Diskussionen &uuml;ber die Agenda 2010 m&uuml;ndeten vielerorts in Protestaktionen wie den &bdquo;Montagsdemonstrationen&rdquo;. Dabei wurde auf den Transparenten immer wieder Solidarit&auml;t als Wert der sozialen Bewegungen und Gewerkschaften akklamiert. Die Diskussionen um die Renten und den ,Krieg der Generationen&#8216; beschr&auml;nken sich h&auml;ufig instrumentalistisch auf das ,Wer zahlt Wem&#8216;. Dabei werden die Gesellschaftsmitglieder eher als gegenseitige Kostenfaktoren definiert denn als Partner eines Vertragssystems, einer sozialen Gegenseitigkeit unter Gleichen in einem ,solidarischen` System. Ist Solidarit&auml;t noch ein linker Wert, auf den sich ein Verst&auml;ndnis politischer und sozialer Gegenseitigkeit gr&uuml;nden k&ouml;nnte? Symbolisiert er noch Emanzipation und Gleichheit? Und wird dieser Wert noch durch eine sozialdemokratische Regierungspartei vertreten? Diese Fragen versuche ich im folgenden durch eine Untersuchung der Reden sozialdemokratischer Bundeskanzler zum Thema Sozialpolitik zu beantworten &#8211; vor dem Hintergrund der politisch-kulturellen Traditionsbest&auml;nde des Begriffes.&#8216; Nach einer Skizze der linken historischen Interpretationen werden die Solidarit&auml;tsdeutungen von Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schr&ouml;der sowie der Grundwertekommission der SPD analysiert.<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"linke-traditionen-des-solidaritaetsbegriffs\">Linke Traditionen des Solida&shy;ri&shy;t&auml;ts&shy;be&shy;griffs<\/span><\/h5>\n<p>Der Begriff Solidarit&auml;t bezeichnete in seiner deutschen wie franz&ouml;sischen Geschichte vor allem eine Beziehung zwischen Gleichen im Kontrast zu asymmetrischen Beziehungsbegriffen wie Hilfe, F&uuml;rsorge, Mendicite. Diese Beziehung zwischen Gleichen konnte in gegenseitiger Hilfe in asymmetrischen Situationen Ausdruck finden, blieb aber eine symmetrische Beziehung, die einander gegen Risiken versicherte, die jeden gleicherma&szlig;en und unverschuldet treffen k&ouml;nnten.<\/p>\n<p>Drei Deutungsrahmen mit Potential zu politisch-kultureller Tradierung sind zentral; allesamt entstammen sie der Geschichte des linken Milieus: 1, die politische Solidarit&auml;t der internationalen Arbeiterbewegung, als Selbstverst&auml;ndnis geeinter Macht und als im Gegensatz zu Br&uuml;derlichkeit weniger gef&uuml;hlsbetonte Einigungsvokabel; 2. die zukunftsweisende Solidarit&auml;t unter Gleichen in der kommunistischen Gesellschaft von Karl Marx; 3. die integrative Solidarit&auml;t von Wilhelm Liebknecht, die die von Marx in die Zukunft verlegte gesellschaftliche Solidarit&auml;t in die Gegenwart stellt und damit eine integrative und weniger kampfbetonte sozialistische Politik vorschl&auml;gt.<\/p>\n<p>Bei der historisch-semantischen Recherche nach den Solidarit&auml;tstraditionen trifft man auf die ersten fr&uuml;hsozialistischen Deutungen von Solidarit&auml;t in Frankreich und kann dann theoretische und politische Deutungen in den verschiedenen Milieus (Katholizismus, Protestantismus, Arbeiterbewegung, Freimaurer, etc.) in Frankreich und Deutschland verfolgen. Die Verbreitung und Verwendung des Begriffs in der politischen Kultur in Deutschland beschr&auml;nkte sich im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts im wesentlichen auf die linken und die katholischen Milieus und Deutungskulturen. Eine Reihe historischer Arbeiten haben bislang die Geschichte der Arbeiterbewegung als Geschichte der Solidarit&auml;t beschrieben; Kampfsolidarit&auml;t und das Arbeiter-Lebensgef&uuml;hl &bdquo;Solidarit&auml;t&rdquo; wurden dabei unhinterfragt als Solidarit&auml;tstraditionen pr&auml;sentiert.