{"id":12007,"date":"2004-09-20T15:00:00","date_gmt":"2004-09-20T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/alles-haengt-vom-menschen-ab\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"alles-haengt-vom-menschen-ab","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/alles-haengt-vom-menschen-ab\/","title":{"rendered":"\u201eAlles h\u00e4ngt vom Menschen ab\u0094"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff*<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge Nr. 167 ( Heft 3\/2004 ), S.102-106<\/p>\n<p><i>&#132;Wie kommt es, dass heute alles Interesse auf das Wirtschaftliche fixiert ist und das Geistige, Kulturelle, Humane, das doch das Wesen Europas ausgemacht hat, an den Rand gedr\u00e4ngt wird!&#148; &#151; Diese Frage besch\u00e4ftigte Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff, als sie ihr 1997 erschienenes Buch Zivilisiert den Kapitalismus. Grenzen der Freiheit vorbereitete.<\/i><\/p>\n<p>So hat sie es bei einer Pr\u00e4sentation dieses Buches an der Universit\u00e4t Basel berichtet, an der sie in den 1930er Jahren studiert hat. Damals bot die Schweizer Universit\u00e4t der Studentin Marion von D\u00f6nhoff die M\u00f6glichkeit, unauff\u00e4llig weiter zu studieren, nachdem sie in Deutschland als allzu aufm\u00fcpfige junge Dame Missfallen erregt hatte. Ihre Mutter fand ein aufw\u00e4ndiges Studium, ja vorher schon das Abitur, eigentlich \u00fcberfl\u00fcssig. Aber der eigenwilligen Tochter ging es um eine solide fachliche Grundlage daf\u00fcr, die elterlichen G\u00fcter in Ostpreu\u00dfen \u00f6konomisch erfolgreich zu verwalten, als die Br\u00fcder daf\u00fcr nicht mehr zur Verf\u00fcgung standen. Ein fr\u00fches Foto zeigt sie mit Schlips zu Pferd, ein anderes auf den Schultern zweier Br\u00fcder stehend. Es gibt auch eines im flotten Porsche. Das Extravagante, auch wo es eine erkennbare materielle Grundlage brauchte, war ihr also nicht fremd. Ja, Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff war extravagant; sie ging ihre eigenen Wege, selbstbewusst (als einzige Frau in ihrem Abiturjahrgang), anspruchsvoll, und &#150; wie Alice Schwarzer in ihrer Biographie beschreibt &#150; nicht ohne Ambivalenz gegen\u00fcber ihren Geschlechtsgenossinnen. Es war f\u00fcr sie normal, als einzige Frau unter M\u00e4nnern zu agieren, sehr erfolgreich und meinungsbildend. Und zugleich legte sie, ihrer preu\u00dfischen Erziehung gem\u00e4\u00df, gro\u00dfen Wert auf Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit. Sich in den Vordergrund zu spielen, war verp\u00f6nt. Auch Sentimentalit\u00e4t war Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff nicht nur fremd, sondern regelrecht zuwider. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Frau von der Lebensintensit\u00e4t und Entschiedenheit in der Orientierung, wie Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff sie vorlebte, frei gewesen w\u00e4re von starken Gef\u00fchlen. Freilich war es eine Sache der Selbstdisziplin, der Ehre und vielleicht auch der Scheu, Gef\u00fchle als Privatsache f\u00fcr sich zu behalten, sie zu kaschieren mit leichter, m\u00e4dchenhafter Eleganz.