{"id":12009,"date":"2004-09-20T14:40:00","date_gmt":"2004-09-20T12:40:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/der-mensch-als-nachahmungswesen\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"der-mensch-als-nachahmungswesen","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/der-mensch-als-nachahmungswesen\/","title":{"rendered":"Der Mensch als Nachahmungswesen"},"content":{"rendered":"<p>Gabriel de Tardes soziologischer Klassiker endlich in deutscher \u00dcbersetzung<\/p>\n<p>aus: Vorg\u00e4nge 167 ( Heft 3\/2004 ), S.114-16<\/p>\n<p><i>Nicht nur B\u00fccher, sondern auch Theorien haben bekanntlich ihre Geschichte. Viele dieser Geschichten sind oft genug seltsam, im R\u00fcckblick geradezu unverst\u00e4ndlich. Im Falle von Gabriel de Tardes Theorie sozialer Nachahmung ist diese Geschichte zudem noch sehr bedauerlich. Denn der zu seiner Zeit in Frankreich neben Emile Durkheim wohl bekannteste Sozialwissenschaftler formulierte im fin de siede eine hochmoderne, erfahrungsges\u00e4ttigte und komplexe Theorie zur Logik kollektiver Imitations- und Diffusionsprozesse, die nicht nur in Deutschland schlicht vergessen oder marginalisiert wurde. Auch deshalb ist es mehr als ein Gl\u00fccksfall, dass der Suhrkamp-Verlag die erste, von Jadja Wolf gl\u00e4nzend verfertigte deutsche \u00dcbersetzung auf den Wissenschaftsmarkt gebracht hat.<\/i><\/p>\n<p><i>Gabriel de Tarde: <\/i>Die Gesetze der Nachahmung, Suhrkamp: Frankfurt\/Main 2003, 416 S., ISBN 3-518-58367-0; 34,90 Euro<br \/>Denn abgesehen davon, dass ein spannendes, 1890 in Paris erschienenes und schnell mehrfach neu aufgelegtes Werk so einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich wird, verkn\u00fcpft sich de Tardes Theorie auf fast schon magische Weise mit aktuellen Diskussionen um die Bedingungen und Grenzen des Konstruktionismus und die Br\u00fccken zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Es d\u00fcrfte deshalb sicherlich kein Zufall sein, wenn einer der wichtigsten und innovativsten Soziologen der Gegenwart, Bruno Latour, j\u00fcngst Les Lois de L&#8217;imitation als seine &#132;Lieblingstheorie&#148; bezeichnet hat.<\/p>\n<p>Geboren 1843 in der Dordogne als Sohn eines Untersuchungsrichters, strebte Gabriel de Tarde zun\u00e4chst die gleiche Karriere wie sein Vater an. Durch die intensivere Besch\u00e4ftigung mit der Kriminologie wurden f\u00fcr de Tarde sozialwissenschaftliche Fragestellungen jedoch zunehmend wichtiger. Nach einer Position im franz\u00f6sischen Justizministerium erhielt er 1900 einen Ruf an das renommierte College de France, an dem er bis zu seinem Tod 1904 lehrte. Der Philosoph Henri Bergson verglich Gabriel de Tarde, der auch langj\u00e4hriger Pr\u00e4sident der internationalen Gesellschaften f\u00fcr Soziologie und Rechtswissenschaften war, mit epochalen Autoren wie Charles Darwin und Auguste Comte. De Tarde, Autor diverser B\u00fccher zur Kriminologie, politischen Soziologie und Massenkommunikation, versteht sich als Sozialwissenschaftler: als Wissenschaftler, der &#132;Gesellschaft&#148; und die Handlungen sozialer Akteure systematisch und begrifflich sauber analysiert, ohne dabei auf biologische, technische oder naturwissenschaftliche Denkweisen zur\u00fcckgreifen zu m\u00fcssen bzw. zuwollen. In Absetzung von mechanistischen, biologistischen oder gar vitalistischen Paradigmata sieht de Tarde n\u00e4mlich wie einst Giambattista Vico gerade im &#132;Sozialen den au\u00dfergew\u00f6hnlichen Vorteil&#148;, dass &#132;man die wirklichen Ursachen [&#8230;], n\u00e4mlich die Handlungen der einzelnen&#148;, zug\u00e4nglich und unverborgen vor Augen hat (25). Verstehen wir begr\u00fcndet folglich nur das, was wir auch selber gemacht haben, dann r\u00fcckt die Sozialwissenschaft wenn schon nicht in den Status einer K\u00f6nigswissenschaft, so doch in die Position einer methodisch privilegierten allgemeinen Menschenwissenschaft.