{"id":11998,"date":"2004-09-20T22:30:00","date_gmt":"2004-09-20T20:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/die-luege-in-der-politik\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"die-luege-in-der-politik","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/die-luege-in-der-politik\/","title":{"rendered":"Die L\u00fcge in der Politik"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberlegungen zu den Pentagon-Papieren (1971)*<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 167 ( Heft 3\/2004 ), S.3-18<\/p>\n<p><i>Es ist kein sch\u00f6ner Anblick, wie die gr\u00f6\u00dfte Supermacht der Welt bei dem Versuch, eine winzige r\u00fcckst\u00e4ndige Nation wegen einer heftig umstrittenen Sache in die Knie zu zwingen, w\u00f6chentlich tausend Nichtkombattanten t\u00f6tet oder schwer verwundet.<br \/>Robert S. McNamara<\/i><\/p>\n<h5><span id=\"i\">I<\/span><\/h5>\n<p><i>Wie so vieles in der Geschichte haben auch die Pentagon-Papiere verschiedenen Lesern Unterschiedliches zu sagen und verschiedene Lehren zu erteilen. Manche behaupten, sie h\u00e4tten erst jetzt begriffen, dass Vietnam die logische Folge des Kalten Krieges oder des ideologischen Antikommunismus sei; andere sehen darin eine einzigartige Gelegenheit, etwas dar\u00fcber zu erfahren, auf welche Weise eine Regierung ihre Entscheidungen trifft. Inzwischen sind sich aber die meisten einig, dass das fundamentale Problem, mit dem uns diese Papiere konfrontieren, das der T\u00e4uschung ist. Offensichtlich hat dieses Problem vor allem auch jene besch\u00e4ftigt, welche die Pentagon-Papiere f\u00fcr die New York Times zusammengestellt haben. Auch ist es zumindest wahrscheinlich, dass dieses Problem f\u00fcr das Autoren-Team, das die siebenundvierzig B\u00e4nde der urspr\u00fcnglichen Studie geschrieben hat, von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Die ber\u00fchmte &#132;Glaubw\u00fcrdigkeitsl\u00fccke&#148; (credibility gap), die uns seit sechs Jahren vertraut ist, hat sich pl\u00f6tzlich in einen Abgrund verwandelt. Der Flugsand unwahrer Behauptungen aller Art, von T\u00e4uschungen und Selbstt\u00e4uschungen, benimmt dem Leser den Atem. Atemlos realisiert er, dass er es mit der Infrastruktur der amerikanischen Au\u00dfen- und Innenpolitik w\u00e4hrend fast eines Jahrzehnts zu tun hat.<\/i><\/p>\n<p>Weil man sich in den obersten R\u00e4ngen der Regierung so ausschweifend der politischen Unwahrhaftigkeit ergeben hatte, und weil man infolgedessen zulie\u00df, dass sich die L\u00fcge in gleicher Weise \u00fcberall im milit\u00e4rischen und zivilen staatlichen Apparat breitmachte &#151; die frisierten Zahlen der mit ,Suchen und Vernichten&#8216; beauftragten Einheiten; die zurechtgemachten Erfolgs- und Verlustmeldungen der Luftwaffe; die ,Fortschritte`, die Untergebene von der Front nach Washington meldeten, wohl wissend, dass ihre Leistungen nach ihren eigenen Berichten beurteilt w\u00fcrden &#151;, ger\u00e4t man leicht in die Versuchung, zu \u00fcbertreiben und den geschichtlichen Hintergrund zu vergessen. Vor diesem Hintergrund jedoch, der ja auch nicht gerade einen makellosen Anblick bietet, muss man diese neueste Episode betrachten und beurteilen.<\/p>\n<p>Geheimhaltung n\u00e4mlich und T\u00e4uschung &#8211; was die Diplomaten Diskretion oder auch die arcana imperii, die Staatsgeheimnisse, nennen &#150;, gezielte Irref\u00fchrungen und blanke L\u00fcgen als legitime Mittel zur Erreichung politischer Zwecke kennen wir seit den Anf\u00e4ngen der \u00fcberlieferten Geschichte. Wahrhaftigkeit z\u00e4hlte niemals zu den politischen Tugenden, und die L\u00fcge galt immer als ein erlaubtes Mittel in der Politik. Wer \u00fcber diesen Sachverhalt nachdenkt, kann sich nur wundern, wie wenig Aufmerksamkeit man ihm im Laufe unseres philosophischen und politischen Denkens gewidmet hat: einerseits im Hinblick auf das Wesen des Handelns und andererseits im Hinblick auf unsere F\u00e4higkeit, in Gedanken und Worten Tatsachen abzuleugnen. Diese unsere aktive, aggressive F\u00e4higkeit zu l\u00fcgen unterscheidet sich auffallend von unserer passiven Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Irrt\u00fcmer, Illusionen, Ged\u00e4chtnisfehler und all dem, was man dem Versagen unserer Sinnes- und Denkorgane anlasten kann.<\/p>\n<p>Ein Wesenszug menschlichen Handelns ist, dass es immer etwas Neues anf\u00e4ngt; das bedeutet jedoch nicht, dass es ihm jemals m\u00f6glich ist, ab ovo anzufangen oder ex nihilo etwas zu erschaffen. Um Raum f\u00fcr neues Handeln zu gewinnen, muss etwas, das vorher da war, beseitigt oder zerst\u00f6rt werden; der vorherige Zustand der Dinge wird ver\u00e4ndert. Diese Ver\u00e4nderung w\u00e4re unm\u00f6glich, wenn wir nicht imstande w\u00e4ren, uns geistig von unserem physischen Standort zu entfernen und uns vorzustellen, dass die Dinge auch anders sein k\u00f6nnten, als sie tats\u00e4chlich sind. Anders ausgedr\u00fcckt: die bewusste Leugnung der Tatsachen &#150;die F\u00e4higkeit zu l\u00fcgen &#150;und das Verm\u00f6gen, die Wirklichkeit zu ver\u00e4ndern &#8211; die F\u00e4higkeit zu handeln &#8211; h\u00e4ngen zusammen; sie verdanken ihr Dasein derselben Quelle: der Einbildungskraft. Es ist n\u00e4mlich keineswegs selbstverst\u00e4ndlich, dass wir sagen k\u00f6nnen &#132;Die Sonne scheint&#148;, wenn es tats\u00e4chlich regnet (gewisse Hirnverletzungen haben den Verlust dieser F\u00e4higkeit zur Folge). Es beweist vielmehr, dass wir mit unseren Sinnen und unserm Verstand zwar f\u00fcr die Welt gut ausger\u00fcstet, dass wir ihr aber nicht als unver\u00e4u\u00dferlicher Teil eingef\u00fcgt sind. Es steht uns frei, die Welt zu ver\u00e4ndern und in ihr etwas Neues anzufangen. Ohne die geistige Freiheit, das Wirkliche zu akzeptieren oder zu verwerfen, ja oder nein zu sagen &#8211; nicht nur zu Aussagen oder Vorschl\u00e4gen, um unsere Zustimmung oder Ablehnung zu bekunden, sondern zu Dingen, wie sie sich jenseits von Zustimmung oder Ablehnung unseren Sinnes- und Erkenntnisorganen darbieten &#150;, ohne diese geistige Freiheit w\u00e4re Handeln unm\u00f6glich. Handeln aber ist das eigentliche Werk der Politik.<\/p>\n<p>Wenn wir also vom L\u00fcgen und zumal vom L\u00fcgen der Handelnden sprechen, so sollten wir nicht vergessen, dass die L\u00fcge sich nicht von ungef\u00e4hr durch menschliche S\u00fcndhaftigkeit in die Politik eingeschlichen hat; schon allein aus diesem Grund wird moralische Entr\u00fcstung sie nicht zum Verschwinden bringen. Bewusste Unaufrichtigkeit hat es mit kontingenten Tatbest\u00e4nden zu tun, also mit Dingen, denen an sich Wahrheit nicht inh\u00e4rent ist, die nicht notwendigerweise so sind, wie sie sind. Tatsachenwahrheiten sind niemals notwendigerweise wahr. Der Historiker wei\u00df, wie verletzlich das ganze Gewebe faktischer Realit\u00e4ten ist, darin wir unser t\u00e4gliches Leben verbringen. Es ist immer in Gefahr, von einzelnen L\u00fcgen durchl\u00f6chert oder durch das organisierte L\u00fcgen von Gruppen, Nationen oder Klassen in Fetzen gerissen oder verzerrt zu werden, oftmals sorgf\u00e4ltig verdeckt durch Berge von Unwahrheiten, dann wieder einfach der Vergessenheit anheimgegeben. Tatsachen bed\u00fcrfen glaubw\u00fcrdiger Zeugen, um festgestellt und festgehalten zu werden, um einen sicheren Wohnort im Bereich der menschlichen Angelegenheiten zu finden. Weshalb keine Tatsachen-Aussage jemals \u00fcber jeden Zweifel erhaben sein kann &#150; so sicher und unangreifbar wie beispielsweise die Aussage, dass zwei und zwei vier ist.