{"id":12005,"date":"2004-09-20T16:15:00","date_gmt":"2004-09-20T14:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/sprachkritik-als-luegenschutz\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"sprachkritik-als-luegenschutz","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/sprachkritik-als-luegenschutz\/","title":{"rendered":"Sprachkritik als L\u00fcgenschutz?"},"content":{"rendered":"<p>\u00fcber Bushs Kriegsl\u00fcgen, deutsche Sozialreformen und Ivan Nagels Falschw\u00f6rterbuch*<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 167 ( Heft 3\/2004 ), S.78-90<\/p>\n<p><i>Ivan Nagel: Der Ausl\u00f6ser meiner Reden, Aufs\u00e4tze und Briefe, die seit Anfang 2002 entstanden sind und die ich in meinem Falschw\u00f6rterbuch versammelt habe, war der 11. September &#150; im Erschrecken, im Nachdenken \u00fcber das, was sich da ver\u00e4ndert hat. Die Aufs\u00e4tze sind zum gro\u00dfen Teil polemisch. Sie richten sich gegen Missbr\u00e4uche der Sprache, der Intelligenz, der politischen Macht. Aber ihr Impuls ist trotzdem nicht polemische Emp\u00f6rung, sondern Trauer. Es ist die Trauer dar\u00fcber, dass die Welt, die reiche Welt und die arme Welt, seit 1989 zw\u00f6lf Jahre lang vers\u00e4umt haben zu versuchen, ein menschlicheres, ein besseres Leben auszuprobieren. Statt dessen wurde in Machtstreben und Elendsl\u00e4hmung die Katastrophe abgewartet &#8211; die Katastrophe, in deren Konsequenz es nun f\u00fcr das Bessere, Menschlichere vielleicht zu sp\u00e4t ist.<\/i><\/p>\n<p>Zu sp\u00e4t: Das ist ein Problem des Buches. Als ich diese Aufs\u00e4tze schrieb, fand ich es fast unverst\u00e4ndlich, dass sie als etwas Neues, als etwas Mutiges begr\u00fc\u00dft wurden. Ich fand, dass das, was in ihnen steht &#8211; Analyse, Diagnose und Polemik &#150;, dem normalen Menschenverstand l\u00e4ngst sichtbar war. Warum haben es damals, als das Falsche vielleicht noch zu verhindern war, nicht alle gesagt? Heute dagegen ist vieles von den Prophetien dieses Buches langweilig geworden &#8211; weil es leider genau so gekommen ist. Die Prophetien, die nicht langweilig erscheinen: Es sind die, die nicht eingetreten sind. Die Evergreens unter den Propheten sind die unkontrollierbaren: immer noch die Johannes-Apokalypse, der Nostradamus. Keiner kann sie kontrollieren, viele glauben an sie. Dieses Buch ist keine Prophetie in diesem Sinn. Es ist der schlicht staatsb\u00fcrgerliche Versuch, das zu sagen, wozu man damals verpflichtet war und heute verpflichtet ist, zu sagen.<\/p>\n<p><i>Bettina Gaus<\/i>: Herr Nagel, Sie haben &#132;Falschw\u00f6rter&#148; in ganz unterschiedlichen Bereichen entlarvt, also nicht nur im Bereich der Kriegsberichterstattung, sondern beispielsweise auch im Bereich der \u00d6konomie. \u00dcber George W. Bush schreiben Sie: &#132;Die Person ist nichts als die Rolle. Ganz hohl, f\u00fcllt sie sich mit den eigenen L\u00fcgen. Bush scheint dumm genug, um Bush fast alles zu glauben.&#148; Gilt das als Faustregel f\u00fcr die allermeisten Urheber von &#132;Falschw\u00f6rtern&#148;? Glauben diese an das, was sie sagen?<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Es geht hier nicht nur um die Urheber von &#132;Falschw\u00f6rtern&#148;, sondern um uns. Wir sind es, die die &#132;Falschw\u00f6rter&#148; h\u00f6ren und nach einiger Zeit ziemlich hemmungslos ben\u00fctzen. Das Buch ist keine Presse-Kritik, sondern Politik-Kritik &#8211; und damit Kritik an uns selbst. Gott sei Dank bestehen wir nicht aus lauter George W. Bushs; wir sind nicht zur L\u00fcge entschlossen. Aber es gibt in uns einen Grad der Abstumpfung durch \u00f6ffentliche Phrasen, durch oft wiederholte L\u00fcgen. Plastischer noch als im Falle des Irakkriegs ist das bei den neoliberalen Phrasen von den &#132;Sozialreformen&#148; erkennbar, die uns monatelang, jahrelang wiederholt wurden und an die wir anfangen zu glauben. Bush dagegen ist kein Konsument von Propaganda: Er hat eine Mission und produziert die Falschw\u00f6rter selber.<\/p>\n<p><i>Gaus:<\/i> Aber Bush glaubt an seine Falschw\u00f6rter?<\/p>\n<p><i>Nagel: <\/i>Wahrscheinlich mit gr\u00f6\u00dfter \u00dcberzeugung. Wir aber lassen sie durch Gew\u00f6hnung und Abstumpfung zu. Weil nicht Glaube sondern Stumpfheit unsere Krankheit ist, haben wir seine Kriegsl\u00fcgen schon fast vergessen &#8211; w\u00e4hrend wir die Reforml\u00fcgen hinnehmen, uns verlassend auf deren immer noch t\u00e4gliche Wiederholung durch irgendwelche Autorit\u00e4ten aus Wissenschaft oder Politik.<\/p>\n<p><i>Gaus:<\/i> Sie reden jetzt \u00fcber die Rolle des Publikums. Doch sind Sie der Meinung, dass beispielsweise die Verfechter der Agenda 2010 an das glauben, was sie sagen? Die Gewerkschaftsf\u00fchrer, die Wirtschaftsf\u00fchrer &#8211; glauben sie an das, was sie sagen?<\/p>\n<p><i>Nagel<\/i>: Diese Leute sind selber in einer \u00e4hnlichen Lage wie wir, ihr Publikum: Nach einiger Zeit fangen wir gemeinsam an, die Meinung, die uns als autoritative und einzig wirkliche, wichtige, richtige pr\u00e4sentiert wird, zu glauben. Ich vermute, dass Bush seine Propaganda nicht als L\u00fcge, sondern als falsche \u00dcberzeugung produziert. Er h\u00e4lt das Gute f\u00fcr das B\u00f6se und das B\u00f6se f\u00fcr das Gute: den Krieg f\u00fcr Wohltat, Amerikas Herrschaft f\u00fcr Befreiung. Und das ist eine Katastrophe f\u00fcr die Welt.