{"id":12010,"date":"2004-09-20T14:15:00","date_gmt":"2004-09-20T12:15:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/publikation\/engagierte-geister\/"},"modified":"2004-09-20T12:00:00","modified_gmt":"2004-09-20T10:00:00","slug":"engagierte-geister","status":"publish","type":"publikation","link":"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/engagierte-geister\/","title":{"rendered":"Engagierte Geister"},"content":{"rendered":"<p>Von Petrarca bis Habermas: Neue Literatur zur Geschichte und Gegenwart der Intellektuellen<\/p>\n<p>In: vorg\u00e4nge Nr. 167 (Heft 3\/2004 ), S. 119-128<\/p>\n<p>&#132;Am Anfang waren die St\u00e4dte&#8220;: mit diesen Worten beantwortete 1957 der franz\u00f6sische Mittelalterhistoriker Jacques Le Goff gleich zu Beginn seiner Studie <i>Die Intellektuellen im Mittelalter <\/i>die alte und bis heute umstrittene Frage, wann in der Geschichte die Gestalt des Intellektuellen auftaucht. Er f\u00fchrte die mittelalterliche Stadt an, in deren gerade erst entstandenen arbeitsteiligen Welt der Handwerker und Kaufleute auch diejenigen eine Nische fanden, die lehrten und schrieben. Ein halbes Jahrhundert vor dem Historiker aus der <i>Annales<\/i>-Schule hatte schon der deutsche Soziologe Georg Simmel auf die geistige Wirkung der St\u00e4dte bezogen aber auf die Moderne &#8211; hingewiesen: In seinem klassischen Aufsatz <i>Die Gro\u00dfst\u00e4dte und das Geistesleben <\/i>(1903) &#8211; Le Goff sicher unbekannt &#8211; beschrieb er die Stadt ebenfalls als Kommunikationsraum, in dem sowohl Vereinzelung als auch Vergemeinschaftung im Ideenaustausch untereinander problemlos m\u00f6glich war. Le Goffs Klassiker wurde nunmehr vor einiger Zeit wieder aufgelegt und hat nichts von seiner anregenden Frische und sprachlichen Brillanz eingeb\u00fc\u00dft:<\/p>\n<p><i>Jacques Le Goff<\/i>. Die Intellektuellen im Mittelalter, 4. durchges. u. erw. Aufl., Klett-Cotta: Stuttgart 2001, 230 S., ISBN 3-608-93248-8; 22,50 Euro<\/p>\n<p>Mit der Gr\u00fcndung von Universit\u00e4ten tauchten Wissensproduzenten auf, die alte Disziplinen wiederentdeckten &#8211; Medizin, Geometrie und Arithmetik &#8211; und neue schufen: Jurisprudenz, Theologie und spezialisierte Philosophie. Le Goff schildert den Entstehungsprozess dieser geistigen Kulturen mit ihren Schulen, Institutionen, Personen, Ideen und Deutungsk\u00e4mpfen zwischen dem 12. und 15. Jahrhundert. In seinem Nachwort von 1984 verweigert er dezidiert die theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff des &#132;Intellektuellen&#8220;, um dann doch kursorisch auf Antonio Gramscis Konzept des &#132;organischen Intellektuellen&#8220; zu verweisen. Wir d\u00fcrfen also weiter r\u00e4tseln und streiten, wann historisch alle Komponenten beisammen waren, um den kritischen Geist als Sozialfigur zu konstruieren.<\/p>\n<p>Im 14. Jahrhundert waren jedenfalls ein paar der ben\u00f6tigten Zutaten schon vorhanden, vor allem im Italien Dantes, Petrarcas und Boccaccios: Wissenschaftlich oder k\u00fcnstlerisch ausgebildete Geistesarbeiter, zwar von F\u00fcrsten oder Bisch\u00f6fen angestellt, aber doch bekannt und anerkannt \u00fcber den Kreis ihrer Herren hinaus, besa\u00dfen damals bereits Autorit\u00e4t in den Gesellschaften ihrer St\u00e4dte und L\u00e4nder. Hinzu trat ein allgemeines Krisenbewusstsein in jener Epoche angesichts des Massensterbens durch die Pest oder politischer Erdbeben wie des p\u00e4pstlichen Exils in Avignon oder der r\u00f6mischen Rebellionen eines Cola di Rienzi. Partei ergreifen, Ideen f\u00fcr und Kritik an der Gesellschaft formulieren, die Stimme erheben und an eine, wenn auch kleine und begrenzte, \u00d6ffentlichkeit appellieren, obwohl man nicht zu den wirklich M\u00e4chtigen geh\u00f6rt &#8211; diese Techniken intellektuellen Engagements, wie wir es aus seiner klassischen Phase seit dem Ende des 19. Jahrhunderts kennen (vgl. <i>vorg\u00e4nge<\/i> 156, H. 4\/2001 &#8211; Dezember: &#132;Intellektuelle ohne Macht?&#8220;), finden wir auch schon damals bei einigen wenigen Akteuren in Ans\u00e4tzen vor. Noch waren ihre Formen und Funktionen freilich ebenso diffus wie ihr Feld. Der Konstanzer Romanist Karlheinz Stierle hat \u00fcber eine dieser Gestalten ein gewichtiges Buch geschrieben:<\/p>\n<p><i>Karlheinz Stierle<\/i>: Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts, Hanser: M\u00fcnchen 2003, 973 S., ISBN 3-446\u00ac20382-6; 45 Euro<\/p>\n<p>P\u00fcnktlich zum 700. Geburtstag des 1374 gestorbenen Dichters und Begr\u00fcnders des italienischen Humanismus kann sich der Leser durch diesen W\u00e4lzer k\u00e4mpfen, so wie dessen Held einst auf den Mont Ventoux hinauf\u00e4chzte &#8211; ohne jedoch am Ende einen vergleichbar freien Blick auf Raum und Welt wie damals Petrarca erleben zu k\u00f6nnen. Die bewundernswerte F\u00fclle an Ergebnissen langj\u00e4hriger Forschungen des Autors wird in ersch\u00f6pfender Breite zur Schau gestellt; seine Sprache kennt auf jeder Seite nur den Ton der v\u00f6lligen Hingabe und des <i>con passione<\/i>, was in k\u00fcrzester Zeit auch den geneigtesten Petrarcaverehrer