{"id":11990,"date":"2004-12-04T19:10:00","date_gmt":"2004-12-04T18:10:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-pds-als-regierungspartei-in-mecklenburg-vorpommern\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:59","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:59","slug":"die-pds-als-regierungspartei-in-mecklenburg-vorpommern","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/168-vorgaenge\/publikation\/die-pds-als-regierungspartei-in-mecklenburg-vorpommern\/","title":{"rendered":"Die PDS als Regierungspartei in Mecklenburg-Vorpommern"},"content":{"rendered":"<p>Im Spagat zwischen Oppositionsspielwiese und Regierungsalltag<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 168 ( Heft 4\/2004 ), S.92-100<\/p>\n<p><i>Mit der Unterzeichnung des Koalitionsvertrages zwischen SPD und PDS 1998 in Mecklenburg-Vorpommern wurde die erste formale Regierungsbeteiligung der PDS in der Bundesrepublik besiegelt. Die ansonsten sicherlich nicht f&uuml;r ihre Spontaneit&auml;t bekannten Mecklenburger und Vorpommern betraten damit politisches Neuland. Seit 2002 regiert die zweite rot-rote Koalition im Lande auf pragmatischem Kurs und relativ unbeachtet von den bundesweiten Medien.<\/i><\/p>\n<p>Mecklenburg-Vorpommern weist einige Besonderheiten auf, die als Rahmenbedingungen f&uuml;r das Regierungshandeln der PDS notwendige Erkl&auml;rungsfaktoren sind. Die Arbeitslosigkeit ist das dominierende politische Problem, das sich in Mecklenburg-Vorpommern stellt. Mit Arbeitslosenzahlen knapp unter und in einigen Landkreisen auch weit &uuml;ber 20 Prozent&#8216; muss jede Landesregierung der Schaffung neuer Arbeitspl&auml;tze h&ouml;chste Priorit&auml;t beimessen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig weist Mecklenburg-Vorpommern mit durchschnittlich 76 Einwohnern pro Quadratkilometer eine &auml;u&szlig;erst d&uuml;nne Besiedelung auf. Weite Wege, aufwendige Verwaltungsstrukturen und damit verbundene hohe Kosten f&uuml;r Infrastruktur und Infrastrukturentwicklung sind die Folge.<\/p>\n<p>Der Mitgliederr&uuml;ckgang, den die PDS bundesweit zu verzeichnen hat, ist in hohem Ma&szlig;e auf den &Uuml;beralterungsprozess der Mitglieder<br \/>Gleichzeitig stellt der hohe Anteil an Rentnern und Fr&uuml;hrentnern eine Ressource dar, die zur Unterst&uuml;tzung und zur Mitwirkung in den PDS-nahen Vereinen und Verb&auml;nden (Mietervereine, Arbeitslosenvereine, die Volkssolidarit&auml;t) bereit ist.<\/p>\n<h5><span id=\"die-rot-rote-zusammenarbeit-in-schwerin\">Die rot-rote Zusam&shy;me&shy;n&shy;a&shy;r&shy;beit in Schwerin<\/span><\/h5>\n<p>In der ersten Legislaturperiode des Landtages in Schwerin etablierten sich die Spannungslinien, die bis heute die Kooperation zwischen den Parteien beeinflussen. Im Laufe der christlich-liberalen Koalition (1990-1994) entstand sowohl die starke Polarisierung zwischen CDU und PDS als auch das Misstrauensverh&auml;ltnis zwischen CDU und SPD4, was die nachfolgende Gro&szlig;e Koalition von 1994 bis 1998 zur ,missliebigen Zwangsehe&#8216; machte. Die Sozialdemokraten hatten 1994 erste Gespr&auml;che mit der PDS &uuml;ber eine m&ouml;gliche Zusammenarbeit gef&uuml;hrt, da Teile der SPD auf eine Alternative zur Gro&szlig;en Koalition hofften. Jedoch gab es zu diesem Zeitpunkt noch keine hinreichende Akzeptanz f&uuml;r ein B&uuml;ndnis zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, da 65 Prozent der Mitglieder &auml;lter als 65 Jahre sind (Werz\/Schmidt 2003: 65).