{"id":11987,"date":"2004-12-04T19:40:00","date_gmt":"2004-12-04T18:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/ordnungen-der-ungleichheit\/"},"modified":"2004-12-04T12:00:00","modified_gmt":"2004-12-04T11:00:00","slug":"ordnungen-der-ungleichheit","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/ordnungen-der-ungleichheit\/","title":{"rendered":"Ordnungen der Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p>Ein aktueller Literaturbericht<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 168 ( Heft 4\/2004 ); S.65-76<\/p>\n<p><i>&#132;Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und ob sie durch das nat\u00fcrliche Gesetz autorisiert wird&#148;: Diese Preisfrage der Akademie von Dijon veranlasste Jean-Jacques Rousseau, seinen Diskurs \u00fcber die Ungleichheit vorzulegen, der<br \/>1755 in Amsterdam erschien. Der damals in Paris lebende Denker war nicht der erste, der sich \u00fcber dieses Problem den Kopf zerbrach &#8211; und sollte nicht der letzte sein. Doch seine Antworten sind bis heute die wirksamste Inspirationsquelle f\u00fcr eine Theorie der Gleichheit gewesen; fast alle sp\u00e4teren Versuche, sie politisch umzusetzen, glaubten sich in der Nachfolge des Aufkl\u00e4rers.<\/i><\/p>\n<p>In der 1984 erschienenen bewundernswerten zweisprachigen Edition des damals 31j\u00e4hrigen Heinrich Meier kann man Rousseaus Ungleichheitsdiskurs am besten studieren, inklusive zahlreicher Fragmente und Briefe der Entstehungszeit:<\/p>\n<p><i>Jean-Jacques Rousseau:<\/i> Diskurs \u00fcber die Ungleichheit. Discours sur 1&#8217;inegalite, kritische Ausgabe des integralen Textes, ed., \u00fcbers. u, komm, v. Heinrich Meier, verbess. 5. Aufl. UTB (Sch\u00f6ningh): Paderborn u.a. 2001 [frz. 1755], 546 S., ISBN 3-8252-0725-0; 20,90 Euro<\/p>\n<p>Rousseau ging vom nat\u00fcrlichen Menschen in seinem gl\u00fccklichen Urzustand aus: Erst durch die Geschichte sei die Ungleichheit in die Welt gekommen. Durch die Entdeckung seiner eigenen Vervollkommnungsm\u00f6glichkeiten w\u00e4re der Mensch auf seinen eigenen Ehrgeiz, sich von anderen abzuheben, gesto\u00dfen, zumal durch stetig wachsende Anzahl der Menschen Konkurrenz aufgetaucht sei. Anerkennung durch andere entst\u00fcnde nunmehr durch Besitz, jener Ungleichheit bewirkenden Urs\u00fcnde. In seinem Contrat social (1762) entwickelte Rousseau dann die Idee vom Gesellschaftsvertrag, der die Unterschiede zwischen den Menschen wieder zu beheben verm\u00f6ge. Doch der Diskurs \u00fcber die Ungleichheit blieb f\u00fcr ihn das Werk, in dem seine Prinzipien &#132;mit der gr\u00f6\u00dften K\u00fchnheit, um nicht zu sagen Verwegenheit zu erkennen gegeben sind&#148;, wie Rousseau in seinen Confessions&#8217;sp\u00e4terschrleb.<\/p>\n<p>Mehr als zweihundert Jahre sp\u00e4ter trat ein Werk seinen Siegeszug an, das die Theorie des Gesellschaftsvertrags auf seine Weise erneuerte. Der 2002 verstorbene, jahrzehntelang in Harvard lehrende John Rawls hatte 1971 seine Theory of Justice vorgelegt, die zum wirkungsm\u00e4chtigsten, wenngleich umstrittenen philosophischen Buch der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts wurde:<\/p>\n<p><i>John Rawls: <\/i>Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003 [engl. 1971; dt. 1975], 674 S., ISBN 3-518-27871-1; 18 Euro<\/p>\n<p>F\u00fcr Rawls ergab sich eine gerechte Gesellschaft aus dem Zusammenklang strikter Gleichverteilung der Freiheitsrechte und einer Gleichverteilung der sozialen G\u00fcter, so eine Ungleichverteilung die Lage der sozial Schlechtgestelltesten nicht verbesserte. Dieses Rechtfertigungsgebot jeder Ungleichheit, &#132;Differenzprinzip&#148; genannt, geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Denkfiguren der modernen politischen Philosophie.<\/p>\n<p>In den drei Jahrzehnten nach Erscheinen seines Hauptwerks hat Rawls auf viele Einw\u00e4nde seiner Kritiker reagiert. Sie gingen 1993 in sein Buch Politischer Liberalismus ein, in dem er Gerechtigkeit eher politisch begr\u00fcndete statt zuvor moralphilosophisch. Im Jahr vor seinem Tod griff er dies in einer von ihm so bezeichneten Weiterentwicklung seiner Theorie noch einmal auf:<\/p>\n<p><i>John Rawls: <\/i>Gerechtigkeit als Fairne\u00df. Ein Neuentwurf, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003 [engl. 2001], 316 S., ISBN 3-518-58366-2; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Doch im wesentlichen finden sich hier Reformulierungen, Pr\u00e4zisierungen und Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern &#150; der Kern der Rawlschen Argumentation bleibt unver\u00e4ndert, wenn auch mit frischerem Farbanstrich versehen. Es ist wie zuvor der &#132;Schleier des Nichtwissens&#148; (Rawls) \u00fcber die eigene Stellung, hinter dem sich die An-geh\u00f6rigen einer Gesellschaft versammeln, um sich hier fair auf die gerechte Institutionenordnung zu einigen. Doch f\u00e4llt die diesem Modell zugrundeliegende, gleichsam konstruktivistische Betonung des zur Erlangung von Gerechtigkeit n\u00f6tigen Verfahrens akzentuierter aus als Jahrzehnte zuvor.