[2] Doch bei genauerer Betrachtung zeitgen&ouml;ssischer Quellen erschlie&szlig;t sich eine weitaus gr&ouml;&szlig;ere Bedeutungsbreite und -geschichte des politischen Begriffs. Wenn man sich Partei- und Gewerkschaftstage, verschiedene sozialdemokratische Parteidokumente sowie die Protokolle der Internationale anschaut, wird ein Spektrum linker politischer Deutungen von Solidarit&auml;t sichtbar, das sowohl klassenexklusive als auch klassen&uuml;bergreifende integrative Solidarit&auml;t aufweist.<\/p>\n<p>F&uuml;r Marx war Solidarit&auml;t ein Alternativbegriff zur Br&uuml;derlichkeit, die ihm f&uuml;r das Proletariat nicht mehr politisch verwendbar schien. Seine Exiljahre in den 1840er Jahren in Paris hatten ihm den Begriff der Br&uuml;derlichkeit fragw&uuml;rdig erscheinen lassen: In Frankreich vereinte dieser semantisch auch Wohlhabende und Unternehmer mit den Unterschichten, trotz sozialer und &ouml;konomischer Ungleichheit (Schieder 1991). Die Klassenexklusivit&auml;t eines politischen Kampfbegriffes konnte Solidarit&auml;t deutlicher symbolisieren. Erst in der kommunistischen Gesellschaft, so die Deutung Marx&#8216;, sollte Solidarit&auml;t als Gesellschaftsprinzip gelten k&ouml;nnen, da sie eine Gesellschaft von Gleichen w&auml;re (MEW 3: 424f. [Die deutsche Ideologie]).<\/p>\n<p>In den Protokollen der Internationale ist Solidarit&auml;t im Klassen exklusiven politischen Sinn wiederzufinden. Einerseits einte der Kampfbegriff der Klassensolidarit&auml;t zielgerichtet im Hinblick auf die Realisierung einer solidarischen Gesellschaft, andererseits entwickelte sich Solidarit&auml;t auch zu einer politischen Machtressource der Bewegung, die entzogen oder zugeteilt werden konnte. Solidarit&auml;t war die politische W&auml;hrung der Internationalen; sie wurde gew&auml;hrt oder auch nicht &#8211; und war auch akklamativ f&uuml;r einen Trinkspruch gut (Arbeiter-Congress 1889: 128). Zudem konnte durch den Begriff Unterst&uuml;tzung und Empathie versichert werden (Solidarit&auml;tsadressen). Die deutschen Delegierten betonten auf den Kongressen mehrfach die in Deutschland besonders ausgepr&auml;gte internationale Solidarit&auml;t (Arbeiter-Kongress 1893: 4f.). Durch die semantische Verbindung der Korrespondenzen, Aufrufe und Anteilnahmen mit dem Begriff der Solidarit&auml;t konnte die Identit&auml;tsbildung der deutschen Arbeiter in Verkn&uuml;pfung mit der internationalen Solidarit&auml;t verlaufen.<\/p>\n<p>Neben der klassenexklusiven Deutung als politische W&auml;hrung und der in die Zukunft weisenden Deutung von Solidarit&auml;t unter Gleichen in einer kommunistischen Gesellschaft durch Marx gab es noch eine dritte Deutungsvariante in der Linken. Wilhelm Liebknecht vertrat seit den 1870er Jahren die integrative und klassen&uuml;bergreifende Solidarit&auml;t als h&ouml;chstes Kultur- und Moralprinzip: &bdquo;Der Fundamentalsatz aller Moral: Tue deinem N&auml;chsten, was du willst, dass er dir tue, ist das Produkt der Not, welche die Erkenntnis hervorrief, dass die Menschen solidarische Interessen haben. Freilich, diese Solidarit&auml;t galt anfangs nur f&uuml;r den engsten Kreis der Angeh&ouml;rigen und wurde nur in einer langen Schule unangenehmer Erfahrungen allm&auml;hlich erweitert, bis wir jetzt endlich so weit gelangt sind, da&szlig; die letzten Schranken der Solidarit&auml;t blo&szlig; noch durch die Gewalt der Bajonette aufrechterhalten werden k&ouml;nnen. Der Begriff der allgemeinen menschlichen Solidarit&auml;t ist der h&ouml;chste Kultur- und Moralbegriff; ihn voll zu verwirklichen, das ist die Aufgabe des Sozialismus.