<\/p>\n<p><i>Peter Bender<\/i>: Die Frage ist ja ganz alt. Wir haben sie in den letzten Jahrzehnten oft diskutiert, wenn wir uns fragten, wieweit die kommunistischen Herrscher ihre eigenen phantastischen Reden selbst wirklich glauben konnten. Vieles war so absurd, dass sie es nicht glauben konnten. Aber wenn man es hundertmal sagt, dann glaubt man es &#150; diesem Hinweis von Ivan Nagel stimme ich zu. Zeit und unabl\u00e4ssige Wiederholung spielen dabei eine gro\u00dfe Rolle. Man kann dann fast nicht mehr anders, als das zu glauben, was man sagt. Noch ein anderer Punkt scheint mir wichtig. Um bewusst fortw\u00e4hrend zu l\u00fcgen, um bewusst permanent das Gegenteil der Wahrheit zu sagen, brauchen sie das Format eines Zynikers. Dieses Format haben nur sehr wenige Politiker.<\/p>\n<p><i>Gustav Seibt<\/i>: In Washington, da bin ich mir ziemlich sicher, sitzen \u00fcberwiegend \u00dcberzeugungst\u00e4ter. Ich habe nur einen von ihnen einmal pers\u00f6nlich kennen gelernt, Richard Perle, der nicht in der ersten Reihe sitzt, aber doch als neokonservativer Vordenker der Administration gilt. Mein Eindruck nach einem Abendessen, bei dem ich an seinem Tisch sa\u00df: Perle hat ein echtes Sendungsbewusstsein, so wie offenbar viele dieser Leute.<\/p>\n<p>Er glaubt, Amerika m\u00fcsse die Welt retten vor einer &#132;dritten Welle des Totalitarismus&#148;, jene bei den Neocons vorherrschenden Deutung des Terrorismus. Andererseits ist Perle ein hartgesottener Bursche, der wei\u00df, was f\u00fcr Schrecknisse sich hinter collateral damage verbergen und wie &#132;weiche Ziele&#148; wirklich aussehen. Dar\u00fcber gibt er sich keinen Illusionen hin. Im Zweifelsfall w\u00fcrde er sich sogar gegen eine bestimmte Form von politisch korrekter Redeweise wehren und sagen: Wir brauchen eine streitbare Demokratie, die auch den Schrecklichkeiten ins Auge sieht, die im Kampf anfallen. Daneben gibt es in Washington die religi\u00f6s aufgeladenen Argumentationen bei verschiedenen Politikern. Allerdings w\u00fcrde ich vermuten, dass Donald Rumsfeld eher dem Zynikertypus n\u00e4her kommt, von dem Peter Bender glaubt, er sei schwierig durchzuhalten.<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Es gibt mittlerweile, gerade weil die L\u00fcge in der amerikanischen Politik eine so zentrale Rolle gespielt hat, eine Art von &#132;Kremlinologie&#148; der Washingtoner Verh\u00e4ltnisse. Das ist f\u00fcr eine freie Gesellschaft ein erschreckender Befund. Die Experten, die Journalisten und die Berichterstatter aus Washington r\u00e4tseln auf dieselbe Weise, wie sie es fr\u00fcher in Moskau taten: Welche Intrigen laufen zwischen welchen Fraktionen, Gruppierungen und Gegenspielern tats\u00e4chlich hinter den Kulissen ab? Fr\u00fcher deutete man, weil man wusste, dass der Kreml sich in L\u00fcgen h\u00fcllt. Aus dem gleichen Grund ist man heute gezwungen, eine &#132;Washingtonologie&#148; zu betreiben.<\/p>\n<p><i>Seibt:<\/i> Bei dem &#132;<i>Falschw\u00f6rterbuch&#148;<\/i> der Sozialreformen im Nagelschen Sinne haben wir, glaube ich, eine v\u00f6llig andere Situation. Unsere Interessenvertretungs\u00f6ffentlichkeit bedarf offenbar dieser Vokabeln: das &#132;Steuerverg\u00fcnstigungsabbaugesetz&#148; beispielsweise, diese v\u00f6llig inhaltsleeren Label wie &#132;Agenda 2010&#148; oder &#132;Hartz I&#148;. Sie besagen ja im Grunde nichts anderes als die Zahnb\u00fcrstenwerbung &#132;Dr. Best klinisch getestet&#148;. Das verr\u00e4t eine ungeheure Not. Diese Bundesregierung t\u00e4te ja nichts lieber, als die Reformen nicht durchzuf\u00fchren. Da sie es jedoch nun schon muss, denkt sich eine Runde solche Sprachregelungen aus, gleichsam in Analogie zu &#132;Dr. Best klinisch getestet&#148;. Ich sch\u00e4tze einerseits den Grad des Zynismus im linguistischen Detail dieser Politik h\u00f6her ein, andererseits aber auch den subjektiven Glauben an das &#132;Wir m\u00fcssen da jetzt durch&#148; &#150; gerade bei j\u00fcngeren Leuten in der SPD, die sehen, was mit ihrer Partei passiert.<\/p>\n<p>Ich muss hier ehrlich sagen: In diesem wunderbar kristallin und fast unangreifbar formulierten Buch von ivan Nagel, das literarisch einfach faszinierend ist, habe ich am meisten Probleme mit dem bei uns in der S\u00fcddeutschen Zeitung erschienenen Artikel \u00fcber das Sozialreform-W\u00f6rterbuch gehabt. In diesem Fall kann vielleicht ein sinnvoller Genbrationengegensatz formuliert werden. Nagels Frage ist schon richtig: Wie viel Spannung zwischen arm und reich vertr\u00e4gt eine Demokratie? Aber es gibt auch eine andere Frage, die sich ebenso dringlich stellt: Wie viel Schulden vertr\u00e4gt eine Demokratie auf Dauer? Denn diese Schulden m\u00fcssen sp\u00e4testens unsere Kinder bezahlen. Und wenn sie nicht bezahlt werden, dann bekommen wir eine Verm\u00f6gensvernichtung: Dann gibt es eben wieder eine Inflation &#150; was bekanntlich der Demokratie auch nicht so gut bekommt. Es gibt da also schwere objektive Probleme, die unterschiedliche Altersgruppen unterschiedlich betreffen.<\/p>\n<p><i>Ivan Nagel <\/i>sagt, es gebe keinen \u00dcberfluss in dieser Gesellschaft. Das ist eine hochgradig relative Aussage. Es hat eine ungeheure Wohlstandssteigerung in den 1980er Jahren gegeben, und zwar in allen Schichten. Wenn ich sehe, wer heute alles mit dem Handy herum bimmelt auf der Stra\u00dfe, was die Leute an Kleidung tragen und was das eigentlich alles kostet; wenn ich mir dann das Wohlstandsniveau schon 100 Kilometer weiter \u00f6stlich in Polen ansehe &#150; dann gewinnen solche Aussagen etwas Sch\u00f6ngeistiges.