<\/p>\n<p>Diese Gerechtigkeit eben ist es, die die T\u00e4uschung bis zu einem gewissen Grade so leicht und so verlockend macht. Mit der Vernunft kommt sie nie in Konflikt, weil die Dinge ja tats\u00e4chlich so sein k\u00f6nnten, wie der L\u00fcgner behauptet. L\u00fcgen erscheinen dem Verstand h\u00e4ufig viel einleuchtender und anziehender als die Wirklichkeit, weil der L\u00fcgner den gro\u00dfen Vorteil hat, im voraus zu wissen, was das Publikum zu h\u00f6ren w\u00fcnscht. Er hat seine Schilderung f\u00fcr die Aufnahme durch die \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4pariert und sorgf\u00e4ltig darauf geachtet, sie glaubw\u00fcrdig zu machen, w\u00e4hrend die Wirklichkeit die unangenehme Angewohnheit hat, uns mit dem Unerwarteten zu konfrontieren, auf das wir nicht vorbereitet waren. [&#8230;]<\/p>\n<p>Zu den Formen, welche die Kunst des L\u00fcgens in der Vergangenheit entwickelt hat, m\u00fcssen wir jetzt zwei neue Spielarten aus j\u00fcngster Zeit hinzuf\u00fcgen. Da ist einmal die scheinbar harmlose Form der Public Relation-Manager in der Regierung, die bei Reklame-Experten in die Lehre gegangen sind. Public Relations sind ein Zweig der Werbung; sie verdanken sich also der Konsumgesellschaft mit ihrem ma\u00dflosen Hunger auf Waren, die durch eine Marktwirtschaft an den Mann gebracht werden sollen. Das Missliche an der Mentalit\u00e4t dieser Leute ist, dass sie es nur mit Meinungen und ,gutem Willen&#8216; zu tun haben, mit der Bereitschaft zu kaufen: also mit ungreifbaren Dingen, deren konkrete Wirklichkeit minimal ist. Das bedeutet, dass es f\u00fcr ihre Einf\u00e4lle und Erfindungen tats\u00e4chlich keine Grenze zu geben scheint &#8211; ihnen fehlt die Macht des Politikers, zu handeln und etwas zu ,schaffen`, und damit auch die simple Erfahrung, dass die Wirklichkeit der Macht Grenzen setzt und dadurch die Phantasie wieder auf die Erde zur\u00fcckholt.<\/p>\n<p>Die einzige Grenze, an die ein Public Relation-Mann st\u00f6\u00dft, liegt in der Entdeckung, dass dieselben Leute, die man vielleicht ,manipulieren` kann, eine bestimmte Seife zu kaufen, sich nicht manipulieren lassen &#8211; man kann sie nat\u00fcrlich durch Terror dazu zwingen &#151;, Meinungen und politische Ansichten zu ,kaufen`. Die Lehren von den unbegrenzten M\u00f6glichkeiten menschlicher Manipulierbarkeit, die seit geraumer Zeit auf dem Markt der gew\u00f6hnlichen und gelehrten Meinungen feilgehalten werden, entsprechen der Realit\u00e4t und den Wunschtr\u00e4umen der Werbe-Fachleute. Aber solche Doktrinen \u00e4ndern nichts daran, wie Menschen sich ihre Meinung bilden, und sie k\u00f6nnen sie nicht davon abhalten, nach eigenem Wissen und Gewissen zu handeln; au\u00dfer dem Terror ist die einzige Methode, ihr Verhalten wirksam zu beeinflussen, immer noch das alte Verfahren von Zuckerbrot und Peitsche. Wenn die j\u00fcngste Generation von Intellektuellen, die in der verr\u00fcckten Atmosph\u00e4re wild gewordener Werbung aufgewachsen ist und an den Universit\u00e4ten gelernt hat, dass die Politik zur einen H\u00e4lfte aus ,Image-Pflege` und zur andern H\u00e4lfte aus der gezielten Werbung f\u00fcr dieses &#132;Image&#148; besteht, fast automatisch auf die alte Methode von Zuckerbrot und Peitsche zur\u00fcckgreift, wann immer die Lage f\u00fcr ,Theorie` zu ernst wird, so ist das nicht weiter \u00fcberraschend. F\u00fcr sie sollte bei dem Vietnam-Abenteuer die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung in der Entdeckung liegen, dass es Leute gibt, bei denen auch Zuckerbrot und Peitsche nichts ausrichten.<\/p>\n<p>(Seltsamerweise ist der einzige Mensch, der wahrscheinlich ein ideales Opfer voll-st\u00e4ndiger Manipulierung darstellt, der Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten. Wegen des ungeheuren Ausma\u00dfes des Amtes muss er sich mit Beratern umgeben, den ,Managern der nationalen Sicherheit&#8216;, wie Richard J. Barnet sie unl\u00e4ngst genannt hat, &#132;die ihre Macht haupts\u00e4chlich dadurch aus\u00fcben, dass sie die Informationen sieben, die den Pr\u00e4sidenten erreichen, und die Welt f\u00fcr ihn interpretieren&#148;. Fast m\u00f6chte man behaupten, dass der Pr\u00e4sident, angeblich der m\u00e4chtigste Mann des m\u00e4chtigsten Landes, in den USA der einzige Mensch ist, dessen Handlungsspielraum von vornherein alternativ determiniert werden kann. Das ist nat\u00fcrlich nur m\u00f6glich, weil sich die Exekutive von den legislativen Befugnissen des Kongresses emanzipiert hat. Die Manipulierbarkeit des Pr\u00e4sidenten ist die logische Folge seiner Isolierung in einem Regierungssystem, das nicht mehr funktioniert, wenn dem Senat die Macht genommen wird &#150; oder wenn er sie nur mehr widerstrebend aus\u00fcbt &#150;, an der F\u00fchrung der Au\u00dfenpolitik mit Rat und Tat teilzunehmen. Wie wir heute wissen, besteht eine der Aufgaben des Senates darin, den Entscheidungsprozess gegen die vor\u00fcbergehenden Launen und Neigungen der Gesellschaft abzuschirmen, in unserm Falle also gegen die Possen streiche der Konsumgesellschaft und der Public Relations-Manager, die ihr zu Diensten sind.)<\/p>\n<p>Die zweite Spielart des L\u00fcgens kommt zwar im t\u00e4glichen Leben seltener vor, spielt aber eine wichtige Rolle in den Pentagon-Papieren. Hier begegnen wir einem Typ, der in den oberen R\u00e4ngen der Beamtenschaft nicht selten ist und der geistig wie moralisch auf einem erheblich h\u00f6heren Niveau steht. Diese Leute, die Neil Sheehan so treffend berufsm\u00e4\u00dfige ,Problem-L\u00f6ser` genannt hat, hat sich die Regierung von den Universit\u00e4ten und den verschiedenen ,Denkfabriken` geholt, damit sie mit Spieltheorien und Systemanalysen sich daran machten, die ,Probleme` der Au\u00dfenpolitik zu l\u00f6sen. Eine erhebliche Zahl der Autoren der McNamara-Studie [=Pentagon Papers; Robert McNamara 1961-1968 Verteidigungsminister; d. Red.] geh\u00f6rt dieser Gruppe an; nur ganz wenige von ihnen waren je kritisch, was den Krieg in Vietnam anlangt, und dennoch verdanken wir ihnen diese wahre, wenn auch nat\u00fcrlich nicht vollst\u00e4ndige Darstellung dessen, was sich innerhalb der Regierungsmaschinerie abgespielt hat.<\/p>\n<p>Die Problem-L\u00f6ser hat man als M\u00e4nner mit gro\u00dfem Selbstvertrauen charakterisiert, die &#132;anscheinend nur selten an ihrem Durchsetzungsverm\u00f6gen zweifeln&#148;; sie arbeiten mit den Milit\u00e4rs zusammen, von denen es hei\u00dft, es seien &#132;M\u00e4nner, gewohnt zu siegen&#148;. Bei solchen Leuten findet man gemeinhin kein gro\u00dfes Bem\u00fchen um unparteiische Selbstpr\u00fcfung; um so erstaunlicher, dass durch sie die Versuche der Regierung vereitelt wurden, die Rolle der Verantwortlichen hinter einem Schirm von Geheimniskr\u00e4merei zu verbergen (jedenfalls so lange, bis sie ihre Memoiren geschrieben haben &#150; in unserem Jahrhundert die verlogenste Literaturgattung). Die Integrit\u00e4t jener, die den Bericht geschrieben haben, steht au\u00dfer Zweifel; McNamara konnte in der Tat sicher sein, dass sie einen &#132;umfassenden und objektiven&#148; Bericht liefern w\u00fcrden ohne R\u00fccksicht auf Personen und Interessen.