{"id":12008,"date":"2004-09-20T14:50:00","date_gmt":"2004-09-20T12:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/mit-einer-linkspartei-in-die-offensive\/"},"modified":"2021-08-31T10:13:58","modified_gmt":"2021-08-31T08:13:58","slug":"mit-einer-linkspartei-in-die-offensive","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/mit-einer-linkspartei-in-die-offensive\/","title":{"rendered":"Mit einer Linkspartei in die Offensive?"},"content":{"rendered":"<p>Jenseits der Schr&ouml;der-SPD: Politikkonzepte, Milieu und W&auml;hlerpotenziale einer neuen Partei<\/p>\n<p>aus: Vorg&auml;nge Nr. 167 ( Heft 3\/2004 )S, 107-113<\/p>\n<p><i>Innerhalb der politischen Linken in Deutschland und in den Schreibstuben der Nation bewegt seit dem Fr&uuml;hjahr die Gr&uuml;ndung einer neuen Linkspartei die Gem&uuml;ter. Journalisten und Politologen sch&auml;tzen die Potenziale einer solchen Partei ein (Walter 2004; Walter\/Spier 2004); linke Sozialdemokraten diskutieren &uuml;ber das F&uuml;r und Wider, sich einer solchen Formation anzuschlie&szlig;en (daf&uuml;r Putz 2004, dagegen R&uuml;nker et al. 2004).<\/i><\/p>\n<p>Die politische Situation des Sommers 2004 scheint diese Debatte bef&ouml;rdert zu haben. Die SPD musste seit der gewonnenen Bundestagswahl im Herbst 2002 &#8211; mit Ausnahme der Landtagswahl in Bremen &#8211; bei allen Wahlen Verluste hinnehmen, die teilweise dramatische Ausma&szlig;e annahmen. Anfangs versuchten viele diese Einbr&uuml;che als Probleme unzureichender &bdquo;Politikvermittlung&rdquo; darzustellen. Doch mehr als anderthalb Jahre nach der Agenda-2010-Rede des Bundeskanzlers im M&auml;rz 2003, die Sinn stiften und die Richtung vorgeben sollte, hat sich Vermittlung der SPD-Politik noch nicht positiv beim W&auml;hler bemerkbar gemacht. Das Gegenteil ist der Fall: Die Reduzierung sozialer Transferleistungen f&uuml;r Langzeitarbeitslose, die Senkung des Spitzensteuersatzes und die Leistungseinschnitte in der Gesetzlichen Krankenkasse passen f&uuml;r viele kaum zu den klassischen sozialdemokratischen Grundwerten. Selbst Spitzengenossen f&auml;llt es schwer, diese Politik zu antizipieren. Die sozialdemokratischen Funktion&auml;re an der Basis verstehen immer weniger ihre Vertreter in Berlin und deren Politik. Und die sozialdemokratischen W&auml;hler f&uuml;hlen sich von Reformen und Ver&auml;nderungen bedroht.<\/p>\n<h5><span id=\"die-spd-gegner-aus-den-eigenen-reihen\">Die SPD-Gegner aus den eigenen Reihen<\/span><\/h5>\n<p>Insofern war es logisch, dass sich gegen diese Politik Widerspruch formierte, an dessen Spitze die engsten Verb&uuml;ndeten der SPD stehen: die Gewerkschaften und die Sozialverb&auml;nde. Sie repr&auml;sentieren, zusammen mit mittlerweile nicht mehr &#8218;zur Wahl gehenden ehemaligen W&auml;hlern der SPD, ein gro&szlig;es Potenzial linker W&auml;hlerstimmen, das sich nicht mehr durch die Politik der SPD vertreten f&uuml;hlt. Die nun als Parteigr&uuml;nder einer m&ouml;glichen Linkspartei auftretenden Akteure sehen links von der SPD M&ouml;glichkeiten, dieses Potenzial f&uuml;r Wahlen zu mobilisieren. Unter den F&uuml;hrungspersonen der &bdquo;Wahlalternative&rdquo; sind vor allem gestandene Gewerkschafter auf der Zielgeraden ihres politischen Engagements; in ihrer politischen Sozialisation Teil der Generation Schr&ouml;der, teilweise etwas j&uuml;nger, daf&uuml;r aber zumeist eben so lange im politischen Gesch&auml;ft wie Schr&ouml;der, M&uuml;ntefering und Co. Zu diesen Initiatoren stie&szlig;en vor allem Attac-Aktivisten, welche &uuml;ber den Kreis ihrer ins Stocken geratenen Bewegung hinaus politisch gestalten wollen.