erm\u00fcdet. Auch wenn es der Untertitel anders verhei\u00dft: Petrarca als Dichter, Rhetor und Wiederentdecker der Antike dominiert in diesem Buch alle anderen Facetten seines Lebens. Wenig findet man \u00fcber den Gesandten, Zeitgenossen, Kritiker und politischen Berater vieler Herrscher, der sich lange in sein Haus in Vaucluse denkend und schreibend zur\u00fcckzog,\u00fcber den Anh\u00e4nger des r\u00f6mischen Rebellen Cola di Rienzi, den er 1347 in ebenso enthusiastischen wie naiven Briefen unterst\u00fctzte. Anstelle der ausf\u00fchrlichen Diskussion fachwissenschaftlicher Aufs\u00e4tze und der extensiven Wiedergabe der Werke des Meisters h\u00e4tte man sich eine st\u00e4rkere Fokussierung und strengere Konzentration gew\u00fcnscht. So m\u00e4andert die Darstellung durch die Landschaft dieses mittelalterlichen Intellektuellen, ohne uns heute viel sagen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ratlos legt man auch einen Sammelband zur Seite, der auf eine Tagung des Osnabr\u00fccker Graduiertenkollegs <i>Bildung in der Fr\u00fchen Neuzeit <\/i>im Jahr 2000 zur\u00fcckgeht:<\/p>\n<p><i>Jutta Held <\/i>(Hg.): Intellektuelle in der Fr\u00fchen Neuzeit, Wilhelm Fink: M\u00fcnchen 2002, 207 S., ISBN 3-7705-3731-9; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Gerne h\u00e4tte man der Herausgeberin und Sprecherin des Kollegs etwas mehr von der &#132;gei\u00acstigen Beweglichkeit&#8220; gew\u00fcnscht, die sie den Intellektuellen der Fr\u00fchen Neuzeit attestiert. So verwundern jedoch ihre eher hilflosen Definitionsversuche, wonach beispielsweise &#132;moderne Intellektualit\u00e4t&#8220; sich durch &#132;Erfahrungswissen, Diesseitigkeit und politischen Weitblick&#8220; auszeichne, was sich dann zu &#8222;kreativem Denken und Handeln&#8220; verbinde. Held postuliert zudem einen fragw\u00fcrdigen Gegensatz zwischen dem neuen Intellektuellen jener Zeit (&#132;moderat und geduldig im Verhalten, undoktrin\u00e4r, beweglich und experimentierfreudig, sucht er das Gespr\u00e4ch unter Gleichen&#8220;) gegen\u00fcber dem alten Humanisten. Dieses durchweg niedrige Niveau der theoretischen Reflexion ist vor allem deshalb bedauerlich, weil die Frage, ob es Intellektuelle im modernen Sinne (oder in einem Sinne, der mit den herk\u00f6mmlichen Begrifflichkeiten der Intellektuellensoziologie erfassbar w\u00e4re) zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert gegeben hat, eine der gro\u00dfen offenen Fragen der Intellektuellenforschung ist &#8211; sie wird auch in diesem Band nicht gekl\u00e4rt. Einzelne, h\u00e4ufig gelungene Beitr\u00e4ge des Bandes haben dementsprechend M\u00fche, dem Thema des Bandes terminologisch zu entsprechen. Einige lehnen der Begriff des Intellektuellen ganz ab (Hartmut Stenzel in seinem klugen Beitrag \u00fcber der franz\u00f6sischen Gelehrten Gabriel Naue; andere verwenden ihn sehr sinnvoll wie Hans Rudolf Velten in seinem ausgezeichneten Beitrag \u00fcber die Autodidakten am Ende des 17. Jahrhunderts oder Susanne Homeyer in ihrem ebenso gelungenen Text \u00fcber Wissensvermittlung durch astronomische Flugbl\u00e4tter im 16. Jahrhundert: Hier scheinen die medialen Techniker zur Erlangung von Deutungshoheit auf, die intellektuelles Agieren sp\u00e4ter so zentral sind.<\/p>\n<p>Im Flug durch die Epochen: Ebenfalls hinauf zum Himmel zog es den Zeitgeist Anfang des 20. Jahrhunderts. Nachdem die Deutscher ihre Weltkriegs-&#132;Flieger-Asse&#8220; bewundert hatten, machten sie die Luftfahrt auch zu einen Zentralprojekt der Weimarer Republik. Zwischen &#132;Aufstiegshoffnungen&#8220; und &#132;Absturzangst&#8220; gruppiert der in Kopenhagen lehrende deutsche Historiker Detlef Siegfried eine bunte Trupp( deutscher Intellektueller, die in der Revolution von 1918\/19 und in den Jahren danach in Kiel ein linksradikales Bohemienleben als expressionistischer Maler (Peter Dr\u00f6mmer), zweifelhafter Literat (Richard Blunck) oder kommunistischer Funktion\u00e4r und Staatswissenschaftler (Adolf Dethmann) verbracht hatten. Ende da 1920er Jahre heuerten sie nacheinander bei da Flugzeugfirma Junkers an und \u00fcbernahmen schlie\u00dflich unter dem Schutz des Firmenpatriarchen Hugo Junkers sogar f\u00fcr kurze Zeit die F\u00fchrung in diesem Konzern:<\/p>\n<p><i>Detlef Siegfried<\/i>: Der Fliegerblick. Intellektu\u00acelle, Radikalismus und Flugzeugproduktior bei Junkers 1914 bis 1934, Dietz: Bonn 2001 335 S., ISBN 3-8012-4118-1; 26,60 Euro<\/p>\n<p>Der Autor hat aus den Archiven eine filmreife Geschichte ausgegraben, die er mit Lust an Detail rekonstruiert. Es war der dem Pathos vor Technik und Sachlichkeit verpflichtete Junkers, der den mittlerweile avantgardistischen Industriedesigner Dr\u00f6mmer f\u00fcr die optische Darstellung seiner Produkte gewann; Blunck verfasste die PR-Texte und aufsehenerregende Grundsatzreden f\u00fcr den Chef; Dethmann s\u00e4uberte die Direktionsetagen vom alten, in Ungnade gefallenen Management, begleitet von Landesverratsger\u00fcchten \u00fcber den angeblich von Moskau zur Unterwanderung der strategisch wichtigen deutschen Luftfahrtindustrie