<\/p>\n<p>Innerhalb der Parteien und in der Bev&ouml;lkerung des Landes(vgl. WerzlHennecke 2000). Die Voraussetzungen f&uuml;r die Bildung der rot-roten Koalition bildeten sich im Laufe der gro&szlig;en Koalition in Schwerin von 1994 bis 1998. Das ungeliebte B&uuml;ndnis hatte 1996 eine schwere innere Krise zu &uuml;berwinden, in deren Folge Harald Ringstorff aus der Regierung austrat und den Fraktionsvorsitz &uuml;bernahm. Folge dieser Krise war nicht nur eine deutliche Verschlechterung des ohnehin schwierigen Verh&auml;ltnisses der beiden Volksparteien, sondern auch die Verfestigung der pers&ouml;nlichen Abneigung Ringstorffs gegen die Gro&szlig;e Koalition und der Beginn einer ersten zaghaften Kooperation zwischen PDS und SPD. Der tiefe Graben zwischen CDU und SPD scheint seither un&uuml;berwindlich zu sein.<\/p>\n<p>Vor der Landtagswahl 1998 hatte sich die PDS nicht zu einer klaren Koalitionsaussage durchringen k&ouml;nnen. Ihr Ziel war es, die &bdquo;g&uuml;nstigste Option zur Durchsetzung eines H&ouml;chstma&szlig;es von PDS-Zielen&#8220;5 zu erzielen, wobei der damalige Landesvorsitzende Helmut Holter immer wieder deutlich machte, dass eine Koalition einer Tolerierung vorzuziehen sei.<\/p>\n<p>Nach der Landtagswahl und dem vorauszusehenden Scheitern der Sondierungsgespr&auml;che zwischen SPD und CDU wurde die Koalition zwischen SPD und PDS formal geschlossen, deren Urspr&uuml;nge sich bereits in die Jahre 1996\/97 zur&uuml;ckverfolgen lassen.<br \/>Die offiziellen Verhandlungen dauerten keine drei Wochen. Im Verlauf der Gespr&auml;che stellten sich vor allem die den &ouml;ffentlichen Haushalt schwer belastenden Forderungen der PDS, beispielsweise nach Einf&uuml;hrung eines &ouml;ffentlichen Besch&auml;ftigungssektors, als problematisch und konflikttr&auml;chtig heraus &#8211; auch wenn die Akteure beider Seiten deutlich bem&uuml;ht waren, keinerlei Kontroversen an die &Ouml;ffentlichkeit dringen zu lassen. Die Verhandlungsf&uuml;hrer und F&ouml;rderer der rot-roten Zusammenarbeit konnten sich weder der Zustimmung der SPD noch der PDS sicher sein, z&auml;hlten doch in beiden Parteien prominente Politiker zu den Kritikern und Skeptikern des Projektes. So forderte der G&uuml;strower Kreis der SPD eine Urabstimmung &uuml;ber die Koalitionsfrage (Schweriner Volkszeitung, 26. Oktober 1998), und in einzelnen sozialdemokratischen Ortsverb&auml;nden mehrten sich die Austritte (Schweriner Volkszeitung, 27. Oktober 1998).<\/p>\n<p>Die Zustimmung der Parteitage beider k&uuml;nftiger Partner fiel dann jedoch eindeutig aus. Auf dem Landesparteitag der SPD stimmten 63 von 91 Delegierten f&uuml;r den Koalitionsvertrag. Auf dem Landesparteitag der PDS stimmten 88 Prozent der Delegierten dem Verhandlungsergebnis zu. Prominente Skeptiker eines pragmatischen Kurses der Partei hatten sich von inhaltlichen Ergebnissen &uuml;berzeugen lassen und warben f&uuml;r die Zustimmung; zus&auml;tzlich hatte die offene Abstimmung und das hohe Quorum von 2\/3 der gew&auml;hlten Delegierten hinreichenden Druck auf die De-legierten ausge&uuml;bt. Bei einem W&auml;hler-Stimmenanteil von 24,4 Prozent war die PDS mit drei Ministerinnen im neuen Kabinett vertreten.