<\/p>\n<p>Ein Gro&szlig;teil der Initiatoren verf&uuml;gt auf Grund langj&auml;hriger T&auml;tigkeiten &uuml;ber die Kompetenzen und Organisationsf&auml;higkeiten, einen Apparat aufzubauen und zu leiten. Doch gerade beim Aufbau der Strukturen m&uuml;ssen sie sich mit etlichen linkssektiererischen Mitstreitern herumschlagen, die M&uuml;he haben, im politischen Diskurs einen Konsens zu entwickeln, geschweige denn diesen nach au&szlig;en zu vertreten. Ein solcher Konsens ist notwendig, wenn eine Linkspartei Erfolg haben will. Erfolg bedeutet hierbei mehr als Achtungserfolge bei Wahlen oder gar den Einzug in den n&auml;chsten Bundestag: Das Erfolgskriterium w&auml;re die F&auml;higkeit und Bereitschaft mitzuregieren. Dies scheint jedoch bei den neuen Linksaktivisten noch umstritten zu sein bzw. noch kaum thematisiert zu werden. Dabei ist es eine strategische Schl&uuml;sselfrage, die &uuml;ber die Nachhaltigkeit des Projekts entscheidet. Die Gewerkschafter in den Reihen der m&ouml;glichen Linkspartei haben die Erfahrung politischer Gestaltungsmacht: Gerade die IG Metall, der die meisten Initiatoren entstammen, bezog des &ouml;fteren prononciert politische Positionen und musste gleichzeitig kompromissf&auml;hig bleiben, um (tarif-)politisch zu wirken.<\/p>\n<p>Trotz dieser praktischen Gestaltungserfahrung ist den Parteigr&uuml;ndern in spe die Richtung ihrer Aktivit&auml;ten noch weitgehend unklar: Einerseits favorisieren sie eine linke Neugr&uuml;ndung gerade deswegen, weil sie mit den bestehenden Alternativen (z.B. PDS) unzufrieden sind, da diese in Regierungsverantwortung nicht das eingehalten haben, was man sich von ihnen versprochen hatte. Andererseits bewegen sich manche der vorgelegten politischen Positionen noch auf der Vision und Ideenebene und vermitteln dennoch den Eindruck, als wolle man sie sofort umsetzen. Zwar liegen durchaus diskussionsf&auml;hige tarif-, landes- und bundespolitische Forderungen vor (L&ouml;sing\/ Troost 2004), jedoch in bezug auf die unterschiedlichen Regelungszust&auml;ndigkeiten bleibt bisher offen, ob und wie eine solche politische Agenda umgesetzt werden kann und soll. Insbesondere aus dem Kreis der Bremer Arbeitsgruppe f&uuml;r alternative Wirtschaftspolitik, gleichsam Thinktank der neuen Linkspartei, werden zwar durchaus interessante politische Konzepte vorformuliert. An das zwangsl&auml;ufige Arrangement mit verschiedenen Vetospielern im politischen System wird dabei aber fast nie gedacht. So erscheint beispielsweise unklar, wie die geforderten j&auml;hrlichen 70 Mrd. Euro zur Schaffung von 1,5 Mio. Arbeitspl&auml;tzen kurzfristig mit dem &mdash; ob es einem gef&auml;llt oder nicht &mdash; verbindlichen Euro-Stabilit&auml;tspakt in Deckung gebracht werden k&ouml;nnen oder wie die eingeforderte Steigerung der Reall&ouml;hne mit einem Rentenbeitrag von &uuml;ber 22 Prozent realisiert werden soll. Dies spricht alles nicht gegen diese Forderungen, doch fehlt es an einer Einordnung in den gesamtpolitischen Rahmen. Das gilt vor allem in bezug auf die Europ&auml;ische Union, die nicht nur &uuml;ber die Geldpolitik eine Reihe von Vorgaben macht, welche die Handlungsspielr&auml;ume einschr&auml;nken. Jede &Auml;nderung dieser Politik br&auml;uchte Zeit und w&auml;re nur im europ&auml;ischen Kontext m&ouml;glich. Die neue Formation weckt vielfach Hoffnungen und W&uuml;nsche, deren Realisierung sie nicht garantieren kann, sofern sie irgendwann politische Verantwortung &uuml;bernehmen will.