<\/p>\n<p>Um welche Sache ging es Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff, woran orientierte sie sich und wof\u00fcr stand sie ein? Auf der Ebene der Werte waren das wohl Ehrlichkeit, N\u00fcchternheit, Pflichtbewusstsein und vor allem Anstand, der dem Begriff nach etwas mit dem &#132;Stand&#148; zu tun hat, dem sie angeh\u00f6rte und von dem sie Vorbildliches verlangte. Anstand sollte aber \u00fcber das eigene soziale Milieu hinaus als Inbegriff von W\u00fcrde und Freiheit, von Mut, R\u00fccksichtnahme und Gemeinsinn allen zug\u00e4nglich und f\u00fcr alle als Richtschnur verbindlich sein. Der Nationalsozialismus stellte eine essentielle Bedrohung all dieser Werte dar. Er war &#132;Um der Ehre willen&#148; &#150; so einer ihrer Buchtitel &#150; zu bek\u00e4mpfen. Die Erinnerung an den Widerstand hat sie nach 1945 f\u00fcr den Rest ihres Lebens gepr\u00e4gt. Das Andenken der Verschw\u00f6rer vom 20. Juli wach zu halten und der Nachwelt lebendig zu vermitteln, wurde ihr zur wichtigsten Aufgabe.l Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus blieb wohl auch die Folie, vor der sie sp\u00e4ter Politik beurteilte und gestaltete. &#132;Nie wieder ist bei uns so existentiell gelebt worden, wie vor 1945, so bewusst und solange auf dem schmalen Grat zwischen Tod und Leben. Politik war zu jener Zeit stets mit dem Einsatz der ganzen Person verbunden&#148;, so res\u00fcmiert sie im Jahre 1990 die Hinrichtung von Peter Graf Yorck von Wartenburg als &#132;Preu\u00dfens letztes Kapitel&#148;.<\/p>\n<h5><span id=\"heimatverlust-und-versoehnungswillen\">Heimat&shy;ver&shy;lust und Vers&ouml;h&shy;nungs&shy;willen<\/span><\/h5>\n<p>Dass sie auch das Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschen und Polen, und nicht zuletzt den Verlust ihres Familiensitzes und ihrer ostpreu\u00dfischen Heimat immer vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Unmenschlichkeit gedeutet hat und angegangen ist, ohne die Schmerzlichkeit dieses Verlustes und das Leid der Menschen &#151; der Polen, die geknechtet und ermordet, und der Deutschen, die danach unter gro\u00dfem Leid vertrieben worden sind &#151; zu schm\u00e4lern, zeigt den Adel und die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit ihres Geistes. Nicht einen Augenblick hat sie bei unseren polnischen Nachbarn das Missverst\u00e4ndnis einer einseitig deutschen Parteilichkeit ausgel\u00f6st. Nicht einen Augenblick lang hat sie sich &#151; umgekehrt &#150; bei den polnischen Nachbarn angebiedert.<\/p>\n<p>Es ist spannend, in ihrer Aufsatzsammlung zum deutsch-polnischen Verh\u00e4ltnis, die 1990 unter dem Titel Polen und Deutsche. Die schwierige Vers\u00f6hnung erschienen ist, sich den langen Weg zur Demokratisierung Polens und zur schlie\u00dflichen staatlichen deutschen Anerkennung der Oder-Nei\u00dfe-Grenze noch einmal vor Augen zu f\u00fchren. Unbeirrt verfolgt sie in ihren Kommentaren einen Weg, der auf der einen Seite die damalige polnisch-kommunistische Geschichtsklitterung zur\u00fcckweist, nach der die ehemaligen deutschen Ostgebiete schon fr\u00fcher \u00fcberwiegend von Polen besiedelt gewesen w\u00e4ren; der aber vor allem gegen jede Revisionsforderung unmissverst\u00e4ndlich klar stellt, dass es der nationalsozialistische Gr\u00f6\u00dfenwahn war, der zum Verlust dieser Gebiete f\u00fchrte, einem endg\u00fcltigen Verlust, dessen Anerkennung allererst f\u00fcr Polen und Deutsche eine gemeinsame Zukunft er\u00f6ffnet. Ihre damalige Argumentation, bei der die existenzielle Bedeutung von Heimat eine wichtige Rolle spielt, hat nichts an Aktualit\u00e4t verloren. Deshalb sei hier ein ausf\u00fchrliches Zitat gestattet, das aus einem Kommentar zum Abschluss des Vertrages \u00fcber die Oder-Nei\u00dfe-Grenze aus dem Winter 1970 