<\/p>\n<p>Oberstes Ziel der gemeinsamen politischen Arbeit war die Bek&auml;mpfung der Arbeitslosigkeit. Einvernehmlich hatte man f&uuml;r Kommunalwahlen die Herabsenkung des Wahlalters auf 16 Jahre festgelegt sowie die Bek&auml;mpfung des Rechtsextremismus angek&uuml;ndigt. Die PDS hatte aufgrund der finanziellen Vorbehalte der SPD Zugest&auml;ndnisse machen m&uuml;ssen: Von den geforderten 5.000 Jobs im &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Besch&auml;ftigungssektor blieben 500, weitere 2.500 wurden unter Finanzierungsvorbehalt gestellt. Die Kommunen sollten anstelle von 200 Mio. DM, welche die PDS gefordert hatte, nun nur 50 Mio. DM j&auml;hrlich erhalten. So konnte die SPD ihr Ziel, die Neuverschuldung zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, weitgehend durchsetzen. Im Zentrum der PDS-Politik steht dabei sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Legislaturperiode der rot-roten Zusammenarbeit der &ouml;ffentlich gef&ouml;rderte Besch&auml;ftigungssektor (&Ouml;BS) und die Etablierung gemein-wohl orientierter Arbeitsf&ouml;rderprojekte (GAP).<\/p>\n<p>In der ersten Phase der Zusammenarbeit wurde der Koalition von Journalisten der Titel &bdquo;Prima-Klima Klub&rdquo; zugewiesen, da vor allem die enge Kooperation zwischen Harald Ringstorff und Helmut Holter die Koalition nach au&szlig;en als harmonisches B&uuml;ndnis erscheinen lie&szlig;. Ernsthafte Konflikte belasteten erst in der zweiten Phase der Koalition die Zusammenarbeit. So sorgte die Debatte um die Einf&uuml;hrung einer &bdquo;schulartenunabh&auml;ngigen Orientierungsstufe&rdquo; &uuml;ber Monate f&uuml;r Konfliktstoff. Die SPD hatte sich von der Vereinbarung des Koalitionsvertrages losgesagt und gegen den Widerstand der PDS durchgesetzt, dass die Orientierungsstufe f&uuml;r die Klassen 5 und 6 bereits an den unterschiedlichen Schultypen durchgef&uuml;hrt wird (Schweriner Volkszeitung, 1. Dezember 1999; 7. Dezember 1999). Ein Bruch der Koalition konnte zwar verhindert werden; die PDS hatte aber eine erste tiefe Niederlage hinnehmen m&uuml;ssen, was innerparteilich dem Kreis der Systemoppositionsellen und Koalitionsskeptiker nutzte.<\/p>\n<p>Die zweite schwere Krise erlebte die Koalition, als Harald Ringstorff im Mai 2001 entgegen der Absprache mit der PDS der Rentenreform im Bundesrat zustimmte (Schweriner Volkszeitung, 7. August 2002). Wie in Koalitionen &uuml;blich, hatten sich die beiden Partner darauf verst&auml;ndigt, sich bei strittigen Fragen im Bundesrat zu enthalten. Der Alleingang von Ringstorff, der auch als strategischer Schachzug zur &ouml;ffentlichen Demonstration der Unabh&auml;ngigkeit von der PDS gewertet werden kann, st&uuml;rzte die Koalition in eine tiefe Krise. Sie konnte nur dadurch &uuml;berwunden werden, dass Ringstorff eingestand, den Koalitionsvertrag gebrochen zu haben. Danach erkl&auml;rten die PDS-Fraktion wie auch Landesvorstand nach Abstimmungen, die Koalition fortsetzen zu wollen.<br \/>Pr&auml;gend f&uuml;r das Bild der PDS in der zweiten Phase der Legislaturperiode waren vor allem die &ouml;ffentlich diskutierten &bdquo;Skandale&rdquo; im Ministerium f&uuml;r Arbeit und Bau unter Helmut Holter. Im Sommer 2001 war bekannt geworden, dass die Frau von Holters damaligem Staatssekret&auml;r eine Firma leitete, die sich zum Gro&szlig;teil aus F&ouml;rdergeldern des Arbeitsamtes finanzierte. Auch Holters Frau war Angestellte in dieser Firma. Daraufhin pr&uuml;fte der Landesrechnungshof &mdash; u.a. auf Bitten Holters &mdash; die Vergabepraxis des Ministeriums. Der Pr&uuml;fbericht des Landesrechnungshofes diagnostizierte M&auml;ngel in der Vergabepraxis und einen l&uuml;ckenhaften Aktenbestand, urteilte jedoch nicht &uuml;ber eine &bdquo;Bevorteilung&rdquo; (Hamburger Abendblatt, 22. Juni 2002; Schweriner Volkszeitung, 2. Februar 2003). Daneben geriet der F&uuml;hrungsstil Holters ins Gerede, nachdem er seinen Referatsleiter Ronald Klinger erst entlassen hatte, nachdem von Seiten der SPD Druck ausge&uuml;bt worden war. Schlie&szlig;lich musste er ihn aber nach einem Arbeitsgerichtsprozess wieder einstellen.