<\/p>\n<h5><span id=\"das-strategische-dilemma-regieren-opponieren-oder-beides-zugleich\">Das strate&shy;gi&shy;sche Dilemma: Regieren, Opponieren oder beides zugleich?<\/span><\/h5>\n<p>Detlef Hensche hat dies in einem wohlmeinend kritischen Beitrag angedeutet und den Initiatoren Zeit zugestanden, die Programmatik zu sch&auml;rfen (Hensche 2004). Allerdings stellt sich bereits jetzt in einem Fr&uuml;hstadium die grunds&auml;tzliche Frage, wo sich eine solche Partei inhaltlich-strategisch positionieren will. Sp&auml;testens in dem Moment, in dem eine Linkspartei in eine Situation geriete, im Bundestag Z&uuml;nglein an der Waage zu sein, w&uuml;rde das Dilemma sichtbar. W&uuml;rde sie dann eine rot-gr&uuml;ne Minderheitsregierung tolerieren und zu welchem Preis? Die PDS hatte solche Fragen lange Zeit aufgeschoben, bis zur Wahlniederlage 2002; noch immer ist diese Debatte in der Partei nicht entschieden. Eine politische Partei kann sich zwar bewusst f&uuml;r die Oppositionsrolle entscheiden, doch sobald eine Regierungsbeteiligung oder -tolerierung m&ouml;glich ist, wird diese Entscheidung nicht dauerhaft auszuhalten sein: Die eigenen Anh&auml;nger dr&auml;ngen auf Umsetzung der beschlossenen Politik, die W&auml;hler strafen eine Haltung der Abstinenz ab und die handelnden Akteure wollen auch einmal am Hebel der Macht sitzen. Tritt aber eine solche Formation in eine Regierung ein, liefert sie sich den kurz- und mittelfristig nicht zu &uuml;berwindenden Zw&auml;ngen der Politik aus, was wieder-um ihre Anh&auml;ngerschaft verschreckt &mdash; das klassische Dilemma nicht etablierter politischer Kr&auml;fte.<br \/>In den gegenw&auml;rtigen Debatten um Kooperations- oder Konfrontationskurs einer Linkspartei tauchen die Probleme wieder auf, die schon die sozialpolitische Diskussion der IG Metall-Zukunftsdebatte zwischen 1999 und 2003 beherrschten. In der IG Metall wurde damals die Frage diskutiert, ob es strategisch g&uuml;nstiger sei, eine defensive Abwehrschlacht f&uuml;r den Erhalt des Status quo gegen die Agenda 2010 und andere Reformpakete zu organisieren, oder ob es kl&uuml;ger w&auml;re, die Analysen und Argumente anderer, auch neoliberaler Kr&auml;fte, aufzugreifen und kritisch zu pr&uuml;fen, um sie so einer eigenen Positionsfindung nutzbar zu machen (zu den Polen der Debatte: Urban 2003 und Lang 2003). Diese Entscheidung muss eine neue Linkspartei aber schon in ihrer Gr&uuml;ndungsphase treffen, denn bereits jetzt ist dort ein Sammelsurium linker Positionen zu beobachten: In Windeseile tauchten in der Sammlungsbewegung staatsfixierte wie anti etatistische Traditionen der Linken auf, Gewerkschafter trafen auf Leute, die Gewerkschaften f&uuml;r den Hort reaktion&auml;rer Politik halten. Die westdeutsche PDS liefert bis heute anschauliche Beispiele daf&uuml;r, was solch eine bunte Truppe anzurichten vermag. Auch die &Auml;lteren unter den Gr&uuml;nen k&ouml;nnen sich auch noch an das Destruktionspotenzial derartiger Politikfreerider erinnern, die gegenw&auml;rtig in den Gr&uuml;ndungsinitiativen f&uuml;r eine Linkspartei auftauchen.