<br \/>Gerade Berlin ist eine Stadt &#150; und das empfinde ich durchaus als Vorzug &#150;, in der man mit sehr wenig vergleichsweise gut leben kann, wesentlich besser als in M\u00fcnchen zum Beispiel. Also schon innerhalb Deutschlands sehen die sozialen Verh\u00e4ltnisse ganz unterschiedlich aus. Noch einmal zu den Schulden: Wenn man diese Frage ernst nimmt, dann muss man einfach feststellen, dass der weitaus gr\u00f6\u00dfte Teil unseres Schuldenberges durch Sozialstaatsverpflichtungen entstanden ist, die ich gar nicht Schlechtreden will. Es ist gut, dass es diesen Ausgleich in Deutschland gibt. Zum Problem ist er dennoch geworden.<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Ich muss Ihnen widersprechen: Es geht auch im Falle des Sozialstaats um L\u00fcgen. Die Unhaltbarkeit von bestimmten sozialen Errungenschaften muss ohne Zweifel ausgesprochen werden. Wenn der deutsche Arbeiter dreimal teurer ist als der polnische (zwanzigmal teurer als der chinesische), wenn daher die Gefahr eines kontinuierlichen Arbeitsplatzexports in andere L\u00e4nder entsteht, so muss man das diskutieren und L\u00f6sungen suchen. Aber wenn man billigere Arbeitspl\u00e4tze in die Praxis schmuggeln will, in-dem man von &#132;Flexibilisierung des Arbeitsmarktes&#148; spricht, wo man K\u00fcndbarkeit nach hire and fire meint, indem man von &#132;Differenzierung der Lohnstrukturen&#148; redet, wo man Niedrigl\u00f6hne erzwingen will &#150; dann entsteht eine verlogene \u00d6ffentlichkeitsstruktur: publizistisch wie politisch, in der Presse wie im Bundestag. Gerade weil die Probleme akut sind, darf man sie nicht mit einer verlogenen Sprache verschleiern.<\/p>\n<p><i>Seibt:<\/i> Vielleicht lohnt es ja, auf das allgemeine Problem der politisch korrekten Redeweise einzugehen. Urspr\u00fcnglich entstand das einmal aus einer Form mit b\u00fcrgerlicher R\u00fccksichtnahme: Der Neger wurde nicht mehr &#132;Neger&#148; genannt&#8230;<\/p>\n<p><i>Gaus:<\/i> &#8230; wobei nat\u00fcrlich ein Unterschied darin besteht, ob ich einen Neger nicht mehr &#132;Neger&#148; nenne oder einen Angriffskrieg als &#132;Entwaffnung&#148; bezeichne&#8230;<\/p>\n<p><i>Seibt: <\/i>Selbstverst\u00e4ndlich, der Unterschied ist enorm. Ich will aber nur auf den sprachlichen Mechanismus hinweisen. Es gibt in allem eine Tendenz der &#132;Weichsp\u00fclung&#148;: Der Dieb ist der Unusual shopper, den Faulenzer nennt man &#132;den schw\u00e4cher Motivierten&#148; und so weiter. Die \u00d6ffentlichkeit, nicht nur die Politiker, sondern wir alle, driften in diese Richtung.<\/p>\n<p><i>Bettina Gaus<\/i>: Im Tagesspiegel stehen nat\u00fcrlich auch viele &#132;Falschw\u00f6rter&#148;. Manchmal, wenn auch extrem selten, stehen sie sogar in der taz. Wie oft f\u00e4llt Ihnen das auf, Herr di Lorenzo?<\/p>\n<p><i>Giovanni di Lorenzo:<\/i> Jedenfalls bem\u00fchen sich die meisten Kollegen, darauf zu achten. Sie fallen aber immer wieder darauf herein, wor\u00fcber es dann gro\u00dfe Diskussionen in der Konferenz gibt. Wir fallen \u00fcbrigens auch gelegentlich auf falsche Bilder herein, die dann zu W\u00f6rtern werden. Am Tag nach dem Angriff auf Afghanistan haben wir den Kriegseintritt der Amerikaner gemeldet, und haben, weil uns das besonders dramatisch erschien, einen verst\u00fcmmelten Afghanen gezeigt. Darunter schrieben wir, dass das die ersten Opfer der amerikanischen Luftangriffe sind. Wir mussten diese Meldung korrigieren: Es waren Opfer von russischen Minen, die so verst\u00fcmmelt worden waren. Wir waren so programmiert darauf, dass alles Unrecht jetzt von den Amerikanern kommt, dass wir auf dieses Bild reingefallen sind. Wir haben den Text der Textagentur Reuters \u00fcbernommen. Aber der war falsch. Und so etwas passiert uns nicht nur an dieser Stelle.<\/p>\n<p>Ich bin trotzdem ein bisschen skeptisch, was die Frage nach Falschw\u00f6rtern in der heutigen Zeit betrifft. Ich glaube zwar, dass es in Amerika und auch, wenn Sie sich Europa anschauen, in Italien auf Zeit Manipulationsmaschinerien gibt, die auch Wirkung zeigen. Die f\u00fchren auch &#150; siehe Italien &#150; in gewisser Weise zu postdemokratischen Regierungsformen. Diese m\u00fcssen gar nicht alles unterdr\u00fccken, wenn sie die Leitmedien beherrschen. Wenn Berlusconi ein Immunit\u00e4tsgesetz durchpeitscht, verstehen Sie in den Nachrichtensendungen des staatlichen italienischen Fernsehens eine Meldung dar\u00fcber praktisch nicht mehr, weil dort nur das Faktum vermeldet wird, so viele stimmen daf\u00fcr, so viele dagegen. Mehr erf\u00e4hrt man nicht. Das hat sicher f\u00fcr eine bestimmte Zeit eine sedierende Wirkung. Diese ist aber, glaube und hoffe ich, nicht sehr nachhaltig: die schwierige wirtschaftliche Lage des Landes k\u00f6nnte die Leute Repolitisieren. Und Amerika: Heute ist es keinesfalls sicher, dass Bush trotz der rhetorischen Aufr\u00fcstung die Wahlen gewinnen wird. Das sind immer wieder Signale der Hoffnung.