<\/p>\n<p>In Deutschland liefern sich philosophische Angreifer und Verteidiger der Gleichheit immer wieder ihre Scharm\u00fctzel &#150; auch wenn sie alle sich mehr oder weniger auf Rawls beziehen. Einer der k\u00e4mpferischsten Attackierer, der in Kiel lehrende Philosoph Wolfgang Kersting (vgl. seinen Beitrag in diesem Heft), bezeichnete einmal Rawls&#8216; sp\u00e4te Wendung von der Gerechtigkeitstheorie hin zu einem politischen Liberalismus als &#132;Hegelsche Kehre&#148;, da dieser in sp\u00e4teren Jahren die politisch-institutionellen Rahmenbedingungen f\u00fcr Rechtsgleichheit und Allgemeinwohl betont h\u00e4tte. Nun hat Kersting sieben Abhandlungen vorgelegt, die ein liberales Modell des Sozialstaats bef\u00f6rdern wollen, das er dem seiner Meinung nach vorherrschenden egalit\u00e4r ausgerichteten Sozialstaatsverst\u00e4ndnis entgegensetzen will:<\/p>\n<p><i>Wolfgang Kersting: <\/i>Kritik der Gleichheit. \u00dcber die Grenzen der Gerechtigkeit und der Moral, Velbr\u00fcck: Weilerswist 2002, 341 S., ISBN 3-934730-47-7; 40 Euro<\/p>\n<p>Kerstings Sozialstaat, der neben den Rechtstaat tritt, soll weniger gleichheitsbef\u00f6rdernd, mehr freiheitssichernd ausgerichtet sein. Der Autor widmet sich den Notwendigkeiten einer gerechten Gesundheitsversorgung ebenso wie den Problemen zwischenstaatlichen Gerechtigkeitshandelns, dem er eine Verpflichtung zur Solidarit\u00e4t auferlegt, die auch andere kulturelle Herrschaftsbest\u00e4nde antasten d\u00fcrfe. &#132;Grenzziehung, Zur\u00fcckweisung von Alleinvertretungsanspr\u00fcchen und unangemessenen Verhei\u00dfungen&#148;: so umschreibt Kersting seine klugen, inhaltlich sympathisch zur\u00fcckhaltenden, daf\u00fcr aber rhetorisch umso vehementer vertretenen Ideen. L\u00f6sungen stehen seltener im Mittelpunkt; eher geht es um die prinzipielle Kl\u00e4rung der normativen Voraussetzungen politischen Agierens liberaler B\u00fcrger und die Erlernung von Tugenden, um den Liberalismus, &#132;diese komplizierteste Lebensform, die in der Weltgeschichte bislang entwickelt worden ist&#148;, gegen Fundamentalismus jedweder Couleur zu verteidigen.<br \/>Die Gegenseite sieht das ganz anders: &#132;Gleichheit ist der Inbegriff der Gerechtigkeit&#148; &#150; mit diesem Fanal endet eine volumin\u00f6se, an der Berliner Freien Universit\u00e4t entstandene philosophische Habilitationsschrift, die minuti\u00f6s zu belegen versucht, dass je-de Theorie der Gerechtigkeit auf die Idee der Gleichheit nicht verzichten darf:<\/p>\n<p><i>Stefan Gosepath<\/i>: Gleiche Gerechtigkeit. Grundlagen eines libert\u00e4ren Egalitarismus, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2004, 507 S., ISBN 3-518-29265-X; 18 Euro<\/p>\n<p>Der Autor vertritt hier einen Egalitarismus, der nach Gleichheit aus ethischen Gr\u00fcnden strebt: Denn bestimmte Ungleichheiten h\u00e4tten unmoralische Konsequenzen, wohingegen Gleichheit moralische Ideale bef\u00f6rdern w\u00fcrde. Gosepaths feinziselierte, trennscharfe Begriffsarbeit vollzieht sich in den luftigen H\u00f6hen des Geistes; der Zusammenhang zwischen Verteilungsgerechtigkeit, Grundfreiheiten, egalit\u00e4ren Prinzipien und den im Ausnahmefall zul\u00e4ssigen Ungleichheiten bleibt bei ihm zumeist ohne enge Verbindung zu den sozialen Gegebenheiten, Institutionen, individuellem Handeln und gesellschaftlichen Prozessen.<br \/>Wilfried Hinsch, Professor f\u00fcr Praktische Philosophie in Saarbr\u00fccken, wandelt eben-falls auf egalit\u00e4ren Pfaden: In seiner \u00fcberarbeiteten Habilitationsschrift nimmt er m\u00f6gliche soziale Ungleichheiten streng unter die Lupe. Er befindet eine Gesellschaft nur dann f\u00fcr gerecht, wenn den Schwachen ein an deren Bed\u00fcrfnissen orientiertes Minimum an Ressourcen gesichert wird und zudem alle \u00fcber Bed\u00fcrfnisbefriedigung hinausreichenden G\u00fcter so verteilt werden, dass die am wenigsten Beg\u00fcnstigten den gr\u00f6\u00dften Anteil bekommen:<\/p>\n<p><i>Wilfried Hinsch: <\/i>Gerechtfertigte Ungleichheiten. Grunds\u00e4tze sozialer Gerechtigkeit, de Gruyter: BerlinlNew York 2002, 341 S.; ISBN 3-11-017626-2; 29,95 Euro<\/p>\n<p>Auch Hinsch unternimmt eine intensive Rawls-Lekt\u00fcre im ersten Teil seines Buches, um im zweiten Teil ein komplexes System gerechtfertigter Ungleichheiten zu entwickeln, das &#150; im Unterschied zu Rawls, der ja ein Modell des unwissenden Urzustands beschreibt, nach dem die Menschen sich auf (Un)Gerechtigkeitsgrunds\u00e4tze einigen m\u00fcssen &#150; von der notwendigen \u00f6ffentlichen Begr\u00fcndbarkeit dieser Ungleichbehandlung ausgeht.