entsandten Ex-Kommunisten. Die &#132;Egalisierung des Fliegens&#8220; als utopisches Projekt lieferte die Br\u00fccke f\u00fcr jenen intellektuellen Radikalismus, der sich dann in dem Zukunftsunternehmen <i>par excellence<\/i> der Weimarer Republik praktisch erproben durfte. W\u00e4hrend Blunck sich schon fr\u00fchzeitig zur\u00fcckzog, um frei f\u00fcr Junkers weiterzuarbeiten, wurden Dr\u00f6mmer und Dethmann nach 1933 kurzzeitig verhaftet, \u00fcberlebten den Krieg, konnten jedoch sp\u00e4ter nicht mehr re\u00fcssieren. Siegfrieds drei Protagonisten vereinen in sich vieles von dem, was Intellektuelle der Zwischenkriegszeit kennzeichnete: utopischen \u00dcberschuss und Kritik an Vergangenheit und Gegenwart, die Nutzung quasireligi\u00f6ser Technikbegeisterung, erg\u00e4nzt um warmen Expressionismus in Worten und kalte sachliche Tat. Ihr Ziel hatte sich gewandelt, wie die Ziele vieler Linksintellektueller vor und nach ihnen sich noch wandeln sollten: Statt zum &#132;Volk von Br\u00fcdern&#8220; sollten die Deutschen nun zum &#132;Volk der Flieger&#8220; werden. R\u00fcckblickend betrachtet verliefen viele der vom Auf und Ab gepr\u00e4gten Werdeg\u00e4nge dieser Generation in der kurzen Zeitspanne zwischen Sch\u00fctzengrabenerlebnis und j\u00e4hem Abbruch 1933 wie im Rausch.<\/p>\n<p>In Frankreich entstand dagegen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein kontinuierliches intellektuelles Engagement f\u00fcr die Sache der Republik, das sich \u00fcber Krisen und Br\u00fcche hinweg erstaunlich haltbare Organisationsformen schaffen konnte. Von 1892 bis 1939 existierte die <i>Union pour l&#8217;Action Morale<\/i>, die sich seit 1905 <i>Union pour la v\u00e9rit\u00e9 <\/i>nannte, und an deren zumeist in einer Wohnung stattfindenden Treffen und Gespr\u00e4chsrunden u.a. Ber\u00fchmtheiten wie Jean Jaur\u00e8s, Emile Durkheim, Andr\u00e9 Malraux, Andr\u00e9 Gide und Raymond Aron teilnahmen. Auch ausl\u00e4ndische G\u00e4ste nutzten dieses Forum, um am geistigen Frankreich teilzuhaben: etwa Thomas Mann, Albert Schweitzer, Alfred Weber und viele andere. Es geh\u00f6rt zu den Verdiensten einer Kasseler Dissertation, die Geschichte dieser Intellektuellenassoziation erstmals aufbereitet und zudem in einen theoretisch ambitionierten Rahmen gestellt zu haben, der gewisse Lekt\u00fcreanstrengungen erfordert:<\/p>\n<p><i>Francois Beilecke<\/i>: Franz\u00f6sische Intellektuelle und die Dritte Republik. Das Beispiel einer Intellektuellenassoziation 1892-1939, Campus: Frankfurt\/Main\/New York 2003, 422 S., ISBN 3-593-37270-3; 49 Euro<\/p>\n<p>Der Autor zeigt, wie Ideen \u00fcber Personen, Zeitschriften, B\u00fccher und Essays, Vortr\u00e4ge, Kongresse in andere Bereiche der Gesellschaft hineinwirkten und Netzwerke entstanden; er b\u00fcndelt zudem das Krisendenken innerhalb der <i>Union<\/i> zu stimmigen Diskurstypen, die in variierter Form das intellektuelle Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts pr\u00e4gen konnten. Mit dieser Arbeit wurde eine Symbiose aus Intellektuellensoziologie und Diskursanalyse versucht, deren wichtigstes Ergebnis &#8211; die trotz aller inhaltlichen Wandlungen erstaunliche Kontinuit\u00e4t und Langlebigkeit republikanischen Engagements &#8211; zugleich die dauerhafte Existenz der Dritten Republik bis 1940 erkl\u00e4ren soll. Darin wiederum wird die Macht der Ideen dann wohl doch \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Oft ist schon darauf verwiesen worden, dass spezielle franz\u00f6sische Bedingungen die Herausbildung einer soziologisch interpretierbaren Formation &#132;Intellektuelle&#8220; bef\u00f6rdert haben. Vor allem ist das der Zentralismus, der bewirkte, dass das geistige Leben des Landes sich fast ausschlie\u00dflich in Paris abspielte und somit eine kaum irgendwo sonst vorhandene r\u00e4umliche N\u00e4he unter den Geistesarbeitern schuf &#8211; eine idealtypische Gro\u00dfstadt im Sinne Simmels. Daneben muss auch auf die fr\u00fche, extrem hierarchisierte und einheitliche Elitenausbildung in der <i>\u00c9cole normale <\/i>verwiesen werden. So blieb man ein abgrenzbares Milieu \u00fcber Jahrzehnte hinweg. Trotz aller politischen Entzweiungen zwischen links und rechts vermochten Intellektuelle im Frankreich des 20. Jahrhunderts das Land st\u00e4rker zu pr\u00e4gen als ihre Kollegen anderswo. Und deshalb verwundert es nicht, dass gerade in Frankreich die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit den Intellektuellen nie aus der Mode zu kommen scheint (vgl. Beilecke 2001); eine theoretische Kategorie wie das &#132;intellektuelle Feld&#8220; (Pierre Bourdieu) konnte wohl nur unter diesen skizzierten Bedingungen entstehen.