<\/p>\n<p>Diese moralischen Qualit\u00e4ten, die Bewunderung verdienen, haben sie aber offensichtlich nicht daran gehindert, das Spiel von T\u00e4uschung und Unwahrhaftigkeit viele Jahre lang mitzuspielen. Im Vertrauen &#132;auf Rang, Bildung und Leistung&#148; logen sie vielleicht aus missverstandenem Patriotismus. Entscheidend ist jedoch, dass sie nicht so sehr f\u00fcr ihr Vaterland und ganz gewiss nicht f\u00fcr sein &#150; niemals gef\u00e4hrdetes &#150; \u00dcberleben gelogen haben, sondern f\u00fcr dessen ,Image`. Trotz ihrer unbezweifelbaren Intelligenz, die von vielen ihrer Memoranden bezeugt wird, glaubten auch sie, dass Politik nur eine Art von Public Relations sei, und wurden so zu Opfern all der absonderlichen psychologischen Voraussetzungen, die damit zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Immerhin unterschieden sie sich von den gew\u00f6hnlichen Image-Fabrikanten. Der Unterschied liegt darin, dass sie trotz allem Problem-L\u00f6ser waren; das hei\u00dft, sie waren nicht nur intelligent, sondern stolz auf ihre unsentimentale Rationalit\u00e4t, in der Tat in geradezu erschreckendem Ma\u00dfe erhaben \u00fcber jede ,Gef\u00fchlsduselei`, vor allem aber verliebt in ,Theorien`. Sie waren eifrig auf der Suche nach Formeln, vorzugsweise Formeln in pseudo- mathematischer Sprache, um damit die gegens\u00e4tzlichen Ph\u00e4nomene auf einen Nenner zu bringen. Sie waren also eifrig um die Entdeckung von Gesetzen bem\u00fcht, um mit deren Hilfe politische und geschichtliche Tatsachen zu erkl\u00e4ren und vorauszusagen, als ob diese ebenso notwendig und auch so zuverl\u00e4ssig w\u00e4ren wie einst f\u00fcr die Physiker die Naturerscheinungen.<\/p>\n<p>Nun hat aber der Naturwissenschaftler mit Dingen zu tun, die nicht von Menschen gemacht sind oder auf Grund menschlichen Handelns geschehen; man kann mit ihnen nur umgehen &#150; sie beobachten, verstehen und eventuell sogar ver\u00e4ndern &#150;, indem man sich peinlich genau an die tats\u00e4chliche, einmal gegebene Wirklichkeit h\u00e4lt. Demgegen\u00fcber hat es der Historiker wie der Politiker mit menschlichen Angelegenheiten zu tun, mit Gegebenheiten also, die von Menschen gemacht sind und denen gegen\u00fcber sie relativ frei sind. Handelnde Menschen werden in dem Ma\u00dfe, wie sie sich als Herren ihrer Zukunft f\u00fchlen, immer in Versuchung geraten, sich auch zu Herren ihrer Vergangenheit zu machen. Leute, die Freude am Handeln haben und au\u00dferdem in Theorien verliebt sind, werden schwerlich die Geduld des Naturwissenschaftlers aufbringen, der abwartet, bis seine Theorien und Hypothesen von den Tatsachen best\u00e4tigt oder widerlegt werden. Sie werden vielmehr versucht sein, die Wirklichkeit &#150; die schlie\u00dflich ja von Menschen gemacht ist und also auch anders h\u00e4tte ausfallen k\u00f6nnen &#150; ihrer Theorie anzupassen, um auf diese Weise wenigstens theoretisch das beunruhigende Moment der Zuf\u00e4lligkeit auszuschlie\u00dfen. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"ii\">II<\/span><\/h5>\n<p>Da\u00df es in den Pentagon-Papieren haupts\u00e4chlich um Verheimlichung, Unwahrheit und bewusste L\u00fcge geht, und nicht um Illusion, Irrtum, Fehlkalkulationen und \u00e4hnliches, ist vor allem dem merkw\u00fcrdigen Umstand zuzuschreiben, dass die falschen Entscheidungen und l\u00fcgenhaften Aussagen st\u00e4ndig im Widerspruch standen zu den erstaunlich genauen Tatsachenberichten des Geheimdienstes, wie sie in der Bantam-Ausgabe zitiert sind (der ersten amerikanischen Buchausgabe der Papiere). Entscheidend ist hier nicht nur, dass die planm\u00e4\u00dfigen L\u00fcgen kaum je f\u00fcr den Feind bestimmt waren (das ist einer der Gr\u00fcn-de, weshalb die Papiere keinerlei milit\u00e4rische Geheimnisse enthalten, die unter das Spionagegesetz fallen k\u00f6nnten), sondern in erster Linie, wenn nicht ausschlie\u00dflich f\u00fcr den Hausgebrauch: f\u00fcr die Propaganda im Innern und zumal zur T\u00e4uschung des Kongresses. Der Tonking-Zwischenfall, bei dem der Feind alle, der Ausw\u00e4rtige Ausschuss, des Senats aber keinerlei Tatsachen kannte, ist daf\u00fcr ein schlagendes Beispiel.<\/p>\n<p>Noch bedeutsamer ist, dass fast alle Entscheidungen bei diesem katastrophalen Unternehmen in voller Kenntnis der Tatsache getroffen wurden, dass sie wahrscheinlich undurchf\u00fchrbar waren; deshalb mussten die Ziele dauernd gewechselt werden. Da gab es zun\u00e4chst die \u00f6ffentlich verk\u00fcndeten Ziele: &#132;.., daf\u00fcr sorgen, dass das Volk von S\u00fcdvietnam \u00fcber seine Zukunft entscheiden darf`, oder: &#132;dem Lande helfen, damit es seinen Kampf gegen die &#8230; kommunistische Verschw\u00f6rung gewinnen kann` ; oder es war die Re-de von der Eind\u00e4mmung Chinas und dass der Domino-Effekt vermieden oder Amerikas Ruf als &#132;kontersubversiver Garant&#148; gesch\u00fctzt werden m\u00fcsse. Unl\u00e4ngst hat Rusk [Dean Rusk, 1961-1969 Au\u00dfenminister; d. Red.] diese Ziele noch um ein weiteres erg\u00e4nzt: Es sollte ein Dritter Weltkrieg verhindert werden, obwohl das anscheinend nicht in den Pentagon-Papieren vorkommt und in dem uns bekannten Verlauf keine Rolle gespielt hat. [&#8230;]<\/p>\n<p>Ab 1965 glaubte man immer weniger an einen eindeutigen Sieg; man strebte danach &#132;den Feind davon zu \u00fcberzeugen, dass er nicht siegen k\u00f6nne&#148; (Hervorhebung von mir). Da der Feind nicht zu \u00fcberzeugen war, deklarierte man als n\u00e4chstes Ziel, man wolle &#132;eine dem\u00fctigende Niederlage vermeiden&#148; &#150; als ob eine Niederlage im Kriege nichts als Dem\u00fctigung bedeutete. Die Pentagon-Papiere enth\u00fcllen vor allem die nagende Furcht vor den Folgen, die eine Niederlage nicht etwa f\u00fcr das Wohl der Nation, sondern &#132;f\u00fcr das Ansehen der Vereinigten Staaten und des Pr\u00e4sidenten&#148; haben w\u00fcrde. So war kurz zuvor w\u00e4hrend der vielen Debatten, ob der Einsatz von Bodentruppen gegen Nordvietnam ratsam sei, das wichtigste Argument nicht die Angst vor der Niederlage selber oder die Sorge um die Truppen im Falle eines Abzugs, sondern dies: &#132;Sind US-Truppen erst einmal eingesetzt, so wird es schwierig sein, sie abzuziehen &#8230;, ohne die Niederlage zuzugeben.&#148; (Hervorhebung von mir.) Schlie\u00dflich gab es noch das politische Ziel, &#132;der Welt zu zeigen, wie weit die Vereinigten Staaten f\u00fcr einen Freund zu gehen bereit sind&#148; und &#132;um Verpflichtungen nachzukommen&#148;.<\/p>\n<p>Alle diese Ziele existierten in einem wirren Neben- und Durcheinander, keines konnte die fr\u00fcheren verdr\u00e4ngen; denn jedes war f\u00fcr ein anderes ,Publikum` bestimmt, und f\u00fcr jedes musste ein neues ,Szenarium` geschaffen werden. [&#8230;]<\/p>\n<p>Der Endzweck waren weder Macht noch Profit. Es ging sogar nicht einmal um Einfluss in der Welt im Gefolge ganz bestimmter handfester Interessen, zu deren Durchsetzung man Prestige und Image der &#132;gr\u00f6\u00dften Weltmacht&#148; ben\u00f6tigte und zielbewusst ein-setzte. Das Ziel, das allen vorschwebte, war das Image selbst, wie man schon der dem Theater entlehnten Sprache der Problem-L\u00f6ser mit ihren ,Szenarien` und dem jeweils angesprochenen ,Publikum` entnehmen kann. Im Hinblick auf dieses Endziel verwandelten sich alle politischen Zielsetzungen in kurzfristig austauschbare Hilfsmittel; zuletzt, als alles auf eine Niederlage hindeutete, bestand das Ziel nicht mehr darin, die dem\u00fctigende Niederlage zu vermeiden, sondern Mittel und Wege zu finden, um ein Eingest\u00e4ndnis zu vermeiden und ,das Gesicht zu wahren&#8216;.