<\/p>\n<p>Doch kann man sich heute Gerechtigkeit und Gleichheit in einer globalisierten, differenzierten Welt \u00fcberhaupt ann\u00e4hern? Diesseits philosophischer Normendiskussionen kann da vielleicht der politische Begriff Solidarit\u00e4t weiterhelfen (vgl. zur linken Tradition des Begriffs den Beitrag von Gesa Reisz in diesem Heft). Hauke Brunkhorst, Professor f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t Flensburg, hat sich zuletzt mit der Solidarit\u00e4t besch\u00e4ftigt:<\/p>\n<p><i>Hauke Brunkhorst: <\/i>Solidarit\u00e4t. Von der B\u00fcrgerfreundschaft zur globalen Rechtsgenossenschaft, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2002, 247 S., ISBN 3-518-29160-2; 10 Euro<\/p>\n<p>In einer kenntnisreichen Mischung aus systematischen \u00dcberlegungen und begriffsgeschichtlichen Betrachtungen pl\u00e4diert der Autor daf\u00fcr, Solidarit\u00e4t als inh\u00e4renten Bestandteil des modernen Demokratiebegriffs zu verstehen. Er zeigt, wie die beiden gro\u00dfen Inklusionsprobleme der Neuzeit &#150; die soziale Frage und die zunehmende Trennung von Individuum und Gesellschaft &#150; auf nationalstaatlicher Ebene durch Solidarit\u00e4t ein-gehegt wurden. Die eigentliche Herausforderung stehe uns jedoch noch bevor: die &#132;Globalisierung demokratischer Solidarit\u00e4t&#148;. Deren widerstrebende Tendenzen in der Gegenwart veranschaulicht er an einer F\u00fclle von Beispielen &#150; in seinen recht leidenschaftlichen Argumentationen nicht immer frei von normativem \u00dcberschuss.<br \/>Im Januar 2004 machte sich eine gemeinsame Berliner Tagung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der dort angesiedelten Jungen Akademie sowie des K\u00f6lner Max-Planck-Instituts f\u00fcr Gesellschaftsforschung auf die Suche nach der transnationalen Solidarit\u00e4t. In einem anregenden Sammelband, der den g\u00e4ngigen Vorurteilen gegen\u00fcber diesem Genre auf erfrischende Weise widerspricht, kann man die Ergebnisse nun nachlesen:<\/p>\n<p><i>Jens Beckert<\/i> u.a. (Hg.): Transnationale Solidarit\u00e4t. Chancen und Grenzen, Campus: Frankfurt\/Main 2004, 298 S., ISBN 3-593-37594-X; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Juristen, Soziologen, Politikwissenschaftler; Nachwuchswissenschaftler und international renommierte Gelehrte (u.a. J\u00fcrgen Habermas, Franz-Xaver Kaufmann, Christian Tomuschat, Wolfgang Streeck, Claus Offe, Herfried M\u00fcnkler, M. Rainer Lepsius) diskutieren aus unterschiedlichen Perspektiven die Zusammenh\u00e4nge von Weltmarkt und Solidarit\u00e4t, M\u00f6glichkeiten von NGOs bei globaler politischer Institutionalisierung, internationalen Abkommen als Solidarit\u00e4tsgaranten, sozialstaatliche Solidarit\u00e4t und Umverteilungsprozesse im globalen Wettbewerb, Solidarit\u00e4t in Familien, die Aktivit\u00e4ten bewaffneter Gruppierungen und islamischer Netzwerke und vieles andere. Die spannende Diskussion im Anschluss an das letzte Panel Braucht soziale Ordnung Solidarit\u00e4t? wird in Ausz\u00fcgen dokumentiert; eine Auswahlbibliographie rundet den Band ab.<\/p>\n<p>Die drei K\u00f6rper des B\u00fcrgers in der globalisierten Weltgesellschaft meint der in T\u00fcbingen lehrende Philosoph Otfried H\u00f6ffe entdeckt zu haben und baut darauf seinen Versuch einer politischen Ethik:<\/p>\n<p><i>Otfried H\u00f6ffe:<\/i> Wirtschaftsb\u00fcrger, Staatsb\u00fcrger, Weltb\u00fcrger. Politische Ethik im Zeitalter der Globalisierung, C.H.Beck: M\u00fcnchen 2004, 309 S.; ISBN 3-406-52208-4; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Seine problemorientierte, gut lesbare \u00dcbersicht ist stets anschaulich, weil H\u00f6ffe Bei-spiele diskutiert, die jeder aus der Zeitung kennt: u.a. Managergeh\u00e4lter, Eliteuniversit\u00e4ten, Kopftuch, T\u00fcrkei-Beitritt der EU, direkte Demokratie (die er ausbauen m\u00f6chte), Pr\u00e4ventivkriege, \u00f6kologische Fragen und US-Hegemonie. So entsteht eine philosophische Momentaufnahme unserer Gegenwart. Stellenweise erinnert der Text jedoch sehr an ein Sammelsurium kluger Gedanken. Zu Recht betont H\u00f6ffe in einem Soziale Gerechtigkeit: ein politisches Zauberwort \u00fcberschriebenen Abschnitt den zweiseitigen Charakter jeder Gerechtigkeitsbeziehung: &#132;Wer nur Recht und Gaben in Anspruch nimmt, hat sich von der Gerechtigkeit verabschiedet&#148;.