&rdquo; (Liebknecht 1976 [1871]: 99) Die Rede Liebknechts wurde in mehreren Auflagen in den folgenden Jahren publiziert und erreichte gro&szlig;e Verbreitung (Liebknecht 1976: 368, Anm. 57).<\/p>\n<p>In der Arbeiterbewegung standen gemeinsames Handeln, gemeinsam geteiltes Risiko und politisches Ziel im Mittelpunkt der Kommunikation und Solidarit&auml;tsdeutungen. Erfahrungen gemeinsamen Handelns gr&uuml;ndeten und stabilisierten die Bindungen und<br \/>versicherten die Beteiligten einander. Diese appellative Funktion des Begriffs wurde unterst&uuml;tzt durch die bisherige Zuverl&auml;ssigkeit proletarischer und internationaler Solidarit&auml;t. Erfahrung schuf die Kontinuit&auml;t nicht nur eines Solidarit&auml;tsverst&auml;ndnisses, sondern auch des politischen Zusammenhalts unter diesem Symbol. Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist somit auch die Geschichte von Solidarit&auml;t als politischem Schl&uuml;sselbegriff.[3]<\/p>\n<h5><span id=\"solidaritaet-in-den-reden-sozialdemokratischer-kanzler\">Solidarit&auml;t in den Reden sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;scher Kanzler<\/span><\/h5>\n<p>Solidarit&auml;t geh&ouml;rt neben Gerechtigkeit und Freiheit zur Trias der &bdquo;Grundwerte&rdquo; des Godesberger Grundsatzprogramms der SPD von 1959. Eine Analyse des Deutungsgehalts eines dieser Grundwerte muss die Parteitexte und die Grundwerte als Basis sozialdemokratischer Politik einbeziehen. Im Godesberger Programm sind die Grundwerte beschrieben als &bdquo;autonome Wertbasis&rdquo; sozialistischer Politik &ndash; sie sind &bdquo;Grundwerte sozialistischen Wollens&rdquo; (SPD 1959). Auf die Letztg&uuml;ltigkeit von Wertvorstellungen verzichtete die SPD im Gegensatz zu den Christdemokraten mit deren Berufung auf das christliche Menschenbild (z.B. CDU 1994: Kap. 1 &bdquo;Grundlage und Orientierung unseres politischen Handelns sind das christliche Verst&auml;ndnis vom Menschen und die daraus abgeleiteten Grundwerte Freiheit, Solidarit&auml;t und Gerechtigkeit.&rdquo;) Die SPD wollte programmatisch auch im Zusammenhang mit den Grundwerten eine Offenheit f&uuml;r gesellschaftliche Ver&auml;nderungen schaffen (Charlier 1978; Schlei\/Wagner 1976). Im Gesamttext des Godesberger Programms banden diese Grundwerte nicht nur, wie im urspr&uuml;nglichen sozialistischen Verst&auml;ndnis, die Mitglieder und Mitstreiter des demokratischen Sozialismus, sondern waren gleichsam ein Minimalethos der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Das Berliner Programm von 1989 betonte diesen integrativen Charakter der Grundwerte vor dem Hintergrund der Geschichte der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie ebenfalls. Auch der partizipatorische Ansatz sozialdemokratischer Politik- und Programmgestaltung ist im Berliner Programm sichtbar (SPD 1989\/98).<\/p>\n<p>In den Parlamentsreden sozialdemokratischer Regierungschefs seit 1969 wurde da-gegen die fr&uuml;here, Klassen exklusive Solidarit&auml;t der Internationale und der deutschen Arbeiterbewegung nicht mehr aufgenommen. Vor dem Hintergrund der Parteigeschichte einer SPD, die sich programmatisch von der Arbeiterpartei zur Volkspartei und mit Schr&ouml;der zur &ndash; wie auch immer verstandenen &#8211; &bdquo;neuen Mitte&rdquo; entwickelte, &uuml;berrascht das kaum. Die integrative Deutung von Solidarit&auml;t im Sinne Wilhelm Liebknechts hin-gegen ist in den Reden der Kanzler Schmidt und Brandt pr&auml;sent; sie entspricht auch dem Godesberger Programm.