<\/p>\n<p>Image-Pflege als Weltpolitik &#150; nicht Welteroberung, sondern Sieg in der Reklameschlacht um die Weltmeinung &#150; ist allerdings etwas Neues in dem wahrlich nicht kleinen Arsenal menschlicher Torheiten, von denen die Geschichte berichtet. Und dies war nicht Sache einer der drittrangigen Nationen, die mit Prahlerei sich gern f\u00fcr anderes entsch\u00e4digen; auch nicht einer der alten Kolonialm\u00e4chte, die durch den Zweiten Weltkrieg ihre fr\u00fchere Stellung eingeb\u00fc\u00dft haben und sich, wie das Frankreich de Gaulles, versucht f\u00fchlen mochten, durch Bluff ihre fr\u00fchere F\u00fchrungsstellung zur\u00fcckzugewinnen, sondern Sache der bei Kriegsende in der Tat ,f\u00fchrenden` Nation. Gew\u00e4hlte Machthaber, die den Organisatoren ihrer Wahlkampagnen so viel verdanken oder zu verdanken glauben, m\u00f6gen leicht der Ansicht sein, dass man mit Manipulationen die Volksmeinung lenken und die Welt beherrschen k\u00f6nne. (Wenn vor einiger Zeit der ,New Yorker&#8216; unter ,Note and Comment&#8216; berichtete, &#132;die Regierung Nixon-Agnew plane eine von Herb Klein, ihrem Public-Relations-Direktor, organisierte und geleitete Kampagne, um die ,Glaubw\u00fcrdigkeit` der Presse vor der Pr\u00e4sidentenwahl von 1972 zu zerst\u00f6ren&#148;, so entspricht das ganz dieser Public Relation-Mentalit\u00e4t.)<\/p>\n<p>\u00dcberraschend dagegen ist der Eifer, mit dem so viele ,Intellektuelle` diesem phantastischen Unternehmen zu Hilfe eilten. F\u00fcr Problem-L\u00f6ser, die darauf spezialisiert sind, jeden Tatbestand in Zahlen und Prozente zu \u00fcbersetzen und so berechenbar zu machen, ist es aber vielleicht nur nat\u00fcrlich, dass ihnen nie zu Bewusstsein kam, welch uns\u00e4gliches Elend ihre ,L\u00f6sungen` &#150; Befriedungs- und Umsiedlungsprogramme, Entlaubung, Napalm und Bomben &#150; f\u00fcr einen ,Freund` bedeuteten, der ,gerettet` werden musste, und f\u00fcr einen ,Feind`, der, bevor wir ihn angriffen, weder den Willen noch die Macht hatte, unser Feind zu sein. Da sie jedoch nicht an Sieg und Eroberung, sondern an die Weltmeinung dachten, ist es schon erstaunlich, dass anscheinend keiner von ihnen auf die Idee kam, die ,Welt` k\u00f6nnte Angst vor Amerikas Freundschaft und Verpflichtungen bekommen, wenn deren ganzes Ausma\u00df offenkundig w\u00fcrde. Weder die Wirklichkeit noch der gesunde Menschenverstand scheint die Problem-L\u00f6ser gest\u00f6rt, zu haben, als sie unerm\u00fcdlich ihre Szenarien f\u00fcr das jeweils in Frage kommende Publikum schrieben, um es psychologisch zu beeinflussen: &#132;die Kommunisten (die unter starken Druck gesetzt werden m\u00fcssen), die S\u00fcdvietnamesen (deren Moral Auftrieb bekommen muss), unsere Verb\u00fcndeten (die uns als ,B\u00fcrgen` trauen m\u00fcssen) und die amerikanische \u00d6ffentlichkeit (die den riskanten Einsatz von Prestige und Menschenleben der US unterst\u00fctzen muss)&#148;.<\/p>\n<p>[&#8230;] Das gr\u00f6\u00dfte und in der Tat fundamentale Fehlurteil bestand jedoch darin, dass man Krieg f\u00fchrte, um auf ein Publikum Eindruck zu machen, und dass man \u00fcber milit\u00e4rische Fragen unter &#132;politischen und Public-Relations-Gesichtspunkten&#148; entschied (wo-bei ,politisch` die Aussicht auf die n\u00e4chste Pr\u00e4sidentenwahl und ,Public Relations&#8216; das Image der USA in der Welt bedeuteten); in Betracht gezogen wurden nicht die wirklichen Risiken, sondern nur &#132;geeignete Reklametechniken, mit deren Hilfe man den Schock einer Niederlage auf ein Minimum zu reduzieren hoffte` ; zu diesem Zweck empfahl man neben &#132;Ablenkungs-,Offensiven&#8216; in anderen L\u00e4ndern der Welt auch ein ,Kampf gegen die Armut&#8216;-Programm f\u00fcr unterentwickelte Gebiete&#148;. McNaughton, dem Verfasser dieses Memorandums [John T. McNaughton, hoher Beamter im Verteidigungsministerium; d. Red.], zweifellos einem ungew\u00f6hnlich intelligenten Mann, kam nicht ein Augenblick der Gedanke, dass seine ,Ablenkungen`, anders als eine Ablenkung im Theater, schwerwiegende und v\u00f6llig unvorhersehbare Folgen haben w\u00fcrden; sie w\u00fcrden eben jene Welt ver\u00e4ndern, in der die Vereinigten Staaten agierten und ihren Krieg f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Diese Realit\u00e4tsferne ist es, die den Leser erschreckt, wenn er die Geduld hat, die Pentagon-Papiere bis zum Ende zu lesen. [&#8230;] Jedenfalls ist das Verh\u00e4ltnis oder vielmehr Nicht-Verh\u00e4ltnis zwischen Wirklichkeit und Entscheidung, zwischen den Geheimdiensten und den zivilen und milit\u00e4rischen Beh\u00f6rden vielleicht das bedeutsamste, bestimmt jedoch das am besten geh\u00fctete Geheimnis, das die Pentagon-Papiere enth\u00fcllt haben.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re interessant zu wissen, wie es den Geheimdiensten gelungen ist, in dieser ,Alice-im-Wunderland-Atmosph\u00e4re` der Wirklichkeit so nahe zu bleiben &#150; eine Atmosph\u00e4re, die die Papiere den seltsamen Machenschaften der Saigoner Regierung zu-schreiben, die aber, r\u00fcckblickend, eher jene ,entwirklichte` Welt zu charakterisieren scheint, in der politische Ziele aufgestellt und milit\u00e4rische Entscheidungen getroffen wurden. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die mit Tatsachenfindung betrauten Abteilungen der Geheimdienste hatten nichts mit den geheimen Operationen zu tun, soweit solche noch im Gange waren; das bedeutete, dass wenigstens sie nur f\u00fcr das Sammeln und Interpretieren von Informationen verantwortlich waren, nicht aber selber neue Tatbest\u00e4nde schufen. Sie mussten keine positiven Ergebnisse vorweisen und wurden von Washington nicht gedr\u00e4ngt, erfreuliche Berichte zu liefern, mit denen man die Maschine der Public Relations f\u00fcttern oder M\u00e4rchen \u00fcber &#132;stetigen Fortschritt, geradezu wundersame Verbesserungen jahrein, jahraus&#148; zusammenbrauen konnte. Sie waren relativ unabh\u00e4ngig, was dazu f\u00fchrte, dass sie die Wahrheit berichteten &#150; jahrein, jahraus. Anscheinend erz\u00e4hlten in diesen Geheimdiensten die Leute &#132;ihren Vorgesetzten (nicht) das, von dem sie glaubten, dass es diese zu h\u00f6ren w\u00fcnschten&#148;; auch hat offenbar kein Kommandeur seinen Agenten gesagt, was &#132;ein amerikanischer Divisionskommandeur einem seiner Bezirksberater sagte, der unbedingt \u00fcber immer noch vorhandene unbefriedete Vietkongd\u00f6rfer in seinem Gebiet berichten wollte: ,Mein Junge, hierzulande bewertet man unsere Leistungen nach unserem eigenen Zeugnis. Warum lassen Sie uns im Stich?&#8216;.