<\/p>\n<p>Nach den gro\u00dfen philosophischen Entw\u00fcrfen zu den irdischen soziologischen Theorien? Seit jeher wird jedenfalls innerhalb der Soziologie die Frage nach der sozialen Ungleichheit intensiv diskutiert. Einen \u00dcberblick \u00fcber wesentliche Modelle, die die Ungleichheit in der modernen Gesellschaft erkl\u00e4ren wollen, bietet Nicole Burzan: Soziale Ungleichheit. Eine Einf\u00fchrung in die zentralen Theorien, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 209 S., ISBN 3-531-14145-7; 17,90 Euro<\/p>\n<p>Die seit dem 19. Jahrhundert entwickelten Klassen- und Schichtmodelle werden vorgestellt: von Marx, Weber, Theodor Geiger hin zu Schelsky und Dahrendorf. Im zweiten Teil widmet sich die Autorin den seit den 1980er Jahren diskutierten Ans\u00e4tzen: dem Individualisierungskonzept Ulrich Becks, der Zusammenschau von Klasse und Lebensstil bei Pierre Bourdieu, Schichtungstheorien wie bei Rainer Gei\u00dfler, Lebensstil- und Milieutheorien wie in Gerhard Schulzes Erlebnisgesellschaft (1992). Positiv hervorzuheben ist an dieser Einf\u00fchrung, dass die Konzepte hier nicht einfach nebeneinander stehen, sondern einzelne Aspekte im \u00fcbergreifenden Zusammenhang diskutiert, Ideen gegeneinander abgewogen und verschiedene Fragen immer wieder aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>Zentrum und Peripherie sind die zentralen Begriffe in der 1992 erstmals vorgelegten Ungleichheitstheorie des in Halle lehrenden Soziologen Reinhard Kreckel, die nun in \u00fcberarbeiteter Auflage erschienen ist:<\/p>\n<p><i>Reinhard Kreckel: <\/i>Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, 3. \u00fcberarb. u. erw. Aufl. Campus: Frankfurt\/Main 2004, 409 S., ISBN 3-593-37598-2; 19,90 Euro<\/p>\n<p>St\u00e4rker als viele Kultursoziologien der Gegenwart bleibt Kreckel einem Klassenmodell verpflichtet, das die vertikalen Ungleichheiten, Asymmetrien zwischen Kapital und Arbeit sowie innerhalb der Geschlechterverh\u00e4ltnisse betont. Die Peripherie bilden dabei benachteiligte Lagen, in denen die Zugangsm\u00f6glichkeiten zu gesellschaftlichen G\u00fctern eingeschr\u00e4nkt ist. Kreckel erg\u00e4nzt die dritte Auflage um eine Ungleichheitsbilanz f\u00fcr das vereinte Deutschland sowie um einen Ausblick auf die Verteilungsungleichheiten der kommenden Weltgesellschaft.<\/p>\n<p>Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft: Mit dem eher deskriptiven Modell der sozialen Lage hat Stefan Hradil, Professor f\u00fcr Soziologie in Mainz, in den letzten Jahren versucht, ein Konzept jenseits von Klassen- und Schichtentheorien zu entwickeln:<\/p>\n<p><i>Stefan Hradil<\/i>: Soziale Ungleichheit in Deutschland, 8. Aufl., UTB (Leske + Budrich): Opladen 2001, 546 S., ISBN 3-8252-1809-0; 13,90 Euro<\/p>\n<p>Nach einer ausf\u00fchrlichen Einf\u00fchrung in Grundbegriffe und verschiedene Theorien der sozialen Ungleichheit sowie einem historischen \u00dcberblick \u00fcber die Entwicklung von Ungleichheit unternimmt der Autor in diesem klassischen Lehrbuch durch die Unterscheidung und Untersuchung von Lebensbedingungen und Lebensweisen eine empirisch ges\u00e4ttigte Beschreibung der deutschen Gesellschaft seit 1945 bis in die Gegenwart &#150; durchaus mit enzyklop\u00e4dischem Anspruch, immer nah an der Lebenswelt.<\/p>\n<p>Eine vergleichende Perspektive w\u00e4hlt Hradil in einer Mainzer Einf\u00fchrungsvorlesung, die er nun in erweiterter Form als Buch pr\u00e4sentiert:<\/p>\n<p><i>Stefan Hradil: <\/i>Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 304 S., ISBN 3-8100-4210-2; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Aufbauend auf einer allgemeinen Modernisierungstheorie blickt er auf den Weg der Industriegesellschaften des Westens. Schwerpunkt bleibt dabei Deutschland; st\u00e4ndig wer-den jedoch die Entwicklungen in anderen L\u00e4nder mit einbezogen, unterst\u00fctzt durch zahlreiche Diagramme und Tabellen: Eine rasche und umfassende Orientierung erh\u00e4lt man \u00fcber Bev\u00f6lkerungsentwicklung, Bildung, Lebensformen, Kultur, soziale Sicherungssysteme bis hin zum Vergleich von Formen sozialer Ungleichheit. Neuere Ans\u00e4tze der Ungleichheitsforschung wurden 2002 auf einer Tagung in Rostock diskutiert, deren Ergebnisse man nunmehr in einem Sammelband studieren kann:<\/p>\n<p><i>Peter A. Berger\/Volker H. Schmidt (Hg.):<\/i> Welche Gleichheit, welche Ungleichheit? Grundlagen der Ungleichheitsforschung, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 244 S., ISBN 3-8100-4200-5; 26,90 Euro<\/p>\n<p>Raphael Beer betont die Bedeutung von Demokratie als politischer Voraussetzung im Kampf gegen Ungleichheit und