<\/p>\n<p>Eine weitere Relativierung sei gestattet: Wenn wir so sehr Opfer dieses Sprachirrsinns aus Washington w\u00e4ren, dann k\u00f6nnte die Ablehnung von Bush, der amerikanischen Regierung und zum Teil auch von Amerika als Ganzem, nicht der kleinste gemeinsame Nenner sein, der im Moment in Deutschland zu finden ist. Das hat Einzug gehalten in alle erdenklichen Niederungen. Wenn Sie sich am Freitagabend, nichts B\u00f6ses ahnend, eine Fernsehsendung anschauen wie Sieben Tage, sieben K\u00f6pfe, wo die plattesten Kalauer geklopft werden, dann k\u00f6nnen Sie sehen, dass eine intellektuelle Leuchte wie Mike Kr\u00fcger den besten Lacher mit dem Satz hatte: &#132;Amerika war nicht eine Entdeckung, sondern ein Unfall.&#148; Es gab riesige Lacher. Wenn zwei Tage sp\u00e4ter auf Pro 7 die hundert peinlichsten Menschen der Welt gek\u00fcrt werden, dann rangiert vor irgendwelchen Busenstarlets von der Seite 3 englischer Boulevardbl\u00e4tter und Dieter Bohlen auf Platz 1 George W. Bush. Und von den Juroren, die dieses Ergebnis beurteilen sollten, kamen nur S\u00e4tze, die Bush als &#132;ganz schrecklich&#148; oder &#132;ganz furchtbar&#148; in dieser Abstimmung als korrekt eingeordnet fanden. Das ist im Moment der kleinste gemeinsame Nenner und somit scheint mir diese Propaganda so wirkungsvoll nicht gewesen zu sein.<\/p>\n<p><i>Gaus:<\/i> Das korrespondiert aber meines Erachtens mit einer insgesamt wachsenden Verachtung f\u00fcr die politische Klasse. Und da Bush der m\u00e4chtigste Politiker ist, bin ich nicht sicher, ob das Beispiele f\u00fcr kritische Einsicht in die Mechanismen einer Verdummungsmaschinerie sind. Aber hat eigentlich die Desinformation in den letzten Jahren tats\u00e4chlich zugenommen oder war es zu Zeiten der bipolaren Welt eigentlich schlimmer? Herr Bender, Sie haben sich seit den fr\u00fchen 1960er Jahren mit Ostpolitik und dem Kalten Krieg besch\u00e4ftigt und zudem im vergangenen Jahr das Buch Weltmacht Amerika. Das neue Rom ver\u00f6ffentlicht, das sich mit der Hegemonialpolitik der USA besch\u00e4ftigt. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Ende des Wettstreits der Systeme und der \u00f6ffentlichen Akzeptanz von &#132;Falschw\u00f6rtern?&#148;<\/p>\n<p><i>Bender:<\/i> Ich neige dazu zu sagen, dass es fr\u00fcher genauso schlimm war. Die Verbissenheit der Ost-West-Auseinandersetzung im so genannten Kalten Krieges &#150; in unterschiedlichen Zeiten mal st\u00e4rker, mal schw\u00e4cher &#150; l\u00e4sst sich durchaus vergleichen mit der gegenw\u00e4rtigen Erbitterung \u00fcber den Terrorismus und umgekehrt. Damals gr\u00fcndeten beide Seiten, die sowjetische wie die amerikanische, auf festen Ideologien, die sich in der Auseinandersetzung immer weiter verfestigten. Dabei verspann man sich zusehends in die eigene &#132;Falschw\u00f6rter&#8220;-Ideologie.<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Das Erschreckende in der jetzigen Situation ist ein ver\u00e4ndertes, sogar offizi\u00f6s umformuliertes und propagiertes Verh\u00e4ltnis zum Krieg. Wenn wir vom Kalten Krieg reden, dann sagen wir schon damit, dass wir f\u00fcnfzig Jahre lang \u00fcberlebt haben, weil es ein kalter Krieg war. Lust am Krieg und an der gewaltsamen Abschaffung des Gegners gab es, trotz aller Phrasen von der &#132;Weltrevolution&#148; dort und von der &#132;Freien Welt&#148; hier, nicht.<\/p>\n<p>Dass das heute nicht mehr so ist, sollte uns zutiefst erschrecken. Mich hat es erstmals erschreckt, als ich zwei Tage nach dem 11. September 2001 h\u00f6rte, wie Verteidigungsminister Rudolf Scharping dar\u00fcber spekulierte, auf welche Weise man bei einer Entscheidung f\u00fcr den Krieg den Bundestag umgehen k\u00f6nnte &#150; n\u00e4mlich mit den Argumenten &#132;Gefahr im Verzug&#148; und &#132;Selbstverteidigung&#148;. Diesen Schrecken gab mir auch Schr\u00f6ders Erkl\u00e4rung der &#132;uneingeschr\u00e4nkten Solidarit\u00e4t&#148;; man konnte nicht ahnen, dass diese Solidarit\u00e4t so bald vern\u00fcnftigerweise eingeschr\u00e4nkt werden wird.<\/p>\n<p>Ich erschrak auch, man soll sich dessen nicht sch\u00e4men, als alter Mensch, der heute inmitten von Generationen sitzt, die nicht mehr wissen, was der Krieg ist. Unsere Politiker schienen keine Scheu mehr vor fremder und eigener Kriegspropaganda zu haben. Sie schienen Amerikas Privilegien zu akzeptieren: erstens das Recht auf Pr\u00e4ventivkrieg, zweitens den vertragslosen Zustand, was Atomwaffen und deren Abwehr betrifft, drittens die Immunit\u00e4t gegen einen Internationalen Strafgerichtshof. Man schien bereit, mit einem Spezialv\u00f6lkerrecht, das nur f\u00fcr Amerika gilt, in einen gemeinsamen Krieg, in eine Kette von gemeinsamen Kriegen einzusteigen. Ich glaube, dass das ein riesiger qualitativer Sprung war. Jeder Sprung vom Frieden zum Krieg ist riesig und entsetzlich.<\/p>\n<p><i>di Lorenzo: <\/i>Die Gew\u00f6hnung an den Krieg und die Verharmlosung des Krieges sehe ich auch als Gefahr, da gebe ich Ihnen Recht. Zumal es auch wieder die Versuchung gibt, den Leuten einzureden, es gibt &#132;sauber gef\u00fchrte Kriege&#148; mit so genannten chirurgischen Eingriffen. Doch ich muss sagen: So schlimm die Lage heute ist, ich habe mich schon bedrohter gef\u00fchlt in meinem Leben. Mitte der 1970er Jahre, erst recht 1977, war ich, politisiert in linken Sch\u00fclergruppen, emp\u00f6rt \u00fcber die &#132;Faschisierung&#148; der Bundesrepublik durch die staatlichen Repressionen gegen die Baader-Meinhoff-Gruppe. Wenn Sie sich heute mit der Materie befassen, k\u00f6nnen Sie sehen, wie sehr zum Beispiel die vermeintliche Isolationshaft von der Linken instrumentalisiert und aufgebauscht worden ist, gerade auch von Intellektuellen, die eigentlich immer die Aufgabe h\u00e4tten, gegen den Strom zu schwimmen.