<\/p>\n<p>Die Gr&uuml;ndung einer Linkspartei, so da Zwischenfazit, zieht sehr heterogene Gruppe und Individuen an, die allerdings lange ein politische Heimat hatten, entweder innerhalb der Gewerkschaften, der Sozialdemokratie oder innerhalb einer linken Splittergruppe. Viele die ser Akteure haben sich schon seit einiger Zeit von der SPD entfremdet oder standen&nbsp; &mdash; in der Tradition linker Sektierergruppen&mdash; immer schon feindselig gegen&uuml;ber. Sozialstrukturen sind sie den mittleren Arbeitnehmergeschichte verbunden mit einem leichten Hang zu linksintellektuellem Gutmenschentum. An de Gesinnung f&uuml;r eine Linkspartei gibt es also wenig Zweifel. Doch reicht sie, entwurzelte W&auml;hlerschichten zu binden?<\/p>\n<h5><span id=\"sozialdemokratische-erosionsprozesse\">Sozial&shy;de&shy;mo&shy;kra&shy;ti&shy;sche Erosi&shy;ons&shy;pro&shy;zesse<\/span><\/h5>\n<p>Sei den Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen im Februar 2003, also noch vor der Agenda-2010-Erkl&auml;rung des Kanzlers, wurden die Sozialdemokraten schon &uuml;bel abgestraft Doch die allerletzten traditionsreichen Bastionen blieben ihnen erhalten, so etwa in Nordhessen, in Teilen Hannovers und in Ostfriesland. Dabei erwiesen sich gerade diejenigen als sozialdemokratische Traditionsw&auml;hler, die noch eng mit den Institutionen im Vor- und Umfeld der Partei verbunden waren. Obwohl die ersten Irrlichter der Agenda 2010 durch den Raum geisterten, beispielsweise beim K&uuml;ndigungsschutz, votierten die gewerkschaftlich organisierten W&auml;hler bei den Landtagswahlen immer noch mehrheitlich f&uuml;r die SPD &mdash; auch wenn, wie schon bei der Bundestagswahl, in dieser Gruppe bereits &uuml;berdurchschnittliche Verluste zu verzeichnen waren (vgl. Einblick 3\/03: 2; Roth 2003: 42). Das wahre Desaster in dieser W&auml;hlergruppe offenbarte sich erst bei der Europawahl 2004: SPD und Union lagen nunmehr bei den gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern fast gleichauf (vgl. Einblick 12\/04: 3). Eben jene Leute, die die sozialdemokratische Bewegung bisher am Leben hielten, wandten sich zwar erst nach der Agenda-2010-Erkl&auml;rung des Kanzlers von der Partei ab, dann aber besonders wuchtig und &mdash; vermutlich &mdash; besonders nachhaltig. Aus dieser Gruppe rekrutiert sich jetzt der sichtbare und organisierende Kern einer m&ouml;glichen Linkspartei. Interessanterweise sind jedoch diejenigen, welche bereits bei den SPD-Niederlagen im Fr&uuml;hjahr 2003 eine weit gr&ouml;&szlig;ere Rolle spielten, unter diesen Engagierten nicht vertreten.<\/p>\n<p>Denn eine gravierende Entfremdung von der SPD setzte bereits kurz nach der Bundestagswahl 2002 gerade bei jenen Schichten ein, die nicht im Arbeitsleben stehen oder allenfalls am Rande der Facharbeitergesellschaft der Gewerkschaften ihr Dasein fristen. Abseits der Gesellschaft, beziehen diese Gruppen ihre Informationen zum politischen Weltgeschehen nicht aus der Frankfurter Rundschau, sondern allenfalls aus der Zeitung mit den gro&szlig;en Buchstaben. Sie sind nicht eingebunden in die tradierten sozialen Netzwerke aus Vereinen, Initiativen, Gewerkschaften oder Parteien. In weiten Teilen bilden sie eine moderne Variante des &bdquo;Lumpenproletariats&rdquo;, das Karl Marx, bezogen auf das 19. Jahrhundert, als diejenige Gruppe beschrieb, die &bdquo;in allen gro&szlig;en St&auml;dten eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedene Masse bildet, ein Rekrutierplatz f&uuml;r Diebe und Verbrecher aller Art, von Abf&auml;llen der Gesellschaft lebend, Leute ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, gens sans feu et sans aveu.