&#148; Anscheinend waren die f\u00fcr die Auswertung des Nachrichtenmaterials Verantwortlichen von den Problem-L\u00f6sern und deren Verachtung f\u00fcr Tatsachen und das Zuf\u00e4llige solcher Tatsachen meilenweit entfernt. Der Preis, den sie f\u00fcr diese objektiven Vorz\u00fcge zahlten, bestand darin, dass ihre Berichte ohne jeden Einfluss auf die Entscheidungen und Vorschl\u00e4ge des Nationalen Sicherheitsrates blieben. [&#8230;]<\/p>\n<h5><span id=\"iii\">III<\/span><\/h5>\n<p>Zwischen den Tatsachen, die von den Geheimdiensten ermittelt wurden &#150; manchmal (so vor allem im Fall McNamaras) von den zur Entscheidung Berufenen selber, und zumeist der informierten \u00d6ffentlichkeit bekannt &#150;, und den Pr\u00e4missen, Theorien und Hypothesen, aufgrund derer schlie\u00dflich Entscheidungen getroffen wurden, klaffte ein Abgrund. Das Ausma\u00df unserer Fehlschl\u00e4ge und Katastrophen in all diesen Jahren kann man nur begreifen, wenn man diese Diskrepanz stets vor Augen hat. [&#8230;]<\/p>\n<p>Das wirft einiges Licht auf die Gefahren \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Geheimhaltung: nicht nur wird dem Volk und seinen gew\u00e4hlten Vertretern Zugang zu dem verwehrt, was sie wissen m\u00fcssen, um sich eine Meinung zu bilden und Entscheidungen zu treffen; auch die Handelnden selber, die zu allem Zugang erhalten, damit sie sich \u00fcber alle wesentlichen Tatsachen informieren k\u00f6nnen, bleiben in seliger Ahnungslosigkeit befangen. Das aber nicht etwa, weil eine unsichtbare Hand sie absichtlich irref\u00fchrte, sondern weil sie ihre Arbeit unter Umst\u00e4nden und mit Denkgewohnheiten verrichten, bei denen sie weder Zeit noch Lust haben, sich auf die Suche nach den einschl\u00e4gigen Tatsachen in Bergen von Dokumenten zu machen, von denen 99,5 Prozent \u00fcberhaupt nicht f\u00fcr geheim erkl\u00e4rt werden sollten und die gr\u00f6\u00dftenteils praktisch wertlos sind. Selbst heute, da die Presse einen gewissen Teil dieser geheimen Dokumente der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht hat und die Mitglieder des Kongresses die ganze Studie erhalten haben, sieht es nicht so aus, als h\u00e4tten diejenigen, die diese Information am dringendsten brauchen, sie \u00fcberhaupt gelesen oder als w\u00fcrden sie das jemals tun. Auf jeden Fall steht fest, da\u00df, abgesehen von den Autoren selber, &#132;die Leute, die diese Dokumente in der ,[New York] Times&#8216; gelesen haben, die ersten waren, die sie studiert haben&#148; (Tom Wicker); was einem die liebgewordene Vorstellung fragw\u00fcrdig erscheinen l\u00e4sst, dass die Regierung zumindest in der Au\u00dfenpolitik der arcana imperii ben\u00f6tige, um funktionsf\u00e4hig zu bleiben.<\/p>\n<p>Wenn die Staatsgeheimnisse die K\u00f6pfe der Akteure selber so vernebelt haben, dass sie die Wahrheit hinter ihren T\u00e4uschungsman\u00f6vern und ihren L\u00fcgen nicht mehr erkennen oder sich an sie erinnern, dann wird das ganze T\u00e4uschungsvorhaben, wie gut auch immer seine &#132;Marathon-Informationskampagnen&#148; (Rusk) und wie raffiniert ihre Reklamemethoden sein m\u00f6gen, scheitern oder das Gegenteil bewirken, d.h. es wird die Leute verwirren, ohne sie zu \u00fcberzeugen. Das Missliche am L\u00fcgen und Betr\u00fcgen ist n\u00e4mlich, dass die Wirkung ganz davon abh\u00e4ngt, dass der L\u00fcgner und Betr\u00fcger eine klare Vorstellung von der Wahrheit hat, die er verbergen m\u00f6chte. In diesem Sinne ist die Wahrheit, auch wenn sie sich in der \u00d6ffentlichkeit nicht durchsetzt, allen Unwahrheiten unweigerlich \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Im Falle von Vietnam haben wir es neben Unwahrheiten und Verwirrung mit einer wahrhaft verbl\u00fcffenden und durchaus ehrlichen Unkenntnis des wichtigen geschichtlichen Hintergrundes zu tun: die eigentlichen Akteure scheinen nicht nur nichts \u00fcber die wohlbekannten Tatsachen der chinesischen Revolution und \u00fcber den ihr vorausgehen-den jahrzehntealten Konflikt zwischen Moskau und Peking zu wissen. &#132;Niemand an der Spitze wusste oder hielt es f\u00fcr wichtig, dass die Vietnamesen seit beinahe 2000 Jahren gegen ausl\u00e4ndische Eindringlinge gek\u00e4mpft haben&#148;, und dass die Vorstellung von der &#132;winzigen r\u00fcckst\u00e4ndigen Nation&#148;, die f\u00fcr &#132;zivilisierte&#148; Nationen uninteressant ist &#150; leider sind auch die Kritiker des Krieges h\u00e4ufig dieser Ansicht &#150;, in schreiendem Widerspruch zu der sehr alten und hochstehenden Kultur dieses Gebietes steht. [&#8230;] Die Ursache der katastrophalen Niederlage der Politik und der milit\u00e4rischen Intervention Amerikas war wirklich kein ,Morast` (&#132;die Methode des ,nur noch einen Schritt&#8216; &#150; wobei jeder neue Schritt stets den Erfolg verhei\u00dft, den der vorausgegangene letzte Schritt eben-falls verhei\u00dfen, aber unerkl\u00e4rlicherweise nicht gebracht hatte&#8220;, wie Arthur Schlesinger jr. [1961-1963 Sonderberater von Pr\u00e4sident Kennedy; d. Red.] schreibt, den Daniel Ellsberg zitiert, wobei er diese Vorstellung mit Recht als &#132;Mythos&#148; abtut); die Ursache war vielmehr die eigensinnig festgehaltene prinzipielle Mi\u00dfachtung aller historischen, politischen und geographischen Tatsachen mehr als f\u00fcnfundzwanzig Jahre lang.<\/p>\n<h5><span id=\"iv\">IV<\/span><\/h5>\n<p>Wenn das Bild vom Morast ein Mythos ist; wenn sich weder grandiose strategische Entw\u00fcrfe imperialistischer Art noch ein Wille zur Weltherrschaft entdecken lassen, ganz zu schweigen von einem Interesse an Gebietszuwachs, von Profitgier oder gar von Sorge um die nationale Sicherheit; wenn zudem der Leser keine Neigung versp\u00fcrt, sich mit so allgemeinen Begriffen wie &#132;griechische Trag\u00f6die&#148; (Max Frankel und Leslie H. Gelb) oder mit Dolchsto\u00dflegenden zufriedenzugeben &#150;: dann wird &#150; eher als L\u00fcge und Irref\u00fchrung an sich &#150; die unl\u00e4ngst von Ellsberg aufgeworfene Frage &#132;Wie konnten sie nur?&#148; zum Kernproblem dieser trostlosen Geschichte. Schlie\u00dflich ist es ja nur zu wahr, dass die Vereinigten Staaten am Ende des Zweiten Weltkrieges das reichste Land und die dominierende Macht waren, w\u00e4hrend heute, nur ein Vierteljahrhundert sp\u00e4ter, Mr. Nixons Bild von dem &#132;j\u00e4mmerlichen, hilflosen Riesen&#148; eine unangenehm treffende Schilderung des &#132;m\u00e4chtigsten Landes auf Erden&#148; ist. [&#8230;]<\/p>\n<p>Als erste Antwort auf die Frage &#132;Wie konnten sie nur?&#148; wird einem vermutlich der bekannte Zusammenhang zwischen T\u00e4uschung und Selbstt\u00e4uschung in den Sinn kommen. Im Widerstreit zwischen den stets \u00fcber optimistischen \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rungen und den d\u00fcsteren und unheilschwangeren, aber wirklichkeitsnahen Berichten der Geheimdienste mussten die \u00f6ffentlichen Erkl\u00e4rungen wahrscheinlich einfach deshalb die Oberhand gewinnen, weil sie \u00f6ffentlich waren. Der gro\u00dfe Vorteil, den \u00f6ffentlich verk\u00fcndete und akzeptierte Aussagen gegen\u00fcber allem haben, was ein einzelner insgeheim als Wahrheit kennt oder zu kennen glaubt, wird durch eine Anekdote aus dem Mittelalter treffend illustriert: Eine Schildwache auf Posten, die die Bewohner der Stadt vor herannahenden Feinden warnen sollte, schlug aus Spa\u00df blinden Alarm und eilte dann selbst als letzte zu den Mauern, um die Stadt gegen die von ihr erfundenen Feinde zu verteidigen. Was den Schluss nahelegt, dass, je erfolgreicher einer l\u00fcgt und je mehr Menschen er \u00fcberzeugt, desto mehr Aussicht besteht, dass er am Ende an seine eigenen L\u00fcgen glaubt.