stammt: &#132;Heimat ist f\u00fcr die meisten Menschen etwas, das vor aller Vernunft liegt und nicht beschreibbar ist. Etwas, das mit dem Leben und Sein jedes Heranwachsenden so eng verbunden ist, dass dort die Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcrs Leben gesetzt werden. F\u00fcr den Menschen aus dem Osten gilt das besonders. Wer dort geboren wurde, in jener gro\u00dfen einsamen Landschaft endloser W\u00e4lder, blauer Seen und weiter Flussniederungen, f\u00fcr den ist Heimat wahrscheinlich doch noch mehr als f\u00fcr diejenigen, die im Industriegebiet oder in Gro\u00dfst\u00e4dten aufwuchsen.&#8220; (D\u00f6nhoff 1991: 54). In ihrer ostpreu\u00dfischen Heimat, so schreibt Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff weiter, hat die Herrschaft immer wieder gewechselt. Sie war f\u00fcr die Menschen nicht entscheidend, sondern entscheidend &#132;war es, festzuhalten am Grund und Boden, der Landschaft zugeordnet zu sein&#148;. (ebd.: 55) &#132;Seit nun die Deutschen aus ihrer Heimat \u00f6stlich von Oder und Nei\u00dfe vertrieben wurden, hat es mit jenem Wechsel der Herrschaft ein Ende. Jetzt ist das Land polnisch. Fast die H\u00e4lfte aller heute in den alten deutschen Gebieten lebenden Menschen wurde bereits dort geboren. Die Polen haben, wie auch die Tschechen reinen Tisch gemacht. Nie zuvor hatte jemand im Osten versucht, sich dadurch in den endg\u00fcltigen Besitz von L\u00e4ndern und Provinzen zu setzen, dass er acht Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieb. Aber wer k\u00f6nnte es den Polen verdenken? Nie zuvor war ja auch einem Volk so viel Leid zugef\u00fcgt worden wie ihnen w\u00e4hrend des Dritten Reiches.&#148; (ebd.)<\/p>\n<h5><span id=\"die-ungeheuerlichkeit-der-ns-verbrechen\">Die Ungeheu&shy;er&shy;lich&shy;keit der NS-Ver&shy;bre&shy;chen<\/span><\/h5>\n<p>Die qualitativ neue Ungeheuerlichkeit der nationalsozialistischen Herrschaftsanspr\u00fcche \u00fcber Polen, in deren Dienst auch die deutsche Wehrmacht stand, belegte Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff mit den rassistischen Worten des deutschen Generalgouverneurs Hans Frank. &#132;Kein Pole&#148;, so Frank in einer Ansprache, &#132;soll \u00fcber den Rang eines Werkmeisters hinauskommen. Kein Pole wird die M\u00f6glichkeit erhalten k\u00f6nnen, an allgemeinen staatlichen Anstalten sich eine h\u00f6here Bildung anzueignen. Ich darf Sie bitten,&#148; befahl er seinen Untergebenen, &#132;diese klare Linie einzuhalten! [&#8230;] Was wir jetzt als F\u00fchrungsschicht in Polen festgestellt haben, das ist zu liquidieren; was wieder nachw\u00e4chst, ist von nun an sicherzustellen und in einem entsprechenden Zeitraum wieder wegzuschaffen. [..,] Wir brauchen diese Elemente nicht erst in die Konzentrationslager des Reiches abzuschleppen; denn dann h\u00e4tten wir Scherereien und einen unn\u00f6tigen Briefwechsel mit den Familienangeh\u00f6rigen, sondern wir liquidieren die Dinge im Lande.&#148; (zit. n. ebd.: SSf.) Hier ging es nicht einfach um eine Herrschaftseroberung, hier ging es um die andauernde Erniedrigung eines Volkes und um seine substanzielle Vernichtung.