Exklusion; ungleiche politische Beteiligungsm\u00f6glichkeiten seien daher zuallererst abzubauen. Volker H. Schmidt pl\u00e4diert, ausgehend von einer Gewichtung von Ungleichheiten nach Rawls, f\u00fcr kontroverse, aber nicht unplausible sozialpolitische Konsequenzen: Umstellung der Sicherungssysteme auf Steuerfinanzierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes, um bisher Ausgeschlossenen Zugangschancen zu erm\u00f6glichen. Um sich \u00fcber die Prinzipien von Ungleichheitsforschung zu einigen, schl\u00e4gt Steffen Mau das Konzept einer Moral\u00f6konomie vor: als Impfstoff gegen eine einseitige \u00d6konomisierung der Gesellschaft. Dagegen sollten auch andere all-gemeine Normen und Werte mit in die \u00dcberlegungen einbezogen werden, weil verbreitete Einstellungsmuster deren Bedarf belegen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mit vier wichtigen theoretischen Modellen der Ungleichheitsforschung besch\u00e4ftigt sich <i>Eva Barl\u00f6si\u00fcs<\/i>, Professorin am Wissenschaftszentrum in Berlin:<\/p>\n<p><i>Eva Barl\u00f6sius:<\/i> K\u00e4mpfe um soziale Ungleichheit. Machttheoretische Perspektiven, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 255 S., ISBN 3-531-14311-5; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Ihr Buch versteht sich auch als Vertiefung des Einf\u00fchrungsbandes von Nicole Burzan; sie konzentriert sich hier jedoch &#150; nach ausf\u00fchrlichen Vor\u00fcberlegungen zu den Fragen, die die Ungleichheitssoziologie stellen und beantworten sollte &#150; auf die Theorien von Norbert Elias, Reinhard Kreckel, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann, um am Ende deren unterschiedlichen Folgerungen grunds\u00e4tzlich zu vergleichen. Verdienstvoll ist hier vor allem ihre Rehabilitierung von Norbert Elias als Theoretiker der Ungleichheit mit dessen zu Unrecht weitgehend vergessener Etablierte-Au\u00dfenseiter-Figuration, in der dieser 1964 die Ungleichheit gesellschaftlicher Machtbeziehungen beschrieb.<\/p>\n<p>Soziale Schlie\u00dfung umschreibt einen Ansatz, der in der Nachfolge Max Webers st\u00e4rker als der klassische Begriffe Exklusion den prozesshaften Charakter von sozialen Ausschlussmechanismen betont. Diese k\u00f6nnen sich im Laufe der Zeit verst\u00e4rken oder abschw\u00e4chen sowie unterschiedlich weit reichen. Die im \u00fcberaus gelungenen, weil in seiner Zusammenstellung \u00fcberzeugenden Sammelband<\/p>\n<p><i>J\u00fcrgen Mackert<\/i> (Hg.): Die Theorie sozialer Schlie\u00dfung. Tradition, Analysen, Perspektiven, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 275 S., ISBN 3-8100-3970-5; 29,90 Euro<\/p>\n<p>So untersuchte u.a. Sighard Neckel politische Ethnizit\u00e4t in den USA, der Herausgeber Schlie\u00dfungsmechanismen in Staatsb\u00fcrgerschaftskonzepten, June Edmunds und Bryan Turner analysieren die Schlie\u00dfungen in Gro\u00dfbritannien seit 1945 und deren Wirkungen auf die verschiedenen Generationen. Loic Wacquant entdeckt eine fortgeschrittene Marginalit\u00e4t gro\u00dfer Bev\u00f6lkerungskreise als Kennzeichnen moderner Gro\u00dfst\u00e4dte beiderseits des Atlantiks.<\/p>\n<p>Welche Verbindungen bestehen zwischen Generationen und sozialer Ungleichheit? Ein Sammelband, der auf eine Tagung im Fr\u00fchjahr 2003 zur\u00fcckgeht, stellt verschiedene \u00dcberlegungen vor:<\/p>\n<p><i>Marc Szydlik (Hg.):<\/i> Generation und Ungleichheit, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 276 S., ISBN 3-8100-4219-6; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Olaf Struck unternimmt nochmals einen Ausflug in die scheinbar ewig reizvollen Gefilde der verschiedenen Generationentheorien im Gefolge Karl Mannheims, um dann Kohortendominanzen als Ursache f\u00fcr Generationsbildung herauszuarbeiten. Die Weitergabe von Bildung zwischen den Familiengenerationen spielt bei der Frage nach Ungleichheitsdimensionen eine entscheidende Rolle: das belegen die Aufs\u00e4tze \u00fcber den Einfluss der Herkunft auf die Wahl des Schultyps, den Zusammenhang von Bildung und Erwerbst\u00e4tigkeit bei jungen Migranten sowie \u00fcber den Zeitpunkt des Auszugs aus dem Elternhaus im Vergleich verschiedener Generationskohorten. Bemerkenswert ist sicherlich der Beitrag von Martin Schmeiser \u00fcber sozialen Abstieg in Akademikerfamilien im Genetationenwandel.