<\/p>\n<p>Das Basistheorem dieser Menschenwissenschaft lautet, dass im &#132;Sozialen [&#8230;] alles als Erfindung und Nachahmung [geschieht], wobei die Nachahmungen die Fl\u00fcsse bilden und die Erfindungen die Berge&#148; (27). Obwohl Gabriel de Tarde selber kaum offen die M\u00f6glichkeiten dieser Metaphorik aus dem Gletschergebiet nutzt und aussch\u00f6pft, l\u00e4sst sich aus dem Bild gleichwohl ein Gutteil der Argumentationen und Gedankeng\u00e4nge des Buches ablesen und explizieren. Wie &#150; so zun\u00e4chst &#8211; Fl\u00fcsse nur flie\u00dfen, wenn sie ein Gef\u00e4lle haben, und Berge nur Berge sind, wenn es Zwischenr\u00e4ume und Auswaschungen gibt, so kann Gesellschaft nie nur entweder Nachahmung oder Erfindung sein, sondern muss immer aus beidem bestehen, aus Imitationen und aus Inventionen. Sowohl der Logik jedes der beiden Elemente, als auch der Logiken des Ineinanders, den Gesetzen der sozialen Interaktion und damit den Gesetzen der Gesellschaft gilt es mithin auf die Spur zu kommen. Einschr\u00e4nkend f\u00fcgt de Tarde allerdings hinzu, dass er sich hier und in diesem Buch &#132;ausschlie\u00dflich um die Nachahmung und deren Gesetze&#148; k\u00fcmmern werde, folglich die Erforschung der &#132;Gesetze bzw. Pseudogesetze der Erfindung&#148; auf &#132;sp\u00e4ter und andernorts&#148; verschieben m\u00fcsse (37).<\/p>\n<p>Nachahmung ist aber ihrerseits auf Erfindungen angewiesen. Wie, um im Gletscherbild zu bleiben, Fl\u00fcsse in den Bergen ihren Ursprung haben, so setzen Nachahmungen Erfin-Jungen voraus. Im Grunde werden zun\u00e4chst Erfindungen nachgeahmt, und in diesem nicht reziproken Mechanismus liegt auch der Ursprung von Gesellschaft. So besteht die &#132;Gesellschaft [..,]von jenem Moment an, als irgendein Mensch einen anderen nachahmte&#148; (52). Erfindungen setzen durch die Kraft der Negation (aller anderen m\u00f6glichen Erfindungen) kombiniert mit der Imitationspotenz menschlichen Handelns dann soziale Prozesse in Gang, die de Tarde als wellenf\u00f6rmige Ausbreitung, &#132;Nachahmungsstrahlen&#148; (80) und vor allem eben &#132;Nachahmungsfl\u00fcsse&#148; (67) beschreibt, und die man treffend mit dem momentan so gebr\u00e4uchlichen Terminus der Pfadabh\u00e4ngigkeit bezeichnen k\u00f6nnte. Es sind deren Logik und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, denen der Autor in immer neuen Perspektiven und immer neuen Gebieten nachgeht. Bem\u00fcht werden Statistiken \u00fcber Kaffee- und Tabakkonsum, aufgesucht werden Felder des Begehrens, W\u00fcnschens und der Nervosit\u00e4t des Stadtlebens, epochale Ausbreitungen von Gewohnheiten und Baustilen, Nachahmungen von Vorschriften, Sitten und Gesetzen, schlie\u00dflich globale Kooperationen zwischen Berufen und Techniken.<\/p>\n<p>In all diesen spezifischen, relativ autonomen Nachahmungsgeflechten entsteht und stabilisiert sich nicht nur Gesellschaft, bilden sich nicht nur Kontexte von Erfindungen und differenzieren sich Gesellschaften entlang reziprok typisierter Distinktionsmerkmale, sondern in diesen verschiedenen &#132;Fl\u00fcssen&#148; offenbaren sich auch die universalen endogenen &#132;logischen Gesetze&#148; kollektiven Handelns (163). So vollziehen sich Nachahmungen immer &#132;von innen nach au\u00dfen&#148; (231): so gehen etwa die Imitation von Ideen derjenigen des Ausdrucks voraus; Ziele werden vor Mitteln nachgeahmt. Weiterhin ahmt das Unterlegene das \u00dcberlegene nach, wobei das jeweils sozial N\u00e4herstehende dem Fernersteheenden vorhergeht (248ff.). Aus diesen wenigen Basistheoremen entwickelt de Tarde das Modell eines hierarchisch gegliederten Nachahmungsgeschehens, das nicht