&rdquo; (Marx 1976: 26)<\/p>\n<h5><span id=\"die-gesellschaftlich-entkoppelten-suchen-eine-politische-heimat\">Die gesell&shy;schaft&shy;lich Entkop&shy;pelten suchen eine politische Heimat<\/span><\/h5>\n<p>W&auml;hrend die bundesdeutsche Gesellschaft bis in die 1980er Jahre hinein zumindest den Versuch unternahm, diese Schichten einzubinden, entkoppelte die reale Politik des Sozialabbaus ab Beginn der 1980er Jahre materiell diese Schichten zunehmend vom Rest der Gesellschaft. Mit den Bildungsaufstiegen der unteren Mittelschichten und der Arbeitereliten in h&ouml;here Mittelschichtslagen entfernten sich diese ab den sp&auml;ten 1960er Jahren kulturell und durch Umz&uuml;ge in &bdquo;bessere&rdquo; Gegenden auch r&auml;umlich immer weiter von jenen Schichten (Gei&szlig;ler 1996; Walter 2004: 34ff., 128). Gerade aber das vermeintliche &bdquo;Lumpenproletariat&rdquo; besa&szlig; traditionell bei Wahlen eine Affinit&auml;t zur SPD, wenn sozialdemokratische Ansprechpartner, Multiplikatoren und Kommunikatoren vor Ort &bdquo;greif-bar&rdquo; waren, wenn die Partei durch Menschen personalisiert war, die die Politik ganz praktisch anpackten. Mit dem Weggang der Organisatoren des alten sozialdemokratischen Milieus aus diesen Quartieren erwies sich die Mobilisierung f&uuml;r die Wahlen in diesen Segmenten als zunehmend schwieriger (vgl. f&uuml;r die Bundestagswahl 2002 Roth 2003: 42, 52). Der Medienkanzler Schr&ouml;der schaffte es allerdings auf seinem Siegeszug in den 1990er Jahren, mit seinem &bdquo;Bild, BamS, Glotze&#8220;-Konzept in genau jenen Schichten zu re&uuml;ssieren. Mehr noch: Es gelang ihm sogar in christdemokratische Bastionen einzudringen, in denen die den Sozialdemokraten ebenb&uuml;rtigen christdemokratischen bodenst&auml;ndigen Machertypen vor Ort ebenfalls verschwunden waren (Vester et al. 2001: 108). Doch diese Triumphe Schr&ouml;ders ruhten nicht auf stabilen Fundamenten, sondern auf wackeligen St&uuml;tzbalken, die bei gr&ouml;&szlig;erer Belastung barsten.<\/p>\n<p>Am Spezialfall Ostdeutschland mit seinem Transformationsprozess nach 1990 &mdash; mit der Aufl&ouml;sung der alten Institutionen, den erfolgten berufsbiographischen Br&uuml;chen und dem fortlaufenden innerstaatlichen Migrationsprozess nach Westdeutschland &mdash; l&auml;sst sich diese Entwicklung sogar gro&szlig;fl&auml;chig zeigen. Bei vielen Wahlen seit 1990 war zu beobachten, wie volatil und anf&auml;llig f&uuml;r Stimmungen W&auml;hler ohne gesellschaftliche Verwurzelung im Umfeld von Parteien sind; zugleich sind sie schwer mobilisierbar. Ein Blick auf die Bundestagswahl 2002 nach der Flutkatastrophe im Osten belegt die Wechselhaftigkeit der Ostw&auml;hler: In Sachsen-Anhalt war im Juni die SPD-Landesregierung mit dramatischen Verlusten in die Opposition geschickt worden &mdash; im September erzielte die SPD ebendort bei der Bundestagswahl ein fulminantes Ergebnis. Kommunal-und Landtagswahlen in Ostdeutschland mit ihrer verschwindend geringen Wahlbeteiligung zeugen immer wieder von den Mobilisierungsschwierigkeiten bei den entwurzelten Nicht-Gewinnern der deutschen Einheit. Stimmungen beeinflussen stark die Wahlentscheidungen; Wahlergebnisse bekommen dadurch etwas Zu-f&auml;lliges, oft Dramatisches. In der alten Bundesrepublik waren Wahl&uuml;berraschungen seit Mitte der 1950er Jahre eher ungew&ouml;hnlich, doch in Ostdeutschland deutet sich in dieser Hinsicht ein Wandel an, der seit kurzem auch in Westdeutschland sichtbarer wird: das Ende stabiler politischer Lager.