[4] Die Verantwortungssolidarit&auml;t Brandts und das Ethos der Solidarit&auml;t Schmidts weisen in ihrer integrativen Form auch inhaltliche &Auml;hnlichkeiten zur franz&ouml;sischen traditionellen linksrepublikanischen Deutung von Solidarite auf. &bdquo;Re-formen bestehen nicht in der Befriedigung von Gruppenegoismen, sondern in Ver&auml;nderungen, die uns im Ganzen voranbringen. In einer arbeitsteiligen, hochspezialisierten Gesellschaft m&uuml;ssen sich alle B&uuml;rger ihrer gegenseitigen Abh&auml;ngigkeit bewusst werden. Im Interesse unserer gemeinsamen Zukunft muss die Solidarit&auml;t Vorrang gewinnen vor engem Gruppendenken.&rdquo; (Brandt 1971: 6394) &bdquo;Es ist notwendig, uns immer wieder daran zu erinnern &ndash; und die B&uuml;rger mit uns &ndash; was heutzutage ,Staat machen&#8216; hei&szlig;t: n&auml;mlich da&szlig; sich die organisierte Gemeinschaft der B&uuml;rger f&uuml;r die vielen einzelnen in den Dienst nimmt. [&#8230;] Es braucht au&szlig;erdem keine preu&szlig;ische &Uuml;bertreibung, um zu begreifen, da&szlig; eine Bereitschaft zum Dienst &ndash; heute w&uuml;rden viele statt dessen lieber Solidarit&auml;t sagen &ndash; weithin die Qualit&auml;t einer Gesellschaft bestimmt.&rdquo; (Brandt 1973b: 2494; vgl. Brandt 1969; Schmidt 1976b und c) Ankn&uuml;pfungen an die Arbeiterbewegung und die Internationale lassen sich in Zusammenhang mit der Verteidigung des Sozialismus gegen Diffamierungen durch die konservativen Parteien feststellen (vgl. Brandt 1974; 1973a; Schmidt 1976a). Eine Besonderheit ist die &bdquo;Solidarit&auml;t der Demokraten&rdquo;, die Schmidt und Brandt als einigenden Begriff zur Abgrenzung gegen Linksextremismus verwendeten (z.B. Brandt 1971: 8338; Schmidt 1977: 148). Kanzler Schmidt verwies die Christdemokraten zudem auf die Solidarit&auml;tsdeutung der katholischen Soziallehre, um Zustimmung f&uuml;r seine Sozialpolitik zu erwirken (Schmidt 1976b: 17005f.).<\/p>\n<p>Gerhard Schr&ouml;der verwendet Solidarit&auml;t hingegen nur noch als Terminus technicus f&uuml;r Sozialpolitik und Interessenausgleich und kombiniert Solidarit&auml;t mit notwendiger individueller Vorleistung als Anspruchsgrundlage. Weder die historischen Kategorien noch sonstige Ankn&uuml;pfungen an linke Werttraditionen sind in seinen Reden erkennbar, w&auml;hrend der Begriff der Eigenverantwortung an zahlreichen Stellen aufgewertet wird (z.B. Schr&ouml;der 1998; 1999b). Vor dem Hintergrund der Geschichte der Partei und ihrer<br \/>Programmatik wird deutlich, dass sich Schr&ouml;ders Auffassung linker Werte auch vom sozialdemokratischen partizipatorischen Wertverst&auml;ndnis l&ouml;st. Nicht die Gesellschaft ist Diskursort f&uuml;r die Ver&auml;nderung und Anpassung von Werten, sondern er selbst und seine Regierung definieren das &bdquo;Gemeinwohl&rdquo; (vgl. Offe 2003). Diesen eher konservativ gepr&auml;gten Begriff verwendet Schr&ouml;der unhinterfragt parallel zu sozialdemokratischen Termini: &bdquo;Aber die Regierung ist auch nicht verl&auml;ngerter Arm der Gewerkschaften. Wir<i> definieren das Gemeinwohl<\/i>. Daran haben sich die Vertreter der einen wie der anderen Seite zu orientieren.&rdquo; (Schr&ouml;der 2003: 32; Hervorh. v. G.R.)