<\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Intellektuellenerforscher hat nun eine volumin\u00f6se Gesamtdarstellung dieses franz\u00f6sischen Sonderwegs vorgelegt, f\u00fcr die er 1997 den<i> Prix M\u00e9clicis <\/i>in der Sparte &#132;Essay&#8220; erhielt:<\/p>\n<p><i>Michel Winock<\/i>: Das Jahrhundert der Intellek\u00actuellen, UVK: Konstanz 2003, 885 S., ISBN 3-89669-948-2; 49 Euro<\/p>\n<p>Dieses Jahrhundert unterteilt der Autor dreifach: in die &#132;\u00c4ra Barr\u00e8s&#8220;, benannt nach dem 1923 verstorbenen Dandy und reaktion\u00e4ren Nationalisten; die &#132;\u00c4ra Gide&#8220;, gepr\u00e4gt durch den von M\u00e4nnern und zwischenzeitlich vom Kommunismus verf\u00fchrten Schriftsteller, der 1951 starb; und schlie\u00dflich in die &#132;\u00c4ra Sartre&#8220;, nach dem 1980 verstorbenen linken Geist, dessen Einfluss so stark war, dass uns noch heute automatisch sein Bild erscheint, sobald das Wort &#132;Intellektueller&#8220; f\u00e4llt. Winocks brillant geschriebenen 62 Miniaturen machen den W\u00e4lzer zu einem Lesevergn\u00fcgen zumindest f\u00fcr all diejenigen, die sich f\u00fcr Aberhunderte franz\u00f6sischer Geister und deren zahllose Manifeste, Briefe, Intrigen, Kongresse, Skandale interessieren; auch dem drittrangigsten Chargen verschafft der Regisseur seinen Auftritt. Winock mei\u00dfelt weiter am Denkmal: Es ist, trotz aller unbestechlicher Objektivit\u00e4t, eine Ruhmesgeschichte geworden, die zwischen Dreyfus-Aff\u00e4re und dem Pariser Mai 1968 mit seinen Nachwehen in den 1970er Jahren durchaus eindrucksvoll inszeniert wird &#8211; so als ob die Gestalt des franz\u00f6sischen Intellektuellen der wichtigste Beitrag des Landes zur Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts sei. Besonders verdienstvoll gerade f\u00fcr deutsche Leser ist die umfassende Darstellung des hierzulande zu Unrecht fast vergessenen Raymond Aron, jenem vielleicht wichtigsten antitotalit\u00e4ren Denker des Westens nach 1945. In dessen zahllosen erbitterten \u00f6ffentlichen Auseinandersetzungen mit seinem fr\u00fcheren <i>\u00c8cole normale<\/i>-Kameraden Sartre ist noch in der r\u00fcckblickenden Lekt\u00fcre der Pulverdampf des ideologischen Zeitalters sichtbar. 1979, kurz vor Ende ihrer beider Leben, kam es zum symbolischen H\u00e4ndedruck vor dem <i>\u00c9lys\u00e9e<\/i>-Palast, als beide sich gemeinsam bei Pr\u00e4sident Giscard d&#8217;Estaing f\u00fcr die vietnamesischen <i>boat people<\/i> einsetzten. Beide sind auf dem Friedhof Montparnasse begraben.<\/p>\n<p>Zehntausende waren Sartres Sarg dorthin bei seiner Beerdigung gefolgt, unter ihnen auch der 32j\u00e4hrige Bernard-Henri L\u00e9vy, der von dem &#130;Meisterdenker&#8220; (Andr\u00e9 Glucksmann) einst als &#132;Agent der CIA&#8220; beschimpft worden war. Gut zwei Jahrzehnte sp\u00e4ter hat L\u00e9vy, mittlerweile selbst ein omnipr\u00e4senter und vielfach angefeindeter Pariser Medienintellektueller, einen gro\u00dfangelegten Versuch unternommen, Leben und Werk Sartres zu rehabilitieren:<\/p>\n<p><i>Bernard-Henri L\u00e9vy<\/i>: Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts, Hanser: M\u00fcnchen 2002, 672 S., ISBN 3-446-20148-3; 32,90 Euro<\/p>\n<p>Es ist ein eigenwilliges und selbstverliebtes Buch geworden, durchsetzt mit unz\u00e4hligen rhetorischen Fragen, das bei seinem Erscheinen in Frankreich f\u00fcr Furore sorgte und ein gro\u00dfer Verkaufserfolg wurde. L\u00e9vy glaubt die zwei K\u00f6rper des Intellektuellenk\u00f6nigs entdeckt zu haben: den fr\u00fchen fr\u00f6hlich-nihilistischen Philosophen einerseits und ab ungef\u00e4hr 1950 das optimistisch-messianische Sprachrohr des Kommunismus andererseits. Die Schizophrenien Sartres werden mit Verst\u00e4ndnis pr\u00e4sentiert; dieser sei ein Produkt eines schizophrenen Jahrhunderts gewesen. Ob der Besuch bei den RAF-Terroristen in Stammheim, die Debatten im Pariser Mai 1968 oder die Ablehnung des Nobelpreises: der eigentliche Antrieb von Sartres exzessiver Existenz mit einem unglaublichen Aussto\u00df an Auftritten, Meinungen, Texten, Manuskripten, B\u00fcchern war die Angst vor dem Schweigen, das er vielleicht st\u00e4rker f\u00fcrchtete als den Irrtum. Hat er also mit seinen zahllosen Worten im doppelten Sinne \u00fcberredet? Worin die Verf\u00fchrungskraft Sartres f\u00fcr so viele Zeitgenossen bestand, bleibt f\u00fcr die Nachgeborenen auch nach L\u00e9vys Portr\u00e4t r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Jenseits des Kanals sieht ein linkes Denkerleben anders aus. Der britische Historiker, unersch\u00fctterlicher Marxist und Jazzliebhaber, hat seine Autobiographie als &#132;B-Seite&#8220; (Hobsbawm) seines Weltbestsellers \u00fcber das 20. Jahrhundert <i>Das Zeitalter der Extreme <\/i>(M\u00fcnchen 1995) verfasst:<\/p>\n<p><i>Eric Hobsbawm<\/i>: Gef\u00e4hrliche Zeiten. Ein Leben im 20. Jahrhundert, Hanser: M\u00fcnchen 2003, 499 S., ISBN 3-446-20357-3; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Seine beeindruckende Karriere &#8211; er ist international erfolgreich wie nur wenige andere Historiker &#8211; l\u00e4sst sich vielleicht auf eine spezielle L\u00f6sung des Theorie-Praxis-Problems zur\u00fcckf\u00fchren: In der Praxis des Historikers gen\u00fcgt Hobsbawm den Anspr\u00fcchen wissenschaftlicher Solidit\u00e4t, betreibt eher stilistisch ansprechende Sozialgeschichte denn die orthodoxe marxistische &#132;Methode&#8220;, auf Produktivkr\u00e4fte und Produktionsverh\u00e4ltnisse zu starren, bis jeweils die Revolution auftaucht. In