<\/p>\n<h5><span id=\"neue-milieus-neue-waehlerpotenziale\">Neue Milieus &mdash; neue W&auml;hler&shy;po&shy;ten&shy;ziale<\/span><\/h5>\n<p>Beim unerschlossenen W&auml;hlerpotenzial haben wir es mit politisch heimatlosen an- oder um-gelernten Arbeitern, Arbeitslosen oder auch Migranten zu tun. Wir finden in den Gro&szlig;st&auml;dten r&auml;umliche Verdichtungen in einstigen Arbeitervierteln, in Mietskasernen aus dem Zeit-alter des st&auml;dtebaulichen Funktionalismus der 1960er und 1970er Jahre oder in klassischen Sozialhilfequartieren. Zwar bestehen (noch?) keine stabilen und integrierenden Institutionen, Vereine oder formale Zusammenschl&uuml;sse, doch sind Cliquen, spontane Gruppen oder auch marodierende Banden anzutreffen, die sozial-kulturell durchaus den Halbstarken aus den 1950er Jahren &auml;hneln. Damit bilden sich jenseits der tradierten Organisationen andere institutionalisierte Formen; innerhalb der neuen Unterschichten sedimentieren sich &mdash; informell &mdash; somit erste zivilgesellschaftliche Organisationen und Strukturen. Eigene, wenn auch noch rudiment&auml;re, Milieustrukturen entstehen. Allerdings finden diese Milieus noch keine Entsprechung in konsistenter politischer Lagerbildung. Sie w&auml;hlen &mdash; wenn sie &uuml;berhaupt w&auml;hlen &mdash; besonders stimmungsabh&auml;ngig. Ihre aktuelle Pr&auml;ferenz liegt eher bei der Union, wie die hohen Zustimmungen der Arbeiter und der jungen M&auml;nner bei Landtagswahlen oder der Europawahl belegen. Es steht jedoch zu vermuten, dass sie sich von dieser Partei ab-wenden werden, sobald sie deren Reformideen real sp&uuml;ren, sobald sie also die Kopfpauschale zahlen m&uuml;ssen und ihnen die St&uuml;tze noch weiter gestrichen wird. Diese Schichten driften dann weiter nach rechts oder vielleicht auch nach links; beide Entwicklungen sind in Europa schon zu beobachten gewesen. So drang beispielsweise Haiders FP&Ouml; in die einstigen roten Hochburgen der Wiener Gemeindebauten vor, als sich dort im Verlauf der 1980er Jahre &auml;hnliche Entgrenzungstendenzen abspielten. Auf der anderen Seite war der Aufstieg der trotzkistischen Gruppen in Frankreich zu Beginn dieses Jahrtausends ein Beleg daf&uuml;r, dass auch eine links populistische Kraft f&uuml;r eine gewisse Zeit aus dem R&uuml;ckzug der etablierten Parteien der Linken aus diesen Quartieren Profit schlagen kann. Auch in Deutschland gibt es in einigen Vierteln bereits Tendenzen einer solchen Entwicklung: Besonders in Ostdeutschland beginnen rechtsextremen Parteien damit, &bdquo;unpolitische&rdquo; Vereine, Institutionen oder Selbsthilfegruppen zu gr&uuml;nden und stabilisieren so ihr Milieu und perspektivisch ihre Wahlergebnisse (WitzeUWeiss 2004; Volkery 2004).<\/p>\n<h5><span id=\"polarisierung-popularisierung-populismus\">Polari&shy;sie&shy;rung, Popula&shy;ri&shy;sie&shy;rung, Populismus<\/span><\/h5>\n<p>Obwohl die Gr&uuml;nder einer Linkspartei sozial-strukturell einer anderen Schicht angeh&ouml;ren als diejenigen, die gegenw&auml;rtig in dramatischer Art und Weise nicht nur von der Sozialdemokratie, sondern mittel- und langfristig von der Demokratie entfremdet werden, scheint ihnen gleichwohl dieses W&auml;hlerpotenzial durchaus bewusst zu sein. Dabei treibt sie die Sehnsucht an nach dem nationalstaatlich organisierten sozialpolitischen Ausgleich fr&uuml;herer Dekaden. Durch die materielle wie r&auml;umliche Entkopplung fehlt den neuen Parteigr&uuml;ndern der kulturelle Zugang zu den benachteiligten, ausgegrenzten und von der Sozialdemokratie real bereits abgeschotteten Schichten. Hingegen k&ouml;nnten sie im verunsicherten, sicherlich geschrumpften, aber noch nicht v&ouml;llig entwurzelten sozialdemokratischen Restmilieu eventuell Gewinne erzielen &ndash; das je-doch reicht zum Durchbruch nicht.