<\/p>\n<p>Kritik aus den eigenen Reihen begleitete w&auml;hrend der ersten Legislaturperiode als selbstverst&auml;ndliche Begleitmusik die erste Regierungsbeteiligung der geborenen Oppositionspartei. Dabei finden sich die Koalitionsskeptiker in allen Gremien der Partei, ohne diese zu dominieren. Eine prinzipiell ablehnende Haltung zur Regierungsbeteiligung ist als eindeutige Minderheitsposition im Landes-verband von nur geringer Bedeutung.<\/p>\n<p>Auch am Ende der Legislaturperiode sah sich die PDS selbst weiterhin im Aufw&auml;rtstrend und hatte sich eine Steigerung des Wahlergebnisses zum Ziel gesetzt. So wurde nicht nur die Losung &bdquo;25+x Prozent&rdquo; ausgegeben, sondern auch &uuml;ber die Forderung eines vierten Ministeriums &ouml;ffentlich nachgedacht (Nordkurier, 21. Januar 2002).<\/p>\n<p>Die hohen W&auml;hlerverluste von acht Prozentpunkten trafen die PDS relativ unvorbereitet. Die Verluste erstrecken sich fl&auml;chendeckend auf alle Wahlkreise. &bdquo;Die PDS litt offensichtlich weniger unter einem Mobilisierungsproblem als unter der Abwanderung zur SPD [&#8230;] Die SED-Nachfolger fallen nicht nur im Gesamtergebnis, sondern auch in der Struktur der Stimmabgabe auf die Position von 1990 zur&uuml;ck&rdquo; (Werz\/Schmidt 2003: 70).<\/p>\n<p>Auch wenn seit Januar 2002 eine rot-rote Koalition in Berlin der PDS in Mecklenburg-Vorpommern strategische Sch&uuml;tzenhilfe geben konnte, blies aus anderer Richtung den sozialistischen Regierungsbef&uuml;rwortern der Wind ins Gesicht: Im April 2002 war das rot-rote Tolerierungsb&uuml;ndnis in Sachsen-Anhalt abgew&auml;hlt worden, im August 2002 war Gregor Gysi als Wirtschaftssenator in Berlin zur&uuml;ckgetreten und trug damit zum Prozess des Niedergangs der gesamten Bundespartei bei.<\/p>\n<p>Die Verluste der PDS in Mecklenburg-Vorpommern sind aber auch auf landesspezifische Rahmenbedingungen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Die PDS hatte den Glanz der Oppositionspartei verloren. In der ersten Legislaturperiode war den W&auml;hlern und Anh&auml;ngern klar geworden, dass der Handlungsspielraum einer Regierungspartei keine gro&szlig;en Schritte zulie&szlig;. Auch konnte die PDS nicht umhin zuzugeben, dass sie mit dem Ziel einer deutlichen Reduzierung der Arbeitslosigkeit in Mecklenburg-Vorpommern gescheitert war. Au&szlig;erdem hatten die Debatten um F&uuml;hrungsstil und Arbeitsweise von Holter die Partei und ihr Image schwer belastet.<\/p>\n<p>In der zweiten Auflage der rot-roten Koalition spielt Helmut Holter eine deutlich geringere Rolle. Vor allem aufgrund seines schlechten Images musste er den Posten des stellvertretenden Ministerpr&auml;sidenten an den PDS-Umweltminister Methling abgeben, der in der &Ouml;ffentlichkeit ein deutlich h&ouml;heres Ansehen genie&szlig;t. F&uuml;r den Parteivorsitz hatte er bereits 2001 nicht mehr kandidiert, nachdem sich der Landesverband f&uuml;r eine Trennung von Amt und Mandat entschieden hatte. Mit der faktischen Zur&uuml;cksetzung Holters ist eine der zentralen S&auml;ulen der Zusammenarbeit der ersten Legislaturperiode nicht mehr vorhanden, die aus der Kooperation Ringstorff und Holter gebildet wurde. Eine weitere personelle Ver&auml;nderung auf Seiten der PDS-Minister betraf die Abl&ouml;sung der wenig erfolgreichen Sozialministerin Martina Bunge durch Marianne Linke.