<\/p>\n<p>W&auml;hrend Brandt und Schmidt noch die Geschichte der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie in ihre Reden einbrachten, um die abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten als Klientel an-zusprechen und die Verdienste der Linken in der Sozialpolitik zu betonen, greift Schr&ouml;der nicht einmal symbolisch darauf zur&uuml;ck. Weder das republikanische Element der Verantwortung f&uuml;reinander in der Gesellschaft &mdash; wie von Brandt ausgef&uuml;hrt &mdash;, noch die gesellschaftliche Solidarit&auml;t, f&uuml;r deren Erhalt der Staat Verantwortung zeigen muss &mdash; wie Schmidt erkl&auml;rte &mdash;, sind nur ansatzweise in Schr&ouml;ders Reden wiederzufinden. Zwei Beispiele: &bdquo;Staatliche Handlungsf&auml;higkeit ist dabei kein Selbstzweck. Aber sie ist Mittel zum Zweck, um Solidarit&auml;t in unserer Gesellschaft durch Politik zu organisieren, um Massenarbeitslosigkeit zu bek&auml;mpfen.&rdquo; (Schr&ouml;der 1999c: 4828) &bdquo;Diese Probleme wer-den so gel&ouml;st werden, da&szlig; die notwendige Solidarit&auml;t gew&auml;hrleistet wird, ohne da&szlig; das Recht des einzelnen auf ein selbstbestimmtes Arbeitsleben eingeschr&auml;nkt wird. Das ist die Aufgabe, die wir l&ouml;sen werden.&rdquo; (Schr&ouml;der 1999a: 3102)<\/p>\n<p>Die Subjekte der Solidarit&auml;t, die Mitglieder der Gesellschaft, tauchen als solche nicht mehr auf. Handelnde und Ausf&uuml;hrende der Solidarit&auml;t sind die Politiker. Solidarit&auml;t wird von Schr&ouml;der, aber auch im Regierungsprogramm der SPD 2002-2006 (52) asymmetrisch formuliert, z.B. als Solidarit&auml;t der Gesunden mit den Kranken und der Starken mit den Schwachen. Auch darin sind die handelnden Subjekte die Bessergestellten in einer asymmetrischen Beziehung &mdash; und nicht beide Seiten der asymmetrischen Situation in einer symmetrischen Beziehung. Krank oder schwach zu sein ist nicht einer spezifischen Gruppe als Dauerzustand zuzuschreiben, sondern eine Situation, die als Risiko alle Mitglieder eines solidarischen Systems wie der Arbeitslosenversicherung oder der Krankenversicherung gleicherma&szlig;en treffen kann. In diesem Bewusstsein w&uuml;rden Bed&uuml;rftige nicht derart konsequent als die ,Anderen`, die es zu versorgen gilt, definiert. Inklusion und Exklusion werden auch in dieser asymmetrischen Solidarit&auml;tsverwendung deutlich. Aus diesem Grund ist es semantisch schwierig, gerade den Begriff Solidarit&auml;t hervorzuheben und damit die Symmetrie der Beziehungen der Gesellschaftsmitglieder im sozialpolitischen System zu betonen. Denn das &bdquo;Wer muss Wem zahlen&rdquo; in der Rhetorik Schr&ouml;ders stellt vor allem die Belastung der vermeintlich gerade Starken und Wohlhabenden dar und nicht den gegenseitigen Risikoausgleich unter Gleichen.<\/p>\n<p>Dieser Trend der Deutungsentleerung bei Gerhard Schr&ouml;der muss nicht zwangsl&auml;ufig die Diskussionen in der Partei und um ihre Programmatik pr&auml;gen. Um sozialdemokratische Deutungen von Solidarit&auml;t genauer zu betrachten, lohnt der Blick auf die Diskussionen der Grundwertekommission und des sogenannten Programmdialogs. Dort werden wiederum andere Solidarit&auml;tsdeutungen in den Vordergrund gestellt: praktische Solidarit&auml;tserfahrungen der Gesellschaftsmitglieder, Solidarit&auml;t als notwendige sozial-moralische Ressource, Solidarit&auml;t in der Geschichte der Arbeiterbewegung und der SPD, als Verst&auml;rkung der sozialpolitischen Erfolge und zur Legitimation der aktuellen Politik. Solidarit&auml;t wird gleichgesetzt mit den Erfolgen der Sozialdemokratie bzw. deren Sozialpolitik. Solidarit&auml;t wird als Erfahrung der Verbesserung der sozialen Situation beschrieben, so beispielsweise im Jahr 2000 vom gesch&auml;ftsf&uuml;hrenden Vorsitzenden der Programmkornmission Rudolf Scharping in der Grundwertekommissions-Sitzung zur Solidarit&auml;t. Scharping