<\/p>\n<p>Bei der Lekt\u00fcre der Pentagon-Papiere sto\u00dfen wir auf Leute, die ihr \u00c4u\u00dferstes taten, um die Menschen zu \u00fcberzeugen, d.h. sie zu manipulieren; da sie dies aber in einem freien Lande versuchten, wo Informationen aller Art zur Verf\u00fcgung standen, hatten sie niemals wirklich Erfolg. Dank ihrem relativ hohen Rang und ihrer Stellung in der Regierung waren sie &#150; trotz aller privilegierten Kenntnis von ,Staatsgeheimnissen` &#150; gegen die Tatsachenberichte der Presse, die mehr oder minder der Wahrheit entsprachen, besser ,gesch\u00fctzt` als jene, die sie zu \u00fcberzeugen versuchten und die sie sich vermutlich als blo\u00dfes ,Publikum` vorstellten, als Nixons ,schweigende Mehrheit&#8216;, die akzeptiert, was immer die Regisseure ihnen vorsetzen. A\u00df die Pentagon-Papiere kaum eine spektakul\u00e4re Neuigkeit enth\u00fcllt haben, macht deutlich, wie sehr es den L\u00fcgnern misslungen ist, sich eine \u00fcberzeugte Zuh\u00f6rerschaft zu schaffen, der sie sich dann selber h\u00e4tten anschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dennoch ist der Vorgang, den Ellsberg die &#132;innere Selbstt\u00e4uschung&#148; genannt hat, nicht zu bezweifeln, aber es sieht so aus, als sei der normale Prozess der Selbstt\u00e4uschung umgekehrt verlaufen; es war nicht so, dass es mit T\u00e4uschung begann und mit Selbstt\u00e4uschung endete. Die Betr\u00fcger fingen mit Selbstbetrug an. Wohl dank ihrer hohen Position und ihrer erstaunlichen Selbstsicherheit waren sie von ihrem \u00fcberw\u00e4ltigenden Erfolg &#150; nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Feld der Public Relations &#150; so \u00fcberzeugt und der Richtigkeit ihrer psychologischen Theorien \u00fcber die Manipulierbarkeit von Menschen so sicher, dass sie an ihrer eigenen Glaubw\u00fcrdigkeit niemals zweifelten und ihren Sieg im Kampf um die Volksmeinung im voraus f\u00fcr gegeben hielten. Und da sie ohnehin in einer von Tatsachen unbehelligten Welt lebten, fiel es ihnen nicht schwer, der Tatsache, dass ihr Publikum sich nicht \u00fcberzeugen lassen wollte, eben sowenig Aufmerksamkeit zu schenken wie anderen Tatsachen.<\/p>\n<p>Die interne Welt der Regierung mit ihrer B\u00fcrokratie auf der einen, ihrem gesellschaftlichen Leben auf der anderen Seite, machte die Selbstt\u00e4uschung relativ einfach. Kein Elfenbeinturm der Gelehrten eignete sich besser dazu, Tatsachen vollst\u00e4ndig zu ignorieren, als die verschiedenen ,Denkfabriken` f\u00fcr die Probleml\u00f6ser und das Ansehen des Wei\u00dfen Hauses f\u00fcr die Berater des Pr\u00e4sidenten. In dieser Atmosph\u00e4re, wo man eine Niederlage weniger f\u00fcrchtete als ihr Eingest\u00e4ndnis, wurden die irref\u00fchrenden Erkl\u00e4rungen \u00fcber die schweren R\u00fcckschl\u00e4ge der Tet-Offensive und die Invasion in Kambodscha zusammengebraut. Entscheidend war dabei, dass in diesen internen Kreisen, aber nirgendwo sonst, die Wirklichkeit in Vietnam nur zu leicht von reinen Prestigefragen, wie der Sorge, &#132;der erste amerikanische Pr\u00e4sident zu sein, der einen Krieg verliert&#148;, und nat\u00fcrlich von der st\u00e4ndigen Furcht vor den n\u00e4chsten Wahlen zugedeckt werden konnte.<\/p>\n<p>Denkt man aber an die Problem-L\u00f6ser im Unterschied zu den Public Relations-Experten, so ist &#132;innere Selbstt\u00e4uschung&#148; keine befriedigende Antwort auf die Frage: &#132;Wie konnten sie nur?&#148; Selbstt\u00e4uschung setzt immer noch die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Unwahrheit, zwischen Tatsachen und Erfindungen und damit einen Konflikt zwischen der Wirklichkeit und dem betrogenen Betr\u00fcger voraus, zu dem es jedoch in einem vollst\u00e4ndig entwirklichten Denken gar nicht mehr kommt. Washington mit seiner riesigen Beamtenb\u00fcrokratie ebenso wie die verschiedenen ,Denkfabriken` im Lande, welche im Auftrag dieser B\u00fcrokratie arbeiten, bieten den Problem-L\u00f6sern eine gleichsam nat\u00fcrliche Heimat, in der sie mit der Wirklichkeit nie in Konflikt zu geraten brauchen. Im Bereich der Politik, wo Geheimhaltung und bewusste T\u00e4uschung stets eine gro\u00dfe Rolle gespielt haben, ist Selbstbetrug die Gefahr par excellence; der Mann, der auf seine eigenen L\u00fcgen hereinf\u00e4llt, verliert jeden Kontakt nicht nur zu seinem Publikum, sondern zu der wirklichen Welt, die sich an ihm r\u00e4chen wird, da er sich aus ihr ja nur heraus denken kann. Die Problem-L\u00f6ser aber lebten in einer scheinbar wirklichen Welt; f\u00fcr sie waren die ihnen von den Geheimdiensten gelieferten Tatsachen unwirklich, und sie brauchten sich nur an ihre Verfahren zu halten, also die verschiedenen Methoden, mit denen substantiell Wirkliches in Quantit\u00e4t und Zahlen verwandelt wird, mit denen man Ergebnisse errechnen kann, die dann auf unerkl\u00e4rliche Weise die Probleme doch nicht l\u00f6sten; mit dem Rechnen waren sie nat\u00fcrlich voll besch\u00e4ftigt, jedenfalls viel zu besch\u00e4ftigt, um das, was ihnen an Tatsachen geliefert wurde, wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Der Grund, weshalb dies so viele Jahre funktionieren konnte, war eben, dass &#132;die von den Vereinigten Staaten verfolgten Ziele fast ausschlie\u00dflich psychologischer Art waren&#148;, also ebenfalls nichts eigentlich Tats\u00e4chliches, sondern Bewusstseinszust\u00e4nde, die sich schwer feststellen lassen. [&#8230;]<\/p>\n<p>Es ist n\u00e4mlich nur zu wahr, dass die amerikanische Politik keine wirklichen &#150; guten oder schlechten &#150; Ziele verfolgte, welche diese pseudo- mathematischen Spielereien h\u00e4tten einschr\u00e4nken und kontrollieren k\u00f6nnen: &#132;Weder territoriale noch wirtschaftliche Gewinne wurden in Vietnam angestrebt. Der ganze Zweck des ungeheuren und kostspieligen Einsatzes bestand darin, eine bestimmte Geistesverfassung zu erzeugen.&#148; Den Grund aber, warum so unm\u00e4\u00dfig kostspielige Mittel, so viele Menschenleben und so viele Milliarden Dollar f\u00fcr politisch belanglose Zwecke eingesetzt wurden, darf man nicht nur in dem unheilvollen \u00dcberfluss jener Jahre suchen, sondern auch in Amerikas Unf\u00e4higkeit zu begreifen, dass auch gro\u00dfer Reichtum nicht unbegrenzt ist und es unbegrenzte Macht nicht gibt. Hinter der immer wiederholten Phrase von der &#132;st\u00e4rksten Macht auf Erden&#148; lauerte der gef\u00e4hrliche Mythos der Allmacht. [&#8230;]<\/p>\n<p>Dieses t\u00f6dliche Amalgam von &#132;Machtarroganz&#148;, wie Senator Fulbright [James W. Fulbright, 1959-1974 Vorsitzender des au\u00dfenpolitischen Ausschusses im Senat; d. Red] es genannt hat (das hei\u00dft nicht der Drang zur Weltherrschaft, sondern das Verlangen, so auftreten zu d\u00fcrfen, als ob man sie bereits h\u00e4tte, ohne doch \u00fcber die Mittel zu verf\u00fcgen, dies durchzusetzen), mit der rein intellektuellen Arroganz von professionellen Problem-L\u00f6sern und ihrem v\u00f6llig irrationalen Vertrauen in die Berechenbarkeit der Wirklichkeit, bestimmte seit Beginn der Eskalation im Jahre 1964 die au\u00dfenpolitischen Entscheidungen des Landes. Was aber nicht hei\u00dfen soll, da\u00df die Problem-L\u00f6ser mit ihren streng ,wissenschaftlichen` Methoden, der Wirklichkeit beizukommen und sie zu entwirklichen, die eigentlichen Urheber dieser selbstzerst\u00f6rerischen Politik gewesen sind.<\/p>\n<p>Die Vorl\u00e4ufer der Problem-L\u00f6ser, die den Verstand verloren, weil sie der Rechen-kraft ihrer Gehirne mehr trauten als der Urteilskraft und der F\u00e4higkeit, Erfahrungen zu machen und daraus zu lernen, waren die Ideologen aus der Zeit des Kalten Krieges. Der Antikommunismus als Ideologie &#150; nicht Amerikas alte, h\u00e4ufig von Vorurteilen bestimmte Feindseligkeit gegen Sozialismus und Kommunismus, die in den zwanziger Jahren so stark war und unter Roosevelt immer noch eine der Hauptst\u00fctzen der Republikanischen Partei bildete &#150; stammt urspr\u00fcnglich von ehemaligen Kommunisten, die eine neue Ideologie ben\u00f6tigten, mit der sie den Verlauf der Geschichte erkl\u00e4ren und sicher voraussagen konnten. Diese Ideologie wurde mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die f\u00fchrende au\u00dfenpolitische ,Theorie` in Washington. Ich erw\u00e4hnte bereits, in welchem Ausma\u00df die schiere Unkenntnis aller einschl\u00e4gigen Tatsachen und die v\u00f6llige Missachtung aller Nachkriegsentwicklungen f\u00fcr die \u00dcberlegungen in Washington bezeichnend wurden. Man brauchte hier weder Informationen noch Fakten; man hatte hier eine ,Theorie`, und was in sie nicht passte, leugnete oder ignorierte man.