<\/p>\n<p>Die PDS versuchte sich in der zweiten rot-roten Koalition in Mecklenburg-Vorpommern vor allem in ihrer Oppositionsstellung zur Bundespolitik und durch die Profilierung als &bdquo;Friedenspartei&rdquo; und als &bdquo;Anwalt der sozial Schwachen&rdquo; vom Koalitionspartner SPD abzugrenzen. So verlangte die Partei zun&auml;chst von ihren Ministern aus der Landesregierung auszutreten, wenn es eine Unterst&uuml;tzung des Irak-Krieges durch die Bundesrepublik gegeben h&auml;tte (Ostsee-Zeitung, 8. Januar 2003; S&uuml;ddeutsche Zeitung, 10. Januar 2003). Dieser Beschluss wurde dann auf Initiative des Landesvorsitzenden Ritter im M&auml;rz 2003 wieder aufgehoben (Ostsee-Zeitung, 24. M&auml;rz 2003). Landespolitisch konzentriert sich die PDS weiterhin auf die Etablierung des &Ouml;ffentlichen Besch&auml;ftigungssektors. Sie versucht sich au&szlig;erdem &uuml;ber bildungspolitische Themen zu profilieren, beispielsweise durch die Umsetzung der Forderung nach einem kostenfreien Vorschuljahr. Reformvorhaben der Landesregierung wie eine umfassende Verwaltungsreform sowie eine Kreisreform werden kontrovers zwischen den Koalitionspartnern &ouml;ffentlich diskutiert. Insgesamt ist eine Verschlechterung des Koalitionsklimas gegen&uuml;ber der ersten Legislaturperiode festzustellen.<\/p>\n<h5><span id=\"zwischen-spielwiese-und-alltagstauglichkeit\">Zwischen Spielwiese und &bdquo;Alltags&shy;taug&shy;lich&shy;keit&rdquo;<\/span><\/h5>\n<p>Innerhalb der PDS-Mitgliedschaft ist Regierungsbeteiligung immer noch eine kontrovers diskutierte Frage, auch wenn die Mitgliederbefragung vom Herbst 2000 zeigte, dass &bdquo;die Beteiligung der PDS an der Koalition mit der SPD in Mecklenburg-Vorpommern [.,.] Akzeptanz bei 90 Prozent der Parteimitglieder im Osten&rdquo; findet (Chrapa\/Wittich 2001: 6). Letztlich ist jedoch ein Prozess der &bdquo;Normalisierung&rdquo; der Regierungsbeteiligung vorangeschritten, nicht zuletzt aufgrund der Etablierung der rot-roten Koalition in Berlin.<\/p>\n<p>Ein weiteres Indiz f&uuml;r diesen Prozess ist auch der gelassenere Umgang mit der Vergangenheit der PDS. War der mecklenburgvorpommernschen Koalitionsvereinbarung 1998 noch in der Pr&auml;ambel das Bekenntnis von PDS und SPD zum Grundgesetz und zur Landesverfassung vorangestellt, sowie der PDS eine Erkl&auml;rung zu ihrer Vergangenheit abverlangt, wurde 2002 auf eine solche Pr&auml;ambel g&auml;nzlich verzichtet. Ebenso wurde die Neuauflage der rot-roten Koalition in Schwerin im Herbst 2002 nicht in gleicher Weise wie 1998 von kritischen Stimmen begleitet.<\/p>\n<p>Auch wenn in der &Ouml;ffentlichkeit eine Gelassenheit im Umgang mit der PDS vorherrschend ist, so hat die Partei selbst ihre Rolle als Regierungspartei noch nicht akzeptiert. Protagonisten der Regierungsbeteiligung wer-den bei Wahlen durch die Delegierten regelm&auml;&szlig;ig abgestraft;4 der Ruf nach einer klareren Abgrenzung von der SPD ist immer wieder vernehmbar.Vor allem die Debatten um eine Trennung von Amt und Mandat beziehen aus diesem unklaren Selbstbild ihre Motivation. Im Fr&uuml;hjahr 2002 hatte der Parteitag &bdquo;sehr zum &Auml;rger des &uuml;berwiegenden Teils der PDS-F&uuml;hrung&rdquo; (Nordkurier, 11. M&auml;rz 2002) die Trennung von&nbsp; PDS als Regierungspartei in Amt und Mandat beschlossen. Noch 1996 hatte bei einer Umfrage eine klare Mehrheit gegen eine Trennung von Amt und Mandat votiert.