<\/p>\n<p>Es kamen dann viel schlimmere Bedrohungs- und Untergangsszenarien: die Nachr\u00fcstung. Kann es etwas Schlimmeres geben, als in einem Atomkrieg unterzugehen? Dann gab es das &#132;Waldsterben&#148;. Auch ich habe gedacht: Nur noch ein paar Jahre und es gibt keine Natur mehr in Deutschland. Und schlie\u00dflich kam durch Tschernobyl die &#150; berechtigte &#150; Angst vor einem GAU, der die ganze Welt erfasst. Gl\u00fccklicherweise trat er nicht ein, obwohl die Tschernobylsch\u00e4den schlimm genug waren. Wenn ich also zur\u00fcckdenke an meine eigene Sozialisation, dann sind wir von Horrorszenario zu Horrorszenario gelangt, die alle nicht eintraten. Bedrohter als heute habe ich mich allemal gef\u00fchlt. So ist meine Hoffnung diesmal, dass es genug Widerstandskraft gibt in unseren Gesellschaften: Wir fallen nicht auf das Platteste rein und auch nicht f\u00fcr alle Zeiten.<\/p>\n<p><i>Gaus:<\/i> Herr Seibt, Sie geh\u00f6ren derselben Generation an wie Giovanni di Lorenzo. Stimmen Sie ihm prinzipiell zu? Sie haben ja der &#132;Spa\u00dfgesellschaft&#148; den Kampf angesagt&#8230;<\/p>\n<p><i>Seibt: Ich <\/i>habe nie zu denen geh\u00f6rt, die der &#132;<i>Spa\u00dfgesellschaft<\/i>&#148; den Kampf angesagt haben. Eine ganz alberne Vorstellung.<br \/>Gaus: Zumindest haben Sie sich einigerma\u00dfen fassungslos \u00fcber die von Ihnen als unpolitisch empfundene &#132;Generation Golf&#148; ge\u00e4u\u00dfert&#8230;<\/p>\n<p><i>Seibt:<\/i> Das Unpolitische hat mich weniger gest\u00f6rt als der neue Standesd\u00fcnkel, der sich in der &#132;Generation Golf&#148; manifestiert.<br \/>Gaus: Ist die Akzeptanz von dem, was Ivan Nagel &#132;Falschw\u00f6rter&#148; nennt, auch ein Generationenproblem?<\/p>\n<p><i>Seibt<\/i>: Das halte ich f\u00fcr abwegig. Die &#132;Generation Golf&#148;, auch die so genannten &#132;Popliteraten&#148;, wer auch immer sich dazu z\u00e4hlt: Sie schmeicheln sich ja, einen besonders illusionslosen Durchblick zu haben, eine Mischung aus Desillusion und Dandytum und einer gewissen Coolness und Abgebr\u00fchtheit. Sie w\u00fcrden auch im Wunsch, politisch in-korrekt zu sprechen und so bestimmte alt linke Bedenklichkeiten abzustreifen, sich vermutlich auch sprachlich ganz anders verhalten wollen. di Lorenzo: F\u00fcr die gibt es nichts Sch\u00f6neres, als ein Podium wie unseres zu \u00e4rgern. Das ist deren gr\u00f6\u00dfte Genugtuung.<\/p>\n<p><i>Seibt:<\/i> Genau. Sie wollen gut meinende Langweiler \u00e4rgern, die da aus den seri\u00f6sen Redaktionen kommen und sich recht uncool den Kopf zerbrechen. In diesen Kreisen gibt es v\u00f6llig andere Aggregatzust\u00e4nde psychischer und sozialpsychologischer Natur. Wenn es das Bed\u00fcrfnis gibt, die Welt sich sch\u00f6n zu reden, dann, so mein Verdacht, eher in einem protestantischen Gesinnungsmilieu.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte den Beispielen von Herrn <i>di Lorenzo<\/i> noch eines hinzuf\u00fcgen: das so genannte &#132;Berufsverbot&#148;. So scheu\u00dflich der &#132;Radikalenerlass&#148; war: der Begriff &#132;Berufs-verbot&#148; zitierte eine nationalsozialistische Ma\u00dfnahme, die den Leuten nicht etwa den Eintritt in den Staatsdienst untersagte, sondern \u00fcberhaupt die Aus\u00fcbung der T\u00e4tigkeit auch hinter verschlossenen T\u00fcren. Ein Maler, der Berufsverbot hatte, durfte 1933 auch zu Hause nicht malen. Der durfte \u00fcberhaupt nicht malen, der durfte nicht einmal \u00d6lfarben erwerben. Dagegen bedeutete der &#132;Radikalenerlass&#148;, dass jemand nicht Zeichenlehrer werden durfte, also nicht verbeamtet worden ist. Das ist ein kategorialer Unter-schied. Hier sehen wir eine dieser semantischen Verschiebungen, die niemandem mehr aufgefallen sind. Ich war damals auch und bin es bis heute ein wirklich \u00fcberzeugter Gegner dieses &#132;Radikalenerlasses&#148;, den Willy Brandt angesto\u00dfen hatte, was er sp\u00e4ter sehr bereute. Und ich habe mich als Student bei unz\u00e4hligen Unterschriftenlisten gegen diesen &#132;Radikalenerlass&#148; ausgesprochen. Trotzdem habe ich es als Historiker immer als eine ziemliche Dreistigkeit empfunden, hier das Wort &#132;Berufsverbot&#148; zu verwenden, das ja eine v\u00f6llig andere historische Konnotation hatte.<\/p>\n<p><i>Gaus<\/i>: In den Schilderungen von Ihnen beiden entsteht der Eindruck, dass wir in den 1970er und 80er Jahren in einem Meinungsklima gelebt haben, das von einer bestimmten Form des Linksradikalismus vollkommen \u00fcberwuchert war. Das deckt sich allerdings nicht mit meiner Erinnerung an diese Zeit; \u00fcbrigens auch nicht mit den Besitzverh\u00e4ltnissen, die damals in der deutschen Medienlandschaft geherrscht haben. &#150;<\/p>\n<p><i>Bender<\/i>: Herr Nagel, Sie meinten, die Kriegspropaganda habe jetzt ein Ma\u00df erreicht, das es fr\u00fcher nicht gegeben hat. Nun, die Kriegspropaganda, von der jetzt die Rede ist, geht gegen Schw\u00e4chere. Die erledigt man milit\u00e4risch in drei Wochen. Und zu den Privilegien, die sich die Amerikaner herausnehmen: Sie gab es immer schon. Die Russen haben sie sich 1956 in Ungarn herausgenommen. Die Amerikaner haben sie sich in kleinerem Format, sei es Grenada oder Panama, auch herausgenommen. Was wir jetzt an gesteigerter und nat\u00fcrlich emp\u00f6render und manchmal ziemlich unversch\u00e4mter Art, Krieg f\u00fcr n\u00f6tig und m\u00f6glich zu erkl\u00e4ren, erleben, ist aus der Situation geboren, dass die Amerikaner glauben, sich als die einzig verbliebene Weltmacht alles leisten zu k\u00f6nnen. Aber sie zielen immer auf Schw\u00e4chere. Und das haben, solange das Ost-West-Gleichgewicht es zulie\u00df, beide Seiten auch getan, gegen irgendwelche Satelliten, die ihnen nicht passten.