<\/p>\n<p>Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoffs nachdr\u00fcckliche Erinnerung an die historische Abfolge von nationalsozialistischer Vernichtungspolitik und der Vertreibung der Deutschen bedeutet weder eine moralische Rechtfertigung der Vertreibungsbrutalit\u00e4ten, noch gar eine Inhaftnahme der Vertriebenen f\u00fcr die nationalsozialistischen Gr\u00e4uel. Eine solche pauschale Inhaftnahme w\u00e4re ihrerseits unmoralisch, denn das ganze deutsche Volk ist f\u00fcr die Gr\u00e4uel politisch verantwortlich. Aber wenn man als Deutsche das Grundgebot der Gerechtigkeit, sich an die Stelle des anderen zu versetzen, ernst nimmt, dann wird man die zeitliche und historische Abfolge von Nationalsozialismus und Vertreibung nicht eine Sekunde lang au\u00dfer Acht lassen. Und man wird sich zugleich der innerdeutschen Gerechtigkeit in bezug auf die Folgen verpflichtet f\u00fchlen. Das gilt f\u00fcr die Vertriebenen und die davon verschont Gebliebenen ebenso wie f\u00fcr die unterschiedlichen Schicksale von Ostdeutschen und Westdeutschen.<\/p>\n<p>Wie schwer Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff an dem Verlust ihrer Heimat, f\u00fcr den sie politisch und moralisch unbeirrbar warb, zugleich getragen hat, sieht man daran, dass s Willy Brandts Einladung, der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages\u00a0 wohnen, abgelehnt hat. Denn damit wurde 1970 der Verlust &#8211; politisch richtig, aber eben verbunden mit Schmerz &#8211; endg\u00fcltig festgeschrieben. Willy Brandt hat dies\u00a0 respektiert, ebenso wie die polnischen Nachbarn. Vorbildliches hat sie uns damit vorgelebt, hat gezeigt, dass es einen authentischen Weg der Vers\u00f6hnung gibt, der die Gegenseitigkeit nicht als offenkundige oder kaschierte Schuldaufrechnung, sondern als aufrichtige Trauer \u00fcber die Wunde der anderen praktiziert, in der dann auch die \u00fcber die eignen Verletzungen und Verluste ihren legitimen Platz hat. Damit hat sie den Boden bereitet f\u00fcr eine Vers\u00f6hnung, die die Geschichte des polnischen Westens wie des dein sehen Ostens in ihrer kulturellen Verschr\u00e4nkung vorurteilsfrei erschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<h5><span id=\"fuer-eine-zivilisierung-des-kapitalismus\">F&uuml;r eine Zivili&shy;sie&shy;rung des Kapita&shy;lismus<\/span><\/h5>\n<p>Zum Verstehen und Verzeihen geh\u00f6rt aber auch eine Orientierung an Werten, ohne dieses ein freiheitliches Gemeinwesen nicht gedeihen kann. Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff hat dies vorgelebt. In ihrem eingangs zitierten Buch mit dem imperativischen Titel Zivilvisier den Kapitalismus und dem Untertitel Grenzen der Freiheit hat die Autorin wie in einen Verm\u00e4chtnis eindringlich auf die Gefahren hingewiesen, die aus einer schrankenloser und dadurch wieder bornierten \u00d6konomisierung unseres Lebens und Denkens f\u00fcr unsere Freiheit und W\u00fcrde erw\u00e4chst. &#132;Der Mensch wird als homo oeconomicus aufgefasst der streng rational seinen Vorteil kalkuliert und seinen Nutzen pr\u00e4zis maximiert. [&#8230;]<\/p>\n<p>Die Rahmenbedingungen, innerhalb derer jener homo oeconomicus agiert, sind bestimmt durch das Marktsystem, das auf dem Wettbewerb beruht, und der Motor des Wettbewerbs &#8211; ich muss besser sein als der andere &#8211; ist der Egoismus. Ein Egoismus, der vor nichts haltmacht. In seinem Gefolge w\u00e4chst die Brutalit\u00e4t, die unseren Alltag kennzeichnet, wie auch die Korruption, die in vielen L\u00e4ndern mittlerweile bis hinauf ins Kabinett reicht.