betont auch die Erfahrung praktischer Solidarit&auml;t in der sozialdemokratischen Tradition und in der Arbeiterbewegung (Scharping 2000). Allerdings dient dieses Argument dazu, Solidarit&auml;t auch wieder in die Eigenverantwortung der B&uuml;rger zur&uuml;ckzugeben und weniger staatliche Garantien anzubieten. An den Diskussionen der Grundwertekommission zur Solidarit&auml;t l&auml;sst sich zeigen, dass gesellschaftliche Solidarit&auml;tserfahrung und Solidarit&auml;tspraxis als motivationale Dimension des Begriffes betont werden (siehe in SPD 2000: Heidemarie Wieczoreck-Zeul und Wolfgang Thierse, aber auch der DGB-Vorsitzende Dieter Schulte und der Politikwissenschaftler Herfried M&uuml;nkler). Aus Solidarit&auml;tserfahrung folgt aktive Solidarit&auml;t. Der Erhalt der sozialmoralischen Ressource Solidarit&auml;t und damit des sozialen Engagements und der Akzeptanz von sozialen Sicherungssystemen auf Basis der Gegenseitigkeit wird als politisches und notwendiges Ziel beschrieben. Der Verweis auf die historischen Erfahrungen der Arbeiterbewegung und der fr&uuml;hen Sozialdemokratie wird in der Regel zur Verst&auml;rkung und Betonung des Begriffs in sozialdemokratischer Pr&auml;gung eingebracht und zwar unabh&auml;ngig davon, welche moderne Deutung folgt.<\/p>\n<p>In einer weiteren Runde der Grundwertedebatte warnen die geladenen Experten die SPD allerdings davor, das historische Argument nur legitimatorisch zu verwenden. Warnfried Dettling und J&uuml;rgen Kocka weisen auf die historische Verkn&uuml;pfung der Werte mit der Geschichte der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung und ihre Deutung im Licht der aktuellen Ver&auml;nderungen hin: Die neuen politischen Aufgaben, denen sich die Sozialdemokraten stellen, wie beispielsweise Bildungsinvestitionen als Sozialinvestitionen zu betrachten und Zugangsgerechtigkeit statt blo&szlig;e Umverteilung zu organisieren, seien nur vor dem Hintergrund der Grundwerte und ihrer Geschichte von der Partei authentisch zu bew&auml;ltigen: &bdquo;Die eine Perspektive w&auml;re, dass sie das Notwendige zwar mit schlechtem Gewissen tut und dabei die Botschaft ausstrahlt, dass es ja irgendwie doch nicht so ganz richtig ist. Das w&auml;re die eine Sache. Die andere Perspektive w&auml;re, dass die SPD das, was jetzt ansteht und was jede Regierung so oder so tun m&uuml;sste, als Jahrhundertaufgabe begreift, dass sie also vor dem Hintergrund ihrer Geschichte sagt: Wir waren die Partei, wir waren die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaftsbewegung, die in der fr&uuml;hen Industrialisierung und auch sp&auml;ter die gesellschaftliche Solidarit&auml;t besser organisiert haben als andere &mdash; und das sind wir heute wieder.&rdquo; (SPD 2003: 14 [Dettling])<\/p>\n<p>Sie fordern von der SPD, gerade darauf als &bdquo;Ressource f&uuml;r sozialdemokratisches Argumentieren&rdquo; st&auml;rker abzustellen (ebd.: 17 [Kocka]). Die indifferente Antwort von SPD-Generalsekret&auml;r Olaf Scholz: &bdquo;Wir d&uuml;rfen bei so einer Debatte, finde ich, nicht so tun, als w&auml;ren wir jetzt im 19. Jahrhundert. Und wir m&uuml;ssen auch nicht so tun, als w&auml;ren wir anderswo auf der Welt, wo es das alles nicht gibt.&rdquo; (ebd.: 22) Innerhalb der Kommissionsdebatte zeigte sich bei den Sozialdemokraten keine zustimmende Reaktion zu den Mahnungen der Wissenschaftler.