<\/p>\n<p><i>Gaus:<\/i> Sie \u00fcben in Ihrem Buch, Herr Nagel, auch sehr scharfe Kritik an der Missachtung des V\u00f6lkerrechts im Zusammenhang mit dem Irak-Krieg. Dort finden sich aber auch Passagen, die den Kosovo-Krieg demgegen\u00fcber verteidigen. Wenn Sie die Bereitschaft zur Missachtung des V\u00f6lkerrechts seitens der USA f\u00fcr besonders verwerflich erkl\u00e4ren &#150; warum dann ein&#132;Ja&#8220; zum Kosovo-Krieg und ein &#132;Nein&#148; zum Krieg gegen Irak?<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Zum Kosovo-Krieg habe ich gewiss eine zwiesp\u00e4ltige Einstellung. Ich wei\u00df nicht und ich kann es nicht genau kontrollieren, ob V\u00f6lkermord schon vor Beginn des Krieges angefangen hatte. Nach der bosnischen Analogie musste man annehmen, dass es nicht nur die Vertreibung war, die Serbiens Regierung vorhatte. Aber mehr noch: Ich glaube, dass wir im eigenen Bereich Europa auch f\u00fcr den Balkan mit verantwortlich sind. Ob wir im Kosovo die richtige oder die falsche Entscheidung trafen: Da schwanke ich. Aber im Kosovo, anders als im Irak und bei Saddams V\u00f6lkermord vor zehn Jahren, ging es dringlich um unsere eigene Sache.<\/p>\n<p><i>Gaus: <\/i>Ich habe mich nur auf den V\u00f6lkerrechtsaspekt bezogen.<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Ich sa\u00df nicht im Hirn von Milosevic, um zu wissen, wie weit das Schlimmste vorbereitet war. Nur gibt es eine Art geopolitischer Vernunft, derzufolge es einen Unterschied macht, ob man sich, wie Amerika, weltweit anma\u00dft, ungeliebte Regime zu beseitigen, oder ob man es als Europ\u00e4er f\u00fcr unertr\u00e4glich h\u00e4lt, dass in n\u00e4chster N\u00e4he V\u00f6lkermord schon, wie in Bosnien, stattfindet oder im n\u00e4chsten Augenblick, wie im Kosovo, stattfinden kann.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass es irgendeine krankhafte Altersempfindlichkeit von mir ist, die jetzige Situation f\u00fcr besonders schlimm zu halten. Wenn die Nachr\u00fcstung, um das Beispiel von Herrn di Lorenzo aufzugreifen, mit der Erkl\u00e4rung begr\u00fcndet worden w\u00e4re, es sei eine Verteidigungsma\u00dfnahme, wir aber monatelang vorher gewusst h\u00e4tten, dass diese Nachr\u00fcstung keinen anderen Zweck als einen pr\u00e4ventiven Atomkrieg gegen Russland hat &#150; dann h\u00e4tte auch ich damals mit wilder Emp\u00f6rung reagiert. Ich glaube, es war auch den Gegnern der Nachr\u00fcstung klar, dass Amerika und der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht blo\u00df vorgaben, die Nachr\u00fcstung aus Gr\u00fcnden des milit\u00e4rischen Gleichgewichts zu betreiben, in Wahrheit jedoch in absehbarer Zeit einen Krieg planten.<\/p>\n<p>Noch etwas anderes ist mir wichtig: Ich sch\u00e4me mich \u00fcberhaupt nicht, wenn ich von Amerika, vor allem nach dem Fall der Sowjetunion, mehr erwarte und etwas anderes erwarte, als ich von Amerika im Kalten Krieg erwartet habe. Amerika hat die Zeit seiner Alleinherrschaft seit 1989 nicht dazu ben\u00fctzt, die Welt menschenw\u00fcrdiger einzurichten &#150; obwohl in dieser Welt zum ersten Mal keine konstitutive, nicht zu beseitigende Konfrontation mehr hinderlich in Kauf zu nehmen war. Im Gegenteil: Indem Bushs Regierung jeden Gegner als &#132;Terroristen&#148;, als &#132;das B\u00f6se&#148; anklagt, schafft sie eine neue, schlimmere Konfrontation &#150; neu und schlimm, eben weil der Gegner weder geografisch noch ideologisch definiert und eingeschr\u00e4nkt wird.<\/p>\n<p>Erst aus diesen Gr\u00fcnden wird die Grundfrage meines Buches notwendig und aktuell: Bei der st\u00e4ndigen Kriegsbereitschaft der einzigen Weltmacht, bei der Flut von &#132;Falschw\u00f6rtern&#148; ihrer vorbereitenden Kriegspropaganda in allen privaten und nichtprivaten Medien: Ist bei diesem B\u00fcndnis von Krieg und L\u00fcge eine Demokratie, die Herrschaft eines urteilsf\u00e4higen Volkes, noch m\u00f6glich? Und wenn sowohl die Demokratie als auch der Frieden durch aggressive Politik und massive Falschinformation gef\u00e4hrdet sind &#150; was tun wir dagegen?<\/p>\n<p><i>di<\/i> <i>Lorenzo: <\/i>Wie gehen wir mit der terroristischen Bedrohung um? Diese Frage existiert nun mal; sie ist, ohne ein Weltuntergangsszenario malen zu wollen, gravierend. Die Amerikaner, da sind wir uns einig, geben die falschen Antworten. Trotzdem m\u00fcssen wir auf die Frage eine Antwort finden. Und manchmal ist in der Kritik an der amerikanischen Administration und deren Vokabular auch die Verdr\u00e4ngung der Frage enthalten. Das sage ich, auch wenn es vielleicht eine unbequeme Wahrheit ist.<\/p>\n<p>Bei aller Kritik an Amerika habe ich ein ungutes Gef\u00fchl. Wenn die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen &#150; die unter einem besonderen Druck stehen, weil deren Ab-schneiden bei der kommenden Wahl entscheidend f\u00fcr die Bundesregierung ist &#150; erwogen haben, am 8. Mai, dem Tag der Befreiung durch die Amerikaner, in Aachen eine gro\u00dfe Veranstaltung gegen die amerikanische Politik zu organisieren &#150; dann ist das eine Verschiebung unserer ideellen Grundlagen, die mir Sorge bereiten.