&#148; (D\u00f6nhoff 1997: 13). Damit werden weder Wettbewerb noch Marktwirtschaft &#8211; wenn sie in ihren Grenzen gehalten werden &#8211; abgelehnt. Vielmehr geht es um eine Verpflichtung des Kapitalismus auf bestimmte Werte und ethische Maximen. In den Worten Gr\u00e4fin D\u00f6nhoffs: &#132;Niemand kann bestreiten, dass das Marktsystem in seiner Effizienz von keinem anderen Wirtschaftssystem \u00fcbertroffen wird; aber wenn der Markt kritiklos idealisiert wird, wenn ihm keine ethischen Grenzen gesetzt werden, wenn er sozusagen als s\u00e4kularisierte Eschatologie angesehen wird, dann entartet das Ganze mit der Zeit zu einem catch-as-catch-can.&#8220;(ebd.: 14) Hier mag auch die Distanz einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Repr\u00e4sentantin des preu\u00dfischen Adels gegen\u00fcber einem immerfort rechnenden B\u00fcrgertum zum Ausdruck kommen; in historischer Sicht mag man diese adlige Sicht, die im kulturellen Erbe Polens ebenfalls immer noch eine betr\u00e4chtliche Rolle spielt, als Relikt einer untergegangenen Welt bel\u00e4cheln. W\u00e4re dem wirklich so, g\u00e4be es keine Werte, die dem menschlichen Leben \u00fcber das \u00d6konomische hinaus Sinn verleihen. Dann h\u00e4tten wir eine leere, trostlose Zukunft vor uns. Aber dem ist nicht so. Wir haben die M\u00f6glichkeit und die Pflicht, unsere Welt so zu gestalten, dass unser kultureller Reichtum und vor allem unsere W\u00fcrde, auf die wir ein Recht haben, die uns aber auch fordert, unser Leben pr\u00e4gen und es allererst &#151; sinnerf\u00fcllt &#151; lebenswert machen. Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff hat uns daf\u00fcr ein ermutigendes Beispiel gegeben. Wenn sie ihre Mahnungen mit dem Satz schlie\u00dft: &#132;Alles h\u00e4ngt von den Menschen ab &#150; von jedem einzelnen von uns&#148;, dann schenkt sie uns damit ein Motto, dessen das zusammenwachsende Europa dringend bedarf. Wir sollten es im Herzen bewahren.<\/p>\n<p><b>* <\/b>Laudatio anl\u00e4sslich der Einweihung des H\u00f6rsaal-Mensa-Geb\u00e4udes der Europa-Universit\u00e4t Viadrina<br \/>als &#132;Gr\u00e4fin-D\u00f6nhoff-Geb\u00e4ude&#148; am 19. April 2004.<br \/>1 Die Erinnerungsarbeit von D\u00f6nhoff nach 1945 wird in der zeitgen\u00f6ssischen Forschung allerdings auch kritisch bewertet: vgl. das Interview mit dem Zeithistoriker Stephan Malinowski in: Der Spiegel Nr. 29 vom 12. Juli 2004, S. 46-48 oder in anderem Zusammenhang Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anf\u00e4nge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, M\u00fcnchen 1996, S. 174f.,<br \/>199, 222.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>D\u00f6nhoff, Marion Gr\u00e4fin 1988: Kindheit in Ostpreu\u00dfen, Berlin<br \/>D\u00f6nhoff, Marion Gr\u00e4fin 1991: Polen und Deutsche &#150; Die schwierige Vers\u00f6hnung. Betrachtungen aus<br \/>drei Jahrzehnten, FrankfurtlMain<br \/>D\u00f6nhoff, Marion Gr\u00e4fin i. Zusammenarb. m. Schwarzer, Alice 1996: Marion D\u00f6nhoff. Ein widerst\u00e4ndiges Leben, K\u00f6ln D\u00f6nhoff, Marion Gr\u00e4fin 1997: Zivilisiert den Kapitalismus. Grenzen der Freiheit, Stuttgart<br \/>Innerhalb der politischen Linken in Deutschland und in den Schreibstuben der Nation bewegt seit dem Fr\u00fchjahr die Gr\u00fcndung einer neuen Linkspartei die Gem\u00fcter. Journalisten und Politologen sch\u00e4tzen die Potenziale einer solchen Partei ein (Walter 2004; Walter\/Spier 2004); linke Sozialdemokraten diskutieren \u00fcber das F\u00fcr und Wider, sich einer solchen Formation anzuschlie\u00dfen (daf\u00fcr Putz 2004, dagegen R\u00fcnker et al. 2004).