<\/p>\n<p>Die Agentur zur Ungleichheitsbereinigung hat traditionell einen Namen: Sozialstaat. Doch allenthalben wird dessen \u00dcberlastung, \u00dcberdehnung respektive Aush\u00f6hlung und Abschaffung beklagt. Welchen Anspr\u00fcchen kann er noch gerecht werden? Einen trotz enormer Faktenf\u00fclle brillanten \u00dcberblick \u00fcber das historische Werden des Sozialstaats hat der Bielefelder Emeritus f\u00fcr Sozialpolitik und Soziologie Franz-Xaver Kaufmann verfasst:<\/p>\n<p><i>Franz-Xaver Kaufmann:<\/i> Varianten des Wohlfahrtsstaats. Der deutsche Sozialstaat im internationalen Vergleich, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003, 329 S., ISBN 3-518-12301-7; 12 Euro<\/p>\n<p>Der deutsche Weg wird dort mit anderen nationalen Entwicklungen verglichen: mit den USA, der Sowjetunion, Frankreich, Gro\u00dfbritannien und Schweden. Dabei werden die Unterschiede sehr deutlich: Die Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme ist abh\u00e4ngig von kulturellen Traditionen, der jeweiligen St\u00e4rke der Arbeiterbewegung, dem Verhalten gesellschaftlicher Eliten ebenso wie allgemeinen Loyalit\u00e4tsbed\u00fcrfnissen des Staates. F\u00fcr den deutschen Fall entpuppt sich vor allem die Trennlinie von Bildungs und Sozialpolitik als schwerwiegende Belastung. Nach der Lekt\u00fcre erkennt man deutlicher als zuvor, dass das angebliche &#132;europ\u00e4ische Sozialstaatsmodell&#148; (meist in Abgrenzung zum angels\u00e4chsischem &#132;Manchesterkapitalismus&#148; beschworen) eine Fiktion ist, weil es die bestehenden Trennlinien verwischt. Ein k\u00fcnftiger europ\u00e4ischer Sozialstaat setzt in den nationalen Wohlfahrtsstaatskulturen betr\u00e4chtliche, ungewohnte und auch unangenehme Ver\u00e4nderungen voraus.<\/p>\n<p>War der Sozialstaat die konkrete Utopie der alten Bundesrepublik, nachdem 1945 der Nationalstaat verloren war? Vieles spricht daf\u00fcr, dass ein Gro\u00dfteil der westdeutschen Identit\u00e4t auf dem funktionierenden, sich immer weiter entwickelnden Sozialstaat beruhte. Die T\u00fcbinger Zeithistorikerin Gabriele Metzler schaut auf diese spezifisch deutsche Geschichte zur\u00fcck, von den Anf\u00e4ngen unter Bismarck bis zu Gerhard Schr\u00f6der:<\/p>\n<p><i>Gabriele Metzler: <\/i>Der deutsche Sozialstaat. Vom bismarckschen Erfolgsmodell zum Pflegefall, DVA: M\u00fcnchen 2003, 269 S., ISBN 3-421-05489-4; 22,90 Euro<\/p>\n<p>Ob Diktatur oder Demokratie: F\u00fcr alle politischen Systeme in Deutschland seit dem Kaiserreich war der Sozialstaat von entscheidender Bedeutung. Gesellschaftliche Integration sollte durch die Einebnung der Klassenunterschiede geleistet werden &#150; damit das politische System erhalten blieb. Das gilt auch f\u00fcr den Nationalsozialismus: Euthanasie und Zwangssterilisation waren hier Bestandteil einer angestrebten &#132;Endl\u00f6sung der sozialen Frage&#148; (G\u00f6tz Aly). Der seit Bismarck existierende paternalistische Grundzug deutscher Sozialstaatlichkeit erweist sich bis in die Gegenwart als Belastung, so die Autorin. Sie sieht den &#132;Sozialstaat konservativer Pr\u00e4gung&#148; von der Globalisierung bedroht und setzt ihre Hoffnungen auf andere Traditionen, die im Zuge der europ\u00e4ischen Einigung wirken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Durch einen deutsch-franz\u00f6sischen Vergleich versuchte eine Gruppe von Sozialwissenschaftlern aus beiden L\u00e4ndern, Antworten auf die Krise des Sozialstaats zu finden:<\/p>\n<p><i>Wolfgang Neumann (H\u00e4g.): <\/i>Welche Zukunft f\u00fcr den Sozialstaat? Reformpolitik in Frank-reich und Deutschland, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 264 S., ISBN 3-531-14424-3; 39,90 Euro<\/p>\n<p>Auf ersten Blick scheinen beide L\u00e4nder zur gleichen Familie &#150; den &#132;Sozialversicherungsstaaten&#148; &#150; zu geh\u00f6ren. Doch der genaue Blick, den die einzelnen Beitr\u00e4ge leisten, offenbart auch gewichtige Unterschiede: Frankreich setzt neben der Absicherung des beruflichen Status (das Bismarck-Modell) auch stark auf die F\u00fcrsorgekonzepte (das Beveridge-Modell; zu Beveridge vgl. auch den Beitrag von Matthias Bohlender in diesem Heft). Es wird deutlich, dass die Reformans\u00e4tze in beiden L\u00e4ndern, die in den letzten zwanzig Jahren entwickelt wurden und allm\u00e4hlich umgesetzt werden, in der Perspektive zu einem anderen, neuen Sozialstaatsverst\u00e4ndnis f\u00fchren: Privatisierung und st\u00e4rkere Einbeziehung des Steuerstaates sind die Folge, hier im einzelnen vergleichend untersucht hinsichtlich der Rentensysteme, Besch\u00e4ftigung und Arbeitsmarkt, Gesundheitspolitik, Familienpolitik und sozialen Mindestsicherungen.