<\/p>\n<h5><span id=\"agenda-2010-und-sozialdemokratische-solidaritaet\">Agenda 2010 und sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;sche Solidarit&auml;t<\/span><\/h5>\n<p>Die Agenda 2010 als j&uuml;ngste sozialpolitische Initiative wurde durch die Regierungserkl&auml;rung Schr&ouml;ders vom 14. M&auml;rz 2003 eingeleitet. Der Ausgangspunkt der &Uuml;berlegungen ist hier die &bdquo;Wachstumsschw&auml;che&rdquo; Deutschlands; die Erl&auml;uterung geplanter Ma&szlig;-nahmen stellt &bdquo;Eigenverantwortung&rdquo; und &bdquo;Eigenleistung&rdquo; an den Anfang. Die Alternativlosigkeit der Reformen wurde durch das Bedrohungsszenario der Machtlosigkeit gegen&uuml;ber dem globalen Markt betont: &bdquo;Unser&rdquo; europ&auml;isches Sozialmodell, &bdquo;das auf Teil-habe beruht, statt auf ungez&uuml;gelter Herrschaft des Marktes&rdquo; kann nur gemeinsam, d.h. europ&auml;isch, &bdquo;gegen die St&uuml;rme der Globalisierung wetterfest gemacht werden&rdquo;. &bdquo;Entweder wir modernisieren, und zwar als soziale Marktwirtschaft, oder wir werden modernisiert, und zwar von den ungebremsten Kr&auml;ften des Marktes, die das Soziale beiseite dr&auml;ngen w&uuml;rden&rdquo; (Bundesregierung 2003). Der sprachliche Duktus Schr&ouml;ders weist, wie oben gezeigt, Politik als etwas aus, das die Regierung vollbringt und das von der Gesellschaft empfangen wird. Subjekte der Schr&ouml;derschen Politik sind im wesentlichen Regierungsmitglieder und nicht die Mitglieder der deutschen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Auf Dauer &ouml;ffnet sich, so l&auml;sst sich res&uuml;mieren, eine Schere zwischen der politischen Rhetorik und dem sozial kulturellen und moralischen Verst&auml;ndnis von Werten wie Solidarit&auml;t. Die politische Tradition der Arbeiterbewegung und der integrativen Solidarit&auml;t Liebknechts konnten bis zur Regierung Schr&ouml;der eine linke Politik symbolisieren, die Gegenseitigkeit unter Gleichen, Verbesserung der sozialen und &ouml;konomischen Situation abh&auml;ngig Besch&auml;ftigter und sozial Schwacher und besonders bei Brandt demokratische Partizipation als Leitprinzipien beinhaltete. Diese Symbolkraft und dieser spezifische linke Deutungsgehalt sind in der politischen Rhetorik der Regierung Schr&ouml;der ersetzt durch andere Begriffe und eine Deutung, die alle diese Spezifika verloren hat. Das bedeutet aber nicht, dass die traditionellen linke Ankn&uuml;pfungen in der politischen Kultur der Gesellschaft ebenfalls diesem Trend unterliegen, wie die Transparente der Protestdemonstrationen des Jahres 2003 zeigen. Die eingangs gestellte Frage, ob Solidarit&auml;t noch ein linker Wert ist, auf den sich ein Verst&auml;ndnis sozialer Gegenseitigkeit gr&uuml;nden k&ouml;nnte, kann daher in der Gegenwart noch am ehesten von jenen Gewerkschaften und Akteuren sozialer Bewegungen beantwortet werden, die Solidarit&auml;t als Gegenbegriff zur Sozialpolitik der Regierung setzen. Ob ein solcher Wert noch von einer sozialdemokratischen Regierungspartei vertreten wird, l&auml;sst sich bez&uuml;glich der politischen Sprache des Kanzlers und der Grundwertekommission mit Nein beantworten. Allerdings ist damit auch nur ein Ausschnitt der sozialdemokratischen Partei beschrieben. Wie weit die Deutungsmacht des Kanzlers in die Partei hineinreicht, welche Erkenntnisprozesse und Deutungsm&ouml;glichkeiten die Grundwertekommission noch hat: davon wird abh&auml;ngen, was in der politischen Kultur von einem Begriff &uuml;brig bleibt, dessen wichtigste Merk-male die gegenw&auml;rtige Regierungspolitik verspielt.<\/p>\n<p>[1] Die Untersuchung ist Bestandteil einer Dissertation, die 2004 an der Universit&auml;t Kassel abgeschlossen wurde: Solidarit&auml;t: Kontinuit&auml;t und Wandel eines politischen Deutungsmusters in Deutschland und Frankreich. Eine historisch-semantische und diskursanalytische Rekonstruktion.