der Theorie seines privaten und \u00f6ffentlichen Lebens dagegen bleibt er f\u00fcnfzig Jahre lang Mitglied der britischen KP. Er ist ein Kind der Zwischenkriegszeit, das in Wien seine Kindheit verbrachte und von 1931 bis 1933 in Berlin lebte, was ihn zum jungen Kommunisten formte. Seine Studienjahre sp\u00e4ter in England machten aus ihm den Wissenschaftler; sein politisches Engagement der sp\u00e4teren Jahre lebte sich, jenseits der Partei, haupts\u00e4chlich auf Kongressen<\/p>\n<p>in aller Welt aus. Hobsbawm schildert ein umtriebiges Gelehrtenleben, dessen Resonanz in der b\u00fcrgerlichen Welt von Buch zu Buch wuchs. Trotzdem m\u00f6chte er seinen politischen Leidenschaften nicht abschw\u00f6ren &#8211; vielleicht blieb seine revolution\u00e4re Seite \u00fcber die Jahrzehnte hinweg zu theoretisch und er zu britisch-gesittet, um das f\u00fcr n\u00f6tig zu halten.<\/p>\n<p>Deutschland hat nach 1945 drei Intellektuelle von internationaler Ausstrahlungskraft hervorgebracht, auf deren Worte man noch heute jederzeit in der Presse aller L\u00e4nder sto\u00dfen kann: G\u00fcnter Grass, J\u00fcrgen Habermas und Ralf Dahrendorf. Alle drei sind immer noch mit Interventionen zur Stelle, wenn es darum geht, Bekenntnisse in \u00f6ffentlichen Angelegenheiten abzulegen; Erm\u00fcdungserscheinungen sind nicht erkennbar. Doch unvermeidlich m\u00fcssen auch sie allm\u00e4hlich ihrer Historisierung zuschauen, zusammen mit der ihrer anderen Altersgenossen aus der sogenannten &#132;45er&#8220;-Generation.<\/p>\n<p>Der Journalist und ehemalige <i>Stern<\/i>-Chefredakteur Michael J\u00fcrgs hat sich an einer Biographie von G\u00fcnter Grass versucht (wie zuvor an Romy Schneider, Axel Springer und dem Tenor Richard Tauber). Gest\u00fctzt auf &#8222;intensive Gespr\u00e4che&#8220; mit ihm und Menschen seines Umfelds, schrieb er ein Buch \u00fcber die &#132;Geschichte des Schriftstellers und Verfassungspatrioten, des Vaters und Gro\u00dfvaters, des Mannes, der die Frauen liebte&#8220;. So steht es im Klappentext und so liest sich das Buch dann auch:<\/p>\n<p><i>Michael J\u00fcrgs<\/i>: B\u00fcrger Grass. Biografie eines deutschen Dichters, C. Bertelsmann: M\u00fcnchen 2002, 447 S., ISBN 3-570-00576-3; 24,90 Euro<\/p>\n<p>Der Autor verfolgt die Karriere von Grass &#132;wie die aktive Laufbahn eines Sportlers&#8220; (J\u00fcrgen Busche in der <i>taz<\/i>); immerfort wird gek\u00e4mpft und triumphiert. Die bewundernde, keinerlei Abstand wahrende Sprache macht die Lekt\u00fcre schwer ertr\u00e4glich; hierhin und dorthin wird gesprungen, was die Bew\u00e4ltigung der -immerhin &#8211; vertratschten Faktenf\u00fclle nicht erleichtert. Von subtiler Auseinandersetzung mit dem Werk des &#132;wundersamen Romanverf\u00fchrers&#8220; (J\u00fcrgs) kann ohnehin keine Rede sein. Aber es soll ja auch vor allem um den B\u00fcrger gehen, wie schon der Titel verhei\u00dft. Tats\u00e4chlich ist J\u00fcrgs jenseits der \u00e4sthetischen Gefilde eher auf seinem Terrain. Die Jahre des ewigen Wahlk\u00e4mpfers f\u00fcr die SPD in der Brandt-\u00c4ra bis zum notorischen Mahner, der &#132;andere mit seiner Meinung st\u00f6rt&#8220; (<i>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/i>), erscheinen bei J\u00fcrgs wie ein einziges Dauerengagement: Grass wusste, &#132;wie man Reden schreiben musste und worauf es ankam, damit sie ankamen&#8220; &#8211; das wei\u00df immerhin sein Biograph. So neugierig man in ihr st\u00f6bert und so penetrant man ihren Gegenstand vielleicht finden mag: Diese Biographie entspricht nicht dem Rang des Literaturnobelpreistr\u00e4gers, dessen 100.000 Briefseiten und 70.000 Manuskriptseiten im Archiv der Berliner Akademie der K\u00fcnste wohl noch einige Zeit auf eine \u00fcberzeugende Deutung warten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wenn G\u00fcnter Grass sich auch gegenw\u00e4rtig f\u00fcr Rot-Gr\u00fcn in die Bresche wirft (&#132;Ich bewundere Gerhard Schr\u00f6der f\u00fcr seine Standhaftigkeit bei den notwendigen Reformen der Agenda 2010&#8243;), so \u00e4hnelt er darin der Verk\u00f6rperung deutschen kritischen Denkens nach 1945: Auch J\u00fcrgen Habermas erkl\u00e4rte 1998 dem Publikum im Willy-Brandt-Haus, warum es ganz gut w\u00e4re, Gerhard Schr\u00f6der zu w\u00e4hlen. Und ein Jahr sp\u00e4ter wachte Habermas w\u00e4hrend der Lufteins\u00e4tze im Kosovo-Krieg ohne UN-Mandat als intellektueller Abfangj\u00e4ger f\u00fcr Rot-Gr\u00fcn \u00fcber die Front, was vom Verfasser der j\u00fcngst rechtzeitig zum 75. Geburtstag des Philosophen erschienenen<i> rowohlt monographie <\/i>\u00fcbergangen wird:<\/p>\n<p><i>Rolf Wiggershaus<\/i>: J\u00fcrgen Habermas, Rowohlt Taschenbuch: Reinbek 2004, 155 S., ISBN 3-499-50644-0; 8,50 Euro<\/p>\n<p>In der bew\u00e4hrten Manier dieser Reihe bietet der Autor einen gelungenen, von Sympathie getragenen \u00dcberblick \u00fcber das Schaffen des Philosophen und Soziologen; dar\u00fcber kommt der Intellektuelle und B\u00fcrger Habermas, dem begrenzten Raum dieser Buchreihe geschuldet, ein wenig zu kurz. Wor\u00fcber man gro\u00dfz\u00fcgig hinwegsehen k\u00f6nnte, entpuppte es sich nicht als Zentralproblem, wenn es um das Werk von J\u00fcrgen Habermas geht. Der zuerst nationale, sp\u00e4ter weltweite Erfolg seiner Theorien beruhte ganz wesentlich auf seiner \u00f6ffentlichen Rolle. Seiner Forderung an jeden seiner Interpreten, diese unterschiedlichen Funktionen nicht &#132;durcheinander zur\u00fchren&#8220; (Habermas), wird kaum ein seri\u00f6ser Biograph k\u00fcnftig entsprechen k\u00f6nnen. Leider ist bei Wiggershaus zuwenig von den Kehren des Denkers die Rede; in dessen Werdegang scheinen alle Fragen systematisch nacheinander gestellt und dann in der Folge logisch beantwortet worden zu sein. ,Kritische Theorie als Probleml\u00f6sungsrezeptur im Geiste Poppers?