nur analytisch auf alle historisch gegebenen Gesellschaften \u00fcbertragen werden kann, sondern auf \u00fcberraschende Art den Theorien der &#132;Feinen Leute&#148; (Thorstein Veblen) und der &#132;Feinen Unterschiede&#148; (Pierre Bourdieu) \u00e4hnelt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Mode und Gebrauch entscheidende Faktoren im Nachahmungsgeschehen sind. Mode wie Gebrauch wirken \u00fcberwiegend als exogene Handlungsfaktoren, die historisch variabel auf Gebieten wie Sprache, Religion, Gesetzgebung und Regierung die sozialen Nachahmungsfl\u00fcsse beeinflussen, infiltrieren, formen und orientieren.<\/p>\n<p>Entstehen dergestalt zerkl\u00fcftete soziale Landschaften, dr\u00e4ngen die Fl\u00fcsse der Nachahmung gerade politisch entschieden auf supranationale, &#132;kontinentale&#148;, schlie\u00dflich globale &#132;Demokratie&#148; (320). Im Laufe der Zeiten werden stetig wie unweigerlich Hierarchien abgebaut, politische Privilegien untersp\u00fclt und Ungleichheiten in Gestaltungschancen zum Verschwinden gebracht. Die Logik sozialer Nachahmung f\u00fchrt damit zwangsl\u00e4ufig zu Nivellierung, Aufhebung von Unterschieden und damit zur kollektiven Individualisierung: die Gebirge der Inventionen werden von den Fl\u00fcssen der Imitationen in &#132;zahllosen Spiralen (&#8230;) langsam (&#8230;) zerkleinert und ihres Unterscheidungsmerkmals beraubt&#148; (416). Droht mit der, wenn man so m\u00f6chte, ,Deltaisierung` aller Gesellschaften, in Analogie zu Tocquevilles Bemerkung \u00fcber die k\u00fchle, ereignislose Massendemokratie Nordamerikas, historisch der &#132;vollkommene Sieg des Konformismus \u00fcber die individuellen Einf\u00e4lle&#148; (214)? Ja und nein. Ja, weil demokratischer Kosmopolitismus, Individualismus und Konformismus nur zusammen zu haben sind; nein, weil erst im grauen Zeitalter der globalen Massendemokratie &#132;die sch\u00f6nste Blume des sozialen Lebens, das \u00e4sthetische&#148; aufgeht (416). Zwar bleibt de Tarde eine genauere Bestimmung dieses \u00e4sthetischen Lebens schuldig. Man wird aber kaum darin fehl gehen, wenn man in diesem symbolischen Ausdruck der &#132;tiefen und verg\u00e4nglichen Singularit\u00e4t der einzelnen&#148; jenen uomo universale sieht, den Jacob Burckhardt in die Renaissance zur\u00fcck projiziert hat, und in dem die Gr\u00f6\u00dfe, der Erfindungsreichtum, aber eben auch die Melancholie menschlicher Gesellschaftsgeschichte zum Bewusstsein ihrer selbst kommt.<\/p>\n<p>Sind diese Wehmut verstr\u00f6menden Passagen den kulturellen T\u00f6nungen der Zeit geschuldet, und werden gerade darin auch jene thematischen Verbindungen zur Soziologie der Jahrhundertwende mehr als deutlich, hat Gabriel de Tarde gleichwohl eine ungemein erhellende, anregende und weitsichtige Gesellschaftstheorie verfasst. Die Menschen machen in jeder Hinsicht und in allen Handlungs- und Denkvollz\u00fcgen ihre Geschichte selber &#8211; aber sie machen sie unter den sozialen Gesetzen von Innovation und Nachahmung.<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[2311],"publikationen":[1086],"class_list":["post-12009","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-thumfart","publikationen-167-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Mensch als Nachahmungswesen - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/der-mensch-als-nachahmungswesen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Mensch als Nachahmungswesen - Humanistische Union\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Gabriel de Tardes soziologischer Klassiker endlich in deutscher \u00dcbersetzung aus: Vorg\u00e4nge 167 ( Heft 3\/2004 ), S.114-16 Nicht nur B\u00fccher, sondern auch Theorien haben bekanntlich ihre Geschichte. 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