<br \/>Den Spagat, den die Partei zwischen ihrem Selbstbild als Oppositionspartei und dem von Teilen der Partei als Zwang empfundenen Alltag der Regierungspartei erlebt, dokumentiert sich in der parteiinternen Analyse der bisherigen Regierungsarbeit, in der es unter anderem hei&szlig;t:<\/p>\n<p>&bdquo;Aus unserer Situation, als sozialistische Partei unter kapitalistischen, b&uuml;rgerlich-demokratischen Verh&auml;ltnissen Regierungsverantwortung &uuml;bernommen zu haben, erw&auml;chst die Problematik, Alternativpolitik in diesen Grenzen zu realisieren, aber dar&uuml;ber hinaus sozialistische Zielstellungen nicht aufzugeben&rdquo; (Bericht der AG Bilanz der PDS 2000).<\/p>\n<p>Eine selbstbewusste inhaltliche Zielbestimmung und Motivation f&uuml;r die Regierungsbeteiligung fehlt der PDS. Regierungsbeteiligung wird vorrangig mit der daraus resultierenden Verbesserung der strategischen Position der Partei begr&uuml;ndet. Inhaltlich gibt man zu, als Regierungspartner nur ,Schlimmerers zu verhindern&#8216; und damit nur ,das kleinere &Uuml;bel&#8216; zu sein (AG Bilanz der PDS 2000).<br \/>Aus diesem Dilemma und nicht erst vor dem Hintergrund der Wahlniederlage 2002 w&auml;chst in Teilen der PDS der Wunsch nach einer St&auml;rkung der Partei gegen&uuml;ber den in die Regierungsarbeit eingebundenen Ministern und Fraktionsmitgliedern. In den Augen der Systemoppositionsellen &bdquo;avanciert der Landes-verband zum Ort und Hort authentischer PDS Politik, da er nicht wie die an der Regierung beteiligten PDS-Minister und auch die Landtagsfraktion zwangsl&auml;ufig Kompromisse ein-gehen m&uuml;sse&rdquo; (Koch 2001: 46).<br \/>Inhaltlich zeigt sich diese unklare Selbstverortung in der unglaubw&uuml;rdigen Doppelstrategie, Oppositionspartei gegen die Bundesregierung zu sein und gleichzeitig Regierungsverantwortung in Schwerin &uuml;bernehmen zu wollen. Ihr Ziel, sich als Friedenspartei gegen den Kurs der Regierung in Berlin in Fragen des Irak-Krieges zu profilieren, wurde durch den in dieser Frage klaren Kurs der Bundesregierung konterkariert. Gleichzeitig wird das Verh&auml;ltnis zum Regierungspartner in Schwerin dadurch belastet, der seinerseits unter dem Druck steht, die Entscheidungen in Berlin im Bundesrat mitzutragen. Mit ihrer Zielsetzung der Senkung der Arbeitslosigkeit und der festen Etablierung eines &ouml;ffentlich gef&ouml;rderten Besch&auml;ftigungssektors ist die PDS in Mecklenburg-Vorpommern wenig erfolgreich. Sie war weder 1998 noch 2002 mit dem dezidierten Ziel angetreten, einen anderen Politikstil durchzusetzen. Der mit der SPD gemeinsam propagierte finanzielle Konsolidierungskurs wird als Erfolg nach au&szlig;en vertreten.<\/p>\n<p>Die Landtagswahlen in Th&uuml;ringen, Brandenburg und Sachsen im Jahr 2004 haben gezeigt, dass die St&auml;rke der PDS vor allem in ihrer Rolle als Oppositionspartei gegen die rot-gr&uuml;ne Regierungspolitik auf Bundesebene liegt. Die Zuw&auml;chse bei den drei Wahlen (zwischen 1,4 und 4,8 Prozentpunkten) m&uuml;ssen gr&ouml;&szlig;tenteils auf die Kampagne gegen Hartz IV und damit auf die Mobilisierung der Unzufriedenen zur&uuml;ckgef&uuml;hrt werden.<\/p>\n<p>Auch wenn die Umfrageergebnisse f&uuml;r die PDS in Mecklenburg-Vorpommern seit einem Jahr wieder aufw&auml;rts zeigen,10 so scheinen die Sozialisten im Nordosten bisher von den strategischen Oppositions-Vorteilen ihrer Parteigenossen in den anderen neuen L&auml;ndern aufgrund ihres eigenen Eingebunden seins in das Regierungsgesch&auml;ft mit der SPD nicht profitieren zu k&ouml;nnen. Die aktuellen Wahlergebnisse der PDS bei den Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament oder den Wahlen zu den kommunalen Vertretungen zeugen eher von einer Entzauberungswirkung der Regierungsbeteiligung. Sowohl bei der Kommunalwahl (1999: 24,3 Prozent; 2004: 20,2 Prozent), als auch bei den Wahlen zum Europ&auml;ischen Parlament (f&uuml;r MV 1999: 24,3 Prozent; 2004: 21,7 Prozent) musste die sozialistische Regierungspartei Verluste hinnehmen.