<\/p>\n<p>Die Methoden der \u00e4lteren Generation &#150; also die Methoden von Rusk im Gegensatz zu denen von McNamara &#150; waren weniger kompliziert, sozusagen weniger intellektuell als die der Problem-L\u00f6ser, doch schirmten sie nicht weniger wirksam gegen die Wirklichkeit ab und ruinierten die Urteils- und Lernf\u00e4higkeit in gleicher Weise. Die \u00c4lteren waren stolz darauf, aus der Vergangenheit gelernt zu haben: aus Stalins Herrschaft \u00fcber alle kommunistischen Parteien &#150; daher die Vorstellung vom &#132;monolithischen Kommunismus&#148;; und aus dem Umstand, dass Hitler nach M\u00fcnchen einen Krieg begonnen hatte, schlossen sie, dass jede vers\u00f6hnliche Geste ein ,zweites M\u00fcnchen&#8216; sei. Sie waren au\u00dferstande, sich der Wirklichkeit als solcher zu stellen, weil sie immer irgendeine Analogie vor Augen hatten, die ihnen ,half`, die Wirklichkeit zu verstehen. Als Johnson &#150; damals noch Kennedys Vizepr\u00e4sident &#150; von einer Inspektionsreise durch S\u00fcdvietnam heim-kehrte und munter berichtete, Diem [Ngo Dinh Diem, 1955-1963 s\u00fcdvietnamesischer Pr\u00e4sident; d. Red.] sei &#132;der asiatische Churchill&#148;, h\u00e4tte man annehmen k\u00f6nnen, da\u00df das Spiel mit Analogien an reiner Absurdit\u00e4t zugrunde gehen w\u00fcrde; was keineswegs der Fall war. Man kann auch nicht sagen, dass die ausgesprochen linken Kritiker des Krieges in anderen Begriffen dachten. Diese extreme Gruppe hatte die fatale Neigung, alles, was ihnen &#150; h\u00e4ufig ganz zu Recht &#150; mi\u00dffiel, als ,faschistisch` oder ,nazistisch` zu beschimpfen und jedes Gemetzel V\u00f6lkermord zu nennen, was in Vietnam offensichtlich nicht zutraf, da trotz aller Opfer die Bev\u00f6lkerung zunahm. Das konnte nur eine Mentalit\u00e4t erzeugen, die sich gew\u00f6hnte, Gemetzel und andere Kriegsverbrechen zu \u00fcbersehen, so-lange es sich nicht um V\u00f6lkermord handelte.<\/p>\n<p>Die Probleml\u00f6ser waren von den S\u00fcnden der Ideologen bemerkenswert frei; sie glaubten an Methoden, nicht an Weltanschauungen. Deshalb konnte man ihnen auch zutrauen, &#132;eine Zusammenstellung der Dokumente des Pentagons \u00fcber Amerikas Engagement&#148; zu liefern, die &#132;umfassend und objektiv&#148; war. Obwohl sie aber an so allgemein akzeptierte politische Rechtfertigungen wie die Dominotheorie nicht glaubten, erzeugten doch diese Theorien mit ihren verschiedenen Methoden der ,entwirklichung` die Atmosph\u00e4re, in der sich auch die Problem-L\u00f6ser mit ihrer Arbeit bewegten. Schlie\u00dflich mussten sie ja die Kalten Krieger \u00fcberzeugen, deren K\u00f6pfe, wie sich dann zeigte, auf die Denkspiele, die jene zu bieten hatten, hervorragend vorbereitet waren. [&#8230;]<\/p>\n<p>Nun fehlt es zwar dieser vor allem in der Psychologie und Soziologie grassierenden Unf\u00e4higkeit, zwischen einleuchtenden Hypothesen und Tatsachen zu unterscheiden (so dass unbewiesene Theorien sich unter der Hand in ,Tatsachen` verwandeln), durchaus an der so faszinierenden Methoden strenge, der sich die Spieltheoretiker und Systemanalytiker beflei\u00dfigen; aber die Wurzel ist doch dieselbe &#150; beide entspringen einer Verachtung der Erfahrung, der Unf\u00e4higkeit oder mangelnden Bereitschaft, die Wirklichkeit zu befragen, aus ihr zu lernen und so zu relativ vern\u00fcnftigen und relativ stimmigen Erfahrungsurteilen zu kommen.<\/p>\n<p>Damit kommen wir zum Kern der Angelegenheit und k\u00f6nnen zumindest teilweise eine Antwort auf die Frage geben: Wie konnte man nur diese Politik nicht nur einleiten, sondern bis zum bitteren und absurden Ende verfolgen? ,Entwirklichung` und Probleml\u00f6serei waren erw\u00fcnscht, weil Mi\u00dfachtung der Wirklichkeit dieser Politik und ihren Zielen inh\u00e4rent war. Was brauchten sie denn \u00fcber Indochina, wie es wirklich war, zu wissen, wenn es nicht mehr war als ein ,Testfall` oder ein Dominostein, ein Mittel zur ,Eind\u00e4mmung Chinas&#8216; oder zur Demonstration der Existenz der m\u00e4chtigsten unter den Superm\u00e4chten diente? Oder nehmen wir die Bombardierung Nordvietnams mit dem Hintergedanken, die Moral in S\u00fcdvietnam zu st\u00e4rken, ohne dass man wirklich die Absicht hatte, einen klaren Sieg zu erringen und den Krieg zu beenden. Wie konnte man an etwas so Realem wie einem Sieg interessiert sein, wenn man den Krieg weder um territorialer Gewinne noch um wirtschaftlicher Vorteile willen fortf\u00fchrte, schon gar nicht um einem Freund zu helfen oder eine Verpflichtung einzul\u00f6sen, ja nicht einmal f\u00fcr die Realit\u00e4t der Macht (im Gegensatz zu deren blo\u00dfem Image)?<\/p>\n<p>Als man dieses Stadium des Spiels erreicht hatte, wandelte sich die in der Dominotheorie beschlossene urspr\u00fcngliche Pr\u00e4misse &#132;Es kommt auf das Land gar nicht an&#148; zu einem &#132;Es kommt auf den Feind gar nicht an&#148;. Und das mitten im Kriege! Die Folge war, dass der Feind &#150; arm, misshandelt und leidend &#150; st\u00e4rker wurde, w\u00e4hrend das &#132;m\u00e4chtigste Land&#148; von Jahr zu Jahr schw\u00e4cher wurde. Heute gibt es Historiker, die behaupten, Truman habe die Bombe auf Hiroshima abwerfen lassen, um die Russen aus Osteuropa zu verjagen (mit dem bekannten Ergebnis!). Wenn das stimmt, was sehr wohl m\u00f6glich ist, dann k\u00f6nnen wir die ersten Anf\u00e4nge dieser Mi\u00dfachtung der wirklichen Folgen einer Handlung, weil man irgendein Fernziel hat, bis zu jenem verh\u00e4ngnisvollen Kriegsverbrechen zur\u00fcckverfolgen, das den letzten Weltkrieg beendete.<\/p>\n<h5><span id=\"v\">V<\/span><\/h5>\n<p>Zu Beginn dieser Untersuchung habe ich angedeutet, dass die von mir ausgew\u00e4hlten Aspekte der Pentagon-Papiere &#150; T\u00e4uschung, Selbstt\u00e4uschung, Image-Pflege, Ideologisierung und ,Entwirklichung` &#150; keineswegs die einzigen Perspektiven sind, unter denen man sie sehen und aus ihnen lernen kann. Da ist zum Beispiel das Faktum, dass dieses gewaltige und systematische Unternehmen einer kritischen Selbstpr\u00fcfung von einem der Hauptakteure in der Regierung in Auftrag gegeben wurde; dass man, um die Dokumente zusammenzustellen und die Analysen zu schreiben, sechsunddrei\u00dfig Leute auftreiben konnte, von denen eine ganze Reihe &#132;mitgeholfen hatte, die Politik, die sie beurteilen sollten, zu initiieren oder auszuf\u00fchren` ; dass einer von ihnen, als deutlich geworden war, dass niemand in der Regierung bereit war, die Ergebnisse zu verwenden oder auch nur zu lesen, sich an die \u00d6ffentlichkeit wandte und die Sache in die Presse sickern lie\u00df; und dass schlie\u00dflich die angesehensten Zeitungen im Lande es wagten, einem Material, das den Stempel ,top secret&#8216; trug, die weitest m\u00f6gliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mit Recht hat Neil Sheehan gesagt, dass Robert McNamaras Entscheidung, herauszufinden, warum alles schief ging, &#132;sich vielleicht als eine der wichtigsten Entscheidungen in seinen sieben Jahren im Pentagon erweisen mag&#148;. Sie stellte, zumindest f\u00fcr einen fl\u00fcchtigen Augen-blick, das Ansehen dieses Landes in der Welt wieder her. Was jetzt geschehen war, h\u00e4tte wohl wirklich kaum anderswo in der Welt geschehen k\u00f6nnen. Es war, als ob alle diese Leute, die in einen ungerechten Krieg verwickelt und von ihm mit Recht kompromittiert waren, sich pl\u00f6tzlich daran erinnerten, was sie ihren Vorfahren schuldig waren und &#132;der Achtung&#148;, die im Sinne der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung &#132;dies Land den Ansichten der Menschheit&#148; schuldet.