`, m\u00f6chte man ironisch fragen.<\/p>\n<p>Einen &#132;theoretisch anspruchsvollen, sozialwissenschaftlich informierten politischen Schriftsteller&#8220;: So hatte Habermas einst mit Sinn f\u00fcr die Nuance in einer Laudatio zum Sigmund-Freud-Preis f\u00fcr wissenschaftliche Prosa seinen Jahrgangsgenossen Ralf Dahrendorf gekennzeichnet. Lord Dahrendorf, seit 1974 in England lehrend, hat nun seine &#132;Grabrede auf mich selbst&#8220; (David Hume) verfasst:<\/p>\n<p><i>Ralf Dahrendorf<\/i>: \u00dcber Grenzen. Lebenserinnerungen, C.H.Beck: M\u00fcnchen 2002, 189 S., ISBN 3-406-49338-6; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Wie die Wissenschaft ist auch die Autobiographie im wesentlichen eine Stilfrage. Einen herk\u00f6mmlichen Text \u00fcber sich hatte Dahrendorf geschrieben, ihn aber dann nicht ver\u00f6ffentlichen wollen, sondern noch einmal von vorne angefangen: Es sind<i> Patchwork<\/i>-Erinnerungen geworden, 22 meisterliche Vignetten seiner selbst, die nichtlinear erz\u00e4hlend wie ein Kaleidoskop die zahlreichen Leben des Grenzg\u00e4ngers zeigen. &#8222;Er war brillant &#8211; und er wu\u00dfte es&#8220;, so hatte ihn Habermas als 25j\u00e4hriger kennengelernt. Einiges an Eitelkeit findet sich auch in dem schmalen, geistvoll inszenierten und inszenierenden Band. Grund hierf\u00fcr hat Dahrendorf allemal, im Alter von 29 Jahren Professor in Hamburg, der seine mit noch nicht 23 abgeschlossene Dissertation in der Buchfassung eben mal <i>Marx<\/i> <i>in Perspektive <\/i>genannt hatte und bei Adorno und Horkheimer nach einem Monat am Institut f\u00fcr Sozialforschung gek\u00fcndigt hatte. Es liegt am auf Kindheit und die Jahre bis zum 29. Geburtstag konzentrierten Fokus seiner Erinnerungen, dass sein sp\u00e4teres Wirken nur partiell in den Blick kommt: der liberale Politiker, der 1968 mit Dutschke am Rande des FDP-Parteitags in Freiburg diskutiert, der Staatssekret\u00e4r im Au\u00dfenamt unter Walter Scheel, der EG-Kommissar, der liberale Theoretiker, der das &#132;Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts&#8220; ausrief. Unruhe, Unstetheit, vielleicht auch Unkonzentriertheit kennzeichnen Dahrendorf &#8211; was bei vielen nur Schw\u00e4che w\u00e4re, wurde bei ihm auch zur St\u00e4rke: ein zwar wenig systematischer, aber daf\u00fcr kreativer, anregender Geist.<\/p>\n<p>Am 26. Oktober 1962 abends begann das Ereignis, das man als die intellektuelle Gr\u00fcndung der Bundesrepublik bezeichnen k\u00f6nnte: die <i>Spiegel<\/i>-Aff\u00e4re, die von Zeitgenossen mit der DreyfusAff\u00e4re verglichen wurde. Nach der Durchsuchung der Hamburger Redaktion und der Inhaftierung von Rudolf Augstein setzte eine bis dahin nicht erlebte Solidarisierungswelle ein; es formierte sich eine kritische \u00d6ffentlichkeit. In einem Buch, das auf einer Bielefelder Magisterarbeit beruht, wird nun dieses Ereignis rekonstruiert und theoretisch mit Hilfe von Kategorien der Intellektuellensoziologie sorgf\u00e4ltig interpretiert:<\/p>\n<p><i>Dorothee Liehr<\/i>: Von der Aktion gegen den Spiegel zur Spiegel-Aff\u00e4re. Zur gesellschafts-politischen Rolle der Intellektuellen, Peter Lang: Frankfurt\/Main u.a. 2002, 209 S., ISBN 3-631-39964-2; 35,30 Euro<\/p>\n<p>Schriftstellerresolutionen und Professorenpetitionen k\u00e4mpften f\u00fcr Augstein, konservative Kollegen wie Sebastian Haffner konvertierten und schrieben nicht mehr f\u00fcr Springer, sondern f\u00fcr den <i>Stern<\/i> und <i>Konkret<\/i>. Ein pl\u00f6tzlicher Umbruch erfasste das Land. Martin Walser lieferte ein Protestgedicht.; Bazon Brock schrieban Franz-Josef Strauss offene Briefe; Grass, Enzensberger, Bachmann, Johnson, Unseld telegrafierten von der Tagung der <i>Gruppe 47<\/i>, die gleichzeitig zu den Ereignissen in Hamburg stattfand, solidarische Gr\u00fc\u00dfe. Die geistige Landschaft der Bundesrepublik war nach allen Podiumsdiskussionen, Protestversammlungen und Fernsehstreitgespr\u00e4chen dieser Wochen eine andere als zuvor.