<\/p>\n<p>Es gibt auch unbequeme Wahrheiten in der deutschen Innenpolitik: In letzter Zeit habe ich nur deutsche Spitzenpolitiker erlebt, die, wenn das Tonband abgeschaltet ist, sagen: Das, was wir eigentlich an wirtschafts- und sozialpolitischen Reformen in Deutschland leisten m\u00fcssten, h\u00e4lt keine Regierung der Welt in einer Demokratie durch. Und das sagen Sozialdemokraten, Liberale, Christdemokraten und Gr\u00fcne gleicherma\u00dfen. Auch hier gibt es das Bed\u00fcrfnis, die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber Einsichten zu t\u00e4uschen.<\/p>\n<p><i>Seibt:<\/i> Man sagt ja, die Heuchelei sei die Verbeugung des Lasters vor der Tugend. &#150; Ich glaube, dass die systematischen L\u00fcgen, die wir vor allem von amerikanischer Seite er-lebt haben, auch eine Folge einer Inkomplettheit des V\u00f6lkerrechtes sind. Das mag jetzt apologetisch klingen, ist aber eigentlich nicht so gemeint. Das V\u00f6lkerrecht rechnet mit autonomen Subjekten souver\u00e4ner Staaten und ist auf neue Formen asymmetrischer Kriege oder failed states, also gescheiterter Souver\u00e4nit\u00e4ten, nicht wirklich vorbereitet. Der Kernsatz des V\u00f6lkerrechts ist doch nach wie vor das Selbstbestimmungsrecht, also im Grunde der Nationalstaat; daraus wird die internationale Ordnung abgeleitet. Zum Beispiel haben w\u00e4hrend der Vorgeschichte des Irak-Krieges die Informierten aller Beteiligten von Anfang an vielleicht an die Existenz von Massenvernichtungswaffen geglaubt &#150; aber niemand hat geglaubt, dass es das wirklich zentrale Kriegsmotiv ist. Denn die \u00dcberlegungen, was man mit dem Irak macht, lassen sich bis in die Clinton-Administration zur\u00fcckverfolgen. Doch man hat einfach gesehen, dass das alte Sanktionsregime zu nichts f\u00fchrte: Saddam blieb; die UNO und damit auch die internationale Rechtsordnung diskreditierte sich vollst\u00e4ndig, da die Sanktionen an die Zivilbev\u00f6lkerung weitergegeben wurden. Saddam h\u00e4tte noch jahrzehntelang in Bagdad herrschen k\u00f6nnen; am Ende w\u00e4re er als der Sieger aus dem Konflikt gegangen. Man war in eine Situation gekommen, die von Jahr zu Jahr gef\u00e4hrlicher zu werden drohte, und zwar aus einer ganz altmodischen, staatspolitischen Mechanik heraus, ganz unabh\u00e4ngig vom 11. September, unabh\u00e4ngig von der Frage der Massenvernichtungswaffen. Im Hintergrund blieb die Frage pr\u00e4sent, was eigentlich mit einem gro\u00dfen Volk wie dem irakischen passiert, das schon \u00fcber zehn Jahre unter diesem Sanktionsregime leben musste und das alle Opfer getragen hat, ohne dass das Regime davon in irgendeiner Weise in seiner Stabilit\u00e4t besch\u00e4digt worden ist.<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Aber Herr Seibt, wenn jemand falsche Ma\u00dfnahmen entwirft und zw\u00f6lf Jahre lang vergeblich forciert&#150; dann ist es doch an ihm, der die falschen Ma\u00dfnahmen erfand und anwandte, zu \u00fcberlegen, welche Ma\u00dfnahmen nun richtiger w\u00e4ren: gewiss nicht der kriegerische \u00dcberfall in dem Moment, wo dieses Land keine Gefahr darstellt.<\/p>\n<p>Seibt: Das habe ich auch nicht gesagt. Aber die Aufhebung des Sanktionsregimes, das werden Sie zugeben, h\u00e4tte einen enormen politischen Schaden bedeutet.<\/p>\n<p><i>Nagel: <\/i>Das w\u00e4re ein Prestigeverlust der Leute gewesen, die die Sanktionen durchgesetzt haben, und ein Prestigegewinn dessen, der sie \u00fcberstanden hat. Das ist ein ganz normaler Vorgang. Du kannst doch nicht jeden, demgegen\u00fcber du Unrecht bekommen hast, abmurksen.<\/p>\n<p><i>Seibt:<\/i> Ich will nur auf die Inkomplettheit des V\u00f6lkerrechts hinweisen. Es gibt auch im V\u00f6lkerrecht im Grunde keine Stellung f\u00fcr die Menschenrechte, also f\u00fcr die individuellen B\u00fcrger- und Menschenrechte. Sie sind nicht wirklich eingebaut im System des V\u00f6lkerrechts; abgesehen davon, dass das V\u00f6lkerrecht auch keine Instanzen hat. Es gibt kein Gewaltmonopol. Es gibt somit die ganzen Grundvoraussetzungen einer Rechtsordnung noch nicht; es kann sie auch noch nicht geben. Es ist eine sch\u00f6ne Utopie, die zur H\u00e4lfte nur ausgestaltet ist und auf viele reale Probleme noch keine Antworten, nicht einmal regulative Ideen gefunden hat.<\/p>\n<p>In dieser Situation sah sich die amerikanische Regierung, \u00fcber deren Charakter ich gar nichts Nettes sagen will, vor die Frage gestellt: Machen wir es jetzt halb v\u00f6lkerrechtlich? Wie agieren wir in diesem Welt\u00f6ffentlichkeitsfeld? Sie sind dann den Weg der gr\u00f6\u00dften Verlogenheit gegangen, also mit den gef\u00e4lschten oder f\u00e4lschlich geglaubten &#150; man wei\u00df es immer noch nicht so genau &#150; Befunden \u00fcber die Massenvernichtungswaffen, womit der Sicherheitsrat gewonnen werden sollte. Das ging schief, die L\u00fcgen richteten sich gegen ihre Urheber. Aber das Ganze war eben nicht nur eine Folge von Verlogenheit, sondern auch Konsequenz einer objektiven L\u00fccke in unserem internationalen System.