<\/p>\n<h5><span id=\"fazit\">Fazit<\/span><\/h5>\n<p>Der Umgang der PDS mit ihrer neuen Rolle als Regierungspartei und die in Folge des Regierungseintritts aufflammenden innerparteilichen Debatten der PDS erinnern sehr stark an die Gr&uuml;nen in deren Anfangsjahren. Ziel ist es jeweils gewesen, die Partei als &bdquo;Hort der Parteiidentit&auml;t&rdquo; gegen&uuml;ber der Fraktion und den Regierungsmitgliedern zu st&auml;rken und eine eigenst&auml;ndige Rolle gegen&uuml;ber dem gr&ouml;&szlig;eren Regierungspartner &ouml;ffentlich dokumentieren zu k&ouml;nnen. Die Gr&uuml;nen haben sich in einem langwierigen und schmerzhaften Prozess von ihrer Rolle als Oppositionspartei verabschiedet und sich eindeutig auf die Etablierung als kleiner Regierungspartner eingelassen (Heinrich 2002). Die PDS steht zwischen den St&uuml;hlen und hat sich in ihrer Oppositionsrolle und ihrer Funktion als Sprachrohr der Unzufriedenheit ostdeutscher Interessen durch einen sehr pragmatischen Regierungskurs unglaubw&uuml;rdig gemacht.<\/p>\n<p>Ist damit die Strategie der SPD gegl&uuml;ckt, die PDS durch die sozialdemokratische &bdquo;Umarmungsstrategie&rdquo; zu entzaubern? Harald Ringstorff sprach selbst von der &bdquo;Sozialdemokratisierung durch Regierungsverantwortung&rdquo; (S&uuml;ddeutsche Zeitung, 28. August 2002). So-lange die PDS kein eigenst&auml;ndiges Profil als Regierungspartei auf Landesebene gefunden hat, ist der Prozess ihres weiteren Niedergangs wahrscheinlich.<\/p>\n<p>[1] F&uuml;r August 2003 ermittelte das Landesarbeitsamt Nord eine Erwerbslosenquote f&uuml;r den Landkreis Demmin von 27,6 Prozent und f&uuml;r den Landkreis Uecker-Randow von 27,9 Prozent.<br \/>[2] Gebiet des sp&auml;teren Mecklenburg-Vorpommern (Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg) ohne Ber&uuml;cksichtigung der Gebietsaustausche mit Brandenburg und Niedersachsen (Werz\/Schmidt 1998: 261).<br \/>[3]1990 als Listenverbindung angetreten: von PDS mit Demokratischem Frauenbund, Nelken, Freier Deutscher Jugend und Marxistischer Jugendvereinigung &bdquo;Junge Linke &#8222;.<br \/>[4] Die Koalition zwischen CDU und FDP war nur durch &Uuml;bertritt eines SPD-Abgeordneten m&ouml;glich geworden.<br \/>[5] Beschluss des 5. Landesparteitages 13.\/14.2. 1997 in Schwerin (Protokoll).<br \/>[6] 1990 waren die Gruppierungen Die Gr&uuml;nen, B&uuml;ndnis 90 und das Neue Forum getrennt zu den Wahlen angetreten.<br \/>[7] Abstimmung bei der PDS-Fraktion: eine Enthaltung, beim PDS-Landesvorstand: 11 Ja-Stimmen bei zwei Gegenstimmen und einer Enthaltung (Koch 2001: 50).<br \/>[8] Holter hatte Klinger entlassen, nachdem die SPD ihn unter Druck gesetzt hatte. Klingers Verstrickungen in eine Stasi-T&auml;tigkeit waren &ouml;ffentlich geworden. Das Arbeitsgericht entschied dann aber, dass er wieder einzustellen sei, da Klingers Stasi-T&auml;tigkeit bereits neun Monate vor der Entlassung bekannt gewesen sei, von einem Vertrauensverlust k&ouml;nne daher nicht die Rede sein (L&uuml;becker Nachrichten, 8. Januar 2002; Ostseezeitung, 23. Mai 2002).