<br \/>Die politische Situation des Sommers 2004 scheint diese Debatte bef\u00f6rdert zu haben. Die SPD musste seit der gewonnenen Bundestagswahl im Herbst 2002 &#151; mit Ausnahme der Landtagswahl in Bremen &#151; bei allen Wahlen Verluste hinnehmen, die teilweise dramatische Ausma\u00dfe annahmen. Anfangs versuchten viele diese Einbr\u00fcche als Probleme unzureichender &#132;Politikvermittlung&#148; darzustellen. Doch mehr als anderthalb Jahre nach der Agenda-2010-Rede des Bundeskanzlers im M\u00e4rz 2003, die Sinn stiften und die Richtung vorgeben sollte, hat sich Vermittlung der SPD-Politik noch nicht positiv beim W\u00e4hler bemerkbar gemacht. Das Gegenteil ist der Fall: Die Reduzierung sozialer Transferleistungen f\u00fcr Langzeitarbeitslose, die Senkung des Spitzensteuersatzes und die Leistungseinschnitte in der Gesetzlichen Krankenkasse passen f\u00fcr viele kaum zu den klassischen sozialdemokratischen Grundwerten. Selbst Spitzengenossen f\u00e4llt es schwer, diese Politik zu<br \/>Parteien<br \/>antizipieren. Die sozialdemokratischen Funktion\u00e4re an der Basis verstehen immer weniger ihre Vertreter in Berlin und deren Politik. Und die sozialdemokratischen W\u00e4hler f\u00fchlen sich von Reformen und Ver\u00e4nderungen bedroht.<br \/>Die SPD-Gegner aus den eigenen Reihen<br \/>Insofern war es logisch, dass sich gegen diese Politik Widerspruch formierte, an dessen Spitze die engsten Verb\u00fcndeten der SPD stehen: die Gewerkschaften und die Sozialverb\u00e4nde. Sie repr\u00e4sentieren, zusammen mit mittlerweile nicht mehr zur Wahl gehenden ehemaligen W\u00e4hlern der SPD, ein gro\u00dfes Potenzial linker W\u00e4hlerstimmen, das sich nicht mehr durch die Politik der SPD vertreten f\u00fchlt. Die nun als Parteigr\u00fcnder einer m\u00f6glichen Linkspartei auf-tretenden Akteure sehen links von der SPD M\u00f6glichkeiten, dieses Potenzial f\u00fcr Wahlen zu mobilisieren. Unter den F\u00fchrungspersonen der &#132;Wahlalternative&#148; sind vor allem gestandene Gewerkschafter auf der Zielgeraden ihres politischen Engagements; in ihrer politischen Sozialisation Teil der Generation Schr\u00f6der, teil-weise etwas j\u00fcnger, daf\u00fcr aber zumeist eben so lange im politischen Gesch\u00e4ft wie Schr\u00f6der, M\u00fcntefering und Co. Zu diesen Initiatoren stie\u00dfen vor allem Attac-Aktivisten, welche \u00fcber den Kreis ihrer ins Stocken geratenen Bewegung hinaus politisch gestalten wollen.<br \/>Stephan Klecha<br \/>Mit einer Linkspartei in die Offensive?<br \/>Jenseits der Schr\u00f6der-SPD: Politikkonzepte, Milieu und W\u00e4hlerpotenziale einer neuen Partei<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2250],"publikationen":[1086],"class_list":["post-12007","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-gesine-schwan","publikationen-167-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>\u201eAlles h\u00e4ngt vom Menschen ab\u0094 - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/alles-haengt-vom-menschen-ab\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"\u201eAlles h\u00e4ngt vom Menschen ab\u0094 - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u00dcber Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff* aus: Vorg\u00e4nge Nr. 167 ( Heft 3\/2004 ), S.102-106 &#132;Wie kommt es, dass heute alles Interesse auf das Wirtschaftliche fixiert ist und das Geistige, Kulturelle, Humane, das doch das Wesen Europas ausgemacht hat, an den Rand gedr\u00e4ngt wird!&#148; 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