<\/p>\n<p>Doch stand der westdeutsche Geist seither immer links? Freund und Feind hatten lange Zeit den ideellen und intellektuellen Siegeszug der Kritischen Theorie und die \u00f6ffentliche Resonanz linksliberaler Schriftsteller entsprechend gedeutet. Dar\u00fcber wurden liberale und konservative Intellektuelle in ihrer Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung der Bundesrepublik bisher zu Unrecht vernachl\u00e4ssigt (vgl. Hacke 2001). Allm\u00e4hlich beginnt sich das nun zu \u00e4ndern. Werk und Wirken des konservativen Historikers Golo Mann beispielsweise ist j\u00fcngst zum Gegenstand einer umfangreichen Biographie geworden:<\/p>\n<p><i>Urs Bitterli<\/i>: Golo Mann. Instanz und Au\u00dfenseiter. Eine Biographie, Kindler; Berlin 2004, 708 S., ISBN 3-463-40406-5; 29,90 Euro<\/p>\n<p>Der Schweizer Verfasser des Buches, bis zum Jahr 2001 Geschichtsprofessor an der Univer-sit\u00e4t Z\u00fcrich, st\u00fctzt sich auf den Nachlass Manns, den er extensiv ausgewertet hat &#8211; keinen Brief, keine Tagebuchnotiz, keinen Aufsatz aus der un\u00fcbersehbaren Produktion Golo Manns scheint er ausgelassen zu haben. Viele Teile dieser systematisch angelegten Biographie werden deshalb von Textparaphrasen dominiert, was die Lesbarkeit oftmals st\u00f6rt. Mit 120 Seiten ist das Kapitel \u00fcber den politischen Publizisten vielleicht zurecht das umfangreichste. Und hier tritt uns ein schillernder Vielschreiber entgegen, der von der Illustrierten <i>Quick<\/i> \u00fcber die <i>Welt <\/i>bis zur <i>Zeit <\/i>alle mit Artikeln best\u00fcckt, die solche von ihm haben wollen &#8211; und dar\u00fcber ungl\u00fccklicherweise am Ende keine Zeit mehr findet, seine <i>Erinnerungen <\/i>zu vollenden. Seit den 1950er Jahren begleitete Mann den Werdegang der Bundesrepublik, offenbar befreit durch den Tod seines Vaters. Engagiert im <i>Congress for Cultural Freedom<\/i>, gab er fr\u00fch Willy Brandts Ostpolitik publizistische R\u00fcckendeckung. Er verfasste Redeentw\u00fcrfe f\u00fcr den Kanzler Brandt, schickte ihm bei Gefahr im Verzug auch schon mal Telegramme ins Kanzleramt, auf franz\u00f6sisch, naiverweise in der Annahme, seine Mahnungen so vor Mitlesern im Amt zu sch\u00fctzen. Fragen der internationalen Politik trieben Mann immer wieder uni. Er war bei internen Gespr\u00e4chsrunden des Kanzlers mit Intellektuellen wie B\u00f6ll und Grass dabei: &#132;Ich h\u00e4tte ihm fr\u00fcher etwas helfen sollen; muss es von jetzt ab&#8220;, hei\u00dft es nicht ohne Hybris im Tagebuch. Der Bruch kam allm\u00e4hlich, aber umso heftiger: Hatte er schon fr\u00fcher scharf die Studentenbewegung kritisiert, machte ihm nun die St\u00e4rke der sozialdemokratischen Linken um das &#132;Fr\u00e4ulein Dr. Wieczorek&#8220; Sorgen; pl\u00f6tzlich polemisierte er auch gegen die zu weitgegangene Ostpolitik. Golo Manns irrlichternder politischer Weg f\u00fchrte von nun an weit nach rechts, nicht zuletzt unter dem Eindruck des RAF-Terrorismus: Franz-Josef Strauss wurde sein Held, dem er in peinlichen Elogen im Wahlkampf 1980 als Staatsmann huldigte, u.a. im M\u00e4nnermagazin <i>Penthouse<\/i>. In seinen Scharm\u00fctzeln mit dem Zeitgeist, die er zeitlebens ausfocht (man lese die Passagen \u00fcber seine K\u00e4mpfe mit Adorno und Horkheimer sowie seine \u00e4tzende Kritik am Jargon von Habermas), bleibt er im Grunde immer reaktiv; auch insofern kann man in Golo Mann die Verk\u00f6rperung des konservativen Intellektuellen nach 1945 sehen. Was das hie\u00df, wusste er schon 1947: &#132;Ich bin auch wirklich ein Intellektueller [&#8230;]; das hei\u00dft, ich weiss, dass Gott gewisse Aufgaben an mich gestellt hat, die ich erf\u00fcllen muss, wenn ich nicht als unerl\u00f6ster Geist umgehen soll, in diesem und jenem Leben&#8220;. Die Rastlosigkeit war damit vorgezeichnet. Doch ob sein Geist erl\u00f6st wurde, mag man bezweifeln.<\/p>\n<p>In den Erinnerungen einer anderen Zentralgestalt deutscher B\u00fcrgerlichkeit nach 1945 bekommt Golo Mann jedenfalls einen Platz von Bedeutung zugewiesen, in Form eines brillanten Psychogramms. Joachim Fest, lange Jahre Mitherausgeber der <i>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/i> und Verfasser vieler Studien zur Geschichte des Nationalsozialismus, hat eine Portr\u00e4tgalerie in Form von Erinnerungen an Weggef\u00e4hrten ver\u00f6ffentlicht, in gewohnt eleganter Manier:<\/p>\n<p><i>Joachim Fest<\/i>: Begegnungen. \u00dcber nahe und ferne Freunde, Rowohlt: Reinbek 2004, 352 S., ISBN 3-498-02088-9; 19,90 Euro<\/p>\n<p>Anhand seiner Gespr\u00e4chsnotizen, die sich Fest unregelm\u00e4\u00dfig gemacht hatte und aus denen er oft zitiert, l\u00e4sst er sie alle in durchaus \u00fcberraschenden Konstellationen noch einmal Revue passieren: einsame Spazierg\u00e4nge mit Ulrike Meinhof, begleitet von Wind und heftigen Debatten \u00fcber die Gewaltfrage; Sebastian Haffner, \u00fcber den er in England 1950 h\u00f6rt, er sei die bedeutendste zeitgen\u00f6ssische Pers\u00f6nlichkeit neben Churchill und de Gaulle; den konservativen Publizisten und Aphoristiker Johannes Gro\u00df, der antiintellektuell austeilen konnte: &#132;Die politische Prosa von G\u00fcnter Grass ist den Erz\u00e4hlungen von Rainer Barzel ebenb\u00fcrtig&#8220;; Hannah Arendt, deren bekannte Liebesgeschichte mit Heidegger Fest hier unangenehm voyeuristisch ausbreitet; Dolf Sternberger, der Adorno &#132;ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck&#8220;, einen &#132;Drogisten&#8220; mit &#132;Giftschrank&#8220; nannte; Wolf