<br \/>[9] Beispielsweise wurde Helmut Holter nur mit 49 von 84 Stimmen in die Verhandlungskommission f&uuml;r die Koalitionsverhandlungen 2002 gew&auml;hlt (Schweriner Volkszeitung, 30. September 2002); der Landesvorsitzende Ritter wurde mit einem &auml;u&szlig;erst schlechten Ergebnis von 60 von 90 Stimmen im Amt best&auml;tigt (Ostseezeitung, 23. Juni 2003).<br \/>[10] Emnid-Umfrage im Auftrag der Schweriner Volkszeitung (<a href=\"http:\/\/www.wahlrecht.de\/umfragen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.wahlrecht.de\/umfragen\/<\/a> landtage\/mecklenburg-vorpommern)<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>AG Bilanz der PDS 2000: Bericht zur bisherigen Regierungsbeteiligung der PDS Mecklenburg-Vorpommern (download: <a href=\"http:\/\/www.pdsmv.de\/archivllandesparteitage\/sechsdrei\/beric\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.pdsmv.de\/archivllandesparteitage\/sechsdrei\/beric<\/a> ht_regier.htm,10.07.2003)<br \/>Berg, Frank 2001: Die Mitte-Links-Koalition in Mecklenburg-Vorpommern, Teil I; Politikfeldanalysen (Manuskripte der Rosa-Luxemburg-Stiftung Nr. 18), Berlin (download: <a href=\"http:\/\/www.biss-online.de\/htm\/studien.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.biss-online.de\/htm\/studien.htm<\/a>)<br \/>Berg, Frank\/Koch, Thomas 2000: Politikwechsel in Mecklenburg-Vorpommern? Eine akteurszentrierte Analyse zur Implementation der Koalitionsvereinbarung, 15 Monate nach der Etablierung der SPD-PDS-Koalition (Explo-<br \/>100&nbsp;vorg&auml;nge Heft 4\/2004, S. 92-100<br \/>rationsstudie), unter Mitarbeit von Rudolf Woderich, hg. vom Brandenburg-Berliner Institut f&uuml;r Sozialwissenschaftliche Studien Berlin (BISS), Berlin\/Schwerin<br \/>Chrapa, Michael\/Wittich, Dietmar 2001: Die Mitgliedschaft der gro&szlig;e L&uuml;mmel. Studie zur Mitgliederbefragung 2000 der PDS, o. O.<br \/>Heinrich, Gudrun 2002: Kleine Koalitionspartner in Landesregierungen. Zwischen Konkurrenz und Kooperation, Opladen<br \/>Koch, Thomas 2001: Die Mitte-Links-Koalition in Mecklenburg-Vorpommern. Teil II: Parteien und Politikstilanalysen (Manuskripte der Rosa-Luxemburg-Stiftung Nr. 19), Berlin (download: <a href=\"http:\/\/www.biss-online.de\/htm\/studien\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.biss-online.de\/htm\/studien<\/a>. htm)<br \/>Niedermayer, Oskar 2003: Parteimitgliedschaften in Jahre 2002; in: Zeitschrift f&uuml;r Parlaments-fragen, 33. Jg., H. 2, S. 382-388<br \/>Schoon, Steffen 2001: Zwischen &bdquo;Ostkompetenz&rdquo; und Entzauberung. Die PDS und ihre W&auml;hler in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 1945<br \/>und 1998; in: Deutschland Archiv, 34. Jg., H. 5, S. 777-784<br \/>SPD (MV)\/ PDS (MV) 1998: Koalitionsvereinbarung f&uuml;r die 3. Legislaturperiode des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern<br \/>SPD (MV)\/ PDS (MV) 2002: Koalitionsvereinbarung f&uuml;r die 4. Legislaturperiode des Landtages von Mecklenburg-Vorpommern<br \/>Werz, Nikolaus\/Hennecke, Hans J&ouml;rg (Hg.) 2000: Parteien und Politik in Mecklenburg-Vorpommern, M&uuml;nchen<br \/>Werz, Nikolaus\/Schmidt, Jochen 1998: Wahlen und politische Einstellungen seit 1990: Res&uuml;mee und Ausblick; in: Dies. (Hg.), Mecklenburg-Vorpommern im Wandel. Bilanz und Ausblick, M&uuml;nchen, S. 260-273<br \/>Werz, Nikolaus\/Schmidt, Jochen 2003: Die mecklenburg-vorpommersche Landtagswahl vom 22.September 2002 &ndash; Best&auml;tigung der rot-roten Koalition mit Gewinnern und Verlierern; in: Zeitschrift f&uuml;r Parlamentsfragen, 34. 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