<\/p>\n<p><i>Bender: <\/i>Wir Europ\u00e4er m\u00fcssen vorsichtig sein in unserer Kritik an Amerika. Kein gr\u00f6\u00dferes europ\u00e4isches Land hat nicht eine imperiale Phase gehabt: Spanien, wo unter Karl V. die Sonne nicht unterging, das britische Empire, Napoleons Herrschaft von Spanien bis Moskau; schlie\u00dflich unser Adolf Hitler. Wir Europ\u00e4er haben uns, historisch betrachtet, in entscheidenden Fragen auch nicht um das Recht gek\u00fcmmert. Es sei daran erinnert: Europa hat damit nicht aufgeh\u00f6rt aus Einsicht, sondern aus Ersch\u00f6pfung. Die Einsicht kam immer erst hinterher. Insofern erinnern wir Deutschen oft an einen S\u00e4ufer, der endlich trocken ist und nun dauernd Enthaltsamkeit predigt.<\/p>\n<p><i>di Lorenzo<\/i>: Herr Nagel, h\u00e4tten Sie es vor zehn Jahren f\u00fcr richtig gefunden, wenn es eine &#132;Koalition der Willigen&#148; gegeben h\u00e4tte, legitimiert durch die Vereinten Nationen, wahrscheinlich unter F\u00fchrung der Amerikaner, die in Ruanda den V\u00f6lkermord zwischen Hutu und Tutsi verhindert h\u00e4tte?<\/p>\n<p><i>Nagel:<\/i> Der amerikanische Krieg gegen den Irak w\u00e4re auf eine v\u00f6llig andere Weise zu rechtfertigen gewesen in der Zeit, wo die Massenmorde an Kurden durch die Giftgaseins\u00e4tze passierten. F\u00fcnfzehn Jahre sp\u00e4ter dies als Vorwand f\u00fcr einen Krieg zu ben\u00fctzen, finde ich nicht akzeptabel.<\/p>\n<p><i>di Lorenzo:<\/i> In Ruanda h\u00e4tten Sie also ein Eingreifen richtig gefunden?<\/p>\n<p><i>Nagel<\/i>: Ich glaube ja. Ich wei\u00df nicht, ob ich einen Krieg gegen den Irak richtig gefunden h\u00e4tte in dem Augenblick, als Amerika dem Irak noch sehr freundlich gegen\u00fcberstand und eine g\u00fcltige Verurteilung selbst des Giftgaskrieges gegen die Kurden nicht stattfand, weil sie unter amerikanischem Druck bei den Vereinten Nationen nicht durchkam.<\/p>\n<p><i>Gaus: <\/i>Herr di Lorenzo, Ihre Pr\u00e4misse war ein UNO-Mandat?<\/p>\n<p><i>di Lorenzo:<\/i> Ein UNO-Mandat, sicher. Es gibt jetzt wieder ein Land, in dem so etwas Schreckliches passiert: der Sudan, wo dunkelh\u00e4utige Muslime hellh\u00e4utigere Muslime drangsalieren. Noch sind es erst Zehntausende. Doch daraus werden Hunderttausende, wenn nicht mehr. Und wieder die Frage: Was macht die Staatengemeinschaft? Schaut sie zu?<\/p>\n<p><i>Bender<\/i>: Lassen Sie mich noch einmal auf eine der zentralen Seiten des Falschw\u00f6rterbuches von ivan Nagel zur\u00fcckkommen: die Methode, mit der es Kritik \u00fcbt. Normaler-weise gibt es eine Sachkritik: ein Sachverhalt wird gepr\u00fcft. Je komplizierter unsere Wett wird, desto weniger Leute sind jedoch dazu in der Lage, weil man von vielen komplexen Gebieten gar nichts mehr versteht. Deswegen geraten wir zunehmend in die Abh\u00e4ngigkeit von Experten. Mit Ihrer Wortkritik \u00f6ffnen Sie aber einen Weg f\u00fcr Laien, Prozesse kritisch zu bewerten, die sie fachlich nicht beurteilen k\u00f6nnen. Sie haben darauf hingewiesen: Wenn sich die &#132;Falschw\u00f6rter&#148; in der Darstellung der Sache h\u00e4ufen, packt den Sprachkritiker der Argwohn, dass etwas auch in der Sache selbst nicht stimmt. Wir verdanken Ihnen die im Grunde uralte Erkenntnis, dass die Analyse der Sprache ein Instrument zur Entlarvung politischer L\u00fcge und politischer T\u00e4uschung ist.<\/p>\n<p><i>Nagel: <\/i>Meine Haltung ist sehr zwiesp\u00e4ltig. Das Volk vermag auf eine ganz erstaunliche Weise vern\u00fcnftig zu sein. Das vermindert nicht meine Angst und mein Entsetzen dar-\u00fcber, mit welcher Masse von Fehlinformation, von Ideologievokabeln dieses Volk st\u00e4ndig bombardiert wird. Einer der ersten S\u00e4tze in meinem Buch hei\u00dft denn auch: &#132;Dem Teppichbombardement eines fremden Volkes mit Bomben geht das Teppichbombardement des eigenen Volkes mit L\u00fcgen voraus.&#148;<\/p>\n<p>Doch ist das nicht nur ein subjektives Schwanken zwischen Zuversicht und Erschrecken: Es m\u00fcssen beide Gef\u00fchls- und Verstandimpulse vorhanden sein, Zweifel und Glaube an die Vern\u00fcnftigkeit des Volkes, auch des deutschen. F\u00fcr unvern\u00fcnftig halte ich es allerdings, Antiamerikaner der platten, bequemen Sorte zu sein. Amerika kann man eine ganze Menge vorwerfen. Aber wir werden mit der amerikanischen Vormacht weiterleben. Die Frage ist nur, zu welchen Bedingungen versuchen wir, Verb\u00fcndete Amerikas zu bleiben. Erstens d\u00fcrfen wir nicht verhindern, dass Amerika aus seiner falschen Politik Lektionen bezieht. Also d\u00fcrfen wir nicht verschleiern, dass dieser Krieg ein falscher Krieg war. Wir d\u00fcrfen keine wirtschaftliche, politische, milit\u00e4rische Mithilfe leisten, um den n\u00e4chsten Krieg in dieser Kette von Kriegen, die Bush in vielen Reden angek\u00fcndigt hat, bald zu beginnen. Und zweitens m\u00fcssen wir uns fragen: Was ist das Europ\u00e4ische an unserer Lebensweise? Was m\u00f6chten wir daran nicht aufgeben? Dazu geh\u00f6ren bestimmte Formen des sozialen Denkens und, weil es nicht beim Denken bleiben soll, des Sozialstaates. Nach der w\u00fcsten Vergangenheit Europas haben wir seit sechzig Jahren einiges versucht, ein lebenswerteres Leben uns und einander m\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p><b>*<\/b> Die Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltete diese Podiumsdiskussion anl\u00e4sslich des Erscheinens von Ivan Nagels Falschw\u00f6rterbuch (berliner taschenbuchverlag: Berlin 2004; vgl. auch den Literaturbericht in diesem Heft). Sie fand am 3. 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