<\/p>\n<p>Allenfalls populistische oder polarisierende Positionen verm&ouml;gen f&uuml;r eine neue Partei in den Quartieren der neuen (alten) Unterschichten zu mobilisieren, nicht aber blumig formulierte Investitionsprogramme oder technisch klingende Fragestellungen der Sozialpolitik. Dies gilt umso mehr, als dass die momentan 2.000 Mitglieder der Wahlalternative vor einer Herkulesaufgabe stehen, personell und finanziell einen Wahlkampf &uuml;berhaupt zu meistern. Leichte, eing&auml;ngige, populistische Positionen lassen sich jedoch anders, leichter und billiger transportieren. Im europ&auml;ischen Ausland, aber auch in Deutschland lassen sich hierf&uuml;r etliche Beweise erbringen, wie gerade rechtspopulistische Kr&auml;fte durch einen entsprechenden Reduktionismus immer wieder den Zugang zu diesem W&auml;hlersegment finden. Auch die FDP hat in der Hochphase ihres Projekts 18 so in diesen Quartieren Fu&szlig; fassen k&ouml;nnen. Chuzpe und Unverfrorenheit geh&ouml;rt dazu, wenn man hier Erfolg generieren will. Doch gerade ein solcher Kurs w&uuml;rde den neuen Kern der entstehenden Linkspartei sprengen. Nationaler Protektionismus mit einer Spur Fremdenfeindlichkeit bricht sich am internationalistischen Weltbild &uuml;berzeugter Linker; ein Lafontainescher Bonapartismus ger&auml;t schnell in Konflikt mit dem gewerkschaftlichen Miteinander. Eine gr&ouml;&szlig;ere Partei vermag Anf&auml;lle von Populismus in hom&ouml;opathischen Dosen aushalten: Schr&ouml;ders Anti-Irak-Krieg-Kurs 2002 ist daf&uuml;r in gewisser Hinsicht ein gutes Beispiel. Doch eine etablierte und gro&szlig;e Partei hat Mechanismen zur Ausbalancierung; eine kleine Partei mit selbstbewussten Mitgliedern hingegen kann ein falscher Ton zur falschen Zeit innerlich zerrei&szlig;en.<\/p>\n<h5><span id=\"chancen-und-risiken-einer-neuen-linken-partei\">Chancen und Risiken einer neuen linken Partei<\/span><\/h5>\n<p>Potenzial f&uuml;r eine neue Partei ist vorhanden, denn neue (alte) Unterschichtmilieus sind vom politischen Wettstreit abgekoppelt, stehen etwas abseits der Gesellschaft und erwarten von der Politik nichts mehr. Sie sind die Verlierer der bisherigen rot-gr&uuml;nen Politik, doch w&uuml;rden sie auch unter einem Duo Merkel-Westerwelle verlieren. Offen ist bislang nur, wohin sie dann wechseln w&uuml;rden. Doch eben jene Verlierer der gegenw&auml;rtigen Politik sind andere als diejenigen, die jetzt eine neue Partei gr&uuml;nden wollen. Die Linksopponenten stellen die verunsicherte Kernklientel der Sozialdemokratie dar, deren alte organisatorische und kommunikative Kompetenz. Sie sprechen hier-mit Teile der alten Funktion&auml;rsgarde an, womit sie m&ouml;glicherweise der SPD die verbliebenen Organisatoren des Restmilieus abspenstig machen, was den Niedergang der SPD beschleunigen mag. Die Binnenprobleme einer neuen Formation hingegen werden die Kr&auml;fte der so abgeworbenen Organisatoren jedoch in so starkem Ma&szlig;e aufzehren, dass f&uuml;r eine Au&szlig;enwerbung kaum Zeit und Raum bleibt. Am Ende d&uuml;rfte die SPD mehr Stimmen verlieren als eine neue Linkspartei zu gewinnen vermag.