<\/p>\n<p>Da ist ferner die h\u00e4ufig erw\u00e4hnte Tatsache, die einer genauen und eingehenden Untersuchung bedarf &#150; dass die Pentagon-Papiere nur wenige wichtige Neuigkeiten enth\u00fcllten, die dem Leser von Tageszeitungen und Wochenzeitschriften nicht zur Verf\u00fcgung standen; dass \u00fcberdies keine Argumente f\u00fcr oder wider in der &#132;Geschichte des amerikanischen Entscheidungsprozesses in der Vietnam-Politik&#148; &#150; so der amtliche Titel des Berichts &#150; sich finden, die nicht seit Jahren \u00f6ffentlich in Zeitschriften, im Fernsehen und in Rundfunksendungen diskutiert worden sind. (Abgesehen von pers\u00f6nlichen Standpunkten und deren Wandlungen, waren nur die v\u00f6llig abweichenden Ansichten der Geheimdienste durchweg unbekannt.) Da\u00df die \u00d6ffentlichkeit seit Jahren Zugang zu einem Material hatte, das die Regierung ihr vergeblich vorzuenthalten versuchte, beweist die Unbestechlichkeit und die Macht der Presse noch nachdr\u00fccklicher als die Art, wie die ,[New York] Times&#8216; die Geschichte dann herausgebracht hat. Was man lange angenommen hatte, steht jetzt fest: Solange die Presse frei und nicht korrupt ist, hat sie eine ungeheuer wichtige Aufgabe zu erf\u00fcllen und kann mit Recht die vierte \u00f6ffentliche Gewalt genannt werden. Eine andere Frage ist es, ob der Erste Zusatzartikel zur Verfassung ausreichen wird, um diese wesentlichste politische Freiheit zu sch\u00fctzen: das Recht auf nicht manipulierte Tatsacheninformation, ohne welche die ganze Meinungsfreiheit zu einem entsetzlichen Schwindel wird.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich k\u00f6nnen daraus diejenigen etwas lernen, die, wie ich selber, glaubten, dass Amerika sich auf eine imperialistische Politik eingelassen, seine alte anti koloniale Einstellung vergessen habe und vielleicht mit Erfolg daran gehe, die von Kennedy verurteilte Pax Americana zu etablieren. Was immer dieser Verdacht wert sein mag, der sich durch unsere Politik in Lateinamerika wohl rechtfertigen lie\u00dfe: falls unerkl\u00e4rte Kriege &#150; aggressive Kleinkriege in fernen L\u00e4ndern &#150; notwendige Mittel sind, um imperialistische Ziele zu erreichen, dann werden die Vereinigten Staaten weniger als fast jede andere Gro\u00dfmacht imstande sein, erfolgreich imperialistische Politik zu treiben. Denn wenn auch die Demoralisierung der amerikanischen Truppen jetzt ein beispielloses Ausma\u00df erreicht hat &#150; dem ,Spiegel` zufolge gab es allein im Jahre 1970 89.088 Deserteure, 100.000 Wehrdienstverweigerer und Zehntausende von Rauschgifts\u00fcchtigen &#150;, so hat der Aufl\u00f6sungsprozess in der Armee doch schon viel fr\u00fcher begonnen; ihm vorausgegangen war eine \u00e4hnliche Entwicklung w\u00e4hrend des Krieges in Korea.<\/p>\n<p>Man braucht nur mit ein paar heimkehrenden Veteranen dieses Krieges zu sprechen &#150; oder Daniel Langs n\u00fcchternen und aufschlussreichen Bericht im ,New Yorker&#8216; \u00fcber die Entwicklung eines ziemlich typischen Falles zu lesen &#150;, um zu begreifen, dass ein entscheidender Wandel des amerikanischen ,Nationalcharakters` erforderlich w\u00e4re, bevor dieses Land sich auf eine aggressive Abenteuer-Politik mit Erfolg einlassen k\u00f6nnte. Zu demselben Schluss k\u00e4me man nat\u00fcrlich auch, wenn man an die ungew\u00f6hnlich starke, hochqualifizierte und gut organisierte Opposition denkt, die sich immer wieder geltend gemacht hat. Die Nordvietnamesen, die diese Entwicklung im Laufe der Jahre sorgf\u00e4ltig beobachtet haben, hatten stets ihre Hoffnung darauf gesetzt, und es scheint, dass ihre Beurteilung zutreffend war.<\/p>\n<p>Zweifellos kann sich das alles \u00e4ndern. Eines aber ist in den letzten Monaten deutlich geworden: die halbherzigen Versuche der Regierung, verfassungsm\u00e4\u00dfige Garantien zu umgehen und diejenigen einzusch\u00fcchtern, die entschlossen sind, sich nicht einsch\u00fcchtern zu lassen, und lieber ins Gef\u00e4ngnis gehen w\u00fcrden als zusehen, wie ihre Rechte und Freiheiten immer weiter beschnitten werden &#150; diese Versuche reichen nicht aus und werden wahrscheinlich auch in absehbarer Zukunft nicht ausreichen, um die Republik zu zerst\u00f6ren. Es besteht Grund daf\u00fcr, mit Daniel Langs Veteran &#150; einem von zweieinhalb Millionen &#150; zu hoffen, &#132;dass unser Land infolge des Krieges die bessere Seite seines Wesens wiedergewinnen wird. ,Ich wei\u00df, dass man darauf nicht bauen kann&#8216;, sagte er, , aber etwas anderes will mir nicht in den Sinn kommen.&#148;<\/p>\n<p>\u00a9 Piper Verlag GmbH, M\u00fcnchen 1978.<\/p>\n<p>* Anm. d. Redaktion: Hannah Arendts Aufsatz Die L\u00fcge in der Politik erschien erstmals unter dem Titel Lying in Politics in The New York Review of Books vom 18. November 1971. Der auszugsweise Abdruck folgt der deutschen Bucherstver\u00f6ffentlichung in Hannah Arendt: Wahrheit und L\u00fcge in der Politik. Zwei Essays, M\u00fcnchen 1972, S. 7-43. Ungek\u00fcrzt zuletzt in Hannah Arendt: In der Gegenwart. \u00dcbungen im politischen Denken, M\u00fcnchen 2000, S. 322-353. &#150; Die durch eckige Klammern gekennzeichneten K\u00fcrzungen betreffen haupts\u00e4chlich Passagen, die sich detailliert mit der amerikanischen Politik in Vietnam und deren Vorgeschichte besch\u00e4ftigen (vor allem in Ab-schnitt III). Gestrichen wurden zudem s\u00e4mtliche Anmerkungen der Autorin (zumeist Quellenangaben f\u00fcr die zahlreichen Zitate aus den Pentagon-Papieren und aus der zeitgen\u00f6ssischen Publizistik). An einigen wenigen Stellen finden sich in eckigen Klammern redaktionelle Erl\u00e4uterungen zu von Hannah Arendt erw\u00e4hnten Personen und Institutionen. &#150; Wir danken dem Piper Verlag, M\u00fcnchen f\u00fcr die freundliche Genehmigung des auszugsweisen Abdrucks.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[638],"publikationen":[1086],"class_list":["post-11998","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-hannah-arendt","publikationen-167-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die L\u00fcge in der Politik - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/die-luege-in-der-politik\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die L\u00fcge in der Politik - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00dcberlegungen zu den Pentagon-Papieren (1971)* aus: Vorg\u00e4nge Nr. 167 ( Heft 3\/2004 ), S.3-18 Es ist kein sch\u00f6ner Anblick, wie die gr\u00f6\u00dfte Supermacht der Welt bei dem Versuch, eine winzige r\u00fcckst\u00e4ndige Nation wegen einer heftig umstrittenen Sache in die Knie zu zwingen, w\u00f6chentlich tausend Nichtkombattanten t\u00f6tet oder schwer verwundet.Robert S. 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