<\/p>\n<p>Wer sich umfassend sowohl \u00fcber die Geschichte der deutschen Sozialpolitik (und deren institutionelle Auspr\u00e4gung Sozialstaat) als auch \u00fcber die sozialpolitischen Probleme und Methoden informieren m\u00f6chte, der greife zu dem ausgezeichneten Kompendium<\/p>\n<p><i>J\u00fcrgen Boeckh\/Erich Huster\/Benjamin Benz: <\/i>Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einf\u00fchrung, UTB (VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften): Wiesbaden 2004,<\/p>\n<p>464 S., ISBN 3-8252-2558-5; 24,90 Euro Keine Frage bleibt hier unbeantwortet: Man wird ebenso umfassend \u00fcber die Bettel -ordnungen in deutschen St\u00e4dten im 14. Jahrhundert informiert wie \u00fcber die Leistungsumf\u00e4nge der Gesetzlichen und der Privaten Krankenversicherung. Selten ist der Moloch Sozialstaat so einfach zug\u00e4nglich gewesen: Auf den 140 seitigen historischen \u00dcberblick folgen 200 Seiten Einf\u00fchrung in die ideellen Grundlagen, staatlichen Instrumente sowie in die einzelnen Politikfelder Arbeitsmarkt, Gesundheit\/Pflege, Familie, Altersversicherungen, aber auch Verteilungswirkungen. Anschlie\u00dfend wird die europ\u00e4ische Politik im &#132;Sozialraum&#148; Europa in den Blick genommen und zum Schluss noch einmal die Rolle der Sozialpolitik gegen ihre Kritiker verteidigt: Sie sei Friedenssicherung &#132;im Inneren und au\u00dfen&#148; (Willy Brandt).<\/p>\n<p>Knapper f\u00e4llt die \u00dcberblicksdarstellung<\/p>\n<p><i>Bernhard Frevel\/Berthold Dietz:<\/i> Sozialpolitik kompakt, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 241 S., ISBN 3-531-13873-1;16,90 Euro aus, die explizit f\u00fcr Weiterbildung sowie f\u00fcr Studenten geschrieben wurde. Themen und Gliederung \u00e4hneln dem vorher vorgestellten Band; erg\u00e4nzt um einen abschlie\u00dfenden vergleichenden Abschnitt, der die verschiedenen Formen von Wohlfahrtstaaten pr\u00e4sentiert. F\u00fcr eine erste Lekt\u00fcre mag das sehr didaktisch gehaltene Buch geeignet sein; wer es genauer wissen will, kommt um die (leider wenigen) weiterf\u00fchrenden Literaturhinweise nicht herum.<\/p>\n<p>Zunehmende Marginalisierung und das Ende des sozialpolitischen Grundkonsenses &#8211; &#132;was hat das alles mit Luhmanns Systemtheorie zu tun?&#148; So fragen die Herausgeber des Sammelbandes Roland<\/p>\n<p><i>MertenlAlbert Scherr (Hg.): <\/i>Inklusion und Exklusion in der Sozialen Arbeit, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 192 S., ISBN 3-8100-3710-9; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Luhmann hat, was erstaunlicherweise immer noch h\u00e4ufig \u00fcbersehen wird, mit seiner Inklusions\/Exklusion-Terminologie wichtige Stichworte f\u00fcr die Debatten um soziale Ungleichheit geliefert. Die Autorinnen und Autoren setzen sich mit den systemtheoretischen Perspektiven auf Chancen und Grenzen Sozialer Arbeit auseinander &#150; was zu-meist, wie nicht anders zu erwarten, eine durchaus komplexe Angelegenheit ist. Von einer unter theoretisierten Sozialarbeit bzw. -p\u00e4dagogik kann man zumindest nach der Lekt\u00fcre dieses Buches nicht mehr sprechen. Frank Hillebrand glaubt, dass Luhmanns Begriffe f\u00fcr eine Theorie sozialer Ungleichheit nicht wirklich helfen und man mit Bourdieu da weiterkommt. Inklusionsmechanismen von Familie und Sozialarbeit vergleicht Bettina H\u00fcnersdorf, Praktische Sozialarbeit hat in den letzten Jahrzehnten eine immense Ausdehnung erlebt, was sich in Theoriebem\u00fchungen ebenso niederschl\u00e4gt wie in hilfreichen empirischen Studien. Die Lebenschancen junger Menschen in den sozialen Brennpunkten gro\u00dfer deutscher und franz\u00f6sischer St\u00e4dte untersucht eine schmale Studie des Soziologen Markus Ottersbach:<\/p>\n<p><i>Markus Ottersbach:<\/i> Jugendliche in marginalisierten Quartieren. Ein deutsch-franz\u00f6sischer Vergleich, VS Verlag f\u00fcr Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2004, 133 S., ISBN 3-531-14299-2; 14,90 Euro<\/p>\n<p>Ausgrenzungsprozesse und Abstiegsentwicklungen betreffen vor allem junge Menschen; es verbreitet sich Hoffnungslosigkeit, verst\u00e4rkte Kriminalit\u00e4t und Gewaltbereitschaft. In beiden L\u00e4ndern wird durch verschiedene staatliche Programme versucht, diesen Tendenzen entgegenzuwirken. Der Autor warnt jedoch vor einer rein defizit\u00e4ren Wahrnehmung der Probleme; das w\u00fcrde eine spiralf\u00f6rmige Abw\u00e4rtsentwicklung weiter verst\u00e4rken. Demgegen\u00fcber m\u00fcssten Aktivit\u00e4tspotenziale vor Ort gest\u00e4rkt werden; Selbstorganisationsformen und politische Partizipation k\u00f6nnten durchaus gef\u00f6rdert werden.