<\/p>\n<p>Dar&uuml;ber hinaus wird eine solche Linkspartei kaum in der Lage sein, das brachliegende, von den Initiatoren erkannte Potenzial an W&auml;hlerstimmen abzusch&ouml;pfen. Zu sehr sind sie selber kulturell, materiell und sozial von diesem Potenzial abgekoppelt, zu wenig k&ouml;nnen sie auf Grund der komplexen Binnenstruktur den W&auml;hlerspagat zwischen den Milieus aushalten. Selbst wenn es aber einer Linkspartei gelingen sollte, aus dem bisherigen sozialdemokratischen W&auml;hlersegment derart viele Stimmen zu gewinnen, dass der Einzug in Parlamente gel&auml;nge, so sind zwei entscheidende Fragen nicht gekl&auml;rt:<\/p>\n<p>[1]. Will diese Partei gestalten und damit in bestimmte Zw&auml;nge des politischen Systems eingebunden regieren &ndash; oder wollen die handelnden, ergrauten Funktion&auml;re in den letzten zehn Jahren ihres politisch aktiven Lebens nur ihr Gewissen in der Opposition beruhigen? [2.] Kann eine solche Partei tats&auml;chlich eine Wahlalternative formulieren oder wird sie nur den Status quo verteidigen? In diesen beiden Fragestellungen steckt der innere Sprengstoff f&uuml;r eine neue linke Gruppierung. Die Bruchlinien, die eine neue Partei &uuml;ber kurz oder lang zerrei&szlig;en w&uuml;rden, existieren bereits.<\/p>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Gei&szlig;ler, Rainer 1996: Kein Abschied von Klasse und Schicht; in: K&ouml;lner Zeitschrift f&uuml;r Soziologie und Sozialpsychologie, 48. Jg., H. 2, S.<br \/>319-338<br \/>Hensche, Detlef 2004: Protestbewegung oder neue Partei?; in: Bl&auml;tter f&uuml;r deutsche und internationale Politik, 49, Jg., Nr. 5, S. 561-566<br \/>Lang, Klaus 2003: Zur Entwicklung des Sozialstaats &mdash; &ouml;konomische Grundlage. Kritik der ideologischen Unvernunft, offene Fragen; in:<br \/>Beerhorst, JoaehimlBerger, Jens-Jean (Hg.):<br \/>Die IG Metall auf dem Weg in die Mitte?, Hamburg, S. 47-57<br \/>Marx, Karl 1976: Die Klassenk&auml;mpfe in Frank-reich 1848 bis 1850; in: Marx-Engels-Werke (MEW), Berlin, Band 7, S. 9-107<br \/>Putz, Friedrich 2004: SPD-Linke und neue Linkspartei: bek&auml;mpfen, dulden oder unter-<br \/>st&uuml;tzen?; in: spw &mdash; Zeitschrift f&uuml;r sozialistische Politik und Wirtschaft, Nr. 138, S. 44-45<br \/>Roth, Dieter 2003: Das rot-gr&uuml;ne Projekt an der<br \/>Wahlurne: Eine Analyse der Bundestagswahl<br \/>vom 22. September 2002, in: Egle, Christoph<br \/>et al. (Hg.): Das rot-gr&uuml;ne Projekt. Eine Bilanz der Regierung Schr&ouml;der 1998-2002, Wiesbaden, S. 29-52<br \/>R&uuml;nker, Reinhold et al. 2004: Brauchen wir eine Partei links von der SPD?; in: spw &mdash; Zeitschrift f&uuml;r sozialistische Politik und Wirtschaft, Nr. 136, S. 40<br \/>Urban, Heinz-J&uuml;rgen 2003: Aktivierender oder solidarischer Sozialstaat? Perspektiven einer reformorientierten Sozialpolitik; in: Beer-<br \/>horst, Joachim\/Berger, Jens-Jean (Hg.): Die<br \/>IG Metall auf dem Weg in die Mitte?, Hamburg, S. 33-46<br \/>Vester, Michel et al. 2001: Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt\/Main Walter, Franz 2004: Abschied von der Toskana.<br \/>Die SPD in der &Auml;ra Schr&ouml;der, Wiesbaden<br \/>Walter, Franz\/Spier, Tim 2004: Viel L&auml;rm um<br \/>nichts? Zu den Erfolgsaussichten einer neuen<br \/>Linkspartei; in: Gewerkschaftliche Monats-hefte, 55. 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