Jobst Siedler, Journalist und Verleger, mit dem Fest eine verbl\u00fcffende Interessengleichheit verband. Die Gr\u00fcnde, weshalb in Westdeutschland nach 1945 das B\u00fcrgertum nicht wie in der Weimarer Republik zum Gegner der Demokratie wurde, lassen sich am Beispiel Fest studieren &#8211; und vielleicht am besten anhand der Ver\u00e4nderungen in den \u00e4sthetischen Pr\u00e4missen beschreiben: F\u00fcr den B\u00fcrger waren Gottfried Benn und Thomas Mann keine einander ausschlie\u00dfenden Alternativen mehr wie noch Jahrzehnte zuvor. Sondern er konnte sie, wie Wolf Jobst Siedler, beide parallel zu seinen Hausg\u00f6ttern machen. Das (Selbst-)Bild des konservativen Intellektuellen der Bundesrepublik allerdings, das Fest entwirft, ist aufs Ganze gesehen sicher gesch\u00f6nt: als &#132;partisan of sinking ships&#8220; (Lord Acton) u.a. mit &#132;Nonkonformismus&#8220; und einer &#132;Prise Ironie&#8220; ausgestattet. Zu sp\u00fcrbar sind die unterschwelligen Aggressionen gegen die Linke und Verletzungen durch die ideologischen K\u00e4mpfe, stilvoll maskiert.<\/p>\n<p>Und die Zukunft der engagierten Geister? Die <i>Neue Z\u00fcrcher Zeitung <\/i>ver\u00f6ffentlichte vor einiger Zeit eine Artikelserie, in der sich bedeutende Intellektuelle der Gegenwart Gedanken \u00fcber sich selbst machten: \u00fcber die k\u00fcnftigen Bedingungen der M\u00f6glichkeit intellektuellen Engagements. Dahrendorf, die Philosophen Michael Walzer und Axel Honneth, die Soziologen Sighard Neckel, Dirk Baecker, Heinz Bude und Wolfgang Sofsky, der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht und der britische Publizist Jan Buruma und viele andere beteiligten sich an der geistreichen Debatte. In einem Taschenbuch finden sich die Beitr\u00e4ge wieder, leider ohne Nachweise des Erstdrucks:<\/p>\n<p><i>Uwe Justus Wenzel <\/i>(Hg.): Der kritische Blick. \u00dcber intellektuelle T\u00e4tigkeiten und Tugenden, Fischer Taschenbuch: Frankfurt\/Main 2002, 188 S., ISBN 3-596-15332-8; 12,90 Euro<\/p>\n<p>Der Soziologe als Prophet: Heinz Bude beschreibt den kommenden (und bereits sichtbaren) Personalaustausch in den intellektuellen Debatten. Mediziner und Biologen w\u00fcrden diese k\u00fcnftig dominieren; &#132;Gesellschaft&#8220; d\u00fcrfte als Bezugsgr\u00f6\u00dfe hinter dem &#132;Leben&#8220; zur\u00fccktreten, der Kritiker durch den Definierer abgel\u00f6st werden. Wie ein roter Faden zieht sich durch dieses sicher interessanteste Buch zum Thema die klassische Frage nach dem korrekten Rollenverhalten der Intellektuellen: Sollen sie dem Princeton-Philosophen Walzer folgen und als <i>connected critic<\/i> durch spezielle Tugenden in die Gesellschaft eingebunden agieren? Oder sollen sie auf seinen deutschen Kollegen Honneth h\u00f6ren, der den Intellektuellen ganz im Ge-genteil ein &#132;inneres Ausland&#8220;-Gef\u00fchl w\u00fcnscht, jenen Abstand also, der Diagnose und Kritik erst m\u00f6glich macht? Wom\u00f6glich ebenfalls eine Stilfrage.<\/p>\n<p>Prognosen \u00fcber das k\u00fcnftige Rollenspiel sind riskant. Andere intervenierende Gespenster werden vielleicht die klassischen engagierten Geister noch weiter verdr\u00e4ngen. Es wird zu neuen Mischungsverh\u00e4ltnissen kommen, in denen der Intellektuelle aber erkennbar bleiben wird, wie seit Jahrhunderten. Vielleicht t\u00e4te es den engagierten Geistern auch ganz einfach gut, eine Zeitlang nur &#132;kritische Seismographie&#8220; zu treiben, so wie es Karl Heinz Bohrer im zuletzt erw\u00e4hnten Band vorschlug &#8211; um sich dann, nach Ressourcenverst\u00e4rkung und erneutem Phasenwechsel, wieder ins Get\u00fcmmel zu st\u00fcrzen. Dieser &#132;Einsamkeitslehre&#8220; (Bohrer) zwecks Sch\u00e4rfung des kritischen Arsenals folgte schon einmal jemand h\u00f6chst erfolgreich: Petrarca in seinem einsamen Refugium in Vaucluse.<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<p><i>Beilecke, Fran\u00e7ois <\/i>2001: &#132;Der Intellektuelle ist tot, es lebe der Intellektuelle?&#8220; Anmerkungen zur neueren franz\u00f6sischen Intellektuellenforschung; in: <i>vorg\u00e4nge<\/i> 156 (Heft 4, Dezember) &#132;Intellektuelle ohne Macht?&#8220;, S. 41-49<\/p>\n<p><i>Hacke, Jens<\/i> 2001: Skepsis und Kompensation. R\u00fcckblick auf eine liberalkonservative Intellektuellengeneration in der Bundesrepublik; in: <i>vorg\u00e4nge <\/i>156 (Heft 4, Dezember) &#132;Intellektuelle ohne Macht?&#8220;, S. 18-27<\/p>\n","protected":false},"featured_media":0,"template":"","categories":[],"tags":[667],"autoren":[589],"publikationen":[1086],"class_list":["post-12010","publikation","type-publikation","status-publish","hentry","tag-vorgaenge-artikel","autoren-alexander-cammann","publikationen-167-vorgaenge"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Engagierte Geister - Humanistische Union<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.humanistische-union.de\/publikationen\/vorgaenge\/167-vorgaenge\/publikation\/engagierte-geister\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Engagierte Geister - 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