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Probleme schildert ein materialreicher Sammelband, der auf eine gemeinsame Tagung der Schader-Stiftung und der Sektion &#132;Stadt- und Regionalsoziologie&#148; der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie im April 2004 zur\u00fcckgeht:<\/p>\n<p><i>Uwe-Jens Walther\/Kirsten Mensch (Hg.): <\/i>Armut und Ausgrenzung in der &#132;Sozialen Stadt&#148;. Konzepte und Rezepte auf dem Pr\u00fcfstand, Schader-Stiftung: Darmstadt 2004, 312 S., ISBN 3-932736-13-3; 13 Euro<\/p>\n<p>Interessante Fallstudien schildern die sozialen Brennpunkte und Gegenstrategien: Migrantenviertel werden portr\u00e4tiert, die Armutsstrukturen in Eisenh\u00fcttenstadt analysiert, Quartiersmanagement und neue Partizipationsformen als Antiarmutskonzepte vorgestellt. Daneben gibt es zwei Seitenblicke nach Gro\u00dfbritannien und Frankreich; im umfangreichen letzten Abschnitt stehen die Evaluationsergebnisse des Bund-L\u00e4nder-Programms &#132;Soziale Stadt&#148; im Mittelpunkt (vgl. auch vorg\u00e4nge 165 &#132;Zwischen Krise und Kreativit\u00e4t: Die Stadt im Wandel&#8220;). Stadtsoziologische Deutungen finden sich hier ebenso wie praktische politische Folgerungen.<\/p>\n<p>Szenenwechsel zum Schluss: Eine Laune des Schicksals hat dazu gef\u00fchrt, dass in dem Moment, als dem traditionsreichen Kursbuch von Rowohlt-Verleger Alexander Fest die Solidarit\u00e4t aufgek\u00fcndigt wurde, gerade ein Heft unter dem Titel Die gro\u00dfe Entsolidarisierung produziert wurde:<\/p>\n<p>Kursbuch 157: &#132;Die gro\u00dfe Entsolidarisierung&#148; (September 2004), Rowohlt Berlin: Berlin, 165 S., ISBN 3-87134-157-6; 10 Euro<br \/>Unter diesen Umst\u00e4nden ist es verzeihlich, dass es nicht das inspirierteste Heft geworden ist. Doch vielleicht spiegelt sich in Inhalt und Komposition nur die allgemeine gesellschaftliche Unsicherheit wider, mit der man ratlos auf die Krise in Deutschland reagiert. Unverst\u00e4ndlich ist zum Beispiel, was hier der Beitrag von Hermann Scheer \u00fcber das Scheitern der Internationalen Konferenz \u00fcber Erneuerbare Energien zu suchen hat. Das gilt auch f\u00fcr Herfried M\u00fcnklers Text \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Milit\u00e4r und Gesellschaft nach dem absehbaren Ende der Wehrpflicht; gewollt witzig erscheint Paul Noltes Glossar des Reformvokabulars.<\/p>\n<p>Originell dagegen ist der Text der Kulturwissenschaftlerin Claudia Schm\u00f6lders \u00fcber den scheinbar gemeinschaftsstiftenden Charakter jedweden Kanons, klug auch die Beobachtungen der ostdeutschen FAZ-Redakteurin Regina M\u00f6nch, die die Fehlwahrnehmungen ihrer \u00f6stlichen Landsleute offenlegt: &#132;Seltsam wurzellos schwebt diese \u00dcbergangsgesellschaft durchs Leben.&#148; Doch im ganzen wollen die spielerischen St\u00e4rken dieser Zeitschrift bei diesem ernsten Thema offenbar nicht so recht zum Zuge kommen. Sch\u00f6ner Scheitern im Deutschland der Gegenwart: 15 zumeist Berliner Jungunternehmer haben dem Autor Ingo Niermann ihre Lebensgeschichten erz\u00e4hlt, die allesamt vorerst mit \u00f6konomischen Niederlagen endeten:<\/p>\n<p><i>Ingo Niermann:<\/i> Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld. Protokolle, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003; 299 S., ISBN 3-518-12327-0; 12 Euro.<\/p>\n<p>In diesen heiter-melancholischen Protokollen erlebt man noch einmal die kleinen und gro\u00dfen Tr\u00e4ume und Pleiten jener seltsam fern zur\u00fcckliegenden New-Economy-\u00c4ra. Nat\u00fcrlich steckt im biographischen Auf und Ab, das hier in verschiedenen Variationen zu erleben ist, enorme Kraft und Kreativit\u00e4t, die verbrannt werden. Ob man jedoch die Ansammlung zerplatzter Hoffnungen westdeutscher Wohlstandkinder gleich als &#132;euphorisches Buch&#148; (S\u00fcddeutsche Zeitung) umschreiben kann, sei hier bezweifelt. Vielleicht sch\u00e4rft aber die Abstiegserfahrung auf l\u00e4ngere Sicht wieder den Sinn f\u00fcr die Schattenseiten unserer Gesellschaft; vielleicht erh\u00e4lt so die am eigenen Leib versp\u00fcrte Ungleichheit r\u00fcckblickend ihren Sinn.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[2812],"class_list":["post-11987","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-168-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Ordnungen der Ungleichheit - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/ordnungen-der-ungleichheit\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Ordnungen der Ungleichheit - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ein aktueller Literaturbericht aus: Vorg\u00e4nge Nr. 168 ( Heft 4\/2004 ); S.65-76 &#132;Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und ob sie durch das nat\u00fcrliche Gesetz autorisiert wird&#148;: Diese Preisfrage der Akademie von Dijon veranlasste Jean-Jacques Rousseau, seinen Diskurs \u00fcber die Ungleichheit vorzulegen, der1755 in Amsterdam erschien. 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