<br \/>[2] Die Unterscheidung zwischen historischer Semantik und nachtr&auml;glicher Definition, also analytischen Zugriffen aus der Soziologie und Bezeichnung f&uuml;r das wissenschaftliche Erfassen der Bewegung der Arbeiter, unterbleibt in der Regel selbst in Publikationen, die sich gerade mit dem Begriff der Solidarit&auml;t auseinandersetzen wollen: Zoll 1993, 2000; Christoph 1979; Volkmann 1998.<br \/>[3] Als Belege f&uuml;r die Verbreitung wurden in der Dissertation Parteitagsprotokolle, Protokolle der Gewerkschaftstage, Schmuckbl&auml;tter zum 1. Mai, aber auch Zeitschriftentitel ausgewertet. Die zentralisierte Organisation der deutschen Sozialdemokraten und ihre Anbindung an die Intemationale sind weitere Indizien f&uuml;r die auch sozial kulturelle Verbreitung der erl&auml;uterten Solidarit&auml;tsdeutungen.<br \/>[4] Das Godesberger Programm setzt aber vor dieses integrative Wertverst&auml;ndnis die bis dato von der Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie erreichten sozialen und politischen Verbesserungen.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Arbeiter-Congress, Internationaler 1889: Protokoll des internationalen Arbeiter-Congresses zu Paris. Abgehalten vom 14. bis 20. Juli 1889. Deutsche Uebersetzung. Mit einem Vorwort von Wilhelm Liebknecht, N&uuml;rnberg<br \/>Arbeiter-Kongress, Internationaler 1893: Verhandlungen und Beschl&uuml;sse des Internationalen Arbeiter-Kongresses zu Br&uuml;ssel. 16.-22. August 1891, Berlin<br \/>Brandt, Willy 1969: Deutscher Bundestag, Stenographische Berichte, Verhandlungen, 6. Wahlperiode 5. Sitzung, 28.10.1969, S. 20-34<br \/>Ders. 1971: Ebd,. 6. Wahlperiode, 109. Sitzung, 24.3.1971, S. 6393-6398<br \/>Ders. 1973a: Ebd., 7. Wahlperiode, 10. Sitzung, 26.1.1973, S. 361-369<br \/>Ders. 1973b: Ebd., 7. Wahlperiode, 44. Sitzung, 18.6.1973, S. 2493-2494<br \/>Charlier, Michel 1978: Der Sozialismus als Wille und Vorstellung. Das Grundwerteverst&auml;ndnis der SPD in der Gegenwart; in: Bayertz, Kurt\/Holz, Hans Heinz (Hgg.): Grundwerte-Diskussion: Der Streit um die geistigen Grundlagen der Demokratie, K&ouml;ln, S. 81-110<br \/>Christoph, Klaus 1979: Solidarit&auml;t, Baden-Baden<br \/>CDU 1994: Wir christliche Demokraten. Grundsatzprogramm der CDU, beschlossen auf dem Parteitag am 21.-23. Februar 1994 in Hamburg<br \/>Liebknecht, Wilhelm 1976: Kleine politische Schriften, hg. von Wolfgang Schr&ouml;der, Frankfurt\/Main Ders. 1976 [1871]: Festrede zum Stiftungsfest des Crimmitschauer Volksvereins am 22. Oktober; in: ebd., S. 84-132<br \/>[MEW] Marx, Karl\/Engels, Friedrich 1956ff.: Karl Marx &ndash; Friedrich Engels &ndash; Werke. 39 B&auml;nde und Erg&auml;nzungsband in zwei Teilen, hg. vom Institut f&uuml;r Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin-Ost<br \/>Offe, Claus 2003: Wessen Wohl ist das Gemeinwohl?; in: M&uuml;nkler, Herfried et.al. (Hg.): Gemeinwohl und Gemeinsinn. Rhetoriken und Perspektiven sozio-moralischer Orientierung, Berlin<br \/>Reisz, Gesa 2003: Solidarit&auml;t: Wandel und Kontinuit&auml;t eines politischen Deutungsmusters in Deutschland und Frankreich. Eine historisch-semantische und diskursanalytische Rekonstruktion, Diss. Fachbereich Gesellschaftswissenschaften Universit&auml;t Kassel<br \/>Scharping, Rudolf 2000: Solidarit&auml;t als sozialdemokratischer Grundwert; in: SPD: Grundwerte heute: Solidarit&auml;t. Dokumentation der Podiumsdiskussion vom 8. 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